Überlebenstraining in Ägypten

Eigentlich wollte ich ja gar nicht weg. Zuhause hat der Mensch doch alles, was er braucht. Eine warme Heizung, viele gute Restaurants, nette Freunde, ein eigenes Auto, schnelles WLAN, einen großen Flatscreen und immer die passende Kleidung.

Eigentlich die besten Voraussetzungen, Weihnachten 2014 in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Allein. Mit dem Flatscreen. Nach drei Tagen war ich dann soweit, nach Last-Minute-Angeboten zu suchen. Bei Thomas Cook wurde ich fündig: Eine Woche Hurghada in einer Vier Sterne-Anlage, all inklusive, für nur 654.- Euro. Vom 1. bis 8. Januar 2015. Eine Öger-Reise von Condor oder so ähnlich. Irgendwie sind die ja inzwischen alle miteinander verbrüdert, die Neckermänner und Bucher-Reisen eingeschlossen. Laut Wetterbericht sind es im Januar in Hurghada 25 Grad am Tag und 14 Grad in der Nacht. Wie sich zeigen sollte, muss man diese Werte halbieren.

Aber der Reihe nach. Als Bezahlart wählte ich „SEPA-Überweisung“, weil das ja in Europa ab sofort das Zahlungsmittel der Wahl sein sollte. Leider hatte das ein paar Nachteile, die meinen Urlaub fast noch in Frage gestellt hätten. Ich erhielt zwar eine Bestätigung über die Buchung der Reise, wurde aber gleichzeitig darauf hingewiesen, dass die Reisekosten erst am 5. Januar von meinem Konto abgebucht würden. Da wähnte ich mich aber schon lange am Strand. Da ohne Zahlung aber kein Abflug erfolgen könne, gab es da ein kleines logistisches Problem. Darauf angesprochen, beruhigte mich „Last minute.de“ (wo ich gebucht hatte), dass schon alles in Ordnung wäre. In der Reisebestätigung, die von ÖGER kam, fehlten dann aber prompt die Flugscheine und der Hotelgutschein, da ich ja noch nicht bezahlt hätte. Also wieder angerufen, wieder gemailt, wieder vertröstet worden. Irgendwie haben die das logistisch noch nicht im Griff, Zahlungen per SEPA abzulehnen, wenn der Reisetermin bereits vor dem Abbuchungstermin liegt. Am Tag vor dem Abflug kam dann eine neue Reisebestätigung, diesmal mit den Flug- und Hotelgutscheinen. Allerdings stand auch hier wieder im Text, dass die Reise noch nicht bezahlt sei und ich nur fliegen könne, wenn ich eine Überweisungsbestätigung vorweisen könne. Erneute Rückfrage. „Das steht nur so da, das hat bei Ihnen keine Bedeutung“, bedeutete man mir, langsam genervt. „Warum schreiben Sie es dann?“ – „Das ist halt so, das geht alles automatisch.“ Moderne EDV eben. Es klappte dann alles problemlos. Zumindest was den Flug anging.

Der Abflug verzögerte sich etwa eine halbe Stunde, weil die Maschine noch nicht fertig war. Wir saßen direkt neben der 737-300 im Zubringerbus und schauten zu, wie die Abdeckungen der Triebwerke entfernt wurden und die Maschine so langsam flugfertig gemacht wurde.

Der Flug selbst startete morgens um kurz nach elf und dauerte vier Stunden und zehn Minuten. Zu essen gab es genau ein Pumpernickel-Käse-Sandwich. Zu trinken zwei kleine Becher Wasser. Kurz vor der Landung spendierte Condor den Passagieren ein Glas Sekt, weil es ja Neujahr war. Ich habe dankend verzichtet, weil mir die Silvesterparty vom Vorabend noch ein wenig in den Gliedern steckte.

Bei Condor lässt´s sich prächtig speisen

Nach der Landung war es dann vorbei mit der deutschen Pünktlichkeit. Zunächst wurden wir – nach Reiseunternehmen getrennt – zu einem Schalter geführt, an dem jeder 26.- Euro für ein Touristenvisum zahlen musste (2012 hatte das noch 15 Dollar gekostet!). Dann eine weitere, ewig lange Schlange an der Passkontrolle. Von den 12 Stationen waren nur vier besetzt, was zu einer Wartezeit von ca. 40 Minuten führte. Bis wir dann endlich von einem Zubringerbus zu den Hotels gefahren wurden, waren schon wieder 1,5 Stunden vergangen. Der Bus fuhr zick-zack durch Hurghada und setzte mich als Vorletzten vor dem Smartline Colour Beach-Hotel ab. Mein Koffer wurde auf dem Dach des Kleinbusses transportiert und war bereits sehr sandig, denn ein unangenehmer, eiskalter Wind mit feinem Sand fegte durch die Straßen.

 
Weihnachten auf Ägyptisch

Das Empfangsgebäude des „Smartline“ war winzig. Es enthielt die Rezeption, eine kleine Bar mit etwa 20 Sitzplätzen (alle völlig durchgesessen!) und eine Toilette. Meinen Koffer stellte man vor der Tür ab („…da passiert nix!“) und bat mich, erst einmal etwas essen zu gehen. Das wollte ich gerne, aber das direkt neben der Lobby liegende Restaurant war leider bis auf den letzten Platz besetzt. Es war halt nicht sonderlich groß. In den beiden angebauten Zelten im Freien waren zwar noch Plätze frei, aber hier hatte der Wind das Sagen, so dass ich wieder zurück an die Rezeption ging, um mir erst mal mein Zimmer anzusehen. Und da gab es dann doch Probleme. Ich hatte zwar den Voucher, also den Hotelgutschein, war aber dort nicht als Gast angemeldet. Kein Wunder, ich hatte ja auch laut System noch immer nicht bezahlt. Es dauerte weitere zwanzig Minuten und einige Telefonate, bis ich endlich ein Zimmer zugeteilt bekam. Mein Koffer war tatsächlich noch nicht geklaut worden, so dass mich Ashrad, der Kofferjunge, für zwei Euro Trinkgeld zu meinem Domizil begleitete. Hinter dem Empfangsgebäude begann erst die eigentliche Anlage, die aus insgesamt sechzehn Gebäuden bestand.

 
Lageplan der Anlage. Der blaue Kreis ist die Lobby. Das runde Ding rechts daneben ist der abendliche Veranstaltungsraum. Mein Apartment liegt etwa zwei Zentimeter nord-westlich von dem blauen Kreis in einem der vier Blocks.

Die vier Gebäude, die zum „Smartline“ gehörten, waren dreistöckig und beinhalteten 45 Apartments pro Block. Die anderen 12 Bauten gehörten zum Hotel „Festival“, das sich mit dem „SMARTLINE“ denselben Eingang teilte, ansonsten aber völlig unabhängig war. Na ja, nicht ganz, aber das erfuhr ich erst später. Die Zimmer waren recht ordentlich. Offenbar hatte man die Räume erst kürzlich neu angestrichen, was man an den Übergängen zu den Fußböden gut sehen konnte, weil dort so mancher Pinselstrich daneben ging. Leider hatte man vor dem Streichen die alte Farbe nicht entfernt, sodass an vielen Stellen die neue und die alte Farbe gemeinsam abblätterten. Ein 19-Zoll AKAI-Röhrenfernseher empfing immerhin 16 Programme, darunter auch drei deutsche. Ein Tresor fehlte leider, was hinsichtlich meines elektronischen Fuhrparks recht problematisch war. WLAN ging blöderweise auch nicht, was mich zu einem weiteren Gang an die Rezeption veranlasste. Der einzige Mitarbeiter war völlig überfordert. Erst nach 20 Minuten hatte er ein wenig Zeit für mich. Er hatte meinen Namen falsch in den Computer geschrieben. Da das Passwort aus dem Nachnamen des Gastes bestand, konnte ich nicht ins Netz kommen, das zwar einen hervorragenden Empfang signalisierte, aber ansonsten lahm wie ein Modem aus der guten alten Zeit war. Nachdem ich auch dies überstanden hatte, konnte ich endlich meine E-Mails checken, die am 1. Januar naturgemäß nur aus den üblichen Fishingmails bestanden („Ihr PayPal-konnto wurden gesperrt“ – „1000 Dollar gescenkt für Kasino-besuch!“). Leider klappte das mit den Mails nur in eine Richtung. Versenden konnte ich nichts, da die Maileinstellungen des iPads falsch eingestellt waren. Bis ich das geregelt hatte, war ich am Verhungern.

Blick aus dem Balkon auf den Pool und das dahinter liegende Meer.

Inzwischen waren ein paar Plätze frei geworden und ich suchte mir ein paar leckere Dinge aus: Hähnchen, Gemüse und Reis. Dazu ein Glas Weißwein. Wenn das Essen so warm gewesen wäre wie der Wein, hätte es ein schöner Abend werden können. Aber dieses Problem ließ sich die ganze Woche nicht aus der Welt schaffen: Das Essen war genau so lauwarm wie der Wein. So verzog ich mich wieder in die kleine Lobby-Bar nebenan und las in irgendeinem Buch weiter, das ich schon zu Hause begonnen hatte. (Wenn ich sage, „ich las in einem Buch“, meine ich natürlich, dass ich das Buch im iPad gelesen habe. „Echte“ Bücher schleppe ich schon lange nicht mehr mit mir rum.) Um halb zehn sollte in der Rezeption des Nachbarhotels „Festival“ eine „tolle“ Animation stattfinden. Nachdem ich mir den Raum und die Leute angeschaut hatte, bin ich wieder zurück in die Bar und habe das Buch fertig gelesen, den einen oder anderen warmen Wein dazu schlürfend.

Die Leute. Was waren da im „Festival“ für Leute? Tja, was soll ich sagen? Vielleicht, dass es ganz so aussieht, als wäre Ägypten inzwischen auch von Russland annektiert worden? Kein Geschäft ohne russische Leuchtreklame, kein Ägypter ohne feinste russische Sprachkenntnisse, kein Tisch ohne deutlich slawische Gesichtszüge. Deutsch sprechen auch noch die meisten, aber bei Englisch sieht es schon mau aus. Und mit Arabisch tun sich die Gäste in der Regel schwer. Ich saß inzwischen an einem Tisch mit einer nett aussehenden Dame mittleren Alters, die alle zwei Minuten ihr Galaxy-Handy auf Nachrichten überprüfte und ansonsten in einem Buch las. Ab und zu musste sie mal auf die Toilette und bat mich, solange auf ihre Sachen aufzupassen. Auf Russisch natürlich. Ich habe es aber dennoch verstanden. Als ich mit meinem Buch durch war, bin ich auf mein Zimmer gegangen. Die Uhrzeit ist um eine Stunde gegenüber Deutschland verschoben. Um Mitternacht, also 23.00 Uhr deutscher Zeit, begann ich – nach einigen Comedy-Folgen auf „Comedy Central“ – die Nachtruhe. Das Bett war ziemlich hart und daher ideal für meinen Rücken. Ich bin trotz meines eiskalten Zimmers irgendwann eingeschlafen. Die Nachtruhe wurde zwar durch ein paar nächtliche Feuerwerke und den pfeifenden Wind des Öfteren unterbrochen, aber das war mir irgendwann egal.

Blick auf den beheizten Pool.

Frühstück gab es bis zehn Uhr. Ich hatte mir leichtsinnigerweise kurze Hosen und ein Poloshirt angezogen. Auf dem Weg zum Restaurant wurde ich von Sturmböen der Windstärke zehn fast umgerissen. Gefühlt waren es ca. 2 Grad plus. Im Restaurant waren inzwischen wieder viele Plätze frei, sodass ich gemütlich frühstücken konnte. Ich hatte mir ein Omelette braten lassen und dazu einen Kaffee getrunken. Danach kämpfte ich mich bei starkem Gegenwind wieder zurück in mein Zimmer und zog mich winterfertig um. Es wurde Zeit, das Gelände zu erkunden. Und das war ja riesengroß. Schätzungsweise einen Quadratkilometer groß. Die Gartenanlage war sehr schön angelegt, und der Pool lag einsam und verlassen direkt vor dem großzügigen Strand. Es gab eine Bühne, eine weitere Bar und viele Sitz- und Liegeplätze. Was es nicht gab, war Sonne. Trotzdem lagen ein paar Unverbesserliche im Badezeug auf den Liegen und saugten jeden einzelnen Sonnenstrahl auf, der ab und zu durch die Wolkendeckte blickte. Nun gut, wer aus Sibirien kommt, könnte so ein Wetter himmlisch finden. Ich drehte eine große Runde, wurde mehrmals aufgefordert, mir eine Massage zu gönnen (was ich todsicher vermeiden werde!) und landete schließlich wieder in der Bar an der Rezeption, wo ich einen weiteren Kaffee einnahm, der sehr lecker schmeckte. Es war viertel vor zwölf, und der Tag hatte quasi erst angefangen. Am Nachbartisch saßen ein paar Deutsche mit sächsischem Idiom und verdrückten ein paar Gläser Bier. Mit an meinem Tisch saß ein älteres amerikanisches Paar, die beide ununterbrochen auf ihrem Handy rumtippten. Ich beschloss, ein neues Buch anzufangen.

Rolf Dobellis „Kunst des klugen Handelns“ hatte ich zwar schon mal gelesen, aber angesichts der wenigen Optionen, die ich hier hatte, war es sicher eine kluge Handlung, dieses Buch nochmals durchzulesen. Unterbrochen durch zwei Speisungen im mittlerweile nur noch halb gefüllten Speisesaal und einem weiteren Spaziergang bei Windstärke zehn hatte ich das Buch bis zum Abend durch. Gerade rechtzeitig, um mir auf der Bühne des Haupthotels eine landestypische „Oriental-Show“ anzutun, bei der ein bisschen Bauchtanz und fliegende Röcke die russischen Fans zum Kochen brachten. Bevor das alles in Ekstase ausartete, verzog ich mich wieder in die kleine Bar in „unserem“ Empfangsgebäude. Langsam erkannte ich, dass manche Russen gar keine Russen, sondern Bayern waren. Ich konnte sogar ein paar Worte mit einer jungen Deutschen reden, die wohl drei Jahre lang in Hurghada in irgendeinem Luxushotel gearbeitet hatte und jemanden suchte, der ihr Geld wechseln konnte. Nennen wir sie Sabine. Geld? Hatte ich keins. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wo ich das hätte wechseln können. In der Rezeption jedenfalls nicht, wie das Mädel feststellte. Und die Banken sind irgendwo in der Stadt. Einen Automaten gab es auch nicht. Also ließ ich das mit dem Geld. Gegen 23.00 Uhr kämpfte ich mich dann in mein eiskaltes Zimmer und ging erstmals seit Jahren halb angezogen ins Bett. Überflüssig zu erwähnen, dass die Klimaanlage nur kühlen, aber nicht heizen konnte. Im Fernsehen lief „Stubbe“ und auf meinem iPad war die Batterie leer.

Am Samstag war ich schon eine Stunde früher wach. Blöderweise hatte ich meinen Haarfön zu Hause vergessen, was aber angesichts des sich steigernden Windes ohnehin egal war. Da das iPad über Nacht wieder voll aufgeladen wurde, konnte ich mir zum Frühstück die „Frankfurter Rundschau“ runterladen und sie gemütlich bei Omelett, gutem Kaffee und Obstsalat durchlesen. Na ja, ganz durch kam ich natürlich nicht, da das Laden der einzelnen Seiten sehr viel langsamer vonstatten ging als ich sie lesen konnte. Irgendwann haben die dann das Restaurant geschlossen und ich musste mich entscheiden, wie der Tag laufen soll.

Plan A: Sofort zurückfliegen. Ein weiterer Spaziergang bis zum Meer und zurück ließ den Entschluss in mir reifen, die Reise kurzfristig abzubrechen und gen Heimat zu fliegen. Ich suchte meinen Reiseleiter auf, der sich gerade zufällig in der Bar befand und erklärte ihm mein Vorhaben. Er sagte, dass ab morgen das Wetter ganz sicher wieder gut würde. Woran liegt es nur, dass ich ihm nicht glauben wollte? Nein, ich wollte wieder nach Hause, ins kalte und mittlerweile verschneite, aber windfreie Friedrichsdorf. Yussuf telefonierte. Oder tat so, als ob er telefonierte. Wer weiß das schon. Leider stellte sich heraus, dass alle Flieger bis zum 15.1. angeblich ausgebucht seien. Und da mein Rückflug ja für den 8. bestätigt war, konnte ich Plan A leider nicht umsetzen. Yussuf wollte mich zu Plan B überreden: Kairo oder Luxor. Ersteres war mir zu gefährlich, Letzteres hatte ich mir gerade vor drei Jahren angeschaut (siehe rme-nil.blogspot.com). Blieb noch Plan C: Ausflüge buchen.

Um das Ghetto zu verlassen, konnte man bei Yussuf und seinen Kollegen ein paar Ausflüge buchen. Und das tat ich dann auch. Einmal U-Boot fahren mit Fische gucken für 46.- Euro und eine Stadtrundfahrt für denselben Preis. Am Montag und Dienstag zwar erst, aber nun hatte ich wenigstens ein Ziel, bzw. sogar zwei Ziele. Da ich aber auch den Samstag und den Sonntag irgendwie rumkriegen musste, blieb noch die Möglichkeit, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Ich nutzte das Gespräch mit Yussuf aber auch, um mich darüber zu beschweren, dass es in meinem Raum gar keine Heizung gäbe.

Zunächst habe ich mir die Altstadt von Hurghada vorgenommen. Hierzu konnte ich im Hotel ein Taxi bestellen, das nur 4 Euro kosten sollte und mich direkt am Eingang zur Altstadt absetzte. Der Fahrer wollte gar kein Geld, sondern „übergab“ mich an einen der vielen Händler, die auf so einen doofen Deutschen geradezu gewartet hatten. Als ich aber ganz schnell klar machte, dass ich nicht vorhabe, einen Begleiter an meiner Seite zu dulden, wurde er gleich ein bisschen pampig und rief mir irgendetwas sicher sehr Unhöfliches auf arabisch hinterher. Ich bin dann trotzdem kreuz und quer durch die Altstadt gelaufen. Es war so, wie es immer ist. Jeder quatscht einen an und will einem was verkaufen. Und zwar das Übliche. Kamele, gefakte Kleidung, Uhren und Schmuck. Manchmal sieht man tolle Antiquitätenläden, die aber leider alle geschlossen waren. Irgendwie wird auch in Ägypten nicht mehr jeden Tag gearbeitet. Die Gebäude in der Altstadt sind größtenteils einsturzgefährdet, was aber den Bewohnern anscheinend nichts ausmacht. Dreck und Schmutz, wo man nur hinschaut. Übrigens nicht nur in der Altstadt. Es scheint kein Gesetz zu geben, das die Müllberge im Griff hat. Ich hätte gerne mal in einem der wenigen Cafés ein Getränk eingenommen, aber die hygienischen Zustände haben mich davon abgehalten. Außerdem waren die Sitzplätze grundsätzlich im Schatten, was ja im Sommer auch sinnvoll ist. Nur bei mittlerweile „nur“ noch Windstärke 5-6 wird´s a bisserl unangenehm. Auch in Hurghada gibt es inzwischen eine Invasion der Handy-Shops. Nach dem zwanzigsten habe ich aufgehört zu zählen. Leider konnte ich die Preise nicht mit denen aus Deutschland vergleichen, da alle Angaben auf Arabisch waren. Ich verstehe zwar jedes Wort arabisch, weiß nur nicht, was es auf Deutsch bedeutet. Haha, kleiner Scherz am Rande. Arabische Zahlen sollten zwar den unseren ähneln, aber sie sehen trotzdem anders aus. Nur die 1 und die 9 sehen sich ähnlich, wie mir Wikipedia gerade verraten hat.
Nachdem ich rund eineinhalb Stunden rumgelaufen war, haben sich die Geschäfte immer mehr geähnelt. Es war durchaus möglich, dass ich die ganze Zeit im Kreis gelaufen war. Wie auch immer, ich bestieg ein einheimisches Taxi und ließ mich ins Hotel zurückbringen. Da der Fahrer mich nicht verstanden hatte, zeigte ich ihm mein rosa „All-Inclusive“-Bändchen mit dem Hotelnamen drauf. Dieses Bändchen entspricht in Deutschland der Hundemarke, wenn ich das richtig verstanden habe.

Leider konnte mich mein Taxifahrer nicht nur nicht verstehen, er konnte offenbar auch nicht richtig lesen, denn die Fahrt dauerte bedeutend länger als die Hinfahrt vom Hotel aus. Irgendwann landete er dann gar auf einer Art Autobahn, die Richtung Flughafen führte. Da habe ich ihn dann gestoppt und nochmal auf mein Bändchen gezeigt. „Ah, Festival Shedwan Golden Beach Hotel! Not Festival Al Goona!“ sagte er und war ziemlich zerknirscht, da wir in diesem Augenblick vor dem falschen Hotel mit demselben Namen angekommen waren. Es war nur ein paarhundert Meter von dem Hotel entfernt, in dem ich schon vor drei Jahren eine Woche Badeurlaub verbracht hatte. Damals waren wir kaum aus dem Hotel gekommen, sodass ein Reisebericht sich nicht gelohnt hätte. Es war quasi die Fortsetzung unserer Nilkreuzfahrt, auf die ich ja schon hingewiesen habe. Dieses Mal komme ich zwar auch kaum aus dem Hotel heraus, aber irgendwas muss ich ja machen. Also schreibe ich auf, was mir so auffällt. Die Fahrweise der Ägypter ist beispielsweise extrem angsteinflößend. Nicht nur, dass das altersschwache Honda-Taxi bei Geschwindigkeiten oberhalb 50 km/h schwer ins Schlingern geriet, waren auch die Bremsen schon lange runtergehobelt, wie man an den kreischenden Geräuschen bei jeder Bremsung hören konnte. Die Straßen sind anscheinend planlos in den Wüstensand gesetzt worden, und so manche vierspurige Autobahn endet unvermittelt vor einer großen Betonmauer. Um abzukürzen, nimmt der Ägypter auch gerne kurze Strecken auf der Gegenfahrbahn in Kauf, und allgemeine Verkehrsregeln werden durch lautes und dauerndes Hupen ersetzt. Es gibt so gut wie keine Ampeln, dafür aber alle 200 Meter dicke Hubbel auf der Straße, damit die Fahrer die Geschwindigkeit zurücknehmen. Mit ein bisschen Pech kommt einem auch ein Eselsgespann auf der Autobahn entgegen. Bei Nacht übrigens alle so gut wie ohne Licht.

Irgendwann hatte ich diese Taxifahrt überstanden und das Hotel wieder erreicht, wo gerade eine Horde neuer Bleichgesichter angereist kam. Interessanterweise waren trotz der eisigen Winde viele Leute gewillt, Ihre Haut in die Sonne zu halten, denn man konnte bereits eine Menge Sonnenbrände bewundern. Die Sachsenfraktion war inzwischen auf ein halbes Dutzend Exemplare angewachsen, die sich alle so benahmen, wie man es aus RTL2 kennt. Sorry – natürlich sind die meisten Sachsen wohlerzogene Menschen, intelligent und redegewandt, aber bei diesen Exemplaren waren es dann doch mehr die Damen und Herren, die nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens wohnen und das durch ihre Sprache, Ihr Aussehen und Benehmen deutlich machen. Die schon morgens Bier in sich reinschütten, mittags lallen und nachmittags mit offenem Hemd und offenem Mund schnarchend in den Sesseln vor dem Restaurant liegen und ihren Rausch ausschlafen.

Nutzen wir die Gunst der Stunde, um überhaupt mal zu klären, wo wir uns befinden, liebe Kinder. Wir sind in Afrika, genauer gesagt, im Norden Afrikas, in Ägypten. Das ist ein ziemlich groß geschnittenes Viereck oben rechts in Afrika. Kairo, die Hauptstadt, liegt ganz im Norden. Ägypten hat einen großen Fluss, den NIL. Der schlängelt sich das durch ganze Land von Süden nach Norden, fließt also quasi „nach oben“, was natürlich Quatsch ist. Es ist für uns halt ungewohnt, dass ein Fluss nicht die Landkarte „runter“, sondern „hoch“ fließt. Geplante und bereits gebaute Stauseen im südlichen Nachbarland Sudan führen dazu, dass der Nil immer weniger Wasser mit sich führt und manchmal sogar austrocknet. Bei unserer Nilkreuzfahrt vor drei Jahren sind wir einige Male mit dem Schiff im seichten Wasser steckengeblieben.

Das wollen die Ägypter natürlich nicht und beschweren sich daher lauthals bei ihrem südlichen Nachbarn Sudan, mit dem Bau weiterer Stauseen aufzuhören. Mal sehen, wie das ausgeht. Hurghada gehört mittlerweile zu den größten Städten Ägyptens. Während Wikipedia von 160.000 Einwohnern spricht, hört man vor Ort eher die Zahl 500.000. Im Sommer kommen noch ein paar Millionen Touristen hinzu. Da die Ägypter größtenteils muslimischen Glaubens sind, gibt es außer in den Hotels, bzw. touristischen Lokalen auch nirgendwo Alkohol, somit auch keine „natürlichen“ Nachtclubs oder Discotheken. Hurghada hat die schon erwähnte Altstadt zu bieten, eine neu errichtete Neustadt, einen luxuriösen Jachthafen (2008 eröffnet) mit über 50 Geschäften und Restaurants und ein weiteres, nördlich gelegenes Touristengebiet namens „El Goona“. Hier steht ein Superluxus-Hotel neben dem anderen. Da, wo noch keins steht, stehen Ruinen. Denn nach den arabischen Unruhen haben wohl viele Geldgeber kein Zutrauen zu Ägypten mehr gezeigt und die Bauarbeiten im Rohbau eingestellt. Im Süden geht es aber genauso schnell weiter. Auch hier sind neue Luxushotels und Einkaufszentren vom Feinsten gebaut worden.
Bezahlt wird mit Ägyptischen Pfunden, wobei 1 Euro etwa 9 Pfund sind. In der Altstadt hatte ich mir 200 ägyptische Pfunde aus dem Automaten gezogen, was also etwa gerade mal 23 Euro entsprach. Die Taxifahrt hatte – trotz des Riesenumwegs – nur 25 Pfund gekostet. (Ich hatte dem Fahrer natürlich mehr gegeben, weil er mir leidtat und weil ich noch am Leben war).

Die meisten Einwohner der Stadt sind ganz normal westlich gekleidet: Jeans, Hemd, Turnschuhe. Manchmal laufen ältere Männer auch noch in traditionellen beduinischen Klamotten durch die Gegend, aber nur selten. Frauen sieht man so gut wie gar nicht. Es gibt keine Kellnerinnen, Zimmermädchen oder sonst wie weibliche Beschäftigte im Hotel. Alle Arbeiten werden von schlanken, oft gutaussehenden Männern im Alter zwischen 20 und 40 erledigt. Viele haben das typisch ägyptische Aussehen, das sich deutlich von dem anderer Araber unterscheidet. Bei den Touristenführern sind hie und da auch Frauen zu sehen, aber das sind keine Einheimischen. In der Altstadt bin ich vielleicht ganze drei Mal irgendwelchen jungen Mädchen (verschleiert) begegnet – alle anderen Menschen in diesem Viertel waren Männer. Sehr seltsam. Warum werden die Frauen versteckt und wo sind sie? Die Theorie eines Reiseleiters einer späteren Tour, auf die ich noch zurückkommen werde, lautete, dass junge Mädchen vor ihrer Heirat die Familie nicht verlassen dürfen. Und Arbeit in einem Touristenhotel würde eine Trennung von der Familie bedeuten, da die Familien für so einen Job nicht nach Hurghada ziehen würden. Bei Männern ist es eh wurscht. Das junge Mädel von neulich, nennen wir sie weiterhin Sabine, meinte, dass es aber noch einen weiteren Grund gäbe. Eine Frau als Zimmermädchen könnte unvorbereitet mit Unterwäsche von Männern konfrontiert werden, gar ein gebrauchtes Kondom finden oder – Gipfel der Perversion – ein Klo putzen müssen, auf dem ein Mann kürzlich gesessen hat. Und das könnte das Ende ihrer Reinheit bedeuten. Damit wäre sie in den Augen der Ägypter nichts mehr wert. Und um das Elend komplett zu machen, werden die Mädchen hier nach wie vor beschnitten. Dass das inzwischen verboten ist, interessiert niemanden. Vor allem die Großmütter und Mütter bestehen angeblich darauf. Soll es doch den Kindern nicht besser gehen als ihren Vorfahren. Der ägyptische Mann tut sich damit übrigens keinen gefallen. Im Gegenteil: Wenn so ein Testosteron-gesteuerter Araberhengst mal zufällig mit einer Touristin schläft, bei der das Lustsystem noch in Ordnung ist, wird er zukünftig nur noch fremd gehen wollen. Trotzdem verstümmelt und verschleiert er die Schönheiten des Orients.

Im Hotel gab es übrigens genügend Frauen, also Touristinnen. Viele Damen waren nicht mit ihrem Freund/Mann angereist, sondern mit ihrer Freundin. Auch waren viele Mütter mit ihren kleinen Kindern unterwegs, ohne dass ein zugehöriger Vater auszumachen gewesen wäre. Das Gesamtniveau der Gäste lag aber leider eher im unteren Bereich, was wohl auch dem günstigen Preis zuzuschreiben war. Ein paar Ausnahmen bestätigten wie immer die Regel. So hatte ich nette Gespräche mit einem Paar aus Hof und einem Herrn aus Leipzig (Sic!). Die Kellner haben irgendwie auch einen Narren an mir gefressen. Ich bin so ziemlich der einzige, der seine Getränke an den Platz gebracht bekommt und unaufgefordert Nachschub erhält, sollte das Weinglas mal leer sein. Da der Wein nicht nur lauwarm ist, sondern auch aus Plastikflaschen ausgeschenkt wird, auf denen ein „FANTA“-ähnliches Logo prankt, bin ich verwundert, dass ich anscheinend mit diesem Teufelszeug keinerlei Probleme hatte. Da ich bisher auch noch nicht im Geringsten betrunken war, besteht der leise Verdacht, dass der Wein vielleicht alkoholfrei war…

 
Jeden Tag gab´s neue Tiere, aus Handtüchern gedeichselt.

Aber auch dieses Mysterium konnte mir Sabine erklären. Der Wein wird nämlich in großen Plastikgallonen angeliefert, die einfach nicht in die Kühltheke passen. Also füllt man sie zunächst in große Bottiche, denen man eine nicht unerhebliche Menge Wasser zugibt (kein Witz!). Und dann wird die verdünnte Plörre in gerade zufällig vorhandene Plastikflaschen (also auch Cola- oder Fantaflaschen) umgefüllt.

Auf Gin Tonic und Bacardi Cola (allerdings mit einheimischen Spirituosen) habe ich bisher verzichtet. Die Kommentare der Mitreisenden waren zu vernichtend, zumal es selbstverständlich keine Eiswürfel in den Longdrinks gibt. (An dieser Stelle sei mir ein wenig Heimweh nach Friedrichsdorf, ins „Impuls“ gestattet. Olaf, Du machst das alles viel besser!)

Nach dem Abendessen, das leider nicht so dolle war, saß ich noch eine Weile in der Hotelbar und las die Rundschau vom Morgen zu Ende. Ein kurzer Blick auf die Showbühne des Haupthauses zeigte mir, dass das Animations-Programm schon vorbei war. Also ab ins Bett. Und da erlebte ich tatsächlich eine große Überraschung: Ich hatte mich ja morgens beschwert, dass meine Klimaanlage nur kühlen, aber nicht heizen könne. Jetzt konnte sie es plötzlich, und in meinem Zimmer waren es wohltemperierte 30 Grad. Ich musste den Raum also erst mal wieder runterkühlen, um es überhaupt dort auszuhalten.

Der Sonntag begann wie alle Tage. Ich war noch ein wenig früher wach und landete damit schon um 9.00 Uhr im diesmal vollbesetzten Restaurant. Ich musste ein paar Minuten warten, bis ein Platz frei wurde. Diese Zeit habe ich genutzt und angefangen, den SPIEGEL runterzuladen, der inzwischen zum Download bereit lag. Nach etwa 1,5 Stunden war er auf dem iPad angekommen. Zuhause dauert es 1,5 Minuten.

Der restliche Vormittag ging irgendwie an mir vorbei. Lesen, i-Dinger aufladen, Blog schreiben und Mittagessen. So langsam war mir klar, warum ich meine Getränke immer sofort und unaufgefordert serviert bekam. Es waren immer dieselben zwei Jungs, die mich anlächelten. Mist. Nun auch das noch. Wird eine bittere Enttäuschung sein, wenn ich demnächst knutschend mit irgendeinem Girl zum Abendessen komme. Na gut, die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Homosexualität ist in Ägypten natürlich verboten und wird (angeblich) mit der Todesstrafe gesühnt. Dass es selbstverständlich auch hier denselben Prozentsatz Schwuler wie auf der ganzen Welt gibt, will man nicht wahr haben. Viele wissen vielleicht gar nichts über ihre Sexualität, da immer noch die meisten Hochzeiten auf dem Papier geregelt werden, ohne dass das Brautpaar auch nur die geringste Gelegenheit hatte, mal seine sexuelle Orientierung zu erkunden.

 
Am neuen „Marina“-Hafen

Nach dem Mittagessen habe ich meine zweite Solo-Tour gestartet. MARINA, der neue Yachthafen von Hurghada. Ich hatte ihn schon 2012 gesehen und konnte keine wesentlichen Änderungen feststellen. Ein paar Geschäfte hatten aufgegeben, hie und da gab es bröckelnde Mauerwerke, aber alles in Allem hatte sich der neue Yachthafen gut gehalten. Für das Taxi dorthin bezahlte ich wieder 50 Ägyptische Pfund, also gut 5 Euro.

 
Viel zu schade zum Essen…

Nach einem Rundgang durch den Fischmarkt (Schöne Fotos gemacht!) klapperte ich also gemütlich den Yachthafen ab und blieb auf dem Rückweg in einem Lokal hängen, dass außer (kostenlosem) WiFi auch „richtigen“ Wein zu günstigen Preisen anbot.

Meine Barschaft hatte ich an einem Automaten nochmal großzügig um 2000 Pfund erhöht, so dass ich mir eigentlich fast alles leisten konnte. So saß ich dann in der Sonne, die meine Wange mit ihren Strahlen streichelte und checkte über das kostenlose WLAN die Welt. Und wenn nicht irgendwann die Sonne verschwunden wäre und mich zum Frösteln gebracht hätte, wäre ich wohl bis Mitternacht dort geblieben. Der Wein, dessen Herkunft ich überhaupt nicht erfahren habe, schmeckte außerordentlich gut. Zwei Gläser davon am helllichten Nachmittag bewirkten durchaus eine Reaktion, die mir bekannt vorkam. Üblicherweise hätte ich jetzt das Auto stehen gelassen, aber ich hatte ja gar keins dabei. Also musste ich mir wieder ein Taxi nehmen. Der Fahrer war allerdings unverschämt. Er wollte für dieselbe Strecke wie auf meiner Hinfahrt den doppelten Betrag, also 100.- Pfund. Ich bat ihn, wieder anzuhalten, da ich nicht bereit sei, das zu bezahlen. Dann lachte er, sagte, wenn ich kein Geld hätte, wär das auch kein Problem, dann würde es eben nur 50.- Pfund kosten. Also blieb ich sitzen. Dann fragte er – wie üblich – wo ich herkäme. „Germany“, sagte ich. „Dann es kostet 200 Pfund“ sagte er eiskalt und fing erst an zu lachen, als er sah, dass ich in diesem Punkt nun überhaupt keinen Spaß mehr verstehen würde. „Wie ist Dein Name?“ frage er mich weiter aus. Ich sagte ihm, ich hätte keine Lust, mit ihm zu sprechen. Er möge bitte einfach nur fahren. Vor dem Hotel gab ich ihm wortlos die 50.- Pfund. „Alles wieder gut?“ fragte er abschließend. „Ja“, knurrte ich und schälte mich aus dem Hyundai. Ich hätte darauf bestehen sollen, dass er das Taxameter einschaltet. Dann würde er für die Fahrt wenigstens Steuern zahlen. Aber wie man so hört, drücken sich wohl alle Taxifahrer darum. Sabine sagte mir später, dass etwa sieben Pfund auf dem Taxameter hätten stehen müssen.

Als ich da so in der Sonne saß und die Passanten anschaute, fielen mir ein paar Dinge auf:

  1. Der gut aussehende Ägypter nimmt sich gerne europäische Touristinnen zur Freundin. Und zwar genau die, die aus nahe liegenden Gründen zu Hause keine Freunde bekommen. Scheint ein lukrativer Job zu sein.
  2. Wenn Ägypter hingegen gut aussehende Europäerinnen als echte Freundin haben, rauchen sie gerne Wasserpfeife, während die Freundin in Büchern liest oder in Facebook rumtrödelt. Gesprochen wird dann kaum noch. Erst beim Bezahlen „leiht“ sich der ägyptische Lover dann gerne mal Geld vom Mädel.
  3. Touristen sollten bei allem, was sie laut sagen, immer daran denken, dass jemand in der Nähe sitzen könnte, der deren Sprache versteht. So auch an diesem Nachmittag, als drei Berliner sich schräg hinter mich setzten und über durchaus kriminelle Dinge im zwischenmenschlichen Bereich diskutierten. Als ich bezahlt hatte, habe ich mich noch mit einem freundlichen „Schönen Tag noch“ verabschiedet, was den Dreien augenblicklich sämtliche Farbe aus dem Gesicht getrieben hat. Hoffentlich finden sie nicht raus, wo mein Hotel wohnt…

Der richtige Wein hatte mich ein wenig beschwipst und mir gute Laune gemacht. Das nach wie vor lauwarme Abendessen passte bestens zum lauwarmen Wein. Zufällig traf ich auch „Sabine“ wieder, die – jetzt kann ich es ja verraten – wegen ihrer früheren Mitarbeit in diesem Hotel nicht wiedererkannt werden möchte. Sabine hat aus ihren langen ägyptischen Jahren viele Freunde in Hurghada. Und wenn sie zufällig hier zu Besuch ist, belegen natürlich alle diese Freunde möglichst viel ihrer freien Zeit. Nach dem Essen hatte sie noch Lust, sich die Nightshow im Haupthotel anzuschauen, bevor sie ein Date in der Innenstadt erwartete. Deshalb gingen wir die paar Meter rüber in die Rezeption des Haupthotels. Und jetzt wurde ich auch endlich aufgeklärt, was das mit diesen beiden Hotels zu bedeuten hatte. Vor ein paar Jahren kaufte Thomas Cook den Laden, der ziemlich am Ende war. Man teilte das Hotel in zwei Bereiche. Das Haupthotel „Festival“ sollte zukünftig nur den boomenden Russen dienen und das neuerbaute „SmartLine Colour Beach Hotel“ den Europäern zu Diensten sein. Die Russen hatten streng in ihrem Ghetto zu bleiben, während die Europäer durchaus auch nach Russland eindringen konnten. Na ja, das kennt man ja aus der Geschichte. Inzwischen hat sich das aber wieder geändert. Die Russen sind inzwischen auch in den europäischen Teil des Hotels eingezogen. Ähnlichkeiten zu aktuellen politischen Ereignissen sind rein zufällig. Es ist aber alles halb so schlimm. Im Gegensatz zu den Horrormeldungen z.B. aus Thailand benehmen sich die Gäste in „unserem“ Hotel durchaus anständig. Jedenfalls, bis ich im Bett bin. Geschichten vom Hörensagen will ich nicht kommentieren.

So, Sabine zog dann ab, und ich wanderte die dreißig Meter zurück in die Lobby-Bar. Der einzig freie Platz war bei einem jungen Paar , das Karten spielte. Beide waren Lehrer aus Marburg, wobei aber nur er derzeit einen Job hatte und sie schon seit drei Jahren – nach Ihrer Abschlussprüfung – auf einen solchen wartete. Schon komisch. Da bildet der Staat für teures Geld dringend benötigte Lehrer aus, und dann hat er keinen Job für sie. Mit den beiden habe ich mich noch sehr lange und intensiv unterhalten, bis ich dann auch endlich – nach unzähligen verdünnten Weinen – genug hatte vom Trubel der Nacht. Immerhin wartete morgen mein erster „offizieller“ Ausflug auf mich: Tiefseetauchen im U-Boot.

Der Ausflug begann um 11.10 Uhr. Pünktlich wurde ich vor dem Hotel mit einem Zubringerbus abgeholt. Ich war nicht allein. Mit mir fuhr auch ein etwa 40-Jähriger schlanker Mann aus meinem Hotel, der mir schon am gestrigen Abend aufgefallen war. Und zwar wegen seines nervigen Gebabbels. Er setzte sich ungefragt zu irgendwelchen allein sitzenden Damen und laberte deren Ohren blutig. Die meisten haben schon nach wenigen Minuten aufgegeben und sind einfach weggegangen. Nun saß er neben mir im Kleinbus und quasselte mich an. Er wollte einfach besonders geistreich und witzig sein und lag mit seiner Nummer leider völlig daneben. Er musste einfach alles kommentieren und seine Witzchen darüber machen. Nun bin ich ja schon selbst jemand, der eher eine Freundschaft aufgibt als einen Gag auszulassen, aber seine Scherze waren einfach zu blöde für mich. Er kam mir vor wie ein Schüler, der von seinen Mitschülern ständig gehänselt wird, weil er so dämlich ist. Dass er von Beruf Psychologe war, hat mich dann noch nicht einmal gewundert.

 
Wer hat, der hat.

Nachdem wir alle weiteren „Taucher“ aufgelesen hatten, landeten wir an der Ausgangsbasis der Expedition – ganz im Süden von Hurghada. An der Kasse erhielten wir rote Plastikmarken mit Platznummern, die mit den entsprechenden Sitzplätzen im U-Boot korrelierten. 44 Plätze hatte jedes Boot – und ich hatte die Nummer 44. Vor dem Transport zu den U-Booten mussten wir warten, bis die letzte Tauchergruppe wieder zurückgekommen war. Damit man sich in diesen etwa 30 Minuten nicht langweilte, konnte man sich die sehr schön modellierten Fische und andere Meerestiere anschauen, die in sehr vielen Schaukästen ausgestellt waren. Voller Stolz hatte die Betreiberfirma auch die TÜV-Zertifikate (TÜV NORD) aushängt, um den Tauchern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Dieses Gefühl wäre um einiges besser gewesen, wenn der TÜV nicht schon am 30.3.2013 abgelaufen gewesen wäre. Die ganze Zeit hing mir der Psychologe an der Seite und plapperte seinen Unfug. Natürlich wollte er irgendwann wissen, was ich denn so triebe. Ich sagte: „Ach wissen Sie, ich mache in Mädchenhandel und Drogenschmuggel. Da bleibt wenigstens was hängen.“ Dreißig Sekunden Stille. „Ja, ist ja auch ein Beruf.“ Sprach’s und ging mir aus dem Wege.

Bevor wir in die U-Boote steigen konnten, mussten wir mit einem Zubringerboot auf eine Plattform mitten im Meer gefahren werden. Die Feuerlöscher auf diesem Boot waren aus dem Jahr 1993. Dann hieß es wieder warten, bis eins der Boote freigeworden war und wir das U-Boot entern konnten. Ja, es war wirklich ein richtiges U-Boot. Man musste eine senkrechte Trittleiter ins Innere klettern, um an der Mission teilhaben zu können – was für einige Damen und ältere Herren (nicht für mich!) gar nicht so einfach war. Vor allem die Damen mit kurzen Röcken waren etwas aufgeschmissen.

Nun gut, irgendwann waren alle im U-Boot versammelt, und das Abenteuer konnte beginnen. Im Vorfeld war von 25 Metern Tauchtiefe die Rede, die Spannung wuchs. Mein Platz war direkt hinter der Kommandozentrale des Hightech-Ungetüms. Kapitän und Co-Captain in ihren schicken Uniformen mit diversen Streifchen machten es sich auf ihren Hockern bequem. Durchsagen auf Russisch und Englisch verkündeten den Tauchgang und dann ging es auch schon los.

Na ja, so richtig los ging es leider nicht. Die Wassertanks wurden nach und nach mit insgesamt 3600 Litern Wasser gefüllt. Das war ein bisserl mehr als das Gesamtgewicht der Passagiere. Entsprechend langsam – und vor allem – entsprechend wenig sank das U-Boot. Ich konnte die ganzen Daten ja direkt neben mir im Cockpit mitlesen. Der Bildschirm in der Mitte der Bedienungskonsole zeigte das Kamerabild vom Deck des U-Bootes. Und das blieb die ganze Seit über Wasser. Oder anders gesagt: Mehr als ein oder maximal zwei Meter sind wir nicht gesunken. Egal, wir waren unter Wasser, allein das zählte. Vor den einzelnen Sitzen gab es zweierweise große Fenster, die den Blick in die wilde Natur freigaben. Kinder jauchzten vor Freude, und mein Psychologe hatte bereits ein neues Opfer gefunden. Alles wartete auf die Fische. Aber da waren keine. Sollten wir im toten statt im Roten Meer gelandet sein?

Nun gut, es war Montag, und ich weiß nicht, nach welchen Arbeitstarifen Fische beschäftigt werden. Heute waren jedenfalls keine Fische zu sehen. Noch nicht. Denn die Betreiberfirma hatte sich doch tatsächlich ein todsicheres System ausgedacht, die faulen Biester doch noch vor die Luken zu locken: Man hatte einfach zwei echte, richtige Taucher beschäftigt, die plötzlich vor unseren überraschten Augen auftauchten und mit Brot um sich warfen. In Fischekreisen hatte es sich vermutlich inzwischen herumgesprochen, dass da irgend so eine dämliche U-Bootfirma mit altem Weißbrot klotzt, um den Fischen den eigenen Nahrungserwerb zu erleichtern. Ist ja klar, bevor man mühsam den Meeresboden nach Plankton abgrast, nimmt man doch lieber die Krumen dieser merkwürdigen, schwarz gekleideten Männer als Speisung. Und so hatten wir plötzlich unsere Fische vor Augen. Ein paar Zebrafische, etwa 10 cm groß und Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Silberfischen (nicht die Sorte aus meinem Bad, etwas größer waren sie schon).

Das Tempo des U-Bootes (soll ich es wirklich noch so nennen?) betrug etwa ein Meter pro Minute, was man nicht gerade als schnell bezeichnen kann. Und so wurde die Fahrt trotz der Fütterung nicht gerade ein Action-Spektakel. Als hätten die Jungs von „Seebird“ das nicht vorhergesehen, haben sie zwei weitere Trümpfe aus dem Ärmel geholt: Zum Einen sah man plötzlich eine steinerne Meerjungfrau auf dem Boden liegen, die von den Fischen zwar gänzlich ignoriert wurde, aber immerhin für eine Abwechslung des Testbilds sorgte, und zum Zweiten tauchte plötzlich ein gesunkenes Schiff auf! Ja, ein mit Goldfässern beladener Kahn, der da zufällig am Meeresboden vor sich hindümpelte. Hui, haben die Kinder gejubelt! Jedenfalls die auf meiner Seite. Auf der anderen Seite war ja leider nichts zu sehen. Während ich noch darüber nachgrübelte, warum man die Schätze der Tiefsee nur der einen Hälfte des U-Bootes vorzeigte, hatte dieses bereits heimlich gedreht und kam auf dem Rückweg wieder an dieser Schabracke vorbei, diesmal nur für die andere Seite sichtbar. Auch die Seejungfrau tauchte wieder auf, und das Schiffchen dann irgendwann – nach viel zu langer Zeit – endlich auch.

Was für ein Fake! Das U-Boot war zwar ein solches, weil wir wirklich unter Wasser waren, aber die Tauchtiefe war ja nun einfach lächerlich. Die Strecke war nicht frei gewählt, sondern ein etwa 100 Meter langer Schleichweg unter Wasser, der Disneypark-mäßig mit ein paar winzigen Effekten ausgestattet wurde. Leid taten mir die armen Taucher, die mit Brot um sich schmeißen mussten, um wenigstens ein paar einfachste Fischchen anzulocken und die beiden U-Boot-Fahrer, die ja wohl den dämlichsten Job aller Zeiten haben. Ich war heilfroh, nach weit über einer Stunde endlich wieder ins Freie klettern zu können.

Im Bus saß ich dann leider wieder neben diesem Psychologen, der schon auf dem Rückweg wieder Kontakt zu mir gesucht hatte. Irgendwie schämen die sich ja für nix . Um ihm zumindest für heute zu entgehen, bat ich den Busfahrer, kurz anzuhalten. Ich hätte noch was zu erledigen. Mit einem gewissen Lächeln verabschiedete ich mich von der Nervensäge und beschloss, mir einfach mal die Beine zu vertreten. Verlaufen konnte ich mich nicht, solange ich einfach die Küste entlang lief.

Da es im U-Boot natürlich nichts zu essen gab (die Fische waren ja draußen – haha!), bin ich so gegen drei in eins der vielen Luxushotels gegangen und habe mir eine Portion Reis mit Schrimps und Hühnchen bestellt. Es war so lecker wie selten. Außerdem gab es WiFi frei, sodass ich endlich mal wieder ein wenig arbeiten konnte. Zehn Mails und drei Telefongespräche später lief ich dann weiter Richtung Heimat. Und zehn Minuten und drei Gewissensbisse später stieg ich dann ins Taxi zum Hotel.

Abends schlechtes Essen und erschreckende Erkenntnisse. Die nette Familie mit der philipinischen Mutter, ihrer zehnjährigen Tochter und dem sympathischen Ehemann haben sich als ziemliche Horsts geoutet. Prototypen des typischen RTL-Zuschauers. Fans von Serien wie „Die Auswanderer“, „Zwegat“ und dergleichen. Menschen, die aus Prinzip keine öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sehen. Und natürlich gegen die Rundfunkgebühren geklagt und verloren haben.

Bin dann irritiert und frustriert früh zu Bette. Hab´ noch ein wenig Privat-TV geschaut (Comedy Central) und bin um zwei Uhr mit starken Bauchschmerzen wieder aufgewacht. Waren die Shrimps vielleicht schlecht? Würde ich den morgigen Tag überstehen? Die Stadtrundfahrt sollte schon um zehn Uhr starten…

Zusammen mit einem jungen polnischen Ehepaar samt dreijähriger Tochter wartete ich am nächsten Morgen auf den Zubringerbus, der pünktlich um zehn vor der Tür stand. Die beiden Polen sprachen auch perfekt deutsch, so dass ich mich ein bisschen unterhalten konnte. Irgendwann wurden wir dann in einen großen Bus umgeladen. Unser Reiseleiter kam aus Kairo, wohnte aber schon 15 Jahre in Hurghada, wie er mehrmals versicherte. Sein Thema war weniger die Geschichte Ägyptens oder wenigstens Hurghadas, sondern sein Lamento über das Ungleichgewicht zwischen arm und reich. Bzw. seine Beschwerden, dass es bei ihm zum reich werden noch nicht gekommen ist. Wir fuhren zunächst an der Rückseite der neuen MARINA vorbei, von der ich ja schon geschrieben hatte. Hier war die ursprüngliche Mitte der Stadt – und durch den Bau der Marina sind die Grundstücke und Häuser in der Nähe extrem teuer geworden. Viele arme Schlucker waren durch den Verkauf ihrer Trümmerhaufen plötzlich Millionäre geworden(beim Umrechnen bitte den Kurs beachten!). Das gefiel ihm gar nicht. Familien sollten ihre Häuser nicht verkaufen dürfen. Sie sollten von Generation zu Generation vererbt werden.

Der Bus hielt an der Marina und wir wanderten ein paarhundert Meter zum größten Glasbottomboot der Welt. Genauer gesagt war es gar kein Glasbottomboot, sondern ein weiteres gefaktes U-Boot. Im Rumpf des Schiffes waren große Luken angebracht, durch die man ins Wasser schauen konnte. Auch hier waren zunächst keine fischigen Darsteller zu sehen. Erst als von Deck aus das obligatorische Weißbrot in die Fluten geworfen wurde, sausten die Silberfische vom Vortag wieder an und fraßen sich den Wanst rund. Heute waren es deutlich mehr als am Tag zuvor – und es gab auch vereinzelt Exemplare anderer Fischsorten. Was mich aber am meisten schockiert hat: Die Fische pinkeln ins Meer! Ja ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen! Ein etwa 30cm großer, bunter Fisch stieß plötzlich eine wahre Fontäne nach hinten aus, die nicht der Fortbewegung diente. Und schon habe ich einen weiteren Grund, nicht mehr ins Meer zu gehen…

Interessant war auch, dass diese ganzen kleinen Schwärme auf irgendein Kommando zu hören scheinen, dass bisher noch keiner entschlüsselt hat. Ohne sichtbaren Grund wechselt so ein Schwarm innerhalb von Millisekunden geschlossen die Richtung. Wer gibt den Befehl? Können Fische sprechen? Wer ist der Chef? Rätsel über Rätsel, die ich auch nach 30 Minuten noch nicht lösen konnte. Deshalb bin ich lieber wieder an Deck geklettert, um meine Birne in die Sonne zu halten.

Eineinhalb Stunden später saßen wir wieder im Bus, um genau 200 Meter zur Moschee gefahren zu werden. Als unser Reiseleiter dort jedoch verkündete, dass Männer in jedem Aufzug willkommen seien und sogar die Schuhe anbehalten dürften, Frauen sich hingegen mit einem speziellen Umhang und hinter einem Schleier zu verstecken hätten, habe ich den Besuch der Moschee verweigert. Eine Religion, die so dämliche Ansichten über Frauen in Ordnung findet, verdient nicht, dass ich mir ihre Veranstaltungsräume anschaue. Ich ging also ein bisschen durch die ursprüngliche Altstadt des Ortes, die wohl in alten Zeiten aus gerade mal 3000 Einwohnern bestanden haben soll. Leider auch hier wieder Verfall, wohin man nur sah. Der Dreck auf den Straßen, der Müll, der ganze Schutt – es ist mir ein Rätsel, wie sich ein Mensch hier freiwillig aufhalten kann. Also zurück zur Moschee. Da es ziemlich lange gedauert hatte, bis unsere rund 15 Damen blickdicht verpackt waren, kam die Truppe auch entsprechend später aus der Moschee zurück. Während meiner Wartezeit wurde ich mehrmals von Taxifahrern aufgefordert, in die Moschee zu gehen statt hier rumzusitzen. Ich blieb natürlich standhaft.

Weiter ging es nun zur nächsten Kirche. Der Ausgewogenheit wegen eine christlich-orthodoxe Kirche. Also eines dieser Gotteshäuser, die in Ägypten seit 2-3- Jahren gerne in Brand gesteckt oder mitsamt Attentäter in die Luft gesprengt werden. Damit das nicht mehr so häufig vorkommt, hatte das Militär einen Panzer und ein paar schwerstbewaffnete Soldaten vor der Kirche postiert. Auch hier zog ich den Nichtbesuch vor, obwohl sich hier niemand verschleiern musste. Beide Glaubensformen zeigten im direkten Vergleich, welches Unglück diese blöden Religionen auf der Welt verursachen. Manchmal komme ich mir vor wie ein Besucher aus der Zukunft, der über soviel Dummheit nur noch den Kopf schütteln kann. So abwegig ist der Vergleich gar nicht, wenn man sich z.B. das Frauenbild in Ägypten mal etwas genauer betrachtet.

 
Moschee aus Prinzip nur von außen

Nun waren schon viereinhalb Stunden vergangen und ich bekam langsam Hunger. Aber erst mussten wir uns noch durch die Basare der Altstadt schleppen. Ich hatte das Vergnügen ja bereits vor ein paar Tagen und wusste, was uns da erwartete. Und genau so war es auch wieder. Dämliche Anmachsprüche, Beleidigungen bei Nichtinteresse, völlig überteuerter und verdreckter Plastikscheiß. Ein junges Pärchen aus Stuttgart erzählte mir, dass sie auch schon alleine in diesem Viertel waren und allen Ernstes sogar harte Drogen angeboten bekommen haben. Nach 45 Minuten wollten wir weiterfahren, aber ausgerechnet der einzige Araber unserer Truppe tauchte nicht mehr auf. Er und sein kleiner Sohn hatten sich anscheinend verlaufen. Unser Tourleiter nutzte die Gelegenheit, uns Touristen sogenannte Kartouchen anzupreisen. Das sind so kleine rechteckige Silberplättchen, in die der eigene Name aus arabischen Schriftzeichen geprägt wird. Auf der Rückseite kann man noch sein Sternkreiszeichen oder einen Skarabäus eingravieren lassen. Das alles pauschal für nur 10.- Euro in Silber oder 15.- Euro bei goldener Schrift. Egal wie lange der Name ist. Nachprüfen kann man die Schreibweise, weil man eine entsprechende Buchstabierungstabelle ausgehändigt bekommt. Etwa zehn Touristen wollten so ein Ding haben, dass noch am selben Tag ausgehändigt werden sollte. Irgendwann hatte der Busfahrer unseren verschollenen Araber wiedergefunden und es ging mit 15 Minuten Verspätung weiter.

Auf dem Weg zum weit entlegenen Ort des Mittagessens erzählte uns der Tourleiter, wie nett doch der Herr Mubarak gewesen sei. Immerhin habe er Autobahnen (!) und 16 Trabantenvorstädte gebaut, deren Tausende Wohnungen damals nur 10.000 Euro pro Stück gekostet hätten. Leider habe er sich damals nicht getraut, da mitzumachen, so dass er jetzt wieder keine Chance habe, durch den Verkauf der nun nicht mehr mitten in der Wüste liegenden Wohnung zum Millionär geworden zu sein. Er hatte die Chance und das Geld, beschwert sich aber jetzt, dass Andere die Weitsicht hatten, sich da einzukaufen. Mir kamen die Tränen.

Um 16.00 Uhr gab es dann endlich Mittagessen – irgendwo ganz weit draußen in der Nähe des Flughafens. Das Essen war zwar wie üblich ungewürzt, aber deutlich besser als im Hotel. Leider auch nur lauwarm. Das Cafe/Restaurant war Teil eines riesigen Einkaufszentrums, in dem wohl keine angesagte Marke gefehlt haben dürfte. Die Besichtigung dieses Super-Mall gehörte leider nicht zur Tour – ich konnte nur einmal schnell durchlaufen, dann fuhren wir weiter.

Als nächstes kam die einzige Besonderheit dieses Ausflugs: Der Besuch eines Sandmuseums. Der geneigte Leser wird mit Recht fragen: „Was ist das denn?“ Hier wurden in Handarbeit wunderbare Skulpturen aus Sand hergestellt, die offenbar dem ganzen Wind und auch so manchem Regentropfen trotzten (in Hurghada hat es in den letzten 15 Jahren angeblich nur sechsmal ergiebig geregnet!). Das Gelände ist in zwei Bereiche unterteilt. In dem einen sieht man die ganzen „klassischen“ Skulpturen wie z.B. die Sphinx oder Cleopatra und in dem anderen die moderne Popkultur von Donald Duck bis Johnny Depp als Captain Sparrow. Die Charaktere sind allerfeinst in zwei unterschiedlichen Sandfarben modelliert und waren für mich die größte Überraschung des noch jungen Jahres. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Drei Mitarbeiter kletterten auf manchen der Skulpturen rum und besserten die Stellen aus, die das Wetter zerstört hatte. Eine nicht enden wollende Arbeit, die sich aber lohnte.

 
Die Sphinx (hinten) ist aus Sand!

Das wäre ein glänzender Abschluss dieser Tour gewesen, aber wir sollten noch lange nicht am Ende sein. Schon vor dem Besuch des Basars warnte uns der Reiseführer, dort beispielsweise keine Gewürze zu kaufen, da sie infolge der Drecks und der Abgase schlechthin ungenießbar wären. Lieber sollten wir warten, bis wir solche feinen Dinge später im „Kaufhaus“ kaufen könnten. Dort wäre es in der Regel auch nicht teurer als auf dem Basar – und die Preise wären dort fix, so dass man sich das ungewohnte Handeln ersparen könne. Also auf ins Kaufhaus! Ich hatte bereits am Vortag in einem dieser Riesenkaufhäuser zwei Kaffeepötte erstanden – das Stück für 25 Pfund, also etwa 2,75 Euro. Das heißt, ich hatte einen Vergleichspreis. Natürlich war „unser“ Kaufhaus nichts anderes als eine weitere Touristenfalle, die von allen Bussen tagaus, tagein angefahren wurde. Es gab dieselben Dinge wie in dem wirklichen Kaufhaus, in dem ich am Tag davor war, aber die Preise lagen doch arg daneben. Die absolut identischen Kaffeepötte kosteten hier 52 Pfund pro Stück, also rund 5,75 Euro! Und da gab es auch keinen Verhandlungsspielraum. Wütend ging ich zurück in den Bus und wartete auf die Beendigung der Kaffeefahrt. Diesmal war unser Reiseleiter selbst zu spät wieder an Bord. Statt die Quälerei endlich zu einem Ende zu bringen, sollten wir als nächstes noch eine Papyrus-Demonstration anschauen. Da ich auch diese Vorführung schon etliche Male ansehen musste und völlig klar war, dass es auch hier nur darum ging, dem doofen Touristen weitere Euros aus der Nase zu ziehen, habe ich die Tour von meiner Seite aus abgebrochen. Es war inzwischen halb sieben – vor 20.00 Uhr wäre ich mit Sicherheit nicht nach Hause gekommen. Das junge polnische Ehepaar sagte mir später, dass es sogar halb neun wurde, weil der Anschlussbus nicht erschienen war…

Ich sollte dann noch ein Bewertungsformular ausfüllen. Das habe ich verweigert, weil das ohnehin nur sehr schlecht ausgefallen wäre. Der Tourleiter gab genervt auf und sagte dem herbeigerufenen Taxifahrer, wo er mich hinbringen sollte. 20 Pfund sollte die Fahrt kosten. Tatsächlich war es die längste Taxifahrt überhaupt, die ich in dieser Stadt erlebt habe. Daher habe ich ihm 50.- Pfund gegeben (Kleineres Geld hatte ich sowieso nicht…).

Zum Abendessen setzte sich Sabine wieder zu mir an den Tisch und erzählte mir Einiges von dem, was ich in den vorherigen Seiten schon verbraten hatte. Sie war in der Nacht davor (genau wie mein Lehrerehepaar) in der Disco versackt und noch nicht wieder ganz auf dem Damm. Ständige Anrufe ihrer Freunde führten aber dann doch dazu, dass sie sich wieder ins Nachtleben stürzte. Ich sah mir mal wieder die „Große Tanzshow“ auf der Showbühne des Nachbarhotels an, konnte aber nichts auch nur im geringsten Herausragendes entdecken – und das, obwohl doch heute Russische Weihnachten war! Dies konnte man eher am Zustand der Toiletten erkennen und an der Weigerung eines Barkeepers, gewissen Gestalten weitere Longdrinks auszuschenken. Ein letzter Blick in die Lobby-Bar zeigte mir, dass ich hier auch nichts mehr zu suchen hatte. Die Alternative war viel verlockender: Heia. Es wurde trotzdem noch zwei Uhr, bis ich endlich ins Bett kam. Irgendwann musste ja dieser Blog weiter geschrieben werden…

Und dann kam auch schon der letzte Urlaubstag (wenn man den Tag der Rückreise nicht mitrechnet). Ein Tag, an dem nicht mehr viel passierte. Das Wetter hatte nach zwei freundlichen Tagen wieder auf Winterbetrieb umgestellt. Es blies ein eiskalter Wind, der den Sand aus der Wüste auf alle Oberflächen pustete. Dennoch saßen viele Urlauber dick verpackt vor der Lobby, weil es zum Einen drinnen keine Plätze mehr gab und es sich außerdem um Raucher handelte, die ihrem Laster frönen mussten. Beim Mittagessen fragte mich der Chefkellner, ob ich ihm ein paar Euro in Ägyptische Pfunde wechseln könne. Ich konnte, war sogar froh, die ganzen Scheine loszuwerden, da ich keine Möglichkeit sah, das Geld hier in Hurghada noch irgendwie sinnvoll auszugeben. So wechselte am Abend ein Sack deutscher Euromünzen im Tausch gegen 50-Pfund-Scheine die Besitzer. Ich hatte den Jungs einen deutlich besseren Kurs gegeben als sie in der Bank bekommen hätten. So kann man auch mit kleinen Dingen andern Menschen Freude bringen. Ich hatte jetzt immer noch 600 Pfund in der Tasche, die ich irgendwie bis zum Abflug verbraten musste. Ich entschied mich für großzügige Trinkgelder, denn das gesamte Personal des Hotels war überaus freundlich, immer gut gelaunt, immer hilfsbereit mit einem Lächeln im Gesicht. Nach ein paar Tagen wussten die Kellner, was ich trinke und stellten Wein oder Kaffee unaufgefordert auf meinen Platz, während ich noch das Essen zusammenstellte. Leere Weingläser wurden bis auf Widerruf automatisch gefüllt, was angesichts der Vorverdünnung des Weins kein wirkliches Problem darstellte.

Während des gesamten Urlaubs musste ich zwar auf Hunderte von E-Mails antworten, war aber sonst von größeren SOS-Sprechaufträgen verschont. 5 kurze Beiträge für den MDR habe ich vertont und über das Internet nach Dresden geschickt. Das Uploaden dauerte manchmal mehr als eine Stunde – und das, obwohl ich extra nur mp3-Dateien produziert hatte. Dafür wird der Tag nach meiner Rückkehr ein harter Arbeitstag werden, denn aufgeschoben war ja nicht aufgehoben.

Nach dem Abendessen traf ich mich nochmal mit dem Marburger Lehrerpaar, die tagsüber durch halb Hurghada gelaufen sind, ohne aber die wirklich tollen Stellen entdeckt zu haben. Zusammen haben wir uns noch einmal die „große „Überraschungsshow“ im Haupthotel angeschaut, die völlig identisch mit der gestrigen Show war: 5 Hansels tanzten 5 Lieder, danach eine halbe Stunde Disco mit einer seltsamen Mischung: HELENE FISCHER und WOLFGANG PETRY in einer Russendisco in Afrika. Immerhin hatten wir einen Kellner, der die Getränke schneller brachte als wir sie trinken konnten. Und dazu führten wir weltbewegende Gespräche über Religion im Allgemeinen und den Islam im Besonderen. Ganz so, wie Blinde von der Farbe reden. Um elf war der Abend für uns zu Ende.

FAZIT:

Das war´s auch schon wieder. Eine zähe Woche mit eiskalten Winden und wenig schönen Momenten. Muss ich nicht mehr haben. Die Heimreise verdient keine besondere Erwähnung.

Djerba – im Luxus eingesperrt

2. Mai 2014

Französische Frauen sind einfach schöner. Das kann ich nun nach gutwilliger Klassifizierung einiger Hundert Exemplare aus den Ländern Deutschland und Frankreich bestätigen. Sie haben die besseren Figuren, die schöneren Gesichter und eine schönere Sprache. Die deutschen Frauen sind alt, dick und hässlich. Jedenfalls hier im Sentida Beach Hotel auf Djerba.

Dort sitze ich nämlich gerade am riesengroßen Pool und schreibe ein paar Zeilen über meinen Kurzurlaub. Der begann am zweiten Mai nachts um 2:15 Uhr. Mein wie immer zuverlässiges Ei-Dingsbums weckte mich mit seinem gnadenlosen Alarmton, der auch noch ein paar Nachbarn in der Straße aufgeweckt haben dürfte. Kleine Duschung, Anziehen und endlich rausfinden, von welchem Terminal der Flieger geht, waren die nächsten Schritte. Als nächstes zum Bank-Automaten am Houiller Platz in Friedrichsdorf („Der Ort, in dem das Telefon erfunden wurde“). Zum Glück fiel ich dem Sicherheitspersonal, das da nachts rumsteht, nicht auf. Die hätten bestimmt gerne gewusst, wer nachts um viertel vor drei am Geldautomaten rumfummelt.
Mit dem Auto dann zum Flughafen. Freie Strecke. Kaum 20 Minuten später war ich in der Tiefgarage. P1, Reihe 333, Platz 41. Die Parkgebühren entsprechen ungefähr den Kosten eines Taxis, daher ließ ich den Wagen die vier Tage stehen. Der Flieger hörte auf den Namen „Condor“, sollte sich um 4:45 Uhr in die Lüfte erheben und startete natürlich erst um fünf. Vorher hätte er auch gar nicht in die Luft gedurft. Schallschutz. Wenn ich dort wohnen müsste, dürften die Flieger erst um 9.00 Uhr starten. Aber dank weitsichtiger Planung meiner Eltern wohne ich ja zum Glück nicht in der Nähe des Flughafens.
Im Flieger das übliche Touristenpack. Schreiende Kleinstkinder, dicke und dickste Frauen und das übliche RTL2-Darstellerpack. Es gibt sie wirklich. Die müssen das nicht spielen, sie sind genauso, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, wenn man sich das mal spaßeshalber antut. Da ich schon seit fast zwei Jahren Privatfernsehen nur in absoluten Ausnahmefällen schaue (RTL allerdings NIE!), ist das natürlich am frühen Morgen ein ganz schöner Schock für mich. Ganze sechs Prekariatsdamen mit ihrem praktischen Kurzhaarschnitt (wer erlaubt so etwas eigentlich???) haben sich um mich rum gruppiert und schnattern in ihrem grauenhaften schwäbischen Genuschel um die Wette. Und obwohl ich noch so müde bin, schaffe ich es nicht, die Augen zuzukriegen.
Überpünktliche Landung nach nur 2 ½ Stunden Flugzeit. In Djerba ist es noch früh am Morgen (Ortszeit halb acht) und schon so warm, dass ich meine Lederjacke als belastend empfinde. Da nur drei Kontrollen besetzt sind, dauern die Einreiseformalitäten ziemlich lange. Klimaanlage negativ. Dabei sind es doch schon 19 Grad. Anschließend werden die Reisenden den verschiedenen Zubringerbussen zugeteilt, die uns zum Hotel bringen sollen. Unser uralter Mercedes-Bus steht wenige Meter vom Eingang entfernt. Die etwa 40-minütige Fahrt bis zu unserem Hotel habe ich größtenteils verpennt. Zu sehen gab es ohnehin – nach ein paar Kilometern Entfernung vom Flughafen – nur eine Hotelanlage neben der nächsten. Und Kreisel, viele Kreisel. Die Kreiselmafia ist also schon bis Tunesien durchgedrungen. Erwähnenswert wäre vielleicht noch, dass sich unser Reiseleiter geradezu überschwänglich bei uns dafür bedankt hat, Tunesien „nach der Revolution“ wieder zu besuchen. Nach der Bombe 2002 in einer Diskothek und den Unruhen vor drei Jahren war wohl der gesamte Tourismus zusammengebrochen. Nun kommen sie wieder alle. Vorneweg die Franzosen, die ja nur quasi um die Ecke wohnen und dann natürlich die Deutschen mit Ihren RTL2-Darstellern. Ein paar hübsche Schwedinnen oder Norwegerinnen haben auch hierher gefunden. Meist Familien aus dem Bilderbuch.
Die Hotelanlage Sentido Beach liegt, wie der Name vermuten lässt, am Strand. Da Djerba bekanntlich eine Insel ist, gibt’s davon rings herum mehr als genug. Die Anlage ist riesig groß und sehr schön angelegt. Bei der Buchung im Internet hatte mich besonders beeindruckt, dass sagenhafte 87% der Besucher das Hotel weiterempfehlen und gerne wiederkommen würden. Und der Preis hatte mich natürlich erst recht beeindruckt. 4 ganze Tage (also drei Übernachtungen) für unglaubliche 360.- Euro. Nicht einmal irgendwelche Flughafen- oder Scheckkartengebühren kamen obendrauf. Das Reisebüro „Bucher-Reisen“ hat für Flug, Unterkunft, Transfer und „All-Inklusive“-Verpflegung gerade mal 360.- Euro aufgerufen. Davon kann ich ja zuhause kaum leben. Na, mal sehen, was für ein minderwertiger Fraß mich da erwarten würde…
Vorneweg: Das Essen war geradezu phantastisch. Wenn ich hier länger als vier Wochen bleiben würde, müsste ich im Flugzeug auch einen Zusatzsitz buchen wie die eine fette Otter auf dem Hinflug. Egal, was man möchte: Die deutsch und französisch sprechenden Kellner lesen einem jeden Wunsch von den Augen ab. Sie bringen die Getränke an jede beliebige Stelle auf dem Gelände, räumen auch brav alles weg und sind so was von freundlich, dass man kaum glauben mag, dass es hier jede Menge tödlichen Aufstand gegeben hat.
Direkt nach dem Einchecken im Hotel erfahren wir allerdings, dass die Zimmer erst um 12.00 Uhr frei sein werden und wir daher noch ein bisschen frühstücken und es uns dann irgendwo auf dem Riesengelände gemütlich machen sollen. Darauf hatte ich mich im Geiste schon eingestellt und suchte mir – nach dem umfänglichen Frühstücksbuffet – eine Platz am Rand des riesigen Hotelpools aus. Gegen den Durst bestellte ich Sprudelwasser – und bekam gleich eine ganze, neue Flasche in die Hand gedrückt.
So langsam kamen die Touristen aus ihren Löchern. Schnell füllte sich die Poolanlage mit schönen, wohlgeformten Menschen aus allen Ländern (außer Deutschland). Die Franzosen machten wirklich den besten Eindruck auf mich. Nicht nur die Frauen, auch die französischen Männer sehen in der Regel durchaus noch formidable aus. Übrigens sind nicht nur die deutschen Frauen hässlich, sondern auch viele deutsche Männer, wie ich mich nach einem Blick in den Spiegel feststellen musste. Aber ich bin ja schon uralt, da muss man ein bisschen Rücksicht nehmen. Obwohl – bei den Franzosen scheint man auch in höherem Alter noch mehr Wert aufs Äußere zu legen als bei unseren exportierten Geisterbahngestalten, von denen bisher noch keine hochdeutsch gesprochen hat.
Etwa alle zwanzig Minuten kam irgendein Mitarbeiter des Animationsteams bei mir vorbei, begrüßte mich standesgemäß mit „Hallo Chef“ und wollte Sport mit mir treiben. Sehr witzig. Ich war doch zum Vergnügen hier. Spaßeshalber ließ ich mich zum Dartwerfen überreden. Hier konnte ich meinen vier blutjungen Mitstreiterinnen endlich mal zeigen, was ich so drauf hatte. Jahrelanges Training in diversen Kneipen meiner Jugend musste sich ja irgendwann mal auszahlen. Tat es nicht. Ich wurde Letzter. Wahrscheinlich herrscht hier in Afrika eine andere Schwerkraft.
Irgendwann im Laufe des Morgens habe ich mal versucht, ins Internet zu kommen. Sicher würde es eine Odyssee, die richtigen Zugangsdaten zu erhalten. Aber auch hier: Netzwerk anklicken und Du warst drin. Kein Passwort, keine Codes, kein umständliches Brimborium. Auf dem ganzen Gelände gab es kostenloses WLAN in durchaus akzeptabler Geschwindigkeit und hoher Feldstärke.
So konnte ich beim Warten auf mein Zimmer auch noch ein bisschen Büroarbeit erledigen. Gut, heute am Freitag, den 2. Mai, arbeitete nach dem gestrigen „Tag der Arbeit“ so gut wie keiner. Die paar Mails aus dem Ausland waren schnell beantwortet. Spaßeshalber prüfte ich, ob ich mit dem iPad auf meine Videothek bei „BONG-TV“ zugreifen konnte, auf der ich noch ca. 20 Spielfilme in HD-Qualität aus dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen mitgeschnitten hatte. Üblicherweise sind Abrufe aus dem Ausland gesperrt – aber nicht hier: In meinem Zimmer ließen sich die Videos sogar in HD ruckelfrei aufs iPad streamen.

Und da sind wir auch schon beim Zimmer. Es lag ein bisschen abseits des Poolzentrums, was durchaus angenehm war. Das Zimmer war groß, sehr praktisch und ordentlich möbliert, hatte einen Safe (für den ich allerdings 4 Euro extra zahlen musste), eine kleine Terrasse, TV und einen Kühlschrank, der leider noch leer war. Das Doppelbett war breit genug, dass selbst zwei Personen völlig getrennt voneinander nächtigen hätten können, und die Handtücher waren sauber, groß und zahlreich.

Mein Zimmer – mit landestypischem Schwan.
Nachdem ich mich dann erst mal wieder auf Vordermann gebracht hatte, wurde es bereits Zeit für das Mittagessen. Das Restaurant ist so riesig, dass wohl einige Tausend Menschen gleichzeitig essen können, ohne dass Gedränge entsteht. Ich setzte mich in das Außenrestaurant direkt am Meer. Kamele – oder eher Dromedare – flanierten am Strand entlang und kutschierten Touristen durch die Gegend. Leider zog und pfiff hier doch der Wind so kalt, dass ich es nicht lange dort aushielt. Das Buffet war wieder überdimensional groß. Es gab wirklich alles, was man sich nur denken kann – und vieles mehr, von dem ich gar nicht weiß, was es war. Landestypische Kostbarkeiten halt, die ich mir dann doch lieber für später aufheben wollte. Getränke? Wein bis zum Abwinken. Ich habe mir – bescheiden, wie ich nun mal bin – nur einen Teller aufgeladen und anschließend noch ein paar der leckeren Törtchen probiert, die jetzt wohl bis ans Lebensende an meiner Hüfte kleben werden. Dazu gab´s Erdbeeren. Frische Erdbeeren, die so schmeckten, wie sie schmecken müssen, bevor sie tausende von Kilometer durch Europa gekarrt werden, um dann bei Rewe für 1,98 das Kilo zu verfaulen.
Nach dem Essen setzte ich mich noch ein bisschen zu einem (noch) älteren Franzosen an den Strand. Leider war unsere Kommunikation gleich Null, so dass ich bald mein Zimmer aufsuchte, um jetzt endlich mal den fehlenden Schlaf aufzuholen.
Um kurz vor siebzehn Uhr war ich wieder wach. Am Pool herrschte inzwischen gähnende Leere. Die letzten Sonnenstrahlen erwärmten ein paar Sitzgelegenheiten auf der Meerseite. Lange hielt ich es dort nicht aus, da der Wind nun doch so langsam die Wetterregie übernahm.
Gute Gelegenheit, mal die große Bar zu besuchen. Bars gab es viele, draußen am Strand, am Pool und selbst im Pool. Aber die Hauptbar war natürlich im Hauptgebäude selbst, dem Restaurant vorgelagert. Obwohl auch hier locker ein paar hundert Personen Platz haben, waren die Räume so großzügig aufgeteilt, dass niemals das Gefühl von Enge aufkam.
Die Getränkekarte hatte 16 Seiten. Es gab fast alles. Auch Longdrinks aller Art. Mixgetränke, Spirituosen, Liköre, Weine, Tees und Kaffees. 99% davon sind „inclusive“, kosten also nichts extra. Der Gin-Tonic, den ich mir genehmigt hatte, wurde mit LONDON DRY GIN gefertigt. Schmeckte auch nicht viel anders als der gute GORDON, den sie hier aber nur gegen Zahlung von erstaunlichen 7,50 Euro anbieten.
Ich schreibe hier ständig von EURO, aber da wir erstens in Afrika sind, wo der Euro nichts verloren hat, und Tunesien selbstverständlich eine eigene Währung hat, sollte ich das ab jetzt auch korrekt bezeichnen. Der tunesische DINAR ist etwa einen halben Euro wert. Man kann das Geld im Hotel wechseln, meist aber auch mit Euro bezahlen. Die Einführung des Euro findet hier quasi durch die Hintertür statt. Ähnlich ist es ja auch in der Türkei, wo man den Touristen-Euro mit Kusshand entgegen nimmt.
Zum Abendessen war laut Informationsblatt „korrekte Kleidung“ erwünscht. Während meine lieben Franzosen darunter verstehen, sich aufzumotzen, als gelte es einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen, haben unsere Damen und Herren aus der deutschen Provinz mal wieder die landestypischen Buntdrucke von KiK umgelegt, mit denen viele einer platzenden Wurstpelle gleichen. Ich ging also auch wieder zurück ins Zimmer, um mich für den Abend ein bisschen aufzuhübschen. Wirklich große Auswahl hatte ich dabei allerdings nicht…
Man traf sich zunächst zu einem Aperitif an der Bar, naschte zu seinem Longdrink ein paar Oliven, Popcorn und Erdnüsse und begab sich dann zum Buffet ins Restaurant. Und wenn man mittags noch glaubte, dass es gar nicht besser werden kann, musste man jetzt erstaunt zugeben, dass die Küche mittags gerade mal „geübt“ haben konnte. Die Kunst bei diesen Buffets besteht darin, trotzdem nicht mehr zu essen als es der Körper verlangt. Also nippt man von allen Köstlichkeiten nur ein Eckchen und wundert sich dann, dass nichts zusammenpasst. OK, mache ich morgen besser.

Nach dem Essen ging es wieder zurück in die Bar. Dort hatte bereits die Gästebespaßung begonnen. Die Animateure hatten sich inzwischen umgezogen und forderten vornehmlich die jungen Damen zum Tanz auf. Manche der Eintänzer hatten Pech und blieben an irgendeiner Tonne aus Deutschland kleben. Da aber die Tanzpartner nach jedem Tanz wieder an ihren Platz geführt wurden, war das nicht ganz so schlimm, solange die Matronen den Tänzern nicht auf die Füße traten. Die Musik kam von einem Ein-Mann-Orchester mit Keyboard. Der Mann beherrschte sein Instrument virtuos und konnte sogar singen. In der halben Stunde, die ich zuhörte, gab es nicht einen falschen Ton. Musikrichtung: Englischsprachige Hits aus allen Jahrzehnten. Kurz vor halb zehn hörte der Tastenvirtuose plötzlich auf, schloss sein Keyboard ab und trollte sich des Wegs.

Die Animateure riefen laut „Show-Time!“ und verschwanden. Und nicht nur die Animateure verschwanden. In kurzer Zeit war die Riesenbar nahezu menschenleer. Das gab mir zu denken, da auch weit und breit nichts von einer Show-Time zu sehen war. Also nahm ich mein Gin-Tonic-Glas in die Hand und suchte das Gelände ab. Und tatsächlich: Im vorderen Teil der Bar saßen wieder ein paar Touristen und man konnte irgendwo im Hintergrund Musik hören. Aber auch hier keine Show-Time. Also ging ich vorbei an einer Schischa-Bar, in der die Jugend irgendwelches Teufelszeug rauchte, weiter vorbei an geschlossenen Touriläden und landete endlich dort, wo die „Show-Time“ stattfand: In einem riesigen Theater (ca. 800 Quadratmeter) mit einer etwa 20 Meter breiten Bühne. Von den möglichen 400 Gästen waren höchstens 100 anwesend, aber auf der Bühne kämpften die besagten Animateure (7 Buben und ein Mädel) um die Gunst der Zuschauer, als wäre es das Finale von DSDS. Nun gut, sie sangen nicht, aber sie tanzten wie die Teufel. Vor allem das Mädel, Monique hieß sie, war einfach klasse. Und auch hübsch. Eine ausgefeilte Choreographie in Verbindung mit vielen Lichteffekten und Videoeinspielungen brachten die Musik der 30-40er Jahre aus Amerika auf die Bühne. Danach waren die Animateure fix und fertig und durften hoffentlich endlich ins Bett. Am nächsten Morgen ab neun Uhr standen sie wieder auf der Matte. Nun gut, wir Touristen müssen ja auch rund um die Uhr da sein – und zahlen sogar dafür.

Um halb elf war das Spektakel vorbei und ich war bettreif. Auf dem iPad habe ich dann noch die aktuelle „heute-Show“ mit Oliver Welke geschaut, dann fielen mir langsam die Augen zu.

3. Mai 2014

Am nächsten Morgen der Schock: Keine Sonne! Keine Wärme! Es hatte in der Nacht sogar geregnet! Das Thermometer zeigte lediglich 18 Grad an, die sich jedoch noch kühler anfühlten. Am Pool lag kein Mensch. Die Touris versteckten sich in allen möglichen Nischen, relativ dick angezogen und harrten des Wetters, dass laut Wetterbericht kommen müsste: Sonne, 23 Grad. Und jedes Mal, wenn sich die Wolkendecke für ein paar Minuten auftat, rannten die Sonnenanbeter ins Freie, rissen sich die Kleider vom Leib und hielten ihre Käsehaut der Sonne entgegen, als brächten sie ein Opfer dar. Das war schon lustig anzuschauen. Ich saß in der angenehm temperierten Bar mit Blick auf den Pool und amüsierte mich köstlich. Aber auf Dauer ist das auch langweilig. Also schaute ich mich mal um, was die Mitreisenden so trieben. Viele saßen wie ich in der Bar und spielten Karten, lassen in ihren iPads oder vereinzelt sogar richtigen Büchern. Die Omis aus der deutschen Provinz lösten SoDuKo-Rätsel, und die Teenies rannten nervös durch die Gegend, aus Angst, irgendwas zu verpassen. Am Strand langweilten sich die Dromedare, und an der Strandbar wurden die ersten Biere gekippt. Bisher auch weit und breit kein fliegender Händler mit Rolex-Blendern oder „garantiert echten“ Prada-Handtaschen. Ich begann, mich zu langweilen. Und ausgerechnet jetzt weit und breit kein Animateur in Sicht. Ich sollte vielleicht mal eine Tour in Angriff nehmen.

Die Bundesregierung hat allerdings davor gewarnt, eigenständige Touren zu unternehmen, weil islamistische Terroristen immer noch mal ganz gerne einen Touri Hopps nehmen und meistbietend versteigern. Vor allem in der Wüste ist man ganz schön gefährdet. Da droht nicht nur Verdursten und verdorren, sondern auch noch die unfreiwillige Einkehr in irgendwelche Ausbildungscamps. Und wenn die dann noch rauskriegen, dass ich nicht einmal ans Jesulein glaube, ist mein Leben schon verwirkt, bevor ich meine Kreditkarten gezückt habe.
Ich blieb daher erst einmal im Hotel.

Da es am Pool immer noch recht kühl und windig war, holte ich mir meine Lederjacke aus dem Zimmer und setzte mich am Rand des Pools in einen der vielen Plastiksessel, die da rumstanden. Das war das Zeichen für die Sonne, jetzt mit dem Scheinen wieder anzufangen. Bis zum Mittagessen wechselte ich an die fünf Mal die Location, um immer die richtige Menge Sonne plus frischem Wind abzubekommen. Die Haut verbrennt man sich dabei zwar genauso wie bei Windstille, aber man merkt es nicht. Jedenfalls im Moment nicht.

Das Mittagsbuffet war so lecker wie immer. Ich hatte meine Lektion gelernt und mich auf einen Vorspeisen-Salat sowie ein Hauptgericht beschränkt. Die süßen Küchlein starrten mich zwar an, aber ich blieb tapfer. Sie hätten auch schlecht zu der halben Flasche Wein gepasst, die ich en passant leerte. Um wach zu bleiben, bestellte ich mir dann an der Strandbar noch einen doppelten Espresso.
Und dann lernte ich Joussuf kennen. Wir würden ihn Josef nennen, aber hier in Tunesien heißen sie Joussuf. Joussuf stellte sich als Hotelmitarbeiter vor und versuchte, mich nach allen Regeln der Kunst auszufragen. „Chef, woher kommst Du? Wie lange Du bleibe hier? Warst Du schon mal hier? Was biste von Beruf?“ Ich hatte keine Lust, ihm das alles zu beantworten und blieb sehr einsilbig. Dann machte er mir den Vorschlag, mich auf eine Tour am morgigen Sonntag mitzunehmen. „Iste große Fest von die Berberfrauen, musste sehen!“ Mhm. Dann käme ich ja mal aus meinem Ghetto raus und würde was von Land und Leuten sehen. Und da der Veranstalter wohl das Hotel war, müsste ich auch keine großen Ängste haben. Bevor ich überhaupt fragen konnte, was das kosten würde, drückte er mir einen Teilnahmeschein für eine Tour „morgen früh um neun“ in die Hand.
OK, der Sonntag schien gerettet zu sein. Aber was sollte ich mit dem Rest des Samstags machen? Am besten erst mal eine Mittagspause. Und schwupps, war es schon wieder 17.00 Uhr. Am Pool war noch die Hölle los, da heute offenbar neue Touristenladungen eingeflogen worden waren. Und die mussten sich natürlich sofort anbraten lassen. In der Bar an der Rezeption wurden bereits wieder die ersten Longdrinks ausgeteilt. Ich ließ mich nicht lange bitten und checkte bei der Gelegenheit meine Mails und Facebook-Nachrichten. Von Vielen, die den ersten Teil dieses Blogs bereits gelesen hatten, kamen nette Antworten, aber auch Fragen zu Djerba selbst.
Also gut, Ihr sollt nicht dumm sterben. Djerba ist eine zwar winzige, aber dennoch die größte Insel in Nordafrika. Sie gehört zu Tunesien und ist an den größten Stellen gerade mal 31 Kilometer lang und 31 Kilometer hoch. Wegen der vielen Buchten kommt die Insel dennoch auf nur 517 qkm. Im Süden war sie mal mit dem Festland verbunden. Da hatten vor ein paar hundert Jahren die Römer mal einen Mega-Bauauftrag. Bei irgendeinem Krieg Jahrhunderte später wurde die Brücke wieder zerstört. Aber das Trinkwasser der Insel (das man allerdings nicht trinken kann!) kommt immer noch durch eine Pipeline unterhalb dieser Brücke. Gerade mal 120.000 Einwohner hat die Insel, davon leben etwa 60.000 in der Hauptstadt, Houmet Souk. Ich war im zarten Alter von 19 Jahren – damals mit meiner Freundin Angela – schon mal auf Djerba. Damals waren wir im Club Mediteraneé, den es wohl nicht mehr gibt. Zumindest habe ich nirgendwo etwas darüber gelesen. Das „Sentido Djerba Beach“-Hotel hat vier Sterne, was etwa drei Sternen in Deutschland entspricht. Die wirklichen Luxuskisten haben bis zu sieben Sternen und sind nur wenige Minuten den Strand entlang von mir entfernt. Außer tunesisch spricht man hier vornehmlich französisch, aber auch deutsch und ein bisschen englisch.
Nachdem ich das alles bei Wikipedia nachgelesen hatte, war es schon wieder Zeit für´s Abendessen. Die neu hinzugekommenen Gäste waren deutlich spürbar. Wer nicht zu den Ersten zählte, musste ganz schön weit laufen, bis er einen Platz gefunden hatte.
Nach der Fütterung lief der Abend wieder wie gewohnt ab. Zunächst haben die Animateure sich wieder als Eintänzer betätigt. Der Alleinunterhalter schien sich heute alleine zu unterhalten. Stattdessen gab es einen DJ, der ein paar All-time-Classics und leider auch ein paar deutsche Schlager über die Bose-Boxen laufen ließ. Und während ich mich noch darüber innerlich aufregte, dass nur die männlichen Animateure weibliche Gäste zum Tanzen aufforderten, stand plötzlich eine wunderschöne blonde Frau im weißen Minikleid vor mir und forderte MICH zum Tanzen auf. Es war niemand anders als die Tänzerin der „Showtime“-Veranstaltung vom Vorabend, also Monique, die einzige Animateurin.
Natürlich sprang ich auf, nahm sie in die Arme und tanzte mit ihr den besten Foxtrott meines Lebens – ausgerechnet auf eine Nummer von Wolfgang Petry, in der immer alle „Hölle, Hölle, Hölle“ schreien. Es war die Maxi-Version und ich war schon fast so weit, Monique einen Heiratsantrag zu machen, als das Lied plötzlich fertig war und das Mädel sich einen anderen Deppen suchte.
Na ja, so hätte es werden können. Tatsächlich gab ich Hornochse ihr aber einen Korb, was sie mir wohl nie verzeihen wird. Bisher hatte sie immer ein freundliches Lächeln für mich parat wenn wir uns sahen, aber damit dürfte es jetzt wohl vorbei sein. Eine zweite Chance würde ich in diesem Urlaub sicher nicht bekommen…
Außerdem war jetzt wieder „Show-Time“ und Monique musste auf die Bühne. Wieder tanzte sie sich die Seele aus dem Leib, wieder war das Theater nur zu einem Viertel gefüllt und wieder war nach 45 Minuten Schluss. Die heutige Show war leider wesentlich schlechter als am Vorabend, weil außer den Tanzdarbietungen auch noch Sketche aufgeführt wurden, die so grauenhaft schlecht waren, dass man sie besser weglassen sollte.

Nach der Show setzte ich mich mal wieder auf einen der hundert leeren Sessel in der Bar. Bei einem Gin-Tonic-Nachttrunk las ich schnell noch eben 600 Seiten auf dem iPad fertig. Irgendsoeinen dummen Krimi mit angeblich echten Vampiren. So was tut man sich auch nur im Urlaub an. Dann endlich ins Bett und bis 7:00 Uhr durchgeschlafen.

Sonntag, der 4. Mai 2014
Beim Aufwachen fiel mir siedeheiß ein, dass ich gestern meine Lederjacke irgendwo am Pool hängen gelassen hatte.  In der Jacke waren nicht nur das Rückflugticket, sondern auch mein Pass, ohne den ich hier sicher nicht raus käme. Aber keine Sorge – die Jacke lag schon lange an der Rezeption und wurde mir gegen Unterschrift zurückgegeben. Nach dem Frühstück stand ich pünktlichst kurz vor neun erneut an der Rezeption, um mich der Reisegruppe von Joussuf anzuschließen. Merkwürdigerweise war ich der Einzige, der die Tour in diesem Hotel gebucht hatte. Um 5 nach 9 war er immer noch nicht da. Um 7 nach 9 verkündete ein anderer Angestellter, dass Joussuf in drei bis vier Minuten kommen würde. Der Bus hätte Verspätung gehabt. Nun gut, das kann passieren. Um viertel nach neun kam er dann endlich. Der Bus aus den 80er Jahren. Mit Joussuf und einem Fahrer drin. Wo denn die Reisegruppe sei, fragte ich ihn. „Die sind schon ganz früh gefahren. Bus war schon um halbe neun da!“ log er mich ganz ungeniert an. Dann fuhren wir die nördliche Küstenstraße nach Houmet Souk, der Hauptstadt von Djerba. Rechts reihte sich ein Luxus-Hotel neben das nächste, links Wüste und vereinzelte Häuschen mit ca. 9 qm Grundfläche. Mein „Reiseleiter“ zeigte mal auf eine vorgelagerte Insel, die „Flamingo-Insel“. „Fährte Bus jede Tag, musste sehen!“. Muss ich nicht. Nach zwanzig Minuten auf der Schnellstraße, die nur alle paar hundert Meter von einem Kreisel unterbrochen war, kamen wir in der Hauptstadt an. „Stadt“ ist schon eine ziemliche Übertreibung, da bietet ja selbst Friedrichsdorf mehr Bausubstanz. Wir parkten direkt an der Moschee, die schön weiß gestrichen war. Überhaupt ist hier in Djerba alles schön weiß gestrichen und der Dscherbianer (oder wie man die Leute hier nennt) verbringt seine ganze Freizeit damit, grau gewordene Stellen nachzuweißen, damit sie auch schön blenden. Im Gegensatz zu weißen Wänden hat man die Straßen gerne schmuddelig. Die Erfindung des Papierkorbs ist noch nicht auf Djerba angekommen, und so säumen Abfallberge vieler Generationen die wenigen Straßen. Kaum zu glauben, aber wahr.
Joussuf erklärte mir, dass wir hier im Zentrum der Stadt wären, der Altstadt, wie auch ohne seine Erklärung klar erkennbar war. Eine typische Touristen-Altstadt eben, mit hunderten von Läden, die nichts anderes als überflüssigen Krimskrams an den Mann bringen wollten. Schmuck ohne Ende, gefälschte Uhren, bunte Keramikaschenbecher, aus Stroh geflochtene Dromedare, Handyzubehör und vor allem TEPPICHE warteten auf den geneigten Besucher. Joussuf zerrte mich sogleich in einen riesigen Teppichladen, in dem die armen Frauen gebeugt am Webstuhl saßen, um den Touristen mal wieder zu zeigen, wie so ein Teppich hergestellt wird. Da ich das schon wusste, wollte ich so schnell wie möglich wieder da raus. „Wo ist der Rest der Gruppe?“ fragte ich Joussuf ein weiteres Mal. Er zuckte mit den Schultern und behauptete, dass die alle draußen rumlaufen würden. Das sollte ich dann bitteschön auch machen. Er war sichtbar sauer, dass ich auf seinen dämlichen Teppichtrick nicht reingefallen war. Um halb zwölf sollte der Bus zurück fahren. Ich lief also brav zweimal durch die gesamte Altstadt, ließ mich hunderte Male blöd anquatschen und erlebte sogar wieder den Hoteltrick: „Hey, erkennst Du mich nicht? Ich arbeite doch auch in dem Hotel, in dem Du wohnst!“ Ich erkannte niemanden und es wäre mir auch reichlich egal gewesen, hier jemandem aus dem Hotel zu treffen. Diese Jungs zerren einen doch nur in irgendeinen Ramschladen, in dem man dann aus lauter schlechtem Gewissen überflüssigen Schund kauft, den man spätestens im Hotel in den Papierkorb wirft. Nach dem zweiten Spießrutenlauf habe ich mich dann in ein Straßencafé gesetzt und einen frisch gepressten Orangensaft getrunken. Zur Bezahlung zückte ich einen 20 Euro-Schein, der mir sogar ordnungsgemäß gewechselt wurde. Damit hatte ich gar nicht gerechnet und gab daher ein großzügiges Trinkgeld. Joussuf war inzwischen aus meinem Blickfeld verschwunden und ich überlegte mir, was ich denn nun die kommenden eineinhalb Stunden in diesem Kaff anstellen könnte? Die Lösung war ganz einfach. Ich ging zu einem der vielen Taxistände, fragte nach dem Preis bis zum Hotel und stieg ein. 7 Dinar, also 3,50 Euro würde die Fahrt kosten, sagte man mir im Vorfeld. Und das stimmte auch fast. Ich gab dem Fahrer 10 Dinar. Vielleicht könnte er von der Differenz dem alten Renault, der schon 1 Million und 440 tausend Kilometer auf dem Buckel hatte, mal eine Inspektion gönnen.
Wieder im Hotel, sah ich Joussuf um Punkt halb zwölf (also dem Zeitpunkt, an dem er mich eigentlich abholen wollte) an seinem Platz im Hotel stehen. Ich hätte also auf jeden Fall ein Taxi zurück nehmen müssen. Seitdem reden wir auch nicht mehr miteinander. Und ich habe es ein weiteres Mal vermieden, mir einen Teppich aufschwätzen zu lassen. Gut gemacht.
Unsere Animateure hatten heute ihren freien Tag. Es blieb also ruhig am Pool. Auch heute füllte sich das Hotel ein wenig mehr, andere waren aber inzwischen auch schon abgeflogen. Das Publikum war inzwischen bunt durchmischt. Noch immer hauptsächlich Franzosen, aber auch zunehmend mehr Deutsche (aus der hintersten Provinz) belegten jeden, aber auch jeden Liegeplatz rund um den Pool. Es gab erstaunlicherweise keinen einzigen Asiaten im Hotel, keine Chinesen oder Japaner, die doch sonst das Stadtbild vieler Urlaubsmetropolen ausmachen. Auch sah man keine typischen Afrikaner oder überhaupt Menschen mit dunkler Hautfarbe. Ein paar Muslime mit ihren verschleierten Frauen boten die einzige optische Abwechslung. Wenn man sich die Palmen wegdenkt, könnte die Szene auch im Friedrichsdorfer Freibad spielen.
Ein paar besondere Typen gab es aber auch hier. Da war der leicht verrückte Späthippie mit seinem weißen Zopf, der ständig laut schimpfend durch die Gegend zog. Oder die alte Dame aus Deutschland, die hager, oder besser klapperdürr mit vollgespritztem Botox-Gesicht und aufgespritzten Lippen ihren tunesischen Lover durchfütterte – irgendwie erinnerte sie mich an die deutsche Schauspielerin Judith Winter, an der sich wohl auch einige Chirurgen vergeblich abgemüht hatten. Selbst einen Gerard Depardieu-Imitator konnte man bestaunen. Er war zwar etwas jünger als der echte Gerard und saß auch im Rollstuhl, wäre aber bei einer polizeilichen Gegenüberstellung hundertprozentig als das Original durchgegangen. Dann war da noch der AC/DC-Gitarrist mit seinen laufenden 1,45 m Höhe, den langen fettigen Haaren und dem runtergekommenen Gesicht, dem man „Sex, Drugs and Rock’N’Roll“ problemlos abnahm.. Lustig auch die Russin mit ihren XXXXL-Brüsten, die nackig am Pool weniger angsteinflößend waren als abends im Abendkleid, wo sie ständig rauszuspringen drohten. Ihr Mann war megastolz auf seine beiden Investitionen, aber die arme Tochter muss sich sehr gequält haben. Bis Papi ihr auch so etwas zum Geburtstag schenkt, muss sie erst mal aus dem Teenie-Alter raus.
Was ich nicht verstehe: Wie kann man den ganzen Tag nichtstuend am Pool verbringen? Immer nur sonnen, essen, sonnen, trinken, essen, trinken und wieder trinken. Dazwischen ab und zu pennen. Das ist doch eines Menschen nicht würdig! Oder nennt man das Urlaub? Viele ältere Ehepaare sitzen stundenlang zusammen an einem Tisch oder nebeneinander am Pool, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Ich sehe da immer die Loriot-Sketche vor mir, die mit dem Satz enden „Eines Tages bringe ich sie um!“. Anders ist es bei den vielen jungen Familien mit ihren Kindern. In Frankreich scheinen immer noch Ferien zu sein, sonst wären nicht so viele Schüler mitgereist.
Nach dem Mittagessen habe ich noch ein bisschen an diesem Blog geschrieben und mich dann – aus purer Langeweile – wieder auf´s Ohr gelegt. Um halb fünf habe ich dann den aktuellen „Spiegel“ aus dem Internet runter geladen und den Rest des Tages mit dem Lesen desselben verbracht. Um 21:44 Uhr war ich mit dem neuen „Spiegel“ durch, obwohl ich nahezu alle Artikel gelesen hatte! Da saß ich schon an der Bar und ließ mich von der Musik des Alleinunterhalters quälen, der diesmal ganz besonders widerliche Musik von sich gab. Da die Animateure frei hatten, gab es auch keine Eintänzer. Selbst Monique, die ich noch im Restaurant flüchtig grüßte (und die zurück lächelte!) sah ich später nicht mehr. Also, da gab es nur eins: Ab ins Bett und über die ARD-Mediathek den heutigen Tatort geschaut. War sehr gut diesmal. Um Mitternacht war dann der Tag nicht nur auf dem Kalender, sondern auch für mich vorbei.

Montag, 5.Mai 2014

Das war´s. Nach dem Frühstück habe ich hier noch die letzten Zeilen hinzugefügt und dann meinen Koffer gepackt. Um 12:00 Uhr musste ich das Zimmer freimachen und um 14:10 sollte der Flughafenbus kommen, um uns Touristen wieder zum Flughafen zu karren. Der kam auch, fuhr aber wieder weiter, ohne mich aufgesammelt zu haben Nun gut, nahm ich eben den nächsten Bus, den von Neckermann. Abflug war erst abends um 17:20 Uhr.

Fazit: So schön diese Anlage auch ist, so toll das Essen, so nett das Personal, so süß die Animateurin, für mich als Einzelperson ist es eher eine Haftstrafe, und ich bin froh, ohne größeren Lagerkoller wieder nach Hause entlassen zu werden. Ich wollte der Langeweile entkommen, die ich schon an Ostern zu Hause verspürt hatte, habe sie jedoch gegen eine noch größere Langeweile eingetauscht, da mir hier jegliche Kommunikation zu anderen Menschen erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wurde. So habe ich denn auch nur meine Rolle als Beobachter ausfüllen können. Ein Beobachter, der vielleicht manchmal etwas hart mit seinen Mitmenschen ins Gericht geht, obwohl er selbst ja wahrscheinlich auch alles andere als perfekt ist. Ein Beobachter, der sich jetzt wie ein kleines Kind auf seine Arbeit freut und so schnell wie möglich wieder nach Hause will. Zu zweit wäre es sicher ganz anders geworden, aber das hatte ja leider in letzter Sekunde nicht geklappt…

Nachtrag 1: Die Animateure waren nach ihrem freien Tag sehr gut gelaunt. Vor allem Monique. Sie sagte „Meine Liebe“ zu mir, nahm mich in den Arm und küsste mich. „Meine Süße, ich hoffe, Du bist nicht sauer, dass ich Dir beim Tanzen einen Korb gegeben habe?“ fragte ich sie. „Ach was, ist doch nicht schlimm!“ Noch ein Kuss auf die Wange und weg war sie.

Und das habe ich diesmal nicht geträumt. Es ist genau so passiert.
Soll ich verlängern?

Ich packte dann doch lieber meine Koffer…
Die Kosten der Reise?
360.- Euro für Flug, Essen, Transfer und Animation
5.- Euro für den Tresor samt Trinkgeld
20.- Euro für einen O-Saft und weitere Trinkgelder im Hotel
100.- Euro für die Tiefgarage.
Zusammen also 485.- Euro. Mein bisher billigster Urlaub überhaupt.Nachtrag 2: Als ich Stunden später wieder zuhause im Bett lag, wurde ich durch den Alarm meiner Gigaset Elements-Alarmanlage aufgeweckt. Jemand war offenbar in meinem Haus, nachts um zwanzig vor vier. Nachdem ich aber trotz angestrengten Lauschens nichts hören konnte, schob ich die Alarmmeldung auf eine Fehlfunktion des Sensors und schlief weiter.

Ich wäre wohl mal besser aufgestanden oder hätte zumindest die Polizei rufen sollen. Der oder die Diebe hatten ein Kellerfenster aufgebrochen und mir ein paar meiner Lieblingsspielzeuge geklaut. Das iPad mini, die Videokamera mit fast allen Bildern (und vor allem mit den Videos von Monique), drei weitere Videokameras, meine komplette Uhrensammlung (ca. 25 Stück), mein MacBook Air mit allen Texten, die ich in den vergangenen vier Jahren geschrieben habe, einen Beamer, Netzteile, SD-Karten und und und…
10.800.- Euro Schaden + das zu ersetzende Kellerfenster.

Vielleicht war es aber auch besser, dass ich nicht aufgestanden bin. In der Nachbarschaft hat es in derselben Nacht einen Hausbesitzer erwischt, der sich den Einbrechern in den Weg stellen wollte. Er lebt noch, ist aber ziemlich zerdetscht.

Lebbe geht weiter.

Die Thai-Therapie – Ein Experiment in Phuket

Die Thai-Therapie

Ich hatte böse Alpträume. Abstürzende Flugzeuge, Ertrinken im Meer, vergiftetes Essen. Und ich die ganze Zeit splitternackt. Panikträume.

So langsam beruhigte sich mein Blutdruck wieder. Ich hörte das gleichmäßige Surren einer Klimaanlage. Bestes Zeichen dafür, dass ich nicht zuhause sein konnte. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Der Raum war abgedunkelt. Nur vereinzelt traten Lichtstrahlen durch die nicht ganz zugezogenen Vorhänge. Einer dieser Lichtstrahlen hatte mich wohl geweckt. Ich hielt die Luft an. Wo war ich und was war das für ein Geräusch? Es kam ganz aus der Nähe und hörte sich wie das gleichmäßige Atmen eines Menschen an.Meine Benommenheit wich langsam zurück und die Erinnerung kam wieder. Ich war in Thailand. Genauer gesagt in Phuket. Und das junge Mädchen neben mir war…

Ja, ich weiß schon, was sie jetzt denken. Da hat sich der alte Bock doch tatsächlich so ein Leasing-Model in die Hütte bestellt, um seine Gelüste abzureagieren. Da muss ich Sie allerdings enttäuschen. Das Mädchen habe ich nämlich aus Deutschland mitgebracht. Und damit Sie verstehen, wie es dazu gekommen ist, muss ich ein wenig ausholen.

Sarah kenne ich schon seit gut zehn Jahren. Sie ist fester Bestandteil einer Clique in meinem Wohnort, die aus Musikern, Fotografen und anderen Künstlern besteht. Dazu gehören z.B. Sascha mit seiner Freundin Eva, die beide bei der recht bekannten Band „BEES“ mitspielen. Oder Björn, ehemals ein Freund von Sarah, der Theater spielt und im Chor singt. Dann noch Nici, die Schwester von Sascha, dessen Tochter Luci und viele mehr, die mir eben seit einem Jahrzehnt immer wieder über den Weg laufen. Sarah ist selbstständige Fotografin mit dem Schwerpunkt „Baby-Fotografie“. Deswegen sehe ich auf den Bildern, die sie von mir gemacht hat, auch noch so jung aus (kleiner Scherz). In diesem Jahr hat Sarah alle Schauspieler der Volksbühne Bad Homburg fotografiert und sogar in der Komödie „Ein seltsames Paar“ selbst auf der Bühne gestanden. Das hat sie so gut gemacht, dass wir das bei Gelegenheit wiederholen wollen.

Falls das hier jemand liest, der mich nicht kennt, kurz ein paar Eckdaten: Beruf: Sprecher. Hobbys: Theater, Musik, Computer. Familienstand: Geschieden, zwei Kinder, 29 und 33 Jahre alt.

 
Sarah und Rainer
Vor zwei Monaten saß ich mit zwei weiteren Freunden aus dieser Clique bei einem Glas Wein zusammen und überlegte, wo ich denn in diesem Jahr Urlaub machen könnte. Ich fahre nämlich gerne über den Jahreswechsel irgendwo ins Warme statt zum Skifahren in die Kälte. Rosy und Ludwig wollten (mal wieder) nach Phuket, an die „Nai Harn Beach“. Ich war da schon neun mal und habe es dort immer wunderbar gefunden. Nur alleine macht das leider wenig Spaß. Da meine letzte Beziehung nach vier Jahren ein heftiges Ende fand – mit ordnungsgemäßer Trennung per E-Mail – verbrachte ich meine karge Freizeit wieder allein. Viele Theater- und Kneipenbesuche helfen ja über die Einsamkeit hinweg, aber einen ganzen Urlaub alleine zu verbringen, hätte ich nicht durchgestanden. Also sagte Ludwig, ich sollte doch einfach mal die Sarah fragen, ob sie mit will. Immerhin wäre sie ja derzeit auch solo. Ich wies den Vorschlag entrüstet zurück, konnte aber die darauffolgenden Tage nicht aufhören, daran zu denken. Und als Sarah mich und andere nun zu Ihrem 29. Geburtstag einlud, malte ich geradezu manisch einen Reisegutschein für das Mädel – in der Gewissheit, dass sie nach einem ihrer typischen Lacher dankend ablehnen würde. Aber dem war nicht so, Sarah freute sich sehr. Auch ihre Mutter, die aus Berlin angereist war, hatte nichts dagegen, so dass wir ein paar Tage später anfingen, Pläne zu machen.
Ein Direktflug von Frankfurt nach Phuket war schnell gefunden. Ein Mietwagen auch. Als Apartment haben wir uns im „Baan Krating“ eingebucht, ehemals „Dschungle Beach Resort“ genannt. Eine sehr versteckte Bungalow-Anlage, weit hinter den Touristenherbergen versteckt.
Sarah und Rainer – ein Altersunterschied, der einem schon zu denken geben muss. Was Sarah mir an Jugend und Schönheit voraus hat, kann ich mit meiner Erfahrung und meinem Bauchspeck zwar locker ausgleichen, aber gleich mal am Anfang klipp und klar: Wir sind kein Paar und werden keins werden. Sarah ist meine Reisebegleiterin, sonst nix. So ´ne Art Testlauf, falls ich in ein paar Jahren mal mit einer Krankenschwester verreisen muss.
Auf dieser Reise war allerdings ich eher die Krankenschwester und Sarah der Patient. Sarah leidet leider unter plötzlich auftretenden Angstzuständen. Agoraphobie heißt die seltene Krankheit, die einem das Leben ganz schön vermiesen kann. Als freischaffende Fotografin kann sie ihren Arbeitsalltag frei gestalten, aber eine Reise rund 20.000 km durch die Welt ist da schon eine ganz andere Herausforderung. Ein paar Vorgespräche zeigten jedoch schnell, dass Sarah sich die Reise zutraute. Die Behandlung im Panikfall ist auch nicht sonderlich schwierig. Immer genug zu Essen und zu Trinken dabei haben ist schon die halbe Miete. Außerdem helfen Entspannungsübungen mit passender Musik aus dem iPad.

Ich habe dann beschlossen, das Risiko einzugehen. Immerhin habe ich sie im letzten Jahr schon erfolgreich dazu gebracht, vor Tausenden von Zuschauern in einem Theaterstück mitzuwirken. Für mein Verständnis sind dafür sehr viel mehr Hürden zu überwinden als für eine Reise ans andere Ende der Welt.

Was man halt so denkt.

Am 31.12.2013, an Sylvester, pünktlich um 14.40 Uhr hob die Boing 767 der CONDOR in Frankfurt am Main ab. Bis zu diesem Moment hatten wir schon einige Stepps bewältigt. Anfahrt zum Flughafen, Abgabe des Gepäcks, Sicherheitscheck und Passkontrolle. Da am letzten Tag des Jahres kaum jemand verreisen wollte (außer den 264 Passagieren in unserem Flieger), war der Flughafen vergleichsweise leergefegt, und wir kamen überall schnell und problemlos voran. Wie immer wurde mein technisches Equipment einer Sonderuntersuchung unterzogen, aber sonst lief alles glatt. Nicht einmal eine Handabtastung wurde uns gegönnt.

Und dann 10 Stunden und 47 Minuten Direktflug nach Phuket. Wir hatten irgend so ein Sonderpaket mit besserem Essen gebucht, aber das wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen. Der „normale“ Touristenfraß sah auch recht lecker aus. Das Bordprogramm war sehr umfangreich: Drei Spielfilme (von denen ich den einzig Guten schon kannte), zwei Mahlzeiten, Bordverkauf und schließlich ein Sammelaufruf für notleidende Kinder. Der herzzerreißende Videoclip hierzu wurde von meinem Kollegen Olaf Pessler gesprochen, der Sarah und mir noch wenige Stunden vorher einen guten Rutsch gewünscht hatte. Vor Olafs Stimme kann man halt nicht fliehen. (So ist der Lauf der Dinge – Olaf ersetzt inzwischen so manchen meiner früheren Dauerjobs…)

Zwischendurch kamen wir uns vor wie in einem aktuellen „Tatort“. Ein Mitreisender kam von der Toilette zurück und verwirrte alle Nähersitzenden mit einem grauenhaften Zigarettenqualm-Geruch. Der Typ hatte trotz strengem Verbots in der Toilette geraucht!!!

Etwa eine Minute später kam auch schon die öffentliche Bloßstellung über die Lautsprecheranlage. Man habe nicht genug Löschgeräte an Bord, deswegen sei Rauchen auf der Toilette mindestens so schlimm wie Totschlag. Im Wiederholungsfall würde der Täter angezeigt und habe mit Kosten in fünfstelliger Höhe zu rechnen. Falls eine Zwischenlandung notwendig wäre, könnten die Kosten noch deutlich darüber liegen. Auf jeden Fall würde die arme Qualmseele im Wiederholungsfall der thailändischen Polizei übergeben. Diese Aussicht schien dem Kettenraucher dann doch zu gefährlich zu sein – er hat sich und uns weitere Kippen erspart.

Weiche Landung, leicht verzögerter Touri-Applaus um 07:46 Uhr Ortszeit in Phuket. Auch hier weit und breit kein anderer Flieger in Sicht, daher sehr schnelle Passabfertigung. Selbst das Gepäck kam so schnell wie noch nie. Trotz einiger Schlafeinlagen waren wir beide sehr gerädert. Unsere innere Uhr stand ja auch auf 2.00 Uhr deutscher Zeit. Und wir waren ja noch lange nicht da.Sechs Punkte galt es noch zu erledigen:

  1. Obst und Wasser für Sarah kaufen
  2. Thailändische SIM-Karten erwerben
  3. Mietwagen abholen
  4. Nach Nai Harn fahren (Linksverkehr!)
  5. Im Hotel einchecken

Das mit dem Automaten hat schon mal nicht gut geklappt. Erst der dritte der drei vorhandenen Geldautomaten im Airport war so nett, Geld auszuspucken. Allerdings nur einen Bruchteil des Betrages, den ich haben wollte. Gerade mal 5000 Baht, rund 125.- Euro, wurden mir ausgezahlt. Na ja, besser als gar nichts.

Die SIM-Karten kaufte ich dann in einem kleinen Kiosk am Flughafen, wo wir auch Wasser und was zu knabbern für Sarah fanden. Für je 495.- Baht, also ca. 12.- Euro, hatte ich eine Gigabyte-„Flatrate“ für unsere iPhones eingekauft. Später habe ich das Preisschild auf der Verpackung mal vorsichtig abgelöst, um den früheren Preis lesen zu können: Original kostete die SIM-Karte nur 193 Baat…
Kleiner Tip: Die Karte NICHT am Flughafen kaufen, sondern in dem Ort, in dem man wohnt. Denn leider ist der Empfang nicht überall gleich gut. Unsere Karte funktionierte zwar in unserem Bungalow, aber in dem Restaurant, etwa 150 Meter entfernt, ging leider gar nichts mehr.

Dann suchten wir den AVIS-Stand. Da wir den offiziellen Teil des Flughafens schon wieder verlassen hatten, mussten wir an einem bewaffneten uniformierten Bediensteten des Flughafens wieder zurück in die Ankunftshalle. Der Avis-Stand war allerdings verwaist. Ein Schild deutete nach rechts. Also trabten wir mit unserem Kofferkuli (kostenlos) wieder nach rechts, zurück zu dem Lädchen mit den SIM-Karten. Und tatsächlich, direkt daneben war der AVIS-Stand. Die Mitarbeiterin hatte es nicht so eilig und blätterte einen Stapel mit Vorbestellungen ganze dreimal langsam und gründlich durch, bis sie meine Bestellung endlich zuordnen konnte. Sarah war kurz vorm Platzen. Den weiteren, notwendigen Papierkram hatten wir nach etwa zehn Minuten erledigt. Für Thai-Verhältnisse eine unglaublich gute Zeit, für Sarah ein Horror. Dann wurde uns der Wagen übergeben. Auch hier mussten Kilometerstände, Benzinpegel und vor allem die vielen Dellen dokumentiert werden, die unser Toyota mit seinen 71000 km schon „erfahren“ hatte.

Um 9:15 Uhr konnte ich endlich losfahren. Die Müdigkeit war wie weggefegt, als ich uns so langsam und sorgsam wie möglich in den turbulenten Verkehr einfädelte. Die ersten paar Kilometer auf der „falschen“ Straßenseite sind regelmäßig eine besondere Herausforderung, aber wenn man sich die wichtige Grundregel „Erst nach RECHTS schauen“ gründlich einprägt, kann eigentlich nichts passieren. Der Weg nach NAI HARN BEACH war mir bekannt – dies war immerhin mein zehnter Besuch an diesem schönen Fleckchen Erde.
So langsam kam Sarah wieder zu Kräften. Blöd nur, dass ich anfing, ihr von den verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorzuschwärmen, die wir besuchen würden. Davon wollte sie nämlich hier und heute nicht das Geringste wissen. Sie sagte, sie müsse erstmal ein Nest bauen, sich dort wohlfühlen und Sicherheit verspüren, bevor sie auch nur einen Fuß aus dem Apartment treten könne. Na dolle.
Die Fahrt dauerte knapp eine Stunde und ich vermied, weitere Ausflugsziele anzupreisen. Vom Auto aus betrachtet, bot die Insel auch herzlich wenig Attraktionen, die zum Verweilen einluden. Heftigster Straßenverkehr mit Myriaden von Mopedfahrern, die ständig von allen Seiten auftauchten und eine ordentliche Fahrweise nie gelernt hatten. Überall Reklameschilder und frei verkabelte Stromleitungen. Ein Gewusel und Gewimmel, das mit dem Wort „Kulturschock“ ganz gut beschrieben ist.
 
Der Strand bei AoSane
Und dann NAI HARN BEACH. Früher ein Kleinod Thailands mit wenigen kleinen Hotels und dem luxuriösen „Yachtclub“ als Anlaufstelle für die Besser-Betuchten dieser Erde. Agnetha Fältskög von Abba stieg hier ab, Sir Peter Ustinov war hier bis zu seinem Tode Stammgast. Dazu ein langer, langer feinsandiger Strand ganz ohne Liegestühle und Sonnenschirme, in Palmen eingebettet. Früher wohlgemerkt. Heute ist so gut wie jeder Quadratmeter Land mit Hotels vollgepackt. Wo kein Hotel steht, stehen Restaurants, „Armani“-Schneidereien, Kneipen und sonstige Geschäfte. Der ehemals menschenleere Strand ist vor lauter teuer zu mietenden Liegestühlen nicht mehr zu erkennen. Tausende von Touristen planschen im Wasser rum oder halten ihre fetten Wampen in die Sonne. Ortssprache ist inzwischen russisch. Und hat man früher immer über die schrecklichen Engländer geschimpft, ist dieser Ruf von den Russen längst eingestellt und weit übertroffen worden. Wer nicht genug Geld hat, sich in der Nähe dieses Strandes aufhalten zu können, wohnt Richtung Landesinnere auf einem etwa 5 qkm großen Gebiet, in dem sich alle dreihundert Meter die immer gleichen Lebensmittelketten finden, unterbrochen von Massagesalons, Bierkneipen, Restaurants, Nagelstudios, Mopedwerkstätten und Animierbars. Die früher üblichen Kleinwagen sind mehr und mehr den völlig überflüssigen SUVs gewichen, die das Fahren durch die schmalen Gassen nahezu unmöglich machen.
Und obwohl Sarah innerlich sowieso schon fast abgeschaltet hatte, konnte ich in ihrem Gesicht die Frage lesen „Und das soll schön sein“?
Ich wusste ja, dass ich noch meinen Trumpf im Ärmel hatte. „Keine Sorge, wir sind noch nicht da“, beruhigte ich die Kleine. „Nur noch 5 Minuten!“. Und dann fuhr ich auf das Gelände des Yachtclubs. Ein uniformierter Angestellter winkte mich weiter. Ich überquerte den Parkplatz und fuhr geradeaus in den Keller, unter das Hotel durch. Danach wieder an die Oberfläche, noch an einigen neueren Hotels vorbei, bis sich die Straße zu einem asphaltiertem Feldweg verjüngte. Es ging hoch und runter, und viele enge Kurven zwangen mich, sehr langsam zu fahren. Gegenverkehr hätte nur an wenigen Punkten passieren können, aber es kam niemand. Ich zeigte nach links unten auf den Strand, wo man ein Restaurant erkennen konnte. „Das ist Ao Sane. Hier werden wir wohl meistens essen oder uns mit Freunden unterhalten“, sagte ich. Wenn Blicke töten könnten, wäre die Reise jetzt schon beendet gewesen. Ich fuhr weiter, über eine extrem verkehrsunsichere Holzbrücke hinweg. Insider nennen die Brücke die „RME-Gedächtnisbrücke“, weil ich mir hier vor ein paar Jahren mit einem Moped mal fast den Fuß abgesägt hätte. Ich vermied es, Sarah schon jetzt davon zu erzählen. Dann – nach zwei weiteren Holzbrücken, deren Einsturz unmittelbar bevorsteht – waren wir da. „BAAN KRATING“ heißt die Hotelkette, die hier die Regie im ehemaligen „DSCHUNGLE BEACH RESORT“ übernommen hat. Und das ist gut so. Denn wir kamen in eine sehr gepflegte Bungalow-Anlage mit eigenem Strand, mit Pool, Restaurant und wunderschönen, am Hang gelegenen Bungalows. So günstig gelegen, dass selbst der berühmte Tsunami vor neun Jahren hier kein Unheil anrichten konnte. Aber noch waren wir nicht im Zimmer. Erst mussten wir uns ja bei der Rezeption anmelden. Sarah lümmelte sich sogleich auf die einzige Sitzgelegenheit im Empfang, um bestimmt, aber überdeutlich ihren Status kundzutun: Fertig, und zwar so richtig.

Der freundliche Mitarbeiter in der Rezeption sprach ein sehr gutes Englisch, so dass wir keine Probleme hatten, uns anzumelden. Pass abgeben, fotokopieren lassen und ein paar Zettel ausfüllen. Das war alles. Fast alles. Denn ich musste noch meine Kreditkarte hinterlegen. Wie sich herausstellte, reagierte die automatische Kreditkartenfreigabe mit diesen „Durchziehmaschinen“ nicht mehr. OK, am Tag nach Sylvester kann das passieren. Leider wurde aber meine VISA-Karte auch nach telefonischer Anfrage schlicht und einfach abgelehnt.

Jetzt war ich derjenige, der in Panik geriet. Ich war in Thailand und hatte so gut wie keinen Pfennig Geld dabei. Der Mann am Tresen war sehr umgänglich und empfahl mir, dass ich meine Bank anrufen solle, um die Sache zu klären. Inzwischen war es in Deutschland morgens um 5 Uhr. Neujahrsmorgen. Welche Bank hat da wohl auf? Also verschoben wir die Angelegenheit erst mal auf später. Außerdem sei das Zimmer erst um 12.00 Uhr beziehbar.

Mit Sarah war jetzt gar nicht mehr gut Kirschen essen. Noch eine Stunde ohne Schlaf, ohne Ruhe, ohne zu wissen, was passiert? Dass ich selbst genauso ängstlich war, habe ich ihr besser nicht gesagt. Also sind wir zu Plan B übergegangen, den ich mir wohlweislich schon für den Fall, dass der Bungalow noch nicht bezugsfertig war, vorher zurechtgelegt hatte.

Rosy und Ludwig, die beiden Freunde, die mir geraten hatten, mit Sarah hierher zu fliegen, waren nämlich auch da. Zwar nicht im „Baan Krating“, sondern im „AO SANE“, zu dessen Restaurant noch eine Menge kleiner, einfacher Bungalows gehören. Ich wusste zwar nicht, in welcher Hütte die beiden wohnten, aber ich hatte ja Rosys Handynummer. Dreimal habe ich es lange, lange klingeln lassen, bis sie sich endlich verschlafen meldete (Sie waren erst kürzlich zu Bett gegangen – immerhin war gestern Sylvester!). Wir verabredeten uns im Restaurant und Rosy stimmte zu, dass Sarah bis zur Zimmeröffnung dort eine Mütze Schlaf nehmen könne. Und so geschah es dann. Sarah fiel – nachdem sie sich noch einen Bikini angezogen hatte und mit den Beinen mal kurz ins Meer gehupft war – in todesähnlichen Tiefschlaf, und ich konnte Ludwig und Rosy meinen finanziellen Engpass erläutern. Die beiden boten an, mir mit ihrer Kreditkarte auszuhelfen, was mir eine schwere Last von der Schulter nahm. Dann aber versuchte ich tatsächlich, bei der Bank anzurufen. Die Bank heißt immerhin „VISA“ und da gönne ich mir doch gerne mal die Freiheit, am Neujahrsmorgen um fünf Uhr dreißig dort anzurufen. Zapperlot! Das klappte! Eine nette Dame „verifizierte“ mich durch Abfrage diverser Dinge, die nur ich oder jeder andere, der mich kennt, wissen kann und erklärte mir dann, dass ich mein Limit überzogen hätte. Ich muss gestehen, ich wusste gar nicht, dass ich ein Limit habe. Bisher habe ich immer ein Leben ohne Limit geführt, aber das scheint nicht für alle Bereiche zu gelten. Jedenfalls war durch diverse Weihnachtseinkäufe, die Kaution für den Mietwagen und die Mini-Abhebung am Flughafen mein Limit nahezu erreicht. Für die Hotelrechnung fehlten mir noch über 200 Euro. Nach ein paar lieben Worten mit der Dame in Berlin war das Problem aber wieder aus der Welt geschafft. Nach zehn Minuten hatte ich ein neues Limit in Höhe von 4500.- Euro bis zum 5. Februar. Das sollte ja wohl reichen.

Um Sarah den ganzen Eincheck-Vorgang nicht ein zweites Mal zuzumuten, bin ich dann selbst wieder ins Hotel zurück und habe es dann endlich geschafft, den Schlüssel für unser Apartment 303 zu bekommen.

 
Der Garten vom Dschungel Beach Resort

Die BAAN KRATING-Bungalowanlage hatte ja schon einige Vorbesitzer, aber erst der aktuelle Betreiber hat es geschafft, eine gewisse Qualität einzuhalten. Es ist zwar nicht First Class, aber vier Sterne kann man mit etwas gutem Willen durchaus vergeben. Die ältesten Holzhütten mit Strohdach sind natürlich am Kleinsten und ziemlich runtergewirtschaftet, aber vor drei Jahren wurden ein paar neue Apartmenthäuser aus Stein gebaut, die – für thailändische Begriffe – durchaus luxuriös ausgestattet sind. Unser Apartment 303 befand sich in einem dieser Steinhäuser. Der Architekt des Apartments muss allerdings beim Entwurf bekifft gewesen sein. Wie hätte er sonst auf die Idee kommen können, das Bad samt Toilette so anzuordnen, dass man vom Kopf des linken Bettes über ein Fenster direkt auf die Dusche und die Kloschüssel schaut? Wieso überhaupt Fenster vom Bad in den Wohnraum? OK, sie lassen sich mit kleinen Rollos einigermaßen blickdicht verschließen, aber dann haben sie ja erst recht keinen Sinn mehr…

Die Toilette wurde nicht überzeugend platziert

Da Sarah ja tief und fest in Ludwigs Hütte pennte, nahm ich mir die Zeit, meinen Koffer auszupacken und eine Dusche zu nehmen. Dabei fiel mir auf, dass ich außer meiner Sonnenbrille auch mein Duschgel vergessen hatte. Nobody is perfect. Musste ich mich halt mit Haarwaschmittel duschen. Etwa eine Stunde später habe ich Sarah dann aus Onkel Toms Hütte befreit und sie mit dem Auto in ihr neues Domizil gefahren. Zu meiner großen Erleichterung gefiel Sarah alles sehr gut. Der Dschungel um uns herum, die freundlichen Menschen, das großzügige Zimmer, der Kühlschrank mit neuen, exotischen Säften, das große Bad und und und…

Von hier an ließen sich unsere Tagesabläufe eine Weile irgendwie nicht mehr synchronisieren. Wie schon beschrieben, würde Sarah einige Tage brauchen, um die nähere Umgebung zu erkunden. Im Gegensatz dazu hatte ich meinen Jetlag schon fast überwunden und mich dem Rhythmus der anderen Gäste angepasst. Mein Mittelpunkt war von da an das Strandrestaurant AO SANE mit seinem wunderbaren Essen, Sarah lag lieber im Zimmer oder am Strand, manchmal auch am Pool. Der erste „Ehekrach“ war nicht zu vermeiden, führte aber dazu, dass wir beide von da an versuchten, wenigstens gemeinsame Nachtzeiten einzuhalten.

Am zweiten Tag besuchten wir meinen alten Freund Bernt, der zusammen mit seiner Frau Herma während Deutschlands Winter hier in Nai Harn Urlaub macht.

Wir waren nicht die einzigen Gäste: Eine Gottesanbeterin hatte den Weg zu uns gefunden und ließ sich eine Weile begaffen. Dann flog sie in mein Haar, wo sie heftige Abwehrreaktionen erwarteten.

 
Bernt und seine Gottesanbeterin

Lange konnten wir nicht bleiben, da ich noch ein bisschen was arbeiten musste. Ich war zwar im Urlaub, aber eigentlich auch nicht. Denn wenn irgendein Kunde von mir eine Audioaufnahme brauchte, habe ich die natürlich machen können. Dazu hatte ich mir extra eine neue Erfindung aus den USA kommen lassen. So eine Art überdimensionaler Plopschutz, etwa kürbisgroß, der laut Werbung jegliche Nebengeräusche in einem normalen Raum eliminieren würde. Im Internet kann man sich sogar Aufnahmen ansehen und -hören, die mitten auf einer befahrenen Straße gemacht wurden. Ohne diesen Schallschutz wären die Aufnahmen absolut unbrauchbar gewesen – mit diesem „Eyeball“ der Firma „KAOTICA“ war der Straßenlärm nahezu komplett rausgefiltert. 200.- Dollar, die sich gelohnt haben.

 
Mein mobiles Aufnahmestudio mit „Eyeball“

Was haben wir an den ersten drei Tagen sonst so den ganzen Tag getrieben? Nun, an erster Stelle standen natürlich die kulinarischen Spezialitäten Thailands. Tolle Fischgerichte, Suppen, Currys, Reis- und Nudelspeisen und natürlich auch die unvermeidlichen „Burger“ – wenn auch selbstgemacht und nicht von McDonalds. Wer es lieber europäisch mag, kann auch Pizza oder Cordon Bleu essen. Alles war frisch und schmeckte viel, viel besser als unser Supermarkt-Chemiefraß daheim. Allein die vielen Obstsorten, die vor Ort ganz anders schmeckten als nach einer 10.000-km-Reise im Bauch eines dunklen Handelsschiffes, haben die Reise gelohnt.

Der abendliche Plausch am langen Tisch im AoSane

An zweiter Stelle stehen die vielen kommunikativen Treffen, sprich: Gemeinsames abendliches Betrinken am Stammtisch, auch „Narrentisch“ genannt. In den rund zwanzig Jahren, die ich immer wieder mal hierher gekommen bin, habe ich viele Stammgäste kennengelernt. Und nahezu jeden Abend trifft man sich ab 18.00 Uhr im Ao Sane, um am langen Holztisch direkt am Strand die Erlebnisse des Tages auszutauschen und die eine oder andere Flasche Gin oder Whisky auszutrinken. Dazu das leckere Thaifood – was will man mehr?

In diesem Jahr was die Auswahl der Ao Sane-Stammgäste etwas reduziert. Außer einer starken Nürnberger Fraktion waren nur wenige Deutsche angereist. Ludwig und Rosy, Bernt und Herma sowie Sarah und ich vervollständigten den Stammtisch. Nach dem Essen stand oft eine Flasche Gin oder Whisky auf dem Tisch, verdünnt mit Tonic Water, Cola oder Soda. Dazu natürlich eine Unmenge an Eiswürfeln und Limonenscheiben. Der erste „große“ Abend in unserem Urlaub war der „Heraldo“-Gedenktag. Heraldo, der Mann von Helga, war vor ein paar Jahren bei einem Tauchversuch infolge eines Herzinfarktes verstorben und Helga zelebriert seither seinen Todestag mit Feuerwerk und den berühmten Papierlampions, die man anzündet und gen Himmel steigen lässt. Heraldo war ein begnadeter Fotograf. Er hatte zwar auf den ersten Blick etwas von einem verbissenen, bösartigen Gnom. Aber wenn man ihn näher kannte, entpuppte er sich als sehr liebenswürdiger, sehr genau beobachtender Zeitgenosse mit einem wunderbaren Hang zum Sarkasmus. In dieser Disziplin wurde er nur von Willy übertroffen, einem Reisebuchautor, der schon seit Jahrzehnten Thailand bereist und all diese Bücher mit den tollen Tipps verfasst.

Sarah hatte sich noch ein bisschen im Hotelzimmer ausgeruht und kam dann gegen halb zehn zu uns. In letzter Sekunde konnte sie noch was zu Essen bestellen, da die Küche im allgemeinen um 21:30 Uhr schloss. Das Feuerwerk war absolut professionell und sehr umfangreich. Vorbei die Zeiten, dass man einzelne Kracher anzündete und möglichst schnell wegwarf. Hier schossen ganze Batterien von Raketen in den Himmel und entfalteten im Himmel ihre immer wieder abwechselnden Muster von farbenfrohen Sternen, Feuerregen und Knalleffekten.

Las Vegas-Feeling im Ao Sane

Beim anschließenden Montieren der Papierballons – sie wurden quasi als Bausatz geliefert – halfen wir alle mit. Nach und nach wurden die Brennpasten angezündet, um im Ballon die notwenige heiße Luft zu erzeugen, damit die Ballons in den Himmel stiegen. Leider hätten wir beinahe das halbe Restaurant abgefackelt, als sich einer der Ballons statt in den Himmel auf das Restaurant zubewegte und in einem Baum steckenblieb. Guy – die Inhaberin – lief schon nervös hinterher, um den Ballon mit einem Stock loseisen zu können, aber der fand den Weg dann auch ohne Hilfe und stieg schnell nach oben. Im Himmel hatten sich die Ballons ganz schnell hintereinander eingereiht – wie eine Perle flog der Konvoi Richtung Horizont. Nach etwa fünf Minuten war nichts mehr zu sehen.

So sieht ein Ballon aus, kurz bevor er abhebt

Es wurde eine sehr Gin-lastige Nacht, die aber am nächsten Morgen keinerlei Reue nach sich zog. Die frische Luft sorgte für unbeschwerten Genuss ohne Kater.

Apropop Kater: Eine Katze gab es am Ao Sane auch. Eine fette, weiße Katze, die sich immer auf denselben Stuhl setzte und ihr Fell leckte. Außer der Katze gab es noch drei Hunde und offensichtlich ein paar Ratten.

Die Hunde waren recht gepflegte Golden-Retriever-Mischlinge, die sich den lieben Tag lang gerne im Meer rumtrieben und abends Jagd auf die Ratten machten. Selbige schienen unter dem Dach in einer Art Dachrinne zu wohnen. Eines Abends war eines der possierlichen Tierchen (etwas größer als unsere Hausmaus) so blöd, sich durch Tippeln oder Gerüche zu verraten. Die Hunde waren alarmiert und tobten wie wild herum. Aus Panik verließ die Ratte die schützende Dachrinne, wodurch die Hatz nun erst recht begann. Die Hunde rannten hinter der flinken Ratte hinterher, dass man mit dem Gucken gar nicht nachkam. Sie wuselten durch unsere Beine, bellten und knurrten, bis man nur noch ein letztes Fiepen der unterlegenen Ratte vernahm. Ein hörbares Knacken infolge eines beherzten Bisses hatte ihr den Garaus gemacht. Sie lag am Strand, zuckte noch ein paar Sekunden lang und war dann mausetot, äh, rattentot. Die Hunde haben das Tier nicht etwa gefressen, sondern nur noch eine Weile bewacht (falls es doch noch mal aufwachen sollte) und sind dann davon getrottet. Was ein Hundeleben!

Überhaupt das Tierleben! In unserem Bungalow fand ich nach drei Tagen im Bad eine relativ erledigte „Cuceracia“, also eine etwa drei Zentimeter lange Kakerlake, die hier eindeutig fehl am Platze war. Erledigt deshalb, weil ihr die Kraft fehlte, bei meinem Eintreten davonzurennen, wie es eigentlich die Art dieser Wanzen ist. Sarah hat das Tier dann unter ein Regalbrett befördert, wo es seitdem tot rumlag und auch vom Hotelpersonal nicht entfernt wurde.

Unser Haustier
Tja, das Personal. So richtig dolle lief das nicht. Mal fehlten Handtücher, mal wurde der winzige Papierkorb nicht geleert oder benutzte Handtücher nicht mitgenommen. Unser Wunsch nach einem dünnen Laken, damit man nachts nicht auf Gefriertemperatur runterkühlen musste, wurde leider nie erfüllt. Auch gab es keinen Aschenbecher und manchmal keinen Zahnputzbecher. Aber das waren ja alles nur Kleinigkeiten. Im großen Ganzen war unser Bungalow im BAN KRAATING absolut in Ordnung. Das Frühstück war ein Traum – selbst der Kaffee schmeckte besser als zuhause. Und das Schönste: Auch wer kein Hotelgast war, konnte hier für nur 150 Baht, also etwa 3,75 Euro, soviel essen und trinken, wie er wollte. Im Ao Sane kostete jeder Saft, jedes Ei oder was auch immer einzelne Beträge, die sich – verglichen mit dem Buffet bei uns – zu einer horrenden Summe addieren konnten.
Bei allem Schwärmen über diesen wunderbaren Flecken der Erde darf man aber nicht vergessen, dass es auch hier, speziell im Ao Sane, einige negative Aspekte gibt, mit denen man sich abfinden muss. Wer „etepetete“ ist, hat hier nichts zu suchen. Die Hütten sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Manche haben nicht einmal ein Fenster, selten gibt es Betten, sondern nur verranzte Matratzen, und die Bettwäsche wird nur auf Verlangen gewechselt, wobei die Laken meilenweit von der „Persil-Reinheit“ entfernt sind.
Auf dem Gelände liegt überall Müll in Plastiksäcken rum und zwar so lange, bis sich irgendeiner erbarmt, das Zeug zu entsorgen. Es gibt auch seit Jahren eine Hüttenruine, von der nur noch das Bad steht. Die Schlösser lassen sich von Dreijährigen knacken, sofern die Hütten überhaupt verschlossen sind. Es gibt selten Regale oder gar Schränke in den maximal 5 qm großen, meist aus Holz und Stroh gebauten Schlafbungalows. Natürlich keine Klimaanlage, keine Kaffeemaschine, kein Fernseher, kein Kühlschrank. Eigentlich gibt es nichts. Man braucht die Hütten ja auch nur zum Schlafen. Immerhin gehören Moskitonetze zur Grundausstattung. Einbrüche gibt es selten, aber sie kommen vor. Es handelt sich meist um Beschaffungskriminalität irgendwelcher Drogenabhängiger, die es trotz drastischer Strafen leider recht häufig gibt. Vor ein paar Tagen wurde einem Schriftsteller mitten in der Nacht das MacBook durch das offene Fenster geklaut. Den USB-Stick mit den Datensicherungen hat der Dieb sorgsam abgezogen und da gelassen. Die Toiletten sind der letzte Scheiß, wenn ich das mal so sagen darf. Durch die vielen unterschiedlichen Gäste ist der Pflegeaufwand auch sehr unterschiedlich. Selbst im Restaurant, das doch wirklich höchsten sanitären Ansprüchen genügen sollte, sind die beiden Toiletten eine Zumutung. Täglich verstopft, kein Papier, vollgesifft und stinkend. Waschbecken? Vor der Tür. Wenn man das Wasser aufdreht, spritzt es direkt darunter wieder raus und versaut einem Hose und Schuhe. Und die schönen Hunde kacken ungeniert an den Strand. Mit ein bisschen Glück werden die Haufen von der nächsten Flut ins Meer gespült, wo man sie hoffentlich beim morgendlichen Bad in den Meeresfluten nicht wieder trifft.

Hier besteht also noch deutlich Handlungsbedarf!

Das nenne ich mal einen Strand!

Hätte ich Sarah dies alles vor unserem Abflug erzählt, wäre sie wohl noch am Frankfurter Flughafen umgekehrt. Aber der Mensch gewöhnt sich halt doch an Vieles. Als sie am Tag der Ankunft die Toilette neben der Rezeption des Baan Krating benutzte, war sie einem Schreikrampf nahe. Nachdem sie nun einige andere Toiletten kennt, ist eigentlich alles gar nicht mehr so schlimm. Man gewöhnt sich einfach dran. Und viele scheinen das viele Negative auch so unwichtig zu finden, dass sie teilweise über 35 Jahre lang fast jedes Jahr hierher kommen. Warum? Sicher spielen die Kosten eine Rolle. Während unser Bungalow im Baan Krating 1600.- Euro für zwei Wochen gekostet hat, sind die Preise im Ao Sane deutlich günstiger. Die Übernachtung kostet ab 2 Euro aufwärts bis etwa 20 Euro für die zwei oder drei Luxusbungalows, die nach dem Tsunami neu gebaut wurden. Hans aus Freiburg kommt jedes Jahr für drei Monate hierher. Er zahlt insgesamt 500.- Euro für die Übernachtungen. Damit ihm nicht langweilig wird, läuft er jeden Morgen barfuß bis zum Yachtclub und schwimmt von dort ins Ao Sane. Abends schwimmt er wieder zurück und läuft die Strecke vom Yachtclub zum Ao Sane zurück ebenfalls ein zweites Mal. Das sind in drei Monaten 90 Kilometer Schwimmstrecke und etwa eben soviel Laufpensum. Ich finde, da lohnt sich doch schon ein Moped…

Onkel Toms Hütte

Warum kommen alle immer wieder hierher, wenn sie den „Spirit“ dieser Anlage einmal erfahren haben? Ich weiß es nicht. Aber mir geht es ja nicht anders. Und Sarah, die noch nie hier war, ist ja auch begeistert und will auf jeden Fall mal wieder hierher kommen. Es ist einfach schön, jeden Tag neue, interessante Leute kennen zu lernen, die ähnlich ticken und viel zu erzählen haben. Künstler, Rucksacktouristen, Jachtbesitzer, Verrückte, Führungsgestalten, Kinder und Greise. Allen gefällt´s. Ganz sicher ist natürlich das Meerespanorama Schuld an der Treue der Gäste. Unverbaubarer Strand direkt zu Deinen Füßen, eine stille Bucht mit vielen kleinen Jachten, Badestränden und Kletterfelsen, Sonnenuntergang wie im Bilderbuch inklusive. Jeden Tag. Die rund zwanzig Hütten beherbergen etwa 40-50 Touristen. Im Baan Kraating dürften es maximal hundert sein, die man aber nie sieht. Viele kommen abends ins Ao Sane und viele gehen auch früh zu Bette.

Wer will da ins Bett gehen?

Überhaupt sollte man im Baan Krating mit dem Aufenthalt im Freien ab etwa 17.00 Uhr sehr, sehr vorsichtig sein. Ich habe vor ein paar Tagen den Fehler gemacht, mich zum Sonnenuntergang auf die Terrasse des Restaurants zu setzen, um dort noch ein paar Sprachaufnahmen sauber zu schneiden, die ich vorher in meinem Minimobilstudio gemacht hatte. Es dauert keine fünf Sekunden, bis ich mich mit Händen und Füßen gegen die anrückende Moskito-Übermacht verteidigen musste. Nach etwa einer Minute stürzte ich ins Innere des Restaurants, wo es aufgrund der offenen Türen und Fenster kein bisschen besser war. Die Biester bissen mich im Akkord. Das Foto meines Rückens sagt ja wohl alles. Insgesamt habe ich über vierzig Stiche gezählt, die mir größtenteils durch die Kleidung hindurch zugefügt wurden.

Von vorne sind es noch mal zwanzig Stiche
Im Ao Sane ist es nicht so schlimm. Da wird ab 17.00 Uhr ein sogenannter „Coil“ angezündet und unter die Tische gestellt. Der Rauch, der durch die abbrennende Paste erzeugt wird, vertreibt die Biester. Außerdem ist hier sehr viel mehr Wind, was die Treffgenauigkeit der Moskitos empfindlich beeinträchtigt. Die Stiche jucken erst einen Tag später. Teilweise dauert es drei Wochen, bis alles wieder verheilt ist.

Diese Tempel stehen überall rum

Reden wir lieber von angenehmeren Dingen.

Sarah, Herma und Ludwig beim 3. Frühstück

Massagen. Mus man gemacht haben. Wenigstens einmal. Am Strand und auch im Ort findet man alle paar Meter Einladungen zur Massage. Während die Massagen am Strand hauptsächlich der körperlichen Erbauung dienen, sind die Massagen im Ortskern eher sexueller Natur und sollen hier nicht beschreiben werden. Nur so viel: Vor ein paar Jahren war ich mit meiner Ex-Frau Eva und unserem Sohn Benjamin etwas außerhalb in einem Massagebetrieb, der einen ordentlichen Eindruck machte und typische Thai-Massage anbot. Wir also alle drei rein, Schuhe aus und auf die Liegen gelegt. Etwas verwundert war ich, dass ich mittels eines Vorhangs von den beiden anderen getrennt wurde. So gingen denn die Damen ihrer Knetkunst nach. Ich dachte an nichts Böses, als plötzlich die Hand „meiner“ Schönen in meiner Unterhose landete, um dort für etwas mehr Blutzufuhr zu sorgen. Ich bin so erschrocken, dass ich nur laut „nein, nein“ rufen konnte, was das Mädel schwer erstaunt hat. Dachte sie doch, ich hätte eine ganz andere Art des Massage geplant. Hui, da war ich aber schnell wieder draußen. Bin eigentlich nicht verklemmt, aber vor meiner Frau und meinem Sohn war mir das doch nicht so angenehm.

Sarah beim späten Frühstück

Also NORMALE Thai-Massage. Da wird man eingeölt und überall geknetet, dass es nur so kracht. Sarah beschrieb die Massage als „ziemlich erotisch“, so wie die Dame da auf ihr rumwalkte. Etwas irritierend und der Sache wenig dienlich war, dass die Profi-Masseurin ständig telefonierte oder sich mit ihren Kolleginnen unterhielt. 500 Baht kostete der einstündige Spaß, rund 12.50 Euro. Dafür bekommt man im Bad Homburger „SPA“ gerade mal die Füße benetzt.

Meine letze Thai-Massage war eine Fußzonen-Reflexmassage. Etwas, das gehörig weh tut und nur sehr leidensfähigen Männern zu empfehlen ist. Die Masseurinnen fanden ständig irgendwelche verhärteten Punkte in meinem Körper, auf denen sie rumdrückten, bis mir die Tränen kamen. Außerdem haben sie schon vor zehn Jahren behauptet, meine Leber hätte einen Schaden, obwohl sie gar nicht in die Nähe meiner Leber gekommen waren. Sicherheitshalber meide ich diese Massagen inzwischen wie die Pest. (Und meine Leberwerte waren damals wirklich etwas erhöht, das machte mir besondere Angst).

 
Die Früchte befinden sich in der Ananas

Über das Nachtleben von Nai Harn gibt es eigentlich nichts zu berichten. Es findet nicht statt. Die üblichen Animierbars mit den bekannt blutjungen Thaimädels sind weiter nördlich zu finden, Richtung Phuket Town. Ich hab damit nichts am Hut und kann daher auch nichts darüber erzählen. Ich habe zwar Freunde, die nur aus diesem Grunde immer wieder nach Thailand fahren, aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Für die Mädchen muss es eine ziemliche Zumutung zu sein, irgendwelche Ekelpakete einen Urlaub lang aushalten zu müssen, damit sie mit dem kargen Liebeslohn ihre Familien unterstützen können. Der Beruf dieser Konkubinen ist in Thailand durchaus geachtet. Auch hier Toleranz, wohin man blickt. Ich bekomme allerdings Würgereize, wenn diese alten, fetten Säcke mit kaum 18-jährigem Frischfleisch händchenhaltend von Bar zu Bar ziehen. Aber ich sollte mir keine Verurteilung anmaßen. Oder wie Sarah sagte: Wer im Porzellanladen sitzt, soll nicht mit Elefanten werfen. Ich bin ja schließlich selber mit einer 36 Jahre jüngeren Frau nach Thailand gekommen. OK, hier geht es nicht um Sex, aber das wissen ja die anderen nicht. Oft wurde Sarah gefragt, ob ich ihr Vater sei. Wenn sie das verneinte, wurde vermutet, dass wir verheiratet seien. Da das auch nicht stimmte, fragten sie nicht weiter. Wir haben uns jetzt auch Vater/Tochter geeinigt, das ist am Glaubhaftesten. Ihr Vorschlag, mich als ihren Onkel zu bezeichnen, hatte da wohl noch einen viel anzüglicheren Beigeschmack…

Obst ist gesund und günstig

Dieser Blog heißt ja Thai-Therapie, und es ist wohl an der Zeit, das etwas näher zu erklären. Das Ziel war, Sarah durch die problemlose Bewältigung einer Reise um die halbe Welt (Hin- und zurück) ein wenig mehr Selbstvertrauen zu geben. Sie sollte Gelegenheit haben, Ihre Ängste zu überwinden und Panikanfälle zu vermeiden. Gerade die relative Abgeschiedenheit dieses Urlaubsortes mit den beiden Zentren Baan Krating (Zum Wohnen) und Ao Sane (Zum Leben) boten hierfür die besten Voraussetzungen. Und das schien bisher sehr gut geklappt zu haben. Noch wollte Sarah zwar keine Ausflüge zu weiter entfernten Sehenswürdigkeiten unternehmen, aber der Radius hatte sich in den bisherigen 10 Tagen gewaltig erweitert. So waren wir auf einem kleinen Berg in der Nähe, um Klamotten zu kaufen und sogar dreimal auf einem kleinen Markt in Nai Harn.

 
Im Einkaufswahn

Sarah hat sich zweimal massieren lassen, hat eine Unmenge neuer Speisen ausprobiert, vor wildfremden Menschen durch ihre freundliche Art zu kommunizieren brilliert und hat eine innere Ruhe gefunden, die sie vorher nicht hatte. Selbst meine Nähe hat sie tapfer hingenommen (was dann auch wieder für mich spricht). Nach zwei Wochen in einem kleinen Apartment ist einem wahrscheinlich eh nichts Menschliches mehr fremd. Sarah zieht gerne spontan los und fotografiert die Schönheiten dieses Ortes. Und da ich auch viel fotografiere, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sarah auf einigen Fotos endlich mal selbst zu sehen ist (was bei Fotografen eher selten ist).

 
Zweieinhalb Generationen schöner Frauen
  1. Diese Therapie wirkte auch in die andere Richtung. Ich habe meine „Ferienarbeit“ auf das Notwendigste zurückgeschraubt und fing an, täglich mehr und mehr zu faulenzen. Andere nennen das „Urlaub machen“, aber das kannte ich so noch nicht.  Die Beantwortung der E-Mails konnte nun schon mal einen ganzen Tag dauern und selbst die Sprechaufträge wurden möglichst auf die Zeit nach dem Urlaub verlegt.

    In den letzten Tagen des Urlaubs hat sich Sarahs Radius – und damit auch meiner – ständig erweitert. So waren wir ein paar Tage später schon auf dem Phromtheb Cape, einem kleinen Hügel, von dem man den Sonnenuntergang perfekt beobachten kann. Außerdem befinden sich hier rund ein Dutzend kleiner Geschäfte mit modischem Thailand-Schnickschnack. Und da hat Sarah gründlich zugeschlagen. Da sie ihren Bikini anhatte und darüber nur ein durchlöchertes Strickkleid, konnte sie es sich ersparen, für jede Anprobe in eine enge Kabine zu verschwinden. Sie zog sich einfach mitten im Geschäft um. Nicht ein mal, nicht zehn mal, sondern gute dreißig mal in der einen Stunde, die wir dort im Kaufrausch waren. Die anderen Touristen und das Personal hatten ihre Freude…

    Nicht jedes Teil steht jedem gleich gut…

    Ein anderes Mal fuhren wir zu einer Elefanten-Trecking-Station. Leider war nur ein einziger junger Elefant anwesend, und der war auch noch angekettet und litt unter deutlichem Hospitalismus. Er schwenkte seinen Körper ständig hin und her und machte einen eher unglücklichen Eindruck. Die Bilder, die ich mit Sarah und dem Elefanten machte, entstanden unter einem sehr schlechten Gewissen, da wir solche Tierquälerei hassen und durch die Fütterung des armen Dumbos nicht hätten unterstützen dürfen. Immerhin bekam der Kleine auf diese Weise etwas zu essen. Und Sarah kann ihren Freundinnen berichten, wie sich ein Elefantenrüssel auf ihren Brüsten anfühlt… (Gute Manieren hatte das Tier nämlich nicht!).

    Sarah als Elefantendompteuse

    Wer mich kennt, weiß, dass ich so gut wie nie ins Meer gehe. Eher verirre ich mich im Swimming Pool, aber generell bekommt man ja durch´s Duschen genug Wasser ab. Im Meer beißen Fische, lauern Korallen, liegen Seeigel rum oder verbrennen einem Quallen die Beine. Ich hatte Sarah gewarnt, aber sie ging trotzdem immer wieder rein. Einmal wollte sie meine Unterwasserkamera testen. Die Aufnahmen sind auch wunderbar geworden – bis zu dem Moment, wo sie sich an einem Korallenriff den Fuß aufschlitzte. Das Meer färbte sich augenblicklich blutrot und ein gellender Schrei durchdrang die gemütliche Soundkulisse des kleinen Strands am Baan Krating. Sarah vergaß, die Kamera abzuschalten, so dass man später ihren Fluchtweg rekonstruieren konnte. Sie kreiselte dabei eher wie ein Propeller auf der Oberseite des Wassers als dass man dies Schwimmbewegungen hätte nennen können. Aber die wohl als Notprogramm fest im Menschen verankerte Fortbewegungsweise führte zum Erfolg. Sarah entwich den Korallen und tauchte wohlbehalten, aber blutend wieder aus dem Wasser auf.

     
    Sanitäter! Sanitäter!

    Der Schnitt – etwa zwei Zentimeter lang – klaffte ein wenig auseinander, aber die Blutung wurde schnell gestoppt. Das Salzwasser selbst fungiert ja gut als Desinfektionsmittel. Sarah spürte keinerlei Schmerzen. Erst am Abend fing die Wunde wieder an zu brennen. Aber Sarah kannte ein altes Hausmittelchen: Zur Desinfektion kleiner Wunden eignet sich hervorragend URIN, und zwar der eigene. Der ist steril und räumt mit Bakterien zuverlässig auf. Die Details der Anwendung hat Sarah allerdings für sich behalten.
    Wikipedia schreibt übrigens über Eigenurinbehandlungen: Eigenurinbehandlungen gelten aus wissenschaftlicher Sicht als bestenfalls wirkungslos. Falls Personen mit ernsthaften Erkrankungen (wie Diabetes mellitus) statt einer wirksamen ärztlich verordneten Therapie eine Eigenharnbehandlung durchführen, drohen unter Umständen gefährliche Folgen aus der unterlassenen Behandlung der ernsthaften Erkrankung.

    Neulich hatten wir schon wieder Besuch im Bungalow. Es war schon wieder eine Kakerlake, die wohl nach ihrem Verwandten Ausschau hielt, der immer noch – vom Reinigungspersonal unentdeckt – unter dem Regalbrett auf dem Boden lag. Als Sarah ins Bad kam, krabbelte die Wanze gerade über meinen elektrischen Rasierapparat. Sarah warf sofort ein Handtuch darüber und brachte beides – Rasierer und Handtuch – zur Toilette, in die das Vieh getaucht werden sollte. Leider hatte die Kakerlake andere Pläne und sprang Sarah auf den Unterarm. Auch diesen Schrei hörte man meilenweit. In ihrer Panik schüttelte sie nicht nur die Kakerlake ins Klo, sondern meinen Rasierer gleich noch mit.

    Da Sarah dachte, das Gerät sei locker einige hundert Euro wert (war es aber nicht, gibt’s bei Aldi für 17.95 Euro), überwand sie ihren Ekel und fischte ihn wieder aus dem Klo heraus. Danach wusch sie ihn gründlich ab und reinigte ihn noch mit einem Brillenputztuch. Letzteres war überflüssig, da ich selten durch meinen Rasierer hindurch schaue. Wie auch immer, das Teil war gerettet und funktionierte auch noch einwandfrei, da es ohnehin ein wasserdichter Apparat war. Ich habe ihn dann sicherheitshalber doch noch mal auseinander genommen und gründlich gereinigt. Ein paar Tage später hat Sarah ihn nochmal runtergeworfen. Dann war er allerdings wirklich kaputt…

    Nachdem wir im Ao Sane von dem kostengünstigen Frühstück im Baan Krating berichtet hatten, stieg dort der Anteil der Fremdgäste von Tag zu Tag. Heute waren es schon ZEHN Ao San-Gäste, die so lange aushielten, bis das Buffett wirklich bis zum letzten Bissen leergeräumt war. Bezahlt wurde bar ohne Quittung und ohne Bedienungsgeld oder Steuern, die üblicherweise im Hotel anfallen. Wir vermuteten mal, dass sich die Angestellten mit dem Geld einen kleinen Bonus aufbauten. Den hatten sie auf jeden Fall auch verdient, da der Service im Baan Krating (und natürlich auch im Ao Sane) einfach hervorragend war. Bestimmt wurden die übrig gebliebenen Lebensmittel ansonsten eh vernichtet.

Stefan, kurz vorm Ausstechen seines rechten Auges

Hier noch ein paar Bemerkungen über die Bewohner vom Ao Sane während unseres Urlaubs:
Christoph, der Osteopath aus Rosenheim, hatte einen privaten Ausflug nach Phang Nang organisiert, wo es z.B. das berühmte „James Bond-Island“ zu besichtigen gibt. In irgendeinem Bondfilm mit Sean Connery fliegt ein Motorboot auf einen Strand – und das ist genau dort gedreht worden. Christoph hatte seine Frau Gloria und Helga, die Frau vom verstorbenen Heraldo, mit auf die Reise genommen. Alles mit Mietwagen und privat gemietetem Longtail-Boot. Muss sehr romantisch gewesen sein. Leider auch sehr sonnenreich. Als die drei abends zurück ins Ao Sane kamen, brauchte man keine Lampen mehr, so haben die geleuchtet. Bei Christoph hatte sich das Rot aber ganz schnell in eine dunkle Bräune verwandelt, um die ihn jetzt viele beneiden. (Mich eingeschlossen. Ich muss der Sonne endlich mal eine Chance geben!)

Als Arzt ist man am Ao Sane übrigens ein gefragter Mann. Ständig musste Christoph irgendwelche Füße abtasten oder wichtige Ratschläge geben. Natürlich ohne AOK-Karte und ohne Handwerkszeug. Seine Frau Gloria arbeitet als Sekretärin.

Aus Dänemark kam ein Stammgast, den ich auch schon viele Jahre kenne. Er war früher so etwas wie der Karl-Heinz Köpke der „Tagesschau“ – der Anchorman der dänischen Nachrichten. Sein zu Besuch weilender Freund war ein bekannter Sänger und Gitarrist, der uns stolz seine neueste Produktion zeigte: Verschiedene alte Titel von George Harrison, neu interpretiert von ihm, gesungen von seiner Tochter und vermarktet von seiner Frau. Am Wochenende nach unserem Abflug sollte er ein Konzert in Phuket geben.

Auf einen Longdrink im Yacht Club

Der norwegische Schriftsteller, der inzwischen einen neuen Laptop hatte, entpuppte sich als Bestsellerautor, obwohl ich noch nie was von ihm gelesen habe. Nun gut, vielleicht sind seine Bücher gar nicht ins Deutsche übertragen worden.

Stefan aus Nürnberg reist wohl sehr viel durch die Welt, seit er wieder Single ist und verbringt die Nächte auch gerne mal in den diversen Nachtclubs der Insel. Allerdings ist sein Urteil vernichtend: Nachts um zwei sähe man nur noch Verstörte. Besoffene Irre, drogenabhängige Fixer, widerlich runtergekommene Gestalten ohne einen Funken Anstand und die entsprechenden weiblichen Gegenstücke aus Thailands tiefster Schicht. Warum er die nächtlichen Kneipenbesuche dann doch noch regelmäßig durchführt, erschließt sich mir dann nicht ganz. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich…

Wer gerne Kakerlaken isst, kommt in Thailand voll auf seine Kosten
Da auch in Thailand jeder Tag 24 Stunden hat, verteilen sich Highlights des Urlaubs auf einige wenige Events. Dazwischen legt man sich ziemlich häufig auf´s Ohr, schläft hier ein Stündchen, ruht da eine Weile und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Wenn man nicht schläft, isst man. Und abends trinkt man noch dazu. Dann schläft man wieder. Eigentlich ganz einfach, so ein einfaches Leben in der einfachen Natur.

Der Schlaf der Gerechten

Habe ich schon über das Wetter geschrieben? Das Wetter ist konstant wunderbar. Tagsüber 31-32 Grad, abends auf 26 Grad abkühlend. So warm ist leider auch das Wasser, zumindest am Strand. Aber das Meer meiden wir ja inzwischen beide…

Der Wind säuselt leise um uns herum und lässt uns auch die größte Hitze ertragen. Bisher hat es nur drei mal für kurze Zeit geregnet. Einmal fing es ausgerechnet in der Minute an, in der Sarah mitten in der Nacht an den Strand gehen wollte. Sie hat dann zwei Stunden in der Rezeption warten müssen, bis der Regenguss beendet war.

Im Hintergrund sieht man den Sturzbach aus der Decke plätschern

Ein paar Tage später ging abends ein weiterer Regenguss runter, während wir am Ao Sane am „Narrentisch“ saßen und gerade mit dem Essen fertig waren. Das Dach ist nicht sonderlich dicht, so dass wir alle ganz schön bedröppelt aussahen. Nach ein paar Runden „Wer wird Millionär“ auf dem iPad war das aber ganz schnell wieder vergessen. Millionär sind wir leider nicht geworden.
Der dritte Regen bestand nur aus ein paar Tropfen, die man gar nicht erwähnen sollte.

Infolge Sarahs Ängsten haben wir leider nicht sehr viele Sehenswürdigkeiten dieser Gegend besucht. Erwähnt seien der Riesenbudda, der ca. 30 Meter hoch auf dem Gipfel eines Berges steht, diverse Tempel, deren Besichtigung sich immer wieder lohnt, die Stadt Phuket an sich, das Aquarium mit den vielen Haien, die unglaublichen Einkaufszentren, die Nachbarstadt Patong und und und…

Aber ehe wir uns versahen, stand die Abreise vor der Tür. Da der Flug morgens um 9.35 Uhr ging, mussten wir sehr früh aufstehen. Deshalb ging unser letzter Abend am Ao Sane auch sehr früh zu Ende. Um 22.00 Uhr trotteten wir in unseren Bungalow, um die bereits gepackten Koffer zu verzurren. Lediglich das Waschzeug musste am nächsten Morgen noch eingepackt werden. Vor Mitternacht kamen wir irgendwie nicht zur Ruhe – und als um 5.00 Uhr der Wecker klingelte, war ich kurz davor, eine Woche dranzuhängen…

Um 5.40 verließen wir Baan Krating bei tiefer Dunkelheit. Das Autochen hatte jetzt rund 350 Kilometer mehr drauf, aber der Tank war fast leer. Auf dem Weg zum Flughafen musste ich ihn ohnehin wieder volltanken. Um kurz vor sieben waren wir am Flughafen. Die AVIS-Mitarbeiter begannen gerade ihren Dienst, als ich in ihr Büro eintrat. Die Rückgabe verlief schnell und unkompliziert. Danach die üblichen vielen kleinen Steps für Sarah: Einchecken, Passkontrolle, Gepäckkontrolle, warten, Boarding, 13,5 Stunden fliegen, ankommen, Passkontrolle, Zollabfertigung, Taxifahrt, ENDE.

Das Fazit:
Nach dem zehnten Mal in Nai Harn zieht es mich die nächsten Jahre wohl eher wieder an andere Ziele. Es gibt auf dieser Welt noch soviel zu sehen. Und ob ich mir noch mal eine Begleiterin mitnehme, steht auch in den Sternen. Wenn ja, muss doch so etwas wie eine Beziehung zwischen uns bestehen. Dazu kommt man sich einfach zu nah. Und wenn man sich dann nicht nahe kommen kann, ist das Ganze ziemlich enttäuschend. Wieder was gelernt.

 

Mit der Titanic in die Türkei

  1. Ein mehrseitiger Prospekt des Reiseunternehmers RSD („Reiseservice Deutschland“) fiel aus der Zeitschrift Titanic. Unter der Schirmherrschaft von niemand geringerem als dem TV-Journalisten Dieter Kronzucker warb das Unternehmen für eine Studienreise von Istanbul bis runter nach Antalya. Im Reisepreis eingeschlossen wären Flug, Transfer, Busreise, Reiseführer, sieben Übernachtungen und eben so viele Frühstücke. Ich schreibe den Preis jetzt nochmal hier hin: Der ganze Spaß sollte nur NEUNUNDNEUNZIG Euro kosten! Da fragt sich doch jeder: Wie soll das denn gehen? Die Antwort vorab: Es geht natürlich nicht. Es geht ganz und gar nicht. Es ist um ein Vielfaches teurer, aber dennoch als preiswert und vor allem „den Preis wert“ zu bezeichnen.

    Lecker Döner in Istanbul

    Doch der Reihe nach. Nachdem sich Dagmar sofort bereit erklärt hatte, mit mir diese Reise zu testen, habe ich bei „RSD“ angerufen. „Guten Tag, werter Titanic-Leser. Was kann ich für Sie tun?“ Angesichts der Aussicht, sieben Tage mit intelligenten Satire-Liebhabern und derer geschliffenen Konversationen zu verbringen, bat ich um zwei Plätze für je 99.- Euro. Nun stellte sich zunächst mal heraus, dass die 99.- Euro-Plätze „leider, leider“ schon ausverkauft seien. Frei waren nur noch diverse Termine, die für mich sehr ungünstig lagen und auch deutlich teurer waren. Je fortschreitender Kalenderwoche erhöhte sich nämlich der Preis ein wenig. Außerdem gab es Zuschläge auf bestimmte Termine und Abflughäfen. Um meine Arbeit nicht zu sehr im Stich zu lassen, wählte ich die Woche über Ostern (von Mittwoch bis Mittwoch). Die kostete jetzt schon 330.- Euro, was aber angesichts der zu erwartenden Leistungen immer noch als günstig zu bezeichnen war.

    Die Reiseunterlagen kamen wenige Tage vor Beginn der Reise. Es machte mich zwar ein wenig stutzig, dass die RSD-Werbung nun auch im Spiegel erschien, aber das war ja aus intellektueller Sicht kein Manko. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass der Prospekt aus so ziemlich jeder regelmäßigen deutschen Publikation fiel, einschließlich jeder besseren Hundezüchterzeitung, wäre ich vielleicht noch abgesprungen. So aber: Mut wird belohnt! 330.- Euro für die oben erwähnten Leistungen ist absolut unschlagbar, selbst in der Wintersaison.

    Inmitten der Hagia Sophia

    Und der Winter spielte uns ja in diesem Jahr wirklich übel mit. Minus zwei Grad waren es, als wir von unsrem Freund Eddie morgens um fünf abgeholt wurden, um uns zum Flughafen bringen zu lassen. Danke nochmals für diese heroische Leistung!

    Um pünktlich 7:45 Uhr stieg der Airbus A 320 auf. Das ganze Flugzeug war von RSD gechartert worden, so dass wir schon mal zwei Stunden Zeit hatten, uns unsere künftigen Gesprächspartner näher anzusehen. Vielleicht lag´s am frühen Morgen, vielleicht an meiner fehlenden Sensibilität, aber Titanic-Leser konnte ich beim besten Willen nicht ausmachen. Oder sie hatten sich sehr gut verstellt.
    In Istanbul wurden wir dann auf sechs verschiedene Busse aufgeteilt. „Aha“, dachte ich mir, „die Zuordnung der Passagiere findet erst jetzt statt.“
    Tat sie aber nicht. Vielleicht waren wir im falschen Bus oder es war kein einziger Titanic-Leser auf den Prospekt hereingefallen. Da man sich das Alter eines Satireblatt-Lesers nicht sonderlich gut vorstellen kann (lesen junge Leute überhaupt noch?), fand ich es nicht befremdlich, dass fast alle Mitreisenden der Generation 60+ angehörten. Gerade mal zwei Teenies fielen in dem Graukopfgewirr positiv auf. Wir die wohl hier reingeraten waren? Erschreckend auch die hohe Anzahl an Studienräten, die sofort an Cordhose (Mann) oder praktischer grauer Kurzhaarfrisur (Frau) zu erkennen waren. Immerhin hatten wir – dank einheitlicher Osterferien – viele deutsche Zungen an Bord: aus Franken, aus Schwaben, aus Saarbrücken und aus Hessen natürlich. Hochdeutsch sprach so gut wie niemand.
    Istanbul bei Nacht
    Doch, der Reiseleiter. Der sprach ein ausgesprochen gutes Deutsch. Hatte er in der Schule gelernt. Außerdem war er mit seinem Vater des Öfteren in Deutschland. TUNC hieß er, wobei man sich bei dem „C“ einen kleinen Haken unten dran denken muss, sodass man seinen Vornamen wie „Tunsch“ ausspricht. Der Nachname ist in der Türkei nur für Behörden von Interesse. Tunsch (ich schreibe ihn jetzt weiter so, um nicht zu verwirren und weil ich das Sonderzeichen auf meinem Laptop nicht finden kann…) zählte uns ab (insgesamt bis zum Ende der Reise gefühlte tausend Mal) und stellte sich vor. Ein typischer türkischer Macho – das war der erste Eindruck. Glatze, dicke Silberringe, sehr teure und modische Kleidung, exquisite Accessoires, dicke Tätowierung am Unterarm, ein Gang wie ein Seemann und ober-ober-ober-ober-cool. Optisch sah er ein bisschen aus wir der kleine Bruder vom Kölner Tatortkommissar Schenk. Als Türsteher würde er sich auch perfekt machen.
    Aber – wie so oft täuscht der erste Eindruck: Der Mann war gebildet, hatte Germanistik studiert und dann aus pekuniären Gründen in den Tourismus gewechselt. Was man ihm hoch anrechnen musste: Er hat uns die Türkei aus einer sehr westlichen Sicht vorgestellt, die den meisten Deutschen eher unbekannt sein dürfte. Die Vorstellung der meisten Deutschen resultiert aus durchaus oft grenzwertigen Erlebnissen mit türkischen Gastarbeitern. Die Türkei – jedenfalls, das, was wir gesehen haben -, ist eine hochmoderne Nation mit sehr demokratischen Ansichten. Auch wenn die derzeitige Regierung innerhalb der zehn Jahre, in denen sie jetzt regiert hat, versucht, der Bevölkerung eine konservativere Ansicht aufzudrücken, so werden diese vom Volk nicht umgesetzt oder anerkannt. Zumindest in den Großstädten (und den Tourismuszentren) läuft keine Frau mit Kopftuch rum. Das Gejaule aus den Lautsprechern der Moscheen blendet unser Gehirn schnell weg – außer morgens um halb fünf. Ist mir eh ein Rätsel, wer da schon aufsteht, um zu beten…
    Trümmerreste aus Troia
    Tunsch erklärte also im Bus den Reiseverlauf. Dann sprach er davon, dass es ratsam wäre, ein oder zwei Zusatzprogramme zu buchen, um wirklich in den vollen Genuss der Reise zu kommen. Denn wie wir ja wussten, waren bisher das Mittag- und Abendessen nicht im Preis enthalten. Um nun wenigstens das Mittagessen zu erhalten, sollten wir die Bosporus-Flussfahrt mit buchen. Das wäre ohnehin sehr empfehlenswert, weil aufgrund der Verkehrssituation in Istanbul die Busfahrt sonst drei bis vier Stunden dauern könnte. Also gut, warum nicht. 150.- Euro für sieben Mittagessen und eine Flussfahrt ist da ein fairer Preis. Ach ja, wenn man auch die Eintrittskarten zu den ganzen Sehenswürdigkeiten haben möchte, sollte man das Zusatzpaket zwei wählen, das außerdem acht Abendessen enthielt. 158.- Euro. Wer beide Pakete nimmt, zahlt 258.- Euro. Gebongt. Wie man eine Studienreise durchstehen soll, ohne Eintritt zu den Sehenswürdigkeiten zu haben, hat sich mir allerdings nicht ganz erschlossen. Aus den 99.- Euro waren jetzt schon 588.- Euro geworden.
    Tunsch verkaufte die Zusatzpakete so routiniert, dass absolut alle den Zusatzkosten zustimmten.

    Der Bus legte an der Bosporus-Brücke an und wir bestiegen eins der üblichen Ausflugsschiffe. Abreise war erst, als alle sechs Busse angekommen waren und die insgesamt 200 Passagiere einen Platz gefunden hatten. Inzwischen war es ca. 14.00 Uhr nachmittags und wir hatten gewaltigen Hunger. Um so dankbarer waren wir, dass Bedienstete des Schiffes warmes Käsebrot und Tee austeilten. Während Tunsch uns die Stadt erklärte, kamen wir ins Gespräch mit einem pensionierten Studienrat, der seine Landkarten aus dem ersten Gipskrieg mitgebracht hatte und von uns wissen wollte, wo jetzt eigentlich das „Goldene Horn“ sei? Google-Maps konnte das Problem schnell lösen. Die kleine Auskunft (und ein paar Mails) veranlassten die Deutsche Telekom allerdings, mich darauf hinzuweisen, dass mein Datenvolumen mittlerweile auf 40.- Euro angewachsen sei. Erschrocken stellte ich mein iPhone ab. Die Käsebrötchen und der Tee kosteten zu allem Überfluss dann auch noch 11.- Euro. Ein paar Mutige, die am helllichten Tag bereits RAKI in sich reinschütteten, mussten noch einiges mehr zahlen. Nun war uns klar, dass unsere beiden Zusatzpakete erst am Abend im Hotel beginnen würden.

    Stalagmiten und Stalagtiten, wo man hinschaut
    Und das war einfach toll. Das Hotel. Nur unsere Gruppe wurde hier eingecheckt. Keine weiteren Gäste. Ein kleines Stadthotel namens Listana hat uns mit dem Tag und den ganzen Zusatzkosten versöhnt. Tolles Zimmer, WLAN so schnell wie bei mir zu Hause, wunderbares Essen (serviert, kein Büffet!) und sehr freundliches Personal. Nur die Getränke gingen (natürlich) extra. Wir saßen an einem eigenen Tisch, die anderen vorsichtig belauernd. Wie ein Titanic-Leser sah da niemand aus. Der Herr Kronzucker hatte sich auch bisher noch nicht vorgestellt.
    Am nächsten Tag wurden wir um halb sechs geweckt. Und das sollte so in etwa jeden Tag die Zeit sein, an der man uns aus dem Bett schmiss.
    Ich erspare es mir jetzt, die ganzen touristischen Höhepunkte aufzuzählen, die wir nun jeden Tag zu sehen bekamen. Zum einen habe ich die meisten Namen schon wieder vergessen, zum anderen interessiert das jetzt nicht in diesem Blog. Man kann das wunderbar bei Wikipedia nachlesen oder Dagmar fragen. Wie immer, hat sie jedes Detail für immer gespeichert. Nur so ein paar Stichworte: Wir waren Troia (das Troianische Pferd hatte leider gerade eine Auszeit in der Werkstatt), wir haben den Taurus überquert, Antalya besichtigt und eine Unmenge kaputter Steine bestaunt. Das Fazit ist entscheidend: Es hat alles unglaublich gut funktioniert! Die Hotels hatten 4 oder 5 Sterne, das Essen war lecker, gesund und ausgewogen. Die Frühstücksbüffets waren ein Traum. Alle, ich betone ALLE Menschen um uns herum waren immer sehr freundlich und hilfsbereit. Tunsch verkürzte uns die teilweise längeren Fahrzeiten mit sehr unterhaltenden Geschichten. Besonders gelacht haben wir über seine Schilderung des türkischen Alltags.
    Die Frau steht sehr früh auf und räumt die Wohnung auf. Vielleicht waren am Vorabend Gäste da oder man hat etwas Raki getrunken. Dann weckt sie die Kinder, wäscht sie, macht ihnen Frühstück und sorgt dafür, dass sie in die Schule kommen. Nun darf auch ihr Mann aufstehen. Sie reicht ihm das Handtuch beim Waschen und lässt ihn in Ruhe frühstücken. Dann kümmert sie sich um ihren Haushalt, während der Mann ins Kaffee geht, um zu philosophieren. Das heißt, er liest die aktuellen Zeitungen und tauscht mit seinen Freunden Meinungen aus. Dazu trinkt man ein paar Tassen Tee, raucht die eine oder andere Zigarette und geht dann zum Mittagessen nach Hause. Der Nachmittag gestaltet sich ähnlich. Das soll nun nicht heißen, dass der Mann nichts zu tun hat. Er entscheidet die wirklich wichtigen Dinge, also welche Partei gewählt wird oder welches Fernsehprogramm man sieht.
    Das war wohl mal ein riesengroßer Tempel
    Dieser Vortrag – mit der tiefen und abgeklärten Stimme unseres Reiseleiters – kam besonders gut an. Wir kennen inzwischen seine ganze Familiengeschichte. Seine erste Frau war wohl zu emanzipiert, die zweite ist gerade noch so akzeptabel (was ihre Emanzipation betrifft). Als wir in Antalya ankamen, haben wir sie sogar gesehen: Eine sehr schöne Frau mit kleinem Baby. O-Ton Tunsch: „Es ist zwar ein Mädchen, aber heutzutage ist es doch die Hauptsache, dass es gesund ist. Man denkt inzwischen anders in der Türkei.“ Aja.
    Unser letztes Hotel in Belek (nähe Side) stand vor zwei Jahren noch ganz allein in der Landschaft. Inzwischen hat das 2000-Betten-Monstrum eine Menge Konkurrenz zu erwarten. Rings herum wird gehämmert und gebaut, dass es ein Graus ist. Unser Fünf-Sterne-Hotel hat sich den Namen redlich verdient, was Unterbringung und Essen betrifft. Am letzten Tag haben wir jede übrige Mark hier in irgendwelche T-Shirts oder Handtaschen gesteckt. Natürlich nur, um den Einzelhandel zu stützen.
    Die Bretter, die die Welt bedeuten, waren früher aus Stein
    Bei drei anderen Pflichtbesuchen waren wir aber standhaft. Tunsch hatte uns schon mehrfach darauf hingewiesen, dass man eine solche Reise zu diesem Preis, die bei „Studiosus“ oder „Dr. Tigges“ nicht unter 3500.- Euro zu bekommen ist, ein paar Abstriche machen muss. Abstriche nicht hinsichtlich der Unterbringung, des Essens oder der Reiseleitung. Es handelt sich um dieselben Busse (Mercedes, Baujahr 2003), dieselben Reiseleiter und auch dieselben Hotels. Billiger wird es, weil die Hotels oft auf die Übernachtungskosten verzichten, um ihr Hotel im Winter nicht schließen zu müssen. Da bringen die Getränke das Geld. Es wird billiger, weil das Kulturministerium ein paar Euro dazugibt, um die Angestellten in den Hotels zu halten und es wird billiger, weil der RSD die Touristen zu den verhassten Verkaufsshows karren muss. Da geht es um Leder, Gold oder natürlich Teppiche. Jeder Verkaufsstop kostet Zeit. Allein die Teppichshow hat uns drei Stunden unserer Lebenszeit gekostet. Es war wirklich eine Verkaufsshow allerbester Güte. Kein Hollywoodregisseur hätte das besser hinbekommen. Wie bei einem Feuerwerk rollten die Mitarbeiter Dutzende von Teppichen aller Größen, Farben und Designs auf. Der Vortrag des charismatischen Chefs brachte uns fast dazu, über einen neuen Teppich nachzudenken. Damit hätten wir Arbeitsplätze auf dem Land gesichert und der Landflucht entgegengewirkt. Die Knüpferinnen sind nämlich wie bei einer Aktiengesellschaft am Umsatz beteiligt. Ich habe trotzdem keinen Teppich gekauft, auch wenn mein Facebook-Eintrag zu diesem Thema den Schluss nahelegen könnte, dass ich zukünftig meine Toiletten mit Seidenteppichen auslegen werde. Schlimm war dagegen die Lederverkaufsshow am nächsten Tag. Man wollte den Eindruck erwecken, dass die Jacken und Mäntel in diesem Hause hergestellt würden, dabei handelte es sich lediglich um eine Verkaufsagentur. Eine Jacke, die anfangs 1600.- Euro kosten sollte, landete am Schluss bei 400.- Euro. Wir soll man bei einem solchen Preisverfall innerhalb kürzester Zeit noch Vertrauen in diese Firma haben? Bei der ähnlich funktionierenden Gold & Silber-Verarsche haben wir uns gleich ausgeklinkt, weil ich mich mit ein bisschen Fieber rausreden konnte.
    Links – das ist Tunsch, unser Reiseleiter alias Schenk Junior.
    Tja, erkältet waren wir wohl alle. In Deutschland – 2 Grad, in Antalya 25 Grad. Zwischendurch diverse Klimaanlagen und viele hustende und niesende Menschen.
    Kurz vor der Abreise ein weiterer Grund, warum die Kosten so günstig waren: Wecken um Mitternacht, Abfahrt zum Flughafen um 1.00 Uhr, Abflug um 4.05 Uhr.

    Unser Fazit: Wenn man ein paar Abstriche macht und sich nicht zu fein ist, auch mit Menschen aus weniger intellektuellen Kreisen umzugehen, ist diese Reise ein durchaus akzeptables Angebot.

Kuba – Auf den Spuren von Che Guevara

Che Guevara – wäre die Paraderolle für meinen Freund Wojo van Brouwer 

Ich habe kein Internet!

Ich habe kein Internet!

Ich habe kein Internet!

Und egal, wie oft ich das jetzt noch hier hin schreibe – es wird sich nichts daran ändern. Die nächsten beiden Wochen bin ich definitiv von der Außenwelt abgeschnitten.

Schluss mit „Facebook“; weder „Skype“ noch „What´s upp“; keine Sonderangebote von Pearl, GroupOn oder Conrad electronic, nicht einmal die Frankfurter Rundschau gibt’s zum Frühstück. Und wer weiß, ob es die überhaupt noch gibt, wenn ich aus Kuba zurückkomme.

Wie konnte das passieren?

Es fing damit an, dass Dagmar und ich beschlossen, zum Jahreswechsel nach Kuba zu fliegen. Silvester mit dem Buena Vista Social Club, Cuba libre bis zum Abwinken, 30 Grad im Schatten und feinstes karibisches Essen.

Neckermann machte es möglich – und so flogen wir am 29.12.2012 mit Condor nonstop nach Varadero. Dort wollten wir aber gar nicht hin, aber nach Havanna gab es leider keinen Flieger mehr. Also haben wir uns nach 11,5 Stunden Flug noch weitere zweieinhalb Stunden in einen Minibus gezwängt, dessen Federn schon vor langer Zeit ausgebaut worden sein mussten. Gegen Mitternacht (Ortszeit, was ziemlich genau sechs Uhr morgens zuhause entspricht) erreichten wir unser Hotel „DEAUVILLE“. Ein 15 Stockwerke hoher Kasten direkt am Atlantik, der ob seiner blauen Farbe und der doch sehr schmalen Grundfläche von weitem zu sehen ist. Es war Samstag Nacht und die Bude brummte. Disco im Haus, Bar überfüllt, junge Mädels auf der Suche nach dem Mr. Right, Touristen auf der Suche nach der Miss Night. Und ich war müde! (Und ohnehin längst aus dem Rennen…)

Blick aus dem siebenten Stock auf den Atlantik

Das Hotel muss direkt nach der Eröffnung sehr schön gewesen sein. Seitdem sind allerdings ein paar Jahrzehnte vergangen und nicht nur der Lack ist abgeblättert. Unser Zimmer liegt im siebten Stock, aber der Fahrstuhl öffnet sich nur im sechsten oder achten Stock. Der siebte klemmt. Nun gut, damit kann man leben. Auch, dass unsere Badezimmertür aufgrund eines fehlenden Schlosses nicht zu schließen ist und infolge irgendwelcher Schwerkraftgesetze stattdessen immer wieder handbreit aufgeht, gehört zu den Unwägbarkeiten des Alltags in Kuba. Schwerer wiegt dann schon, dass man uns kein warmes Wasser gönnt, obwohl auf einem Schild vor heißen 50 Grad gewarnt wird. Definitiv kein Hotel für Warmduscher. Dafür wird man mit einem geilen Blick über die Küste belohnt. Ein wilder, peitschender Ozean tut sein bestes, die letzten noch stehenden Prachtbauten mit seinem Salzwasser zu zersetzen. Ungefähr jedes dritte Gebäude droht zusammenzufallen. Es wäre vermutlich schon lange kein einziger Bau mehr übrig, wenn die Regierung nicht mit vielen Hilfsgeldern aus der ganzen Welt (natürlich außer den USA) versuchen, würde, den Verfall aufzuhalten.

Da Dagmar und ich sich selbst sehr dem Verfall nähern, machen wir erstmal die Augen zu und pennen sieben Stunden am Stück.


 

DER ERSTE TAG

Somit stehen wir um sieben wieder auf. Draußen ist es recht bewölkt und sehr windig. Daran wird sich den ganzen Tag nichts ändern. Die 30 Grad, mit der meine Wetter-APP geprahlt hat, sind eine glatte Lüge. 18-20 Grad sind es höchstens, und das auch nur in der Sonne. Im Schatten pfeift der Wind so kalt, dass es einen fröstelt.

Wir ziehen uns ein für kubanische Verhältnisse sehr umfangreiches Frühstück rein, trinken dazu einen schrecklichen Kaffee und machen uns dann auf die Suche nach einer Geldwechselstube. Es ist Sonntag, by the way. Brav folgen wir der Wegbeschreibung der Dame an der Rezeption, finden aber weit und breit keine Wechselstube. Auffällig ist, dass kaum Autos auf den Straßen unterwegs sind. Und wenn doch, sind rund ein Drittel davon bekanntlich schon 50-60 Jahre alt und kommen aus den USA. Ein weiteres Drittel sind russische Ladas aus allen Jahrzehnten. Das letzte Drittel – die etwas neueren Wagen sind meist Taxen oder Mietwagen und von Hyundai, Peugeot und VW. Vor unseren Augen platzt einem dieser Uralt-Karossen (so schön sie auch aussehen, so kaputt sind sie leider) ein Reifen. Auf der Felge rutscht die Karre rund 50 Meter weit, bis sie stehen bleibt. Die Fahrgäste steigen kreidebleich aus und suchen das Weite. Der Chauffeur wird ´ne Weile brauchen, ein Ersatzrad samt Reparatur der Hinterachse zu organisieren.

Alte Autos ohne Ende

Was außerdem sofort auffällt: Es gibt keine Werbeplakate! Keine Coca-Cola-Werbung, keine rauchenden Cowboys, keine Werbung für irgendwas. Keinerlei Leuchtreklame oder zuckende Neonschilder. Höchstens ab und zu ein paar kluge Worte von Che oder Fidel, aber auch die muss man mit der Lupe suchen.

Da ich ja schon mal in Kuba war, finde ich auf Anhieb die Altstadt wieder, also den Teil der kubanischen Hauptstadt, für den es vor allem sich lohnt, die Stadt zu besuchen. Im Zentrum, an der großen Kathedrale, tummeln sich schon die ersten Touristen sowie die fein rausgeputzten Darsteller kubanischer Großgrundbesitzer, die sich gerne gegen Kohle ablichten lassen. Alle haben dicke Zigarren im Mund, selbst die Frauen. Mich wundert allerdings, dass diese Zigarren gar keinen Rauch absondern, obwohl sie so aussehen, als wären sie angezündet. Wahrscheinlich sind sie aus Holz.

Wir haben Durst, aber kein Geld. Die angekündigte Wechselstube haben wir wohl übersehen und die Banken haben sonntags geschlossen. Also fragen wir in einem der vielen Hotels, die sich in der Altstadt befinden, ob man uns Geld wechseln könnte. Die Antwort ist ein glattes nein, aber genau gegenüber wäre doch eine Wechselstube. Und dann fällt es uns wie Schuppen aus den Haaren: Der Menschenauflauf gegenüber sind gar keine Touristen, sondern Wechselkunden, oder wie man das nennen soll…

Die Schlange vor dem offiziellen Wechselbüro ist gut 20 Meter lang, wird aber relativ schnell abgearbeitet. Zum Wechseln der Euroscheine muss man als Tourist einen Pass vorzeigen (eine Fotokopie wie in unserem Fall reicht allerdings auch). Dann wird sorgfältig notiert, wie viel Geld der wohlfeile Herr Ehrhardt und die ebenso wohlfeile Frau Glenk denn nun eingewechselt bekommen haben.

Das mit dem Geld ist in Kuba ein bisschen komplizierter als im Rest der Welt. Kuba ist eigentlich ein sehr armes Land. Und wenn man den Touristen das Leben genau so günstig anbieten würde wie es das Einkommen des gemeinen Kubaners zulassen würde, wäre Kuba von Schmarotzern längst aufgefressen worden. Also hat man eine zweite Währung eingeführt, die (eigentlich) nur für Touristen gilt. Sie heißt CUC, und ist genau 24 mal mehr wert als der einheimische kubanische Dollar (CUB). So rennt also jeder Kubaner alle paar Tage zur Bank und tauscht seine inzwischen „verdienten“ CUCs in CUBs. Im Gegensatz zum Touristen bekommt er seine Lebensmittel nur auf Schein, dafür aber eben sehr günstig. Angeblich muss kein Kubaner hungern. Steuern zahlt er auch keine und sein Haus oder seine Wohnung hat ihm der Staat geschenkt! Alle verdienen mehr oder weniger gleich viel (oder gleich wenig), was in der Realität zu einer großen Zufriedenheit der Mehrzahl der Bewohner geführt haben soll. Nun kann man ja denken, dass jeder Kubaner, der auf irgendeine Weise an die CUCs kommt, dafür 24 mal so viele CUBs bekommt und demnach förmlich im Geld schwimmen müsste. Tatsächlich bezahlt er aber dafür, irgendein kleines Geschäft führen zu dürfen, gründliche Lizenzgebühren an den Staat. Ein Zimmervermieter muss beispielsweise pro Zimmer 150.- CUCs Lizenz pro Monat zahlen – egal, ob jemand in seine Datsche einzieht oder nicht. Und der Kneipier zahlt nicht nur viel höhere Lizenzen, sondern auch den Einkauf der teuren Spirituosen, die ihm die Touris dann wegtrinken. Für CUBs bekommt er nichts Gescheites. Es ist also alles so ähnlich wie in der ehemaligen DDR. Nur gegen die entsprechende Währung bekommt man alles. Eine Menge ökonomischer Neuerungen, die Fidel Castros Bruder Raoul eingeführt hat, ermöglichen den Kubanern inzwischen also kleinere Geschäfte auf eigene Kasse. 225 Berufe dürfen die Kubaner inzwischen auf eigene Rechnung ausüben. Vom Friseur bis zum Taxifahrer. Bis Ende 2014 will die Regierung 200.000 Bürger „verselbstständigen“. Es geht aufwärts, heißt es. Mal sehen, ob wir das verifizieren können. Für die Kubaner stirbt die Hoffnung zuletzt.

Der Zahn der Zeit nagt langsam am Eingemachten

Durch Zufall haben wir die Hauptstraße der Altstadt gefunden und taumeln ziellos in und her. Im „CAFÉ PARIS“ dann endlich ein richtiger Kaffee. Ein leckerer Capuccino bringt uns wieder auf die Beine. Eine halbe Stunde später entdecken wir vor dem „CAPITOL“, das ist eine Kopie des amerikanischen Original-Capitols von Cubas früherem Menschenschinder „BATISTE“, einen offenen Doppeldeckerbus. Für gerade mal 5 CUCs dürfen wir damit den ganzen Tag durch die Gegend fahren und uns Havanna von allen Seiten ansehen. Das machen wir natürlich und klappern Viertel für Viertel die Stadt ab. An der Küstenstraße werden wir leider oft nass gespritzt, weil die Wellen inzwischen einen Gang zugelegt haben und bis in den ersten Stock unseres Busses spritzen. Wir sehen traumhafte Wohnviertel, größtenteils renoviert oder zumindest bewohnt, sehen aber auch viele zerbröselte Bauwerke, deren Wiederaufbau Unsummen verschlingen wird. Die Unesco mit Ihrem Weltkulturerbe arbeitet ja daran, Kuba wieder auf Vordermann zu bringen, was die Bausubstanz angeht. Kuba hat übrigens rund 11 Miliionen Einwohner, von denen rund 2,3 Millionen alleine in Havanna leben. Wir sehen den riesigen Friedhof mit seinen Tausenden von Mausoleen und Grabsteinen, wir bewundern das Delfinarium mit seinem Wasserpark, wir staunen über so eine Art „Platz der Republik“, der wohl für politische Kundgebungen gedacht ist und von politischen Bauten umzäunt ist, von dessen Hauswänden abstrakte Metallprofile der beiden Übermenschen Che Guevara und Fidel Castro prangen.

 
Fidel aus Metall

Aus lauter Bequemlichkeit steigen wir nie aus, obwohl es sich bei dem Bus um so eine Art „Hop On – Hop Off“ – Bus nach westlichem Vorbild handelt. Immer wenn wir in die Küstennähe kommen, wird es eisekalt und dere Wind zerzaust uns die Frisuren. Nur selten scheint uns die Sonne auf den Schädel. Zum Glück, muss man sagen, haben wir doch beide nach der Tour einen gehörigen Sonnenbrand im Gesicht. Irgendwo hört die Tour unvermittelt auf – wir sollen bitte einen anderen Bus besteigen. Da wir bisher noch nicht einmal ein Ticket bekommen haben, würde dies bedeuten, im neuen Bus erneut zahlen zu müssen. Das wollen wir nicht und laufen dann doch lieber noch mal durch die Hauptstraße der „Vieja“, der Altstadt. Durch das systematische Erkunden der Stadt mit dem offenen Doppeldecker haben wir jetzt auch einen ziemlich guten Plan der Metropole im Kopf. Nach weiteren gefühlten 20 Kilometern Fußmarsch (OK, es waren höchstens zwei Kilometer…) halten wir dann doch so eine amerikanische Kiste an, die uns schnell und einigermaßen komfortabel ins Hotel bringt. Auf die Frage nach den Fahrtkosten überlässt uns der Fahrer, den Preis selbst festzulegen. Ich biete ihm drei CUCs und er bedankt sich überschwänglich. Dass er uns damit eher verhöhnt hat, merken wir erst im Lauf der Tage, da die Fahrt mit dem Amischlitten in der Regel um die zehn CUCs kostet. Daggi ist ziemlich groggy und legt sich kurz aufs Ohr, während ich mich an den Pool setze, einen Cuba Libre schlürfe und die ersten Seiten dieses Blogs schreibe.

Später erkundige ich mich in einem kleinen Büro über der Rezeption unseres Hotels, was man denn so an Touren buchen könnte. Und schon überredet mich die Dame, heute Abend zunächst einmal zu einem Konzert vom „Bueno Vista Social Club“ zu gehen, für lausige 30 CUCs pro Person. Sogar der Enkel des Gruppenbosses wäre dabei sowie eine Menge anderer Superstars dieser einschlägigen Musikrichtung. Beginn 21.45 Uhr im Havanna Rum Museum irgendwo im Hafen.

 
Schöne Plätze findet man in der ganzen Stadt

Ich bin so aufgekratzt, dass ich Dagmar wieder aus dem Schlaf reiße und ihr die Neuigkeiten erzähle. Dem Mädel geht es gar nicht sonderlich gut. Obwohl wir den ganzen Tag Bus gefahren sind, hat sie Zug abgekriegt. Aber das verlockende Abendprogramm bringt sie dann doch dazu, wieder auf die Beine zu kommen. Also wieder mit dem Taxi in die Altstadt, ins „CAFÉ PARIS“ und dort fürstlich zu Abend gegessen. War zumindest der Plan. Leider war die Musik extrem laut und das Essen extrem schlecht. Wir hätten Nudeln oder Pizza bestellen sollen, die sahen ganz ordentlich aus, aber meine Fleischplatte mit undefinierbaren Fleischfetzen längst verstorbener Haustiere wäre dann doch eher für die Fütterung derselben als zu meiner leiblichen Erbauung geeignet gewesen.

Weil es so voll war, platzierte uns der Kellner ein Pärchen aus deutschen Landen, sogar aus Frankfurt an den Tisch. Frankfurt an der Oder allerdings, wie wir schnell am Dialekt gemerkt haben. Die beiden hatten über Weihnachten ihre Tochter besucht, die hier in Kuba wohl ein paar Monate zu leben gedachte. Die beiden waren recht sympathisch und wir hatten dann zwei Stunden lang eine nette Unterhaltung, wenn sie sich auch eher schreiend als sprechend vollzog. Die Band war wirklich sehr laut.

Kurz vor neun mussten wir uns dann verabschieden, um noch einen guten Platz im „Museum des Kubanischen Rums“ zu ergattern. Auch hier blieb uns nur eine Taxifahrt übrig. Je später der Abend, desto teurer wurde übrigens auch das Taxi.

Das Museum entpuppte sich als grandiose alte Villa im spanischen Stil mit einer tollen Einrichtung. Wir bekamen zwei recht ordentliche Plätze zugeteilt und durften zur Begrüßung jeder einen „Mojito“ verputzen. Pünktlich um 21.45 Uhr begann das Spektakel, das auch ganz wunderbar war mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es sich leider nicht um den Original Buena Vista Social Club mit seinen vielen Hundertjährigen handelte, sondern „nur“ um den Enkel eines der ehemaligen Mitglieder, der ein paar Jungs und Mädels zur Unterstützung mitgebracht hatte. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, diverse Mojitos brachten die Besucher zum Mitklatschen und Mittanzen. Sogar Zigarren wurden unentgeltlich verteilt. Ich Depp habe dankend abgelehnt, weil ich ja Nichtraucher bin. Dagmar, ebenfalls nicht (mehr) qualmabhängig, hat sich die Zigarre mitgenommen und wird demnächst irgendeinen Bekannten damit erfreuen. Knapp zwei Stunden lang wurden wir vortrefflichst beschallt, dann wurde es Zeit, nach Hause zu fahren. Das Taxi sollte plötzlich 10 CUCs kosten, obwohl das ganze Auto höchstens noch 9 CUCs wert war. Da sind wir doch lieber ein paar Meter gelaufen und sind dann mit einem anderen Taxi, das trotz seiner 30-jährigen Geschichte noch nie eine Werkstatt gesehen haben konnte, für nur 5 CUCs nach Hause gefahren.

Das Wasser war immer noch kalt, das Klopapier alle und die hauseigene Disco machte durch bis morgen früh. Egal, schön war´s doch.


DER ZWEITE TAG

Der zweite Tag in Havanna, aber schon der dritte Tag ohne Internet. Außerdem klappt das mit der SMS bei meinem Handy nicht. Ich kann zwar SMS empfangen, aber nicht versenden. Weiß der Geier, wo die Jungs bei Apple da wieder einen kleinen Schalter versteckt haben, dessen Funktion einem nicht einleuchtet. Ach ja, mein Plan, mit einem alten iPhone 4, das nicht mehr mit der Telekom „verheiratet“ ist und einer kostengünstigen SIM-Karte zu sozialistischen Brüderpreisen zu kommunizieren, ist leider auch geplatzt. In Kuba gibt es keine Mini-SIMS. Die SIMS, die es gibt, darf man nicht zerschneiden, weil man sie zurückgeben muss. Außerdem ist Telefonieren sauteuer. Pro Tag sechs CUCs plus die normalen Telefonkosten, die bei Transatlantikgesprächen schnell einen (kubanischen) Monatslohn ausmachen. Die Telekomiker verlangen „nur“ 2,88 Euro pro angefangener Minute für abgehende und 1,78 Euro für eingehende Ferngespräche. In meinem eMail-Fach müssten jetzt schätzungsweise 400 Mails liegen, davon 350 SPAMs und 50 Jahreswechselwünsche. Alle, die sich gewundert haben, warum ich ihre Wünsche so permanent unbeantwortet gelassen habe, wissen jetzt also, warum.

Um neun erscheinen wir im Frühstücksraum. Viele andere leider auch. Wir müssen warten, bis ein Tisch frei wird. Danach buchen wir eine erste Tour für den kommenden Mittwoch und laufen zu Fuß ins Stadtzentrum. Dagmar geht es zwar wieder etwas besser, dafür kann sie aber nicht mehr reden. Stimme weg. Böse Zungen werden jetzt behaupten, da solle man doch dankbar sein und mich um mein Glück beneiden, aber das wäre doch etwas kurz gedacht. Irgendwie fehlt mir ihr Geplapper. Sie kann jedenfalls so gut wie gar nicht mehr reden und muss ihre Stimme schonen. Das weckt natürlich den Beschützerinstinkt in mir.

Wir bummeln also stadteinwärts auf einer Straße, die Touristen üblicherweise nicht zu sehen bekommen. Hier sind die Preise nicht in CUCs, sondern in CUBs angegeben. Die Gebäude sind leider auch alle ziemlich baufällig, die Straßenbeläge und Bürgersteige brüchig und es ist sehr wenig Farbe im Spiel. Wenn man sich die Häuser genauer ansieht, kann man ahnen, welche Prachtbauten das früher waren, aber viel ist davon derzeit wenig zu sehen.

Wir wollen eigentlich das „CAPITOL“ besichtigen, aber da wird derzeit gebastelt, so dass wir enttäuscht wieder Richtung Altstadt laufen. Plötzlich werden wir von der Seite von einem jungen Pärchen angequatscht. Wie es uns geht, woher wir kämen, wie wir Havanna fänden – die ganze Litanei. Dagmar ist ein sehr höflicher Mensch und hat bereitwillig alle Fragen krächzend beantwortet. Ich bin noch sehr zurückhaltend – man liest ja immer wieder, wohin so was führt. Ausraubung, Folter, Vergewaltigung, Tod auf einer Müllhalde.

Nun, die beiden sind zugegebenermaßen sehr nett und sympathisch und überreden uns, irgendein Tanzlokal anzusehen, in dem Rumba oder Salsa oder beides getanzt würde (was mich übrigens nicht im geringsten interessiert). Das Lokal – rund 200 m entfernt, ist natürlich geschlossen, aber gaaanz zufällig ist eine gaaanz tolle Kneipe direkt nebenan, in die uns die beiden auf einen – alkoholfreien! – Mojito einladen. Wir kommen also ins Gespräch. Er ist Koch in einer Grundschule, sie ist Kindergärtnerin. Beide verdienen so etwa 350 CUBS im Monat. Etwa 15 CUCs sind das – oder elfeinhalb Euro. Im Monat! Das Essen ist umsonst und rationiert, die Wohnung wurde ihnen vom Staat geschenkt, das Wort Steuern kennen sie nicht. Aber 350 CUBs reichen natürlich vorne und hinten nicht. Das Mädel bittet Dagmar, mit ihr zusammen Milchpulver für ihren kleinen Jungen zu kaufen, weil die Zuteilungsmenge dem Kind einfach nicht ausreicht. Das Pulver gibt es aber nur gegen CUCs, die sie nicht hat. Daggi hilft ihr natürlich und ist im Nu 24 CUCs los. Dafür hat das Kind jetzt wochenlang zu trinken. Ihr Freund oder Mann bittet mich zum Glück nicht, ihm ein iPhone oder ein Auto zu schenken. Aus Dankbarkeit, so günstig weggekommen zu sein, zahle ich natürlich die Gesamtrechnung. 44 CUCs haben die beiden alkoholfreien Runden Mojito gekostet, da cucste!

 
Ein nettes Paar

Ich will nicht diskutieren und zahle den Wucher. Wahrscheinlich macht der junge Mann mit dem Wirt halbe halbe. Egal, war ein nettes und informatives Gespräch über die Schattenseiten des Sozialismus. Und die Gefahr, dass uns die beiden in Deutschland besuchen kommen, jetzt, da Raoul Castro die Reisefreiheit angekündigt hat, ist auch nicht besonders groß. Allein für das Flugticket müssten die beiden rund 10 Jahre sparen, ohne auch nur einen einzigen CUB ihres Gehaltes auszugeben. Fairerweise muss gesagt werden, dass uns die beiden offensichtlich in ihr Herz geschlossen haben, denn wir beide werden innig umarmt, als wir uns dann vor der Kneipe von ihnen verabschiedeten. Und wer weiß, vielleicht sehen wir sie ja wieder: Das Mädel hat Dagmar eine Liste besonders schöner Kneipen, Restaurants und Sehenswürdigkeiten aufgeschrieben, die wir wahrscheinlich auch noch abklappern werden.

Die vielen ungeplanten Ausgaben haben unseren CUC-Bestand schneller schmelzen lassen als wir das vorhatten. Also bleibt uns nichts anderes übrig als uns wieder in die Schlange vorm Geldwechselinstitut einzureihen. Leider ist die diesmal bedeutend länger. Eine Stunde und vierzig Minuten brauchen wir, um unsere paar Euros in die konvertible Landeswährung umzutauschen! Um viertel vor drei bekommen wir dann endlich unser Mittagessen, aus unerfindlichen Gründen sind wir wieder im „CAFÉ PARIS“ gelandet. Ich will Spaghetti, aber die sind alle. Daggi will eine bestimmte Pizza, aber die gibt es auch nicht mehr. Außerdem spielt eine neue Band am laufenden Band kubanische Guantanameras. Ein Taxi bringt uns ins Hotel, wo wir einen großen Batzen des Geldes gleich wieder für eine weitere Tour am Donnerstag und Freitag ausgeben. Im Moment ruht die Dame des Hauses und ich sitze bei einem Bier am Pool und tippe diese Zeilen.

Heute ist Sylvester und wir wollen ja noch was erleben! Wir haben nichts fest gebucht. Der Plan lautet: Rumziehen, zugucken, zuhören, trinken, lachen und das neue Jahr begrüßen. Wie´s wirklich war, schreibe ich dann morgen…


SILVESTER

So gegen 19 Uhr ziehen wir los. Erstaunlicherweise steht kein Taxi vor der Tür, nur ein sogenanntes „Coco“, eine von diesen Plastik-Minikisten mit Nähmaschinen-Motörchen, die beim leisesten Windstoß umfallen. Unser Reiseführer „Marco Polo“ hat uns die Nutzung dieser Organspenderkutschen nicht empfohlen – also nehmen wir mal wieder den Fußweg in die Altstadt. Wir gehen durch eine für uns neue Straße, die offensichtlich für die einheimische Bevölkerung gedacht ist. Günstige Kleidergeschäfte, kleine Cafes und selbst komplette Kaufhäuser säumen die Straßenränder. Dafür nagt leider überall der Zahn der Zeit. Auch hier sieht alles aus, als würde es jeden Moment vor unseren Augen zerbröseln. Ich mache ein paar Fotos von der Elektroinstallation in den Häusern, bei deren Anblick jeder gelernte Elektriker augenblicklich in Ohnmacht fallen dürfte, so wild wird hier kreuz und quer – ohne jede Isolierung oder Abdeckung – frei verkabelt. Die meisten Steckdosen haben 110 Volt, nur neuere Bauten bieten schon 220 Volt an. Für unsere Handy-Netzteile ist dies von untergeordneter Bedeutung, da deren Schaltnetzteile immer automatisch die richtige Spannung und Stromstärke zur Verfügung stellen, die zum Laden der Geräte benötigt werden. Nur mit dem Fön haut es leider nicht hin. Der lässt sich nicht auf 110 Volt umstellen und pustet daher nur mit halber Kraft durch mein schütteres Haar. Na ja, dann passt es ja wieder.

 
Die sehen schöner aus als sie fahren

Kurz vorm „CAPITOL“ versucht ein Pärchen mal wieder, den Trick des Vormittags bei uns anzuwenden. Aber wir sind ja nun gewarnt und können uns der „Empfehlungen“ der Touristenjäger erwehren und die beiden schnell abschütteln. Da es noch etwas zu früh für das Abendessen ist, versuchen wir, im Cafe „FLORIDATA“ einen Drink zu bekommen. Das ist das wohl berühmteste Cafe der Altstadt, weil sich dort ein gewisser Ernest Hemmingway regelmäßig die Kanne gegeben hat. Aber leider kommen wir nicht rein, da das Lokal heute nur für Essensgäste geöffnet ist. Also weiter. In der uns nun schon sehr vertrauten Hauptstraße des Viertels finden wir auch bald ein sehr schönes Lokal, das für 20 CUCs ein umfangreiches Silvestermenü anbietet. Es gibt einen Willkommenscocktail, ein Süppchen, Fleisch – oder Fischbatzen, Nachtisch und Cafe. Wir trinken Mojitos und Bier. Schnell füllt sich das Lokal und genauso schnell steigt die Lautstärke um uns herum an. Wenn es in Havanna eine Regel für erfolgreiche Gastronomie gibt, dann lautet sie: je lauter, desto besser. Wenn um einen herum nicht mindestens die Lautstärke eines startenden Jumbojets herrscht, fühlt sich der Kubaner nicht wohl. So auch hier. War schon die Musik aus den quäkenden Lautsprecherboxen eine Zumutung, wird es mit dem Aufspielen der obligatorischen Band zur Qual. Leider haben die Jungs auch einen Querflötenspieler dabei, dessen Gefiepse jeden Tinnitus in den Schatten stellt. An Unterhaltung ist nicht mehr zu denken. OK, Dagmar kann ja sowieso nicht mehr reden. Jeder Versuch einer Äußerung wird mit starken Halsschmerzen bestraft.

Wenigstens gibt´s was für´s Auge: eine 1:1-Kopie der unsterblichen Romy Schneider taucht zusammen mit ein paar Freunden auf, um ebenfalls hier zu feiern. Das hübsche Wesen flirtet mit den Musikern, dass es schon fast peinlich ist. Sie tanzt mit der Band, in der Band, vor der Band und reißt ihre ganzen Kumpels und viele andere Touristen mit. Ein kurzes Video von ihr stelle ich demnächst mal ins Internet. Inzwischen ist es zehn und wir wechseln das Lokal. Auch hier ist es so laut, dass wir nicht lange bleiben. Im dritten Lokal (bei weiteren Mojitos) halten wir es auch nur eine halbe Stunde aus. Das Touristenviertel ist am Überquellen. Vor der Kathedrale soll ein großes Spektakel stattfinden. Da der Eintritt (samt Silvestermenü)130.- CUCs betragen hätte, haben wir davon Abstand genommen. Aber jetzt, so kurz vor Mitternacht, wollen wir versuchen, einen Blick auf die Tänzerinnen und Tänzer zu werfen. Leider ist es nicht möglich, da die Veranstalter den Platz ringsum hermetisch abgeriegelt haben. Durch einen Schlitz kann man wenigstens von der Seite ein paar Sekunden lang zusehen, was da auf der Bühne gezeigt wird. Es ist definitiv keine 130.- CUCs wert. Also ab in die „LE BODEGUITA DEL MEDIO“ – den anderen Ort in Havanna, den Ernest Hemingway mit seinem regelmäßigen Besuch veredelt hat. Aber auch hier drin ist es so laut und überfüllt, dass wir nach wenigen Minuten das Weite suchen. Plötzlich entdecken wir ein Restaurant, das wir bisher noch nicht gesehen haben. An der Bar sind noch Plätze frei, die Musik ist erträglich und der Mojito schmeckt vorzüglich. Auch hier tritt nach ganz kurzer Zeit wieder eine Band auf. Diese drei Herren haben aber einiges mehr drauf als die meisten Bands, die wir bisher anhören mussten. Fairerweise lassen sie „Guantamera“ weg und bekommen dafür auch ein dickes Trinkgeld.

Getanzt wird immer, überall.

Mitternacht naht. Die Wirtin bereitet bereits Drinks für alle Essensgäste vor, zu denen wir ja nicht gehören. Also bestelle ich nochmals zwei Mojito und gehe mit Dagmar vor die Tür, um den Jahreswechsel abzuwarten (In Deutschland ist es übrigens bereits sechs Uhr morgens). Um Punkt zwölf hören wir 12 Kanonenschüsse im Abstand von etwa zwei Sekunden. Weintrauben werden nicht gereicht – diesen Brauch scheint es nur in Spanien zu geben. Wir stoßen miteinander an, sonst mit niemandem. Wir sind allein in der Fremde. Im Lokal läuft eine Art Neujahresvideoclip mit Fidel persönlich. Er hält keine Rede, sondern ist nur in vereinzelten Filmausschnitten zu sehen, die alle schon sehr alt sein müssen. Der Sprecher beschwört dazu den Sozialismus, lobt die Revolution und dankt Fidel. Che und Raoul Castro für ihre Unterstützung. Die Umstehenden klatschen in die Hände und weinen hemmungslos. Ich habe auch Tränen in den Augen. Die Macht der Medien ist immer wieder eindrucksvoll.

Was nun?

Da wir niemanden kennen, Dagmar nur noch krächzt und wir beide keine Lust auf weitere fünf Stunden Krach mit Mojito haben, beschließen wir, den Abend zu beenden. Gleich das erste Taxi, das wir sehen, ist frei und fährt uns ins Hotel zurück. Es ist ein Chevrolet, der im selben Jahr gebaut wurde, in dem Dagmar zur Welt kam. Man muss fairerweise sagen, dass Dagmar bedeutend besser in Schuss ist als der Chevrolet, ihr Fahrgestell niemals klappert und bei ihr auch nirgendwo der Lack abplatzt. Außerdem verbraucht Dagmar bedeutend weniger Sprit. Obwohl – da bin ich mir jetzt nicht ganz so sicher…

Jedenfalls trinkt Dagmar an der Bar noch ein Bier; ich schaffe kein Getränk mehr. Nicht aus Gründen übermäßigen Alkoholgenusses, sondern weil die viele Säure der Mojitos meinen Magen einfach überreizt hat.

Das war Silvester, brav wie selten.


NEUJAHR

Wir hatten uns vorgenommen, den Tag mal so richtig ruhig anzugehen. Also spät aufstehen, schön frühstücken und dann einfach ein bisschen rumzubummeln. Dagmar legte sich nach dem Frühstück noch einmal hin und schlief bis Mittag durch. Ich nutzte die Zeit, um doch noch einmal eine Internetverbindung zu bekommen. Im Hotel gab es zwar vier Rechner, mit denen man theoretisch ins Internet kommen könnte, aber entweder waren die besetzt, defekt oder es gab keinen Zugang. Heute am ersten Januar war es anders. Die Rechner waren frei, es gab eine Codekarte für 6 CUCs für eine Stunde Verbindungszeit. Die Hälfte davon verbrauchte ich, um überhaupt auf mein Mailkonto zu kommen. Dort waren inzwischen ca. 180 Mails eingetroffen, also deutlich weniger als befürchtet. Das Anzeigen einer Mail dauerte ca. 30 Sekunden, Antworten abschicken doppelt solange. Manchmal blieb das Ding aber auch einfach stehen und es passierte nichts mehr. Das Löschen mehrerer Mails auf einmal führte ständig zu Fehlermeldungen. Außerdem war die Maus kaputt. Nach einer Stunde hatte ich gerade mal fünf Mails gelesen und beantwortet. Raoul, ich schreibe es hier noch einmal deutlich: da besteht Handlungsbedarf! So schön Kuba ist, ohne Internet fühlt man sich hier wie im letzten Jahrhundert.

 

Ich ging frustriert ins Hotelzimmer, wo Dagmar sich gerade ausgehfein gemacht hatte, wir wollten ja noch ein bisschen rumbummeln.

Es wurde dann doch wieder ein Fußmarathon. Wir liefen die Küstenstraße, die sogenannte „MALECON“, westwärts so weit wir konnten. Dann links ab in Richtung Zentrum. In einem großen Hotel, das ich noch von meinem letzten Kuba-Aufenthalt kannte, speisten wir zu Mittag. Dann weiter zu Fuß durch die Stadt. War irgendwie nicht sonderlich prickelnd, da heute nicht nur Neujahr war, sondern auch ein nationaler Feiertag. Das bedeutete, dass nahezu alle Geschäfte geschlossen und alle Einheimischen zuhause waren oder auf der Straße rumstanden. Also doch wieder ins Touristenviertel in der Altstadt! Da der Weg dorthin zu Fuß nun doch ziemlich lang war, nahmen wir ein menschliches Taxi, also ein Fahrrad mit Fahrer, der uns bis zum „CAPITOL“ strampelte.

 
Taxi mit 1 MS (=Menschenstärke)

Der Mann kam ganz schön ins Schwitzen, was ihm aber nicht geschadet hat, denn wie so viele Kubaner hatte er eine Menge Speck zuviel am Körper. Ich weiß, wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen, aber es muss doch mal gesagt werden: Vor allem Havannas Damen scheinen sich ausschließlich von Zucker und Fett zu ernähren. Je dunkler die Hautfarbe, desto schwerer der Körper. Damit man das Gewicht auch schön sehen kann, schmücken sich die dicken Damen mit hautengen knallbunten Klamotten, die aber auch jede Speckfalte schön zur Geltung bringen. Vor allem Netztstrümpfe mit rausquellenden Fettpolstern scheinen kubanische Männer glücklich zu machen. Und die Rocklängen verkürzen sich analog zum Umfang der Trägerin. Je fetter, desto kürzer. Ich hoffe, dass wir in Deutschland vor dieser Mode verschont werden.

Klar, es gibt auch sehr viele sehr schlanke Mädchen. Vor allem die ganz jungen, so bis 18, 19 Jahren haben noch ihre Traummaße. Das sind auch die, die in unserem Hotel jeden Abend die Discothek aufsuchen, um sich dort bei ein paar Longdrinks in Exstase zu tanzen. Dabei tragen sie Schuhe, die eigentlich dem Kriegswaffengesetz unterstehen müssten. Stilettos mit meterlangen Absätzen und Klumpschuhe, auf denen beim besten Willen kein Mensch jemals grazil laufen kann. Die Musik unterscheidet sich übrigens kaum von der üblichen Musikmatsche, die wir auch bei uns im Radio derzeit angeboten bekommen, nur eben auf spanisch. Vielleicht kommt noch ein Abend, an dem ich angetrunken genug bin, mich in unsere Discothek mal selbst reinzutrauen…

 
Der Strom liegt über der Straße

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, wir waren wieder in der Altstadt. Heute hat man uns ins „FLORIDATA“ eingelassen. Das Lokal Hemmingways, wie schon erwähnt. Der Meister persönlich saß an der Theke. Nein, das geht ja nicht – der hier war aus Messing, sah aber absolut lebensecht aus. Viele Touristen ließen sich mit ihm fotografieren. Wir schlürften zwei Daikiri – der übrigens hier erfunden wurde – und ertrugen wie üblich die Band, den CD-Verkauf und „Guantamera“.

Weiter im Programm:

Zum xsten Male bummelten wir durch „unsere“ Straße, immer wieder was Neues entdeckend. Die Wechselstube war selbst heute geöffnet und die Schlange davor nur wenige Meter lang. Am „PLACE DE LAS ARMAS“ war wieder der kleine Flohmarkt aufgebaut und wir hatten Zeit und Muße, uns diesen etwas genauer anzuschauen. Unter anderem sah ich einen Stand mit alten Uhren. Richtige, teure, goldene Uhren aus den 1930er bis 1960er Jahren. Lauter bekannte französische Namen und alle intakt. Nun gut, die Vergoldung war nicht immer perfekt, die Ziffernblätter vergilbt und die Armbänder fehlten komplett, aber ich war sicher, dass hier wahre Schätze zu finden waren. Eine „Baume & Mercier“ hatte es mir besonders angetan. 200 CUCs oder 160.- Euro sollte das gute Stück kosten. Ich habe allerdings keine Ahnung, was eine Restaurierung des Antiquariats kosten würde. Daggi fand einen Comic über die Revolution mit lauter Sammelbildchen drin für 10.- CUCs als Faksimile oder 80 CUCs im Original, natürlich vollständig. Unser Freund Micky Waue, ein passionierter Sammler von Plakaten, Comics und Blechschildern, würde sich keinen Meter von diesem Flohmarkt entfernen, bevor er ihn nicht restlos leergekauft hätte.

 
Mal sehen, wie lange das Stück aus den 40er Jahren noch läuft…

Wir aber vertagten einen eventuellen Kauf und zogen weiter. Am Hafen tranken wir noch einen Kaffee und auf dem Platz der Kathedrale noch einen lieblos gemixten Drink. Dann war es schon wieder Zeit für das Abendessen. Eigentlich wollten wir ja am Hafen in ein schönes, sehr günstiges Fischrestaurant gehen, aber auf dem Weg dorthin entdeckten wir einen Italiener, der trotz dezenter musikalischer Live-Unterhaltung sehr einladend aussah. Bis auf den Cesar´s Salad, der eine einzige Matsche war, waren sowohl Essen als auch der Wein vom Feinsten. Satt und zufrieden fuhren wir mit dem Taxi ins Hotel. Morgen sollte unser erste Tour beginnen.


DER VIERTE TAG – VIÑALES

Das iPhone weckte uns um sechs Uhr dreißig. Wenigstens EINE Funktion, die das Gerät hier noch ausüben konnte. Internet gibts ja nicht. Die eiskalte Dusche vertrieb mir schnell die letzte Müdigkeit. Sieben Uhr Frühstück, sieben Uhr dreißig Abholung vor dem Hotel. So war zumindest der Plan. Tatsächlich kam unsere Reiseleitung erst kurz vor acht und es dauerte noch eine weitere Stunde, bis wir endlich den Bus mit Touristen vollgepackt hatten. Insgesamt musste der Chauffeur 15 Hotels anfahren, um die Leute zusammenzuklauben. Viñales liegt ganz im Westen Kubas und bietet vor allem eins: Natur pur. Aber es gab noch mehr zu sehen. Zunächst fuhren wir durch die westlichen Randbezirke Havannas mit seinen wunderbaren Wohnbezirken. Zum einen die „Marina“-Gegend. Schöne, intakte kleine Villen mit viel Grün – das Wohngebiet der Besserverdienenden. Noch besser dann das sich anschließende Diplomatenviertel. Die Villen schon ein ganzes Stück größer und die Grundstücke geradezu verschwenderisch groß. Kuba unterhält diplomatische Beziehungen zu rund 100 Staaten. Da ist man gerne Diplomat.

 
Die Geschichte der Menschheit auf Stein

Auf dem Weg zum Ziel besuchten wir auch noch eine kleine Rumfabrik. Mit Verköstigung. So früh hatte aber kaum einer Lust auf Alkohol. Also weiter. Wir besuchten das Naturdenkmal „Loz Jamines“, an dem ein berühmter Maler in den sechziger Jahren die Geschichte der Menschheit auf eine große Felsfläche gemalt hat. Für Details verweise ich wie immer auf die einschlägige Literatur, die den Umfang dieses Blogs sprengen würde.

Dann kamen wir nach Viñales. Ein hübscher Ort mit noch mehr Natur sowie freilaufenden Rindern und Pferden. Und schon waren wir wieder raus aus dem Ort. Das nächste Ziel war ein Farmer, der uns erklärte, wie man Zigarren dreht. Tabak ist ja so ziemlich der bekannteste Exportartikel Kubas und daher war es schon recht interessant, wie so eine „Havanna“ entsteht. Zunächst wird der Samen in einem kleinen Feld eingesäht. Das passiert im November. Etwa im März sind die Pflanzen ca. 30 Zentimeter hoch und werden in ein größeres Feld umgesetzt, wo sie im Abstand von 50cm bis zu ihrer vollen Größe, ca. 1,30m., aufwachsen. Dann werden sie gepflückt und ewig lange getrocknet. Dafür haben die Farmer spezielle Hütten, die mit Palmblättern bedeckt sind. Und in einer solchen Hütte standen wir nun rum und sahen zu, wie der Farmer ein getrocknetes Tabakblatt zu einer Zigarre drehte und diese dann sogar anzündete und reihum gehen ließ. Schon aus hygienischen Gründen haben wir da nicht mitgemacht. Anschließend führte uns der Farmer in sein angebliches Wohnzimmer, wo wir ein Käffchen aufs Haus trinken durften und Daggi eine Zehnerpackung Zigarren erwarb – für wen auch immer. Draußen gackerten die Hühner, drinnen roch es etwas streng nach Tabak, und alles in allem könnte ich mich auch nach dieser idyllischen Demonstration heimeligen Landlebens nicht für ein solches begeistern.

 
Hübsche Hütte

Dann ging es weiter zur Höhle „Cueva del Indio“, wo die Ureinwohner Kubas sich vor Columbus versteckt hatten. Dass das nichts genützt hat, ist ja inzwischen bekannt. Innerhalb der Höhle musste man durch einen ganz engen Spalt kriechen, was ich im ersten Anlauf nicht geschafft habe. Erst nachdem sich auch ein wesentlich dickerer Mann erfolgreich durchgezwängt hatte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und quälte mich durch den Felsen, dabei im Geiste den deutschen TÜV lobend, der sowas nie zugelassen hätte.

Am Ende der Höhle stiegen wir dann in ein Motorboot um, das uns noch eine Weile durch die Tropfsteinhöhle kutschierte. Endlich wieder draußen, gab es lecker Mittagessen. Ein nettes Pärchen, das auch bei uns im Hotel wohnte, saß mit uns am Tisch. Vielleicht Australier, vielleicht Schotten oder Iren – die ham so genuschelt…

Die obligatorische Band raspelte ihre drei Songs runter, verkaufte ihre CD oder kassierte Trinkgelder, während wir das durchaus gelungene Einheitsessen einnahmen. Anschließend durften wir noch eine halbe Stunde frei rumlaufen, bevor wir wieder in den Bus mussten und uns von der Reiseleiterin in brüchigem Englisch weitere Details über Land und Leute einbläuen ließen.

So gegen 19.00 Uhr waren wir – nach der Freilassung der anderen Touristen – wieder im Hotel. Auf der Suche nach einem Speiselokal entdeckten wir keine zweihundert Meter entfernt an der Küstenstraße, am „MALECÓN“, das Restaurant „CASTROPOL“, das in einer wunderschönen Prachtvilla untergebracht ist und zu unschlagbaren Preisen unheimlich große Portionen Essen anbot. Es war knallvoll, aber wir hatten Glück und erwischten einen Platz im vorderen überdachten Innenbereich. Es gibt auch noch einen offenen Innenbereich und einen zweiten Stock samt Balkon, der ebenfalls voll besetzt war. Da das Lokal hauptsächlich von Kubanern besucht war, konnten wir uns eigentlich auf die gute Küche verlassen – und wurden auch nicht enttäuscht. Das Essen kam zwar ein bisschen schnell, aber viel reden konnte Dagmar ja sowieso nicht, obwohl es langsam mit ihrer Stimme wieder bergauf ging.

Nach dem tollen Essen waren wir mal wieder ziemlich groggy. Das frühe Aufstehen und die Strapazen der Tour steckte uns in den Knochen. Und morgen früh sollte ja schon die nächste Tour starten – wieder um halb sieben..

Also nur noch mal schnell an der Bar geschaut, ob irgendwelche bekannten Gesichter zu finden waren. Und genau so war es: Zunächst begrüßte uns das englische/australische/schottische Paar, das tatsächlich aus London kam und im Werbemarketing arbeitete. Er, Don, war außerdem Musiker und fest entschlossen, die spezielle Gitarrentechnik kubanischer Musiker zu erlernen, die sich sehr von der üblichen Art unterscheidet, Gitarre zu spielen. Sie hieß Emma, war recht hübsch und ziemlich aufgedreht. Und schließlich war da noch John, ein dicker Ire, den ich schon an den Computern kennengelernt hatte. Er war daran gescheitert, seine Bordkarte auszudrucken, ohne die ihn RYANAIR nicht an Bord lassen würde. Leider waren die Computer im Hotel tatsächlich in keinster Weise mit dem einzigen Drucker verbunden, den das Haus aufzuweisen hatte. Von USB-Sticks hatte hier auch noch nie jemand etwas gehört. Ich empfahl ihm, das Dokument per Fax an das Hotel zu schicken, was zunächst wie eine grandiose Idee klang. Leider hat unser Hotel kein Fax. Man könnte die Boardkarte abfotografieren und das Foto am Schalter vorzeigen. Mit ein bisschen Glück würde der Scanner den Code lesen können. Leider hatte John keinen Fotoapparat. Angesichts dieser Umstände wäre es ja nicht unbedingt unklug gewesen, die Bordkarte bereits vor dem Start in den Urlaub auszudrucken, aber das erlaubt RYANAIR leider nicht. So befindet sich John derzeit in einer schwierigen Situation. Mal sehen, ob RYANAIR ihn wieder mitnimmt. Selbst schuld, mit dieser Fluggesellschaft zu reisen…

 
Noch so ein Prachtbau

Jedenfalls kamen wir mit den dreien sehr schön ins Gespräch. Angesicht unserer bevorstehenden Tour und dem damit verbundenen unmenschlich frühen Aufstehen wollten wir aber so langsam zu Bette. Ich sagte John nur noch wahrheitsgemäß, dass er mich in seiner Art und Gestik, seiner Stimme und Ausdrucksweise sehr an einen Freund aus Deutschland erinnere, der ein sehr bekannter Rundfunkmoderator sei: Werner Reinke. John dachte einen Augenblick, ich wollte ihn auf den Arm nehmen: Er war nämlich selbst AUCH Rundfunkmoderator mit einem eigenen Sender in Irland: „playfm.com“ – einem der vielen Internetradios, die es inzwischen gibt. Na ja, so haben wir dann doch noch unsere Lebensgeschichten miteinander ausgetauscht, was immer wieder zu großen Überraschungen führte, denn ich war ja selbst auch lange Radiomoderator und DJ. Dagmar und die Londoner tauschten sich über Musik und englische Interpreten aus und hatten natürlich denselben Geschmack. John war mehr ein Fan deutscher Schlagermusik, die ich ja selbst in meinen Anfangszeiten mit produziert hatte. Surprise, surprise.

Na ja, es half alles nix, wir mussten ins Bett. Eine herzliche Umarmung mit den beiden Londonern und eine Einladung für die beiden, uns zu besuchen, beendeten den Abend. John wollte am Freitag wieder hier sein – wir haben ihn aber nicht mehr gesehen. RYANAIR scheint ihn mitgenommen zu haben.


DER FÜNFTE UND SECHSTE TAG – TRINIDAD und Umgebung

Diesmal waren wir schon lange vor dem Weckruf wach. So etwa ab vier Uhr. Draußen vorm Hotel hatte sich die ganze Nacht eine Gruppe junger Leute zum Feiern verabredet. Da wird dann auch gerne mal gesungen. Erst gegen halb sieben verebbte der Lärm – aber da war es zu spät, nochmal die Augen zu schließen. Unser Bus war pünktlich. Es war wieder ein chinesischer Bus der Marke YUTONG, von dem man hier in Kuba Tausende sieht – sicher ein Tauschgeschäft der Regierung gegen Öl oder Ärzte. Unser heutiger Reiseleiter hob sich vor allem durch seinen gesegneten Appetit hervor. Nicht nur auf Lebensmittel. Unterwegs stieg eine dralle Kubanerin ein, die ihm fortan umschwänzelte und auch die Nacht mit ihm verbrachte. Klar, dass er da bei Kräften sein musste. Vielleicht aß er aber auch nur auf Vorrat, denn außerhalb der Touren dürfte bei ihm zuhause Schmalhans Küchenmeister sein. Sein Englisch und damit auch sein Vortrag war bedeutend besser als am Tag zuvor. Der Fahrer war ein sehr großer, hagerer Mann mit einem Hautpigmentproblem. Er war teilweise schwarz, aber dann auch wieder weiß. Außerdem trank er literweise Espresso und rauchte Kette.

 
Auf dem Weg nach Trinidad

Unser Reiseziel sollte TRINIDAD sein. Die ersten Stunden fuhren wir nur Autobahn und es gab herzlich wenig zu sehen. Die ideale Gelegenheit also, den verlorenen Schlaf nachzuholen. An irgendeiner Autobahnraststätte konnten wir dann langsam wieder zu uns kommen. Die erste Stadt, die wir auf unserer Reise besuchten, heißt CIENFUEGO („Hundertfeuer“, nicht verwandt mit Herrn Hundertwasser). Wir stoppten zunächst an einem großen Platz im Zentrum der Stadt, der von Theater, Kirche und Regierungsgebäuden umgeben war – eine Aufteilung, die man immer wieder in kubanischen Städten findet. Wir nutzen die Gelegenheit, um mal wieder ein paar Euros umzutauschen und hatten noch Zeit für einen Capucini. Dann fuhren wir weiter. Auf der Dachterrasse eines ehemals sehr exclusiven Clubs gab es noch vor dem Mittagessen einen Longdrink – Cuba Libre für alle, Kinder und Schwächlinge ausgenommen. Ganz in der Nähe war ein ebenso exclusiver Tennis- und Yachtclub, in dem wir dann – bei gewohnt lauter kubanischer Musik – zu Mittag aßen. Die nächste Station war schon TRINIDAD. Eine sehr geschichtsträchtige Stadt, die mich schon bei meinem ersten Besuch Kubas vor sechs Jahren sehr beeindruckt hatte. Leider war es inzwischen nach 17.00 Uhr und alle Museen hatten schon geschlossen. Als kleinen Ausgleich durften wir in die Töpferwerkstatt eines bekannten Töpfers schauen. Uuunglaublich interessant, gähn. Auch hier dann irgendwo in einer ziemlich schmuddeligen Kneipe ein Drink aufs Haus, diesmal Rum mit Honig. Außerdem trat natürlich die obligatorische Band mit ihrer neuen CD auf. Die Toilette war unbenutzbar. Überhaupt war der ganze Ort ziemlich runtergekommen, verglichen mit allen anderen Städten, die wir bisher gesehen hatten. Hübsch, sehr karibisch, aber dreckig. Über die geschichtlichen Hintergründe des Ortes erfuhren wir genau NADA, also nichts. Um 18.00 Uhr dann Weiterfahrt nach SANTA SPIRITUS, einen sehr schönen Ort mit 72.000 Einwohnern. Hier sollten wir auch übernachten. Und plötzlich wechselte der bisher doch recht gemischte Eindruck dieses Ausflugs zum Guten. Wir kamen in ein wunderbares Hotel direkt in der Stadtmitte, einem großen Park. Das familiäre Hotel war im spanischen Stil sehr geschmackvoll eingerichtet. Die Zimmer waren ein Traum! Es gab sogar einen Safe, 220 Volt und WARMES Wasser! Wir machten uns frisch und gingen dann runter zum gemeinsamen Abendessen. Wir alle saßen an einer langen Tafel im Restaurant des Hotels, dass auf angenehme 4 Grad runtergekühlt war (Scherz!). Schon im Vorfeld hatten wir uns für Rind entschieden, was sich als eine sehr gute Wahl herausstellte. Die Band des Abends bestand aus drei singenden Gitarristen, die auch als die drei Tenöre hätten durchgehen können – ganz große Kunst! Dass bei der Lautstärke keine Gläser zersprungen sind, spricht für ihr Können. Sie bekamen jedenfalls ein verdientes Trinkgeld. Anschließend saßen wir noch eine Weile draußen auf der Veranda und kamen mit einigen anderen Touristen ins Gespräch, so auch mit Stefan, einem SAP-Berater aus Köln. Er war alleine in Havannah, weil seine Mama nicht mehr so gut zu Fuß war…

Der Platz vorm Hotel füllte sich langsam mit Jugendlichen und wir fürchteten schon eine weitere Nacht ohne Schlaf, aber es blieb dann doch bis etwa 6 Uhr am Morgen vergleichsweise ruhig.

 
Hier wohnt ein Chef

Nach dem Frühstück Weiterfahrt nach SANTA CLARA, der letzten Stadt unserer Rundreise. Hier in Santa Clara hatten sich Fidel und Che Guevara mit ihren Jungs in einem Hotel verschanzt. Es war wohl ziemlich knapp für die Rebellen damals. Am Hotel sieht man noch sehr schön die ganzen Einschusslöcher der Regierungstruppen. Die 280.000 Einwohner zählende Stadt war auch Schauplatz eines der letzten großen Angriffe von Diktator Batiste auf die Rebellen. Batiste hatte einen Güterzug mit 1200 Soldaten vollgestopft und wollte diesen Zug mitten in die Stadt fahren lassen, um da mal gründlich aufzuräumen, also so eine Art Trojanisches Pferd.. Che war schlauer und riss mit einem Bulldozer rechtzeitig die Schienen aus dem Gleisbett, so dass der Zug entgleiste und die Angreifer sehr bald aufgaben. Als Batiste davon hörte, soll er ins Exil geflohen sein und die Revolution war komplett. Wir haben uns die Waggons angesehen – das muss eine gruselige Zeit gewesen sein.

 
Heute sind da keine Soldaten mehr drin.

Und damit war unser Programm beendet. Die 169 CUCs (= 130.- Euro) beinhalteten drei Mahlzeiten, ein Frühstück, eine Übernachtung, alle Eintrittsgelder sowie die kompletten Fahrtkosten. Da kann man nicht meckern. Höchstens über den Fahrer. Der war wohl genauso nachtaktiv wie unser Reiseleiter statt sich auszuruhen. Er ist auf der Heimfahrt mehrmals quer über die leere Autobahn geschliddert und machte trotz seines unglaublichen Kaffeekonsums nicht den Eindruck, tatsächlich wach zu sein. Mehrfach blieb er irgendwo stehen, rannte dreimal um den Bus, trat gegen die Reifen und fuhr wieder ein paar Kilometer weiter.

Irgendwie haben wir es aber doch noch geschafft und sind sicher im Hotel angekommen.

Dort war inzwischen Dagmars Freundin und Arbeitskollegin SABINE eingetroffen. Trotz des zwölfstündigen Fluges war sie fit und für jede Schandtat bereit. Also gingen wir noch ins „CASTROPOL“, speisten dort auf der Terasse im zweiten Stock Köstlichkeiten aus der kubanischen Küche und beendeten den Abend mit einem Absacker an der Bar. Es war Freitag, 23.00 Uhr und die Schönen der Nacht standen in langer Reihe vor dem Eingang zur Disco. Das war mal wieder besser als jedes Fernsehprogramm.


DER SIEBTE TAG

Dagmar und Sabine wollten verständlicherweise mal alleine losziehen und ich brauchte auch dringend Zeit, die ganzen letzten Tage nachzutragen. Also setzte ich mich an die Bar, trank zwei, drei Cappucino und war entsetzt, wie viele Einzelheiten ich bereits vergessen oder verdrängt hatte. Außerdem versuchte ich mal wieder, an meine eMails heranzukommen, was heute sogar nahezu problemlos möglich war, denn endlich gab es die ersehnten Internetpässe mit Zugangs- und Passwort für 6.- CUCs pro Stunde. Gegen Mittag bin ich in die Altstadt gelaufen, habe im „FLORIDITA“ zu Mittag gegessen und mir dann auf dem Flohmarkt doch noch eine alte Uhr gekauft. Die „Baume & Mercier“ hatte mir inzwischen jemand weggeschnappt und ähnliche Uhren waren noch teurer. Ich blieb bei einer Uhr aus den 1940er Jahren hängen, einer unbekannten Schweizer Marke, die ich für umgerechnet 35.- Euro außer Landes schaffen werde. Handaufzug, recht klein, vergoldet, mit Sekundenzeiger und Leuchtpunkten, die aber nicht mehr leuchten. Das Ziffernblatt sollte gereinigt werden, sonst ist alles picobello.

So gegen 17.00 Uhr kamen die Damen mit einer Menge an Bildern und Eindrücken zurück. Sie hatten unterwegs sogar STEFAN wiedergetroffen, unseren SAP-Spezi aus Köln. Am Abend waren wir drei dann wieder zusammen essen, beklatschten die Musikanten und fuhren gegen 23.00 Uhr im Taxi nach Hause, wo die Schlange vor der Disco nun schon gut einhundert Meter lang war. Da beide Mädels kaum noch die Augen aufhielten, ging es früh in die Zimmer. Ich habe noch bis 2 Uhr gelesen.


DER ACHTE TAG

Der achte Tag war ein Sonntag und wir beschlossen, zur Abwechslung mal ans Meer zu fahren. Östlich von Havanna gibt es nämlich hervorragende Strände mit feinst gemahlenem Sand. Ein Touri-Bus brachte uns für 5 CUCs hin und zurück. Früher musste das alles mal eine Prachtanlage gewesen sein, die aber nun so langsam in sich zusammenfällt, seit es in Varadero und anderswo neue, modernere Hotels im Dutzend billiger gibt. Der Atlantik war mit 26 Grad Wassertemperatur nicht wirklich erfrischend, sorgte aber immerhin für etwas Abwechslung beim Sonnenbraten. Ich hatte es mir natürlich überdacht im Strandcafe bequem gemacht und las in meinem ARNO DAHL-Krimi weiter. Gegen 14.30 Uhr sind wir dann in ein kleines Strandrestaurant umgezogen und haben frische Fischfilets mit Salat und Reis verzehrt. Dann hatten wir genug vom Strand. Der Bus kam zwar 15 Minuten zu spät, aber das ist in Kuba noch innerhalb der Toleranz. Vom Place Central aus liefen wir wie gewohnt nach Hause, ca. 1,5 km durch dichtbebautes Gebiet. Kurz vorm Ziel dann zum ersten Mal Alarm im Magen-Darm-Trakt! Ich habe es gerade noch ins Zimmer geschafft. Da es außer mir niemanden erwischt hat, können wir bisher keinen Schuldigen an der Darmverstimmung benennen. Die Mädels haben sich dann in die Maske verabschiedet und ich habe es mir mal wieder an der Bar gemütlich gemacht. Eine alte englische Schachtel fragte mich, ob ich Schriftsteller sei, weil ich ja dauernd auf meinem Notebook rumtippen würde. Ich verneinte die Anfrage und war eigentlich eher erstaunt, warum sich fremde Leute in meine Angelegenheiten mischen.

 
Noch mehr Meer gibt´s rings um die Insel.

Den Abend verbrachten wir wieder bei vorzüglichem Essen bei „CASTROPOL“ und einem anschließenden Besuch des Hotels „RAQUEL“, dessen Dachterrasse unserem Reiseführer eine besondere Erwähnung wert war. Um dorthin zu kommen, brauchten wir ein Taxi. Das einzige Gefährt, das vor unserem Restaurant wartete, war ein uralter LADA, der an allen Ecken und Enden völlig verrostet war, dessen rechte hintere Türe nicht mehr aufging und dessen Beifahrertür halb in den Angeln hing. Ein Taxischild fehlte auch, aber der Türsteher sagte, dass es ein Taxi sei. Da die Mädels unbedingt mal LADA fahren wollten, stiegen wir ein. Innen dasselbe Bild: Völlig zerschlissen, halb demoliert, Löcher im Boden, aber ein lautes CD-Radio. Der junge Fahrer, anders als andere Kubaner sehr unsauber mit löchrigen Klamotten bekleidet, hatte keine Ahnung, wo sich das RAQUEL-Hotel befindet. Er kannte auch die Straßen nicht, die Sabine ihm aus dem Reiseführer vorlies. Er fuhr einfach drauf los. Bei einem Bremsmanöver bergab hatte ich den Eindruck, dass die Kiste nun jede Sekunde komplett auseinanderfallen müsste, aber wie durch ein Wunder fanden die Räder wieder Kontakt zur Fahrbahn und brachten uns in die tiefe, dunkle Altstadt. In Straßen, die wir noch nie gesehen hatten. Alle paar Meter hielt der Fahrer an, um sich bei den Einheimischen nach dem Weg zu erkunden. Sabine erkannte als erste den gesuchten Straßennamen und bat, zu stoppen. Ich wollte auch keine Sekunde länger in dem durch Abgase verseuchten Innenraum ausharren und öffnete die Beifahrertür. In derselben Millisekunde überholte uns rechts ein Fahrradtaxi und knallte mit Schmackes gegen die Autotür. Das Fahrradtaxi kam augenblicklich zum Stehen und drei Menschen wirbelten durch die Gegend. Der Fahrer hielt sich die Stirn, wo ich sekündlich einen Blutschwall erwartete, eine Mutter mit Teenagertochter schrie laut, das Kind hielt sich schmerzverzerrt die Hand und ich konnte nur noch „Perdon!!!“ stammeln.

Ich war am Boden zerstört. Es war mir klar, dass ich in diesem Moment das Leben dreier Personen nachhaltig zerstört hatte. Der Fahrer würde den Rest seines Lebens nur noch schwer entstellt meistern können, das junge Mädel würde ihren Arm verlieren und die Mutter an gebrochenem Herzen vorzeitig ableben.

Da sagte Dagmar plötzlich: „Die haben doch gar nichts. Das ist alles Show!“ Und richtig, der erwartete Blutschwall blieb aus, man sah nicht den geringsten Kratzer an der Stirn des Fahrers, das Handgelenk des Mädchens war genauso fett wie vorher und ließ sich problemlos bewegen und die Mutter nutze mit ihrer schrillen Keiferei die Gunst der Stunde, uns ein wenig abzuzocken. Was die Bande nicht wusste: Sabine ist des Spanischen durchaus mächtig und verstand so ziemlich genau, was da ablief. Ich hatte inzwischen dem Fahrer die vereinbarten 5 CUCs gegeben, um wenigstens hier keinen Fehler zu machen. Der mahnte dann auch die anderen, in ihren Äußerungen etwas vorsichtiger zu sein, da wir ihre Sprache sprächen. Plötzlich wechselten sie die Taktik. „Das Kind muss ins Krankenhaus zum Röntgen!“ war die neue Forderung. Wir sollten gefälligst die Fahrt- und Krankenhauskosten bezahlen. Nun ist die medizinische Versorgung in Kuba zwar kostenlos, aber wenn ein Tourist schuld an einer Verletzung eines Kubaners ist, bleibt er solange im Land, bis alle Kosten beglichen sind. Da ich jetzt so gar nicht mehr wusste, wie man sich in einer solchen Situation, die ja durchaus mit Gefängnisaufenthalt enden kann, verhalten soll, schlug ich vor, die Polizei zu rufen. „Policia?“ Das Geschnatter der Schwerverletzten wurde augenblicklich ruhiger. Der Taxifahrer hatte offensichtlich keine Taxilizenz und das Auto gehörte eindeutig in die Schrottpresse. Der Fahrer des Fahrradtaxis hatte uns in zentimeterkurzem Abstand rechts überholt, obwohl er sehen konnte, dass gerade Fahrgäste ausstiegen. Und die resolute Mutter hatte plötzlich nur noch Angst, dass das Kind die Schule versäumen würde, wenn man sie jetzt nicht unverzüglich ins Krankenhaus bringen würde. Dann sagte ich zu Dagmar, dass ich den Fahrer ja schon bezahlt hatte und Daggi sagte, dass Sabine den Fahrer auch schon bezahlt hätte. Sieh da, da hat der kleine Gauner, ohne ein Wort zu sagen, gleich zweimal kassiert. Damit konfrontiert, schlug er vor, mit den zweiten 5 Pesos das Kind ins Krankenhaus zu fahren und die Sache wäre damit für uns erledigt. Wohl abwägend, welche Konsequenzen der eine oder andere Ausgang des Dramas haben würde, entschieden wir uns, dem Fahrer die zweiten 5 CUCs zu schenken und gingen zu Fuß die paar Meter zum Hotel „RAQUEL“ weiter. Die Bande hatte also rund 120 kubanische Pesos gut gemacht. Bei einem Gehalt von durchschnittlich 350 Pesos kein schlechtes Geschäft.

Es hätte auch anders ausgehen können. Unabhängig davon, ob überhaupt jemand verletzt war, ist der Unfallverursacher erst mal in jedem Fall schuld. Wäre ich nicht nach Kuba gereist, hätte der Unfall ja auch nicht passieren können. Diese stringente Logik zu durchbrechen, bedarf dann anwaltlicher Hilfe. Und bevor ich wochenlang ohne Wasser und Wein in irgendeinem Kerker vor mich hinsiechen würde, war es doch besser, klein beizugeben…

Das Hotel „RAQUEL“ in der Nähe der Kreuzfahrtschiff-Docks ist übrigens tatsächlich ein weltberühmtes jüdisches Gebäude von geradezu einmaliger Schönheit. Hoch oben auf der Dachterrasse schlürften wir dort Bier und Mojitos und schworen uns, nie wieder in einen LADA ohne Taxischild zu steigen. Ein gutes Stündchen später erkundeten wir noch ein paar Seitenstraßen rund um das Hotel. Ein Prachtbau neben dem anderen, tolle Museen, Restaurants, Hotels, wohin man nur schaute. Havanna ist für mich architektonisch inzwischen die schönste Stadt der Welt, auch wenn mindestens zwei Drittel der Prachtgebäude dringend renoviert werden müssen. Cuba soll ja mal die reichste Stadt der USA gewesen sein.

Für die Heimreise waren wir in der Taxiwahl diesmal sehr sorgfältig und lehnten alle alten Kisten, also die ganzen illegalen Schrottbüchsen einfach ab und fuhren mit einem offiziellen Taxi (das sogar einen Taxameter hatte, der natürlich nicht lief) nach Hause. Das übliche Discopublikum stand schon wieder am Eingang…


DER NEUNTE TAG

Ein Tag wie jeder andere. Bummeln durch die Stadt, diesmal aber getrennt. Zum vierten Mal den Flohmarkt am „PLACA DE LAS ARMAS“ durchpflügt. Ein paar Telefongespräche nach Hause geführt, später irgendwo in der Altstadt zu Mittag gegessen und Dagmar und Sabine später im „Hop On – Hop Off“-Bus wieder getroffen. Stadtrundfahrt die Zweite. Abends Internet, danach Essen im „CASTROPOL“. Anschließend noch auf ein paar Wein in einem anderen Club namens „CAFÈ NERUDA“ im Freien. Spät zu Bette, dicker Kopf. Und um sechs klingelte der Wecker.


DER ZEHNTE TAG – „VARADERO“

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich schon mal auf Kuba war, und zwar zum Jahreswechsel 2006/2007. Die 186 Fotos von damals habe ich sogar auf dem iPhone dabei. Sie sehen eigentlich genauso aus wie die Fotos 2012/2013…

Heute wollten wir uns also auf die Spuren meines damaligen Urlaubs begeben, denn damals war ich ja nicht in Havanna (außer auf Ausflügen), sondern auf der Touristenhalbinsel „VARADERO“. Damals durften da keine Kubaner rein, sofern sie dort nicht arbeiteten. Touristen waren auch auf ihr eigenes Hotel beschränkt, da sie durch das Armbändchen für den „All-Inclusive-Service“ fest an ihr Hotel gebunden waren. Zusätzliche Restaurants gab es kaum, auch nur wenige Bars oder touristische Märkte. War ganz schön langweilig damals. Heute ist das anders. Aber der Reihe nach.

Schon fünf Minuten vor halb sieben, unserer Abholzeit, wurde an unsere Türe geklopft. Der Bus sei schon da. Es war ein Kleinbus mit insgesamt sechs Touristen, einer Reiseleiterin und natürlich dem Fahrer. Die Reiseleiterin begrüßte uns mit einem hübschen Kalenderspruch: „Yesterday is history, tomorrow is mistery and today is a gift!“ Sie ähnelte ein wenig der Schauspielerin Christine Ursprung, die als kleinwüchsige Assistentin des Tatort-Gerichtsmediziners Börne bekannt geworden ist. Die Fahrt ging non-stop nach Varadero und die sehr gut englisch sprechende Dame erzählte uns dies und das über die Dinge, die man sehen konnte, wenn man die Augen offen hatte – was bei mir aufgrund der kargen Nachtruhe nur selten der Fall war. So verpasste ich das Olympiastadion mit dem olympischen Dorf, die Rumfabrik und so manchen geilen Ausblick auf schöne Täler und Berge. Na ja, ich kannte das ja sowieso schon. In Varadero selbst fuhren wir direkt in eines der vielen Touristenghettos. Die Anlage heißt „LAS BRISAS DEL CARIBA“ und hat Platz für rund 400 Brutzelopfer. Sie ist sehr schön angelegt, liegt natürlich direkt am Strand und ist nur eins von über 50 Luxushotels an dieser Küste. Wir zählten 4 Sterne. Demnach hätte unser Stadthotel nur einen Stern haben dürfen (es hat aber 3 Sterne!). Die inzwischen auf vier Personen geschrumpfte Reisegruppe – zwei alte Engländerinnen und Dagmar und ich bekamen sogar ein Zimmer, um sich umziehen zu können. Paarweise, nacheinander, versteht sich. Vorher mussten wir uns aber zunächst ein blaues Plastikarmband ans Handgelenk montieren, damit wir als Tagesgäste identifiziert werden konnten.

 
Das blaue Band der Sympathie

Und dann ging´s zum Frühstück. Es gab zwar eine Menge Sachen, aber sonderlich lecker sah da nichts aus. Vor allem gab es weder Butter noch Margarine. Der Kaffee war kein Deut besser als in unserem Hotel. Also ab ans Meer. Dort wurden uns von einem sehr netten Kubaner Strandliegen aufgebaut – all inclusive! Na ja, ganz so inclusive war da doch nichts. Natürlich hat er dafür ein Trinkgeld erwartet. Genau wie alle anderen Bediensteten. Ob das nun der Eierkoch war, der für jedes Omelett einen Obulus erwartete oder die Bedienungen – alle waren auf Kohle aus. Ganz frech wird es, wenn man mit Euro bezahlen will oder muss. Hier wird der Kurs 1:1 abgerechnet – Mehrkosten also von 30%! Nun gut, damit hatten wir ja nichts am Hut. Wir saßen eine Weile am Strand rum, Dagmar ging bis zu den Knien ins kalte Atlantikwasser und ich las in meinem Krimi weiter. Das hätten wir auch in Havanna am Pool machen können. Also entschlossen wir uns, doch mal ins Zentrum von Varadero zu fahren, den kleinen Ort, den ich von meinem Urlaub kannte, in dem man nicht ganz so isoliert war wie in dieser riesigen Anlage mit seinen dauernden Animationen, seiner qualvollen Dauerbeschallung an allen Ecken und Enden und der Anwesenheit hunderter typischer Unterschicht-Urlauber.

 
Poollandschaft im Touristenparadies

Zum Glück gibt es auch hier einen „BEACH-BUS“, mit dem man für 5 CUCs (oder Euro) den ganzen Strand entlang fahren kann. Und das taten wir dann auch. Der Buss war knallvoll und die Sonne hatte 30 Grad deutlich überschritten. Solange der Bus fuhr, war es durch den Wind sehr angenehm, aber wenn er stillstand, spürte man förmlich, wie die Haut um Hilfe schrie. Ich zeigte Dagmar die ganzen Plätze, die ich damals besucht hatte. Auch mein damaliges Hotel „CLUB TROPICAL“ stand noch da, wo es damals war, aber ansonsten war der Ort gewaltig gewachsen. Ein Cafe neben dem anderen, sehr viele neue Restaurants und auch viele kleine Bazare mit dem üblichen Touristenquatsch. An der Endstation mussten wir ein paar Minuten bei einem CRISTAL-Bier warten – dann ging es denselben Weg wieder zurück.

 
Auch hier: Strand bis zum Abwinken

Im Hotel kamen wir noch rechtzeitig zum Mittagessen. Doch hätten wir gewusst, was da eine Pampe auf uns wartete, wären wir im Ort geblieben. Wenn der Wein so kalt gewesen wäre wie Suppe und das Fleisch so warm wie der Ober, hätte man ja noch was drauß machen können. Tatsächlich war das Essen aber für unsere feinen Geschmacksnerven unzumutbar. Selbst das Eis zum Nachtisch war viel zu süß, um noch gut zu schmecken. Resigniert legten wir uns auf zwei Liegestühle am Pool und lasen noch ein wenig in unseren Büchern. Um drei gaben wir die geliehenen Handtücher ab, zogen wir uns wieder um und warteten auf den Abtransport, der für 16.00 Uhr avisiert war. Da die Rezeption völlig überfüllt war, dauerte es noch bis 16.15 Uhr, bis wir alle unsere Pässe zurückhatten, vom Makel des blauen Bändchen befreit waren und wieder im Bus Richtung Havannah saßen. Unterwegs gab es noch einen kurzen Stop an einem hochgelegenen Aussichtspunkt, der mit einer Piña Colada versüßt wurde (die wir aber selbst bezahlen mussten).

Wenig später sahen wir einen grässlichen Autounfall. Ein amerikanischer Oldtimer hatte sich wohl mehrfach überschlagen und dabei ein bisschen zusammengefaltet. So wie das Blech aussah, war da kein Platz mehr für lebende Menschen. Das Tempolimit von 100 km/h sollte von solchen Wagen nicht ausgenutzt werden, dafür sind die schon damals nicht gebaut worden. Und jetzt, ein paar Millionen Kilometer später, entspricht die Straßenlage der meisten Kisten eher einem schwimmenden Brett im Sturm denn der eines modernen PKW. Unser Bus hatte übrigens 587000 km drauf. Das neueste Taxi, das ich hier fuhr, immerhin 277000. In allen „modernen“ Autos (also hauptsächlich Peugeots) leuchten grundsätzlich sämtliche Warnlampen inklusive der Aufforderung „STOP“ auf, weil das Fahrzeug nicht fahrbereit ist, bzw. gar nicht mehr fahren dürfte. Die weitverbreiteten LADAS, die ja ursprünglich auf dem FIAT 124 basieren, sind alle, aber wirklich alle, absoluter Schrott. Kein TÜV der Welt würde auch nur einem einzigen LADA auf Kuba eine Plakette geben, Regierungsfahrzeuge vielleicht ausgenommen. Also auch auf diesem Gebiet besteht noch großer Handelsbedarf. Raoul Castro hat sich mit seinen Reformen viel vorgenommen. Am einfachsten wäre es, wenn die USA ihr einseitiges Embargo abstellen würden. Ein Embargo, das von der ganzen Welt abgelehnt wird. Aber eher habe ich wahrscheinlich sechs Richtige im Lotto als dass die Amerikaner den Kubanern die Revolution verzeihen würden, die übrigens im nächsten Jahr ihren 55. Geburtstag feiert.

Um viertel vor sieben waren wir wieder im Hotel. Für den Abend hatten wir uns etwas Besonderes vorgenommen: Essen in einem der berühmtesten Lokale der Altstadt. Im „LA GUERIDA“ wurden Teile des Films „Erdbeer und Schokolade“ gedreht, außerdem sind hier in den frühen 1920er bis 1940er Jahren so ziemlich alle bekannten Filmstars dieser Welt ein- und ausgegangen. Als das Taxi anhielt, dachten wir allerdings, dass wir im falschen Film seien. Das Haus aus dem Jahr 1913 war völlig zerstört. Alte Marmortreppen führten jedoch in den dritten Stock, der noch intakt war und in dem sich – wie in einer 4-5 Zimmer-Wohnung – das Lokal befand. Bildhübsche Bedienungen mit einwandfreiem Englisch kümmerten sich sehr freundlich um uns. An den Wändern überall Bilder der großen und berühmten Menschen aus besseren Zeiten – wir wurden leider nicht fotografiert. Es war gar nicht so leicht, hier überhaupt einen Termin zu bekommen – drei Tage Vorlaufzeit muss man schon rechnen.

Doch dann kam das Essen – und das war ziemlich enttäuschend. Die Gemüsebeilagen waren viel zu kalt, meine Schweinefilets knochentrocken, die Kartoffelchips mit Champignons und Zwiebeln zermatscht und ebenfalls kalt. Nur der Cesars Salat war diesmal wirklich gut! Alles in allem war das Essen um Klassen schlechter als in unserem Lieblingslokal „Castropol“. Dafür aber dreimal so teuer.

Um eine wichtige Erfahrung reicher, liefen wir zu Fuß zurück ins Hotel, nicht ohne noch mal Station im „Café Neruda“ am „MALECÓN“ zu machen. Sabine hatte dort am Nachmittag bereits den nächsten Mann ihres Lebens kennengelernt. Es war der Kellner dieser Bar und er hatte ihr angeboten, sein ganzes Leben lang für sie zu putzen. Wem’s Spaß macht…

Sicherheitshalber nahmen wir sie dann aber doch wieder mit ins Hotel.


DER ELFTE TAG

Sabine hat´s erwischt. Nein, nicht der Kellner. Eine Allergie hat sie erwischt. Sonnenallergie oder vielleicht auch eine Lebensmittelunverträglichkeit. Rote Punkte am ganzen Körper. Der Arzt im Hotel empfiehlt ihr Histamine und gibt ihr eine Cortison-Spritze. Für den Rest der Reise muss sie eine strenge Diät einhalten. Hühnchen Si, Fische No. Während sie auf die Medikamente wartet, sitzt Dagmar am Pool und ich versuche, Ordnung in meine E-Mails zu bekommen. Es sind inzwischen über 680 Mails. Da es im Hotel seit gestern keine Internet-Karten mehr gibt, fahre ich ins Hotel Nacional und buche dort eine Stunde. Hier ist die Geschwindigkeit fast dreimal so schnell, so dass ich auch tatsächlich nach einer Stunde wieder auf dem Laufenden bin und eine Menge Mails beantwortet habe. Inzwischen warten mehr als ein Dutzend Aufträge darauf, nach meiner Rückreise erledigt zu werden. Ich bin froh, dass meine Kunden die Geduld haben, noch so lange zu warten. Ich hatte zwar mein gesamtes Aufnahmeequipment mitgenommen, aber das Hotel liegt an einer Hauptstraße und ist auch sonst so hellhörig, dass an saubere Sprachaufnahmen überhaupt nicht zu denken wäre. Und selbst wenn: eine WAV-Aufnahme über dieses lahme Internet zu verschicken würde viel wertvolle Urlaubszeit vergeuden, von den Kosten mal ganz abgesehen.

 
Unser Hotelpool im sechsten Stock wurde exakt mit 87 dB beschallt.

Sabine sieht inzwischen ziemlich schrecklich aus. Die roten Punkte fangen zu allem Überfluss auch noch an zu jucken. Sie hat sich während der Behandlung ausführlich mit der Ärztin unterhalten. Auch sie bekommt nur einen Hungerlohn – die Kosten der ärztlichen Bemühungen erhält der Staat. Die Ärztin ist gezwungen, eine Menge Listen zu führen. Weitergehende Kontrollen wie z.B. die Spionage in der ehemaligen DDR soll es hier nicht geben. Uns fällt auch schon seit Tagen auf, dass man kaum Polizei und so gut wie kein Militär auf den Straßen sieht. In einer Fernsehdokumentation auf „arte“ habe ich aber inzwischen gesehen, dass es in jeder Straße einen oder mehrere regierungstreue „Mitarbeiter“ gibt, die ihre Mitbewohner bewerten müssen und über Belohnungen, Gehaltserhöhungen oder auch Strafen entscheiden. Um über die Runden zu kommen, hat Sabines Ärztin – wie die meisten hier – noch zwei weitere Jobs. Außerdem verkauft sie an Sabine drei paar russische Nylon-Netzstrümpfe. Wo sie die anziehen will, will ich mir besser nicht vorstellen. In Kuba ist es jedenfalls im Moment sehr chic, so rumzulaufen.

Cortison, Penicillin und Histamine scheinen sich gut zu verstehen. Sabine ist bereit, mal wieder einen Stadtbummel zu unternehmen. Der Taxifahrer soll uns in ein Automuseum bringen, das ich noch von damals kenne. Er kennt es leider nicht, denn er fährt uns einfach vors „Floridata“. Aber durch kluges Nachfragen bei diversen Einheimischen gelingt es uns doch noch, den magischen Ort der alten Karrossen aufzufinden. Für 1,50 CUC (statt einem CUC, wie es im Marko-Polo-Führer steht) können wir dann in Ruhe die rund 30 Exemplare aus den 1920er bis 1950er Jahren bewundern. Fotografieren hätte nochmals 5 CUC gekostet (Marko Polo sagt 1.- CUC!), so dass wir darauf verzichten, zumal die Autos nicht sonderlich gepflegt sind. Das Automuseum in Sinsheim ist da von ganz anderem Kaliber…

Wir bummeln noch ein wenig weiter und setzen uns dann in einen der vielen kleinen Parks der Stadt, die die Steinwüsten auflockern. Ein sehr guter Guitarist singt sich die Seele aus dem Leib. Wir trinken Bier und Mojito. Sabine natürlich nicht, die darf ja nicht. Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.

Für das Abendessen haben wir zum fünften Mal das CASTROPOL auf dem Schirm, weil es hier tatsächlich bisher am besten geschmeckt hat und vor allem ein unschlagbares Preis/Leistungsverhältnis vorliegt.

 
TÜV leider abgelaufen

Da wir auch dieses Mal wieder unglaublich schnell bedient wurden und daher mit dem Essen schon kurz nach neun durch waren, suchten wir uns noch eine Open-Air-Bar am MALACÓN aus. Den Namen habe ich vergessen und möchte ihn auch nie mehr hören. Es war zwar sehr nett in und vor dem Lokal, aber der Besuch der sanitären Anlagen hat diesen Eindruck schlagartig zerstört. Vollgepinkelte Brille, kein Papier, kein Wasser – nicht einmal zum Händewaschen. Außerdem war es eine Toilette für Mann und Frau gleichermaßen. Eine Toilette, die ständig von allen Gästen frequentiert wurde. Mir war sooo schlecht…

Dass im Nachbarhaus ein lautstarker Streit über Spielschulden beim Domino-Spiel eskalierte, passte dann wie die Faust aufs Auge. Unser Hotel liegt übrigens im ehemaligen Schwarzenviertel, das auch heute noch fast ausschließlich von den dunkelhäutigen Kubanern bewohnt wird. Der Streit war aber glücklicherweise nur laut, nicht handgreiflich.

 

Später in der Nacht haben wir erstmals einen Blick in „unsere“ Disco geworfen. Recht gut eingerichteter Schuppen mit Extremlautstärke, Extremklimaanlage und extrem doofem Publikum. Also ab ins Bett.


DER ZWÖLFTE TAG

Immer noch keine Internet-Tickets an der Rezeption. Also fuhr ich wieder ins Hotel Nacional, um dort meiner Arbeit nachzugehen. Aus den über 700 Mails sind inzwischen 160 übrig geblieben, die geschäftsrelevant sind. Die anderen Mails warenWerbung, Spam oder überflüssiges Geplänkel.

Anschließend setzte ich mich in den wunderbaren Garten des Hotels, um da meinen Krimi fertig zu lesen – und gleich noch einen weiteren anzufangen. Im iPad Mini ist ja genug Platz für tausende von Büchern.

 
Derzeit noch nicht wieder bezugsfähig

Um 14.00 Uhr trafen die beiden Mädels dazu. Sie hatten mal wieder einen Stadtbummel gemacht, wären beinahe von einem Motorrad überfahren und von herabfallendem Schutt erschlagen worden. Außerdem hatten beide Bilder gekauft. Schöne Ölbilder auf Leinen. Kofferfertig eingewickelt.

Nach einem kleinen Snack im Hotel Nacional fuhren wir drei dann mit einem wunderschönen roten Cadillac Baujahr 1952 wieder ins „DEAUVILLE“, um uns am Pool noch ein bisschen die Zeit zu vertreiben.

Der geneigte Leser wird vielleicht schon bemerkt haben, dass spätestens an diesem Punkt unserer Reise so ziemlich alles erzählt wurde. Es gebricht an Sensationen oder neuen Eindrücken, da wir so langsam alles Wichtige gesehen haben. Natürlich könnten wir noch die ganzen Museen der Stadt abklappern, aber da wir da völlig unterschiedliche Interessen haben, müssten alle alleine los ziehen, was ja auch wenig Spaß macht. Immerhin beschließen wir, uns am Abend im „HOTEL NACIONAL“ noch einmal eine Show des „BUENA VISTA SOCIAL CLUB“ anzusehen. Mit Essen.

Vorher müssen wir allerdings noch einen Herrn Schröder aus Hannover ertragen. Dieser Herr Schröder ist 63 Jahre alt und nicht identisch mit dem ehemaligen Kanzler der Bundesrepublik, der ja bekanntlich auch aus Hannover stammt. Unser Herr Schröder war Gast im „DEAUVILLE“ und überfiel uns während einer Fahrstuhlfahrt in dem Moment, als er erkannte, dass wir aus Deutschland kamen. „Endlich mal jemand, mit dem man quasseln kann!“ eröffnete er die Konversation, die sich natürlich an der Bar fortsetzte, wo wir auf Sabine warten mussten. Unser Herr Schröder kippte sich in Sekundenschnelle ein ganzes Glas Rum hinter die Binde, um sofort ein Zweites zu bestellen. Er war so was von knallevoll, wie man das selten sieht. Dagmar in ihrer berühmt offenen Art hatte das vielleicht nicht gleich bemerkt; jedenfalls fing sie sofort ein Gespräch mit ihm an. Was man sich halt so von Tourist zu Tourist erzählt. Nach nur fünf Minuten hatte Schröder schon wieder vergessen, dass wir aus Frankfurt kommen. Dafür erzählte er uns, was er alles auf der Welt schon gesehen hat. „Thailand, Indien, die ganze Scheiße, den ganzen Dreck!“ Dagmar hätte mit ihren weltweiten Erfahrungen – vor allem ihren Aufenthalten in Australien – gut dagegen halten können, aber wie das bei Betrunkenen so ist, geht es denen im Wesentlichen darum, selbst zu reden. „In Australien war ich schon mal mit Familie, aber die Frau ist weg, Scheidung, die ganze Scheiße, verstehste?“ Drink Nummer zwei war alle, der dritte bestellt. „Ich hab´ die ganze Scheiße gesehen, den ganzen Dreck, verdammt. Ich hab der Frau vorhin Geld gegeben, damit ihr Kind Milch zu trinken bekommt. Tschulligung, wenn ich ´n bisschen lalle, aba ich trink halt gern. Das darf man doch. Bin ja auch allein. Meine kubanische Freundin ist heut nich da. Meine thailändische Freundin auch nicht. Is noch nich so weit.“ Es wurde immer schwerer, ihm zu folgen. Mein Einwurf, dass in Thailand inzwischen schon ein gewisser Wohlstand entstanden ist, wurde nahezu niedergebrüllt. „So ´n Quatsch! Haste mal an der Grenze zu Laos gesehen, wie die da hausen? Das is so ´ne Scheiße, so ´n Dreck, das kannste dir ganich vorstelln.“ Es war sinnlos, darauf irgendwas zu antworten. „Vier Sterne hat das Hotel? Bin ich auch schon rausgeflogen.“ Das konnte ich mir gut vorstellen. Herr Schröder zahlte seine Zeche und eine Runde für uns mit. Dann war sein kubanisches Geld alle. Ich spendierte ihm noch ein viertes Wasserglas mit kubanischem Rum, dann kam endlich Sabine und wir suchten das Weite.

Das Weite lag gar nicht fern. Heute also Kulturabend mit kubanischer Musik im HOTEL NACIONAL. Der Ballsaal des Hotels, der Saal „1930“ wurde wohl in demselben Jahr erbaut, dessen Namen er trägt. Alle Gäste wurden speziellen Tischen zugewiesen. Wir saßen in der zweiten Reihe, etwas links vor der Bühne und leider ziemlich dicht vor den Boxen, mit denen man die Frankfurter Festhalle hätte beschallen können. Das Essen war nicht übel, bestand aus drei Gängen und einem Gratisdrink. Pünktlich um um halb zehn sprang der jugendliche Moderator auf die Bühne und heizte das Publikum an, während sich in seinem Rücken dreizehn Musiker an ihre Instrumente begaben. Von links nach rechts waren das: Ein Pianist an einem Korg Stagepiano, ein Elektrogitarist, ein Elektro-Bassist, ein Bongo-Spieler an zwei großen Bongos, ein weiterer Percussionist, ein Trommler mit fünf lauten Trommeln, zwei Geiger und davor eine Sängerin und drei Sänger, die allesamt auch tanzten und diverse Percussion-Instrumente bedienten. Nr. 13 stand ganz links und bediente die Querflöte – ein Instrument, das man aus vollem Herzen als Folterinstrument bezeichnen darf. Meine Hoffnung, dass die Veranstaltung in Zimmerlautstärke ablaufen würde, hatte sich nach wenigen Sekunden erledigt. So laut war Musik in Havanna noch nie. Sabine stopfte sich auch sofort selbstgedrehte Papierstöpsel in die Ohren, um den Krach etwas erträglicher zu machen. Dagmar fands schön.

 
13 Leute und 94 dB Lautstärke

Zusätzlich zu den 13 Krachmachern kamen dann noch eine schwarzhaarige junge Tänzerin, eine uralte Buena Vista-Vorzeigedame aus den dreißiger Jahren und ein angeblich berühmter Saxofonist, der insgesamt drei Titel spielte. Anscheinend wird Musik nicht von allen gleich empfunden. Die beiden russisch besetzten Nachbartische hatten jedenfalls prachtvolle Stimmung, tanzten ständig mit und nahmen die meisten Szenen auf Video auf, indem sie ihre iPads in die Luft hielten und auf die Tänzer hielten, was ziemlich doof aussah. An jedem Tisch habe ich mindestens drei iPads und eine vollständige Ausstattung mit iPhones 5 gezählt.

Nach exakt zwei Stunden hatten die Damen und Herren der Musikergewerkschaft ausgespielt und wir zogen mit schmerzenden Ohren zurück ins Hotel. Herr Schröder war weg. Schade eigentlich.


DER DREIZEHNTE TAG

Den Morgen musste ich wieder im „HOTEL NACIONAL“ verbringen, weil es bei uns anscheinend in dieser Saison keine Internetkarten mehr geben wird. Dagmar und Sabine klapperten erneut ihre Lieblingsgalerien ab und nahmen noch einen Capucino im „HOTEL de INGLESE“, wo ich die beiden dann wenig später traf. Später im „CAFE PARIS“ mal ein paar Messungen durchgeführt. In meinem iPhone habe ich eine APP, die den Lautstärkepegel misst. Während drinnen die Band spielte und draußen eine andere Band entfernt zu hören war, betrug der Lautstärkepegel 93 Decibel, abgekürzt dB. Ab achtzig dB ist es stark gesundheitsschädlich. Die waren mit 76 db ohne Musik gerade so erreicht. Im Hotelzimmer (bei geschlossenem Fenster) 61 db – auf Dauer ebenfalls noch schädlich. Am Pool waren es ungesunde 84 dB (nachdem ich heimlich die Lautstärke zurückgedreht hatte).

Sabine hatte heute ihren letzten Tag. Sieben Tage haben ihr völlig ausgereicht und damit hatte sie auch recht. 14 Tage Havanna am Stück sind zu viel. Nun gut, wir haben auch fünf Tage mit zusätzlichen Ausflügen verbracht, aber dann bleiben immer noch 9 Tage. Neun Tage sind zuviel für eine Stadt wie Havanna, wenn man sich nicht Tag für Tag durch irgendwelche Museen quälen will. Und das wollen wir ja nicht.

Unsere Empfehlung: Vier Tage Havanna, dann mit dem Bus oder vielleicht sogar mir einem Mietwagen selbst durchs Land fahren, überall das beste Hotel suchen und auf eigene Faust das Land erkunden. Am Ende kann man ja noch drei Tage Varadero im Luxus dranhängen, wenn man das will. Die Menschen hier in Kuba sind sehr kontaktfreudig, es gibt so gut wie keine Gewalt oder Gefahr (vom Verkehr mal abgesehen, aber der ist auf dem Lande kaum zu spüren) und die Gründe und Folgen der kubanischen Revolution können nur durch die eigene Er-“Fahrung“ verinnerlicht werden. Die Kubaner sind zwar arm, aber stolz, gebildet und zufrieden. Dieser Satz, der uns sehr oft begegnet ist, scheint zu stimmen. Keine Ahnung, was passiert, wenn sich der Kapitalismus auf dieser Insel breit macht, wenn die nun erlaubte Selbstständigkeit zu Konkurrenzdenken und Konkurrenzdruck umschlägt. Wer werden die Sieger sein, wer die Verlierer? Wird der allgemeine Zugang zum Internet neue Begehrlichkeiten wecken oder neue Handelswege ermöglichen? Wird die Jugend mit einem „gemäßigten Kommunismus“ der Partei treu bleiben oder selbst irgendwann eine neue Rebellion starten? Lauter Fragen, die ich nicht beantworten kann, weil es für die Weiterentwicklung des Landes keine Vorlagen gibt. Alles ist möglich, alles ist offen.

 
Ein Bier geht immer

Sabine wurde um 14.30 Uhr von einem Taxi abgeholt und zum Flughafen gefahren. Wir mogelten uns dann noch ein bisschen durch den Tag und gingen abends ein letztes Mal ins „CASTROPOL“, wo man uns inzwischen schon fast als Familienangehörige betrachtete. Anschließend trafen wir an der Bar erneut Herrn Schröder. Rolf heißt er übrigens. Diesmal hatte er seine blutjunge kubanische Freundin dabei. Da Prostitution in Kuba unter Strafe steht, war es für ihn nicht einfach, das Mädel ins Hotel zu schleusen. Worüber die beiden sich unterhalten, konnten wir nicht nachvollziehen, da er weder spanisch noch englisch spricht und sie auch nur spanisch kann. Nun gut, für gewisse Dinge braucht man ja auch keine Worte. Rolf trank heute nur Bier, dafür aber sehr viel. Wir erfuhren, dass er bereits seine dritte Scheidung hinter sich hat, dass er jeden Tag 20km bis zum Strand mit dem Fahrrad fährt (die Figur war für einen 63-jährigen durchaus passabel!) und im Strandrestaurant bereits den Fisch für morgen bestellt hat. Die Kleine zeigte uns Bilder ihres 3-jährigen Sohnes, was uns dann schon ein wenig schockte. Das Mädel wollte so gerne in die hauseigene Disco, aber Rolf wollte lieber noch das eine oder andere Bier trinken. Spät und auch ein wenig angeschickert gingen wir zu Bett.


DER LETZTE TAG

Ein Tag des Abschieds. Aufstehen, eiskalt duschen, Frühstücken, Koffer packen, Pool, auf Taxi warten, zum Flughafen fahren, abfliegen…

…und um 16.40 Uhr deutscher Zeit (nach 10 Stunden Flug) endlich wieder daheim!


FAZIT:

Kuba ist eine Reise wert! Wenn es mit den Reformen jetzt zügig weitergeht, wird sich die Armut schnell verringern. Die Menschen sind überaus freundlich, Kriminalität ist nahezu unbekannt (was auch an den Repressalien der Regierung liegt, aber das ist eine andere Geschichte). Alles wird anders werden, wenn der CASTRO-Clan verstorben ist. Vielleicht wird Castro´s lesbische Tochter neue Präsidentin – die Umfragen sprechen derzeit dafür.

In etwa 6 Jahren werde ich eine dritte Reise ins Land unternehmen, um den Fortschritt oder den Zusammenbruch selbst mitzuerleben.

 

Wir werden sehen.

 

Kaum Wasser im Nil – Die Nilkreuzfahrt

Wir sind jetzt in Hurghada, direkt am Roten Meer. Draußen bemüht sich die Sonne ernsthaft, den eiskalten Wind zu besiegen, schafft es aber leider nur selten. Und so liegen sie da rund um den beheizten Pool, das Handtuch schützend über den Körper gelegt. Touristen aus einem Land, in dem ich noch nie war. Man kommt sich ein bisschen wie in einer russischen Enklave vor – die Russen haben das „Palm Beach Resort“ voll in ihrer Hand. Die paar deutschen Touristen sind deutlich in der Minderzahl, dafür aber durchweg hässlicher. Die meisten kennen wir schon von unserer Nilkreuzfahrt, die in der vergangenen Woche stattgefunden hat und eben so vielen von uns das berüchtigte Rumpeln in der Magengegend beschert hat.
Was war passiert?
Donnerstag, 5. Januar 2012. Der TUI-Flieger nach Luxor wird erst um 9.55 Uhr starten. Genug Zeit also, pünktlich mit der S-Bahn zum Flughafen zu kommen. Da wir unsere Koffer schon am Vorabend aufgegeben haben (was inzwischen 10.- Euro extra pro Person kostet!), hätte es gereicht, wenn wir um 9.25 Uhr am Gate antanzen würden. Irgendwie habe ich mich mit den ganzen Zeiten verrechnet und daher den Wecker schon auf sechs Uhr gestellt. 7 Minuten nach sieben fährt die S-Bahn superpünktlich nach Frankfurt, wo wir in der „Taunusanlage“ in die S1 umsteigen, die laut Dagmar über den Flughafen nach Wiesbaden fährt. Diese spezielle S-Bahn weiß leider nichts von Dagmars Fahrplan und fährt zu unserer größten Überraschung über Höchst direkt nach Wiesbaden. Also schnell wieder raus aus der Bahn und zurück zum Hauptbahnhof nach Frankfurt. Dort umgestiegen in die S9, die dann auch endlich den Airport ansteuert. Dann mit der vollautomatischen Flughafenbahn ins Terminal 2. Nach der Passkontrolle haben wir noch Zeit für einen überteuerten Starbucks-Cafe. Außerdem wird immer noch nicht angezeigt, an welchem Terminal wir „boarden“ sollen. Dagmar kennt – als ehemalige Stewardess – ein paar Tasten am info-Terminal, mit denen sich das Gate anzeigen lässt: D3. Die Herrschaften, die für die große Anzeige verantwortlich sind, haben anscheinend vergessen, das Gate einzutragen. Nach dem Sicherheitscheck, bei ich zum ersten Mal um eine Erklärung herumkomme, warum ich ein Mikrophon mit mir rumtrage, können wir einchecken und ziemlich pünktlich starten.
Ich bin hocherfreut, dass es sich bei dem Flieger um eine 737 handelt. Erst gestern habe ich nämlich eine Stunde im Flugsimulator verbracht. Ein Flugsimulator für eine Boing 737. Da gibt es nämlich eine neue Firma in der Nähe von IKEA in Frankfurt, die sich „Happy Landings“ nennt, bei denen man sich als Pilot ausbilden lassen kann. Nun habe ich zwar nicht vor, mich auf meine alten Tage noch als Passagierpilot zu betätigen, aber nach so einigen Stunden am Microsoft Flugsimulator bin ich doch sehr interessiert, wie sich so ein Ding fliegt. Mein Söhne Julian und Benjamin sowie Dagmar haben mir den „Flug“ zu Weihnachten geschenkt. Julian ist mit seinem Sohn Damian mitgekommen, um den Ollen abstürzen zu sehen. Der erste Teil der Simulation beinhaltet den Start in München und eine Landung in Innsbruck, mitten durch die Gebirge durch. Nach einem etwa halbstündigem Briefing VOR der Simulationskabine und einer ebenso langen Einweisung in die Instrumente kann der Flug beginnen. Allen, die noch nie selbst geflogen sind und eine unheimliche Ehrfurcht vor der Unzahl der Apparaturen in so einem Cockpit hegen, sei verraten, dass man so eine Kiste mit ganz wenigen Elementen fliegen kann: Mit dem Steuerknüppel, den beiden Fußpedalen (mit denen auch gebremst wird), dem Gashebel und dem Verständnis eines kleinen Bildschirms, der einem den Horizont und den Steig- oder Sinkwinkel anzeigt. Letztere sollten nicht zu groß sein, sonst wird’s den Passagieren schlecht. Ach so, Geschwindigkeit und Kurs sollte man auch im Auge behalten. Mit diesem Basiswissen bekomme ich den Vogel problemlos in die Lüfte. Zwischendurch haben die fiktiven Passagiere wohl das eine oder andere Mal in die Tüte gespuckt, aber das lerne ich auch noch. Zur Landung kommt es dann leider nicht mehr, weil sich kurz vor dem Aufsetzen die Software des Simulators verabschiedet. Nach einer kurzen Neuinstallation landen wir dann noch ein paarmal in Frankfurt. Bei meiner ersten Landung hätte es die 737 komplett zerbröselt und auch die zweite Landung ist nicht so dolle, dass man das Flugzeug weiter verwenden könnte, aber Julian legt dann endlich eine saubere Landung hin und rettet somit die Familienehre.
Zurück zu unserer Reise. Mit dem beruhigenden Gefühl, im Notfall die Kiste irgendwie runter zu bekommen, genießen Dagmar und ich den Flug ungemein. Und da weder der Pilot noch der Copilot an verdorbenem Essen zusammenbrechen, landen wir auch ohne meine Hilfe pünktlich ca. viereinhalb Stunden später in Luxor. Ein Dank an dieser Stelle an das wirklich sehr nette Flugpersonal, das stets einen Scherz auf den Lippen hat und sich selbst von den nervigsten Neufünfländern nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Am Flughafen suchen wir erstmal einen Geldautomaten auf, um uns mit etwas einheimischer Währung einzudecken. Mehr als 200 Ägyptische Pfund kann man nicht abheben, obwohl das umgerechnet nur 27 Euro sind. Wir hätten uns die Pfunde auch gleich ganz sparen können, da sich Ägypten ganz schnell als das „Ein-Euro-Land“ entpuppt. Egal, was einem auf der Straße angeboten wird – es kostet „EIN EURO“. Natürlich auch der obligatorische Toilettenbesuch nach der Landung. Gleich drei Muselmanen streiten sich um die Gunst, mir Klopapier in die Hand drücken zu dürfen. Da ich bei der Wechselarie nur große Scheine erhalten habe, gebe ich dem Putzmeister meinen letzten Euro.
Unser Reiseveranstalter heißt „ECCO“ und gehört dem ägyptischen „ISIS“-Konzern. Wir werden professionell in Empfang genommen und zum Bus geführt. Die ca. zwanzig Kofferträger, die auf einen Euro aus sind, können wir mühsam abwimmeln. Vom Flughafen zum Schiff sind es ca. eine halbe Stunde Fahrt, während der unser Tourleiter Geld wechselt – zu einem gnadenlos schlechteren Kurs als im Automaten, wie sich gleich herausstellt. Und dann sind wir endlich am Anlegeplatz. Fünf Schiffe liegen parallel nebeneinander – unseres ist natürlich das letzte. Um es zu erreichen, müssen wir die anderen vier Schiffe durchqueren. Das erste Schiff hätte mir sehr gut gefallen – die Nile Crown III. Wir werden leider in die Nile Crown I gesteckt, die deutlich bessere Tage gehabt haben muss. Die 52 Kabinen verteilen sich auf vier Stockwerke. Je höher, je besser. Da wir „Comfortclass“ gebucht haben, hoffen wir auf den dritten oder vierten Stock. Leider steckt man uns in den Keller. Die Vorhänge in den Kabinenfenstern sind zugezogen und die Fenster selbst lassen sich auch nicht öffnen. Man könnte sowieso nichts sehen, da das Kabinenfenster direkt gegenüber dem nächsten Schiff liegt, dessen Fenster auch alle geschlossen sind. Der Kofferträger bedankt sich für den Euro, den Dagmar noch in ihrem Portemonnaie gefunden hat. Wir sind ziemlich enttäuscht über diese Kabine und wenden uns empört an die Reiseleitung, einen gewissen Mohammed, den man Mohammad ausspricht. Nach einigen Hin und her klärt sich, dass „Comfortclass“ lediglich bedeutet, dass man Vollpension erhält. Eine Zuzahlung für ein besseres Zimmer ist nicht möglich, da das Schiff ausgebucht ist. Hätte eh´ nicht viel gebracht, wie sich bald herausstellt. Die Zimmer sind alle gleichgroß und die Fenster sind auf dem ganzen Schiff nicht zu öffnen. Immerhin liegen unsere Fenster nicht UNTER Wasser. Das Dieselöl der uralten Maschinen stinkt zwar gewaltig, dringt aber kaum bis in unser Zimmer vor. Die Einrichtung: Zwei Einzelbetten, die wir sofort zu einem Doppelbett zusammenschieben, ein Bad mit Dusche und einer Toilette, in die man kein Papier werfen darf. Ein Fernseher mit drei Kanälen, die entweder die Bugkamera oder das Programm anzeigen, das irgendein Matrose irgendwo gerade eingestellt hat. Da wird dann auch gerne mal mitten im Film umgeschaltet. Als einzige deutsche Sender tauchen ab und zu RTL 2 und das ZDF auf, immerhin! Der Tresor ist auch ulkig. Den Schlüssel erhält man kostenlos an der Rezeption. Den Tresor erfüllt seinen Zweck allerdings nur halbherzig, da er noch nicht einmal an der Wand befestigt ist, sondern kinderleicht durch die Gegend getragen werden kann.
Erwähnte ich schon, dass der Kahn seine besseren Zeiten lange hinter sich gehabt haben muss? Die Gänge zu den Kabinen sind die reinsten Stolperfallen – überall verbergen sich unter dem verdreckten Teppich Einbuchtungen für irgendwelche Luken. Der Kühlschrank ist defekt und die Klimaanlage kann nur kalt, obwohl es höchstens 15 Grad warm ist. Willkommen in der ägyptischen Hochsaison! Wenn man nach dem Duschen das Wasser abdreht, fällt einem der Duschkopf auf die Füße. Zweimal hat´s mich erwischt, dann habe ich es mir gemerkt. Mit ziemlich gemischten Gefühlen betreten wir die Bar, die sich einen Stock über uns befindet. Schicke 50er-Jahre-Einrichtung und strikte Einteilung nach Rauchern und Nichtrauchern. Da in unserer Gurkentruppe eine Menge Raucher sind, müssen wir uns zur Lagebesprechung auf der Raucherseite treffen. Da wir nur Vollpension und kein „All inclusive“ gebucht haben, bestellen wir uns (für einen Euro) ein Bierchen. Ein deutsch-russisches Paar fällt durch den Konsum mehrerer Gläser Weißwein mit Strohhalm auf. SIE ist Russin, ER ist aus Sachsen und deutlich jünger als sie. Beide sind durchaus extravagant und teuer gekleidet. Er könnte mit seiner Figur und dem Aussehen glatt als Model durchgehen, wenn nicht das vermatschte Gesicht eindrucksvoller Zeuge übermäßigen Alkoholkonsums wäre. Normalerweise trinkt er Bier, das aber schon zum Frühstück. Sie bevorzugt während der Nilreise Weißwein, wird aber später in Hurghada auf Rotwein umsteigen – immer mit Strohhalm und immer von früh bis spät.
Mohammed, unser Reiseleiter für diese erste Woche, erklärt das Ausflugsprogramm. Es gibt ein Tourpaket, das man schon vorab für 175.- Euro buchen konnte. In der Hoffnung, vor Ort eine größere und eventuell günstigere Auswahl zu finden, haben wir bisher nichts gebucht. Aber nach der detailreichen Beschreibung aller Ausflüge schlagen wir dann doch zu und buchen alle Ausflüge – sogar die „fakultativen“ – also zusätzlichen Ausflüge. Außerdem müssen wir sämtliche Trinkgelder für alle Beteiligten dieser Tour im Voraus entrichten – so um die 36 Euro pro Person. Auf jeden Fall günstiger als wenn man jedes Mal für jede Dienstleitung in die Tasche greifen müsste. Die Bezahlung, saubere 580.- Euro für uns beide, will ich mit meiner Visa-Karte tätigen. Leider dauert es rund eine Stunde, bis ein Gerät aufgetrieben wird, mit dem man, wie in alten Zeiten, Kreditkarten durchziehen kann. Das Gerät ist offensichtlich eine Weile außer Betrieb gewesen, denn das einzige, was klappt, ist die zuverlässige Zerschneidung meiner Kreditkarte. Wir schreiben die Daten dann eben per Hand auf den Beleg.
Eigentlich wollen wir auch auf „All inclusive“ updaten. Mohammed ist aber so fair, uns davor zu warnen. Das Update würde umgerechnet 35.- Euro pro Person und Tag ausmachen. Soviel können wir beim besten Willen nicht versaufen…
Außerdem stellt sich bald heraus, dass ohnehin nur wenige, ausnahmslos einheimische Getränke im „All-Inclusive“-Paket enthalten sind. Bier wird nur in kleinen Gläsern ausgeschenkt und wer einen Longdrink verlangt, muss lange nach dem Alkohol suchen. Manchmal fehlt er ganz.
Neunzehn Uhr – Essen fassen. Das Restaurant befindet sich einen Stock unter der Bar. Wie auf solchen Fahrten üblich, gibt es ein ein großes Buffet. Und mag man das Schiff insgesamt auch als alt und klapprig bezeichnen, so ist doch die Qualität der Speisen und Getränke allerfeinst. Wir werden von unserem Stammkellner an einen Fensterplatz gesetzt (der natürlich noch zugezogen ist, da wir noch gar nicht abgefahren sind). Zu unserer großen Verzweiflung setzt der Maitre de plaisir ausgerechnet die Russin mit ihrem Model-Mann neben uns. Ich weiß nicht wie viele Gläser Weißwein inzwischen durch ihren Strohhalm geflossen sind, es müssen eine Menge sein, wie ihre lallende Aussprache vermuten lässt. Der ägyptische Weißwein findet übrigens sehr schnell weitere Liebhaber, mich eingeschlossen. Daggi kann sich noch nicht so richtig entscheiden, folgt aber im Lauf der Reise dem allgemeinen Trend.
Nach dem Essen gehen wir nochmals in die Bar. Zu grässlicher Discomusik (Ohne Bässe, viel zu mittenbetonter Klang) sitzen die Mitglieder unserer Gruppe, fein säuberlich nach Raucher und Nichtraucher sortiert, in den Plüschsesseln und versuchen, sich näher zu kommen. Die Bürger und Bürgerinnen aus dem Osten unseres Landes sind eindeutig in der Mehrzahl. Das Durchschnittsalter dürfte so um die sechzig liegen, aber nur, weil drei oder vier Jüngere den Schnitt gewaltig drücken.
Wir lernen ein Paar aus Frankfurt kennen. Sie ist Architektin, er pensionierter Banker – beide aus Frankfurt und beide sehr nett. Wobei „nett“ irgendwie sehr nichtssagend klingt. Es sind wirklich Menschen, die was erlebt haben und was erzählen können. Menschen, deren Horizont auf vielen Gebieten noch ein gutes Stückchen weiter geht als unsere kleine Welt, in der wir es uns gemütlich gemacht haben. Marie Therese kommt z.B. gerade aus Äthiopien, wo sie nicht nur ein Bauprojekt betreut, sondern auch mehrere Kinderpatenschaften abgeschlossen hat. Mit ein paar Euro im Monat kann hier einem Kind die komplette Ausbildung garantiert werden. ER heißt „Babo“. Das ist kein Spitzname, sondern tatsächlich der Name eines Adelsgeschlechts aus dem 16. Jahrhundert, von dem er abstammt. Das lässt er zum Glück nicht raushängen, sondern bewegt sich mit seinen Kommentaren ganz im Hier und Jetzt. Völlig verschieden sind wir beiden Paare in Hinblick auf Kultur. Die beiden gehen zwar auch gerne ins Theater, waren aber noch nie in der „Komödie“. Musik interessiert sie nur, wenn es Jazz oder Klassik ist – genau die beiden Musikrichtungen, mit denen wir beide herzlich wenig anfangen können. Auch Architektur und Bildhauerei gehören eher zu den sehr entfernten Interessengebieten von Dagmar und mir. Aber wie es so ist: Gegensätze ziehen sich an. So haben wir uns im Laufe der beiden Wochen immer wieder viel zu erzählen. Und es gibt auch nur zwei weitere Paare unter den 104 Mitreisenden, zu denen wir engeren Kontakt bekommen. Zum einen Thilo und seine Freundin Nadja, mit denen wir durch einen Bazar bummeln werden und Hartwig und seine Frau Dietlind, mit denen wir erst in Hurghada die ersten Gespräche führen werden. Daher lasse ich das jetzt auch noch weg und komme auf beide zurück, wenn sie chronologisch in unserer Reise auftauchen. Die meisten anderen Mitreisenden sind eher dem RTL2-Stammpublikum zuzurechnen und daher nicht unser Bier. Lustig sind zwei jüngere Burschen aus Leipzig, die mangels eigener Freundinnen inzwischen lieber zusammen verreisen – beide in Einzelzimmern, damit kein Verdacht aufkommt.
Verliebte Jungs sind allerdings auch an Bord. Der eine ganz nett, sehr gut gekleidet, eher intellektuell aussehend, sein Lover eine grässliche Nervensäge mit polnischem Migrationshintergrund. Das passende Gegenstück sind zwei ältere dicke Damen, bei denen die eine wohl gerade eine Chemotherapie hinter sich hat. Die bevorzugte Bordsprache ist sächsisch.
Wir tauchen nach zwei Gläsern Wein erstmal ab in unsere Muffelbude. Das Schiff wird über Nacht in Luxor bleiben und wir sind auch schon reichlich müde. Morgen erwartet uns ja schon der erste Ausflug. Auf dem Weg in die Kajüte lesen wir auf der Programmtafel, wann wir geweckt werden: SECHS UHR!!!! Das bedeutet fünf Uhr deutscher Zeit!!!! Tja, bin ich denn nicht im Urlaub? Was soll das denn??? Es bleibt uns nichts anderes übrig als diese unmenschliche Tourzeit zu schlucken. Ist sicherlich sinnvoll, wenn es in Ägypten so richtig heiß ist. Dann ist der frühe Morgen ideal für Besichtigungen, aber draußen ist es kälter als bei unserem Abflug in Frankfurt!
Wir schlafen schnell ein. Dagmar wird gegen zwei Uhr wach, weil irgendwelche lauten Geräusche sie aufschrecken lassen. Es stellt sich später heraus, dass um diese Zeit die Wasserfilter gewechselt werden und neues Trinkwasser eingefüllt wird. Ich kreige davon nichts mit und ich schlafe sogar bis fünf Uhr durch. Dann warte ich nämlich darauf, dass der Wecker klingelt. Stattdessen fahre ich zu Tode erschrocken auf, als aus dem nahegelegenen Minarett einer Moschee der Weckruf des Imans über die Stadt schallt – mit grässlichen Druckkammerlautsprechern verstärkt, damit ja keiner weiterschläft, sondern gefälligst betet. Nach zehn Minuten ist der Lärm vorüber und ich kann weiter auf unseren Weckruf warten. Als es dann wirklich klingelt, bin ich gerade wieder eingeschlafen.
Siebter Januar 2012. Um halb sieben sitzen wir im Restaurant und erfreuen uns an dem reichhaltigen Frühstücksbuffet. Unser Kellner möchte uns wieder an denselben Tisch wie gestern Abend setzen. Wir weigern uns aus naheliegenden Gründen und setzen uns einfach auf zwei freie Plätze an dem Tisch, an dem auch die beiden Frankfurter sitzen. Das bringt natürlich den schönen Plan unseres Kellners völlig durcheinander, denn wiederum andere, die vorher hier saßen, müssen jetzt woanders hin und so weiter. Irgendwann im Laufe des Tages haben aber alle Plätze gefunden, mit denen sie einverstanden sind. An einem großen runden Tisch sitzt eine muslimische Familie, wie sie im Bilderbuch steht. ER mit Vollbart und dickem Bauch, SIE völlig verschleiert und zwei Kinder mit Schleier. Die arme Frau muss für jeden Bissen den Schleier anheben. Sehr gewöhnungsbedürftig. Sie scheint aber genug Essen abbekommen zu haben, wie man trotz des Gewandes unschwer erkennen kann. Mal ein paar Zahlen: Rund 80% der Ägypter sind Muslime, rund 17% Christen, die hier aber Kopten genannt werden und eher den griechisch-orthodoxen Christen zuzuordnen sind. Man lebt in einer Art „Bruderschaft“, die aber wohl nach der Revolution – über die wir noch viel reden werden – einen Knacks bekommen hat. Die christliche Minderheit wird seither, vor allem in Kairo, deutlich unterdrückt und auch schon mal verhauen. Hier in Luxor merkt man allerdings davon nichts. Mohammed ist kein Freund der Revolution – das merken wir an jeder seiner Antworten zu diesem Thema.
Sieben Uhr ist Abmarsch zur ersten Exkursion. Der Tempel von Karnak sowie der Tempel von Luxor stehen auf dem Programm. Ein Bus fährt uns hin. Nach der Besichtigung des Modells der Anlage laufen wir dann zunächst mal zum Karnak-Tempel. Ein wirklich imposanter Bau mit so mancher architektonischen Eigenheit, wie unsere Fachfrau schnell feststellt und mit Mohammed diskutiert. Der beantwortet auch alle Fragen geduldig und stoisch, obwohl man ihm schon anmerkt, dass er eigentlich lieber sein eigenes Programm abspulen möchte. Immer wieder bekommen wir ein paar Minuten Auslauf, um uns ein paar Details anzuschauen. Ich werde die Geschichte der ägyptischen Götter jetzt hier nicht noch einmal erzählen – dafür ist Wikipedia ein besserer und zuverlässigerer Anlaufpunkt. Zu erwähnen ist höchstens, dass es mausekalt ist und wir ganz schön klappern im Wind. So ab zehn kommt dann die Sonne etwas auf Touren und macht die Tour dann auch erträglicher. Den landesüblichen gefühlten 200 Einzelhändlern, die uns alle 3 Meter (aber nur VOR dem Tempel) irgendwelchen Touristenkrempel „für nur ein Euro“ anpreisen, gehen wir gekonnt aus dem Wege. Einfach nicht darauf reagieren und grundsätzlich in eine andere Richtung schauen – das hat sich als perfekter Abwehrmechanismus erwiesen. Es wäre ja schön, wenn wirklich alles nur einen Euro kosten würde – oder sogar umsonst wäre, wie so mancher Händler behauptet. Tatsache ist natürlich, dass in dem Moment, in dem ein Verkaufsgespräch beginnt, ausgerechnet der gewünschte Artikel dann doch eher 20 Euro kostet, bis man ihn auf immer noch überbezahlte 5 Euro runtergehandelt hat. Und was kann man kaufen? Alles, was kein Mensch braucht. Pyramiden, Kamele, kratzige Tücher, Sphinx-Nachbildungen, olle Götter und alles, was irgendwie mit Ägypten zu tun hat und sich als Staubfänger eignet.
Weiter geht’s mit dem Bus zum Tempel von Luxor. (Luxor hieß übrigens mal „THEBEN“, das nur so am Rande). Irgendwie dasselbe in grün mit etwas mehr Straßenhändlern. Interessant ist, dass beide Tempel in einer geraden Linie miteinander verbunden sind. Diese Linie wollte man nun wieder sichtbar machen und hat dafür in jahrelanger Kleinarbeit alle Häuser abgerissen, die der direkten Verbindung im Wege standen und sie wieder woanders neu aufgebaut. Als dann schon das Fundament für die Verbindungsstraße angefangen wurde, kam die Revolution. Und mit der Revolution kamen keine Touristen mehr. 80% weniger seit Januar 2011. Und ohne Touris keine Kohle. Also ist die Straße jetzt eine Baustelle, die wohl ihre Vollendung so schnell nicht erleben wird. Na ja, hier in Ägypten dauert es ja gerne mal 6000 Jahre, bis sich was verändert. Mohammed, offensichtlich streng gläubig, findet das alles nicht so berauschend. Er ist studierter Ägyptologe von Beruf und hat mit unserer Tour seinen ersten Job seit drei Monaten. Seine Familie wartet in Kairo auf ihn. Wir lernen von ihm, dass die ollen Ägypter einen ganz raffinierten Schöpfungsplan hatten. Die Sonne (Gott „Amun Ra“, der eigentlich zwei Götter war, aber das führt jetzt zu weit) geht im Osten auf. Also ist östlich des Nils das Leben. Im Westen, auf der anderen Seite des Nils, geht sie wieder unter, also werden dort alle Toten begraben. Da die Sonne ja am nächsten Tag wieder aufgeht, war man der Meinung, dass auch die Toten am nächsten Tag wieder auferstehen würden, wenn sie nur aus ihrem Grab zur Spitze eines Berges klettern würden, von wo ihre Seele gen Himmel fahren und mit der Sonne am nächsten Tag wieder ins Leben getreten wäre. Zu kompliziert? Sorry, besser kann ich´s nicht erklären. Morgen im „Tal der Könige“ klappt das vielleicht besser. Jetzt geht es erst mal wieder zurück aufs Schiff. Das Buffet wartet.
Für den Nachmittag ordern wir eine „fakultative“ Stadtrundfahrt mit Pferdekutschen. Rund zwanzig Touristenpaare quetschen sich in die engen Kutschen, die von meist sehr ausgemergelten Pferden mit übergewichtigen Kutschern gezogen werden. Wider Erwarten ist diese Tour sehr schön. Wir fahren zunächst ein bisschen raus aufs Land, um den Einheimischen beim Nichtstun zuzusehen. Man könnte meinen, wenn es eh schon keine Arbeit gibt, könnte man doch die Zeit nutzen, um den ganzen Schutt wegzuräumen, aber das steht wohl nicht im genetischen Code der Ägypter. Nach einer Getränkepause (im Preis enthalten!) geht es weiter in die Altstadt direkt in einen Bazar. Jawoll, mit der Kutsche mitten durch das Einkaufszentrum. Das ist schon recht abenteuerlich, zumal unser Gefährt schon vor ca. 130 Jahren in die Inspektion gehört hätte und sich in den engen Kurven und unbefestigten Straßen windet wie ein weidwunder Wasserbüffel. (Schöne Alliteration, ansonsten ziemlich daneben.) Plötzlich wird unser Kutschenzug immer länger. Pferdekutschen mit Lautsprechern und jungen Leuten, die zweisprachige Handzettel verteilen, machen uns plötzlich zu einem Teil der Revolution. Auf dem Handzettel steht, dass wir gefälligst bei den einheimischen Händlern kaufen und keine Touren über große Touristenbüros buchen sollen. Oops, erwischt. Muhammed, dem wir den Zettel abends zeigen, „was not amused“.
Nach zwei Stunden, die erstaunlicherweise von allen Pferden (und Touristen) ohne Ausfall bewältigt werden, geht es mal wieder zurück auf´s Schiff. Ein kurzer Drink in der Bar – und es gibt schon wieder was zu essen. Danach gehen wir früh schlafen. Die morgige Tour beginnt nämlich schon um – SECHS UHR!!!
Kurze Zwischenanmerkung zum Thema Internet: So mancher wird sich fragen, wie ich nun schon den dritten Tag ohne Internet auskomme. Tue ich ja gar nicht, ätsch! Es gibt auf dem Schiff Wireless Lan, das allerdings nur direkt neben dem Internetrechner funktioniert, der neben der Bar steht. Der Rechner selbst funktioniert leider nicht. Über die Kombination eines Usernamens und eines Passwortes gehe ich dann immer wieder mal „Online“, um meine Mails abzurufen. Ein teurer Spaß, der zudem sehr oft überhaupt nicht funktioniert. Eine Stunde kosten 40 Ägyptische Pfund, also rund 6 Euro. Vier Stunden kosten 160 Pfund, aber sechs Stunden kosten 120 Pfund, also rund 18 Euro. Merkwürdiger Rabatt. Marie Therese, die Architektin, hat das schlauer eingefädelt. Während wir mit den Pferdchen galoppierten, hat sie – zusammen mit Mohammed – in der Stadt einen Vodaphone-Laden aufgesucht und dort einen UMTS-Stick mit 6GB Internetnutzung für ca. 35 Euro gekauft. Da kann man nicht meckern.
Mitten in der Nacht zum Samstag bleibt das Schiff mit einem großen Rumms im Nil stecken. Der gut 60 Meter lange Kahn (Breite ca. 10 Meter) hat sich im Nilschlamm festgefahren. Bei einem Tiefgang von nur etwa einem Meter fünfzig ist das weniger schlimm als man zunächst vermutet.
Aber es dauert eine gute halbe Stunde, bis die Mannschaft den Kahn wieder flott bekommt. Offenbar ohne größere Beschädigung setzen wir unsere Reise fort.
Den Wecker um sechs wollen wir eigentlich am liebsten ignorieren, aber da wir die Tour ins „Tal der Könige“ nun schon mal bezahlt haben, stehen wir natürlich auf und sind pünktlich um halb sieben im Frühstücksrestaurant. Das Buffet ist auch hier wieder reichhaltig und vorzüglich. So viel essen wir in unserem „normalen“ Leben die ganze Woche nicht, was hier morgens durch den Schlund läuft.
Mohammed ist schon putzmunter und ruft um sieben „seine“ Truppe zusammen. Wir sind nämlich ZWEI Reisegruppen mit ZWEI Reiseleitern, wie wir inzwischen gelernt haben. Und wir haben Glüvk: Mit Mohammed haben wir eindeutig den besseren Tourguide erwischt. Er weiß alles, gibt aber nicht alles ohne Nachfrage raus. Der andere Kerl („Ahmed“) nuschelt im Falsett vor sich hin, spricht ein grauenhaftes Deutsch und erzählt nur Sachen wie: „Das hier ist Tal der Könige. Sie jetzt aussteigen und gucken an. Dann komme zuruck in Bus. Ich hier warte.“ Mohammed hat nur manchmal Probleme, wenn einer unserer tiefsächsischen Mitreisenden Zwischenfragen stellt. Oft kann ihm aber keiner helfen, weil wir selbst nichts verstehen. Ehe man mir hier nun eine Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus gegen Sachsen unterstellt: Ich habe Nichts gegen Sachsen, bin ja selbst in Dresden geboren (und dann mit drei Monaten in den kapitalistischen Westen verschleppt worden – Gott sei dank). Ich kann es nicht leiden, wenn menschen so undeutlich sprechen, dass man sie nicht versteht, wenn man nicht zufällig im selben Dorf aufgewachsen ist. Das gilt für bestimmte hessische Dialekte genauso wie für Plattdeutsch, tiefbayrisch, pfälzisch, saarländisch und was der Grausamkeiten mehr sind in diesem Land. Nicht ohne Grund hat man sich doch auf Hochdeutsch geeinigt – eine Sprache, die jeder von Süd bis Nord, von Ost bis West verstehen sollte. Nun gut, so langsam sterben die Dialekte sowieso aus. Ich werde ihnen nicht nachweinen. Vielleicht kann ich dann sogar irgendwann einmal einem österreichischen Tatort folgen…
So, jetzt fahren wir aber endlich ins Tal der Könige. Das liegt immer noch in Luxor, aber auf der anderen Seite des Nils, also westlich. Hier werden alle begraben, auch die heutigen Toten. Mit dem Bus fhren wir zunächst eine Weile auf „unserer“ Seite den Nil runter, um dann über eine Brücke zur anderen Nilseite zu gelangen. Sehr verwirrend für uns ist die Tatsache, dass der Nil in Ägypten von Süden nach Norden fließt, also eigentlich „verkehrtrum“. Und deswegen ist „Oberägypten“ nicht etwa im Norden, sondern im Süden und „Unterägypten“ demnach im nördlichen Teil Ägyptens angesiedelt. Die Mündung des Nils liegt in Äthiopien – und das ist üfr die Ägypter ein großes Problem. Durch den Bau diverser Staudämme fließt nämlich immer weniger Wasser den Nil herunter (also gen Norden, nach Ägypten). Und deswegen sind wir heute Nacht auch auf Grund gelaufen. Zu wenig Wasser. Derzeit sind drei weitere Staudämme in Äthiopien im Bau, wie wir von Marie-Therese erfahren. Einer wird von den Amis finanziert, einer von irgendjemand anderem und der größte von den Chinesen. Wenn der irgendwann fertig ist, sollen weitere 35% des Nilwassers zurückgehalten werden. Dieses Jahrhundertprojekt bringt den Äthiopiern, die darauf schon seit Ewigkeiten warten, endlich die dringend nötige Infrastruktur, um beispielsweise Strom zu erezuegn und diesem am Weltmarkt anzubieten. Den Ägyptern bringt das nur Ärger – und das lassen sie sich auch derzeit deutlich anmerken. Laut Mohammed seien „intensive diplomatische gespräche“ im Gange, das Dilemma zu lösen. Denn Ägypten ohne Nil wäre nicht überlebensfähig. Die rund 85 Millionen Ägypter wohnen alle rund um diese Lebensader – der Rest ist Wüste. Wenn also jetzt nicht nur die Touristen wegbleiben, sondern auch noch das Nilwasser abgedreht wird, könnten sich ganz schön gefährliche Situationen für unseren Weltfrieden ergeben.
Heute morgen ist noch genug Wasser vorhanden und unser friedlicher Reiseleier führt uns ins „TAL DER KÖNIGE“. Hierbei handelt es sich um ein Gebirge aus Kalkstein, in dessen Felsen die ollen Ägypter Unmengen von Gräbern für ihre Pharaonen gehämmert haben. Kaum, dass einer zum Pharao aufgestiegen war, begann er auch schon mit dem Bau seines Grabmals. Die meisten haben das Ende des Baus gar nicht erlebt und wurden daher in halbfertige Grabmäler gelegt. Getreu dem Glauben, dass man am nächsten Morgen mit der Sonne wieder auferstehen würde, waren in den Grabkammern genaue Anweisungen nachzulesen, was die Toten in den Nachtstunden alles tun sollten, um ihre Seele über den Berggipfel (der auch wie eine Pyramide aussieht, aber ohne menschliches Zutun – einfach Natur) über den Mond zur Sonne zu leiten. Immer noch nicht verstanden? Ich auch nicht. Jedenfalls nicht so genau. Die Hyroglyphen waren ja bekanntlich die ersten Schriftzeichen der Menschheit – ca. 6000 Jahre vor Christus. Ich dachte bisher, das jedes Zeichen eine kleine Geschichte erzählen würde, die man einfach nur richtig deuten müsste, um den ganzen Altertumskram zu kapieren, aber weit gefehlt: Es handelt sich bei den Hyroglyphen um richtige Buchstaben, die man hintereinander, bzw. untereinander lesen musste. Das komplette Alphabet gibt es in ganz Ägypten milliardenmal für „nur ein Euro“ an jeder Straßenecke.
Im Tal der Könige liegen also eine Menge Gräber der alten Pharaonen. Rund 62 Srtück hat man bisher gefunden. Fast alle waren von frühen Grabräubern ausgeplündert worden. Die alten Herrscher hatten nämlich als Grabbeigabe jede Menge Schmuck, Gold und andere Wertsachen mit
dabei, um bei der Wiedergeburt nicht als armes Würstchen dazustehen. Das eher unscheinbare Grab des TutEnchAmuns hatten die Grabräuber übersehen, deswegen findet man den Inhalt seines Grabes jetzt in den beeindruckenden Installationen im Ägyptischen Museum in Kairo. Da wollten wir eigentlich auch noch hin, aber da der berüchtigte Schmelzpunkt der Revolution, der „Tahier“-Platz unmittelbar neben dem Ägyptischen Museum liegt, hat uns der Außenminister davon abgeraten. (War übrigens eine dämliche Entscheidung – es war rein gar nix los die letzten beiden Wochen)
Mit einer Elektrobahn wie im Paramount Studio zotteln wir vom Bushalteplatz bis zum Eingang der Tal der Könige. Es wird langsam wärmer, wir können die Jacken im Bus lassen. Unsere Eintrittskarte erlaubt uns drei Grabbesichtigungen. An jedem Eingang sitzt ein Wächter und knipst uns ein Loch in die Karte. Drinnen, z.B. bei Ramses III, sieht man spektakulär gut erhalte Wandzeichnungen samt der oben erwähnten Beschreibungen, was Ramses nach Sonnenuntergang gefälligst tun sollte, um wieder aufzuerstehen. Hat übrigens ganz sicher nicht ein einziges Mal geklappt, aber das wussten die alten Ägypter leider nicht. Sonst hätten sie sich den unheimlichen Aufwand nämlich sparen können. Die Gräber selbst sind riesige Steinsarkopharge – natürlich längst alle leer.
Nach einer guten Stunde haben wir unsere drei Wunschgräber erkundet und treffen uns wieder bei Mohammed. Die beiden verliebten Jungs sind leider verschwunden, tauchen dann aber doch reichlich verspätet auf.

Weiter geht’s zur nächsten ägyptischen Spezialität: Alabaster.

Leider sind die Aufzeichnungen ab hier – zusammen mit den ganzen Bildern – irgendwo im WorldWideWeb verschwunden. Falls einer von Euch die Datei zufällig kopiert hat, sagt bitte Bescheid.

Rome, sweet Rome

DSC02146

Die Chefin kam gleich zur Sache.

„Bond, sie müssen leider noch mal in den Außendienst!“

Meine bis dahin völlig lockere innere Haltung verkrampfte sich in Sekundenschnelle. In den Außendienst? Was soll DAS denn? Endlich hatte ich es doch gerade in den Innendienst gebracht! 40 Jahre als Zielscheibe rachsüchtiger Kollegen oder eifersüchtiger Ehemänner lagen hinter mir. 40 Jahre, die ich überlebt hatte!

„Worum geht’s denn?“ fragte ich gespielt lässig meinen Boss, die unnahbare Geheimdienstchefin des britischen MI 5 mit dem einprägsamen Namen „M“.

„Sie müssen Berlusconi erledigen“ sagte sie so leicht dahin. „Berlusconi? Diesen italienischen laufenden Meter, dem alle Frauen die Stange halten?“ – „Sparen Sie sich Ihre Anzüglichkeiten, Bond. Berlusconi ist für die englische Krone zu einem großen Problem geworden.“ – „Hat er die Queen gebumst?“ – „Nehmen Sie sich zusammen, Bond, die Lage ist mehr als ernst. Und deshalb müssen Sie eben nochmal in den Außendienst. Keine Widerrede!“

Ich wusste, wann es Zeit ist, den Mund zu halten. M war wütend. Es stellte sich heraus, dass Berlusconi, dieser gerissene Rudelführer, im Verdacht stand, Vater des Babys von Kate Middleton zu sein. OK, Sie wissen noch nichts von diesem Baby, Prinz Willem auch nicht, der MI5 natürlich schon. Und Prinz Willem soll das auch nie erfahren. Damit Berli sich nicht verplappert, muss er eben von der Bildfläche verschwinden. Bei dem Baby von Carla Bruni ist man sich übrigens auch nicht so sicher, ob Sarkozy das in seinem biblischen Alter noch alleine hinbekommen hat. Unmengen Rockmusiker haben jedenfalls aufgeatmet, als der Alte das Baby als seinen Potenzbeweis anerkannt hat. Doch ich schweife ab.

„OK, ich verstehe“, sagte ich. „Wie soll die Sache denn laufen? Ich kann ihn doch nicht einfach so über den Haufen schießen?“ – „Es wird nicht leicht sein, dass ist mir schon klar. Es darf auf keinen Fall nach Mord aussehen, sonst haben wir „Aktenzeichen XY“ am Hals. Sie haben vier Tage Zeit. Ihr Flug geht heute Abend um 18.40. Mit Alitalia nach Rom.“

„Nein, bitte nicht Alitalia!“ flehte ich M an, aber sie wischte meine Einwände mit einer Handbewegung zur Seite. „Sie werden nicht alleine operieren“, sagte sie. „Ich habe Ihnen noch eine Agentin zur Seite gestellt.“

„Eine Agentin?“ fragte ich hoffnungsvoll. So ließ sich das Abenteuer vielleicht doch ein bisschen besser aushalten.

„Ja, Sie als alter Mann kommen wahrscheinlich nicht dicht genug an ihn ran. Mit einer Frau geht das viel leichter.“ Sie hatte mich mit dieser Bemerkung zwar ein bisschen in meiner Berufsehre gekränkt, aber wahrscheinlich hatte sie recht. „Wer ist denn die Lady?“. M sagte nichts, drückte aber einen Knopf auf ihrem Regiepult in ihrem überdimensionalen Schreibtisch. Big Ben schlug gerade 10.
Dann ging die Tür auf und Agentin 008 stand in der Tür, schön wie immer. „Hi James.“ So beruhigend diese Worte auch waren, sie brachten mein Herz zum Klopfen. „008, Du also.“ Ich ging auf sie zu, nahm sie leicht in den Arm und drückte ihr links und rechts einen kleinen Kuss auf die Wange. Das hatten wir immer schon so gemacht. Schon damals, als sie noch als V-Frau für die Lufthansa arbeitete und als Profikillerin Aufträge in der ganzen Welt erledigte. Manchmal trafen wir uns danach abends im Pub und erzählten uns von unseren Heldentaten. Mehr war nie und mehr würde nie sein. Und jetzt würde sie mit mir nach Rom fliegen. Nur sie und ich. Und zweieinhalb Millionen Römer. Und ebenso viele Touristen.

Moneypenny händigte uns die neuen Identitäten aus. Aus „007“ wurde ein deutscher Kleinunternehmer mit dem Namen „Rainer“ und „008“ bekam den Tarnnamen „Dagmar“. Deutsch sprachen wir ja beide schon von Kindesbeinen an. Die Waffenkammer hatte das MI5 schon lange geschlossen, seit „Q“ ins Gras gebissen hatte. Man hatte festgestellt, dass es alle Waffen, die „Q“ angeblich entwickelt hatte, auch in einem Waffenladen auf der Winchester Road zu kaufen gab. Der MI5 bekam da inzwischen sogar Mengenrabatt. Und was es dort nicht gab, wurde in Deutschland bei „PEARL“ bestellt. Für uns kamen Waffen allerdings nicht in Frage, da wir ja zunächst in ein Flugzeug steigen mussten.

Tickets und Papiere waren in Ordnung, so dass wir schnell an Bord konnten. Der Flug war etwa zwei Stunden lang und es gab natürlich nichts zu essen.
Der internationale Flughafen von Rom liegt etwa 25 km außerhalb des Stadtkerns. Mit der Limousine kostet die Fahrt ins Zentrum 40 Euro, mit dem Schnellzug (31 Minuten) 16 Euro und mit dem Bus (ca. 70 Minuten) nur 9 Euro.

Wir wählten die Bahn. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass Rolltreppen aus einem mir noch rätselhaften Grund meist dann nicht funktionieren, wenn sie nach oben führen. Die nach unten sind nie kaputt. Der Weg vom Terminal bis zum Bahnhof war lang. Außerdem herrschten hier in Rom ganz andere Temperaturen als daheim. Schweißgebadet fanden wir dann endlich das richtige Gleis. Vor dem Ticketschalter hatte sich eine lange Schlange gebildet. Als wir endlich dran waren, schloss der Beamte einfach das Fenster und verschwand aus dem Zimmer. Also mussten wir uns ein zweites Mal an einem anderen Ticketschalter anstellen, bis wir endlich die Fahrerlaubnis hatten. Und die mussten wir auch gleich wieder ungültig machen. Denn bevor man in Italien ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, muss man die Fahrkarten an speziellen Automaten erst mal wieder entwerten. Ein Mitreisender, der das unterlassen hatte, musste 50 Euro Strafe zahlen. Andere Länder, andere Sitten.

Der Bahnhof „Termini“ in Rom ist rund um die Uhr geöffnet. Menschenmassen drängten sich von den Bahnsteigen in die große Vorhalle, hinaus zu den Bahnen, Bussen und Taxen.

008 und ich hatten nur Handgepäck mitgenommen. Vier paar Socken, vier Unterhosen, zwei Hosen, aber FÜNF Hemden. Falls ich beim Essen kleckern sollte. Seit ich nicht mehr im Außendienst arbeitete, hatte sich so ein kleines Bäuchlein gebildet, auf dem mit Vorliebe Soßenreste hängen blieben. Ich sollte das Ersatzhemd benötigen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund.
Wir nahmen ein Taxi. Der römische Halsabschneider brachte uns unter Umgehung von rund zwei Dutzend Verkehrsregeln auf dem schnellsten Weg ins Hotel. Dieser schnellste Weg kostete sage und schreibe 20.- Euro, obwohl das Hotel „San Marco“ laut Reiseführer nur etwa 500 m entfernt lag.

Das Hotel war ein durchschnittlicher 3-Sterne-Kasten aus dem 16. Jahrhundert oder so. Unsere Suite war aber gar nicht im Hotel, sondern um die Ecke im fünften Stock eines Wohnhauses versteckt. Das hatte sicher M eingefädelt, um unsere Tarnung nicht zu gefährden. Der Fahrstuhl war etwa zwei Meter tief und 60 cm breit. Die Innentüren musste man von Hand öffnen und wieder schließen, damit sich das Gerät aus der technischen Steinzeit überhaupt in Bewegung setzen konnte.
Oben angekommen, öffneten wir die Türe der Suite mit einem zweiten Schlüssel, den man entgegen aller Gepflogenheit nach links drehen musste. Dann der kleine Schock.

DSC02128

„Das ist ja gar keine Suite“ sagte 008 alias Dagmar. „Das ist ja ein ganz gewöhnliches, wenn auch sehr hübsches Hotelzimmer.“ – „Mit nur EINEM Bett!“ warf ich ein. „Du schläfst natürlich auf dem Stuhl!“ kommandierte Daggi und begann, das Bad zu inspizieren. „Es gibt keinen Stuhl!“ verkündete ich nach einem raschen Blick durch den Raum. „Es gibt nur einen Schrank, und da gehe ich nicht rein.“. Dagmar lächelte, nahm mich in den Arm und sagte: „Du Dummerchen. Was glaubst Du, wer das Zimmer gebucht hat?“. Schon wieder beschleunigte sich mein Puls. „Wir..äh..wir sollten vielleicht erst einmal dinieren“, stotterte ich verlegen in der Hoffnung, sie damit auf ein anderes Thema zu bringen. „Wir müssen ja auch noch unseren Fall und die Vorgehensweise diskutieren“, unterstrich ich meine Argumente. „Na gut, einverstanden. Ich habe einen Megahunger.“ Seit 008 vor genau sieben Monaten aufgehört hatte zu rauchen, war ihr Appetit doch spürbar gestiegen.

DSC02131

Die Pizzeria „3 Archi“lag genau zwischen dem Hotel und unserer „Suite“. Wir bestellten ein Touristenmenü für je 19 Euro. Inklusive Tischwein. Vorher Pasta, dann Fleisch (oder Fisch) und zum Schluss Obst oder Süßes. Es war inzwischen Mitternacht geworden. Um unseren Plan zu besprechen, setzten wir uns ins Freie vor ein kleines Lokal direkt neben dem Hoteleingang. Es müssen immer noch 25 Grad gewesen sein. Der Wein verdunstete überdurchschnittlich schnell.

„Also, hier ist mein Plan“, sagte Dagmar alias 008. „Es ist ja bekannt, dass Berlusconi die Gesellschaft junger Frauen bevorzugt“. – „Schon, aber Du bist ja nicht einmal minderjährig!“ warf ich ein. Dagmar lachte. „Keine Sorge, da hat M schon jemanden gefunden, der diesen dreckigen Teil der Arbeit erledigen muss. Unsere Aufgabe ist es nur, ihn überhaupt erst mal aufzufinden!“ – „Aber ist denn der nicht ganz einfach in seinem Büro?“ – „Schön wär´s. Der treibt sich jeden Tag und jede Nacht woanders rum. Wir werden ganz schön rumziehen müssen!“

An mir sollte es nicht liegen. Rom, 25 Grad, kühler Weißwein und Agent 008 im selben Bett. Viel besser kann das doch gar nicht kommen…

Am nächsten Morgen mussten wir uns beeilen, das Frühstück nicht zu verpassen. Wir hatten beide viel zu wenig Schlaf abbekommen, was als Beschreibung der nächtlichen Vorfälle hier reichen soll. Für italienische Verhältnisse war das Frühstück recht ordentlich, auch wenn es weder Eierbecher noch Eierlöffel gab. Da die Eier hartgekocht waren, war das auch nicht wirklich bedauerlich. Der Kaffee schmeckte grauenhaft.

Dann begannen wir, die Gegend zu erkunden. Der Bahnhof Termini, Dreh- und Angelpunkt aller innerstädtischen Unternehmungen, war tatsächlich nur etwa 500 Meter entfernt und zu Fuß in knapp zehn Minuten erreichbar. Unser nächtlicher Taxi-Gangster machte mich immer wütender. Um zunächst erst mal einen Überblick über die „ewige Stadt“ zu bekommen, lösten wir zwei Tickets für die beliebten „Hop Off, Hop On“-Sightseeing-Busse. Zwei Tage mit offenem Dach durch die Gegend fahren und staunen kostete hier 20.- Euro pro Nase. Inzwischen war die Sonne herausgekommen und bruzzelte auf unseren Schädeln rum. Agent 008 kaufte daher bei einem der vielen Straßenhändler zwei Kopfbedeckungen. Sie wählte einen weißen Hut, der ca. 15 Minuten lang hielt und ich setzte mir eine dämliche Kappe auf. Immerhin entkamen wir so einem frühzeitigen Hitzschlag. Die Busse fuhren nach einem bestimmten, für uns nicht erkennbaren Muster. Die Tour berührte so ziemlich alle interessanten Touristenattraktionen, die man mit dem Auto erreichen kann. Alle paar hundert Meter gab es einen Stop, an dem man den Bus verlassen konnte, um versteckt liegende Ziele in der Innenstadt fußläufig zu erreichen.

DSC02134

Schnell war uns klar, dass wir auf diese Weise nie herausfinden würden, wo sich Berlusconi gerade rumtrieb. Wir verließen also den Bus an der berühmten Via Veneto und machten dort zunächst Station im berühmten RockCafé. Enrico war nicht da, aber dafür unendlich viele überteuerte T-Shirts. Dagmar kaufte natürlich so ein Reklamehemdchen für ihren Sohn (Agent 008a), zumal der Reingewinn dieses Deals für irgendwelche Projekte in der dritten Welt gespendet werden würde. (Wobei es eine „Dritte“ Welt ja gar nicht gibt. Wir sind doch noch dabei, unsere „erste Welt“ kaputt zu machen, aber das ist eine andere Geschichte.)

DSC02173

Wir liefen die Via Veneto entlang und staunten über die sehr schönen Cafés und Restaurants, die alle paar Meter auftauchten. Trotz des verlängerten Wochenendes und der unzähligen Touristen in Rom waren sie allerdings kaum besucht, obwohl die Preise durchaus akzeptabel waren. Unser Weg führte uns nun in die Altstadt von Rom, die für Autos gesperrt ist. Alle Wege führten zum berühmten Trevi-Brunnen, der dann auch von Touristen aus aller Welt, vornehmlich aus Japan, belagert wurde. Direkt an den Rand des Brunnens zu kommen, war infolge der Menschenmassen kaum möglich. Wir warfen dann also auch kein Geld in den Brunnen – eine Unsitte, die angeblich dafür sorgt, dass man irgendwann mal wieder nach Rom zurück kommt. Stattdessen liefen wir die unzähligen Gassen ab, die sich südlich des Brunnens durch die Häuserschluchten gegraben hatten. Es gab Gassen, in denen man nur Juweliere finden konnte. Die teuersten und besten Marken der Welt direkt neben günstigen Kleinsthändlern. Andere Gassen bestachen durch ihre unglaubliche Vielzahl von Boutiquen aller Art. Auch hier der teure Markenramsch sowie eine Menge unbekannter Marken zum Billigst-Preis. Kleidchen für 17 Euro, Schuhe für 30 Euro, ganze Anzüge für 100 Euro – da pocht das Herz des kaufwilligen Touristen. Agent 008 hat sich auch gründlich mit ein paar Hemdchen, Kleidchen und Schühchen eingedeckt. „Wenn wir diesen Auftrag hier erledigt haben, nehme ich mir die Zeit, um nochmal nur zum Einkaufen hierher zu fahren!“ sagte sie und das Leuchten in ihrem Gesicht wollte nicht aufhören.

DSC02157

Aber weit und breit kein Berlusconi. Einmal wähnten wir uns dicht an ihm dran, als nämlich eine Wagenburg aus rund zwei Dutzend Mercedessen und BMWs mit lautem TatüTata an uns vorbei raste. Aber die Scheiben der Karossen waren geschwärzt. Man konnte nicht erkennen, wer sich da auf Kosten des italienischen Steuerzahlers durch die Gegend kutschieren ließ. Und selbst wenn Berlusconi in einem der Wagen gesessen hätte, wäre es für uns unmöglich gewesen, ihn auf die kurze Distanz zu erledigen. Und womit auch? Wir hatten ja noch nicht einmal einen Regenschirm zum Draufhauen…

Wir suchten uns ein nettes, kleines Restaurant mit Blick auf eine Spesenburg, die regelmäßig von teuren Limousinen angefahren wurde, aus denen überbezahlte Politiker heraus krabbelten. Auch hier Fehlanzeige, was „Berli“ anging. Die leckeren Pasta rückten unseren Auftrag auch in die Ferne. Schließlich hatten wir ja noch unendlich viel Zeit.

DSC02180

Rom ist vergleichsweise winzig. Egal, in welche Richtung man läuft – irgendwann kommt man am Piazza Italia raus. Dort stehen dann die ganzen alten Dinger rum. Zunächst muss man eine steile Treppe hochlaufen, die angeblich von Da Vinci gebaut wurde. Dann sieht man von oben das ganz alte Rom, das natürlich nur noch aus ein paar Trümmern besteht. Am Ende der Trümmer liegt das berühmte Colosseum, das aber auch schon reichlich viele Einstürze hinter sich hat. Irgend so ein privater Gutmensch will das jetzt sanieren lassen. Der Staat hat dafür kein Geld, obwohl er 5 Euro Eintritt für die Besichtigung der Felsbrocken verlangt. Wie wir erfahren konnten, hatte man am Vorabend gerade den 60. Geburtstag der italienischen Demokratie gefeiert. Berlusconi war auch da. Und wir saßen im Zug vom Flughafen in die Stadt. Dumm gelaufen.

Wegen dieser Party war die Straße zum Colosseum gesperrt und wir mussten einen riesigen Umweg laufen, um dorthin zu kommen. Beide probierten wir unterwegs echt italienisches Eis und naschten eiskalte Melonenstücke und Obstsalate.

DSC02149

Vor dem Colosseum stauten sich die Touristen als wäre der Eintritt frei. War er aber nicht. Eine englische Touristenführerin sprach mich an. Ob ich für 35 Euro mit ihr mitkommen würde. Also ins Colosseum natürlich, ohne Wartezeit, mit englischer Führung. Wir haben dankend abgelehnt, zumal man durch die Ritzen im Gemäuer ohnehin Einiges sehen konnte. Die Geschichte dieses Theaters hatten wir schon in unserem Sightseeing-Bus gehört. Es war eine Ehre, als Sklave kämpfen zu dürfen. Wer zehn Kämpfe überlebt hatte, wurde gar entsklavt und durfte fürderhin als Ausbilder Gladiatoren ausbilden. Tolle Alternative, wirklich. Also ließen wir das Gemäuer rechts liegen und wanderten einmal fast ganz herum, bis zu den Bushaltestellen. Wir hatten nämlich festgestellt, dass die Linie B ziemlich dicht an den Stadtteil Travestere heranführt, der laut einiger Empfehlungen aus dem Heimatland ein besonders beliebter Nacht-Treff sein sollte. Leider kam zum Zerplatzen keine Linie B, nur ca. 6 mal Linie A. Nach einem kurzen Blick auf die Landkarte beschlossen wir, den Weg – die paar hundert Meter – jetzt auch noch zu Fuß hinter uns zu bringen. Offensichtlich war aber die Karte irgendwie verzerrt dargestellt. Aus den paar hundert Metern wurden ganz schnell einige Kilometer. Die Knochen schmerzten nicht wenig, bis wir endlich über den Tiber gelaufen waren und in Travestere ankamen. Das soll ein Touristen-Zentrum sein? Es war 17.00 Uhr, aber das einzige Lokal, das wir sahen, war eigentlich geschlossen. Aber mit ein bisschen Betteln bekamen wir doch noch ein Glas Pinot. Für 5 Euro. Je Glas. Wieder holten wir die mittlerweile sehr abgegriffene Landkarte heraus. Es musste noch ein anderes Zentrum geben. Hier waren wir definitiv falsch. Und Berlusconi würde auch nie in diesen Teil der Stadt kommen, da mussten wir uns nix vormachen. Also latschten wir mit schmerzenden Füßen weiter, bis uns freundliche türkische Straßenhändler die richtige Richtung zeigten. Das Touristenzentrum von Travestere war noch ewig weit entfernt.

DSC02169

Als wir dann aber nach langen, winkligen Gassen mit schmerzendem Kopfsteinpflaster an der großen Piazza mit der alten Kirche ankamen, war alles so, wie wir es erhofft hatten. Dutzende von Lokalen und Restaurants, Straßenhändler, Gaukler, ja ganze Gesangsvereine säumten den Platz und die Nebenstraßen. Zur Entlastung der Füße nahmen wir zunächst ein, zwei Gläser Wein ein und sogen das Spektakel in uns rein. Irgendwann wurde es dann Zeit für´s Abendessen. Und zu unserer vollsten Verblüffung hörte das Vergnügungsviertel am Rande der Piazza nicht auf, sondern erstreckte sich noch auf zwei, drei Dutzend weiterer Straßen und Gassen mit Myriaden kleiner Läden, Kneipen und eben auch Restaurants. Eine der gemütlichen Pizzaläden bekam den Zuschlag. Es gab Salate, Pasta, Fleisch oder Fisch, Wein und Brot. Wie es sich für ein italienisches Restaurant eben gehört. Wir saßen natürlich im Freien. Der Service war unglaublich gut und schnell, vielleicht schon etwas zu schnell. Denn nach einer guten halben Stunde waren wir schon durch mit unserem Essen. Also schlenderten wir weiter durch das Viertel, bewunderten die Auslagen und tranken hie und da ein Gläslein. (Wenn M vom MI5 wüsste, wie wir hier mit unseren Spesen umgegangen sind, würde ich wohl aus dem Staatsdienst fliegen. Aber dieser Bericht ist ja GEHEIM!)

Nun mussten wir noch das Problem der Heimreise lösen. Denn LAUFEN war nun beim besten Willen nicht mehr drin. Glücklicherweise gibt an einem Ende des Viertels eine Bahn- und Busstation, deren Linien selbstverständlich bis zum Bahnhof Termini führen. Und ruckzuck klemmten wir in dem völlig überfüllten Nachtbus. Die Tickets mussten wir vorher in einer Kneipe kaufen, da es in Rom für den Nahverkehr keine Ticketautomaten gibt. Nach ca. 25 Minuten kamen wir am Bahnhof an und liefen zielstrebig Richtung Hotel. Leider wollte sich so gar keine Erinnerung an das Straßenbild einstellen. Nach etwa 500 Metern schaltete ich mein iPhone ein und suchte unser Hotel. Da hatten wir den Salat. Wir waren im Bahnhof an der verkehrten Seite rausgekommen und liefen seit zwanzig Minuten in die entgegengesetzte Richtung. Wieso haben Menschen keinen funktionierenden Kompass intus? Nun musste doch wieder ein Taxi her, das aber diesmal sehr viel günstiger war. Vor dem Hotel war die kleine Kneipe von gestern noch geöffnet. Ein letzter Wein rundete den Abend ab.

Unseren Auftrag hatten wir immer noch nicht erfüllt, nicht mal ansatzweise. Und ganz ehrlich: Mir war dieser komische Berlusconi mittlerweile auch vollkommen egal. Sollte sich doch ein anderer darum kümmern. Wir mussten ROM erkunden, das war doch viel wichtiger. Müde fielen wir ins Bett und schliefen bis 9.30 Uhr. Frühstück gab´s bis 10.30 Uhr.

DSC02187

Ein neuer Tag lag vor uns. Die Sonne schien schon früh mit voller Energie. Vom Bahnhof aus nahmen wir zunächst wieder den Sightseeing-Bus, dessen Tickets ja auch heute noch gültig waren. In der Nähe der spanischen Treppe sprangen wir ab und bewegten von da an wieder unsere Füße. Unser Weg führte uns direkt zur spanischen Treppe, die wir dann komplett runter liefen. Auch hier gab es wieder ein Viertel mit hunderten von Mode- und Schmuckgeschäften. Daggi kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Schnell waren ein paar Kleidchen gekauft, auch zwei oder drei Hemdchen. Ein Blumenhändler schenkte Dagmar eine rote Rose. Dachte ich jedenfalls zunächst. Aber dann ließ er uns nicht in Ruhe und wollte uns ständig irgendwas andrehen. Ich gab ihm die Rose trotz seines Protestes zurück und musste schon ein bisschen laut werden, bis er von seinem Opfer abließ.

DSC02163

Zum Mittagessen wollten wir noch einmal in die Via Veneto. Wir hatten gestern dort wunderschöne Lokale gesehen mit wunderbarem Essen. Auch hier stellte sich heraus, dass unsere Karten-Distanzen wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatten, aber so gegen 14.30 Uhr hatten wir es dann tatsächlich ohne fremde Hilfe geschafft, die Via Veneto zu Fuß zu finden und dort besagtes wunderbares Mittagessen einzunehmen. Anschließend liefen wir wieder Richtung Zentrum und entdeckten plötzlich ein 3D-Kino, in dem die Geschichte Roms gezeigt wurde. Da es kurz nach 16.00 Uhr war, kamen wir gerade richtig zur nächsten Vorstellung. Es handelte sich allerdings um ein sehr runtergekommenes Kino. Wir hatten zwei Filme gebucht. Der erste Film war in 3D und zeigte die Entstehung der Welt. War sehr schön gemacht, zumal auch die (verdreckten) Sitzbänke über pneumatische Konstruktionen mit bewegt wurden. Der zweite Film war dann eher komisch. Dazu mussten wir in ein zweites Kino gehen, das auch mit diesen Wackelstühlen ausgerüstet war, allerdings nur 2D-Darstellung bot. Die Geschichte Roms war deswegen komisch, weil die deutsche Synchronisierung der Schauspieler dermaßen grauenhaft war, dass man nur lachen konnte. Wer immer diesen Auftrag verhunzt hat, sollte sich tief und ehrlich schämen. Ich habe nach der Hälfte dann auf das englische Original umgeschaltet. Dagmar war vor dem Schluss eingenickt.

DSC02188

Nach dem Kino war wieder Sightseeing angesagt, unterbrochen von einer Tasse Cafe in einer der vielen Bars. Und weil wir schon mal so schön unterwegs waren, sind wir auch diesen Abend wieder Richtung Travestere gelaufen. Nach der Überquerung des Tiber waren wir schon nahe am Vatikan, mussten also noch eine große Strecke am Fluss entlang laufen. Vorbei an irgendwelchen Museen, an Dutzenden von Verkaufsständen mit dem üblichen Touristentrödel wurde es uns dann irgendwann doch zu lang. Wir hielten ein Taxi an und fuhren die letzten zwei Kilometer mit einem begeisterten AUDI-Fahrer. Statt uns an der Bushaltestelle des Zentrums von Travestere rauszulassen, fuhr er uns noch eine Ewigkeit weiter, damit die Kasse auch schön klingelte. Wir landeten schon wieder am falschen Ende, wussten aber diesmal den richtigen Weg und waren bald wieder im zuckenden Zentrum der Glückseligkeit. Heute wollten wir zur Abwechslung mal so richtig römisch essen gehen. Ein sehr großes, sehr teures Lokal war auch schnell gefunden. Draußen war alles reserviert, daher mussten wir uns in den altertümlichen Innenraum setzen. Auch hier nahezu alle Plätze belegt. Musste ja eine tolle Küche sein. Die Ernüchterung kam schon bei der Vorspeise. Mächtige Portionen mit megaviel Kalorien regten den Appetit nicht gerade an. Was in unserem gestrigen Lokal zu schnell ging, dauerte hier zu lange. Wir waren froh, als wir wieder im Freien waren, 2 Kilo schwerer und 100 Euro leichter.

DSC02193

Draußen hatte es inzwischen angefangen zu tröpfeln. Wir kamen gerade noch unter der Veranda einer kleinen Kneipe unter, bevor der Regen sich austobte. Als es dann wieder ein bisschen besser wurde, machten wir uns wieder auf den Weg zur Bushaltestelle, um im wiederum überfüllten Nachtbus zur Termini-Station zu fahren. Diesmal kannten wir den Weg ins Hotel, sodass noch genug Zeit blieb, ein weiteres Mal Station in der kleinen Kneipe neben dem Hoteleingang zu machen. Wir müssen auf die Wirtin einen guten Eindruck gemacht haben, denn völlig überraschend schenkte sie uns eine Flasche Weißwein. Einfach so. Die steht allerdings immer noch im Kühlschrank unseres Hotelzimmers. Warum? Ich will nichts vorwegnehmen, aber es gab tragische Gründe…

DSC02205

Sonntag Morgen. Die letzte Möglichkeit, Berlusconi aufzuspüren. „Vielleicht treibt er sich beim Papst rum?“ fragte sich Agent 008. Und schon hatten wir einen Plan. Da unser Hop-On, Hop-off-Ticket inzwischen abgelaufen war, nahmen wir einen Bus zum Vatikan. Eine Einzelfahrt kostet übrigens nur einen Euro. Ein Tagesticket vier Euro – und mit 16 Euro kann man eine ganze Woche Busse und Bahnen fahren. Vorausgesetzt, man weiß, wo sie abfahren. Natürlich am Bahnhof Termini, wo sonst. Beim Papst war schwer was los. Auf vier Riesenbildschirmen, die auf dem Riesenplatz vorm Vatikan aufgebaut waren, erzählte er den Gläubigen gerade irgendwas vom Jesuskind. Es hat eine Weile gedauert, bis wir merkten, dass es sich um eine Aufzeichnung handelte. Ratzi war nämlich gar nicht zu Hause! Um in die Peterskiche zu kommen, musste man sich zunächst einer gründlichen Kontrolle unterziehen. Die Scanner vom Flughafen hatten hier gewaltig viel Arbeit. Aber auch wenn es piepte – und es piepte unentwegt – wurde niemand gründlicher gefilzt. Das soll jetzt kein Tipp für bekloppte Christenhasser sein. Eher ein Hinweis, dass die Security doch ziemlich lasch mit den Touristen umgeht. Nach etwa 20 Minuten waren wir dann in der Peterskirche. Hübscher Kasten, wenn auch ziemlich groß und ungemütlich. Teilweise zu kalt – trotz der Hitze im Freien – und teilweise stickig warm. Überall Altare, Gruften und Gräber. Gut tausend Touristen versuchten, möglichst wenig Lärm zu machen. An der Stirnseite wurde den Leuten irgendwas gepredigt – wir haben uns da nicht mit reinziehen lassen. Lieber haben wir uns die Bilder angesehen, die ein gewisser Michelangelo da an die Decken gemalt hatte. Beeindruckende Leistung, wirklich vom Feinsten. Aber nun auch nicht so dolle, dass man da länger als eine halbe Stunde aushalten muss. Vor der Peterskirche standen noch so ein paar Hansel von der Schweizer Garde rum. Im Gegensatz zu den Jungs vorm Buckingham-Palast in London dürfen sich die hier sogar bewegen und mit den Touris flirten. Soweit also unsere Erlebnisse beim Papst, der nicht da war.

DSC02224
Das ist eine Spendenbox für den Herrn Papst. Nur für große Scheine geeignet!

Zu Fuß – was auch sonst – suchten wir den Weg zur nächstgelegenen U-Bahn-Station. Ja, es gibt tatsächlich zwei U-Bahnlinien in Rom und eine dritte ist im Bau. Unser Plan für den Nachmittag war nämlich der Besuch der Via Appia Antica, einer uralten römischen Straße mit nur 5 Meter Breite und mehreren Grabstellen uralter Römer und Christen, den sogenannten Katakomben. Die U-Bahn brachte uns in die Nähe einer Busstation, wo wir ohne lange Wartezeit mit einem Bus an unser Ziel gefahren wurden. Leider stiegen wir zu früh aus und es begann erneut zu regnen. So warteten wir an einem einsamen Café auf den nächsten Bus, der auch bald kam und uns dann näher an die Katakomben chauffierte. Der Bus war randvoll mit Gleichgesinnten. Alle wollten sich die Grabmäler oller Römer anschauen. Entsprechend lang war dann auch die Schlange am Eingang. Wir wurden nach Sprachen aufgerufen und dann einer leidlich gut deutsch sprechenden Touristenführerin zugeteilt. Sie erzählte uns zunächst anhand einiger Schautafeln, was uns gleich alles erwarten würde. Vier Stockwerke tief, natürlich nachträglich abgesichert, 250.000 Gräber. Hui, hoffentlich stinken die nicht so.

DSC02240

Die Leichen wurden damals direkt in kleine Nischen im Lehm gelegt, die von speziellen Grabtechnikern dort ausgebuddelt worden sind. Große und vor allem reiche Familien bekamen auch schon damals große, hübsch verzierte Totenlager, während sich der Durchschnittstote ziemlich zusammenkrümmen musste, um in den kleinen Mulden genügend Platz und ewige Ruhe zu finden. Es stellte sich aber leider zu unserer Enttäuschung heraus, dass die Dahingeschiedenen schon lange nicht mehr an ihrem Platze lagen. Man hatte die Knochenreste irgendwann ausgeräumt. Sogar ein paar Päpste waren übrigens dabei. Sehen konnte man nur noch, wie kalt und ungemütlich man da im Dunkeln vor sich hin lag. Ein bisschen Schmuck und Grabbeilagen gab es zu bewundern, aber im Wesentlichen war es nur ganz schön kalt. So macht tot sein auch keinen Spaß. Wieder an der Oberfläche, liefen wir zurück zur Bushaltestelle. Leider kam und kam kein Bus. Stattdessen öffnete der Himmel seine Schleusen und begoss uns wie begossene Pudel. Wir hatten uns unter einen Baum gestellt, wurden aber trotzdem pitschnass. Einen Schirm hatten wir ja immer noch nicht. Plötzlich bemerkte ich, dass Dagmars helle Bluse über und über mit schwarzen Punkten übersät war. Und auch auf den Händen, den Haaren, einfach überall bemerkten wir diese kleinen schwarzen Punkte. Und die bewegten sich sogar! Der Regen hatte die Blattläuse aus den Blättern der Bäume herausgewaschen! Und die suchten sich jetzt auf uns ein neues Zuhause! Wie eklig kann das denn sein??? Schnell verließen wir den schützenden Baum und ließen uns nochmal richtig zugießen, um die Viecher wenigstens oberflächlich loszuwerden.

DSC02243

Dann kam der Bus. Alles stürzte rein. Sofort beschlugen alle Fenster. Der Fahrer musste anhalten, weil er nichts mehr sehen konnte. Es wurde auch nicht besser. Unsere Horde dampfender Touris setzte den Bus schachmatt. Der Fahrer weigerte sich fortzufahren und rief seine Zentrale an. In zwanzig Minuten sollte ein Ersatzbus kommen. Die lautstarken Beschimpfungen der einheimischen Bevölkerung hätte ich gerne übersetzt, aber es war auch so klar, dass da jemand sauer war. Nach einer dreiviertel Stunde kam dann tatsächlich ein Ersatzbus. Der war allerdings noch voller als der erste Bus. Und als alle Touristen aus dem alten in den neuen Bus gestürzt waren, beschlugen sich auch hier sofort wieder alle Fenster. Der Fahrer brüllte uns an, wir sollten gefälligst den Bus verlassen, aber keiner verließ seinen mühsam erkämpften Platz. Ich wusste noch nicht einmal, ob Agent 008 noch an Bord war, da wir getrennte Eingänge gestürmt hatten. Nachdem der Fahrer gemerkt hatte, dass er mit Drohungen nicht weiter kam, fuhr er ein paar Meter im Schneckentempo, blieb stehen, öffnete die Türen, wartete, bis wieder ein bisschen Sicht war und fuhr dann die nächsten 50 Meter. Die Rückfahrt dauerte auf diese Weise reichlich lange. Am Ende waren die Scheiben nur noch ein bisschen beschlagen. Mit der U-Bahn fuhren wir wieder zurück zum Bahnhof Termini, liefen dann die 500m zum Hotel und duschten uns erstmal die widerlichen Läuse ab. Bah, war das eklig. Genau dafür war es gut, dass ich noch ein Ersatzhemd dabei hatte…

DSC02234

„Unser Abflug ist übrigens morgen schon sehr früh“, sagte Agent 008 beim Fönen ihres güldenen Haares. „Wann müssen wir denn aufstehen?“ fragte ich. „Ich glaube, so um fünf. Schau doch mal auf den Flugschein!“. Wenn ich etwas hasse, dann ist es früh aufzustehen. Ich quäle mich ja zuhause schon nur deshalb um halb neun aus dem Bett, weil um neun der Paketbote oder die Putzfrau klingeln könnten.

Leicht genervt ob dieser Aussichten fummelte ich das Schreiben der Fluggesellschaft aus meiner Jacke. Und verkündete erleichtert: „Schatz, wir fliegen erst um 11.10 Uhr!“. Das bedeutete, statt fünf Uhr erst um sieben aufstehen zu müssen. Immer noch eine Zumutung für einen älteren Herrn, aber gerade noch akzeptabel, da man ja im Flieger pennen kann…

Und kaum, dass wir frisch gewaschen und neu eingekleidet waren, kam auch die liebe Sonne wieder hinter den Wolken hervor. Weil dies heute unser letzter Abend werden sollte und der Tag ja schon aufregend genug war, vereinbarten wir eine Erkundung der näheren Umgebung unseres Hotels. Immerhin waren da noch einige Nebenstraßen mit ein paar netten Lokalen zu prüfen. Gleich das erste Lokal, gerade mal zwei Querstraßen weiter und Teil eines großen Hotels für Jugendliche (also so ´ne Art Jugendherberge), entpuppte sich als außerordentlich ergiebig. Es war voller junger Leute, die zum Teil schon reichlich dem Alkohol zugesprochen hatten. Es handelte sich um eine Reisegruppe aus Belgien, die gerade ein Fußballtournier hinter sich hatte und nun gebührend ihren dritten Platz feierte. (Die Deutschen hatten natürlich den ersten Platz gewonnen.)

DSC02244

Die Jungs im Alter zwischen 20 und 25 sprachen sehr gut Englisch und sogar ein bisschen deutsch, so dass wir uns blendend mit ihnen unterhalten konnten. Auffällig war, dass viele der jungen Leute ein MacBook vor sich hatten und irgendwas in die Tastatur tippten oder über Skype mit ihren Freunden weltweit sprachen. Es stellte sich heraus, dass in diesem Hotel jeder – umsonst! – ein MacBook geliehen bekam, wenn er dort wohnte. Der Pass hat als Pfand ausgereicht. Und das wurde von der Jugend auch begeistert aufgenommen. Irgendwann kamen wir dann mit einer Amerikanerin ins Gespräch, die in Rom die Liebe ihres Lebens gefunden hatte und mittlerweile hier verheiratet war. Sie arbeitete als Hotelmanagerin, war bildhübsch und redete wie ein Wasserfall. Andere hatten nur dann eine Chance zu einer Äußerung, wenn man ihr mal kurz den Mund zuhielt. Und so redeten und redeten wir, bzw. sie, das eine oder andere Glas Wein dabei einnehmend, bis sich der Hunger meldete. Wir hatten seit dem Frühstück lediglich ein Sandwich gegessen, das war deutlich zu wenig. Also verabschiedeten wir uns, zogen gegenüber der Jugendherberge zu „Mamma Mia“ und bestellten dort – wiederum im Freien, wo es jetzt langsam kühl wurde – zur Abwechslung mal ein paar italienische Speisen. Daggi hatte Fisch, ich hatte Fleisch. Da der Laden gerammelt voll war, dauerte es ziemlich lange, bis wir unser Essen hatten. Es war trotzdem sehr lecker. So gegen 23.00 Uhr brachen wir dann auf. Eigentlich wollte ich früh zu Bette, denn unser Wecker stand ja bekanntlich auf sieben Uhr früh. Aber 008 wollte noch ein bisschen durch die Straßen laufen, um den schönen Abend abzurunden. Und so machten in einem weiteren Lokal für einen letzten Drink halt. Zu dem kam es aber nicht mehr, denn Daggi wurde es plötzlich schlecht. Richtig schlecht. Der Fisch. Vergiftet? Egal, weg von hier. Auf dem Heimweg liefen wir wieder an der Jugendherberge, dem „Hostal“, vorbei. Die belgischen Jungs waren inzwischen völlig groggy und hielten sich an ihren Longdrinks fest, um nicht wegzusacken. Nur die Amerikanerin war frisch wie vorher, unterhielt in ihrem entwaffnend spritzigen Monolog ein Dutzend Männer und Frauen und genoss ihre Rolle sichtlich. Ich versuchte, mich auch noch zu einem kleinen Abschiedsgeplauder einzuhaken, bis ich plötzlich sah, dass Daggi ein knallrotes Gesicht hatte, wie frisch gegrillt. Das konnte ja dann wohl keine Vergiftung sein, sondern eher eine Allergie. Eine Fischallergie vielleicht. Also wartete ich ein Atempause der amerikanischen Quasselstrippe ab und abscheute uns. Äh, verabschiedete uns. Sieben Uhr ist auch in Rom ein Argument. Von Dagmars Gesicht, das aussah, als wäre es von Feuerquallen gepeinigt worden, mal ganz abgesehen.

Unser Plan, die geschenkte Flasche Wein im Hotel zu öffnen, scheiterte an zwei Gründen: erstens war ich mir nicht sicher, ob Dagmar nicht jeden Moment mit einem Allergieschock zusammenbrechen würde und ich dann den Ärger mit der Leiche hätte und zweitens – viel schlimmer – dass wir gar keinen Flaschenöffner hatten. Das Universal-Taschenmesser von Q wird ja schon lange nicht mehr gebaut und wäre mir an Bord sowieso abgenommen worden.

Also machten wir das einzig Richtige. Wir legten uns schlafen. Das Knallrote in Dagmars Gesicht wurde allmählich rosa und schließlich kalkweiß. Wahrscheinlich auch kein gesunder Zustand. Wie auch immer – sie scheint es überlebt zu haben, denn pünktlich um sieben klingelten unsere diversen Wecker (Wir haben alle mehrere eigene Wecker, um ja nichts zu verpassen!). Dagmar war frischauf und wieder völlig gesund. Zumindest sah es so aus. Langzeitschäden kann man ja jetzt noch nicht sehen. Im Hotel war so früh am Morgen schon die Hölle los. Es war kein Platz frei, die Wartezeit hätte unseren Flug gefährdet. Also sind wir ein weiteres Mal in das Lokal direkt neben dem Hotel gewandert, in dem wir vorgestern noch die Flasche Wein geschenkt bekamen. Jetzt am Tag konnte man dort frühstücken. Zwar einfach, aber lecker und günstig. Danach schnell zum Bahnhof Termini. Wir mussten wieder durch den ganzen Bahnhof durch, auf die andere Seite und dann noch kilometerweit laufen, bis wir am Bahnsteig ankamen. Unterwegs versuchten wir, die Tickets zu kaufen. Aber die dortigen Automaten unterscheiden sich in nichts von unseren Krücken in Deutschland. Nach zehn vergeblichen Versuchen mit allen möglichen Kreditkarten und deren grundsätzlicher Ablehnung haben wir dann unser letztes Bargeld geschultert und die Tickets bar bezahlt. Immerhin hat das geklappt und wir sind bei unseren Versuchen auch nicht überfallen oder beraubt worden – wovor eindringliche Hinweise an jedem Automaten warnen. Endlich, buchstäblich in letzter Sekunde (wie sich das für einen Bond gehört) sind wir dann an Bord des Schnellzugs zum Flughafen gestürmt, um kurz danach den nächsten Schock zu erleben.

„Haben wir eigentlich die Tickets entwertet?“ fragte ich naiv meine blonde Begleitung. „Nö, wieso? Muss man das?“ Ich erinnerte Dagamr an das Dilemma eines Reisenden auf unsere Hinfahrt, der damals 50 Euro Strafe zahlen musste, weil er sein Ticket nicht VOR Fahrtantritt an einem speziellen Automaten AUSSERHALB des Zuges entwertet hatte. „Ich habe keinen Entwerter gesehen“, sagte Dagmar resolut, fing aber doch an, das Kleingedruckte auf dem Fahrschein genauer zu lesen. Und da stand dann – zwar nur auf Italienisch, Englisch und natürlich japanisch – dass der Fahrschein vor Antritt der Fahrt zu entwerten sei.

DSC02246

Den Rest der Fahrt ging unser Blutdruck in die Höhe, jedesmal, wenn sie die Waggontüre öffnete. Aber wir hatten Glück. Kein Kontrolleur, keine Strafe, gar nix. Glückskinder eben, die wir sind.

Die Tickets sind übrigens noch ein paar Monate gültig…

Um drei Minuten vor neun waren wir am Flughafen. Ich scherzte noch blöd, dass ja bisher alles perfekt geklappt hatte und dass dann wahrscheinlich der Flieger ausfällt.

Ich sollte sowas lassen.

Der Flieger ist zwar nicht ausgefallen – nein, er war pünktlich. Sogar ganz besonders pünktlich! Um genau neun Uhr erhob sich der kleine Airbus der Alitalia gen Frankfurt. Zwar ausgebucht, aber ohne Dagmar und Rainer. Was war passiert?

Ich hatte die Abflugzeit mit der Ankunftszeit verwechselt!!!! Um 11.10 sollte er nicht starten, sondern in Frankfurt landen! Und das mir! Der immer so genau alles kontrolliert! Egal, zu spät. Bei Alitalia lachte man uns zwar nicht aus, bot aber den nächsten Flug erst für den späten Nachmittag an. Keine Chance, ich musste nach Hause! Vergessen wir mal M und den MI5, James Bond, den ollen Berlusconi und den ganzen Quatsch – das habe ich nur erfunden, damit das hier nicht zu langweilig wird (Ätsch, reingefallen!). Ich hatte um 16.00 Uhr über ISDN-Schaltung Sprachaufnahmen zu machen. Die Kunden waren eh schon sehr fair, so lange zu warten, bis ich meine vier Tage Rom hinter mich gebracht hatte. Also blieb mir nur noch eine Wahl: LUFTHANSA.

Der nächste Flug nach Frankfurt war für 10.05 angesagt. Inzwischen war es neun Uhr fünfzehn. Schnell an den Lufthansa-Schalter. Eine Italienerin mit perfektem Deutsch nahm sich unser an. Es gab nur die Möglichkeit, neue Tickets zu kaufen. Jetzt und sofort. Ein paar Plätze waren noch frei. Also gut. Kostet wieviel? „280.- Euro“, sagte Miss Lufthansa. „Pro Ticket“. Zähneknirschend schob ich meine Kreditkarte über den Tresen. Das Geld für die Sprachaufnahme würde dafür nicht reichen, aber Blödheit gehört nun mal bestraft. Und wenn es eine Geldstrafe ist.

Dann schnell zum Einchecken – vorbei an der ganzen Schlange. Meine notdürftigen Erklärungen wurden eh nicht verstanden. Das Lufthansa-Mädel hatte uns angemeldet und so kamen wir ganz schnell an unsere Bordkarten. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Denn in der nächsten Schlange, der Gepäckkontrolle, stellten wir fest, dass wir zwei Bordkarten für mich hatten, aber keine für Dagmar. Für ein Zurück war es zu spät. „Augen zu und durch“ war die Devise. Beim Einsteigen hat Dagmar dann aber trotzdem mal nachgefragt, ob sie auch eine Bordkarte bekommen könnte, da ich zwar nicht der Dünnste wäre, aber bestimmt auch keine zwei Plätze bräuchte (die auch noch dieselbe Nummer hätten…)

Wider Erwarten war dieses Probelm durch einen einfachen Ausdruck einer weiteren Bordkarte schnell gelöst. Dürfen wir jetzt endlich nach Hause???

Wir durften.

Der Rest der Reise verlief harmonisch, wenn man von einer zwanzigminütigen Sperrung der S-Bahnstrecke in Oberursel absieht. Wir waren wieder zu Hause, rechtzeitig zu meiner Sprachaufnahme, die erstaunlich locker verlief, rechtzeitig zu einem Treffen mit ein paar Freunden, um über unsere Reise zu berichten und rechtzeitig, um die letzten Blattläuse, die sich vielleicht noch in den Haaren versteckt hatten, in einer Unterwasserkur endgültig zu ersäufen.

Home, sweet Home.

DSC02150


Fazit: Rom ist das absolute MUSS für jeden Menschen! Drei bis vier Tage reichen völlig aus. Lieber dafür öfter. Die Preise sind günstiger als in Deutschland – vor allem der Nahverkehr. Das Essen ist formidabel und der Wein schmeckt überall. Man muss allerdings gut zu Fuß sein. Taxifahrer sind eher Wegelagerer, aber die Innenstadt ist wirklich komplett zu Fuß begehbar. Und falls die Füße weh tun, kauft man einfach ein paar neue Schuhe. Gibt’s an quasi jeder Ecke. Rom ist ein El Dorado für Modefreaks und auch für alle, die sich einfach nur schön und trotzdem günstig einkleiden wollen. Die Geschichte Roms ist sehr brutal, aber unglaublich spannend. Cäsar und Cleopatra begegnen einem überall. Für mich eine der schönsten Städte der Welt.

Side – Türkei

Der Sun Club Side

Spätestens, als ich in Frauenkleidern im „Sun Club Side“ auf der Bühne stand und einen Bauchtanz vorführte, hätte mir klar werden müssen, dass mein Leben eine ungewollte Richtung eingeschlagen hatte.

Wie konnte es soweit kommen? Es hatte doch ganz normal begonnen.
Dagmar und ich hatten einfach nur das bescheidene deutsche Wetter satt und buchten einen Last-Minute-Urlaub in der Türkei. Genauer gesagt nach SIDE in der Nähe von Antalya. Sechs Tage für gerade mal 330.- Euro pro Nase. Inklusive Flug, inklusive Transfer, inklusive Hotel, inklusive Vollpension, WLAN, also inklusive allem. „All Inclusive“ nennt sich das.
Der Hinflug mit „Sun Express“ gestaltete sich problemlos, wenn man mal davon absieht, dass die Damen und Herren dieser Fluglinie noch nicht kapiert haben, wie heutzutage ein Smartphone, genauer ein iPhone funktioniert. Selbstverständlich haben wir die Geräte auf „Flugmodus“ umgestellt, als wir die Maschine betraten. Trotzdem wurde Dagmar das Spielen mit dem Gerät untersagt, da der Flugmodus das Flugzeugsystem ebenfalls stören würde. Das ist natürlich völliger Blödsinn, zumal das Gerät ja auch bei Nichtbenutzung nie wirklich ausgeschaltet ist. An meinem iPad hatten sie nichts auszusetzen, obwohl da ebenfalls eine SIM-Karte drin ist, die den Funkverkehr stören könnte. Na ja, man muss ja nicht alles ausdiskutieren.
In Antalya – nach dreieinhalb Stunden – war es schon eine Stunde später, und die Sonne schickte sich gerade an, schlafen zu gehen. Es hatte wohl tagsüber etwas geregnet, was eigentlich nicht in unserem Plan stand. Eine gute Stunde später waren wir dann im Hotel. Der Busfahrer hielt in einer kleinen Stichstraße dicht am Meer. Das Hotelschild über einem dunklen Durchgang war irgendwie schief und handgemalt. Sollte das wirklich unser Hotel sein? Es war so. Der „Sun Club Side“ ist ein vergleichsweise winziges Hotel. Ca. 70 Zimmer sind in nur zwei Geschossen rund um den Pool gebaut worden. Mittendrin erhebt sich ein etwas hässlicher Bau für das Restaurant und die Poolbar. Nach dem Einchecken sind wir gleich ins Restaurant und haben dort – gegen 22.00 Uhr – noch eine Kleinigkeit zu Essen bekommen. Sehr löblich. Dazu gab´s Wein aus einem Selbstbedienungsautomaten. Nicht der Brüller, aber auch nicht wirklich daneben. Ließ sich eben gut und schnell trinken. An der Poolbar – im Erdgeschoss des Gebäudes – stand noch so eine Maschine. Hier war der Wein sogar schön kalt. Ruckzuck hatten wir ein paar Gläser intus. Und schon war der Kontakt zu anderen Hotelgästen hergestellt. Vor allem Silke aus Remscheid war gut drauf und unterhielt sich gleich mit uns. Sie war mit einer Freundin hier, die aber wegen akuten Sonnenbrands schon in der Koje lag. Ihre Männer und die Kinder hatten sie für diesen Kurzurlaub zu Hause gelassen. Ab 23.00 Uhr musste man die Getränke dann doch selbst bezahlen. Zwei bezahlte Gläser später sind wir dann auch ins Bett gefallen. Das Zimmer war zwar klein, aber sehr schön eingerichtet. Vom Balkon aus konnte man auf den Pool blicken. Es gab ein Einzel- und ein Doppelbett. Das Bad war sehr winzig, aber zweckmäßig eingerichtet. Lediglich die sehr hohe Einstiegskante zur Dusche/Badewanne dürfte älteren Leuten etwas Mühe bereiten. Na gut, so jung sind wir ja auch nicht mehr, aber das haben wir noch geschafft. Der Winzig-Fernseher brachte neben den üblichen türkischen Sendern noch EuroNews, ZDF und RTL. Aufgekratzt, wie wir waren, haben wir uns noch irgendeinen Film reingezogen, bevor der Tag dann endgültig zu Ende ging.
Erster Stock Mitte: Unser Apartment
Entsprechend schwierig gestaltete sich der nächste Morgen. Das Spätfrühstück (bis 10.30 Uhr) haben wir gerade noch so geschafft. Um 12.00 Uhr hatte sich dann unsere Reiseleitung angemeldet. Natürlich ging es dabei nur darum, möglichst viele Ausflüge zu verkaufen. Natürlich sind wir auch drauf reingefallen und haben gleich das Dreier-Paket gebucht. Türkisches Bad, Antalya und Green Canyon. Die kommenden Tage waren wir also bereits ausgebucht.
Das Wetter war so lala. In der Sonne war es schön warm, aber im Schatten war es richtig kalt und windig. Da es bereits Mittagszeit war, mussten wir aber sowieso ins Warme, ins Restaurant nämlich. Dort hatte man inzwischen ein sehr üppiges Buffet aufgebaut. Es gab Dutzende von Salaten, diverse Sättigungsbeilagen, Fleisch, Fisch und Suppe. Getränke wurden von den immer extrem freundlichen Kellnern serviert. Die Teller waren recht klein, sodass man nicht in Versuchung kam, sich übermäßig am Buffet zu bedienen, sondern dann lieber zwei oder gar dreimal gehen musste, um wirklich satt zu werden.
Nach dem Essen wurde es jetzt aber höchste Zeit, mal die Gegend zu erkunden. Wir wussten aus der Hotelbeschreibung, dass das Meer in unmittelbarer Nähe sein musste. Und so war es dann auch. Gerade mal hundert Meter entfernt fanden wir einen sehr schönen Strand, der allerdings den verschiedenen Hotels zugeordnet war. „Unser“ Strand musste irgendwo weiter rechts liegen – haben wir bis heute nicht gefunden. Noch nicht einmal gesucht, weil es am Pool sowieso schöner war. Wenn auch zu kalt zum Schwimmen.
Gegenüber des Hotels steht das Hotel „SIDE STAR“, ein Hochhausbrocken mit fünf Sternen. Das ist bestimmt in der Hochsaison die bessere Wahl, aber jetzt, Anfang April, war unser kleines gemütliches, familiäres Hotel mit Anschluss eindeutig die bessere Alternative. Leute, die wir später auf unseren Touren getroffen haben, konnten das bestätigen. In der Vorsaison in einem kleinen Teil eines Riesenhotels ausgehalten zu werden, macht nicht soviel Spaß wie in unserer kleinen Anlage, wo jeder neue Gast mit Hallo begrüßt wird und aus seinem Leben erzählen kann. Sicher war hier nicht das intellektuelle Zentrum der Welt, aber das war auch gar nicht wichtig. Trotz „All inclusive“ hat sich hier keiner daneben benommen; selbst die notorisch Betrunkenen sind nie unangenehm aufgefallen.
Im Bazar
Doch weiter mit unserem ersten Rundgang. Side liegt etwa 65 Kilometer vom Flughafen Antalya entfernt. Das letzte Mal war ich vor etwa 25 Jahren hier. Damals gab es einen Robinson-Club und ein paar wenige Hotels. Die Hauptstraße war vielleicht 400 Meter lang und abends haben die Straßenhändler den Ort zum Bazar gemacht. Heute stehen in Side Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Hotels, Pensionen und Clubanlagen. Unser Hotel gehört eindeutig zu den älteren Bauten und ist daher sehr dicht am Zentrum von SIDE, nämlich gerade mal 800 Meter entfernt. Das klingt viel, ist aber sehr kurz, wenn man den Weg am Meer entlang geht. Hier findet man Restaurants, Lokale und Geschäfte aller Art. Eines der ersten Geschäfte, das wir betraten, war ein Uhren- und Schmuckladen, weil sich Dagmar natürlich aufgrund ihres Goldschmiede-Hobbies sehr für Schmuck interessiert. Leider hatten die da auch Uhren. Die billigsten ab 20 Euro, die besseren dann so um die Hundert Euro. Das waren dann auch Automatik-Uhren oder Chronographen, die bei uns locker das 100fache kosten. Wobei der Unterschied zwischen einer echten und einer gefakten Breitling selbst für Fachleute kaum erkennbar sein dürfte. Und was noch mehr verwundert: Diese Uhren werden hier nicht heimlich von Strandverkäufern verscherbelt, sondern überall hochoffiziell angeboten. Und nicht nur Uhren. Egal, ob man Schuhe, Jeans oder T-Shirts kauft: Überall prangen die Label der Markenhersteller auf den Produkten. Man kann nicht einmal Socken kaufen, die nicht von BOSS, PRADA oder ARMANI hergestellt wurden. Angeblich hergestellt wurden. Vielleicht werden die Originale ja auch wirklich hier in der Türkei hergestellt. Unterschiede zu den Markenprodukten aus Deutschland ließen sich jedenfalls nicht feststellen. Nur bei den Preisen sind die Unterschiede deutlich. 15 Paar BOSS-Socken für 5 Euro oder D+G-Handtaschen für zwanzig Euro sind schon sehr verlockend. Wenn die Türkei in die EU will, wird sie diesen Handel wohl beenden müssen. Schade eigentlich. Schweren Herzens ließen wir die schönen Uhren liegen.
Später nahmen wir uns einen Bus nach Manavgat. Hier ist nämlich Montags immer Markt. Und alles, was wir am Strand gesehen haben, war billiger Tand gegenüber dem Riesenangebot auf diesem größten Bazar, den ich je gesehen habe. Selbst in Istanbul war das Angebot nicht so umfassend wie hier. Man muss zwar ein dickes Fell haben, um die ständige Anmache der Verkäufer auszuhalten, aber das gehört hier einfach dazu. Und wenn man dann wirklich was kaufen will, wird man in der Regel auch gut beraten. Daggi hat sich gleich im dritten Geschäft mit ein paar lebenswichtigen Handtaschen und Rucksäcken eingedeckt und ich hätte mir beinahe ein paar sehr schöne Schuhe, angeblich von PRADA, gekauft. Leider war dessen Preis dann doch zu hoch: 65 Euro wollte der Verkäufer von mir haben. Für 45 Euro hätte ich die Schuhe wahrscheinlich auch bekommen, aber die Anfangsforderung fand ich sehr unverschämt. Später habe ich genau dieses Schuhwerk (das ich im Flugzeug bei einem Mitreisenden das erste Mal gesehen hatte) leider nie wieder gesehen. Dann sind wir doch noch an einer Uhr hängengeblieben: Einer gefälschten SWATCH. Genau! Für gerade mal 10.- Euro hat Dagmar sich eine Nachbildung einer aktuellen SWATCH gekauft, deren Alu-Optik sehr edel aussieht und die am Flughafen für einen Hunderter gehandelt wird. Ich möchte nicht wissen, was dieses Teil im Einkauf gekostet hat.

Nach zwei Stunden Powershopping haben wir eine kleine Pause eingelegt. Zusätzlich zu dem großen Bazar gab es auch noch einen gigantischen Lebensmittelmarkt. Auch hier waren die Preise so niedrig, als wäre das Obst gefälscht.

Zurück haben wir auch wieder einen dieser Busse genommen, die man einfach so anhalten kann. Domusch heißen die (werden wahrscheinlich ganz anders geschrieben, aber das ist ja jetzt egal…). Für 1,25 Euro hat uns der Fahrer wieder in der Nähe unseres Hotels abgesetzt. Wir hatten zwar keine Ahnung, wo wir aussteigen mussten, aber der Fahrer wusste ja, wo wir hin wollten und hat uns rechtzeitig Bescheid gesagt. Die 300 Meter von der Hauptstraße bis zum Hotel haben wir uns dann auch alleine zurecht gefunden.
Ich schreibe hier ständig, dass wir mit EURO bezahlen, obwohl wir uns doch in Asien befinden und die offizielle Währung die „Türkische Lira“ ist. Ja, das war wirklich etwas verwirrend. Ich hatte am Flughafen 400 Euro in Lira gewechselt und wurde dabei gründlich übers Ohr gehauen. Der Kurs ist etwa 1:2, aber am Flughafen habe ich statt 800 Lira nur 756 Lira ausbezahlt bekommen. Hier in Side ist der Euro inzwischen zur Hauptwährung geworden. Man kann aber auch in Lira bezahlen, wenn man das unbedingt will. Die Preisschilder zeigen jedenfalls nur noch Europreise. Die einheimische Währung ist optisch dem Euro sehr ähnlich, weswegen man tunlichst genau darauf achten muss, ob das Wechselgeld dann wirklich Euros und keine Lira sind.
Nachdem wir unser Bargeld gleich am ersten Tag stark reduziert hatten, haben wir den Abend dann im Hotel verbracht. Das Abendessen war genau wie mittags reichlich und wohlschmeckend. Bedarf an Weißwein bestand heute allerdings weniger…
Das hauseigene Animationsprogramm begann um 21.00 Uhr. Da es sehr kalt war, fand die angesagte „Misswahl“ im Foyer des Hotels statt. Sado, unser schwarzer Animateur und die beiden russischen Teenies, die ihm assistierten, machten ihre Sache so gut es mit den wenigen Zuschauern ging. Die armen Teilnehmerinnen (die sich nicht etwa freiwillig gemeldet hatten, sondern von Sado auf die Bühne gezerrt wurden!) mussten singen, Bauchtanzen und Hosen von anwesenden Männern einsammeln. Ja, richtig gelesen. Es gab tatsächlich ein paar Zeitgenossen, die sich dann in der Unterhose präsentierten, um ihrer Favoritin ein paar Punkte zuzuspielen. Das wurde uns dann doch zu doof.

Animation ohne Hosen
Ich hatte sicherheitshalber ein paar Spielfilme auf einen USB-Stick kopiert und so konnten wir dann anschließend im Zimmer noch „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ schauen.
Der Dienstag begann routiniert mit dem Frühstücksbuffett. Auch wenn es „All inclusive“ hieß, kostete der frisch gepresste Orangensaft doch einen Euro extra. Das – sowie die vereinzelten Trinkgelder, die man in eine Box am Ausgang werfen konnte – war aber zu verkraften.
Für heute hatten wir „Türkisches Bad“ gebucht. Ich hatte von vornherein nicht vor, da mitzumachen. Deshalb ist Dagmar da alleine hingefahren. Um halb elf wurde sie abgeholt und kilometerweit in irgendein Neubaugebiet gefahren. Ein sächsisches Pärchen aus unserem Hotel war auch dabei. Was dann in diesem Bad so im Einzelnen geschah, kenne ich nur vom Hörensagen. Man konnte den Bikini bzw. die Badehose anbehalten und wurde von irgendwelchen Männern (!) gewaschen, massiert, abgeschrubbt und getrocknet. Gut, man konnte sich auch Frauen auswählen, aber die meisten wurden doch von Männern bedient. Der günstige Preis (Neun Euro) war nur ein Lockpreis. Tatsächlich versuchten die Schrubber, den Gästen unzählige Zusatzangebote aufzuschwätzen, was Dagmar aber tapfer abgelehnt hat. Da wurden die Jungs ziemlich sauer, aber Daggi war ja vorgewarnt und hat sich nicht beeinflussen lassen.
Als sie dann nach über vier Stunden wieder im Hotel ankam, war das Mittagessen schon vorbei. Ich hatte teilweise am Pool gelegen und gelesen, war ein bisschen was arbeiten und habe das Essen auch völlig vergessen.
Also sind wir wieder am Strand entlang Richtung SIDE gelaufen. Dachten wir am Vortag noch, wir hätten alles gesehen, mussten wir uns heute eines Besseren belehren lassen. Die vielen kleinen Läden und Kneipen am Meer entlang mündeten in eine komplette Einkaufsstadt mit Hunderten von Geschäften und Restaurants. Schnell waren 500.- Euro aus dem Automaten gezogen, damit man ja nichts verpasst. Zum Essen waren wir in einem skandinavischen Restaurant – auch wenn die Mitarbeiter alle Türken waren. Das Essen war auch hier supertoll und supergünstig. Ne komplette Forelle für fünf Euro (inkl. Beilagen) findet man in Deutschland nicht. Da es langsam kühl wurde, hat Daggi uns zwei dicke Jacken gekauft (zusammen 25.- Euro), die den Namen von Jack Wolffskin tragen. Später haben wir noch Tee probiert (und gekauft), Bier getrunken (lecker!) und einige Tausend Verkäufer abgewimmelt. Das Einkaufszentrum befindet sich unmittelbar neben den Sehenswürdigkeiten von Side, den alten Trümmern der Römer. Irgendwie scheint der Staat kein großes Interesse an einer Vermarktung dieser Altertümer zu haben – alles gammelt so vor sich hin. Nur das Amphietheater wird mit einer Führung (und 5 Euro Eintritt) geadelt. Für den Rückweg nahmen wir dann ein Taxi.
Beim Abendessen im Hotel haben wir dann einen sehr originellen Berliner aus dem Irak kennengelernt, der auch recht gut Türkisch sprach. Er war schon einige Male hier und sehr betrunken. Daran hat sich auch den ganzen Abend nichts mehr geändert. Der Kellner musste ihm die Suppe tragen, damit er nicht alles verschüttete…
Rechts – das ist SADO aus SIDE
Um 21.00 Uhr war wieder Animation angesagt. Das Thema heute Abend: „Misster Wahl“. Jawoll, mit zwei „ss“. Die beiden russischen Mädels sprechen nämlich so gut wie kein Deutsch, sind aber für die Schilder verantwortlich. Ich war schon sehr gespannt, welche Deppen Sado diesmal auf die Bühne (im Freien!) schleppen würde, damit die sich vor allen Gästen blamieren würden. Leider hatte ich nicht damit gerechnet, dass er ausgerechnet MICH auf dem Kieker hatte. Mein Protest half überhaupt nichts, alle grölten und klatschten (Dagmar eingeschlossen!!!), so dass mir gar nicht anderes übrig blieb als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Der zweite Kandidat hieß Volker und lebt mit seiner Frau Ulli in Philipsburg. Das ist irgendwo in der Nähe von Stuttgart, wie man am Dialekt leicht feststellen konnte. Der dritte und letzte Teilnehmer hieß Bernd (soweit ich mich erinnere), war – genau wie Volker – viel jünger als ich und trug einen Schnauzer. Unsere erste Aufgabe war leicht. Wir sollten ein Glas Bier auf ex trinken und gleich danach einen Luftballon so lange aufblasen, bis er platzte. Und da hatten wir auch schon das erste Problem. Ich habe das Bier nicht runter bekommen. Es war so kalt, dass ich es nur in kleinen Schlucken trinken konnte. Irgendwann gab man mir zu verstehen, dass ich das mit dem Bier jetzt auch vergessen und lieber den Luftballon aufblasen sollte. Der platzte dann sogar noch vor Bernd, aber nach Volker. Als nächstes sollten wir einen Striptease machen. (Sagte ich schon, dass alles ein wenig „familiär“ war?) Volker und Bernd haben da irgendwas gemacht, aber ich habe mich geweigert, mich vor den Leuten auszuziehen. Sooooo niveaulos wollte ich dann auch nicht sein. Spiel drei wurde dann sehr lustig. Wir drei stellten uns im Kreis auf, bekamen einen Hut auf den Kopf und mussten auf Befehl des Animators bestimmte Dinge ausführen:
1: Hand auf Nachbarhut legen
2: Hut eins weiter reichen
3: Hände schütteln
4: Einmal im Kreise drehen
5: dem linken Nachbarn in den Hintern kneifen und dabei „Miep Miep“ rufen.
Das klingt extrem dämlich und ist es auch, aber es machte – zumindest den Zuschauern – extrem viel Spaß. Die Stimmung war kurz vorm Überkochen.
Ja, das bin ich. Weitergabe dieses Fotos verboten.
Blieb noch das letzte Spiel. Wir drei wurden in einen Nebenraum der Küche gebeten und sollten uns umziehen. Genauer gesagt, sollten wir Frauenkleider anziehen. Und eine Perücke. Geschminkt wurden wir auch noch von Julia und Nastasia, den beiden Girlies aus Estonia, bzw. Weißrussland.
Und dann kamen wir wieder rein und mussten – einer nach dem anderen – einen Bauchtanz vorführen. Das Gegröle war groß, die Peinlichkeit kaum zu überbieten, aber dennoch hat es wohl allen sehr viel Spaß gemacht.
Wir standen dann mit allen noch ein Stündchen an der Bar und haben herzlich gelacht. Mit einem fröhlichen „Miep Miep“ gingen wir dann zu Bette.
Um sieben klingelte mein Wecker. Ich musste so früh raus, weil ich dringend noch etwas aufnehmen musste. Am gestrigen Abend hätte das nicht so ganz perfekt geklungen. Dann direkt zum Frühstück, wo uns Sado schon mit einem fröhlichen „Miep Miep“ begrüßte. Um viertel nach neun wurden wir für unsere erste große Tour abgeholt. Unser Reiseleiter sprach sehr gut deutsch, was wohl daran lag, dass er den Großteil seines Lebens in Deutschland verbracht hatte. Überhaupt – falls ich es noch nicht geschrieben habe: Die Landessprache ist nicht etwa türkisch, sondern deutsch. Ich glaube, alle ehemaligen Gastarbeiter sind hier in den Süden gezogen, um mit dem Tourismus das große Geld zu machen. Der Weg zu unserem ersten Haltepunkt in der Nähe von Antalya war lang. Zeit für ein kleines Nickerchen. So habe ich leider gar nicht viel von dem mitbekommen, was uns der Reiseleiter über die Türkei erzählt hat. Ich kann mich daran erinnern, dass er sagte, dass die Türken in wenigen Jahren die Deutschen stückzahlmäßig überholen würden. Antalya selbst wurde in den letzten Jahren zur Millionenstadt. Das zeigt sich leider darin, dass rund um die ehemalige Altstadt tausende von Hochhäusern in die Natur gesetzt wurden, in denen Abertausende von Eigentumswohnungen die Bevölkerung beherbergen.

Der erste Haltepunkt war ein mittelgroßer Wasserfall mitten in einem Naturschutzgebiet. Die Regierung hat irgendwann geschnallt, dass es keine so gute Idee war, sämtliche Wälder abzuholzen. Nur noch 5% der Landschaft besteht aus Wäldern – gegenüber 30% in Deutschland. Also lenkt man derzeit stark dagegen und verbietet weiteren Raubbau an der grünen Lunge des Landes. Wir latschten also durch das Grünzeug und stiegen nach ein paar obligatorischen „Aahs“ und „Oohs“ wieder in den Bus, der uns nun in das große Schmuckzentrum fuhr. Das Ganze verwandelte sich jetzt ein bisschen zur Kaffeefahrt. Das Schmuckzentrum war auf dem Gelände eines Luxushotels in einem ausrangierten Spielcasino untergebracht. Prächtige, kitschige Wände mit 300 Kilogramm Blattgold, dicker Samt überall und Hunderte von Vitrinen mit ziemlich langweiligen Schmuckstücken warteten auf uns. Nach einer kleinen Begrüßungsrede wurden wir in den ersten Stock geführt, wo sich sofort ein „Berater“ wie eine Klette an uns hing und versuchte, uns den Schmock, äh Schmuck anzudrehen. Statt dass wir also unser Glück an einarmigen Banditen suchen konnten, versuchten zweibeinige Salesmanager ihr Glück damit, uns ihren Käse anzudrehen. Aber der Schmuck war wirklich eher etwas für uralte russische Milliardärinnen als für uns. Zu dick, zu wuchtig, zu kitschig und natürlich viel zu teuer. Preise standen zwar nicht dran – und Handeln war das allerwichtigste in diesem Schmuckbazar! – aber irgendwelche Mitreisende sind natürlich auf die Jungs reingefallen und haben sich merkwürdige Klunker gekauft. Daggi als Schmuckexpertin (sie stellt sich ihren Schmuck schon seit Jahren selbst her – welch glückliche Fügung für mich!) hat schnell festgestellt, dass der Schmuck eher minderwertig war und außerdem schlecht verarbeitet wurde. Die Preise waren jedenfalls völlig überteuert. Schnell sind wir aus dem ehemaligen Casino wieder ausgebrochen und haben draußen vor dem Hotel auf den Rest der Gruppe gewartet. Als Nächstes ging es zum Mittagessen. Das war perfekt organisiert. Die Riesenbusse kamen quasi im Minutentakt angefahren, spuckten ihre Touristen aus und sammelten sie nach erfolgter Nahrungsaufnahme wieder ein. Das Essen wurde an Achtertischen aufgetragen. Es gab Salat, Brot, Hühnchen und Reis. Als Nachtisch noch eine Apfelsine. Getränke mussten extra bezahlt werden. Der Betrieb funktionierte perfekt wie eine Schweizer Uhr; lediglich an der Damentoilette gab es die üblichen Staus.
Weiter ging die Fahrt nach Antalya. Wir wurden direkt am Fuß der Altstadt ausgeladen und hatten nun zwei Stunden Freizeit. Natürlich sind wir als erstes gleich mal in den Bazar gelaufen, der aber im Gegensatz zu dem Markt in Manavgat recht klein und übersichtlich war. Die Preise waren auch etwas höher und es wollte sich keine Kauflust einstellen. Also sind wir in die Altstadt gelaufen. Schöne, verwinkelte Gassen mit sehr hübschen Lokalen und Restaurants luden zum Verweilen ein. Daran, dass man vor jedem Geschäft angesprochen wurde, hatten wir uns schon gewöhnt. Einer der Verkäufer stellte sich als alter Frankfurter heraus. Klar, dass Dagmar ihm daraufhin ein paar Sachen abgekauft hat – Seidenschals oder so was. Ein frisch gepresster Granatapfelsaft für Daggi und ein fettes Bier für mich beendeten dann unseren Aufenthalt in der Provinzhauptstadt Antalya. Von unserem Treffpunkt aus liefen wir in eine Tiefgarage, wo unser Bus bereits auf uns wartete, um uns zum nächsten Ziel zu bringen: zur Lederfabrik.
Tja, die Kaffeefahrt war noch nicht zu Ende.

Es fing alles ganz grandios an: Eine kurze Modenshow mit sechs oder sieben Models zeigte uns, was man derzeit an Lederkleidung tragen sollte. Jedes Model trug eine Nummer, mit der sich die Kleidungsstücke identifizieren ließen. Denn nach der sechs Minuten dauernden Show wurden wir in die Verkaufsräume geschoben. Und hier wurde es dann richtig unangenehm. Einer dieser Verkaufsnervensägen sprach mich schon hinter meinem Rücken an und wollte mir partout die Hand geben. Dazu hatte ich keine Lust und sagte ihm das auch, so freundlich ich eben noch konnte. Darauf spielte er die beleidigte Leberwurst, wich uns aber nicht von der Pelle. Egal, was sich Dagmar anschaute, sofort war er neben ihr und begann mit seinen Verkaufsgesprächen. Die Teile waren alle hoffnungslos überteuert – außerdem hatten wir uns im letzten Jahr in Istanbul erst mit Lederjacken eingedeckt. Irgendwann platzte mir dann auch der Kragen. Ich sagte Dagmar, dass ich hier nichts kaufen wolle und die Nase von dem Laden voll hätte. Darüber war sie dann auch sauer. Und so sind wir beide sauer aus dem Laden gelaufen, einen noch saureren Verkäufer hinterlassend. Draußen haben wir uns dann aber gleich wieder beruhigt und festgestellt, dass es den meisten Mitreisenden genauso gegangen war. Unter Druck bin ich einfach nicht bereit, irgendwas zu kaufen. Wir lassen uns doch nicht zwingen. Leider haben die meisten Verkäufer das noch nicht kapiert und nerven daher weiter, bis die Kunden eines Tages gar nicht mehr kommen.
Eine Stunde später waren wir dann wieder im Hotel; gerade rechtzeitig zum Abendessen. Ich hatte mir inzwischen den aktuellen Tatort heruntergeladen, so dass wir den Abend ruhig und alleine vor der Glotze beendeten.
Schon war der Donnerstag angebrochen. Das Aufstehen machte uns keine Mühe, nur das Schloss der Badezimmertür versetzte mich in Panik. Ich hatte mich für die morgendliche Toilette eingeschlossen, weil die Tür sonst immer wieder aufgegangen wäre. Als ich sie dann öffnen wollte, ging das nicht mehr! Klinke und Schließmechanismus hatten keine Verbindung mehr! Ich konnte machen, was ich wollte, ich war eingesperrt. Weder von innen noch von außen ließ sich diese vermaledeite Türe öffnen…
Dagmar rief an der Rezeption an und schon nach fünf Minuten war ein Techniker zur Stelle, der die Tür dann mit brachialer Gewalt aufbrach. Endlich konnte ich mich anziehen. Wir hatten es nämlich eilig, denn auch für heute hatten wir eieine Tour geplant. Der „Green Canyon“ stand auf dem Programm. Unser Reiseleiter Ali war etwas ungehalten, dass wir nicht vorne an der Straße auf ihn warteten. Dabei waren wir trotz der Einsperrung pünktlich um 9.15 Uhr an der Rezeption, aber er hatte 9.05 Uhr in seinem Plan stehen. Nach und nach sammelten wir noch ein paar Mitreisende in den verschiedensten Hotels ein – darunter auch alte Bekannte vom Vortag. Ali machte ein paar chauvinistische Frauenwitze und hatte damit gleich eine ältere Lady als Feindin. („Was machte eine Frau, nachdem sie ihren Führerschein schon ein Jahr lang hat? – Sie entdeckt den zweiten Gang“). Na ja, schon besser gelacht. Ali war noch ein recht junger Bursche aus Syrien, der angeblich in Deutschland studiert hatte. Ich glaube eher, er hat das Leben studiert. Und auf einem Flirtkurs muss er auch gewesen sein, so wie er alle alleinstehenden Damen angemacht hat.
Der „Green Canyon“ ist ein riesengroßer See in etwa 300 Meter Höhe mitten im Taurus-Gebirge. Deutschland hat dort in den letzten Jahren ein grandioses Stauwerk errichtet, das wir natürlich ebenfalls besichtigt haben. Dann sind wir in einen Katamaran umgestiegen. Zusammen mit Gästen aus anderen Bussen waren wir gut 100 Touristen, die nun auf diesem Riesengebirgssee rumschipperten. Das Wasser war türkisblau und sehr sauber. An den Bergen starrten uns die Bergziegen an als kämen wir von einer anderen Welt. Na ja, so war es ja auch. An Bord waren zwei Profi-Fotografen, die uns der Reihe nach ablichteten. Sie gaben sich sehr viel Mühe, die Touristen in vorteilhafte Posen zu dirigieren. So gegen 12.30 Uhr gingen wir dann an Land und kletterten 132 Stufen hinauf, um unser Mittagessen einzunehmen. Hier hatte man die Qual der Wahl: Hühnchen, Fisch oder Fleisch stand auf der Speisekarte. Dagmar wählte den Fisch, der sich als im Ofen gebackene Forelle entpuppte. Ich hatte Hühnchen mit Reis und den obligatorischen Salat. Auch hier klappte die Organisation hervorragend. Keiner musste warten, alle wurden satt. Nur der Himmel machte uns Sorgen. Der änderte nämlich seine Farbe von blau auf dunkelschwarz. Außerdem war ein dumpfes Grollen zu bemerken. Wieder auf dem Schiff, fing es dann prompt an zu regnen. Der bisher so angenehme Fahrtwind wurde schneidend kalt und brachte uns zum Bibbern. Dann begann es auch noch zu hageln. Nur hinten am Schiff, vor den Toiletten, ließ es sich noch einigermaßen aushalten. Alle anderen haben sich hier mindestens eine Lungenentzündung geholt.
Während des Essens hatten unsere Profi-Fotografen alle Bilder ausgedruckt und verteilten sie jetzt an die Schiffsgäste. Von uns gab es rund ein Dutzend Bilder, von denen ich sechs Stück auch gekauft habe. Ursprünglich wollten die Jungs 3.- Euro pro Bild, für 2,50 habe ich sie dann bekommen. Andere zahlten sogar noch weniger. Und was das Beste ist: Die Bilder sind richtig gut geworden. Zwei Stück stecken bereits im Rahmen und lachen uns täglich an.
Ali mit Silke und Elke
Ali, unser Reiseleiter, war auf dem Schiff selbst nicht im Dienst, sondern überließ die Moderation einem Kollegen, der ständig darauf hinwies, wie gut er doch eigentlich aussieht, seit er immer in diesem Wasser badet. Zusammen mit Ali hat er dann auch noch getanzt. Als Ali dann später alleine ebenfalls einen etwas obszönen Tanz aufführte, hatte er gleich wieder Ärger mit seiner Lieblingsfeindin, die das gar nicht komisch fand.
Irgendwann war der Green Canyon dann zu Ende und wir sind den ganzen Weg wieder zurück gefahren. Der Hagel hörte auf, ein paar Regentropfen klatschten noch gegen das Schiff, bis die Sonne wieder die Regie übernahm. Am Staudamm verließen wir das Schiff und stiegen in unseren Bus.
Aber das war natürlich noch nicht alles. Uns erwartete noch ein Einkaufsbummel im Textilparadies „Dickmann“. Und hier war tatsächlich mal alles anders. KEINE Verkäufer, KEIN Kaufzwang, KEIN Druck auf die Touristen. Und siehe da: Es hat funktioniert. Viele der Mitreisenden haben sich hier mit irgendwelchen Hemden, Hosen oder T-Shirts eingedeckt. Es war auch wirklich extrem billig. Ich habe mir sechs „Hilfiger“-Hemden zum Stückpreis von 10.- Euro gekauft. Dagmar hat allerdings nichts gefunden, was ihr gefallen hätte. Inzwischen habe ich allerdings erfahren, dass die Arbeitsbedingungen der Textilindustrie in der Türkei so miserabel sind, dass man besser beraten wäre, durch Verzicht auf diese Einkäufe dieses System nicht noch zu unterstützen. Kinderarbeit ist wohl hier unten noch an der Tagesordnung. Ich werde mich in Zukunft vorher informieren. Versprochen.
Alle saßen wieder pünktlich im Bus, aber Ali, unsere Nervensäge, fehlte. Er hatte irgendwelche Probleme mit der Provisionsabrechnung, bzw. wegen irgendwelchen fehlenden Armbändchen, die unsere Gruppe zu tragen hatte. Mit ca. 10 Minuten Verspätung fuhren wir dann wieder zum Hotel zurück.
Nach dem Abendessen im Hotel erwartete uns mal wieder eine Animations-Bespaßung. Diesmal stand BINGO auf dem Programm. Und wie es der Zufall will, hat Dagmar den dritten Preis gewonnen: Einmal Massage, einmal Haarschneiden und eine Packung Türkischen Honig! Und da Silke aus Remscheid um Mitternacht Geburtstag haben würde, hatte sich SADO etwas Besonderes für die Nacht ausgedacht. Er hatte einen Bus organisiert und etwa ein Dutzend willige Touristen ab 23.00 Uhr in eine Discothek geführt. Der Bus kostete 5.- Euro, aber der Eintritt in die Disco war frei. Wir waren natürlich auch dabei. Der Laden füllte sich in kurzer Zeit und die Tanzfläche stand keine Sekunde leer. Von der Musik kannte ich so gut wie gar nichts, aber das war auch egal. Ein sehr junger DJ spielte an seinem Laptop rum und hielt den Beat stundenlang durch. Um Mitternacht feierten wir dann Silkes Geburtstag, die sichtlich gerührt war und sich sehr über das schöne Fest gefreut hatte. So gegen zwei Uhr wurden wir wieder abgeholt. Details der Heimreise habe ich leider vergessen.
In  der Disco. Links sind Anastasia und Julia
Freitag Morgen. Unser letzter kompletter Ferientag. Die Abreise war für Samstag Mittag geplant. Nach dem (sehr späten!) Frühstück und ein bisschen Büroarbeit trudelten dann so langsam alle Mittänzer der vergangenen Nacht ein: Silke und ihre Freundin Elke, das Sachsenpärchen, Julia und Nastasia, Volker und seine Ulli, Sado und viele andere, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Dagmar schenkte mir ihren Gutschein für den Friseur, den ich auch sofort eingelöst habe. Der Laden war nur einen Steinwurf vom Hotel entfernt und der Frisör war ausgesprochen gut. Es war zwar kurz verwirrend, dass er mir ohne Vorwarnung mit der Schere in der Nase rumgefuchtelt hat und ein paar Gesichtshaare mit einer offenen Flamme abfackelte. Andere Länder, andere Sitten. Das Trinkgeld hatte er sich redlich verdient. Dagmar freute sich schon auf die Massage am Nachmittag, aber erst kam das Mittagessen an die Reihe. Es war schon fast 14.00 Uhr, als ich nochmals in unser Zimmer ging. Etwas verwundert stellte ich fest, dass es immer noch nicht aufgeräumt war. Dann klopfte das Zimmermädchen und faselte was von „finish, finish!“. Mich beschlich ein merkwürdiges Gefühl. Ich lief zur Rezeption und suchte die Liste mit den Abreiseterminen. Und siehe da: Wir beide mussten schon HEUTE weg! Das Zimmer hätte um 12.00 Uhr ausgeräumt sein müssen. Wir hatten uns um einen vollen Tag verrechnet!!!
Also suchte ich Dagmar und binnen einer halben Stunde hatten wir unsere Koffer gepackt und sie in der Rezeption zwischengelagert. Wir tranken noch ein paar Tassen Kaffee und quatschten mit unseren neuen Freunden. Die letzte Stunde spazierten wir noch ein wenig im Ort umher, die eine oder andere Handtasche erwerbend. Dann hieß es Abschied nehmen. Eine letzte Umarmung, dann stand der Fahrer vor der Tür, der uns zum Flughafen bringen sollte. Nach etwa der Hälfte der Strecke wurde er angerufen, wen er da eigentlich abgeholt hätte. Es stellte sich heraus, dass wir im falschen Auto saßen und unser „richtiger“ Bus mit Verspätung in Side angekommen war. Die „richtigen“ Gäste mussten halt jetzt mit dem Bus fahren, während wir in einem PKW zum Flughafen gebracht wurden. Auch nicht schlimm.
Heißt der nicht Georgio?
So gegen 23.00 Uhr sind wir dann wieder in Frankfurt gelandet, wo uns ein Taxi zum Preis eines Türkeifluges nach Hause brachte.
Fazit: SIDE – immer wieder gerne! Aber nicht in der Hochsaison. Bei 40 Grad im Schatten ist das Leben nicht so lustig wie hier in der Vor- oder Nachsaison. Die Preise sind unschlagbar, das Essen ist hervorragend und die Einheimischen sind freundlich und liebenswert – von ein paar Nervensägen in den Bazaren mal abgesehen.

Mauritius

Samstag, 1. Januar 2011
Start mit Hindernissen
(Aus gegebenem Anlass weise ich darauf hin, dass dieser Blog ausschließlich meine subjektiven Eindrücke wiedergibt und keinesfalls einen offiziellen Reiseführer ersetzt. Dies ist ein privater Reisebericht und keine journalistische Arbeit. Besserwisser und Oberlehrer werden freundlichst gebeten, diesen Blog NICHT zu lesen)
1. Januar 2011, ca. 22:10 Uhr. Noch fünfeinhalb Stunden. Dann wird die B767 der Condor ihr Ziel erreicht haben. Fünfeinhalb Stunden bedeutet auch, dass die Hälfte der Strecke geschafft ist. Meine Beine sehnen sich nach Bewegung, der Weißwein an Bord ist warm und kostet vier Euro pro Fläschchen. Bleibe ich eben  nüchtern.
Es hatte alles so schön angefangen: Am Abend vorher, an Silvester, waren wir wieder auf der obligatorischen Fete unserer Freunde in Dillingen. Eine Menge netter Leute waren da und wir hatten uns schon darauf eingestellt, den Weg runter nach Friedrichsdorf zu Fuß zu wandern – genau wie im letzten Jahr, als uns das vorbestellte Taxi versetzt hatte. Diesmal haben wir so gegen halb zwei ein Taxi angerufen, das auch pünktlich um zwei vor der Tür stand.

Sonntag, der 2. Januar 2011
Der erste Tag – die erste Nacht

Nach ausgiebigem Schlaf sind wir um halb eins am Neujahrsmorgen von unserer Freundin Kai zum Flughafen gefahren worden. Dagmar, meine Süße, hatte die Bordkarte bereits am Vortag ausgedruckt, so dass wir nur an einen Condor-Schalter gehen mussten, um unser Gepäck abzugeben. Theoretisch jedenfalls. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…
Vor uns war ein junger Mann dran, der offenbar größere Probleme mit seinem Ticket hatte, denn es ging und ging nicht voran. Er erzählte uns, dass seine Maschine überbucht sei und er zwangsweise in die Holzklasse umgebucht würde. Das hat ihm so gar nicht gepasst. Die gelangweilte Dame am Counter verließ zweimal ihren Platz, um die Geschichte mit ihren Chefs zu besprechen. Dabei lief sie so provozierend langsam, dass man schon vom Zusehen wütend werden konnte. Nach einer halben Stunde war das Problem erledigt und wir kamen endlich dran. Ich wuchtete die beiden Koffer auf das Gepäckband und Dagmar schob ihr die Boardingkarten nebst Pässen zu. Was dann kam, werde ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen. Die Dame am Schalter teilte Dagmar nach kurzer Überprüfung Ihres Passes mit sadistischem Genuss mit, dass ihr Reisepass keine sechs Monate mehr Gültigkeit besäße. Geradezu begeistert belehrte sie uns, dass die Reisenden selbst dafür verantwortlich seien, die richtigen Dokumente mitzuführen. Ich hatte keine Lust auf ihre ständigen Belehrungen und wollte wissen, wo man den Pass am Flughafen verlängern lassen könne. Schließlich kann sowas ja jedem Mal passieren. Ich hatte nirgendwo gelesen, dass ein Reisepass sechs Monate länger gültig sein muss als der Aufenthalt selbst. Ich verstehe auch bis jetzt den Sinn dieser Maßnahme nicht. Dagmar hatte ihren Pass vorher überprüft und war der Ansicht, dass er bis 2017 gültig sei. Mit Brille wär´ das nicht passiert…
Na ja, das Condor-Mädel wiederholte ständig nur, dass das unsere eigene Schuld wäre und Dagmar daher nicht mitreisen dürfe. Nach unseren wiederholten Fragen, wo denn nun der Pass verlängert werden könnte, rückte sie mit irgendeiner Information heraus, die sich später als falsch heraus stellte. Ich nahm die Koffer wieder zurück auf unseren Gepäckwagen und lief mit Daggi zur zentralen Polizeistelle. Dort wurde Dagmar weiter zum Schalter A51 geschickt. Ein dort tätiger Grenzbeamter hatte angeblich keine Befugnis, das Dokument zu verlängern und die dafür zuständige Stelle war am Neujahrstag natürlich geschlossen.
Also sind wir wieder zur Gepäckaufgabe gelaufen – diesmal an einen „normalen“ Stand. Meine Lieblingsmitarbeiterin hat uns wohl vorbeilaufen sehen und während des Eincheckens ihre Kollegin angerufen. Ganz plötzlich fiel der dann nämlich auch auf, dass der Pass nur bis Ende März gültig ist und Daggi daher nach den Einreisebestimmungen nicht mitfliegen dürfe. Auf meine Bitte, doch einfach mal beide Augen zuzudrücken, durfte sie nicht eingehen. Außerdem bestünde die Gefahr, dass Dagmar am Zielort einfach in den nächsten Flieger gesetzt würde, um nach Hause zurück geschickt zu werden. Und Condor müsste eine sehr hohe Strafe bezahlen.
Daraufhin haben wir es aufgegeben. Dagmar wird am Montag morgen in Friedrichsdorf eine vorübergehende Passverlängerung erhalten und dann nachkommen. Einen Flug hat sie schon gekauft. Umbuchen ging nämlich nicht mehr.
Und so kommt es, dass ich seit inzwischen sechs Stunden alleine im Flieger sitze. Der Platz neben mir bleibt leer, so dass ich mich bei aufkommendem Schlafbedürfnis einigermaßen bequem rumflezen kann. So, jetzt wollt Ihr wahrscheinlich noch wissen, wo wir eigentlich hinfliegen:
Es geht nach MAURITIUS. Das liegt östlich von Südafrika, grob geschätzt. Jetzt im Januar sind es dort zwischen 28 und 30 Grad. Man spricht dort hauptsächlich Französisch, soll aber auch Englisch gut verstehen können. Nun, das werden wir ja sehen.
In Deutschland ist es noch nicht einmal 22.00 Uhr. Das wird noch eine Weile dauern, bis sich bei mir bleierne Müdigkeit breit machen wird. Ich schreibe auf meinem neuen MacBook Air, der mir eine Batterielaufzeit von mehr als sieben Stunden anzeigt.
Mein iPad habe ich schon fast leergesaugt. „Wallanders erster Fall“ habe ich komplett durchgelesen, außerdem den Spiegel von letzter Woche fertig durchgeblättert. Was man halt so macht, wenn man allein ist und nichts zu tun hat.
Sehr überrascht bin ich über einige der Mitreisenden. Nicht nur, dass ein offensichtlich lesbisches Pärchen ständig in der Reihe vor mir rumknutscht und das einzige Baby im Flieger seine Stimmübungen selbstredend in meiner Reihe absolviert – nein, ich treffe auch gleich noch zwei Bekannte. Einen Bub aus meiner Volksschulklasse, an dessen Namen ich mich allerdings nur noch rudimentär erinnere und Wolfgang Herold, den Inhaber der Frankfurter Herold-Studios, der mit Frau und Kind im Flieger sitzt und im Club Med residieren wird. Wo sonst.
Man muss einfach nur positiv denken, dann klappt alles. So auch heute. Statt um 16.00 Uhr ist das Apartment bereits um 11:30 Uhr fertig, nicht zuletzt dank der Unterstützung der FTI-Repräsentantin. Ihren Vortrag über die unbedingt zu buchenden Ausflüge haben wir auf Dienstag, 11:45 Uhr verschoben, wenn Dagmar (hoffentlich) auch dabei ist.
Das Apartment besteht aus einem Schlafzimmer und einem großen Bad mit Dusche. Die Ablagemöglichkeiten sind im Vergleich zu unserem „Mein Schiff“ vom Vorjahr (dämlicher Name, oder?) eher rudimentär. Aber die Räume sind sehr schön gestaltet und eingerichtet. Es gibt sogar einen 32-Zoll Flachbild-Fernseher von SONY. Die Räume sind im Obergeschoss eines zweistöckigen Apartments innerhalb einer recht großen Anlage, etwa 50 Meter vom Zentrum entfernt. Nach dem Duschen bekomme ich auch überraschenden Besuch: Eine etwa 5 cm große Kakerlake huscht durch den Schlafraum. Leider muss ich ihren Besuch durch einen beherzten Tritt beenden. Ich hoffe, dass heute Nacht nicht die ganze Verwandtschaft zum Kondolieren antritt…
Hier wird gepennt.
Es fällt mir zwar schwer, einzuschlafen, aber irgendwann schaffe ich auch dies. So gegen 17.00 Uhr stehe ich wieder auf und erkunde das Gelände. Eine wirklich sehr schöne Anlage mit zwei Pools, vielen Palmen und erstaunlich wenigen Menschen erwartet mich. Ich lege mich auf eine Liege am Pool und lese meinen Wallander fertig. Zwischendurch planschen Kinder und Jugendliche um mich herum. Erstaunlich, dass die meisten – vor allem die Mädchen – extrem übergewichtig sind. Bei den Eltern ein ähnliches Bild. Fast nur Frauen haben hier einige Zentner zuviel – die Herren sehen ganz passabel aus.
Eigentlich sollte ab 19.00 Uhr das Abendessen stattfinden. Aber es kommt keiner. Stattdessen klimpert ein Klavierspieler vor sich her. Gar nicht mal schlecht, der Kerl. Ich setze mich also an die Bar, trinke ein einheimisches Bier (!!!) und fange den nächsten Mankell an. So gegen acht geht es dann los, das Buffet hat geöffnet. Es ist nicht schlecht, aber auch nicht erwähnenswert spektakulär, was sich mir da anbietet. Ich bin inzwischen schon zur bedauernswerten Person abgestempelt, denn als einziger muss ich alleine essen. Schluchz, heul, flenn. Also schnell weg und wieder an die Bar.
Statt des im Hotelprogramm angekündigten Liedermachers sorgt ein DJ für die nun folgende akustische Umweltverschmutzung. Ein Lied klingt wie das nächste. Ich weiß, ich habe damals als aktiver DJ auch immer behauptet, dass es da ganz gravierende Unterschiede gibt, aber wenn man einfach nur so an der Bar sitzt, seinen Wallander liest und den Lärm ertragen muss, stellt sich das ganz anders dar. In den nun folgenden zwei Stunden gab es gerade mal einen einzigen Titel, den ich auch gespielt hätte: „I shot the sheriff“ von Bob Marley. Im Original. Aber ich werde wohl alt. Auf das Werk hat gerade mal eine einzige Frau getanzt, während bei dem sonstigen Computer-Gedudel die Tanzfläche voller dicker Teenies war, die sogar – wie in der Tanzschule – so eine Art Gruppentanz aufgeführt haben. Doch zurück zu der etwas älteren Dame aus Frankreich, die mir schon am Nachmittag wegen ihres verbissenen Gesichtsausdrucks unangenehm aufgefallen war.
Gleich nach dem Ende des Songs ging sie zurück an die Bar, völlig verschwitzt, und holte sich so ein Asthmatiker-Gerät aus ihrer rosaroten Handtasche, setzte es an und röchelte um ihr Leben. Ob sie das Gehüpfe überstanden hat, kann ich erst morgen vermelden. (Sie lebt noch!)
Die Preise in diesem Hotel haben sich gewaschen. Ein 0,1-Gläschen Wein kostet 4,25 Euro. Eine Stunde Internet etwas über 8 Euro. Eine Flatrate ist kaum bezahlbar. Und die Mehrwertsteuer wird erst anschließend drauf geschlagen.
Um elf verstummt der DJ und Mauritius geht anscheinend zu Bette. Es gibt noch etwa 5-6 Gäste an der Bar, mich eingeschlossen. In Deutschland läuft gleich der Tatort und ich bin alles Andere als müde.
Als ich eben das dritte Gläschen Wein bestellt habe, hat der Barchef demonstrativ auf die Uhr geschaut. Einer geht noch, dann ist Schluss. Um das zu verdeutlichen, hat er mir auch gleich die Rechnung vorgelegt. So beschließe ich diesen ersten Tag auf Mauritius mit gemischten Gefühlen. Und weiteren 300 Seiten Wallander…
Morgen werde ich den ganzen Tag Sport treiben!

Montag, 3. Januar 2011
Morgenstund ist aller Laster Anfang
Grand Baie, 10:00 Uhr morgens am Montag. Das Telefon klingelt. Nicht das Handy, sondern das Telefon im Apartment. Verwirrt komme ich zu mir. Wo bin ich, wer bin ich, was ist das für ein merkwürdiger Klingelton? Es ist Chrystel von FTI, unsere Betreuerin. Sie ruft nur an, um mir zu sagen, dass Daggis Transfer vom Flughafen geregelt ist. Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass in der Stadtverwaltung in Friedrichsdorf alles klappt. Daggi hat gestern noch neue Fotos machen lassen, die wohl für dieses Sonderdokument nötig sind.
Zehn Uhr morgens bedeutet allerdings auch, dass ich das Frühstück verpasst habe. Also setze ich mich mal wieder an die Bar und bestelle einen Kaffee. Dieser Kaffee schmeckt bedeutend besser als der für´s gemeine Buffet-Volk. Der Barkeeper – derselbe von gestern Abend übrigens – hat Mitleid mit mir und bringt mir zwei Croissants. Dann schüttet er unaufgefordert nochmal Kaffee nach. Ach, das Leben kann so schön sein.
Im großen Pool herrscht gähnende Leere, Im Kinderpool planschen ein paar Zwerge vor sich hin. Die Sonne scheint aus vollen Rohren. Heute Nacht hat es mal ein paar Minuten kräftig geregnet, aber heute Morgen ist davon nichts mehr zu sehen.
Pool, die Bar und dahinter der Speisesaal
Nun habe ich die große Auswahl. Lesen, Baden, Faulenzen, Sport treiben, Fernsehen (in der Lobby) oder Spazierengehen (Grand Baie ist zu Fuß erreichbar). Außerdem treibt sich draußen ein Glasbottomboot rum, man kann Wasserski fahren oder segeln. Als Erstes werde ich wohl mal wieder eine Stunde Internet ordern, um die neuen Blogs unterzubringen, meine aktuellen Mails abzuholen und eventuell ein paar Jobs zu erledigen. Das Apartment eignet sich recht gut für Sprachaufnahmen, wenn man sie im Bett macht. Ich denke da an einen Lernkurs für Microsoft Office, dessen hunderte von Einzeldateien ihrer Erledigung, sprich Sprachaufnahme entgegensehen. Nee, besser nicht. Ich bin doch im Urlaub, was immer das bedeutet. In zehn Minuten läuft Dagmar in der Friedrichsdorfer Stadtverwaltung auf. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, ob unsere flexible Verwaltung in der Lage sein wird, Daggi einen provisorischen Pass auszustellen, der ihr die Einreise in dieses Paradies auf Erden ermöglicht.
So, jetzt fängt mein Tag an. Ich melde mich morgen wieder.

Dienstag, 4. Januar 2011

Ein aufregender Tag
Inzwischen ist es Dienstag Morgen um 7:55h. Höchste Zeit, den vergangenen Tag Revue passieren zu lassen. Gestern morgen – kurz nach acht Deutscher Zeit die erlösende SMS von Dagmar, dass sie den vorläufigen Pass erhalten hat. Allerdings mit einer üblen Einschränkung: Die Dame in der Stadtverwaltung behauptete, dass dieser Pass von Mauritius nicht anerkannt würde. Zum Glück war ich noch Online, um die letzten Blogs auf die Reise schicken. Deshalb konnte ich ganz schnell feststellen, dass das Außenministerium auf der entsprechenden Webseite mitteilte, dass man sehr wohl mit einem vorläufigen Pass einreisen könne. Entwarnung? Sicherheitshalber hat Dagmar diese Seite ausgedruckt, um sie später ab Flughafen im Zweifelsfall vorlegen zu können.
Sie hatte wirklich einen Schei…tag nach meinem Abflug. Im Reisebüro am Flughafen (Terminal 1, Abschnitt B) sagte man ihr, dass sie den Flug nur bei FTI im neuen Terminal 2 umbuchen könne. Dann ist sie also mit dem ganzen Gepäck ins neue Terminal gefahren, hat lange nach FTI gesucht, um dann dort zu erfahren, dass e-tickets direkt bei Condor in Terminal 1, Abschnitt C, umgebucht werden müssten. Also wieder zurück. Dort erfahren, dass Umbuchen schon mal gar nicht mehr geht. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ein neues One-way-Ticket nach Mauritius zu buchen. Dann war Christiane, ihre Freundin, so nett, sie vom Flughafen wieder abzuholen. Abends ging sie schon früh zu Bett, wurde dann aber ständig von irgendwelchen Anrufern geweckt – zuletzt von meiner SMS, dass ich sicher gelandet sei.
Wie lief der letzte Tag? Nun, so langsam komme ich mir vor wie ein tibetanischer Mönch mit Schweigegelöbnis. Außer ein paar Getränkebestellungen habe ich noch kein Wort von mir gegeben. Ich sitze den ganzen Tag rund um den Pool und lese, lese, lese. Nach Mankells ersten Kriminalfällen einen Thriller von Michael Chrichton, dann noch einen Krimi von Frank Schätzing, „Mordshunger“. Da wir ihn unserem Hotel nur Halbpension gebucht haben und ich das Frühstück bereits verpasst habe, ist der Hunger bei mir inzwischen auch durchaus ausgewachsen. Ich verlasse erstmal das Hotel und suche ein Restaurant außerhalb der Anlage. In Mauritius ist der zweite Januar ebenfalls ein Feiertag, wie sich herausstellt. Geschäfte sind geschlossen und der Eingeborene nutzt den Feiertag zum Grill-Picknic am Strand. Irgendwann finde ich ein schönes Restaurant direkt am Ufer mit vielen Leuten und leckeren Gerichten auf ihren Tellern. Leider werde ich nicht bedient. Nach langer Wartezeit, die ich verzweifelt aus der Wäsche schaue, kommt endlich ein Mitarbeiter des Hauses, um mir zu erklären, dass dies ein Privatclub sei, in dem ich nichts zu Essen bekäme.
Vor dem Hotel
Bin ich also wieder ins Hotel zurück und habe mich an dem üblichen Buffett bedient. 15,40 Euro + eine Flasche Wasser + Steuern. Danach wieder ab an den Pool und weitergelesen. Zwischendurch kommt eine SMS, dass Daggi mit dem vorläufigen Pass einreisen darf. Leider gibt es aber ein anderes Problem: Die Maschine ist überbucht. Die großzügige Lösung ist ein Upgrade in die erste Klasse. Na also, geht doch. Kaum eine Stunde später ein Anruf von Patrick, Dagmars Sohn. Ob die Mama gut gelandet sei? Ich erkläre ihm, dass das mit dem Beamen noch immer nicht funktioniert und er sich daher noch rund 12 Stunden gedulden müsse. Um 18.30 Uhr an die Bar, ein Bier trinken, danach Buffett. Abends wieder „tolle“ Musik, diesmal von einem Keyboardspieler mit angeschlossener Sängerin. Das Publikum ist entsprechend älter und tanzt wie blöde. Völlig aus dem Takt zwar, aber was soll´s. Irgendwann ergreift einer der Gäste, ein alter Engländer, das Mikrophon und versucht sich in einem Evergreen. Er singt so falsch, dass ich mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren kann. Für das Gejammer bekommt er sogar noch großen Applaus, der ihn später dazu animiert, sich auch noch beim Tanzen gründlich zu blamieren. Zum Glück ist um 23.00 Uhr Schicht und alle gehen ins Bett. Ich auch. Wird Zeit, dass Daggi kommt.

Mittwoch, der 5. Januar 2011
Besuch aus der alten Welt
Eine miserable Nacht. Ständig werde ich wach, höre Geräusche, fürchte Cockroaches auf dem Rachefeldzug. Die Klimaanlage ist entweder zu schwach oder zu stark. Es will mir nicht gelingen, fest zu schlafen. Kein Wunder – mein innerer Wecker steht auf sieben Uhr. Das ist „in Wirklichkeit“ vier Uhr morgens. Aber ich will so früh aufstehen, weil Dagmar nach meiner Berechnung so gegen acht Uhr eintreffen müsste. Dem ist tatsächlich so. Um viertel nach acht taucht sie im Frühstücksraum auf. Ausgeschlafen, frisch und gut gelaunt. Man sollte nur noch erster Klasse fliegen. Die Verpflegung an Bord muss gigantisch gewesen sein. Natürlich muss sie sich nach dem zweiten Frühstück hier im Hotel auch erst mal wieder restaurieren. 15 Stunden (inklusive An- und Abreise zum und vom Flughafen) sind eine lange Reisezeit. Ich zeige ihr dann die Anlage und im Nu liegen wir auf den Strandliegen, genießen das tolle Wetter und die relative Einsamkeit, denn außer uns sind höchstens zwei oder drei weitere Gäste anwesend. Daggi schwimmt ein bisschen im Meer rum und schläft dann erschöpft auf der Liege ein. Ich lese die aktuelle c´t, die sie mir mitgebracht hat und tippe ein bisschen auf meinem Computer rum. Um viertel vor elf kommt dann auch Chrystal von FTI. Sie sagt ihr Sprüchlein auf, was wir hier alles anstellen könnten und überredet uns zu drei Inseltouren, die wir am kommenden Donnerstag, Samstag und Montag unternehmen wollen.
So, inzwischen habe ich mal ein bisschen im Reiseführer rumgeblättert. Mauritius hat 1,2 Millionen Einwohner und ist nicht größer als Berlin. Ganz früher haben hier hauptsächlich Piraten gewohnt. Dann haben die Holländer die Insel besetzen wollen, sind aber wieder vertrieben worden. Anschließend haben es die Franzosen versucht, unter anderem mit 100.000 Sklaven aus Indien, von denen die Hälfte wieder an Krankheiten und Naturkatastrophen eingegangen ist. Das war wohl das Angriffssignal für die Engländer, die aber eine Weile gebraucht haben, bis die Franzmänner genervt aufgegeben haben. Die vielen Weißen, Inder und Afrikaner haben ein buntes kreolisches Volk hervorgebracht, deren offizielle Landessprache englisch ist. Spricht aber kaum einer wirklich gerne. Die höheren Schichten bevorzugen Französisch und 95% der Einwohner unterhalten sich in Kreolisch, was auch ein bisschen französisch klingt. Seit 1989 ist die Insel eine selbstständige Republik. So, ich hoffe, ich habe mir das alles richtig gemerkt. Falls Ihr Fehler findet, könnt Ihr sie gerne behalten.
Wir zwei haben dann unsere Hotelanlage zu Fuß verlassen und sind nach Grand Baie gelaufen. Das klingt sehr sportlich, ist aber nur 10 Minuten weit. Grand Baie klingt auch größer als es ist. Selbst die Hugenottenstraße in Friedrichsdorf ist um Einiges länger. Aber es ist definitiv mehr los. Ein Restaurant, eine Kneipe reiht sich an die andere und dazwischen ist immer noch Platz für viele Mode- und Schmuckgeschäfte. Sogar zwei Einkaufszentren haben wir in einer der wenigen Nebenstraßen gefunden. Wir kehren in einer gemütlichen Hofkneipe („Cocoloko“) auf ein Bier ein und genießen die nette ortstypische Musik, die dezent im Hintergrund läuft. Selbstverständlich gibt es hier Wireless Lan und ich nehme mir vor, beim nächsten Upload dieser Posts dem Hotel kein weiteres Geld mehr in den Rachen zu schmeißen. Leicht angetüdelt wandern wir weiter durch die Straßen von Grand Baie. Der Ort liegt direkt an einem öffentlichen Strand, an dem riesige Mangobäume Schatten spenden. Unser Mittagessen nehmen wir in einem rustikalen Restaurant direkt am Meer ein. Es gibt Chicken Curry für mich und irgendwelchen Fischkram für Dagmar. Herrlich.
Das Cocoloko
Ermattet laufen wir wieder nach Hause, diesmal noch kürzer direkt am Meer entlang. Dagmar legt sich eine Runde aus Ohr und tippe endlich diesen heutigen Blog fertig. Nachher gehen wir nochmal ins Meer.
Ob das klappt und was sonst heute noch so passieren wird, erfahrt Ihr morgen oder irgendwann.
Ich könnte jetzt schon wieder ein Bier vertragen…

Mittwoch, der 5. Januar 2011
Das Nachtleben von Grand Baie

Nach der Erkundung der großen Stadt „Grand Baie“, die vielleicht 10.000 Einwohner hat (inklusive der Touristen!), gehen wir ins Wasser. Zunächst in den Pool, dann auf Bitte Dagmars auch ins Meer. Daggi findet das Meer nämlich viel sauberer als den Pool. Ich sehe das anders. Ich sehe noch nicht mal meine Füße, als ich bis zum Bauch drin stehe. Kein Wunder, wir baden ja auch in einer Brühe, durch die täglich hunderte von Motorbooten tuckern. Ich will nicht unbedingt behaupten, dass das Meer nach fauligem Brackwasser stinkt, aber unter „sauber“ stelle ich mir was Anderes vor. Z.B. das Wasser der Dusche, die uns wieder von Salz und Dreck befreit.
Wir faulenzen uns so durch den Nachmittag und ziehen uns dann für das Abendessen um. Ist hier Pflicht; in Shorts bekommt man nichts zu essen. Es wird wieder reichlich aufgefahren, aber wirklich lecker sind nur wenige Speisen. Wir bleiben mal wieder an einem WOK-Gericht hängen und essen Obst zum Nachtisch. Die musikalische Untermalung kommt diesmal aus Indien. Ravi Shankars Enkel geben sich die Ehre und quälen ihre Sitars. Der verantwortliche Musikplaner des Hotels hat irgendwie kein gutes Händchen. Nachmittags am Pool läuft zwar dezent ganz angenehme Pop-Musik von einer CD, aber warum jeder Titel grundsätzlich dreimal hintereinander läuft, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Ich kenne auch gar keinen CD-Player, bei dem man einstellen kann, wie oft jeder Titel wiederholt werden soll. Hier ist das aber der Fall – und zwar immer und grundsätzlich.
Nach dem Essen laufen wir wieder am Strand entlang zurück in die Kneipe, die wir schon am Mittag besucht haben. Inzwischen ist es gerammelt voll und wir setzen uns direkt an die Bar. Der Weißwein schmeckt ein bisschen nach Sprit, was sich durch Verdünnen mit Eiswürfeln einigermaßen verschleiern lässt. Das Wireless Lan ist kostenlos und viel schneller als im Hotel. Ich kann sogar einen Videoclip runterladen, den mir Nobi geschickt hat. Danke, wir haben sehr gelacht!
In dem Laden läuft sehr angenehme Trance-Musik á la Café del Mar und der Wein schmeckt immer besser. Als eine der vielen Flaschen, die dort an dem Abend geöffnet werden, verkorkt ist, werden die Getränke fein säuberlich in die Flasche zurückgekippt – zwecks Reklamation beim Lieferanten.
Die nächste Flasche ist wieder OK. Vielleicht auch nicht, denn der frühe Morgen beschert mir doch recht intensive Kopfschmerzen.
Bis zum Aufstehen um neun bin ich aber wieder auf dem Damm. Irgendwie wird im Moment alles zur Routine: Aufstehen – Frühstücken – Blog schreiben – schwimmen – lesen. Als wäre ich im Urlaub. Ich könnte bei der Wassergymnastik im Pool mitmachen, aber da würde ich als Jüngster ja nur unangenehm auffallen. Daggi döst vor sich hin und lässt sich fein braun brutzeln. Und damit klappe ich Kapitel sieben zu.
Klapp.
Und gleich wieder auf.
Klapp.
Kaum, dass ich die letzten Zeilen geschrieben habe, verdunkelt sich der Himmel. Aus vereinzelten Regentropfen wird ein Tropensturm, der sich gewaschen hat. An Schwimmen oder Sonnen ist natürlich jetzt nicht mehr zu denken. 30 Minuten lang tobt der Himmel, dann klart es sich genau so schnell wieder auf wie es sich verdunkelt hat.
Sun is shining. Ein paar Runden durch den Pool und ein paar Minuten Rückenmassage im Jakuzzi oder wie das Ding heißt. Dann ist es schon wieder ein Uhr mittags. Daggi geht sich duschen, ich mache mich stadtfein – und wenn es nicht gleich noch mal donnert, laufen wir endlich in die kleine Metropole.

Donnerstag, der 6. Januar 2011
Der Süden – komplett

Sieben Uhr morgens. Höchste Zeit, für unsere erste Tour auf dieser Insel aus den Federn zu springen. Von gestern gibt es nichts Besonderes mehr zu berichten. Höchstens, dass wir uns darauf geeinigt haben, die Halbpension nicht mehr so häufig in Anspruch zu nehmen. Das musikalische Angebot des Hotels ist auch alles Andere als ein „Must have“, so dass wir gestern Abend auf unserer Terrasse saßen, ein Fläschlein australischen Chardonnays verdrückten und unsere Musik aus dem iPad kam. Geniale Musikauswahl. Wer das wohl wieder zusammengestellt hat…

Auf unserer Terrasse
Doch nun zum großen Ausflug.  Der Tourbus kommt mit leichter Verspätung – und zu meiner großen Überraschung sitzt da drin schon ein Pärchen, mit dem ich am Sonntag morgen vom Flughafen ins Hotel gefahren bin. Er ist ein jovialer Immobilienkaufmann aus Bad Vilbel und seine Frau/Freundin; eine Schneiderin für Hochzeits- und Abendkleider aus Polen. Vor dem eigentlichen Start der Tour musste noch ein weiteres Pärchen abgeholt werden. Zu Dagmars großer Überraschung handelt es sich um ein Pärchen, mit dem sie am Dienstag morgen vom Flughafen ins Hotel gefahren ist. Die Insel ist halt doch ziemlich klein. Beide hörbar aus Sachsen. Das dritte Pärchen kommt aus Luxembourg. In Port Louis, der Hauptstadt der Insel, steigt dann auch unsere Tourleiterin zu. Eine mollige 50-jährige mit sehr guten Deutschkenntnissen und nur einem Fehler: Sie kann den Mund nicht halten. Was sie uns alles in den insgesamt sechs Stunden erzählt, hat nur zu 10% mit der Insel oder deren Sehenswürdigkeiten zu tun. Wir wissen nun alles über ihre Ehe (geschiedener Mann, inzwischen gestorben), ihre Kinder (Junge 18, Mädchen 17), deren Erziehungsprobleme (reicht der Platz nicht), ihr Gehalt (umgerechnet 150.- Euro im Monat), ihre Ängste und Sorgen, ihre Altersvorsorge und und und… Mit diesen ganzen Informationen müsste ich in der Lage sein, einen sozialkritischen Roman über das Leben im vermeintlichen Paradies zu verfassen. Dass sie mehrmals erwähnt, dass sie verrückt sei, bleibt von allen Teilnehmern unwidersprochen. Außer von uns bekommt sie auch kein Trinkgeld (was ich auch eher als Schweigegeld betrachtet habe).
Doch nun zu den Sehenswürdigkeiten im Süden dieser wunderschönen Insel. (Ich muss das alles immer wieder mal betonen, sonst denkt ihr, mein Gemecker müsse negativ bewertet werden. Alles ist schön: Das Hotel, die riesengroßen Pools, die Zimmer. Die Natur ist einzigartig, die Menschen sind extrem freundlich und man fühlt sich sicherer als irgendwo sonst auf dieser Erde – soweit ich das bisher beurteilen kann. Mein Kritik besteht nur aus Beobachtungen, die Raum zur Optimierung bieten. Wie im Hotel z.B. das Buffett oder die musikalische Berieselung.)
Als erstes besuchen wir eine Werkstatt für Holzspielzeug, um das mal etwas despektierlich zu sagen. Tatsächlich werden hier Schiffsmodelle aus Holz in wochenlanger Handarbeit angefertigt, die so wunderschön aussehen, dass man sie sich gerne ins Wohnzimmer stellen würde – wenn man darauf steht. Bei mir passt die Titanic oder die Gorch Fock leider nicht rein. Außerdem werden hier Flugzeuge aus Holz gebastelt (Daggi hätte sich beinahe eine Boing 727 gekauft). Die Preise sind für diese Wahnsinnsfummelei moderat: Ein großes Schiff (ca. 70 cm lang) bekommt man schon für 105.- Euro. Passt leider nicht in den Koffer und bleibt somit vor Ort.
Direkt gegenüber hat ein gewisser Hugo Boss seinen Laden. Hier gibt es alles, was das Modeherz begehrt, zum deutlich günstigeren Preis als auf der Frankfurter Zeil, was wohl auch daran liegt, dass die ganzen Sachen hier hergestellt werden. Allerdings sind die Dinge nicht so billig, wie man es vielleicht erwarten könnte. Leider haben wir nicht genug Zeit, uns gründlich umzusehen. Dazu müssen wir wohl noch ein zweites Mal nach Port Louis fahren.
Weiter fährt der Bus durch die morgendliche Rushhour gen Süden. Wir fahren an einer Villa vorbei, die angeblich dem Besitzer von Coca Cola gehört. Noch interessanter ist, dass der Besitzer von Pepsi-Cola gleich nebenan wohnt. Falls der geneigte Leser unter diesen Umständen selbst mit dem Gedanken spielt, sich hier häuslich niederzulassen, dem seien einige Voraussetzungen verkündet: So darf man nur hierher ziehen, wenn man mit seinem eigenen Geld im Land investiert. Sollte man einen Mauritier oder eine Mauritierin heiraten, darf man auch ins Land. Wenn sich die Ehe aber als glücklos erweisen sollte, muss man spätestens zwei Jahre nach der Scheidung das Land wieder verlassen haben. Die sozialen Unterschiede sind hier noch um einiges größer als bei uns. Das gesamt Geld der Insel befindet sich in gerade mal 15 Familien. Wenn ein Mitglied dieser Familie jemanden heiraten will, der nicht diesem Stande angehört, wird er enterbt, was letztendlich die Inzucht nicht unerheblich fördert.
Weiter mit der Tour. Mauritius ist irgendwann mal aus einem Vulkan entstanden. Reunion, die Nachbarinsel hängt da auch irgendwie unterirdisch mit drin. Alle Vulkane sind inzwischen erloschen und da liegt es nahe, uns Touristen mal in den Schlund eines solchen Ungetüms blicken zu lassen. Hübsch, sehr hübsch.
Weiter geht’s zu einem monumentalen Hindu-Denkmal. Eine Menge Götter und ihre Geschichten werden uns erklärt – das ist alles ein bisschen kompliziert zu verstehen und soll hier nicht weiter vertieft werden. Interessant ist vielleicht, dass in dem See am Tempel unglaublich viele Aale unglaublich viel Weißbrot fressen, dass von unglaublich vielen Touristen da rein geworfen wird.
Götter ohne Ende
Apropop Wasser: Das Trinkwasser der Insel kommt aus diversen Bergseen, die den häufigen Regen einfangen. Es ist derzeit nicht nur Zyklon-Zeit, sondern auch Regenzeit, was wir an den ständigen kleinen und großen Schauern merken, die uns auf der Tour begleiten. Trotzdem fehlt Wasser. Die Seen sind schon zur Hälfte ausgetrocknet. 1999 soll es so schlimm gewesen sein, dass selbst Touristen nur zwei Liter Wasser am Tag verbrauchen durften. Beschließe spontan, den Trinkwasserverbrauch deutlich zu reduzieren und nur noch Cocktails zu trinken.
Inzwischen ist es 12 Uhr mittags geworden und wir laufen zur im Tourpreis inbegriffenen Mittagsmahlzeit ein. Ein sehr schönes, sehr großes Holz-Restaurant mitten in den Bergen. Chirac war schon hier, Prinz Edward aus dem Buckingham-Palace und jetzt wir. Eine würdige Entwicklung. Auch hier hat man sich auf ein Buffett spezialisiert. Ein Buffett allerdings, dass sehr viele unterschiedliche Speisen bietet, die allesamt supergut schmecken und die wir hier in der Einöde auch gar nicht erwartet haben. Bis auf das Problem, dass die Dame aus Sachsen die Chilipaste vielleicht nicht mit dem großen Löffel hätte essen sollen, ist alles ganz harmonisch. In den wenigen Kaupausen, die uns unsere Führerin lässt, können wir uns auch untereinander ein bisschen näher kommen. Und wir machen den ersten Kontakt mit weiteren Geschöpfen dieser Insel: Fast jeder fängt sich ein paar Mückenstiche ein. Fast wie im Dschungelcamp – nur ohne Maden
Aber schon nach etwa 30 Minuten geht die Tour weiter. Jetzt geht es in das Naturschutzgebiet von Mauritius. Früher bestand die Insel ja zu 100% aus Wäldern. Jetzt sind es angeblich nur noch 10% und die müssen natürlich geschützt werden. Erste Station: Der Wasserfall. Ein bisschen mickrig, wenn man schon mal den Niagara-Fall gesehen hat, aber immerhin auch echt. Der einsetzende Regen hat alle Mücken dieser Erde hierher gelockt, so dass ich es vorziehe, im Bus zu bleiben. Außerdem fängt es an zu hageln. Dagmar kämpft sich tapfer durch und wird auch kaum nass, da die Bäume den Regen doch sehr abhalten. Zweite Station: Die sieben Farben. Wenn man weiß, dass ein PC im Schnitt 16,8 Millionen Farben darstellen kann, haut einen das nicht um, aber es handelt sich hier um sieben verschiedene Farben von Erde, die aufgrund unterschiedlicher Materialzusammensetzungen und diverser Oxidationsprozesse eben diese sieben verschiedenen Farben angenommen haben. Klauen der Erde ist verboten. Ich wüsste auch nicht, was ich damit anfangen sollte. Man bekommt sie sowieso an jedem Andenkenstand, wobei ich zu bedenken gebe, dass es sich dabei um Fälschungen handeln könnte.
Könnte auch mal ´ne Faltencreme gebrauchen: 250-jährige Schildkröte
Letzte Station: Uralte Schildkröten. Papa und Mama sind so um die 250 Jahre alt und die Kinder (die sich im Dreck wälzen, wie es sich für Kinder gehört) sind auch schon um die siebzig. Bevor ich beginne, Vergleiche der Schildkrötenhaut mit der Haut anwesender Tourteilnehmer durchzuführen, schlurfe ich lieber wieder in den Bus. Das war´s, weitere Besichtigungen verbieten sich schon alleine aufgrund des einsetzenden Tropensturms. Die Rückfahrt ins Hotel dauert dann fast noch zwei Stunden und wir sind ziemlich K.O.
Das Abendprogramm sieht Hummeressen vor. Mal sehen, was daraus wird…

Samstag, der 8. Januar 2011
Der Hummer war der Hammer

Auch wenn das der Hummer vermutlich anders sieht: aber unser Hummeressen ist wirklich klasse. Zwei Riesenviecher mit vier Soßen, Gemüse, Salaten und Reis. So alle paar Jahre muss man sich das mal leisten. Dies ist erst mein dritter Hummer am Stück; Daggi hatte schon öfter Gelegenheit, sich diese Biester einzuverleiben. Nach dem Festessen gehen wir noch in unsere WLAN-Kneipe „Cocoloko“ und aktualisieren unseren Maileingang. Gegen Mitternacht Heia.
Über den heutigen Freitag lässt sich zunächst nicht viel berichten. Nach dem Frühstück mache ich es mir in unserem Bad gemütlich, schließe das Mikrophon an und spreche die aktuellen Ansagen für Antenne Brandenburg. Das Bad hat nämlich die beste Akustik in unserem Apartment. Die Aufnahmen klingen im Kopfhörer ausgezeichnet, sodass ich ab sofort hier auch Aufträge annehmen kann. Wir sind ja schließlich nicht zum Vergnügen hier…
Dann ist Pooltime. Die Poolgymnastik lassen wir aus. Stattdessen traue ich mich ein weiteres Mal ins Meer, in dieses wunderbare, supersaubere Wasser. (Ihr seht, ich lerne schnell…) Meine Füße kann ich immer noch nicht sehen, aber das wird vielleicht an meinen Augen liegen…
Dann ein bisschen relaxen, lesen, rumtrödeln, schwätzen und schatzen. Es ist verdammt heiß heute. Wer immer behauptet hat, auf Mauritius wären es immer zwischen 28 und 30 Grad, hat großen Stuss erzählt. Unsere gestrige Reiseleiterin sagte, es kann im Winter bis zu sieben Grad kalt werden und im Hochsommer sogar weit über 40 Grad. Im Schatten. Den sollte man demzufolge meiden.
Heute sind es gute dreißig Grad. OK, Ihr da in Deutschland, ich habe heute einige Facebook-Meldungen mit den aktuellen Temperaturen von Euch gelesen. Bitte seid nicht neidisch, aber heißer als heute sollte es bitteschön nicht mehr werden. Allein die 400 Meter einmal rund ums Hotel auf der Suche nach einer alternativen Futterquelle ( – die es nicht gibt – ), kosten uns die letzten Kräfte. Wir essen also im Hotel „A la carte“. Für Dagmars Salat und meinen Clubsandwich braucht die Küche geschlagene 45 Minuten. Wird wohl an der Hitze liegen.
Völlig geplättet legen wir erstmal eine Mittagspause ein. Gerade im schönsten Tiefschlaf wecken uns die Zimmermädchen. Also raus aus der Kiste und ab ins „Cocoloko“ und mit Kaffee und Fruchtsäften die Lebensgeister reanimiert. Denn unser Tagesziel heißt „PORT LOUIS“, die Hauptstadt der Insel. Weil wir beide ja recht selbstständige Menschen sind, verzichten wir auf den Luxus einer geführten Profitour und nehmen den Bus. Aus dem ersten Bus müssen wir gleich wieder aussteigen, weil der in die falsche Richtung fährt. Aber der zweite alte Klapperkasten der Marke British Leyland (früher sagte man immer „British Elend“, haha) bringt uns in etwa 70 Minuten in die zwanzig Kilometer entfernte Metropole. Auf Stoßdämpfer hat man in diesem Modell verzichtet, so dass jeder Hubbel auf der Straße zu einer Zerreißprobe für meine Bandscheiben wird. Daggi macht´s nix aus. In meinem nächsten Leben werde ich auch sportlich.
Von der Stadt selbst sehen wir gar nicht sonderlich viel. Vom Busbahnhof laufen wir bis zum Postmuseum, um uns die „Blaue Mauritius“ anzusehen. Diese berühmte Briefmarke gibt’s nur ein paarmal auf der Welt. Berühmt ist sie nur deshalb, weil sie ein Fehldruck ist. Gefehlt haben wir auch in der Annahme, dass dieses Briefmarkenjunkiehighlight einfach so zu besichtigen wäre. Es ist gerade mal zwanzig Minuten nach 17.00 Uhr – und das Museum hat geschlossen. Na ja, denken wir, wenn wir schon mal hier sind, schauen wir uns eben diese großartigen Einkaufspassagen an, die man hier direkt am Hafen neu erbaut hat. Die Namen der berühmtesten Modeschöpfer reihen sich Geschäft für Geschäft auf – alleine kaufen kann man nichts. Es ist 17.30 Uhr und die Läden sind zu. Nochmal zum Mitschreiben: ES IST FREITAG ABEND UM 17:30 UND DIE LÄDEN SIND ZU!!!!! Fast alle. Irgendwelchen Billigkrempel bekommt man auch jetzt noch vereinzelt.
Das ist für uns irgendwie schwer zu verstehen. Da beträgt der durchschnittliche Monatslohn also nur umgerechnet 7,50 am Tag und dann schließen sie die Läden schon um 16.00 Uhr zu. (Ja, genau: 16:00 Uhr ist die offizielle Ladenschlusszeit!). Obwohl, eigentlich macht es ja Sinn. Wenn man erst um 16.00 Uhr Feierabend hat, kann man das mühsam verdiente Geld dann wenigstens auch nicht mehr ausgeben. Kaufen können sowieso nur die Touristen oder die 15 reichen Familien mit ihren Clans. (Unsere Reiseleiterin: „Oben wohnen die Reichen, unten die Bunten.“)
Wir zählen uns weder zu den Reichen ( – alles ist relativ – ) und auch nicht zu den Bunten, obwohl wir inzwischen deutliche Schäden durch Sonneneinwirkung zu verzeichnen haben, aber wir wollen den Abend in Port Louis doch wenigstens mit einem schönen Abendessen beenden. Es ist noch ein bisschen früh für die Speisekarte, aber für ein Pint Bier in einem sogenannten „PUB“ passt die Uhrzeit feinstens. Auch hier wieder problemloses, kostenloses Internet für alle. Warum gibt´s sowas bei uns immer noch nicht?
Rund um das geschlossene Einkaufszentrum befinden sich Dutzende von FastFood-Restaurants und Kneipen. Sogar ein Spielcasino lacht uns an, hat aber beileibe nicht das Flair der „Mutter von Monte Carlo“, also der Bad Homburger Spielbank. Da wir keinen Bock auf FAST FOOD haben, landen wir nach langer Suche auf einem Schiff. Es ist ein italienisches Restaurant namens „Mamma Italia“, das sehr romantisch im Hafen verankert ist. Man sitzt im Freien – unter Baldachinen – und hört feine Musik, während das traumhafte Personal die lukullischen Kostbarkeiten anschmort, auf die man schon seit zehn Jahren wartet. Hatten wir uns jedenfalls so vorgestellt. Es kam ein bisschen anders. Die Flasche Rosé-Wein, die ich leichtsinnigerweise geordert hatte („Bei dem Preis kann man nichts falsch machen!“) entpuppte sich als klebrige Süßspeise mit Spritgeschmack. Nur durch Verdünnen mit Perrier (die Flasche zu 10 Euro) und der Zugabe von Eiswürfeln und Zitronenscheiben ließ sich diese Plörre runterschlucken. Vermutlich ist das die erste Flasche Wein, die ich nicht ausgetrunken habe.
Nun denn, wir wollten ja nicht unhöflich sein und haben uns sehr auf das Essen gefreut. Die Melone mit Schinken war auch allerfeinst. Ich war fast schon wieder guter Laune. Dann aber kamen die Hauptgerichte. Daggi hatte vier gekochte Rindfleischscheiben mit Tomatensoße. Und vier Scheiben Baguette. Sonst nichts. Kein Gemüse, kein Salat, keine Kartoffeln, Reis oder sonstige „Sättigungsbeilagen“. Nur Fleisch mit Brot. Mein „Saltimbuco Romana“ entpuppte sich als vier Scheiben gekochte Rindfleischscheiben mit einer Schicht Kochkäse und zerstückelten Formschinkenscheiben obendrauf, garniert von sieben (!) Scheiben Baguette und einer geraspelten Möhre. Wir haben das Essen abgebrochen und sind geflohen. Wenn die Mafia hier Fuß fassen will, muss sie erst mal ein paar gescheite Köche herschicken.
Port Louis
Auf dem Weg zum Taxistand läuft mir eine Fastfood-Kellnerin mit gebratenen Nudeln über den Weg. Vollbremsung, Bestellung, Verputzung. Bin jetzt endlich satt.
Das Taxi nach Hause ist auch so ein Abenteuer. Das japanische Gefährt unseres Chauffeurs dürfte so in den sechziger Jahren zugelassen worden sein. Es funktionieren weder eine Instrumentenbeleuchtung noch die Instrumente selbst; das Licht der Scheinwerfer erhellt eher den Himmel denn die Fahrbahn, der Auspuff ist löchriger als die Innenverkleidung und die fehlenden Stoßdämpfer harmonieren mit der durchgesessenen Rückbank auf das Vorzüglichste. Der Zustand des Fahrzeugs zwingt unseren Fahrer daher, sehr vorsichtig zu chauffieren, sodass sich unsere Angst in Grenzen hält.
Daggis Angst wird dann nur durch die KARAOKE-Party im Hotel geweckt. Ich war nämlich mal wieder fast so weit, „Yesterday“ von den Beatles vorzutragen. Zum Glück gibt es dafür kein Playback. Also setzen wir uns noch ein bisschen auf die Terrasse an unserem Apartment. Daggi liest, ich schreib diese Zeilen und jetzt wird es höchste Zeit für einen Turboschlaf: Um fünf Uhr klingelt der Wecker, weil wir partout Delfine sehen wollen.

Samstag, der 10. Januar 2011
Der Tag am Meer

Während sich in Deutschland langsam die Discotheken füllen, klingelt bei uns der Wecker. Wir haben heute eine Verabredung mit echten Delphinen. Kurz vor sechs erhalten wir ein rudimentäres Frühstück. Dabei stellt sich heraus, warum der Kaffee hier so gruselig schmeckt: Es handelt sich um Nescafé! Und das, obwohl die afrikanischen Kaffeeplantagen gar nicht weit weg sind. Kurz nach sechs holt uns ein sehr redseliger Fahrer ab. Wie immer geht es um Politik, die unfähige Regierung, den Beschiss im Allgemeinen und das eigene Elend im Besonderen. Wir fahren wieder in den Süden, durch Port Louis durch bis nach Tamarin. Es herrscht noch relativ wenig Verkehr und unser Fahrer heizt durch die Gegend, dass einem Angst und bange werden kann. Gegen halb acht kommen wir am Startpunkt der Reise an. Rund zwei Dutzend Bootseigner teilen sich die Kundschaft auf. Die kleinen Motorboote fassen jeweils 5-10 Personen. Wir sind zu neunt, darunter eine Familie aus „Capetown“, also Kapstadt und zwei weitere Südafrikaner aus Durban. Sie ist etwa 21, sehr hübsch und ein bisschen arrogant und Er dürfte etwa vier bis fünf Jahre älter sein, auch sehr hübsch, aber mit nur einem Bein. Stattdessen baumelt eine Metallprothese am Kniestumpf des rechten Beines. Vermutlich ein Motorradunfall. Die beiden Crewmitglieder tragen ihn an Bord, weil seine Prothese nicht nass werden darf.
Undressierte, echte Delphine auf der Flucht vor Touristen
Und los geht’s! Mit zwei mal 75 PS jagt das Boot durch die Wellen. Nach ein paar Minuten stoppt unser korpulenter Fahrer die Maschinen und wir pirschen uns langsam in die Nähe vieler anderer Boote, die alle dasselbe suchen: Delphine. Und plötzlich sehen wir sie: etwa 4-5 relativ kleine Flipper pflügen durch die Wellen. Dann sind sie wieder weg. Unser Fahrer gibt wieder Vollgas und steuert eine weitere Bootsgruppe an. Hier lohnt sich´s schon eher. Etwa 30-40 Delphine tauchen regelmäßig auf, um Luft zu holen. Nun dürfen wir von Bord, um die Tiere von ganz Nahem zu erleben. Anfassen ist aber verboten. Nach und nach gehen einige der Tourteilnehmer ins Wasser. Aus Sicherheitsgründen führen sie einen Ballon mit, auf dem „Diver under water!“ steht, damit sie nicht von den anderen Booten überfahren werden, was wohl des öfteren vorkommt und auch mal tödlich enden kann. Wieder an Bord, schwärmen die Schnorchler von den tollen Eindrücken, müssen aber zugeben, dass die Delphine doch um Einiges schneller sind als wir Menschen. Kurzum: Kaum sind wir im Wasser, sind die lieblichen Meeressäuger auch schon wieder weg. Und damit beginnt ein etwa einstündiges Katz- und Mausspiel. Unser Fahrer sichtet irgendwo Delphine, fährt ein Stück außen rum und lässt seine Gäste just in dem Moment ins Wasser platschen, wenn die Viecher vorbei geschwommen kommen. Auch unser Einbeiniger geht ins Wasser. Dazu nimmt er die komplette Prothese ab und humpelt auf einem Bein an den Bootsrand. Er braucht verständlicherweise nur eine Flosse. Im Wasser kann er sich ebenso geschickt bewegen wie alle anderen.
Irgendwann fragt man Dagmar und mich, warum wir nicht ins Wasser wollen. Dagmar will nicht, weil sie vor den vielen Booten Angst hat und ich kann nicht, weil meine Badehose in Dagmars Rucksack steckt. Umziehen vor all den Leuten ist nicht drin – also bleibe ich an Bord und beobachte das Ganze aus sicherer Entfernung. Irgendwie habe ich da am Morgen falsch geschaltet. Eigentlich hätte ich in Badesachen losfahren sollen und mich erst am Ende wieder anziehen wollen. Aber morgens um halb sechs ist die Welt bei mir eben noch nicht in Ordnung…
Inzwischen ist es neun Uhr und wir fahren weiter. Diesmal stoppt das Schiff, um uns das Schnorcheln zu ermöglichen. Viele bunte Fische gibt es zu sehen und alle – außer mir – sind im Wasser, um sich das bunte Treiben anzusehen. Endlich kann ich mal meine Unterwasserkamera ausprobieren. Daggi filmt etwa 30 Sekunden unter Wasser, nimmt aber leider den Finger nicht von der Linse, so dass die cineastische Ausbeute eher gering ist. Immerhin ist die Kamera immer noch dicht. Auch hier wird es nach einer knappen Stunde langweilig und wir fahren daher an die Anlegestelle zurück. Hier wechseln wir das Boot, um nun als Nächstes eine unbewohnte Insel aufzusuchen. Unser neues Boot ist ein Schlauchboot, das ebenfalls mit zwei 75-PS-Außenbordern angetrieben wird. Die etwa zehnminütige Fahrt wird durch einen Stop an einem Korallenfelsen unterbrochen, auf dem ein Weihnachtsbaum geschmückt wurde. Warum nicht. Andere Länder, andere Sitten. Dann rast das Boot weiter, ohne die geringsten Rücksichten auf unsere Bandscheiben zu nehmen, die auch hier wieder fürchterlich leiden müssen.
Koralle, Koralle!
Das Grillfest auf der Insel wird dann der Höhepunkt des Tages. Außer uns haben auch noch Dutzende andere Boote angelegt. Zu jeder Reisegruppe gehört ein eigener, überdachter Platz mit einem Tisch in der Mitte und Baumstämmen ringsherum als Sitzplätze. Kaum an Land, werden wir von den üblichen Strandverkäufern umringt. Daggi findet ein sehr schönes Tuch, das man sich sehr clever zusammenknoten kann, um es als Kleid oder Umhang zu benutzen. Die Verkäuferin führt das beeindruckend freundlich direkt auf Dagmars Körper vor. Das Tuch kostet nur 240 Rupien, das sind gerade mal sechs Euro. Da lohnt sich das Handeln nicht. Ich gebe 250 und bekomme sogar die zehn Rupien Wechselgeld zurück, die ich gar nicht haben will. Und danach lassen uns die Verkäufer auch völlig in Ruhe. Wer noch was kaufen will, muss sich selbst auf die Suche machen. Unsere Gruppe ist inzwischen neu zusammengewürfelt worden. Ein etwa 75-jähriger Italiener mit seiner kreolischen Frau indischer Abstammung, deren Sohn und Schwiegertochter sowie zwei Kindern um die sechs Jahre stellt die größte Personengruppe. Zwei französische Paare sowie eine weitere kreolische Familie komplettieren unseren Rastplatz. Es wird langsam unerträglich heiß und ich beschließe, nun endlich meine Badesachen anzuziehen. Es hängt vielleicht auch ursächlich damit zusammen, dass die Crew uns einige kühle Getränke, darunter auch BIER und WEIN auf den Tisch gestellt hat. Ihr glaubt nicht, wie toll so ein eiskaltes Bier morgens um elf schmeckt, wenn einem die Sonne auf den Schädel brummt. Das Umziehen wird dann sehr schmerzhaft, denn meine Schuhe sind noch in einem Korb auf dem Schiff und der Weg ins Unterholz ist steinig und dornig. Und heiß. Sehr heiß. Sehr, seeeehr heiß. Nach ein paar Metern ist es mir plötzlich egal, ob mir die halbe Insel auf den entblößten Allerwertesten glotzt.
Und jetzt kann ich endlich auch ins Wasser! Das Meer ist trotz der Motorboot-Armada sehr sauber – ich kann sogar meine Füße sehen! Kaum wieder an Land, beginnt die Grillparty erst richtig. Unsere Crew hat mittlerweile in zweiter Reihe einen Grill aufgebaut und ein paar Köstlichkeiten vorbereitet. Das Ganze ist wirklich perfekt organisiert. Je nach Geldbörse sind die Grillstände unterschiedlich luxuriös eingerichtet. Eine etwas größere Gruppe hat sogar richtige Stühle und Tische, eine Liveband und einen Grill, auf dem einige Hummer ihr Leben lassen. Bei uns gibt’s erstmal Grillspieße mit Krabben, Thunfisch, Champignons, Mais und Paprika. Einfach lecker. Bis zum Hauptgang dauert es noch eine Weile. Wir haben also Zeit, uns etwas näher zu kommen, was uns aufgrund der zunehmenden Alkoholwirkung auch recht schnell gelingt. Nach einem weiteren erfrischenden Bad kommt der Hauptgang: Krautsalat mit diversen Dressings, gegrilltes Hühnerfleisch und gegrillter Fisch sowie gegrillte Hot Dogs. Von Allem ist mehr als genug da und wir öffnen schon bald die dritte, kalte Flasche Weißwein. Unser alter Italiener ist voll in seinem Element. „Berlusconi ist tot“ ruft er laut (- auf italienisch natürlich -), als eine mit ihm wohl befreundete Italienerin aus einer anderen Gruppe vorbei läuft und sich halb tot lacht über seinen Witz. Die Stimmung ist prächtig.
Picnic am Strand
So gegen 14.00 Uhr geht es wieder zurück. Auf dem Rückweg passieren wir mal wieder eine Bootsgruppe. Es dürften Hunderte von Booten sein. Es ist die größte Bootsparty des Kontinents, wie uns erklärt wird. Findet jeden Samstag hier statt. Also warum weiterfahren? Feiern wir doch einfach ein bisschen mit. Das Schiff kettet sich an eine etwas größere Jacht, auf der eine Menge junger Leute trinken und tanzen. Die Musik kommt unmittelbar neben uns von einem Schiff mit echtem DJ, der Technomusik vom Feinsten über das Meer bläst. Auch wenn das nur Wenige verstehen, bin ich ja ein echter Fan gut gemachter Technomusik – und die hier ist einfach hervorragend. Klingt so, als wäre sie in Frankfurt produziert worden. Dagmar springt ins Wasser und fürchtet sich plötzlich kein bisschen mehr vor den vielen anderen Booten. Ich will hinterher, aber da kommt schon der Befehl unseres „Captains“, dass wir jetzt wieder zurück müssen.
Technoparty im Meer
Viel zu früh verlassen wir also die Party (auf der wir ohnehin nichts zu Trinken bekommen haben) und donnern mit 150 PS zurück in den Hafen. Hier wartet schon unser Fahrer auf uns, derselbe vom Morgen. Seine Sorgen sind noch größer geworden, sein Redeschwall will nicht abebben, obwohl Dagmar und ich wirklich hundemüde sind. Wir erfahren, dass sein Sohn nicht bereit ist, nach der Schule auf den Feldern zu arbeiten – wie fast alle in seinem Alter. Also wird man Hilfsarbeiter aus Madagaskar oder Indien einführen müssen. Das passt ihm alles gar nicht. Schon zu viele Firmen würden ausschließlich mit eigenem, importiertem Personal arbeiten, was zu höherer Arbeitslosigkeit führen würde. Und nicht stimmt, denn es gibt viel zu tun. Mauritius will die Zahl von derzeit einer Million Touristen pro Jahr recht bald verdoppeln. Dafür werden eine Unmenge neuer Hotels gebaut. Die angeblich so unfähige Regierung baut Dutzende von neuen, schnellen Straßen. Es sickert immer wieder durch, dass Korruption hier wohl ein ernst zu nehmendes Thema ist. Die hohen Benzinkosten machen ihm das Leben schwer; ein neues Taxi kostet mehr als ein eigenes Haus, sagt er.
Ich verstehe seine Wut nicht wirklich, denn offensichtlich verstehen sich die über 50 verschiedenen Nationen, die hier miteinander arbeiten, trotz der 5-6 Hauptreligionen doch bestens. Weder sehen wir am Abend randalierende Jugendliche noch fürchten wir uns vor den überall rumsitzenden Männern, die man eher zur Unterschicht zählen muss. Im Gegenteil, alle haben ein freundliches „Bon Soir“ auf den Lippen, wenn man vorbeigeht. Wenn jemand neidisch auf mein Airbook schaut, dann ist das bestimmt kein Einheimischer, sondern ein Tourist. IT-Technik wird auf Madagaskar stark gefördert und der Handel mit chinesischer Hi-Tech-Ware macht einen großen Umfang des Bruttosozialproduktes aus. Die Zuckerrohrernte bringt zwar immer noch das meiste Geld, führt aber auch dazu, dass ein Viertel aller Inselbewohner mittlerweile an einer damit zusammenhängenden Diabetes leiden. Wie heißt es so schön in einem Schlager von Roy Black aus den fünfziger Jahren? „Du kannst nicht alles haben, das Glück, den Sonnenschein…“
Hier hat man schon nahezu alles.
Nach eineinhalb Stunden schwatzhafter Fahrt sind wir wieder im Hotel. Ich muss noch schnell was aufnehmen, während Daggi am Pool ein bisschen vor sich hin döst. Kurz vor sechs laufen wir dann – am Meer entlang – wieder nach Grand Baie. In „unserem“ Club ist noch Happy Hour. Ein Liter Bier für 120 Rupien = 3 Euro. Wir checken unsere Mails, ich schicke die Sprachaufnahme nach Hause und ruckzuck ist es Zeit für´s Abendessen. Nach dem Bier schaukelt die Umgebung ein wenig. War vielleicht doch zu viel Sonne auf dem Schiff…
Auch heute werden wir in dem Restaurant, in dem wir unser Hummeressen hatten, nicht enttäuscht. Ein grandioser Meeresfrüchtesalat macht den Anfang, gefolgt von Fisch-Curry für Dagmar und einem Filetsteak für mich. Letzteres war zwar nicht zäh, gehört aber offensichtlich nicht zu den Spezialitäten von Mauritius. Um einundzwanzig Uhr tritt dann auch noch eine grandiose Trommeltruppe mit vier Tänzerinnen in exotischen Kostümen auf. Die ethnischen Hintergründe sind uns unklar, aber es hat was mit Bauchtanz zu tun.
Sonnenuntergang – vom Restaurant aus gesehen
Aber wir sind müde und wollen den versäumten Schlaf nachholen. Blöderweise müssen wir dazu wieder an unserem WLAN-Lokal vorbei. Da treten auch zwei Live-Musiker auf. „Ne halbe Stunde haben wir doch noch, oder?“ fragt Daggi und steuert auf die Theke zu. Eine Flasche Rosé später wanken wir weiter. Auch in der Disco etwa 100 Meter weiter hören wir Live-Musik. Die Reinkarnation von Bob Marley steht auf der Bühne. Ein junger Rasta-Bursche mit einer unglaublich guten Stimme und perfektem Gitarrenspiel, begleitet von einem zweiten Gitarristen, zwingt uns leider zu einem weiteren Stopp.
Gegen Mitternacht beenden wir unseren 19-stündigen Partytag. Es ist ein perfekter Tag gewesen.
Heute, am Sonntag morgen, geht es uns zwar gut, aber das schwüle Wetter macht meinem Kreislauf schwer zu schaffen. Ich kann keine drei Zeilen lesen, ohne einzuschlafen. Also lege ich mich nach dem Frühstück gleich wieder in die klimatisierte Bude und penne, bis mich das Hausmädchen aufweckt. Dagmar ist wie immer sehr sportlich und dreht ein paar Runden im Pool. Nach dem Büffet-Mittagessen im Hotel verziehen sich die Wolken und die 33 Grad lassen sich einigermaßen aushalten. Daggi schwimmt und liest abwechselnd und ich schreibe hier im Schatten bei ständigem Wind an diesem Blog weiter.
Weitere Pläne haben wir bisher für heute nicht. Morgen ist ja auch wieder eine Tour angesagt. Dann geht’s in den Osten – zur Robinson Crusoe-Insel.

Montag, der 10. Januar 2011
Die Robinson-Insel

Unser Abend plätschert so dahin. So wie er begonnen hat, wird er wohl enden. Wir sind viel zu träge, um nochmal in die Stadt zu laufen. Also essen wir im Hotel zu Abend und setzen uns noch eine Weile an die Bar. Wir spielen mal wieder „Georific“ und obwohl Dagmar eigentlich mehr weiß als ich, liege ich mit meinen geografischen Schätzungen oft näher dran als sie. Vier Spiele, alle gewonnen.
Inzwischen quält uns mal wieder ein DJ. Er hat, wie das heute so üblich ist, einen Laptop dabei und fährt die Titel so gruselig ineinander, dass man es kaum ertragen kann. Die Gäste im Hotel sind clever, die haben sich alle sofort verzogen. Als der Bub dann auch noch diese Ska-ähnliche Musik spielt, die hier wohl gerade modern ist, verlassen selbst die beiden deutschen Neuankömmlinge, die mit uns die einzigen Gäste stellen, die Bar. Um elf darf er aufhören und wir dürfen ins Bett.
Unser Katamaran
Montag morgen, sieben Uhr. Aufstehen zur Katamaranfahrt zur Robinson-Insel. Angeblich soll hier Robinson Crusoe gestrandet sein und ein halbes Leben lang mit seinem Freund (?) Freitag verbracht haben. Der Bus ist überpünktlich und ich bin eine Minute zu spät, weil ich das Ticket im Zimmer vergessen habe. Ein paar Kilometer später steigt ein Schweizer Pärchen ein, dass sich sofort mit uns unterhält und einen sehr netten Eindruck macht. Der nächste Zugang ist ein Ehepaar aus München – wie sich später herausstellt, auch vom Allernettesten. Schließlich steigt noch ein recht mürrisches französisches Ehepaar zu, zu dem aber keiner sonst irgendwelche Kontakte knüpft. Kein Wunder, dass die so mürrisch sind – wurden sie doch versehentlich einer deutschen Gruppe zugeteilt. Wir fahren eine halbe Ewigkeit quer durch den Norden runter in den Osten, wo uns ein Motorboot zu einem imposanten Katamaran fährt. Mit nur 45 PS betrieben, schleicht sich der Riese aus dem Hafen, während uns Dutzende von Schnellbooten auf beiden Seiten überholen, voll mit grölenden Touristen. Wir sind nur zu acht – plus der Crew. Das heißt, wir haben eine Menge Platz. Und die Crew hat verhältnismäßig wenig Arbeit mit uns. Irgendwann wird der Motor abgeschaltet und die Segel verrichten ihren Auftrag. Still gleiten wir durch so manche Bucht. Der Schweizer entpuppt sich als Gastronom mit jahrelanger DJ-Erfahrung. Außerdem veranstaltet er Konzerte in der Schweiz. Er und seine nette blonde Freundin haben vier Lokale in Appenzell. In drei Monaten wird geheiratet. Der Münchner hat einen wasserdichten Fotoapparat dabei. Also ein Gerät, das noch mit richtigen Filmen funktioniert. Immer wieder erstaunlich, was es früher alles mal gegeben hat. Gegen halb elf wird schon wieder das obligatorische Bier angeboten. Unser Schweizer zieht ein Rum-Cola-Getränk vor. Er hat so in etwa meine Figur (also ein klein wenig überproportioniert) und erzählt mit von seinen schlechten Erfahrungen mit diversen Popstars. Je länger jemand erfolglos ist, desto schlimmer sind die Verträge und das Benehmen der Stars. Barcley James Harvest beispielsweise muss es extrem dolle getrieben haben. Der Vertrag war 30 Seiten lang. In deutsch. Und dann nochmal weitere 30 Seiten in Englisch. Erst wollten sie im besten Hotel am Platz nicht essen, taten es dann mangels brauchbarer Alternative dann doch, verzehrten aber gerade mal für ca. 5 Franken pro Person, wovon man auch im Appenzeller Land nicht satt wird. Kurz vorm Auftritt hatten sie dann plötzlich Hunger. Die Mutter unseres neuen Bekannten soll sie dann mit Bratwurst und Brötchen gefüttert haben. Vergebene Liebesmüh, denn Les Holroyd, der Sänger von Barclay James Harvest, wollte nicht auftreten, weil ihm die Windgeräusche der Open-Air-Veranstaltung zu laut waren. Eigentlich hätte sich unser Schweizer gar nicht direkt mit ihm unterhalten dürfen, aber da ist dem Guten dann doch die Hutschnur geplatzt. Ein paar deutliche Worte und die Band ist aufgetreten. Es war ein Scheiß-Konzert.
Ich kenne die drei ja ganz anders. Als Barclay James Harvest vor zig Jahren im Tonstudio von Frank Farian eine neue Platte aufnahmen (Keine CD, eine Platte!!!), war ich ja noch bei Frankieboy als Studiomanager und Toningenieur angestellt. Die Band samt Management war sehr diszipliniert, alles klappte bestens. Selbst unser ständig bekiffter Servicetechniker (sowas war bei einem NEVE-Mischpult und den damals erstmals eingesetzten Digitalmehrspurmaschinen absolut nötig – also nicht das Kiffen, sondern der Techniker) wurde von den Jungs von der Insel akzeptiert. Les Holroyd hatte sich sogar in Bad Homburg irgendwo auf der Promenade eingemietet und die drei oder vier Monate verliefen in völliger Harmonie. Ich war damals so dreist, als Moderator bei hr3 den Fans anzubieten, ihnen ein Autogramm von Barclay James Harvest zu besorgen. Dass sich darauf einige Hundert gemeldet hatten, wird mir mein Briefträger nie verziehen haben. Ohne mit der Wimper zu zucken, unterschrieben die drei – eigentlich eher stillen – Musiker die Karten und kehrten zur Tagesordnung zurück. Aber wie schon eingangs erwähnt. Erfolg verdirbt. Und wenn der Erfolg dann plötzlich ausbleibt, wird alles nur noch peinlich…
Zurück auf den Katamaran. Peinlich wird es hier auch, weil wir jetzt alle schnorcheln sollen. Natürlich habe ich meine Badehose diesmal unter die normale Hose gezogen, so dass ich mit wenigen Griffen wasserbereit bin. Dass der Katamaran genügend Räume hat, um sich ungestört umzuziehen, erwähne ich nur am Rande. Das Wasser ist zwar sehr sauber, aber auch mit Korallen und Seeigeln gefüllt. Wir müssen also Flossen anziehen. Ich hasse Flossen, weil ich dann nicht mehr Herr meiner Füße bin (die ich übrigens im Wasser klar sehen kann).
Aber ich habe brav mitgespielt. Daggi kann mit diesen Flossen supertoll durch die Wellen pflügen. Ich kann das nicht und sehe aus wie ein Clown mit Flossen. Also tappse ich wieder an Bord, schmeiße die Flossen von mir und habe für den Rest des Ausflugs `ne nasse Badehose an.
Mal wieder ein Wasserfall
Wir fahren nun zu einem Wasserfall. Mal wieder. Der Katamaran würde dort nicht wenden können, also steigen wir wieder in unser Begleitboot um. Für mauritianische Verhältnisse ist der Wasserfall ganz ordentlich. Nach fünf Minuten sind wir wieder im Katamaran und steuern den nächsten Programmpunkt an, der da heißt: Essen fassen! Die Jungs haben inzwischen Speis und Trank zubereitet, der in etwa dem entspricht, was wir vor zwei Tagen auf der Insel bekommen haben. Dazu Bier, Wein und Rum. Versehentlich stößt Dagmar meinen Weinbecher um, den ich unvorsichtigerweise in die Nähe ihres Ellbogens platziert hatte. Das gute Stück plumpst ins Wasser. Ich denke mir nichts dabei; es wird ja wohl noch einen Ersatzbecher geben. Aber von wegen. Es dauert gut fünf Minuten, bis die Crew des Katamarans den Becher wieder aus dem Meer gefischt hat. Umweltschutz eben. Wie viel Dreck die Motoren bei dieser Aktion verschleudert haben, ist ja unwichtig.
Die nächste Station ist nun endlich die Robinson-Insel. Falls die vor ein paar Jahrhunderten wirklich mal unbewohnt gewesen sein soll, hat sich dies mittlerweile extrem verändert. Es gibt ein Restaurant, Geschäfte, eine Bar und sogar Toiletten mit Dusch- und Umziehräumen, falls man seine salzigen Badesachen ausziehen will. Unsere Gruppe wird schlagartig auseinander gerissen und findet sich für die nächsten zweieinhalb Stunden nicht wieder, weil einfach viel zu viele Touristen auf der Insel sind. Wir landen auf der Terrasse der Bar, bei der gerade ein Medley alter Boney M,-Hits läuft. Farian zum Zweiten an diesem Tag. Etwas leichtsinnig bestelle ich eine Karaffe Rosé, nach deren Vertilgung ich dringend Urlaub brauche.
Unser Beiboot holt uns pünktlich für die Rückfahrt ab. Auch jetzt müssen wir wieder Getränke vernichten. Ich werfe meinen Becher ein weiteres Mal um, ohne ihn aber diesmal an das Meer zu verlieren. Schade nur um den Inhalt. Aber immerhin ein Grund, sich endlich wieder umzuziehen.
Wir drei deutschen Paare sind inzwischen prima ins Gespräch gekommen. Wir fragen die Schweizer, ob sie heute Abend noch mit in unser Lokal in Grand Baie kommen wollen. Aber die beiden sind schon ziemlich fertig. Um acht ist bei denen Schicht. So wie im ganzen Hotel.
Die beiden Münchner werden auch nicht mehr wegkommen. Morgen früh um fünf klingelt bei denen der Wecker, weil es zurück nach Hause geht. Schade eigentlich.
Und so zuckeln wir mit dem Bus dann schließlich wieder zurück in unsere Hotels. Während ich dies schreibe, sitzen wir frisch geduscht an der Bar und warten darauf, das Abendessen einnehmen zu können.
Ob wir danach noch rüberlaufen, um der Einöde zu entgehen, weiß ich noch nicht. Daggi hat Halsschmerzen und ich wurde gerade schon wieder von einer Mücke gestochen. Siechtum überall.
Und Hunger.
(Irgendwie passen die Sätze nicht mehr zusammen, also ende ich diesmal mittendri

Dienstag, der 11. Januar 2011
Kaufrausch

Wir tun´s schon wieder. Statt in das pralle Leben zu wandern, bleiben wir nach dem Abendessen an der Hotelbar hängen. Die Musik zieht uns die Schuhe aus, aber der Rosé schmeckt lecker. Wie schon gestern hat sich das gesamte Publikum weit vor uns auf seine Zimmer begeben, um der Abendanimation zu entkommen. Wir halten auch nur solange durch, bis Dagmar langsam die Dötzchen zufallen. Halb zehn Heia. Neuer Rekord. Das war wohl ´ne Sauerstoffvergiftung.
Dienstag, der 11. Januar, 8.00 Uhr. Daggi ist wach und giert nach sportlicher Bestätigung, die aber dann schnell nach dem Frühstück mit der Lektüre eines guten Buches endet. Morgen vielleicht??
Stattdessen sind wir dann wieder nach Grand Baie gelaufen und haben diverse Boutiquen unsicher gemacht. Güldener Schmuck und heiße Gewänder wurden erworben, um das Weibchen noch schöner zu gestalten. Damit nicht genug, fiel uns ein, dass es hier auch einen Markt gibt, den man besuchen kann. Trotz mittlerweile gefühlten 40 Grad bei 400% Luftfeuchtigkeit haben wir den Weg dorthin eingeschlagen und das Ziel erreicht. Man kann es kaum glauben, aber dieser Bazar befindet sich komplett unter einem Dach. Das erinnert uns an Istanbul, aber im Kleinen. Es ist sauheiß und die Verkäuferinnen sind – im Gegensatz zu Istanbul – sehr distanziert und freundlich. Daggi kauft für ihre Freundinnen mehrere Geschäfte leer. Ich habe immer noch kein einziges Elektronikgeschäft gefunden, was diese Reise für mich zur Günstigsten aller Zeiten machen dürfte. Wir nutzen eine Kaufpause, um die ersten Biere des Tages zu testen (Also jeder eins, damit das nicht falsch verstanden wird!). Sie schmecken wie immer supererfrischend, haben aber aus irgendwelchen Gründen einen erhöhten Alkoholanteil. Oder warum halten wir danach die Theke fest, damit sie nicht umfällt?
Dagmar (links im Bild) im Basar
In unserem Cocoloko-Stammlokal steuern wir deshalb schnell mit Cesar-Salaten dagegen und trinken für den Rest des Tages nur noch Wasser. (Der Tag endet hier gegen 18.00 Uhr!)
Danach laufen wir wieder durch die Hitze ins große Kaufhaus. Dort finden wir noch ein Kleidchen für meine Süße und ein paar Flaschen Rosé zum baldigen Verzehr auf unserer Terrasse. (Nachtrag: Das Zeugs ist so süß, das wir die Flaschen zurücklassen müssen…) Außerdem kaufen wir Zahnpasta, die ist nämlich alle. Blendax. Gibt´s auch hier. Der Weg vom Kaufhaus ins Hotel ist uns zu lang. Zufällig steht ein Taxi unseres Hotels vor der Tür und nimmt uns klimatisiert in unser Domizil zurück.
Am Pool ist es so heiß, dass ich es im Gegensatz zu Dagmar nur wenige Minuten dort aushalte. Im Apartment sind es 19 Grad; die Klimaanlage ist leise und erfrischend und mein Buch fesselt mich ganze drei Minuten. Schlaf bis 16.00 Uhr. Dann am Pool weitergelesen. Inzwischen bin ich bei Herrn Schätzing und seinem Roman „Lautlos“ hängengeblieben. Schon wieder ein Thriller. Ich weiß, mit wirklicher Literatur hat meine Ferienauswahl nicht wirklich was zu tun, aber es beruhigt ungemein. Daggi hat Mankells „Chinese“ in der Mache (kein Wallander!) und bringt die rund 600 Seiten an diesem Nachmittag zu Ende.
Wir diskutieren ein wenig über die Inhalte der Bücher und die Wirklichkeit. Zum Beispiel die soziale Lage in Mauritius. Wer nicht arbeitet, kriegt nichts. Es gibt keine Arbeitslosenversicherung. Rente gibt es je nach Beruf ab 62 Jahre. Und zwar 50% des normalen Durchschnittsgehalts, also 75 Euro. Nicht pro Tag, sondern pro Monat! Sollte man älter als 75 Jahre alt werden, steigert sich die Rente auf 200 Euro. Hundertjährige und drüber bekommen noch mehr. Und die sind sind gar nicht so selten, sind aber in unserer Gegend kaum anzutreffen. Behinderte ab 60% Behinderung müssen ebenfalls mit der Hälfte des Durchschnittseinkommens auskommen, dürfen aber hinzuverdienen. Schwerbehinderte bekommen etwas mehr – genauso viel wie deren Pflegekräfte. Das bedeutet, dass Behinderte von ihren Angehörigen auch gut versorgt werden. Um Missbrauch zu vermeiden, wird das alles sehr genau kontrolliert.
Aber das Leben hier hat auch andere Vorteile: Die Kleinen haben zum Beispiel gerade zwei Monate Ferien hinter sich – und müssen vermutlich in diesen Tagen komplett neu angelernt werden. Militär gibt es hier nicht. Im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung würde die indische Armee (!) hier einlaufen und das Land verteidigen. Das hat uns ziemlich verwundert.
Nachdem wir uns eine Weile über die sozialen Verhältnisse dieses Landes unterhalten haben, wird es Zeit, die Klamotten den Abendessenssitten anzupassen (Keine Badekleidung!). Das hausinterne Menü ist heute mal wieder durchgewachsen, aber sättigend. Eigentlich ist ziemlich egal, was man isst. Satt wird man immer wieder. Und durstig auch.
Wir sitzen jetzt seit zwei Stunden im WLAN-Zentrum Cocoloko und schreiben so nach und nach diese Zeilen für heute. Morgen wollen wir es ein zweites Mal in Port Louis versuchen, um uns diese verdammte Briefmarke anzuschauen. Der Express-Bus soll sehr viel schneller sein…
Ob das stimmt und was uns jetzt uns wieder Schlimmes* passiert, könnt Ihr (vielleicht) morgen lesen.
* Schlimmes = es ist zu heiß oder zu kalt oder zu nass oder zu trocken

Mittwoch, der 12. Januar 2011
Kälteeinbruch

Mittwoch, der 12. Januar 2011, so gegen halb neun. Im Zimmer ist es schön kühl. Die Klimaanlage haben wir inzwischen auf 21 Grad hochgedreht und den Ventilator abgeschaltet. So kann man gut pennen. Wiedermal hat es über Nacht geregnet, und das nicht zu knapp. Das Gras der Grünanlagen ist immer noch nass. Der Regen hat einen Temperatursturz mitgebracht. Es sind höchstens noch 27 Grad. Bibbernd laufen wir zum Frühstück. Aber die Kälte hat auch Ihr Gutes. Man könnte doch endlich mal mit dem Schnellbus nach Port Louis fahren, um sich diese weltberühmte blaue Briefmarke anzuschauen, um die alle so ein Gedöns machen.
Nach einem kurzen eMail-Check (…wenn wir schon mal da sind) steigen wir in den ziemlich schmuddeligen Express-Bus ein. Statt 32 Rupien kostet die Fahrt ganze 35 Rupien. Dafür gibt es eine Klimaanlage und eine schnellere Tour in die Hauptstadt. Der Bus ist im Nu bis unters Dach gefüllt. Unterwegs steigt kaum noch jemand zu, weil einfach kein Platz mehr ist. Nach nur 25 Minuten ist der Koloss auf dem Riesenbusplatz in Port Louis angekommen. Von dort zur blauen Mauritius sind es etwa 600 Meter. 600 Meter allerdings, die so manchen Stop bedingen. Zum einen müssen wir durch einen nicht enden wollenden Straßenbazar durch. Auch hier gibt es immer wieder dasselbe: Tücher, Touristenkitsch und Obst.
Doch weiter in Port Louis. Die Einkaufszentren an der Waterfront hatte ich ja schon beschrieben – diesmal waren sie sogar geöffnet. Wir haben eine Menge Läden betreten und wieder verlassen. Daggi sucht eine aktuelle Sonnenbrille und eine neue Uhr. Die Brillen passen meist nicht oder sind offensichtlich Imitationen und die Uhren, die ihr gefallen, liegen weit über unserem Budget. Das hat sich also nicht geändert. 🙂
Dann endlich das „Penny-Museum“. Ganz hinten liegt es. Für das Eintrittsgeld erhält man einen Audioguide (dessen Batterie schon nach der ersten Station alle war) und sehr viele Originaldokumente. Das Ganze ist hübsch gemacht und bestimmt auch höchst interessant, leider fast ausschließlich in Französisch. Bei den Briefmarken unterstützt uns dann wieder der (ausgewechselte) Audioguide. Die „Blaue Mauritius“ ist also so wertvoll, weil der Herr Graveur statt „Postal Office“ nur „Post Office“ graviert hat. Nachdem man den Fehler bemerkt hat, waren schon einige der ersten Drucke dieser Gravurplatte im Umlauf. Jetzt soll es gerade noch drei dieser Marken geben. Einer davon sehen wir uns unvermittelt gegenüber.
Die „Blaue Mauritius“ zusammen mit einer „roten Mauritius“, die wohl etwas billiger ist. Mauritius hat mit Hilfe vieler Sponsoren das Geld zusammengetrieben, um diese Marke wieder in den Besitz zu bekommen. Trotzdem ist der „Wow-Effekt“ ziemlich mau. Disney hätte da mehr draus gemacht. Ohne die Unterstützung des Audioguides würden wir glatt dran vorbei laufen, weil es noch ein paar Dutzend fast gleich aussehender Marken in den Vitrinen gibt. Trotz Foto-Verbots fotografiere ich den Schatz. Mal sehen, was mein Farbdrucker draus macht…
Danach Mittagsessen in einem Luxushotel unmittelbar neben dem Museum. Alles sehr fein und auch nicht sonderlich teuer. Zurück zum Busbahnhof. In den Straßen mit den fliegenden Händlern ebenfalls nach Markenuhren gesucht. Aber leider nicht mal ´ne Rolex gefunden.
Am Busbahnhof selbst macht sich langsam Verzweiflung breit. Aberhunderte von Bussen fahren hier ohne jede erkennbare Regel kreuz und quer über den Platz. Manchmal steigen Schüler ein oder aus (erkennbar an der Schulkleidung, eine vernünftige Erfindung aus England), manchmal erkennen wir das Vorhandensein einer Haltestelle. Aber für wen, für welchen Bus, in welche Richtung – das alles will nicht in unsere Köpfe, die in der Mittagshitze zu glühen beginnen. Wir haben beide keinen Hut mitgenommen, weil es ja in Grand Baie so kalt war. Inzwischen hat die Sonne allerdings ein paar Kohlen nachgelegt, so dass es jetzt wieder locker 33 Grad im Schatten sind. Wir sind allerdings in der Sonne. Als Retter in der Not erweist sich ein Einheimischer, der wohl unsere Verzweiflung richtig gedeutet hat. Daggi sagt ihm, wo wir hin wollen und er führt uns quer über den Riesenplatz irgendwo ziemlich an den Rand, wo die Busnummer (215) auf den Asphalt gemalt wurde. Der Junge ist wohl selbst schon mal unter einen Bus geraten. Ihm fehlen einige Finger und sein Körper ist merkwürdig schief geformt. Das Trinkgeld hat er sich redlich verdient. Allerdings haben wir außer der auf den Asphalt gemalten Nummer nichts weiter außer viel Sonne – vor allem keinen Bus. Der kommt erst eine Viertelstunde später, als wir uns eigentlich schon aufgegeben haben. Dank der Klimaanlage waren wir in den 25 Minuten Fahrtzeit wieder voll erholt und konnten uns im Cocoloko von der Strapaze erholen.
Ein bisschen härter hat es wohl unser Körper empfunden. Um neun liegen wir im Bett. Daggi schläft sofort ein, ich quäle mich noch durch ein paar Seiten, von denen ich die letzten drei am nächsten Tag wiederholen muss.
Für morgen planen wir etwas ganz Spektakuläres: Drachenfliegen und Fallschirmspringen! Stay tuned!

Donnerstag, der 13. Januar 2011
Das Außergewöhnliche wagen

Habe ich da gestern geschrieben, dass wir heute Fallschirmspringen oder Drachenfliegen wollen? Ist natürlich völliger Blödsinn. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Das war nur ein Aufreißer, um das geneigte Publikum bei der Stange zu halten. Aber wenn ich wahrheitsgemäß geschrieben hätte, dass wir heute morgen eine Rundfahrt mit dem Glasbottom-Boot machen, wärt Ihr doch längst gelangweilt auf www.bild.de umgeschwenkt.
Wobei man eine solche Fahrt auch durchaus spannend erzählen kann…
Prolog:
„Hey Ehrhardt“ sagt mein Chef, „für die Donnerstagsausgabe brauche ich noch drei Spalten über den Wassersport in Mauritius.“ – „Aber Chef“, wende ich ein, „dass ist doch stinklangweilig. Da gibt’s doch nur Wasserski, Drachenfliegen und Angeln. Höchstens noch Glasbootchen fahren“. – „Dann schreiben Sie halt was über die Glas-Dinger. Hauptsache spannend. Was mit sozialem Touch. Das wollen die Leute. Ein guter Journalist kann so was!“ – „OK, Chef, ich werd´ mir Mühe geben.“
. . .
Robinson verfluchte den Tag, an dem er den Job in diesem Hotel angenommen hatte. Er – angeblich ein direkter Nachfahre des berühmten Robinson Crusoe – hatte nichts Besseres mehr zu tun, als alte eingefettete Ladys und klapprige Touristenopas sorgsam in das hoteleigene, überdachte Glassbottomboat zu geleiten. „Schuhe ausziehen!“ befahl er (auf französisch) und zeigte auf eine Plastikkiste, in der die Sandalen der Touristen gesammelt wurden. Diesmal waren auch noch ein paar dicke Kinder dabei. Die ärgerten ihn am meisten, weil die immer so laut quietschten oder rumschrien, wenn mal ein kleiner Fisch zufällig unter dem Boot durchschwamm. Das ihm anvertraute Boot fasste etwa zwanzig Personen. Heute waren es 12 Erwachsene und sechs Kinder. Alle sprachen französisch oder kreolisch bis auf zwei Deutsche, die ihn wenigstens in Ruhe ließen. Als endlich alle an Bord waren, ließ er den rechten Außenborder an. Das Boot hatte zwei Maschinen, falls mal einer ausfallen sollte. Nur einer der beiden Yamaha-Motoren war mit dem Benzintank verbunden, der vor jeder Fahrt ausgetauscht wurde. Die Maschinen waren sehr zuverlässig. Niemals war eine ausgefallen, seit er vor ein paar Monaten diesen langweiligen Job angenommen hatte. Aber was sollte er machen? Seine Frau hatte ihn mehr oder weniger dazu gezwungen. Das Geld, das sie als Obstverkäuferin auf dem Markt verdiente, reichte einfach nicht, um die vier Kinder und sich selbst zu versorgen.
Er löste die Leinen und balancierte den Kasten durch die Untiefen, die man in Küstennähe umfahren musste. Eine Tour wie jede andere. Ein Tag wie jeder andere. Dachte er.
ES war gewaltig. Gewaltig groß, schwabbelig und von undefinierbarem Braun-Schwarz-Grau. Falls es Augen hatte, konnte man sie nicht sehen. Normalerweise lag ES in permanentem Halbschlaf in etwa fünf Meter Tiefe inmitten eines Korallenriffs. ES ernährte sich von unvorsichtigen Fischen, die im Riff nach Nahrung suchten und dadurch selbst zu Nahrung wurden. Ein ideales Leben für ein Biest wie ES. Es lebte da unten schon an die vierzig Jahre. Ganz am Anfang seines Lebens konnte ES noch schwimmen, aber das hatte sich als überflüssiger Energieverbrauch erwiesen und wurde daher irgendwann eingestellt. Ihm reichten die zwanzig bis dreißig Kilo Frischfisch pro Tag, die schon fast automatisch von seinem Schlund aufgesaugt wurden. Seit es in der Bucht immer mehr Angler gab, ging die Ausbeute gleichermaßen zurück. Heute hatte ES Hunger.
Robinson lenkte das Boot an der Küste entlang. Wunderbarer Blick auf die teuren Hotelanlagen. Mit Zimmern, die er nie von innen gesehen hatte. Die Fahrt bis zum Korallenriff dauerte in der Regel zwanzig Minuten. Er konnte die Stelle nicht verfehlen, weil eine weithin sichtbare Boje die Stelle markierte. Wie immer waren die Kinder an Bord zu laut. Etwa drei- bis 5-jährig, waren sie noch nicht schulpflichtig und konnten mit ihren reichen Eltern Ferien im Paradies machen. Ein Paradies, das er immer nur durch den Hintereingang betreten durfte.
Plötzlich verlor das Boot an Fahrt. Der Motor stockte, fing sich wieder, um dann plötzlich ganz stehen zu bleiben. Einfach so. Die Kinder sahen die Erwachsenen an, die Erwachsenen starrten Robinson an. Der zuckte die Schultern. Routinemäßig überprüfte er die Treibstoffleitung und den Tank. Dann war klar, warum es nicht weiterging: Er hatte vergessen, den leeren Tank gegen einen vollen auszuwechseln. Menschliche Nachlässigkeit. Kann passieren. Da half auch der Ersatzmotor nichts. „Wird mich wohl meinen Job kosten, wenn es rauskommt“, dachte Robinson. Bis zur Küste waren es nicht mehr als fünfhundert Meter. Bis zur Koralleninsel mit der Boje noch ein Stück weiter.
Was tun? Die trägen Touristen hatten offenbar den Ernst der Situation noch nicht ganz verstanden. Das deutsche Paar kam als Erstes darauf: „Mauritius, wir haben ein Problem“, scherzte der junge, schlanke Mann zu seiner bildhübschen Begleitung. „Wie meinst Du das?“ fragte sie. „Das Benzin ist alle. Und wir sind ziemlich weit draußen ohne jeden Kontakt zu irgendwelchen anderen Schiffen“. – „Und jetzt?“ – „Jetzt rufen wir um Hilfe. Falls unser Handy hier überhaupt funktioniert“. Ein Blick auf´s iPhone schloss diese Möglichkeit aus. Kein Empfang.
Robinson hatte den anderen Schiffsinsaßen die missliche Lage inzwischen auf Französisch erklärt. Man nahm es mit Humor. „Die werden uns schon vermissen und dann eben später abholen!“, sagte eine junge Kreolin. „Solange können wir doch ein bisschen Baden oder Schnorcheln!?“
Robinson sparte es sich, die Reisenden darauf hinzuweisen, dass hier überall Seeigel oder Korallen an der Tagesordnung waren, an denen man sich ohne Taucherflossen leicht die Füße zerschneiden konnte. Waren doch bloß Touristen. Seinen Job war er ohnehin los. Malcolm, ebenfalls ein Kreole, wagte sich als Erster ins Wasser. „Macht nochmal ein Foto vor mir! Falls ich nicht wiederkomme!“ scherzte er und ließ sich rückwärts von der Seitenwand ins Wasser fallen. Das Boot trieb schnell von ihm weg. Geistesgegenwärtig warf ihm Robinson den Rettungsring zu, aber Malcolm hatte gar nicht hingesehen. Er hatte seine Taucherbrille aufgesetzt und starrte mit großem Interesse in die Tiefe.
ES war ungehalten. Wer wagte es, seinen hypnoseähnlichen Tiefschlaf zu stören? Was waren das für widerliche Geräusche? Sonst wachte er nur auf, wenn ein Zyklon die Insel besuchte und infolge der starken Strömung sein Korallenhaus manchmal ein wenig vom Meeresboden losgerissen wurde. Zwei fast symmetrische Stellen seines matschigen Körpers öffneten sich, aus denen die vermatschten Augen quollen. Im Nu hatten sie sich auf das Licht eingestellt, das hier – nur etwa einen Meter unter der Meeresoberfläche – fast genauso hell war wie über dem Wasser. Das Zucken der Beine Malcolms hieß für seinen einfachen Verstand nur eins: Mahlzeit.
Inzwischen war das Boot weiter abgetrieben. Malcolm hörte die Rufe nicht. Robinson schrie sich die Seele aus dem Leib. Selbst die Kinder schrien um die Wette, um den Schnorchler zur Rückkehr zu bewegen. `Das auch noch´, dachte Robinson. Er hatte auch keinen Anker an Bord. Wozu auch? Für die paar Meter raus ins Meer?
. . .
Epilog:
„Na Ehrhardt, wie weit sind Sie?“. Der Chef war reingekommen. „Na ja, ich bin noch mittendrin. Aber ich befürchte, mit einem Dreispalter kommen wir nicht hin.“ – „Dann zeigen Sie mal, was Sie schon haben.“ Er starrte auf Ehrhardts Laptop, scrollte an den Anfang und begann zu lesen.
Nach zehn Minuten brach er ab. Der Chef war zunächst sprachlos, aber dann polterte es aus ihm heraus: „Sagen Sie mal, hammse Ihnen ins Hirn geschissen? Sie sollten einen kleinen Aufsatz über eine harmlose Glasboottour schreiben – und dann kommen Sie mir mit dieser Ausgeburt kranker Phantasie an? Ham Se zuviel Frank Schätzing gelesen? In 10 Minuten habe ich einen ordentlichen Artikel, sonst sind sie gefeuert!!!“
P.S.: Die Fahrt war so harmlos wie nichts Anderes auf dieser Insel, aber irgendwas muss ich ja schreiben.
Echte Fische – direkt aus dem Glasbottomboot fotografiert
Der Glassbottom-Tag endet mit Hüpfen. Getreu dem Motto des alten Radio-Kollegen Fred Metzler „…und wenn Sie Freizeit haben, dann hüpfen Sie“ begeben wir uns nach dem Abendessen an die Bar. Unser Haus-DJ hat das mit den Übergängen noch nicht so raus, deswegen bricht jede Platte im Fade out ab – und nach einer Sekunde Stille setzt die nächste ein. Inzwischen hat das Publikum im Hotel gründlich gewechselt, wie man an den vielen bleichen Gesichtern sehen kann. Und die sind auch ganz gut drauf und fangen gleich an zu tanzen. An der Bar sitzt auch ein französischer Seemann. Nun ja, er sagt, er war bei der Marine. Muss im ersten Weltkrieg gewesen sein. Er sieht aus wie Popeye und bewegt sich auf der Tanzfläche wie ein tapernder Zirkusbär (wobei Zirkusbären immerhin den Takt halten können). Seine Frau sitzt auch an der Bar. Aber die darf anscheinend weder was trinken noch tanzen. Also fragt er Daggi – und die geht auch brav mit ihm auf die Tanzfläche, die sich dann nach und nach auch füllt. Irgendwann kann ich mich auch nicht länger am Glas festhalten und hüpfe mit. Um 11 muss der DJ Schluss machen, aber das Publikum zwingt ihn zu 15 Minuten Zugabe. So einen Tag hat der schon lange nicht mehr erlebt. Hoffentlich verpfeift ihn keiner an die Hotelgewerkschaft…

Freitag, den 14. Januar 2011
Die mit dem Popeye tanzt.
Wieder ziemlich bewölkt und schwül draußen. Daggi macht es sich am Pool gemütlich. Ich habe noch ein paar Sachen zu sprechen und an meine Kunden zu schicken. Inzwischen muss ich das wieder vom Hotel aus machen, weil die mir im Cololoko die IP-Adresse gesperrt haben. Alle anderen Rechner können sich einloggen, nur mein Notebook nicht. Die haben sich wahrscheinlich gedacht, dass irgendein Nachbar heimlich in deren Netzwerk rumturnt und haben die Adresse meines Computers – also die sogenannte IP-Adresse – gesperrt. Schade, aber für die verbleibenden zwei Tage unerheblich.
Mittags essen wir im Hotel á la carte. Zwar nur Spaghetti, aber das klingt ja viel zu profan. Der Nachmittag zieht sich – wie immer, wenn wir am Pool oder am Strand rumhängen. Ist halt nicht meine Welt.
Abends dann nochmal ein schönes Essen in dem Fischlokal, in dem wir auch den Hummer gegessen haben. Die Touristen entschwinden langsam; es ist fast leer. Zum Abschluss besuchen wir noch zwei weitere Lokale auf der Hauptstraße. Das eine ist eher eine Bar unter freiem Himmel mit netter Musik. Da aber der Himmel mal wieder seine Pforten öffnet, fliehen wir ins „Life“, der Discothek, in der Bob Marley II. letzte Woche aufgetreten ist. Heute ist da eine Sängerin, gut 120 Kilo schwer, mit einer fantastischen Stimme. Ihr Gitarrist hat ein feines Gerät zu seinen Füßen. Während er die Dame begleitet, nimmt er sein Gezupfe per Fußdruck auf den internen Speicher des Gerätes auf. Sobald die Dame genug gesungen hat und es Zeit ist für ein Solo innerhalb des Liedes, drückt er im richtigen Moment die Wiedergabe-Taste und wiederholt somit die aufgenommene Passage. Gleichzeitig spielt er dann sein Solo life darüber. Das ist sehr effektvoll und spart einen kompletten Musiker.
Um 23.00 Uhr haben die beiden Feierabend und das Lokal füllt sich ziemlich schnell bis zum letzten Platz. Wir sitzen direkt am Eingang auf Barhockern und ertränken uns an Mochijtos.
An den Wänden des Lokals hängen Flachfernseher. Und zu unserer völligen Verblüffung wird dort das Bundesligaspiel Leverkusen-Dortmund live übertragen, dass die Dortmunder verdient mit 3:1 gewinnen. Dagmar will mir gar nicht glauben, dass freitags Bundesliga gespielt wird und dieses Spiel dann auch noch in Mauritius übertragen wird, aber es ist nun mal tatsächlich so. Irgend so ein Sportsender, der sich die Highlights des Sports rauspickt und live sendet, ist dafür verantwortlich. Deutscher Fußball ist anscheinend so ein Highlight. Die Gäste schauen weniger auf den Fernseher. Die haben genug mit ihrer Musik zu tun. Und der DJ, der ganz unscheinbar am Rand der Tanzfläche vor seinem Laptop kauert, macht seinen Job verdammt gut. So perfekte Übergänge habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Die Musik ist auch hervorragend und animiert zum Tanzen. Leider können wir unsere Sachen nicht alleine am Stehtisch zurücklassen. Das Risiko ist uns dann doch zu groß. Also schauen wir einfach nur zu und erfreuen uns an dem sehr gemischten Publikum. Und das Schöne ist: Hier verträgt sich wirklich jeder mit jedem. Egal, welche Religion, welche Hautfarbe, welches Alter, welches Geschlecht. Es ist so harmonisch, dass es schon fast wieder verdächtig ist.
Sauer ist nur einer, und der bin ich. Der Taxifahrer verlangt für die 500 Meter zu unserem Hotel glatte 400 Rupien, also 10 Euro. Und das ist echter Wucher.

Sonntag, 16. Januar 2011
Nachdurst

So lecker diese Mochjitos ja sind, so sehr sorgen sie doch am nächsten Morgen für Nachdurst. Durst nach Wasser.
Wir sind den letzten Tag hier. Daggi faulenzt wieder am Pool rum; ich schicke noch eine kleine Aufnahme nach Deutschland und widme mich dann dem SPIEGEL, den ich mir über das Internet auf das iPad geladen habe.
Mittags wieder Essen im Hotel, danach so langsam Aufbruchstimmung. Wir müssen morgen früh um 5.15 Uhr geschniegelt und gebiegelt am Empfang stehen, da uns der Bus bereits vier Stunden vor dem Abflug abholt.
Am Nachmittag laufen wir noch einmal rüber nach Grand Baie.
Im Cocoloko trinken wir erst einen Café und dann das 1-Liter-Paket Bier für kleines Geld. Auf der Suche nach einem schönen Restaurant finden wir zum Abschied noch einen Italiener direkt im Hinterhof des „Live“. Feinste italienische Speisen, serviert von lustigen Einheimischen, die sich auch gerne ihren Spaß mit uns machen. Der letzte Heimweg fällt schon ein bisschen schwer, aber im Hotel werden wir nochmal wach. Hier tanzt gerade eine einheimische Tanzgruppe folkloristische Tänze mit den üblichen Paarungs-Zeremonien. Dagmar muss mittanzen, obwohl sie jetzt eigentlich lieber ins Bett möchte. Noch fünfeinhalb Stunden bis zum Wecken.
Und damit gehen wir ins Bett, schließen den Blog ab und stellen uns innerlich darauf ein, morgen unausgeschlafen 11 Stunden Fliegerei über uns ergehen zu lassen. Aber das gehört halt dazu, wenn man fremde Länder erkunden will. War´s schön? Es war sehr schön!!!!

Das Fazit: Eine wunderschöne Insel. Ideal für Sonnenanbeter und Wassersportfreunde – und somit für mich nicht wirklich relevant. Die Menschen hier sind einfach wunderbar, freundlich, ehrlich und liebenswert. Dennoch möchte ich nicht hier leben wollen. Alles ist doch ein ganzes bisschen langsamer als bei uns daheim – und damit meine ich nicht nur die schleichenden Internetverbindungen. Alles ist hier noch ein bisschen altmodisch, angefangen bei den Ladenöffnungszeiten, den Wartezeiten im Restaurant und den doch sehr eingeschränkten Vergnügungen im Hotel. Wir haben das Glück, nahe der „Riviera von Mauritius“ gebucht zu haben. Grand Baie ist der einzige Ort auf dieser Insel, in dem abends was los ist. Wer ein Hotel irgendwo in der Prärie gebucht hat, ist völlig abgeschnitten von jeglichem Kontakt zum Leben. Da kostet eine Flasche Wasser dann auch 150 Rupien, fast vier Euro. Verständlich, dass dann viele schon um acht ins Bett gehen…
Aber: Wir haben die „Blaue Mauritius“ gesehen, wir haben die hochinteressante Geschichte des Landes in uns aufgesogen und gut gegessen, geschlafen und getrunken. Wir sind braun gebrannt; keiner hat sich verletzt oder war ernsthaft krank. Und das kann man ja nicht von jedem Urlaub behaupten.

Carribean Harmonists – mit „Mein Schiff“ durch die Karibik

Das Schiff im Hafen von Dominica

4.1.2010
Die Bar heißt „Tapas y Mas“. Sie ist im elften Stock und nahezu menschenleer. Elegante Korbsessel mit schick designten  Kissen laden zum Rumflezen ein. Über die dezenten Lautsprecher säuselt landestypische Musik. Es ist kurz vor 13.00 Uhr und ein großer 42-Zöller von Panasonic zeigt an, wo wir uns gerade befinden: Im Hafen von DOMINICA, genauer gesagt, auf einem riesengroßen Schiff im Hafen von Dominica, in ROSEAU, um ganz genau zu sein. Das Schiff hat den dämlichen Namen „Mein Schiff“ und ist so eine Art AIDA für Normalsterbliche. Dahinter steht der Tourismusriese „TUI“, also das letzte Filetstück des ARCANDOR-Konzerns. Rund zweitausendsiebenhundert Leute haben hier Platz – zumindest in den Rettungsbooten. Habe ich durchgezählt. Tatsächlich sind nur etwa 1100 Touristen an Bord. Das Personal ist also fast in der Mehrheit (961 Leutchen), lässt uns das aber nicht spüren. Im Gegenteil, alle sind von einer ausgesuchten Freundlichkeit und Höflichkeit, das man unwillkürlich seine eigenen Fähigkeiten zur freundlichen Kommunikation wieder entdeckt. Je nach Wichtigkeit und Größe der Aufgaben kommen die jungen Crewmitglieder entweder aus Deutschland oder aus über fünfzig anderen Nationen. Erstaunlicherweise sprechen die alle auch einige Brocken deutsch. Englisch sowieso.

Doch mal langsam. Was mache ich hier, wie komme ich hierher, mit wem bin ich hier und wie lange werde ich hier bleiben?

Kurz vor der Landung in Romana
Oktober 2009

Im „Spiegel“ flattert mir eine Reisebeilage aus dem Heft. 8 Tage Karibikrundreise für 1650.- Euro. Zwei Wochen für zwei Mille. Ich war zwar schon zweimal in dieser Gegend: Vor 27 Jahren in Jamaica und vor zwei Jahren in Kuba. Die ganzen anderen weltberühmten Inseln kenne ich dagegen nicht. Das Schiff mit dem dämlichen Namen „Mein Schiff“ soll jedenfalls alle diese wunderbaren Inseln Tag für Tag abklappern. Morgens wird angelegt und abends geht´s weiter zur nächsten Destination. Klingt doch klasse, denke ich und frage meine Liebste, was sie denn davon hält. Sie hält eine Menge davon, plündert ihr Aktiendepot und ist mit im Boot, um im Bild zu bleiben. Die Buchung klappt telefonisch, wenn auch nicht ganz fehlerfrei. So haben sie aus meiner lieben Daggi einen Mister gemacht. Für neue Reiseunterlagen ist es zu spät – ab sofort sind wir in den Eingeweiden der Buchungscomputer zwei Jungs, die zusammen reisen.

31.12.2009
Die Koffer haben wir bereits eingecheckt, und auf uns wartet nur noch eine wunderbare Sylvesterparty bei ganz lieben Freunden oben in Dillingen, einem Ortsteil von Friedrichsdorf im Taunus, wo wir wohnen. Man hat da so einen wunderbaren Blick auf die Sklyline Frankfurts (ja, und bei wunderschönem Wetter kann man auch den Atommeiler Biblis sehen, aber das ist jetzt nicht wichtig). Ein Taxi holt uns ab und bringt uns bei leichten Minusgraden hoch nach Dillingen. Ich versuche, den Taxifahrer zu bestechen, uns um eins wieder abzuholen. Zwanzig Euro bar Tatze verspreche ich ihm, aber er bleibt vage.
Die Party ist ein toller Erfolg, wir tanzen und ergötzen uns insgeheim am Neid der Anderen, die wohl den Rest des Winters in dieser Nasskälte ausharren müssen, während uns nur noch wenige Stunden von Sonne, Sand und Meer trennen. Vielleicht haben sie aber auch nur Mitleid mit uns, weil wir die Party so früh verlassen müssen, während die Fete bis in die frühen Morgenstunden toben wird.


1.1.2010
Das Feuerwerk dauert ein gute halbe Stunde. Durchgefroren tanzen wir uns nochmal warm, bis wir dann ins Freie tappsen und auf unseren bestochenen Taxifahrer warten. Der kommt natürlich nicht. Also bleibt uns nichts Anderes übrig, als zu Fuß die ca. 4 Kilometer nach Hause zu laufen. Es ist regnerisch und eiskalt, die Wege sind rutschig und Daggi frieren langsam die Ohren ab. Egal, das halten wir jetzt auch noch durch. Auf halber Strecke kommt uns der Taxifahrer entgegen, sieht uns aber leider nicht und braust an uns vorbei. Tja, Pech gehabt.
Um halb zwei fallen wir ins Bett. Vier Stunden Turboschlaf trennen uns noch  von unserer großen Reise.
Dagmar steht immer eine halbe Stunde früher auf als ich. Die Zeit braucht sie, um die Zeitung zu lesen, den ersten Liter Kaffee einzunehmen und ein paar Lungentorpedos zu inhalieren. Leider kommt um 1.1. keine Zeitung und der Brötchenbringer hat wohl auch zu lange gefeiert. Wenigstens funktionieren der Kaffee und die Kippen. Um sechs werde ich auch aus dem Bett geschmissen. Wir haben vor, mit der S-Bahn zum Flughafen zu fahren, weil ein Taxi gut und gerne 60 Euro kostet. Obwohl ich nur eine dünne Lederjacke anhabe und auch Dagmar nur das Allernotwendigste gegen einen sofortigen Tod durch Erfrieren trägt, halten wir die arktische Kälte gut aus. Nach ein paar Schritten vermisst Daggi aber dann doch ihren Schal. Ich gebe ihr den Hausschlüssel, sie sprintet zurück und ist zwei Minuten später wieder da. „Der Hausschlüssel passt nicht“, sagt sie enttäuscht. Und damit hat sie recht. Ich habe versehentlich einen falschen Schlüssel von meinem Schlüsselbund mitgenommen. Aber uns läuft die Zeit davon. So eine S-Bahn fährt nämlich genau nach Plan. (Jedenfalls dann, wenn man es eilig hat. Manchmal kommen auch gar keine Züge, aber das ist eine andere Geschichte.)
Wir also hurtig weiter. Mein Chronometer zeigt noch zwei Minuten bis zur Abfahrtszeit, als wir am Bahnhof ankommen. Ich hätte wohl vorher mal einen sogenannten „Uhrenvergleich“ durchführen sollen. Die zwei Minuten sind längst um – und im selben Moment, als wir die Stufen des Bahnsteigs hinauf rennen, setzt sich der Eisenkoloss in Bewegung. Ohne uns. Daggi keucht nur noch „Taxi!“ und wir rennen beide die Stufen wieder runter, die Unterführung durch und dann die Stufen zum Taxistand wieder hoch. Die Wahrscheinlichkeit, am Neujahrsmorgen um sieben Uhr ein Taxi zu finden, dürfte der eines Sechsers im Lotto sehr ähnlich sein. Aber wir haben das Glück. Fast. Denn die nette, aber vom langen Dienst gezeichnete Fahrerin spricht gerade in ihr Handy. „Ja, dann bin ich so in etwa 5 Minuten bei Ihnen!“ Ich reiße die Tür auf und rufe nur „Flughafen!“, um die Frau aus pekuniären Gründen zu einer Änderung ihres Vorhabens zu bewegen. Und das klappt sogar. „Eben ist ein Fahrgast eingestiegen. Und direkt einsteigende Fahrgäste haben bei uns immer Vorrang. Ich bin in einer guten Stunde zurück, dann kann ich Sie gerne abholen!“ säuselt sie ihrem Gesprächspartner ins Ohr. Was der dann so zusammenbrüllt, ist nicht Gegenstand dieses Reports.
Wir kommen dann auch ein bisschen ins Gespräch. Ich erzähle ihr, dass wir schon am Vorabend mit einem anderen Taxi dieser Firma auf die Party gefahren wären. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer unseres Taxis ihr Mann ist, genau der Typ, der uns nachts sitzen gelassen hat. Nun kommt das Geld (und noch viel mehr) doch noch in die Familienkasse. Von dem Bestechungsgeld hat er ihr übrigens nichts erzählt. Männer sind wohl so.

So sieht unsere Hütte aus. Die Wintersachen haben wir dann doch nicht gebraucht.
4.1.1010

Wir sitzen immer noch im elften Stock unseres Schiffes mit dem dämlichen Namen „Mein Schiff“. Im Freien, ganz hinten im Heck. Wir haben gerade zu Mittag gegessen, den kostenlosen Tischwein, bzw. einen Pott Kaffee mitgenommen und dösen so vor uns hin. Dagmar liest in ihrem Wälzer „Die Verdammnis“ von Stieg Larsson weiter und ich teste die Akkukapazität meines Netbooks. Immer noch 71%. Etwa so wie die Luftfeuchtigkeit.

Das war heute morgen viel schlimmer. Da waren wir nämlich auf der Insel Dominica, nicht zu verwechseln mit einer gewissen Dame aus Hamburg, die sich „Domenica“ nennt. Beide haben was mit Verkehr mit Fremden zu tun, aber auf „Dominica“ ist der Fremdenverkehr neben Bananenexport ein durchaus ehrbares Geschäft. Wir beschließen, den heutigen Landgang mal alleine zu organisieren. Die organisierten TUI-Touren unterscheiden sich nämlich oft nur im Preis von den direkt angebotenen touristischen Aktivitäten. Dominica ist seit 1976 selbstständig und gilt als „Grüne Insel“. So ziemlich das ganze Land ist von Regenwald bedeckt; diverse Wasserfälle ziehen die Touristen-Miniknipsen geradezu magisch an. Nach Sichtung aller verfügbaren Reiseunterlagen entscheiden wir uns aber doch für den Klassiker „Faulenzen am Strand“. Dagmar packt ihren Rucksack voll: Badezeug, Bücher, Handtücher, Sonnencreme, Obst, Wasser.
Wir nehmen einen der insgesamt 10 Fahrstühle (in drei Treppenhäusern) und landen im dritten Stock, der sich „Einschiffung“ nennt, aber durchaus auch der Ausschiffung dient. Jeder „PAX“, also Passagier, wie es früher hieß, hat beim ersten Betreten des Schiffes eine vorbereitete, scheckkartengroße ID-Karte ausgehändigt bekommen. Und damit keiner diese Karte missbrauchen kann, sind wir auch noch fotografiert worden. Wenn also jemand das Schiff verlässt, dann wird diese Karte eingescannt. Der Sicherheitstyp schaut außerdem auf seinen Laptop, ob das Gesicht mit dem tatsächlichen Menschen übereinstimmt. Aus Spaß an der Freud versucht er sich dann noch im Aussprechen der ihm völlig unbekannten Namen. Das ist immer sehr lustig.

Und schon sind wir an Land. Große Schilder warnen uns davor, zu spät zurückzukommen. Die Crew muss sogar eine halbe Stunde eher zurück sein, woraus sich immerhin schließen lässt, dass die Mitarbeiter selbst auch an Land dürfen. Und das in einem Gebiet, in dem Sklaverei bis vor ein paar Jahrzehnten durchaus üblich war…

Und wie überall auf der Welt stürzen sich sofort alle möglichen Verkäufer auf uns. Die TUI-Organisierten werden grüppchenweise in moderne Reisebüsschen gezwängt, während wir uns mit dem verbleibenden freien Markt arrangieren müssen. Ähnlich wie in italienischen Touristenfütterungslokalen „Essen nach Bildern“ lange der letzte Schrei war, werden hier die Inseltouren durch gewagte Grafikkollagen angepriesen. Von Strandurlaub sehen wir leider nichts, deswegen folgen wir einfach mal einem gut aussehenden Eingeborenen, der uns eine 2 1/2-stündige Inselrundfahrt im Jeep für sechzig Dollar anbietet. Während ich noch fieberhaft überlege, welche Dollars er eigentlich meint ( – weil es hier einen „Eastern Caribbean Dollar“ mit einem hübschen Bild von Queen Elisabeth gibt -), geht er schon auf 50 Dollar runter. Ich schlage ein und frage ihn, ob er auch Kreditkarten nimmt. Selten so gelacht. Immerhin werde ich dann an einen hochmodernen Bankautomaten geführt, der mir auch brav 50 Eastern Carribean Dollars ausspuckt, etwa 12 Euro. Das war schon wieder falsch. Es waren doch US-Dollar gemeint. Also nochmal an den Automaten. Der gut aussehende Tourismussachverständige führt uns dann zum Auto, einem Suzuki mit Vierradantrieb aus den guten Jahren des Konzerns. Leider steigt er nicht mit ein, sondern stellt uns „Ashram“ vor, den Fahrer. Wie wir im Laufe der Fahrt mitbekommen, ist er 44 und schon dreifacher Großvater. Verheiratet ist er allerdings nicht, dafür hat er vier „Ladies“, die in unterschiedlichen Stadtteilen wohnen und nichts voneinander wissen. Er kann diese moderne Art der Vielehe durchaus rechtfertigen: „When a girl is out with me, she´s the Lady for me– and I´m the King for her! And whatever I do in between hasn´t to be noticed“. Erinnert mich alles ein bisschen an Jamaica. Ashram sieht älter aus als 44, was wohl auch an seinen komplett desolaten Zähnen und diversen üblen Augenkrankheiten liegt, die ihn gründlich entstellen. Er ist Torwart im örtlichen Fußballclub und hat seinen Körper bis auf die Hände durch den Sport ruiniert, wie er sagt. Aber es ist echt gut drauf. Er lacht ständig, quatscht pausenlos irgendwelche Freunde auf den Straßen an und riskiert auch gern die große Lippe, wie wir schnell merken. Der Suzuki mit den geöffneten Fenstern (- was viel besser als eine Klimaanlage ist -) hat auf den brüchigen Straßen Dominicas wohl schon harte Zeiten hinter sich. Ich gehöre eher zu den Leuten, die von einer Rückentherapie zur nächsten eilen und bin daher hier etwas fehl am Platz. Würde ich natürlich nie zugeben und so stecke ich die vielen harten Schläge auf meine Bandscheiben lächelnd weg. Dass Linksverkehr herrscht, macht es für mich nicht leichter. „If you feel good, I feel good“. Sagt Ashram und liegt damit gar nicht so falsch. Denn was wir mit unserem privaten Reiseleiter erleben, ist so ganz anders und viel zauberhafter als der TUI-Kommerzausflug vom Vortag, auf den ich später noch gründlich eingehen werde.

Irgendeiner der vielen Häfen
Wir fahren zunächst zu einer kleinen Kneipe irgendwo mitten im Urwald und trinken ein Bier. 10.30 Uhr. Ein Bier. OK – in Deutschland ist es jetzt schon fünf Stunden später, aber auch da käme ich nicht im Traum drauf, Alkohol zu konsumieren. Macht nix, hier geht das. Ist ja auch nach deutschem Reinheitsgebot gebraut.

Wir fahren die Serpentinen weiter hinauf und werden dann zu einem 10-minütigen Fußmarsch durch den Urwald animiert. Am Ziel des durchaus ambitionierten Fußwegs sehen wir gleich zwei richtig tolle Wasserfälle. Man verzeihe mir die etwas fantasielose Beschreibung dieses Naturphänomens, aber da läuft es einem doch trotz der Hitze kalt den Rücken runter. Es ist schon erstaunlich, was so ein bisschen Natur ganz alleine zustande bringt. Papayabäume wachsen um uns rum, räkeln sich an Steilhängen gen Himmel. Blumen in grellen roten und gelben Farbtönen umschmeicheln das Auge. Krabben krabbeln durch die Füße und aus den anfänglich 71% Luftfeuchtigkeit sind längst knapp 100 Prozent geworden.
Inzwischen sind auch die organisierten Touristen (mit Walking-Stöcken!) eingetroffen und knipsen die Akkus ihrer Kameras leer.

Ashram erzählt uns, dass heute, am Montag, Nationalfeiertag sei, weil die Regierung im Stadion das neue Parlament bekannt geben würde. Und während ich hier oben im elften Stock in dem wunderschönen Cafe „Tapas Y Mas“ am Heck eines Kolosses mit dem dämlichen Namen „Mein Schiff“ sitze, schaue ich immer mal rüber ins Stadion, ob die Party schon läuft.
Für das wohlverdiente Trinkgeld von Ashram habe ich den Geldautomaten übrigens ein drittes Mal aufsuchen müssen…

Daggi hat sich inzwischen in irgendeine Hängematte am Pool gelegt. Sowohl Hängematten als auch Pools sind reichlich vorhanden. Selbst FKK-Anhänger haben einen eigenen Bereich irgendwo ganz oben kurz unterm Himmel. Die wollen gerne unter sich bleiben, wie man verstehen kann, aber ansonsten gibt es hier (fast) keine Mehr-Klassen-Gesellschaft. Anders als ich das noch aus dem Titanic-Film in Erinnerung habe, darf hier jeder fast überall hin. OK, die Kids dürfen nicht ins Spielcasino und für die Generation Silberlocke ist der Basketballbereich auch nicht unbedingt der Bringer. Und obwohl ich es darf, würden mich keine zehn Pferde zum Yogakurs zwingen können. Daggi ist da anders. Sie schwankt noch zwischen einem Haut-Peeling und diversen SPA-Paketen, bei denen man allerdings nicht SPAren kann, sondern ordentlich zuzahlt. Die Muggibude ist leider immer so stark frequentiert, dass ich eine bequeme Ausrede habe, dort „gerade mal keinen Platz“ gefunden zu haben. Der Mini-Golfplatz ist auch nicht so mein Ding und im „WII-Corner“ nehmen mir die Kinder immer die Controller ab. Ich könnte für 35 Euro einen Grundkurs in der Bildbearbeitung absolvieren, aber leider wird nicht „Photoshop“, sondern „Photo-Impact“ gelehrt. Da könnte ich den Kurs auch gleich selbst leiten und die 35 Euro selbst einsacken.
Erzähle ich doch lieber Mal, wie die Anreise weiterging…

Das linke Schiff gehört zum WALT DISNEY-Konzern, ist aber kleiner, ätsch.
1.1.2010

Nachdem der Neujahrsmorgen für die Friedrichsdorfer Taxifahrerin dann doch so eine positive Wendung genommen hat, sitzen wir am Frankfurter Flughafen und harren der Dinge, die da kommen sollen. Wie immer habe ich mit der Security-Kontrolle mein Problem. Ich habe nämlich einen kleinen schwarzen Metallkoffer dabei, in dem die lebenswichtigen Dinge aufbewahrt werden, also Kameras, Ladegeräte, Handy, Laptop, Playstation und auch ein Mikrophon. Und letzteres scheint den Kontrollören sehr suspekt zu sein. Jedesmal muss ich das Ding anschließen und dessen Funktion vorführen. Diesmal genügt meine eidesstattliche Erklärung, dass es sich bei diesem Mikrophon nicht um eine Bombe oder ein anderes, derzeit verbotenes Utensil handelt. Ruckzuck sind wir am Gate und stellen fest, dass wir uns das Taxi hätten schenken können, da noch so unendlich viel Zeit bis zum Abflug bleibt. Ich schließe die Augen und penne erst mal eine Runde.

Lange nach dem Start werde ich wieder wach. Ich muss wohl zwischendurch auch irgendwie irgendwas gemacht haben, aber ich kann mich nicht daran erinnern. An Bord der Condor-Maschine sitzen wir zu zweit in Reihe zwanzig direkt neben der Toilette, was zu netten Beobachtungen führt, die ich hier besser nicht ausführen möchte. Der Flug ist unglaublich ruhig – nur eine einzige ganz kurze Turbolenz lässt meinen Blutdruck hochjagen. Anders als früher, als Kopfhörer in Flugzeugen noch über Luftröhren gespeist wurden, damit die Paxe die Dinger nicht mitnehmen, schenkt uns TUI heute großzügig ein Paar recht brauchbarer Ohrkapseln, mit denen man das sogenannte „Inflight-Entertainment“ genießen soll. Die Dinger zu putzen und den Gästen neu anzudrehen, ist wohl teurer. Akustisch sind  bei unserem Flug die üblichen Hit-Compilations aller Musikrichtungen angesagt sowie ein „Comedy-Kanal“, bei dem unter Anderen Mario Barth und Loriot einen nicht ganz harmonischen Mix darstellen. Spätestens bei Paul Panzer schalte ich ab. Die beiden Filme und das Rahmenprogramm wollen wir auch nicht sehen, obwohl ICE AGE 3 gezeigt wird. Aber in diesen reduzierten, an den Rändern auf das 4:3-Format reduzierten Spezial- Flugfassungen macht das Zuschauen einfach keinen Spaß. Also hole ich das iPhone aus der Tasche und wir spielen eine Portion „GEORIFIC“. Kennt keiner? Das ist so eine Art Geographiequiz. Man muss beispielsweise folgende Frage beantworten: „Wo fanden 2004 die Olympischen Winterspiele statt?“. Klingt sehr einfach, aber man muss zur Beantwortung auf einer Landkarte den richtigen Ort markieren. Und da zeigen sich üble Lücken!!! Außer bei Daggi. Die ist ja einige Jahre als Stewardess um die Welt geflogen und hat – anders als andere Blondinen – durchaus aufgepasst, wo sie sich befindet. Je nach Entfernung zum korrekten Ziel werden Strafpunkte vergeben. Wer zuerst 8000 km daneben liegt, hat verloren. Kurzum: Ein Spiel, bei dem ich nicht gewinnen kann, das ich aber um so lieber spiele, weil ich dabei sehr viel lernen kann.

Ich schweife ab. Nach neun Stunden, 14 Minuten und einer butterweichen Landung kommen wir in „LA ROMANA“ an, einer großen Hafenstadt in der Domenikanischen Republik. Es ist viertel nach zwei Ortszeit und wir sind wieder putzmunter. Genau fünf Stunden haben wir die Uhr zurückgedreht. Nach dem Aussteigen werden wir sofort in klimatisierte Busse geleitet und zu einem Ungetüm von Kreuzfahrschiff gekarrt, das den dämlichen Namen „Mein Schiff“ trägt, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte. Es ist blau angestrichen und überall mit Worten wie „Sonnenaufgang“ oder „fliegende Fische“ verziert. Wir sind etwas verwirrt, weil im Flieger höchstens 250 Gäste saßen, das Schiff aber über 2000 Passagiere fassen soll. Wie wir später erfahren, sind wir einfach mal wieder zu spät. In der Vorwoche war das Schiff ausgebucht; wir dürfen uns in der kommenden Woche den schwankenden Boden gerade mal mit 1100 Passagieren teilen. Und die verlaufen sich ganz schön!

Unsere Koffer haben wir schon seit dem Sylvesterabend nicht mehr gesehen. Um so erstaunlicher, dass sie tatsächlich nach dem Einchecken in unserer Kabine stehen. Und diese Kabine ist nicht von schlechten Eltern, obwohl wir natürlich das günstigste Modell gewählt haben, nämlich eine Innenkabine. Wir sehen nicht ein, warum wir für die Tatsache, während der Nacht durch ein Bullauge ins Freie schauen zu können, rund 30% mehr zahlen sollten. Mit eigenem Balkon oder gar einer Suite müssten wir schon eine Lebensversicherung flüssig machen.

Unsere kleine, aber feine Kabine hat 16 Quadratmeter, zwei zusammengeschobene Betten, zwei Nachttische, einen Schminktisch mit vielen Schubladen, eine Minibar, einen LCD-Fernseher mit bordeigenem TV-Programm, eine Menge geräumiger Schränke und ein durchaus akzeptables Bad mit Dusche, WC und Waschtisch, die vielen zusätzlichen Ablagemöglichkeiten nicht zu vergessen. Alles in modernen Holztönen gehalten – sehr geschmackvoll. Wir testen mal kurz die Betten und sind sehr zufrieden. Strom gibt es auch in mehreren Dosen; selbst eine Kaffeemaschine steht bereit, für die eine Kapsel des modernen Livestyle-Produkts pro Tag und Person gratis ist. Das Zimmer wird gleich zweimal am Tag aufgeräumt, ohne dass man von arbeitswütigen Putzmäusen aus dem Schlaf gerissen wird. Abends gibt´s Leckerlis aufs Kissen. Außerdem liegt jeden Abend die druckfrische Ausgabe des kommenden Tagesprogramms auf dem Bett. So auch am Ankunftstag.

Am Pool ist´s echt cool.

Wir machen uns frisch, ziehen uns um und beginnen, den Kahn mit dem dämlichen Namen „Mein Schiff“ zu erforschen. Jeder von uns hat ein kleines Mäppchen bei sich, damit er sich nicht verläuft. (Und dieses Mäppchen ist auch heute noch – nach drei Tagen, unersetzlich. Ich habe gerade einen Kartenspielraum entdeckt.)
Wir wandern also durch die Stockwerke und bestaunen die wirklich einmalig geschmackssichere Einrichtung des Dampfers. Da gibt es Bars, die über mehrere Stockwerke hinweg gehen. Es gibt Restaurants an jeder Ecke, Bars bis zum Abwinken und Erholungsnischen noch und noch. Dazu das Pooldeck mit zwei unterschiedlich tiefen Schwimmbecken und drei Whirlpools, Showbühnen ohne Ende und immer wieder überraschende Räume, in die man oft fast nur durch Zufall gerät. Im Spielcasino spielen sie Black Jack und Roulette. Rauchen darf man in diversen Spezialbars sowie im Freien – außer am Pool.

Dann scheppert es plötzlich ganz fürchterlich und der Kapitän hält seine Begrüßungsrede über die bordeigene Lautsprecheranlage, bei der die Firma BOSE ganz sicher nicht den Zuschlag erhalten hat. Zwei bunt gekleidete Sängerinnen grölen die Bordhymne „Oceans of Love“ und die Jungs vom Theater tanzen dazu. Zusätzlich wird Unmengen Sekt verschenkt. Also ein ganz passabler Anfang. So gegen 18.00 Uhr tritt dann an dem einen Ende des Poolbereichs die Band „Sol Tropical“ auf, die sich dadurch auszeichnet, dass die beiden Bandmitglieder sich bei so gut wie keinem Titel über die Akkorde einig sind. Dafür dauert jeder Titel aber  mindestens zehn Minuten. Bevor wir Ohrenkrebs kriegen, gehen wir erst mal was essen. Das zweitgrößte Restaurant auf dem „Mein Schiff“ (merkt Ihr, wie dämlich das klingt?) heißt Anckermannsplatz und bietet etwa 450 Plätze, die sich auf beide Schiffsseiten verteilen. In der Mitte findet man ca. 80 laufende Meter Speisen aller Art. Es gibt wirklich nichts, was es hier nicht gibt. Selbst Pferdefleisch. Das Buffet ist im Reisepreis enthalten, kostet also keinen Cent extra. Bier, Wein und Softdrinks sind ebenfalls umsonst.
Und wie wir im Laufe der Tage erfahren, gilt dies auch für weitere Restaurants an Bord. Im zweistöckigen „ATLANTIC“ (Über 900 Plätze!) gibt es beispielsweise täglich verschiedene Menüs, die man sich an den Tisch bringen lassen kann. Am Pool schuften zwei der 141 Köche (!) rund um die Uhr, um mal schnell was Kurzgebratenes, Hinkel oder Baked Potatoes aufzutischen. Und ein paar Meter weiter werkelt eine Dependace der Fischkette „GOSCH“ aus Sylt, also so eine Art NORDSEE für Besserverdiener. Hier fallen allerdings Extrakosten an, die bei 5-6 Euro pro totem Fisch liegen – also sehr schonend für die Reisekasse. Ach ja, irgendwo bekommt man (natürlich gratis) auch noch alle möglichen Pastas nach Wunsch hergestellt und bei „Tapas Y Mas“ gibts, na? Richtig, Tapas rund um die Uhr. Irgendwo haben sich noch ein aufpreispflichtiges Steakhaus und ein Edelrestaurant versteckt. Und falls man aus irgendwelchen Gründen keins der Futterstellen findet, wird ständig irgendwo ein Zusatzbuffet aufgebaut. Da gibt´s dann mal Kuchen mit Kaffee, Eis mit Früchten, Champagner mit Kaviar oder Austern mit Gemüse. Etwas stillos, aber sehr vernünftig: Alle Getränke werden im Außenbereich aus Plastikgläsern getrunken; Glas gibt´s nur innen.

Wir hauen uns also den Bauch voll und können danach kaum noch „Piep“ sagen. Um 19:30 Uhr beginnt am Pool die Willkommensparty, bei der eine durchaus hervorragende Popband aus Tschechien mit einer dümmlich grinsenden Blondine das fehlende Publikum einzuheizen versucht. Aber wir sind einfach zu schlapp. Außerdem müssen wir unsere Kräfte schonen, denn um 21:30 Uhr beginnt im Theater eine große Show mit den besten Musicalmelodien aller Zeiten. Theater? Ja, Ihr habt richtig gelesen: als wäre das alles noch nicht genug, trumpft „MEIN SCHIFF“ (Hey! Jetzt passt es ja mal!) auch noch mit einem richtigen Theater auf. Mit „richtig“ meine ich nicht so ein Tourneebühnchen wie das Kurtheater in Bad Homburg. Der Laden ist zwei Stockwerke hoch, hat über 900 Sitzplätze mit Abstelltischen für Getränke, eine technisch unglaublich tolle Drehbühne mit zwei unabhängigen Drehelementen, hunderte von fernbedienbaren Scheinwerfern und und und. Also der neueste Theater-Schnickschnack, den man sich so denken kann. Eine 4 mal 9 Meter breite LCD-Leinwand, die sich in der Mitte teilen lässt, ein megaheller Beamer, ein Soundsystem, bei dem BOSE ganz sicher Pate gestanden haben muss und circa fünfzehn Künstler, die ihr Bestes geben, runden das Theatererlebnis ab. Das Einzige, was die Bühne aus Platzgründen nicht bieten kann, ist ein Kulissenboden, weil nach oben einfach der Platz fehlt. Die Jungs und Mädels der Künstlercrew wurden in langwierigen Castings zusammengestellt und haben ihr täglich wechselndes Showprogramm in Berlin einstudiert. Fantastische Kostüme, perfekte Choreografie und vor allem eine Gesangsqualität, die man nur ganz selten geboten bekommt. Ich bin ja nun wirklich kein Freund von Musicals oder gar Operetten, aber was diese Truppe da auf die Bühne bringt, ist schon alleine die Reise wert. Schade, dass nur etwa 300 Leute zuschauen.
Danach fallen uns die Dötzchens zu.

Hier wurde mal RUM hergestellt.
2.1.2010

Der erste Reisetag ist ein sogenannter „Schiffstag“. Das heißt, wir hängen den ganzen Tag und die ganze Nacht auf dem (Mein) Schiff rum, das uns unterdessen von Romana nach Martinique schippert. Dass dies nicht ganz so schlimm ist, kann man sich nach der langen Vorrede sicher ausmalen. Um die Mittagszeit wird ein Sektbuffet aufgebaut, bei dem sich der geneigte Gast an die zweihundert Flaschen vom Feinsten hinter die Binde kippt. Ansonsten knüpfen wir den einen oder anderen Kontakt. Zum Beispiel mit dem alleinreisenden Rentner aus Osnabrück, der schon die dritte Woche hier ist und abends gerne die Damenwelt angräbt. Oder mit einem jungen Pärchen aus der Stuttgarter Gegend, das sich allerdings als ziemlich langweilig entpuppt. Früher hat man Kreuzfahrten immer als Tummelplatz für steinreiche Senioren belächelt – heute ist das Durchschnittsalter deutlich drunter. Die Hälfte der Gäste ist höchstens 35 Jahre alt. Auch bringen viele Kinder Leben in die Bude, ohne dass sie stören. Wir erfahren, dass die Reise im TUI-Katalog fast 5000 Euro kosten sollte, aber die hat wohl niemand bezahlt. Im Gegenteil, wir wundern uns immer wieder, wie es junge Paare heutzutage schaffen, sich diesen Luxus zu gönnen. Der Anteil der Berufsgruppen „Automechaniker“, „Fußballspieler“, „Muggibudenbesitzer“ und „Friseurinnen“ ist dabei überdurchschnittlich hoch – leider. Wirklich interessante Gespräche gelingen daher zunächst nicht – aber wir sind ja erst am zweiten Tag!

Ich führe jetzt nicht mehr aus, was wir wo und wann gegessen und getrunken haben. Der Kapitän, ein Finne, der uns heute irgendwann seine Crew vorgestellt hat, sagte nicht ohne Grund: „Unseren Küchenchef werden Sie lieben, solange Sie an Bord sind. Aber wenn Sie nach Hause kommen und sich auf die Waage stellen, werden Sie ihn hassen!“ Ich befürchte, damit wird er Recht behalten. Daggi ist natürlich strebermäßig sofort ins Sportprogramm eingestiegen und schwimmt jetzt jeden Morgen 40 Bahnen. Im Pool gibts sogar Wellen – das liegt bestimmt daran, dass der mit Meerwasser gefüllt ist. Ich schone meine Kräfte noch für wirklich wichtigere Aufgaben. Nur noch ´ne kleine Käseplatte…


3.1.2010
Martinique. Um sieben Uhr morgens sind wir „gelandet“. Am Vorabend haben wir uns im Theater schon eine Präsentation der Insel angesehen und spontan den teuersten Ausflug gebucht. Eine Tagesrundfahrt für 89 Euro pro Nase. Inklusive kreolischem Mittagessen nebst folkloristischer Musikbegleitung durch Eingeborene. Klingt doch prima – und so sitzen wir pünktlich um 9:30 Uhr im klimatisierten Reisebus. Entgegen der Vorankündigung spricht der Tourguide nicht englisch, sondern deutsch. Und das ist schon er erste Fehler. Eigentlich spricht er französisch mit einigen wenigen deutschen Brocken drin. Bei jedem Satz versagt er irgendwo in der Mitte, weil er nicht weiß, wie man Sätze beendet. Er versucht dann gerne, den Inhalt mit einer anderen gewagten Satzkonstruktion an den Mann zu bringen. Weil er damit sein grundlegendes Problem nicht beseitigt, stammelt er stattdessen irgendwelche Grunzlaute, um zumindest eine Art Satzmelodie zusammen zu bringen. Wir Reisenden starren uns verstohlen an. So langsam sind wir uns einig, dass wir keinen an der Waffel haben, sondern dass unser Tourguide wirklich nur Unsinn verzapft. Schade eigentlich. Oder auch nicht, denn was er uns zeigt, lernt man heutzutage auch schon im Kindergarten (allerdings nur bei Montessory). Wir halten am Straßenrand und schauen uns Bananenstauden an. Wir halten im Halteverbot vor einer Haarnadelkurve und ziehen durch ein privates Ananasfeld, dessen Betreten verboten ist. Dafür sind die Ananas auch alle schon geerntet worden. Wir schauen uns ein Museum an, in dem ein paar Exponate an den letzten Vulkanausbruch 1902 erinnern. Die interessante Geschichte dahinter bekommen wir leider nicht mit, da unser Guide unbedingt den hervorragenen (französischen) Vortrag der Museumsmitarbeiterin übersetzen will. Außerdem bummeln wir noch durch eine Rum-Destille mit Verkostung. Hier legt sich der Guide sogar mit der offiziellen Führerin des Rum-Museums an, da er offenbar eine ganz andere Art der Rumherstellung gelernt hat. Kurzum: Schön ist nur das kreolische Mittagessen mit Musikbegleitung. Alle sind gut drauf, das Essen ist hervorragend, es gibt Wein und Rum und die Wirtsleut schenken uns beim Weggehen noch einen warmen Apfelkuchen. Im Bus und beim Essen lernen wir auch zwei nette Mitreisende kennen: Jürgen und Maria. Pensionierter, aber noch aktiver Mathelehrer und seine deutlich jüngere Freundin aus dem Finanzdienstleistungsbereich. Mit den Beiden werden wir noch unseren Spaß haben…

Ein schöner Tag? Ja, natürlich, aber dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Fast 180 Euro für einen stammelnden Tourguide, der der deutschen Sprache völlig ohnmächtig gegenüber steht? Ich habe mich dann im Schiff auch über dieses Manko beschwert. Bis heute leider keine Reaktion. (Und heute, da ich dies schreibe, ist schon der 6.1.2010!) (Und heute, da ich diesen Text mal wieder redigiere, ist schon der 9.1.!) (Dito am 12.1. – ich gebe es auf.)

Abends haben wir Jürgen und Maria nochmal getroffen und in der „Blaue Welt-Bar“ einen Cocktail eingenommen, der für Teilnehmer eines Ausflugs um 50% reduziert war. Doch davon später mehr. Jetzt muss ich erst mal in die Kajüte und ein paar Werbespots für „Medipharma Cosmetics“ sprechen, die drüben in Deutschland dringend gebraucht werden. Gut, dass ich mein Mikrophon und dieses Netbook dabei habe…
Also, bis morgen dann!


7.1.2010

Ein schwarzer Tag für Dagmar. Hat sie doch bei „Georific“ 10:0 verloren. Jawoll, ich habe das erste Mal gewonnen und dann auch noch so hoch…
Auch ein schwarzer Tag für meine Kreditkarte: 460.- Euro an Extras haben wir in den ersten sechs Tagen an Bord verbraten. Mit Internet, Ausflugskosten, diversen kleinen Einkäufen ist das ganz OK. Die Kosten außerhalb des Schiffes kommen aber auch noch hinzu. Das dürften bisher etwa 160.- Euro gewesen sein. Ich schreibe das nicht, damit Ihr Mitleid bekommt, sondern weil ich denke, dass das ganz braucbare Informationen sind, falls Ihr selbst mal so eine Reise plant.
Heute sind wir wiedermal den ganzen Tag auf dem Schiff mit dem dämlichen Namen „Mein Schiff“. Die Reise von Guadeloupe nach La Romana dauert knapp 36 Stunden.  Es ist zwar warm, aber meistens bewölkt. Die Crew gibt sich redlich und erfolgreich Mühe, die Gäste bei Laune zu halten. Alle paar Minuten gibt es irgendwo was zu Trinken oder zu Essen und die üblichen Kapellen dudeln ihre Musik runter. Im „Konferenzraum“ wird heute Abend eine DVD vorgeführt, auf der die bisherige Reise von einem Profiteam festgehalten wurde. 67.- Euro kostet das Unikat und ich überlege mir ernsthaft, das Werk zu kaufen. Aber natürlich erst am Ende der nächsten Woche.

Vier von 15 Showtalenten bei der Arbeit.
So, dann arbeiten wir mal die weiteren bisher getätigten Ausflüge ab.

5.1.2010
St. Maarten heißt die Insel, die uns heute erwartet. Die eine Hälfte gehört den Holländern, die andere Hälfte wird von den Franzosen regiert. Die Grenze verläuft problemlos mitten durch die Insel und alle verstehen sich prächtig, solange sie französisch reden. Direkt am Hafen steht ein riesiges Duty-Free-Einkaufsparadies. Bezahlt wird in US-Dollar, obwohl wir eigentlich in Europa sind. OK, der Euro wird zwar akzeptiert, aber 1:1 abgerechnet, was beim derzeitigen Eurokurs ein feines Geschäft für diese modernen Pirates of the Caribbean ist. Da sich die Elektronikpreise auch nicht wesentlich von denen im Mediamarkt und Co. unterscheiden, schließen wir uns einem Sammeltaxi an und fahren für je 6 US-Dollar pro geröteter Nase an einen Strand, der an der Atlantikseite im französischen Teil gelegen ist. Die rund zwei Kilometer lange Sandküste wird von Abertausenden von Liegestühlen und Sonnenschirmen samt eingeschmierten amerikanischen Touristen verunstaltet, die wohl noch vor uns in St. Maarten mit einem Dampfer der Firma Walt Disney angereist sind. 18 Euro = Dollar (wir haben leider nichts gewechselt) werden uns für die beiden Liegen abgeknöpft, und nun können wir endlich das lange ersehnte Strandleben genießen. Dagmar geht zweimal ins Wasser und ich einmal. Neuer Rekord. In Thailand gehe ich nie ins Meer, weil mir da Korallen ständig meinen schmalen Leib aufschlitzen. Dann schauen wir noch eine Weile zu, wie diese ganzen Supersportler mit ihren gemieteten Jet-Skies durch die Badenden preschen oder sich – von Motorbooten gezogen – durch die Luft wirbeln lassen. Weitere Abwechslung erhalten wir durch die im Minutentakt vorbeiziehenden Händler, die das übliche Gedöns anbieten. Erstaunlicherweise befinden sich da auch zwei recht gut aussehende europäische Frauen um die 40 darunter, die versuchen, handgefertigte Blüten loszuwerden. Ich meine jetzt kein Falschgeld, sondern richtige Blüten, die irgendwie umgebastelt wurden, damit man sie sich ins Haar oder sonstwo hinstecken kann. Was machen die hier? Wir spekulieren, dass die beiden wohl vor ein paar Jahren mal mit ihren Männern hier eine neue Existenz aufbauen wollten. Die Männer sind ganz schnell wieder abgehauen und seitdem versuchen die beiden, durch den Verkauf dieses Schnickschnacks das Geld für den Heimflug zusammenzusparen. Und jedesmal, wenn sie das Geld fast zusammen haben, passiert etwas Unvorhergesehenes. Einmal werden sie von Einbrechern überrascht, die das mühsam Ersparte mitnehmen; ein andermal versaufen sie alles auf einer Riesenparty; dann werden sie mit einem Joint erwischt und müssen das Ersparte als Strafe an die Behörden abgeben. Keine Ahnung, ob´s stimmt, aber es könnte doch sein, oder?

Dagmar nascht Süßes. Sie darf das.
Leider zieht sich die Zeit langsam wie Kaugummi und wir beschließen, doch wieder auf´s „Mein Schiff“ zu fahren. Da gibt es immerhin kostenloses Essen. Das Taxi zurück kostet jetzt schon 7 Dollar pro noch geröteteter Nase, aber wir kommen noch rechtzeitig ans Buffet. Den Nachmittag verbringe ich mit Lesen, Internetblogschreiben und ein paar kleinen Sprachaufnahmen, damit ich es nicht verlerne.

Abends schauen wir uns zunächst die Präsentation über „Guadeloupe“ an. Die wie üblich überteuerten Ausflüge lassen wir links liegen, merken uns aber die besten Stellen und beschließen, die morgen auf eigene Faust zu erkunden.

Um halb zehn gibt es wieder einen tollen Showauftritt der Berliner Unterhaltungscrew. Habe leider vergessen, worum es ging, weil sich die Auftritte – so spektakulär sie auch sein mögen – doch in ihrer Art sehr ähneln. Daggi schläft inzwischen regelmäßig dabei ein. Das liegt aber nicht an den Showdarbietungen, sondern am Erschöpfungszustand meiner Süßen nach so einem anstrengen Tag. Ich stecke das ja locker weg…

Der Dampfer von seiner schönsten Seite.
Nach dem Theaterbesuch setzen wir uns noch zum einem Absacker in die Heckbar „Tapas Y Mas“ und treffen dort auch wieder Jürgen und Maria, mit denen wir unsere Leben im Schnelldurchlauf abgleichen und einige Gemeinsakeiten entdecken.

Daggi hat wohl doch ein bisschen zu viel Sonne abbekommen und verträgt den Wein nicht mehr so richtig. Ich bringe sie in die Koje, putze mir die Zähne und lege mich dazu. Sie schläft schon tief und fest.

Schönes Flugzeug. Schön schnell.
6.1.2010

Ich hätte mich besser nicht dazugelegt. Am nächsten Morgen stehe ich im Bad vorm Spiegel und merke plötzlich, wie mir etwas den Rücken runterkrabbelt und dann zu Boden fällt. Panik pur! Das „Etwas“ entpuppt sich als eine in Stanniolpapier eingewickelte Nougatpraline, die zwecks Erbauung der Passagiere vor dem Schlafengehen auf den Betten verteilt werden. Habe ich Dunkeln natürlich nicht gesehen und daher die ganze Nacht darauf gelegen. Ein Blick auf das Bettlaken zeigt mir, wie unruhig mein Schlaf gewesen sein muss. Der arme Zimmerbub muss einen gehörigen Schreck bekommen haben, sah das Betttuch doch aus wie nach einer blutigen Messerstecherei.

Nach dem Frühstück dann die nächste Landtour. Inzwischen sind wir ja in Guadeloupe angekommen.Wie wir alle wissen, gehört auch diese Insel den Franzosen, auch wenn die Briten sie zwischenzeitlich mehrmals erobert hatten. Die Währung ist hier tatsächlich mal der Euro, was uns wenig bringt, da wir die Taschen inzwischen voller Dollars haben – der EC-Karte sei Dank.
Wir beschließen, zunächst per Fuß die Hafenstadt „Point-á-Pitre“ zu erobern. Freundlicherweise hat man den sinnvollsten Spazierweg auf den Bürgersteigen markiert und so sehen wir eine Menge netter Häuser und Monumente, deren Sinn und zweck jeder selbst im ADAC-Führer nachlesen möge.

Leider ist es brüllend heiß bei annähernd 100% Luftfeuchtigkeit und wir haben sehr bald keine Lust mehr, uns durch alte Immobilien und neue Billigramschläden durchzukämpfen. Schnell finden wir einen Taxifahrer, der uns für 80 Euro drei Stunden lang durch die Gegend fahren möchte. Kaum im Taxi, vergisst er leider seine englischen Sprachkenntnisse und spricht fortan nur noch Französisch, was zumindest für Daggi kein Problem darstellt. Sie hat einen interessanten Mangrovenwald herausgefunden, in dem man mit einem Motorboot Faun und Flora besonders nahe kommt. Leider kennt der Fahrer dieses Reservat nicht, fährt uns aber innerhalb einer halben Stunde circa 200 Meter weiter zum Tourismusbüro, wo man tatsächlich weiß, worum es uns geht. Eine Telefonnummer für die Buchung des Bootes haben wir auch erhalten. Weitere 30 Minuten, also 200 Meter später, sind wir dem Innenstadtgewühl entfleucht und fahren erstmal zu einer Tankstelle, weil das Taxi wohl nicht aufgetankt ist. Erstaunlicherweise tankt der Fahrer gerade mal fünf Liter. Das sollte uns zu denken geben, tut es aber nicht. Bevor wir weiterfahren, ruft er die angegebene Nummer an. Die Bestellung eines Bootes ist angeblich nicht möglich, weil alle Bootchen bereits in Betrieb sind. Also gut, Plan B. Der Fahrer fährt einfach seine Standard-Strecke. Die Fahrt führt durch eine sehr schön bewachsene Insel mit recht hübschen Häusern und Anwesen. Einmal dürfen wir aussteigen und einen Panoramablick genießen, bei dem man natürlich auch wieder „Mein Schiff“ sieht.

Das war in…? Mist, vergessen.
Der nächste Stopp ist am Eingang eines Naturparks, wo wir nach zweiminütiger Wanderung einem kleinen Wasserfall gegenüberstehen, in dem man baden darf. Aber nicht alles, was man darf, muss man wollen – deswegen latschen wir wieder zurück. Unser Fahrer flirtet inzwischen mit einer Andenkenverkäuferin, die auch selbstgepressten Saft verscherbelt. Daggi trinkt einen Guavesaft, von dessen Existenz ich erst hier und jetzt erfahre. Aber ich kann ja nicht alles wissen. Als letztes Ziel bietet uns der Fahrer wahlweise einen botanischen Garten oder eine Rumdestillerie an. Demokratisch entscheide ich mich für den Rum und freue mich schon auf die übliche Gratisverkostung des Nationalgetränks. Auf dem Weg dorthin muss unser Fahrer schon wieder tanken, was nun doch etwas suspekt ist, zumal er für die Bezahlung von weiteren 5 Litern sein letztes Kleingeld zusammengekratzt hat. Na ja, was geht´s uns an. Irgendwann erreichen wir die Rum-Destillerie. Leider ist kein Mensch zu Hause, jedenfalls sehen wir niemanden. Ein kleines Restaurant direkt am Eingang, das von zwei sehr befreundeten Jungs geführt wird, lädt uns zu einem alternativen Glas Wein ein, während wir auf die Rum-ler warten. Die sind nämlich gerade auf einer Betriebsversammlung. Ja, in europäischen Verwaltungen muss alles korrekt sein. Nun endlich geht es weiter. Die Tür zur Destillerie wird geöffnet, bunt gekleidete Schönheiten drücken uns Rumgläschen in die Hand, die wir jetzt aber noch ablehnen. Wir wollen erst eine Tour mit einer kleinen Bimmelbahn machen, die uns die Rumproduktion verdeutlichen soll. Kostet 18.- Euro für uns beide. Start in 15 Minuten. Nun wird unser Fahrer plötzlich garstig. Sooo lange könne er nicht auf uns warten, da müssten wir was drauflegen. Ich biete ihm gerne und ohne irgendwelche Tarifverhandlungen 100 statt 80 Euro an und freue mich in Gedanken schon auf das dankbare Gesicht des guadeloupischen Einwohners. Das allerdings unterbleibt. Stattdessen hätte er nun gerne 120.- Euro. Wenige Sekunden lang bin ich sprachlos – und das kommt wirklich selten vor. Ähnlich wie sich unsere Regierung nicht von Terroristen erpressen lässt, lasse ich mich nicht von Taxifahrern erpressen. Ich gebe die beiden Tickets für die Bimmelbahn zurück und befehle – durchaus autoritär – die sofortige Rückreise zum Schiff. 50% Aufpreis für eine knappe Stunde Wartezeit, in der sein Auto noch nicht einmal bewegt würde, sind unverschämt. Wenn man die Tankpausen und seine fehlenden Geografiekenntnisse der eigenen Insel hinzuzählt, haben wir gerade mal eineinhalb Stunden seiner Zeit in Anspruch genommen. Er schimpft noch irgendwas auf Französisch, bevor er uns dann wortlos, aber mit deutlich aggressivem Fahrstil innerhalb von nur zwanzig Minuten zum Schiff zurückbringt. Das Wechselgeld rückt er nur widerwillig heraus, weil die ganz in der Nähe stehende Hafenpolizei ein Einbehalten des Geldes nicht sehr ratsam erscheinen liesse…

Das Abendessen ist heute richtig fein. Wir sitzen zusammen mit Maria und Jürgen im Restaurant „Atlantik“ (wie schon erwähnt hat das ca. 900 Sitzplätze, die über zwei Stockwerke verteilt sind) und genießen ein sechsgängiges Menu vom Feinsten, allerfeinsten Tischwein inklusive. Die Zeit vergeht wie im Fluge und ruckzuck ist es Zeit für die Abendunterhaltung.

So voll wie hier war es nur bei Poolpartys.
Im Theater läuft um halb zehn mal wieder eine Art Musical („Baby´s Best“), geschrieben von einem ehemaligen KLIMBIM-Autor. Die Qualität ist heute erstmals deutlich unter den bisher gebotenen Leistungen; ein Beatles-Medley am Ende klingt sogar richtig peinlich. Also wecke ich Daggi und wir nehmen noch ein paar Getränke in unserer „Stammbar“ ein. Bett um halb eins. So langsam habe ich den Jetlag überwunden.
In die Rettungsboote passen 2700 Personen.

9.1.2010
Heute ist mal wieder ein Seetag. Wir gondeln von La Romana in der Dominikanischen Republik nach Grenada. Und das ist nun mal ein Stück weit weg.

Ein Tag, an dem man schön faulenzen kann, wenn man das könnte. Ich habe heute morgen einen kleinen Auftrag für einen Lernkurs über das Europäische Wettbewerbsrecht gesprochen und in die USA geschickt, wo es – mit hübschen Powerpoint-Folien versehen – für unsere Heimat konfektioniert wird. Außerdem habe ich endlich mal ein Dutzend Bilder ausgesucht, in ein internetfreundliches Format umgewandelt und für den Einbau in diesen Blog gespeichert. Kann also nicht mehr lange dauern, bis man auch SEHEN kann, wo wir uns befinden. Die Eingabe der Inselnamen in „Google Earth“ ist übrigens auch eine gute Hilfe.
Da ansonsten außer der üblichen Völlerei nichts passiert, erzähle ich besser mal von GESTERN:

8.1.2010

Heute ist ja die erste Woche zu Ende. Einschifftag = Ausschifftag. Rund 600 Gäste verlassen mein Schiff (wie schnell sich das doch in die Umgangssprache einschmeichelt!) und machen Platz für mindestens 900 Neue. Ja, es wird langsam eng an Bord. Gleichzeitig ist das Durchschnittsalter dramatisch gestiegen. Die Generation der Rentenempfänger hat das Kommando übernommen. Gut, dass wenigstens das Personal sowie Daggi und ich den Durchschnitt noch dramatisch drücken. Na gut, Spaß muss sein.

Das sind übrigens Maria und Jürgen
Wir haben inzwischen in LA ROMANA angelegt, wo die Reise begonnen hat. Die zweite Hälfte führt uns zu den noch fehlenden Inseln Grenada, St. Lucia, Barbados und Antigua. Für heute haben wir beschlossen, zumsammen mit Maria und Jürgen eine Stadtbesichtigung der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, SANTO DOMINGO, zu unternehmen. Die Stadt liegt nun nicht gerade um die Ecke, sondern muss erst mal nach einer knapp zweistündigen Taxifahrt erreicht werden. „Toni King“ heißt unser Fahrer, was ihn als direkten Nachfahren einer Sklavengeneration auszeichnet. Die Straßen sind recht gut in Schuss, nur die eine oder andere Bodenwelle versetzt mein geplagtes Kreuz in üble Schmerzzustände. Wenn ich ein Pferd wäre, hätte man mich jetzt erschossen, um mir weitere Qualen zu ersparen. Egal. In der Stadt werden wir zunächst in ein BERNSTEIN-Museum geführt. Auch hier werden wir semi-professionell betreut. Der Guide spricht zunächst Englisch und schaltet dann, als er unsere Nationalität erkennt, auf Deutsch um. Leider spricht er beide Sprachen nur rudimentär, sodass wir besser die englischen Beschreibungen unter den Exponaten lesen. Bernstein gibt es also nicht nur an der Ostsee, sondern auch hier. Das Zeugs muss unheimlich wertvoll sein, denn für einen Ring ruft man im Verkaufsraum, wo die Tour verständlicherweise endet, stolze 450 US-Dollar auf. Das übersteigt unsere Möglichkeiten und wir fahren deshalb mit Toni King weiter in die „koloniale Altstadt“. Weil gerade Mittagszeit ist, fährt er uns in ein sehr angesagtes Restaurant, in dem wir uns am Buffet mal wieder die Kiste vollschlagen. Danach lernen wir unseren dritten Guide des Tages kennen. Er will uns im Schnelldurchlauf die Geschichte der Stadt näherbringen und uns trotzdem noch genug Zeit lassen, ein paar Einkäufe zu tätigen. Das mit der Geschichte schaffen wir in etwa 30 Minuten. Ein gutes Dutzend alter Kästen samt ihrer spannenden Historie graben sich in unsere Hirnwindungen ein. Näheres siehe ADAC-Reiseführer. Wir sehen sogar das Haus des Megatyrannen Trujillo, der erst 1967 ermordet wurde. Hier hat er den einen oder anderen Regimefeind vom Leben persönlich zum Tode befördert. Das Haus steht übrigens seit über 10 Jahren zum Verkauf (100.000 Dollar, recht gut in Schuss), aber keiner will es haben. Ich würde ein Gruselmuseum daraus machen, aber mir fehlen die 100.000 Dollar.
Der „Wasserfall“ am Ende eines dreiminütigen Wanderwegs. Man soll ja auch nichts übertreiben bei der Hitze…

Dann geht es in den landestypischen Supermarkt – ein vier Meter breites und zwei Meter fünfig hohes Reihenhaus, das bis in die kleinste Ecke mit Tinneff gefüllt ist. Natürlich auch mit Bernstein-Schmuck, der hier erstaunlicherweise weniger als ein Zehntel des Museumspreises kostet. Ob er echt ist, wissen wir nicht, aber die Finger unserer Liebsten zieren jetzt sogenannte Wende-Ringe. Man kann sie drehen und wenden, wie man will, sie zeigen mal einen Bernstein, mal einen anderen, blauen Stein namens „LARIMAR“, der hier auch massenhaft gefördert wird. Zum Schluss gibt es noch eine Kathedrale zu sehen, in der die wichtigsten Personen der „neuen“ DOM REP aufgebahrt sind. Unser genialer Führer, der übrigens ein wunderbares Englisch spricht, zeigt uns alle wichtigen Motive und macht auch selbst ein paar Bilder mit und für uns.
Schließlich landen wir noch in einer Depardence einer berühmten amerikanischen Kette, die keine Hamburger herstellt. Wo wir da waren und was wir da gekauft haben, bleibt aber bis zur Rückkehr ein Geheimnis. Ätsch.

Nach weiteren zwei Stunden im Taxi sind wir wieder auf dem Schiff. Die meisten Gäste sind inzwischen an Bord und fallen durch zwei Dinge auf: Zu dick angezogen und käsebleich. Außerdem sind sie eben viel älter.

Die rüstigen Reiseprofis sind aber in Vielem fitter als wir. Kaum, dass die Band zur Willkommensparty aufspielt, ist die Tanzfläche schon voll. Von „Gammelfleisch“ kann man da wohl kaum reden.
Deswegen fliehen wir auch gleich wieder ins Restaurant „Atlantic“, um uns aus den rund 14 angebotenen Delikatessen ein leckeres Menu zusammenzustellen.

Anschließend – in der dreistöckigen „Blaue Welt Bar“ – traue ich mich sogar mal paar Minuten an den Flügel, weil der diensthabende Pianist durch Abwesenheit glänzt. Hat Spaß gemacht, obwohl mir langsam wirklich die Übung fehlt. Wir vier trinken einen Cocktail und Daggi raucht mal wieder sehnsuchtsvoll eine Kippe.

Weiter geht´s in die „Aussicht Bar“. Ja, wenn man die Namen auf diesem Schiff so hört, muss man Humor haben. Es gibt nämlich auch noch eine „Überschau Bar“, eine „Abtanz Bar“, eine „Unverzicht Bar“, eine „Netz Bar“, eine „Nasch Bar“ und eine „Versteck Bar“. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Verantwortlichen  für die Namensgebung sich in einem dreitägigen Brainstorming die wunderlichsten Dinge aus dem Schädel gesaugt haben, ohne zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen. Erst, als der Chef „Haschisch für Alle“ freigibt, sprudeln die Einfälle wie verrückt. Leider ist der Chef selbst wohl auch völlig zugedröhnt, als er den Unsinn abzeichnet.
Egal, man gewöhnt sich an Alles.

Rot = braun
Nach einem Drink in besagter „Aussicht Bar“ im Heck des sechsten Stocks gehen wir direkt in das unmittelbar anschließende „Casino“, das hier natürlich „Spielplatz“ heißt. Wir müssen Bares in Chips wechseln, um mitspielen zu können. Daggi und ich wechseln 50 Euro in 2-Euro-Chips und begeben uns zum Roulettetisch. Irgendwie müssen wir beiden (Quasi)-Homburger die Gene der „Mutter von Monte Carlo“ im Blut haben, denn nach einer halben Stunde verlassen wir den Laden mit immerhin 27 Euro im Haben. Jürgen hat auch sehr viel gewonnen. Leider hat Maria das immer wieder gleich verzockt.

Noch ein letztes Glas im Freien im „Tapa Y Mas“ und das Bett schreit nach uns…

10.01.10
Highlight des Tages ist eine Tour durch Grenada. Auch diesmal haben wir uns dazu entschlossen, das überteuerte Angebot von TUI (89.- Euro pro Person) zu ignorieren und stattdessen auf eigene Faust die Insel zu erobern. Haben die Engländer, Russen, Amerikaner etc. ja auch nicht anders gemacht. Um an Land zu kommen, müssen wir diesmal aber „tendern“, wie der Fachmann sagt. Unser Schaluppe ist nämlich zu groß, um ganz vorne im Hafen anlegen zu können. Achteinhalb Meter Tiefgang hat der Kahn, einen halben Meter zu viel für den letzten noch freien Ankerplatz im Hafen. Die anderen Kolosse waren nämlich schneller – drei weitere Kreuzfahrtschiffe spucken bereits in großem Bogen Passagiere aus ihren Bäuchen. Die Übersetzung an Land, also das besagte „Tendern“ wird mit ein paar der vielen Rettungsboote, die unser Schiff hat, bewerkstelligt. So lernen wir unsere Lebensretter in einem etwaigen Notfall auch mal von innen kennen. Sehr ordentliche Boote, die sogar Ruder an Bord haben, falls der Motor schlapp macht. Die Überfahrt dauert zwanzig Minuten und bringt uns in den Hafen von Grenada, Georgetown. Schnell finden sich 15 Leute zusammen, die für 20.- US-Dollar pro Person von unserem eingeborenen Tourguide GLENN die spannenden News der Insel aufsaugen. Das größte Drama von Grenada war ein verheerender Hurrikane im Jahr 2004, der 90% aller Häuser der Insel dem Erdbeben gleich machte. Auf unserer Tour haben wir einige Ruinen gesehen, bei denen nur noch das Bad und die Toilette übrig geblieben waren, weil dies die beiden einzigen Räume aus Beton waren. Alles, was aus Holz war, ist weg geflogen. Erstaunlicherweise wurde die Insel – mit viel Geld der internationalen Staatengemeinschaft – wieder fast vollständig aufgebaut. Unser Fahrer erinnerte auch an den Krieg, bei dem die USA (war es 1984?) das Land von den Russen befreit hat. 2000 Jungs sind da an einem Tag gestorben. Ein paar hundert Jahre vorher, als die Engländer mit Kanonen auf Macheten zielten, waren das noch ein paar mehr. Um der Sklaverei zu entgehen, stürzten sich die Überlebenden wie die Lemminge von einem hohen Felsen in die Tiefe. Inzwischen ist Grenada unabhängig und selbstständig, was man sofort an der befreienden, lockeren Lebensweise der Bewohner merkt. Hier fließt fast ausschließlich karibisches Blut in den Adern – und das hat es in sich. Die Wirtschaft brummt, vor allem durch den Verkauf von Gewürzen und Rum. Und so ist die Vorstellung der inseltypischen Gewürze auch Teil des Ausflugsprogramms. Wir kaufen dann gleich mal einen Jahresvorrat ein. Weiter geht es zu einem Wasserfall, an dem sich mutige junge Männer – gegen Dollars – vom Felsen ins Wasser stürzen. Wir sehen Männer mit Äffchen auf der Schulter, Gürteltieren im Arm oder Riesengeckos am Armband. Frauen tanzen und singen, obwohl sie einen Riesenhut voller Bananen und anderen Früchten auf dem Schädel balancieren. Die Gewürzhändler verfolgen uns an jeder Station, an der wir halt machen. Alle wollen unser Bestes – den Dollar. Und weil alle gut drauf sind, verdienen die eigentlich bemitleidenswerten Folkloredarsteller reichlich viel davon. Was langfristig dazu führt, dass irgendwann gar niemand mehr arbeitet. Die Geschäfte sind jedenfalls alle zu, was aber wohl eher mit dem heutigen Wochentag, dem Sonntag zusammenhängt.

Im Naturkunde-Freilichtmuseum
Wir fahren weiter, ganz hoch zu einem Waldsee, wo wir schon von weiteren One-Dollar-Darstellern erwartet werden. Aber auch die machen ihre Sache so nett, dass wir bereitwillig unseren Obulus entrichten.

Und so geht das munter weiter. Als letzte Station vor der Rückfahrt werden wir noch für ein paar Minuten an einen wunderschönen Strand entlassen. Jürgen hat seine Badehose mitgenommen und nutzt die wenigen Minuten für einen Quickie im Meer. Also ohne Maria, aber mit Wasser. Danach geht´s zurück in den Hafen, wo vor unseren Augen gerade ein Tenderboot ablegt. Das nächste ist aber schon da. Weil wir denken, das dauert jetzt ´ne Ewigkeit, bis da genügend Leute für die Rückfahrt eintrudeln, bummeln wir noch ein bisschen durch die Touri-Läden im Hafen. Schwupps fährt auch dieses Boot vor unseren Augen halbleer weg. Das Dritte haben wir dann gekriegt und es gelingen spektakulär schöne Aufnahmen von unserem Schiff:

Das ist eigentlich eine Filmaufnahme aus dem Beiboot. Kann man aber hier nicht sehen.
Der Nachmittag verläuft wie gewohnt. Rumsitzen, rumlesen, rumquatschen, Rum trinken. Gegen halb vier gibt es ein wunderbares Eisbüffet mit allerfeinstem Speiseeis, natürlich aus Europa importiert.

Und so leise regt sich unser Öko-Gewissen. Kann es in Ordnung sein, dass ein paartausend Wohlbetuchte abertausend Kilometer durch die Welt fliegen, um mit einem Megadampfer, der nicht gerade als Spritsparer verschrien ist, sinnlos in der Karibik hin- und herzufahren sowie Jeeptouren durch uns unbekannte Eiländer zu unternehmen, die dazu führen, dass die Bewohner der Inseln sich lieber zum Kasper machen als einer anständigen Arbeit nachzugehen? Ist es nicht geradezu perfid, dass das an Bord gereichte Sprudelwasser aus Gerolstein in Deutschland kommt und nicht aus den sicher nicht schlechteren Brunnen der besuchten Inseln? Ist es wirklich nötig, dermaßen viel CO2 in die Luft zu blasen, nur damit wir unseren Bauch auch im Winter, wenn es schneit, in der Sonne brutzeln lassen können? Hat die Evolution wirklich vorgesehen, dass wir mit Höchsteinsätzen Schiffe bauen, die nur dem Zweck dienen, uns das Leben so bequem wie möglich zu machen? Müssen wir wirklich jeden Ort der Welt persönlich gesehen haben? Eine Folge „Wunderbare Welt“ im ZDF bringt doch da sehr viel mehr (- vor allem, wenn ich sie gesprochen habe -) und kostet am Ende sehr viel weniger (vor allem, wenn ich sie gesprochen habe, leider).

Die Antwort ist natürlich: „JA!“

Im Moment sind es minus 15 Grad in Deutschland und Europa versinkt im Schnee. Anscheinend klappt das mit der Klimakatastrophe im Moment nicht so dolle wie versprochen, denn es sollten ja eigentlich Plusgrade herrschen, bedingt durch die schonungslose Luftverpestung durch CO2-Gase. Und warum wird es nicht wärmer? Weil immer noch viel zu wenig Leute in die Karibik fliegen und sinnlos Umweltgase erzeugen. Das funktioniert erst bei einer bedeutend höheren Fallzahl. Wäre das Schiff ausgebucht, wären sicher schon -10 Grad…

*** Ende des Satirebeitrags***

Übrigens, mal so am Rand: Die Umweltabgabe, die wir in Deutschland brav an den Staat abführen, wird nur zu 5 % für die Weiterentwicklung alternativer Energien verwendet – 90% dienen dazu, die Rentenbeiträge künstlich tiefer zu halten, um damit den „Produktionsstandort Deutschland“ für Unternehmer attraktiver zu machen.

Diese Kolosse sehen wir hier jeden Tag.

Um halb sieben treffen wir uns wieder mit Maria und Jürgen zum Abendessen. Vorher kaufe ich mir in einer der ca. 20 Boutiquen an Bord noch eine Hose, die aber leider nicht passt, wie sich später herausstellt. Ich beginne bereits, den Chefkoch zu hassen, bestelle aber erst mal die Karte hoch und runter. Meine Süße nimmt immer noch nicht zu, obwohl sie genauso viel isst wie ich. Das ist ziemlich ungerecht.
Nach dem Essen spielen wir BINGO. Maria gewinnt das erste Spiel, einen Trostpreis und Daggi fehlt beim Hauptspiel (Full House) nur noch eine Zahl. Ich bin chancenlos. Die zehn Euro Einsatz müssen wir leider abschreiben. Das Nachtprogramm beginnt sich zu wiederholen – heute ist wieder die Travestieshow dran, die allerdings auch ganz hervorragend ist. Ich erfahre, dass das Showteam Anfang nächster Woche ausgewechselt wird. Hoffentlich sind die Neuen genauso gut. An Bord sind sie bereits und schauen sich jeden Tag die Arbeit ihrer Kollegen an.

Neu ist auch die Band im „Tapaz Y Mas“. Das Jazztrio „Voodoolulu“ besteht aus einem Gitaristen, der aus Mozambique kommt, einem Bassisten aus New York mit einem richtigen Standbass und dem Drummer und Sänger aus Berlin. Und genau dort haben sich die drei auch getroffen und ihre sehr schöne Jazz/Raggae-Musik kultiviert. Wir bleiben bis Mitternacht.

Kokosnussbaum, auch als Korkenzieher zu verwenden
11.01.10

Spätes Frühstück. Daggi hat heute morgen „nur“ zwanzig Runden geschafft. Ich habe dafür eine Runde länger geschlafen. Es muss sich halt alles ausgleichen.
Inzwischen sind wir in BARBADOS angekommen. Maria und Jürgen wollen an den Strand, wir ziehen eine weitere Inselbesichtigung vor. Diesmal wird es nicht so einfach, Mitreisende zu finden, da die Meisten schon an Land sind. Schließlich müssen wir zu viert mit einem alten, klapprigen Toyota-Taxi mit durchgesessenen Sitzen vorlieb nehmen. PETER, unser Fahrer und Guide, erklärt uns die Insel in dem typischen Pidgin-Englisch, das sich hier breitgemacht hat. Zunächst fahren wir in die noblen Vorstraßen der Hafenstadt, wo ein kleines Grundstück am Meer schon eine Million Dollar kostet. Wir fahren über Golfplätze, die das Ausmaß eines kleinen Bundeslandes haben und sehen Villen, in denen unter anderem Paul McCartney, Cliff Richard und Celine Dion ihr klägliches Dasein fristen müssen. Irgendwelche, mir unbekannte englische Sportler haben ganze Villendörfer hochgezogen, um betuchte Promis an Land zu ziehen. Kurzum, eine Gegend, in der ich auf keinen Fall wohnen will. Wir stoppen an der ältesten Kirche der Insel aus dem Jahre 16hundertweißnichtmehr, in der schon die Kennedys, die Reagens, Kofi Annan und auch Cliff Richard gesessen haben. Ich teste mal spaßeshalber den Sitz, auf dem Reagan saß, es ist aber bisher kein böser Virus auf mich übergesprungen. Einen weiteren Stopp machen wir auf dem höchsten Punkt der Insel, so ca. 300 Meter über Null. Ja, das ist ein schöner Ausblick. Braucht man aber nicht unbedingt. Während auf der einen Seite der Hafenstadt, die Seite mit den Luxuswohnungen, keinerlei Nachtleben erlaubt ist, übertrifft man sich dafür auf der anderen Seite. Die Kneipen, Restaurants, Nachtbars und Discotheken schließen erst morgens um sechs. Da sind wir doch längst wieder an Bord!
Eigentlich wollen wir nach der drei-Stunden-Tour noch einmal durch die Hafenstadt Bridgetown bummeln, aber ein plötzlich einbrechender Platzregen macht uns einen Strich durch die Rechnung. Ich wechsele noch schnell ein paar „Barbados-Dollar“ ein, um den Fahrer zahlen zu können, und wir beenden den Rundgang mit einem weiteren lokalen Bier, das meine Süße mit Kennerblick bestellt. Ich höre meinen Anrufbeantworter ab, führe ein paar Gespräche und lese verwundert, dass meine Auslandstelefonate bereits mehr als 120.- Euro gekostet haben. Gut, dass es das Internet gibt, sonst wäre ich verloren…

Hier wohnt Cliff Richard.
Abends das übliche Programm: Essen, Trinken, Theater, Trinken, Heia.

12.01.10
Heute legen wir in St. Lucia an. Zusammen mit Maria und Jürgen wollen wir mal wieder auf eigene Faust das Landesinnere erkunden. Nach langen, zähen Verhandlungen steigen wir bei „POPO“ in den Bus. Der heißt wirklich so und ist – wie alle Touristenführer auf diesen Inseln – sehr freundlich zu uns. Der 16-Sitzer bleibt ansonsten leer, da er keine weiteren Fahrgäste findet. Die Fahrt ist sehr angenehm, da Popo auch ein sehr gepflegtes Englisch spricht und uns viel über die Insel erzählen kann. St. Lucia (sprich „Saint Luuschia) ist seit 1979 selbstständig, gehört aber noch dem britischen Commonwealth an. Entsprechend streng sind hier die Gesetze. So darf man erst mit 35 Jahren Taxifahrer werden. Regelmäßige Prüfungen und eine doppelte KFZ-Versicherung sollen sicherstellen, dass es den Gästen an nichts mangelt. Popo klappert zunächst die üblichen Aussichtsplattformen ab und fährt uns dann direkt in einen Regenwald, in dem wir eine Art Freilicht-Naturkundemuseum besuchen. Alle Mitarbeiter, sogar Popo und der Tourverkäufer im Hafen, sind mit der Besitzerin des Museums irgendwie verwandt. In 45 Minuten lernen wir alle Pflanzen kennen, die hier auf der Insel wachsen. Wir kosten eine Unmenge an Früchten und dürfen sogar das Brot probieren, dass uns die Chefin extra gebacken hat. Wir erfahren, wie die Ureinwohner früher in ihren Hütten gewohnt haben und erhalten am Ende der zu Fuß durchlaufenen Tour auch noch was zu trinken. Es war einfach beeindruckend und die 25 Dollar Gesamtkosten pro Nase allemal wert. Der nächste Stop führt uns in ein runtergekommenes Strandrestaurant mit der Möglichkeit, hier baden zu gehen. Dazu hat aber niemand der Teilnehmer Lust. Maria möchte gerne wieder an Bord, während Daggi und ich noch zu Fuß die Hafenstadt durchkämmen. Wir kämpfen uns durch Dutzende von Souvenirläden, ohne irgendwas zu finden, das uns oder unsere Freunde erfreuen würde. Die Stadt selbst ist auch ganz winzig – trotz immerhin 17.000 Einwohnern. Parlament, Gerichtsgebäude, ein kleiner Park, ein Kaufhaus, das war´s mehr oder weniger. Netbooks kosten hier stolze 899 US-Dollar, also mehr als das Doppelte wie zuhause. Als wir merken, dass wir immer wieder an denselben Stellen aus der relativ jungen Stadt ( Anfang der 1920iger-Jahre wiederaufgebaut) herauskommen, laufen wir den langen Weg zum Schiff in praller Sonne mit einigen Wolken-Unterbrechnungen. Diese Lauferei gehört nicht zu meinen Lieblingsbewegungen. Durch Hitze, Reibung und weitere Einflüsse, auf die ich keinen Einfluss habe, wird´s ein bisschen feucht in der Hose, wenn Ihr wisst, was ich meine. Charlotte Roche hat in ihrem Buch „Feuchtgebiete“ wohl schon genug darüber geschrieben, sodass ich das jetzt nicht weiter ausführen muss. Eine Dusche später ist das aber schon wieder Vergangenheit.
Spätes Mittagessen am Pool. (Hatte ich erwähnt, dass es auf dem Schiff 24 Stunden was zu Essen gibt?). Danach rumgefaulenzt und viel gelesen. Ja, ich habe endlich mal Zeit, ein Buch zu lesen. Das zweite sogar schon. („Die verblödete Republik – wie uns Medien und Politiker für dumm verkaufen“). Deswegen auch so lange schon keine Fortsetzung des Blogs. Diese Zeilen schreibe ich am 14.1.2010.
Abends das übliche Programm – allerdings ohne Theater. Die Damen und Herren haben ihren freien Abend. Stattdessen Poolparty mit den „Shipping Wizzards“ aus Tschechien. Wir verziehen uns ins „Tapa Y Mas“ und hören 30-minütigen Improvisationen von „Sunny“ zu. Gegen Mitternacht ab in die Koje.


13.10.2010
Mit Entsetzen hören wir von dem Erdbeben in Haiti, das eine Menge Menschenleben gekostet haben soll. Wir sind rund 900 km vom Zentrum des Bebens entfernt. Eine Tsunami-Warnung verunsichert uns dennoch. Aber der Kapitän beruhigt die Gäste über die Hausanlage. Das Schiff ist Tsunami-sicher. Es kann uns nicht das Geringste passieren. Wir bleiben den ganzen Morgen an Bord, weil wir für die letzte Insel unserer Rundreise, ANTIGUA, eine Katamarantour mit Schnorcheln gebucht haben. Um 13.15 Uhr, nach einem leichten Mittagessen, klettern 45 Teilnehmer auf das weiße Segelschiff, das aber heute mit Motorkraft fährt. Gleich nach dem Ablegen werden die Schwimmflossen zugeteilt, passend zur jeweiligen Schuhgröße. Bis auf Maria und mich sowie drei Crewmitglieder machen auch alle mit. Ich habe ja, wie schon berichtet, einen Heidenrespekt vor irgendwelchen Korallenriffen. Und tatsächlich haben sich auch einige der Touristen irgendwo verletzt und bluten ein bisschen. Daggi ist die Erste im Wasser und genießt das Tauchen ungemein, auch wenn nicht sonderlich viel zu sehen ist. Ein besonders kurzfüßiger Mann beschwert sich später auch noch lautstark, dass dies ein völlig unbrauchbarer Ausflug sei. Alle anderen haben allerdings viele Fische und Korallen gesehen und sind sehr zufrieden. Mann kann´s halt nicht allen recht machen. Wieder an Bord, gibt es erstmal Rum mit Cola (70:30) und ein paar Häppchen zu essen. Wir schippern weiter an eine der 365 Sandstränden der Insel. Ein Teil der Gäste schwimmt an Land, so auch Daggi. Ich habe auf den Rucksack aufzupassen sowie die Kameras in der Hand und muss daher mal wieder „tendern“. Das Schlauchboot fährt zweimal, um alle Gäste sicher an Land bringen zu können. Nach einem ausgiebigen Bad geht´s dann nach insgesamt drei Stunden wieder zurück zum Schiff. Die Crew dreht noch mal gewaltig auf, tanzt Limbo und singt zur lauten Reggae-Musik, die an Bord ertönt. Ein einfach wunderbarer Ausflug. Hier wollen wir gerne nochmal einen Urlaub verbringen, auch wenn wir von der Insel sonst eigentlich gar nichts gesehen haben.

20:30 Uhr Bingo. Diesmal gewinnt Jürgen die vier Ecken und Maria den Hauptpreis. Mir fehlt nur noch eine Zahl. Mist.
21:30 Uhr Theater. „AQUA“ heißt die heutige Show, die wiedermal ganz besonders gut gelungen ist. Perfekte Choreografie, supertolle Kostüme und absolut stimmiger Gesang. Eine handsignierte CD mit der extra hierfür komponierten Musik kann man im Anschluss erwerben. Auch die Schiffshymne „Oceans of Love“ ist darunter. Man gewöhnt sich selbst daran.

Maria und Jürgen sind müde und verabschieden sich; wir gehen wie üblich nochmal ins „Tapaz Y Mas“, wo gerade eine kostenlose Tapas-Verköstigung stattfindet. Nach dem zweiten Teller(chen) winken wir übersättigt ab. Wir hatten ja schon ein 6-Gänge-Menü.
Um die Kalorien wieder abzubauen, schauen wir mal in der „Abtanz Bar“ vorbei. Es ist zwar recht gut besucht, aber er DJ muss noch viel lernen. So eine krude Musikmischung habe ich schon lange nicht mehr ertragen müssen. Daher also baldige Bettruhe.


14.01.2010
Schiffstag. Letzter kompletter Ferientag. Morgen Nachmittag fliegen wir zurück. Schade.
Wir stehen spät auf, bekommen aber noch ein Frühstück im Anckermannsplatz. Daggi hat heute wieder nur 20 Runden geschafft und ich habe einen dicken Kopf. Vermutlich vom Rum auf dem Katamaran. Nach dem Lesen und Beantworten der aktuellen eMails springen wir in den Pool. Ich bereits zum dritten Mal!
Danke übrigens allen, die sich Sorgen um uns gemacht haben, aber die Angst war, wie schon geschrieben, unbegründet. Heute Abend findet die Verlosung einer von den Offizieren unterschriebenen Schiffskarte statt, deren Erlös nicht wie sonst an eine spezielle Einrichtung für das Personal geht, sondern diesmal einer Hilfsorganisation in Haiti gespendet wird. TUI Cruises verdoppelt den eingegangenen Betrag und legt außerdem nochmal 3000.- Euro obendrauf. Daraufhin haben wir uns natürlich auch gleich Lose gekauft.
Zum Mittagessen waren wir diesmal auch im Restaurant ATLANTIK und waren erstaunt, dass da gerade mal ein Dutzend Gäste zu finden waren. Das drei bis viergängige Menü war leicht und sehr bekömmlich. Daggi hat sich einen „Locker“ gemietet, in dem wir morgen bis zum Flughafentransfer unser Handgepäck verstauen können. Sehr praktisch.

Unser Los hat natürlich nicht gewonnen. Macht auch nichts, war ja für einen guten Zweck. Der Gewinner der Seekarte hat den Preis übrigens gleich wieder gestiftet, damit noch mehr Geld zusammenkommt. Auch bei der zweiten Ziehung – abends im Theater nach der supertollen Schlussshow – gehörten wir nicht zu den Gewinnern. Die Hilfsorganisation „CARE“ schon – fast 10.000 Euro sind es letztendlich geworden.
Wir gehen nach der Ziehung in unsere Kajüte und packen unsere Koffer. Ist alles von Daggi schon perfekt vorbereitet worden, sodass wir nur 20 Minuten brauchen. Um 23.00 Uhr treffen wir nochmal Maria und Jürgen auf einen Absacker. Wir müssen heute früh zu Bette, denn der Wecker klingelt schon um halb acht.


15.01.10

Punkt halb acht schmeißt uns Herr König, seines Zeichens „Cruise Director“ mit seiner schrecklichen Stimme aus dem Tiefschlaf. Wir tanzen bei der an Bord residierenden Behörde an und lassen unsere Pässe abstempeln. Danach Frühstück – erstmals auch im ATLANTIK. Warum wir da nicht schon früher hingegangen sind, ist uns ein Rätsel, aber jetzt ist es zu spät. Bis 14.00 Uhr hängen wir noch auf dem Schiff mit dem gräßlichen Namen „Mein Schiff“ rum, bis uns ein alter klappriger Bus zum Flughafen bringt. Auch hier dauert es noch ewig, bis wir unser Gepäck identifiziert haben und einschecken können. Danach Warten auf den Start. So gegen 17.00 Uhr sind wir dann auch endlich abgeflogen. 8 Stunden und 40 Minuten dauert der Flug zurück – Rückenwind sei Dank. Beim Aussteigen rede ich noch kurz mit einem der Darsteller des Theaters, die ja an diesem Tag ausgetauscht werden. Mein Lob freut ihn sichtlich. Ich weiß ja, wie sehr wir Schauspieler die Bestätigung brauchen. Diese Truppe hat es verdient. Inzwischen habe ich auch erfahren, dass alle Mitwirkenden aus allen möglichen TV-Auftritten, Opern, Musicals, Operetten, Tanzdarbietungen etc. bekannt sind.
Der Flug verläuft wieder wunderbar ruhig und wir beiden können einige Stunden „vorschlafen“. In Frankfurt schnappen wir uns die S-Bahn und fahren bis Friedrichsdorf. Es steht tatsächlich sogar ein Taxi am Bahnhof. Man muss auch mal Glück haben…

FAZIT:
Abgesehen von dem tragischen Erdbeben in Haiti, dessen Ausmaß erst jetzt so langsam bekannt wird, war es ein wundervoller Urlaub. „CARRIBEAN HARMONISTS“ habe ich den Blog getauft – und tatsächlich gab es weder Streit noch schlechte Launen. Und das ist doch schon mal sehr positiv für den ersten gemeinsamen Urlaub. Die Karibik ist wunderschön; zwei oder drei Inseln wollen wir noch einmal für einen ganzen Urlaub besuchen: ANTIGUA und DOMINICA haben es uns sehr angetan. Aber wohnen oder gar unseren Lebensabend dort verbringen wollen wir nicht. Da fehlt doch noch gewaltig viel Infrastruktur. Und die ständige Angst vor Erdbeben oder Vulkanausbrüchen macht selbst Kurzurlaube zum Abenteuer.
Über „Mein Schiff“ kann man nur das Beste sagen. Große Klasse! Das begeisterte, freundliche Personal, die tollen Shows, das unglaubliche Essen (Meine Süße und ich haben beide je 3,1 kg zugenommen…), die günstigen Preise für zusätzliche Getränke oder Cocktails verdienen jeweils nur Bestnoten. 261 Meter Länge, 32 Meter Breite und 77.000 Bruttoregistertonnen lassen viel Platz für persönlichen Freiraum.

Und damit will ich diesen Blog beenden. Die Kommentarfunktion ist jetzt endlich funktionsfähig. Natürlich werde ich den Text hier und da noch mal ergänzen, verbessern oder ändern. Es wird weitere Bilder geben. Es schadet also nichts, den ganzen Text demnächst nochmal von vorne zu lesen. Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie übrigens gerne behalten.

Danke fürs Mitlesen und Eure Kommentare. Und zum Schluss will ich endlich auch noch die am häufigsten gestellte Frage beantworten: Nein, man wird nicht seekrank. Selbst bei rauher See liegt der Kahn seelenruhig im Wasser.