China kompakt

China kompakt

Chinareise vom 2.3. bis 14.3.2017

(Aus gegebenem Anlass weise ich darauf hin, dass dieser Blog ausschließlich meine subjektiven Eindrücke wiedergibt und keinesfalls einen offiziellen Reiseführer ersetzt. Besserwisser und Oberlehrer werden freundlichst gebeten, diesen Blog NICHT zu lesen.)

China!
Land des Lächelns!
Elektronik-Mekka!

Und ich war noch nie da.

Das konnte ja so nicht weitergehen. Daher vermied ich in diesem Jahr meinen üblichen Fehler, „Last Minute“ der Sonne hinterher zu reisen, um dann enttäuschende Touri-Zentren abzuklappern. Diesmal sollte es China sein.

Die chinesische Firma „SINORAMA“, die seit zwei Jahren eine Dependance in Düsseldorf unterhält, machte mir ein gutes Angebot. 12 Tage Rundreise durch ganz China mit Flugzeug, Schiff, Bus und Bahn inkl. deutschsprachiger Reiseleitung und reichlich Essen und Trinken. Als Alleinreisender musste ich – mit einigen zusätzlichen Ausflügen und Alleinreisezuschlag –  genau 1818.- Euro auf den Tisch legen, was aber als durchaus preiswert gelten muss. Im Preis enthalten war auch ein zwingend vorgeschriebenes Visum, das ich schon Anfang des Jahres beauftragen musste. In dem Zusammenhang war auch ein neuer Pass fällig, was die Kosten dann doch noch mal etwas nach oben trieb.

Abflug in Frankfurt war um 14.15 Uhr – fast pünktlich. Die B777-300 der China Air hatte zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, war aber so lautlos wie selten ein Flugzeug. Beim Einsteigen war der Flieger auf gefühlte 5 Grad runtergekühlt, aber das diente vermutlich nur dem Test der Klimaanlage. Nachdem alle Passagiere an Bord waren (ausgebucht!), stieg die Temperatur schnell auf ungemütliche 25 Grad. Die blutjungen, hübschen Stewardessen der staatlichen Fluglinie waren sehr freundlich, sprachen rudimentäres Englisch und lächelten ohne Unterlass. Damit hatte ich ja gerechnet. An Board gab es während des knapp 9-stündigen Hinflugs nach Peking (heißt in China „Beijing“) gleich zweimal warmes Essen, das im Vergleich zu anderen Fluggesellschaften als durchaus bekömmlich beschrieben werden kann. Jeder Passagier hatte einen kleinen LED-Bildschirm im Rücksitz des Vordermannes vor sich, mit dem man eine Menge lustiger Sachen anstellen konnte. So ließ sich z.B. die Flugroute aus verschiedenen Perspektiven darstellen, leider mit schlecht aufgelösten Grafiken als Background. Die 25 Titel umfassende Spielesammlung verkürzte mir mit dem einen oder anderen „Sudoku“, „Pac Man“ oder „Luxor“-Spielchen die Flugzeit. An den Titeln sieht man, dass die Technik schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Natürlich gab es auch Filme ohne Ende, wie üblich auf den Flieger zurechtgestutzt und mit störenden chinesischen Untertiteln versehen. Die Kopfhörer waren zwar wie neu, aber die Kopfhörerbuchsen im Sitz leider schon so ausgeleiert, dass höchstens mal der linke oder der rechte Kanal zu hören war. Beide Kanäle zusammen klappten nie – eher hörte man überhaupt nichts. Das bedeutete, dass ich mir also keinerlei Filme anschauen konnte. Die Benutzung des iPhones war übrigens verboten – „Flugmodus“ hin oder her. Nun gut, die Chinesen kennen das Gerät, sie bauen es ja schließlich selbst zusammen. Hab´ ich´s also nicht benutzt, sondern brav ausgeschaltet.

Ich saß in Reihe 46 auf Platz „J“ – also einem Gangplatz innerhalb der neun Sitzgelegenheiten pro Reihe. In der Mitte hatte sich ein chinesisches Pärchen mit Kleinkind breitgemacht. Erstaunlicherweise hielt das Kind die ganze Reise über den Mund, was auf eine gute Erziehung schließen lässt. Da habe ich schon ganz andere Erfahrungen gemacht.
Die Gäste waren etwa gleichmäßig Asiaten oder Europäer. Genauere Angaben kann man da nicht machen, ohne in die Pässe zu schauen.
Nach einer Traumlandung um 6:02 Uhr Ortszeit landeten wir dann in Beijing. (Ich bleibe jetzt bei der chinesischen Schreibweise des Städtenamens). Da wir in Richtung Osten geflogen waren, betrug die Zeitverschiebung genau sieben Stunden. Zuhause war es also erst 23.00 Uhr.

Und dann begann der Alptraum.

Der Flughafen ist nagelneu und riesengroß. Und im Gegensatz zum Berliner Flughafen wird er auch benutzt. Überall sieht man große Schilder, damit man sich nicht verlaufen kann. Vorausgesetzt, man kann chinesisch. Denn die – ebenfalls vorhandenen – englischen Beschriftungen waren ziemlich versteckt. Nun gut, ich bin einfach in der Masse mitgelaufen. Leider waren ein Teil der Mitflieger nur Transitpassagiere. Irgendwann wurde mir klar, dass es hier keine Gepäckabfertigung oder eine Einreisekontrolle geben würde, wenn ich direkt nach Bangkok weiterfliegen wollte. Also wieder zurück. Immer den Schildern „Exit and Luggage“ nach. Dadurch kam ich dann immerhin an die Einreisekontrolle. Unmengen Passagiere, drei offene Abfertigungsschalter. Das dauerte. Außerdem hatte ich kein Einreiseformular ausgefüllt, weil ich die Stewardess im Flieger missverstanden hatte. Zum Glück sprintete eine unglaublich liebe deutsche Touristin für mich aus der Schlange zum Schalter mit den Formularen und übergab mir den Wisch. So etwas auszufüllen, während man in einer sich bewegenden Schlange steht, eine Winterjacke im Arm hat und außerdem Laptop und Videokamera mit sich rumschleppt, gehört zu einer meiner Meisterleitungen.

Nach Abstempelung meines Einreiseformulars und Prüfung des in den Pass geklebten Visums war ich dann offiziell in China. Das Gepäck müsste ja dann auch irgendwann mal ausgegeben werden. Also lief ich den Weg, den alle gingen. Leider war niemand mehr aus dem Flieger unter diesen Leuten. Es waren eigentlich nur noch Chinesen um mich rum. Und alle, wirklich alle, glotzten auf ihr Smartphone und jagten „Pokemons“. Dann war der Weg plötzlich zu Ende. Dank meiner hohen Intelligenz konnte ich erkennen, dass nun ein Umsteigen in einen vollautomatischen Zug angesagt war. Der kam auch 60 Sekunden später, öffnete die Türen und ließ uns rein. Es fiel mir dann auf, dass es sich bei den Chinesen ausnahmslos um Mitarbeiter des Flughafens handelte, zu erkennen an der Hundemarke, die um die Hälse baumelten.

OK, irgendwas war wohl schiefgelaufen. Ich stand in einem selbstfahrenden Zug nach nirgendwo, umgeben von jungen Chinesen und Chinesinnen, von denen garantiert kein Einziger englisch sprechen konnte. Kein Tourist aus dem Flieger war auch nur in der Ferne zu entdecken, und der Zug fuhr jetzt schon zehn Minuten. Wie schön, dass ich dann hinter mir an der Wand einen Fahrplan entdeckte, der mittels Leuchtpunkten anzeigte, wo sich der Zug gerade befand und wo er überhaupt hinwollte. Und da standen dann endlich wieder die Worte „Exit“ und „Luggage“. Offenbar war ich immer noch (oder schon wieder) auf dem rechten Weg. Als ich dann den Zug endlich verlassen konnte, häuften sich die Hinweise auf die baldige Gepäckentgegennahme. Nach einigen hundert Metern Fußmarsch war ich dann endlich am Gepäckband Nummer 40, auf dem sich mein Koffer wohl schon eine Weile im Kreise gedreht hatte. Schlauerweise hatte ich mir einen der kostenlosen Kofferkulis geschnappt, so dass ich ab jetzt zumindest etwas bequemer durch das Labyrinth laufen durfte. Denn ein Ausgang war immer noch nicht in Sicht. Zunächst musste ich meinen Koffer durch einen Durchleuchtungsapparat des Zolls wuchten. Es war mir nicht ganz klar, warum das sein musste. Ich hatte ja wohl kaum vor, irgendwelche Luxusgüter in China einzuführen. Und die ganze Elektronik, die ich dabei hatte, kam ja ohnehin von hier. Egal, ich wuchtete den Koffer auf das Förderband und nahm ihn anschließend wieder auf, ohne dass irgendwer sich in irgendeiner Form davon beeindruckt sah.

Ich sah jedenfalls jetzt nur noch „EXIT“ – und der war dann auch nur noch ein paar hundert Meter entfernt. Ich hatte es geschafft! Panik-Modus aus.

Und die Reiseleiterin von „SINORAMA“ stand auch direkt am Ausgang und sammelte ihre Schäfchen ein. Es war halb acht. Der Bus, der uns ins Hotel fahren sollte, war für acht Uhr bestellt. Also hatten wir Zeit, noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen. Dazu gehörte nach den Worten der Reiseleiterin der Besuch auf den großzügigen Flughafentoiletten. Den Toilettengang bezeichnete sie lustiger Weise als „Harmonie“. Die Toiletten waren allerdings nicht in so einem tollen Zustand wie der neue Flughafen. Gab es doch tatsächlich noch Stehklos! (Eigentlich sind es „Hockklos“, da die Chinesen sich zum Entleeren gerne hinhocken). Zum Glück gab es auch ein paar „normale“ WCs, sonst hätte ich ein Problem gehabt.

Dann hatte ich noch genug Zeit, etwas Geld zu wechseln und mir eine chinesische SIM-Karte fürs iPhone zuzulegen. Die kostete gerade mal 100 Yuan, was ziemlich genau 13,85 Euro entspricht. Wie viel Gigabyte Internettransfer darin enthalten waren, stand leider nirgendwo. Das blutjunge Mädel, das mir die Karte eingebaut hatte, machte das innerhalb weniger Sekunden so professionell, dass man nur staunen konnte. Gut, ich musste meinen Pass vorzeigen, damit man diesen Blog korrekt zuordnen können wird. Sollte ich also zu negativ über China schreiben, könnte ich ein Problem bekommen. Mal sehen, ob mich Gabriel raushaut.

Unsere Gruppe bestand aus 21 Leuten. 7 verheirateten Paaren, zwei Jungs, bei denen ich nicht weiß, ob sie ein Paar sind, zwei befreundeten Damen um die 50, einem Vater mit seiner Teenager-Tochter und mir als dem einzigen Alleinreisenden. Die Hälfte aller Mitreisenden kam aus dem Osten Deutschlands.

Der SINORAMA-Bus kam auf die Sekunde genau um 8.00 Uhr und stürzte sich – nach dem Einladen der Koffer –  in den Stop-and-go-Verkehr der Metropole. Mit 21 Millionen Einwohnern ist Beijing übrigens noch nicht mal die größte Stadt Chinas. Unsere Reiseleiterin mit dem einfachen Namen „XU“, der sich „SCHÜ“ ausspricht, plapperte das erste Mal munter drauf los. Und was sie da plapperte, war leider gar nicht schön. Lassen wir mal ihre sehr bescheidenen Deutschkenntnisse für den Moment weg (ich werde später darauf zurückkommen); sie teilte uns nämlich mit, dass die Betten in unserem Hotel leider noch nicht bezugsfertig seien und wir daher das Programm ändern würden. Statt also nach der langen Reise gemütlich in die Heia zu fallen, sollten wir nun die nächsten drei Stunden mit dem Betrachten eines großen Gartens irgendeines Kaisers verbringen. Drei Stunden LAUFEN! Und ich hatte ja noch nicht einmal meine extra für diese Reise gekauften Laufschuhe an! Außerdem war es saukalt! 5 Grad über Null, eisiger Wind. Gut, dass ich meine Jacke mit den Bärentatzen dabei hatte. – egal, wie out die Marke mittlerweile ist. Tja, und dann begann das Problem mit unserer Reiseleiterin. Ihr rudimentäres Deutsch reichte beim besten Willen nicht aus, irgendetwas von dem vernünftig zu erklären, was wir da gerade besichtigten. XU war knapp 50, sah sehr viel jünger aus und erwartete in diesem Jahr bereits ihre Pensionierung.

Diese ganzen Steinplätze mit ihren Wänden und Mauern waren ja nett anzusehen, aber wofür sie gut waren, wer sie warum gebaut hat und welche Funktion sie heute noch haben, blieb mir leider verborgen. Genau wie ein fehlender Stein in einem der Höfe. Knacks, war mein linker Fuß umgeknickt. Wenn ich was mache, dann mache es bekanntlich gründlich. Durch den Schreck und die nötige Gegenreaktion habe ich mir gleich noch mein Knie verzerrt. Die letzte Stunde war also ziemlich schmerzhaft für mich.

Endlich fuhr der Bus uns ins Hotel. Wieder durch eine völlig verstopfte Innenstadt. Im Hotel angekommen, bat XU uns, „kurz“ zu warten. Eine geschlagene Stunde später – um 12 Uhr Ortszeit – hatten wir endlich die Schlüssel zu unseren Zimmern in der Hand. Alle, bis auf einen: Mich. Irgendwie war mal wieder was schief gelaufen und es war für mich kein Zimmer reserviert worden. Das fand ich nun langsam so gar nicht mehr prickelnd.

Es dauerte weitere 30 Minuten, bis ich dann endlich doch ein chinesisches Zuhause hatte. Zimmer 749.
Das Warten hatte sich gelohnt. Als „Wiedergutmachung“ für ihren Fehler hatte man mir eine Suite gegeben, die mit Abstand das beste Hotelzimmer war, das ich je in meinem Leben hatte. Edle Möbel, Riesen-Doppelbett, Dusche UND Badewanne (die man vom Schlafzimmer aus sehen konnte, wenn man das wollte), beheiztes Klo, Klimaanlage, Waage, 55-Zoll-Fernseher, kleine Küche, überall Marmor. Ich sortierte meine Klamotten in die großzügigen Schränke ein, verband die Ladegeräte mit ihren Stromsaugern und legte mich mal „kurz“ hin. Richtig schlafen konnte ich natürlich nicht, weil die innere Uhr ja völlig durcheinander war. Zu allem Überfluss kamen dann auch schon die ersten Mails aus Deutschland, wo ja so langsam der neue Tag begann. Also iPhone gemutet und weiter gepennt.

Unser Hotel in Beijing – 5 Sterne

Für 17.00 Uhr war dann ein gemeinsames Essen bei einem Chinesen um die Ecke geplant. 15 der 21 Reisenden hatten sich eingetragen, darunter auch ich. Die übliche „Peking“-Ente wurde hier an einem großen runden Tisch mit einer mittleren Drehplatte serviert. Anders als bei uns üblich, gab es die Speisen jedoch nicht alle zusammen, sondern eine nach der anderen. Die Speisen hatte „XU“ ausgesucht. Ich hatte da kein Mitspracherecht. Deswegen musste ich damit leben, dass ausnahmslos alle Gerichte bis oben hin mit Knoblauch zugemüllt waren. Außerdem war Chili im Großeinsatz. Die Ente selbst war in extrem dünne Scheibchen geschnitten worden und sollte zusammen mit einer Teigtasche und etwas Grünzeug eingenommen werden.

Von einem Glas Wein zum Essen riet uns XU ab. Lieber sollten wir das chinesische Bier probieren, was wir auch taten. Da ich kein Biertrinker bin, kann ich leider nicht beurteilen, ob es was getaugt hat. Nachtisch gab´s auch nicht.

Ente gut, alles gut? Viel Fett für wenig Geld.

Wir saßen da insgesamt zwei lange Stunden, bis mich (und auch einige andere Mitreisende) die Müdigkeit übermannte. Beim anschließenden Bummel durch das riesengroße Hotel fand ich dann doch noch eine Bar, in der eine Band Livemusik darbot und Gin Tonic in der Getränkekarte stand. Bekommen habe ich dann zwar Gin mit Sodawasser, aber man soll ja dankbar für alles sein.

Um 22.00 Uhr Ortszeit ins Bett.

Der dritte Tag
Ja, so schnell ging die Zeit vorbei. Einen Tag lang angereist und einen zweiten Tag irgendwie verpeilt durch kaiserliche Gärten gewankt. Nach kurzem Erschöpfungsschlaf Ente gegessen und Bar besucht. Ente gut, alles gut.

Um sieben klingelte das Telefon neben meinem Bett. Ich habe zwar nicht verstanden, was mir der Weckcomputer auf chinesisch ins Ohr flüsterte, aber es ging natürlich darum, aufzustehen. Nach dem Duschen und Haare waschen wusste ich dann auch, was ich dieses Mal zu Hause vergessen hatte: Meinen Fön mit eingebauter Bürste. Der Hotel-Fön pustete meine Haare zwar auch trocken, hinterließ aber eine reichlich wirre Frisur, die so manchen Mitreisenden die Stirn runzeln ließ.

Das Frühstück gab es im Keller des Hotels. Es war extrem reichlich. Hier gab es fast alles außer Wurst, Schinken oder Käse. Käse mag der Chinese nicht, da dreht sich ihm der Magen um. Natürlich auch keinen Joghurt oder andere Milchprodukte. Butter gab es eigentlich nur speziell für die Touristen, die hier im Hotel ja auch den Löwenanteil darstellten. Der Kaffee war gut versteckt, schmeckte aber dafür sehr gut. Die Chinesen selbst frühstücken immer gleich ein ganzes Mittagessen.

Um halb neun dann Abfahrt zu unserem ersten Ziel des Tages. Dadurch, dass wir die kaiserlichen Gärten ja schon gestern abgeklappert hatten, hat uns XU eine weitere Programmänderung zugemutet: Den Besuch einer Zuchtperlenverkaufsorganisation. Also mal wieder eine Kaffeefahrt. Um dorthin zu kommen, musste der Bus fast eine Stunde durch die Großstadt fahren. Der Verkehr war heute, also am Samstag, vergleichsweise erträglich. Samstags dürfen in Peking auch alle privaten Autobesitzer in der Stadt rumfahren. Das dürfen die sonst nicht. Aufgrund der Endziffer ihrer Nummernschilder wird immer ein Fünftel der Autos aus der Innenstadt verbannt. Also montags die Endziffern 1 und 6, dienstags die Endziffern 2 und 7 und so fort. Wer jeden Tag Auto fahren will, braucht also mindestens zwei Autos. Dabei sind die Autos gar nicht das Problem. Davon gibt es jede Menge. Alle so gut wie neu, viele deutsche Luxusmarken, kaum Elektroautos. Das Problem ist die Zulassung, also das Nummernschild. Die Regierung lässt derzeit nicht mehr als 20.000 neue Zulassungen pro Monat zu. Das klingt wahnsinnig viel, ist aber bei 21 Millionen Einwohnern echt ein Engpass.

Blick aus dem Hotelfenster

Nun zu den Zuchtperlen. Ein Video mit einem miserablen sächsischen Sprecher erklärte uns, wie die Perlen gezüchtet werden. Man schneidet den jungen Austern schmale Streifen aus dem Leib, zerteilt diese in kleine Stücke und pflanzt sie wieder ein. Die Austern wollen die Implantate loswerden, schaffen das aber nicht. Stattdessen bilden sie im Laufe von 2 – 3 Jahren die eigentliche Perle rund um den Eindringling. Bei dieser Methode kann jede Auster gleichzeitig rund zwei Dutzend Perlen „generieren“. Bei Naturperlen entsteht ja immer nur eine einzige Perle, weswegen diese Exemplare auch sehr teuer sind.

Die nahezu perfekt englischsprechende Mitarbeiterin des Ladens zeigte uns dann an einigen Beispielen, woran man falsche von echten Perlen unterscheidet und verriet uns den Trick, dass viele Perlenfälscher die Ketten mit echten und falschen Perlen mischen, damit beim Echtheitstest nur die echten Perlen getestet werden, während der Plastikschund übergangen wird. Nun gut, das war für mich neu und durchaus interessant. Natürlich hatte ich aber nicht vor, mir irgendwelche Perlen zuzulegen. Weder als Krawattennadel (so was gab es früher wirklich mal!), noch als Manschettenknopf oder gar in Form von zerriebenen Perlen, die alles Mögliche aufrichten sollen. Ich saß brav die Wartestunde ab, unterhielt mich mit ein paar Mitreisenden über Kois  und Goldfische (davon gab es eine Menge in dem Laden) und stellte schlussendlich erfreut fest, dass niemand aus unserer Gruppe auf den Tinneff reingefallen war. Denn das ist ja wohl sicher: Auch wenn die Perlen bestimmt echt waren, waren sie hier doch echt zu teuer.

Einer unserer Mitreisenden hatte sich inzwischen draußen bei einem der üblichen fliegenden Händler eine Mao-Mütze gekauft, die er seitdem rund um die Uhr trägt. Matthias kommt aus Weißensee bei Cottbus und hört MDR1 Radio Sachsen. Den Sender, dem ich täglich ein paar Dutzend Male als Stationvoice meine Stimme leihe. Seine sehr nette Frau Ilka erinnerte mich sehr an eine Freundin aus Friedrichsdorf, nämlich Sonja. Erstaunlich, dass es zwei nahezu identische Frauen auf der Welt gibt.

Zurück im Bus erzählte uns XU ein paar wissenswerte Facts über China. So wurde erst 1994 die Krankenversicherung eingeführt. Und das Steuersystem hat man mehr oder weniger komplett aus Deutschland übernommen. Damals schickte man hunderte von Beamten zu uns, um das System zu verstehen und später anwenden zu können. Dadurch wurden viele beliebte Steuerschlupflöcher geschlossen. Bei einigen endete die Zeit der Steuerfreiheit hinter Gittern.

In Beijing ist es nicht üblich, Wohnungen zu mieten. Man kauft sie. Eine 90-Qudratmeterwohnung kostet derzeit etwa 200.000 Yuan, also rund 27.000 Euro. Dafür bekommt man aber kein fertig eingerichtetes Apartment, sondern tatsächlich nur die nackten Wände. Tapeten, Türen, Teppiche etc. muss man selbst einbauen. Die Baumarktindustrie brummt also gewaltig. Was nun die Preisumrechnung umgeht, bringt es nichts, einfach den Wechselkurs zu bemühen. Die Kaufkraft ist ja hier eine ganz andere. Bei einem Durchschnittsmonatseinkommen von umgerechnet 450 bis 500 Euro sind auch 27.000 Euro viel Geld für eine nackte Wohnung. Natürlich bekommt die nur ein Chinese, als Europäer können wir uns (noch) nicht billig hier einkaufen.

Auch ist der Benzinpreis von ca. 6 Yuan pro Liter für uns ein Klacks, für die Chinesen aber echt teuer.

Was das Thema Telekommunikation angeht, sind wir hier im Paradies. Wer morgens einen Breitbandanschluss fürs Internet bestellt, bekommt ihn spätestens drei Stunden später geschaltet. Fast die ganze Stadt ist über WLAN kostenlos vernetzt. Nur auf facebook, Google und Twitter muss man hier verzichten. Diese Adressen sind rigoros gesperrt. WhatsApp, dass ja auch zu facebook gehört, funktioniert hingegen. Die chinesische Alternative zu facebook funktioniert natürlich bestens und wird von allen Einwohnern rund um die Uhr für so gut wie alles genutzt. Ist aber leider nur auf chinesisch erhältlich, was für mich das Verständnis etwas erschwert.

XU ist ja der Meinung, dass chinesisch die einfachste Sprache der Welt sei. Es gäbe so gut wie keine Grammatik, und selbst kleine Kinder würden es lieben, die Schriftzeichen zu malen. Anhand einiger Symbole hat sie versucht, ihren Standpunkt zu untermauern, aber das ist ihr nicht geglückt. Denn es macht schon einen Unterschied, ob man 26 Buchstaben schreiben und lesen können muss oder eben einige hundert chinesische Bildzeichen, die das sogenannte „symplified Chinese“ beinhaltet, das Mao in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts eingeführt hatte . Mit 250 Zeichen hat man schon Babyniveau erreicht. Für eine Zeitung sollte man mindestens 2500 Zeichen kennen. Die Profiversion der Sprache hat noch zigtausend Zeichen mehr, aber das kann heute kaum einer mehr. Das Problem dieser Bildersprache ist die Komplexität. Es gibt weder Artikel noch Fälle noch irgendeine Grammatik. Dafür aber vier unterschiedliche Betonungen. Und deshalb muss man sich die deutschen Vorträge von XU auch immer wieder zu kompletten Sätzen umdenken. Nach ein paar Tagen hatte ich mich übrigens daran gewöhnt, Xus einzelne Vokabeln in sinnvolle Sätze zu übersetzen.

Hier wird die Weltpolitik gemacht.

Mittlerweile waren wir am Rand des „Platz des himmlischen Friedens“ angekommen. Wie wir alle wissen, war da nicht immer alles so friedlich wie die Regierung heute immer noch behauptet. Details zur Kulturrevolution finden sich in jedem einschlägigen Geschichtswerk. Am heutigen Samstag war auch ein besonderer Tag. Die Parteispitze hatte ihre Untertanen eingeladen, um ihnen das politische Programm der Regierung zu erklären. Und da damals wie heute jeder brave Bürger gehorcht, waren einige hunderttausend Menschen auf dem Weg zu der Kundgebung. Das bedeutete weitere Zeitverzögerungen durch Straßensperren und viele Kontrollen. Als „Langnasen“, wie wir Europäer hier weiterhin frech bezeichnet werden, kamen wir allerdings recht schnell durch die ganzen Sicherheitsabsperrungen. XU musste nur ihren Ausweis zeigen, und dann wurden wir meist auf einem parallelen Weg an den Scannern vorbeigeführt. Diese Unmenge von Soldaten und Polizisten führte zu einem etwas flauen Gefühl im Magen, zumal wir alle auch noch respektlos die Kameras auf die Uniformierten hielten. Aber das sind die hier anscheinend gewohnt. Fast jeder hatte ein Lächeln übrig, wenn ein Smartphone sie anpeilte.

Die Veranstaltung selbst haben wir uns natürlich nicht angesehen. Stattdessen gab es bereits um 11.15 Uhr Mittagessen. Und das war in etwa genauso wie am Abend zuvor, nur ohne Ente. Auch hier wieder entweder nur Bier oder Cola/Sprite als Getränk.

Nach dem Essen tauchten wir wieder in die Menschenmassen und näherten uns der „verbotenen Stadt“. Die heißt so, weil früher da nur der Kaiser samt seinem Gefolge wohnen und herrschen durfte. Das Gefolge bestand im Wesentlichen aus Beamten, Eunuchen und Konkubinen. Später mehr zum sündigen Leben der alten Kaiser.

Der Kaiserpalast teilt sich in sehr viele Gebäude auf, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich alle sehr ähnlich sehen. Allen Gebäuden war gemeinsam, dass man nicht hineingehen durfte. Und das, was man durch die Absperrung an den Eingangstüren sah, hätte auch nicht zum Hineingehen ermutigt. Leider war das alles recht lieblos gestaltet und teilweise ganz schön vergammelt. Aber wie überall in Beijing waren die Böden von ausgesuchter Sauberkeit. Ein Heer von Putzmännern wuselte durch die Plätze und Wege, um jeden noch so kleinen Dreck wegzuräumen. Mit zunehmender Wegstrecke wurde auch das Interesse der Reisenden immer reduzierter. Die jungen Chinesen hatten ohnehin nichts Anderes zu tun als Selfies mit den Altertümern zu schießen. Nirgendwo auf der Welt habe ich so viele Selfie-Sticks gesehen, also diese Stäbe, in die man das Handy einklemmt, um dann Fotos mit sich und dem entsprechenden Hintergrund zu machen.

Irgendwann wurde es dann etwas gemütlicher. Wir kamen zu den Häusern, in denen die Konkubinen wohnten. Also damals wohnten. Jetzt waren die Räume natürlich leergeräumt. Bis zu 6000 Stück dieser Lustbringer der diversen Kaiser sollen hier gelebt haben. Sie wurden jährlich höchstpersönlich von Eunuchen ausgewählt, die im Süden Chinas nach besonders hübschen Exemplaren suchten. Wegen der besseren Luft waren die Mädchen im Süden nämlich hübscher. Das soll heute noch so sein. Für die meist armen Familien war das natürlich eine Auszeichnung, wenn die Tochter eine Freundin des Kaisers wurde. Und mit ein bisschen Glück gab es ja auch enorme Aufstiegsmöglichkeiten. Da die Pille noch nicht erfunden war, blieb die eine oder andere Nacht des Herrschers nicht ohne biologische Folgen. Und schwupps –war wieder ein Herrscher geboren.

Und immer wieder drehen wir am Rad…

Nun darf man nicht davon ausgehen, dass das jeder Konkubine immer mal wieder passierte. Nein, dazu waren die Kaiser wohl zu faul. Immer, wenn so ein Herrscher Fleischeslust verspürte, bat er einen seiner (sehr vielen!) Eunuchen, ihm ein Weib auszusuchen. Aus Gründen der Gerechtigkeit gab es ein Losverfahren.  Der Despot wählte einen von vielen Tellern aus, auf deren Rückseiten die Namen der Damen standen. Man muss nicht viel von Wahrscheinlichkeitsrechnung verstehen, um zu realisieren, dass da nicht unbedingt ein wildes Treiben im Gange war. Die Aufgabe des Eunuchen war es, die ausgewählte Freudendame nur in ein Betttuch eingewickelt, also quasi gebrauchsfertig, dem Kaiser zu übergeben. Interessante Randnotiz: Wenn der Kaiser „fertig“ war, hustete er dreimal kurz. Das war das Zeichen für den Eunuchen, das Mädel abzuholen und zurück in ihr Gemach zu geleiten.

Dieses Sexualleben, basierend auf einem Zufallsprinzip, konnte doch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Im Laufe der Jahrhunderte wurden dann auch immer weniger Mädels einberufen – am Ende der Kaiserzeit „nur noch“ zweitausend.

Nach zweieinhalb Stunden hatten wir die „verbotene Stadt“ hinter uns. Leider war das ein bisschen enttäuschend. Was hätte Disney aus so einem Stoff machen können!!?

Es war halb vier. Unser Bus fuhr wieder quer durch die halbe Stadt zu unserem letzten Ziel für heute: Abendessen. Jawohl, Abendessen um 16 Uhr. Als wir an dem Restaurant ankamen, war es allerdings noch geschlossen. Wir sollten gefälligst um 17.00 Uhr wiederkommen. Und schon hatten wir wieder eine Stunde zur freien Verfügung, wobei unsere Möglichkeiten sehr begrenzt waren: Der Bus hatte an einer vielbefahrenen Ausfallstraße gehalten. Es gab zwar viele kleine und kleinste Geschäfte auf beiden Seiten, aber die waren geschlossen. Auch wenn in der Regel die Geschäfte am Samstag geöffnet sind, war ja heute aufgrund der großen Kundgebung kein Mensch hinter seiner Theke.

In dem Gebäude hinter mir wohnten mal die Kaiser.

Irgendwo haben wir ein kleines Café gefunden, bei dem man einen „Cappuccino“ trinken konnte. Und dann ging es wieder in ein chinesisches Restaurant. Und wieder exakt der gleiche Ablauf wie zuvor. Nur gab es diesmal fast gar kein Fleisch mehr.

Ach ja, einen Hund haben wir auch gesehen. Lebend. (Noch?)

Und wie am Abend zuvor saß ich dann noch bis zehn alleine an der Bar, um bei einem Gin Tonic (diesmal hat´s geklappt) an diesen Zeilen zu feilen.

Morgen geht´s an die Mauer. Ein Thema, bei dem wir Deutschen ja bekanntlich mitreden können.

Der vierte Tag
(oder einer der anstrengendsten Tage meines Lebens)

Der Wecker klingelte bereits um halb sieben. Um acht Uhr brachte uns der Bus nämlich zur weltberühmten chinesischen Mauer. Für die Touristen hat man in der Nähe einen guten Kilometer der Mauer restauriert, etwa eineinhalb Stunden vom Zentrum der Stadt entfernt.

Bisher habe ich ja noch nicht über das Wetter gesprochen. Ich muss zugeben, dass wir ausgesprochenes Glück hatten. An beiden bisherigen Tagen schien die Sonne, und der berüchtigte Smog war kaum zu spüren. Gestern, am Tag der großen Kundgebung, wurden gar 14 Grad erzielt, was für Anfang März ein sehr hübscher Wert ist. Trotzdem hatte ich ständig ein Kratzen im Hals, eine verstopfte Nase und Stimmaussetzer. Es schien also sinnvoll zu sein, dass so viele Einheimische mit Mundschutz durch die Gegend liefen. Aber solange das nicht schlimmer würde, konnte ich damit leben.
Heute war es nun zwar immer noch genau so sonnig, aber leider bedeutend kälter. Als sich der Bus aus Beijing heraus in die Berge schlängelte, fielen die Temperaturen in Richtung Gefrierpunkt. Das allein wäre nicht das Problem gewesen, aber leider blies uns dazu ein so eiskalter Wind um die Ohren, dass es ohne Kapuze beim besten Willen nicht auszuhalten war. Gut, dass meine 3-Tatzen-Outdoor-All-Inclusive-Jacke eine solche besaß. Im Gegensatz zu unseren beiden Jungs beispielsweise, die nur im Jeansanzug angereist waren, war ich da glatt im Vorteil. Denn an der chinesischen Mauer wurde es richtig, richtig kalt.

Der Bus hielt gute 300 Meter vor dem Eingang zur Mauer. Wir sammelten uns zunächst in einem Andenkenladen vor dem Security Check, den hier jeder über sich ergehen lassen musste. Die abtastenden Beamten waren fast ausnahmslos weiblich, so dass ich schon am frühen Morgen ein wenig Körperkontakt bekam. Zimperlich waren die nicht. Nach meiner Abtastung konnte das Mädel absolut sicher sein, dass ich nirgendwo eine Bombe versteckt haben konnte.

Auf der Mauer, auf der Lauer.

Am Zugang zur Mauer konnte man sich entscheiden, ob man den (kürzeren) linken oder den (längeren) rechten Weg wählen wollte. Ich wählte natürlich den kürzeren Weg, der mir auch weniger steil erschien. Und zusammen mit ein paar Mitreisenden kraxelten wir dann los. Der Boden war glatt, nicht etwa stufig, und es ging steil bergauf. Sehr steil. So steil, dass ich nach etwa 300 Metern die Nase voll hatte. Man musste ja den ganzen Weg auch wieder zurück! Und bergab ist ja noch mal um Einiges schmerzhafter. Na gut, ich will mich nicht loben. Dafür gibt es nämlich keinen Grund. Ich habe kläglich versagt. Ich konnte die Mauer nicht bezwingen. Wie übrigens kaum einer aus einer Gruppe. Nur die beiden Jungs kamen ziemlich weit, bis ihnen die Eiszapfen aus der Nase wuchsen.

Ich hatte mich inzwischen wieder am Startpunkt eingefunden und wurde von einer älteren Dame aus unserer Gruppe angesprochen, die mir schon beim Zuchtperlekettschekauf aufgefallen war. Sie kam aus Nordrhein-Westfahlen, war wohl unendlich reich („Ich habe immer wieder Ärger mit meinen vier Mietern“), ist schon mal vom Pferd gefallen und konnte nur deswegen nicht auf die Mauer klettern, weil sie sich neulich beim Skifahren sämtliche Sehnen zerrissen hatte. Ihr gehört wohl eine Stoffdruckerei für blaue Farben, wenn ich das richtig verstanden habe.

Am „Basislager“ der Chinesischen Mauer gab es natürlich auch viele Andenkengeschäfte und kleine Imbissläden. Ich erwarb einen Cappuccino für umgerechnet 4,10 Euro, der bereits vorgesüßt war und gar nicht so schmeckte, wie man ihn von daheim kennt. Na ja, warum auch?
Die Zeit verrann und der Ausflug ging seinem Ende zu. Blöderweise hatte ich vergessen, welches der vielen Souvenirläden unser Treffpunkt war. Ich lief die ganze Straße runter und wieder hoch, ohne den Laden wiederzufinden. Ein mir entgegenkommendes Paar aus unserer Gruppe hatte dieselben Probleme, so dass wir dann kurzerhand XU anriefen. Die Nummer hatte ich sicherheitshalber dabei. XU war ganz aus dem Häuschen und bat uns, dort zu bleiben, wo wir gerade waren. Sie würde uns abholen. Nach ein paar Minuten sahen wir weitere Mitglieder unserer Gruppe und stellten fest, dass wir die ganze Zeit genau vor dem gesuchten Laden standen, ohne ihn wiedererkannt zu haben. Wir hatten ihn ganz einfach viel weiter unten vermutet. Peinlich, peinlich, ist mir noch nie passiert. Lag bestimmt an der Kälte.

Wieder im Bus konnte ich die Kapuze endlich abnehmen. Von einer Frisur konnte man ab jetzt allerdings bei mir nicht mehr sprechen. Wild und wirr wanden sich die schütteren Strähnen in alle Himmelsrichtungen.

Es war viertel nach zwölf und damit höchste Zeit für das übliche Mittagessen. Eigentlich. Aber unsere vorausschauende Reiseleitung hatte sich gedacht, dass wir doch bestimmt noch gerne eine weitere Verkaufsschau sehen wollten. Diesmal für Jade. Und auch hier bot man uns wieder eine perfekt, diesmal amerikanisches Englisch sprechende Promoterin, die uns die Kunst der Jadeschnitzerei näherbringen sollte. OK, es war schon sehr beeindruckend, was man aus diesem sehr harten Material alles so basteln kann. Vor allem Drachen. Das Ganze war allerdings ziemlich teuer. Ein Hausdrache in Hundegröße kommt schon auf ein paar tausend Euro. Da keiner unserer Reisenden Interesse an diesen Staubfängern hatte, durften wir uns dann im selben Gebäude an die bereits mehrfach beschriebenen runden Tische mit der Drehplatte setzen. Und schon wieder gab es diverse, teils kalte oder lauwarme Speisekreationen mit ständig sinkendem Fleischanteil. Auch hier wieder ein Glas Bier, Cola oder Sprite pro Gast. Kein Wasser. Dafür aber Bier, denn Bier trinkt der Chinese bekanntlich wie Wasser. Bei 2,5% Alkoholgehalt ist das auch nicht sonderlich gefährlich.

Die üblichen 8 Köstlichkeiten.

Um 13:30 Uhr Weiterfahrt. Es ging zurück in die Stadt in ein Viertel namens Hu-Ton. Das ist so eine Art Vergnügungsviertel, das rund um einen kleinen See gruppiert ist. Wenn es nicht so entsetzlich kalt gewesen wäre, wäre dies ein absolutes Highlight dieses Ausflugs geworden. Den Einwohnern schien die Kälte weniger auszumachen. Das Viertel mit seinen alten, eingeschossigen Häusern war überfüllt mit jungen Leuten in Frühlingsklamotten. Ein Restaurant reihte sich neben das nächste, eine Kneipe nach der anderen, überall Live-Musik, überall Straßenhändler, Schmuckgeschäfte und Klamottenläden ohne Ende. Und in dem ganzen Gewusel hunderte von Moped- oder Fahrradfahrern. Man hat sich hier in Beijing nämlich etwas sehr Schlaues ausgedacht. Überall in der Stadt stehen kleine gelbe Fahrräder rum. Damit sie nicht geklaut werden, sind sie mit einem stabilen Zahlenschloss versehen. Wer nun dringend irgendwo hinfahren will, schnappt sich so ein Rad, scannt den darauf abgedruckten Barcode mit seinem Handy ab und startet damit einen Mietvertrag. Das Handy teilt ihm den Code für das Zahlenschloss mit. Der Biker öffnet das Schloss und fährt los. Die ersten 30 Minuten sind sogar kostenlos. Wenn er am Ziel angekommen ist, scannt er den Code ein weiteres Mal und schließt das Fahrrad wieder ab. Sollte er länger als 30 Minuten gefahren sein, wird ihm der Betrag vom Konto abgebucht. Die Miete ist wohl sehr übersichtlich, da die Räder von unglaublich vielen Chinesen genutzt werden.

Eine Stunde später saßen wir wieder klappernd und zitternd im Bus. 17.00 Uhr – Zeit für das Abendessen, was sonst. Auf dem Weg in ein weiteres Touristenrestaurant der langsam nervigen Art hielten wir noch im Zentrum an einem Platz an, der sich „The Place“ nannte. Hier befand sich als Überdachung die größte derzeit bestehende LED-Beleuchtung der Welt. Darunter muss man sich eine Riesen-Cinemascope-Leinwand von etwa 100 Metern Breite mal 25 Metern Höhe vorstellen, auf der optisch aufreizende Motive gezeigt wurden. Fische, Weltraum, diverse Grafiken und so weiter. Eingerahmt von Starbucks, Zara und vielen anderen Luxusmarken war das schon ein sehr imposanter Beweis für die Weltläufigkeit dieser unglaublichen Stadt.

Der größte Fernseher der Welt.

Unglaublich, wenn man sich mal vor Augen hält, was hier in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat. Ich kann mich noch an meinen Besuch in Hongkong erinnern, bei dem wir auch einen Tagesausflug in das damals völlig verarmte China unternahmen. Da gab es kaum Autos, eine verängstigte, überwachte Bevölkerung und großes Elend weit und breit. Und heute stellt sich dieses Peking als extrem westlich orientierte Megacity dar, gegen die New York wie ein Vorort aussieht. Auch wenn ich bisher nur einen Bruchteil der Stadt gesehen hatte, war ich ehrlich beeindruckt.

Ich schreibe oft, dass hier sehr viele junge Chinesen zu sehen sind. Das ist eigentlich erstaunlich, weil es 30 Jahre lang die 1-Kind-Regel gab. Chinesen dürfen erst seit drei Jahren wieder mehr als ein Kind straffrei zur Welt bringen, aber kaum jemand macht von diesem Angebot Gebrauch. Wer schon ein Kind hat, will auf keinen Fall ein Zweites. Und sehr viele junge Leute wollen überhaupt kein Kind mehr, nicht einmal heiraten. Das liegt sicher auch am gestiegenen Bildungsniveau. Das Schulsystem bietet viele Anreize. Das Vorschuljahr und 9 Schuljahre sind Pflicht und kostenfrei. Dann kann man sich entscheiden, ob man eine Ausbildung machen will oder die „Oberstufe“ besucht. Auf die Uni kommt man nur nach einer bestandenen zweitägigen Prüfung, die für alle Schulen des Landes an zwei bestimmten Tagen im Jahr durchgeführt werden. Die Kosten für ein Studium können dann allerdings schön ins Geld gehen. Aber auch hier gibt es Kredite und Stipendien, so dass wohl tatsächlich ein sehr gut ausgebildeter Nachwuchs bereitsteht, das Wohl des Volkes und des Staates zu mehren.

Aber unser Marathonbesuchsprogramm war immer noch nicht zu Ende. Es folgte die Besichtigung einer „Essensstraße“ (also quasi die „Fressgass“ Beijings), in der hunderte von hungrigen jungen Chinesen vor den Lokalen im Freien warteten, um einen Sitzplatz in den begehrten Fressplätzen zu ergattern. Angesichts der gerade erfolgten Speisung wurde uns die Chance leider verwehrt, mal etwas Anderes zu essen zu bekommen. Sehr schade.
Dann war der Besuch einer Einkaufsstraße dran. Nach der Ankündigung von XU, dass diese Straße ein Paradies für Frauen und die Hölle für Männer wäre, zog ich es vor, für die nächste Stunde im Bus zu bleiben, um mich etwas aufzuwärmen. Leider ließ der Busfahrer die Seitentüre auf, so dass die ganze Zeit Kaltluft auf mich blies. Ich hätte mir einen Pelzmantel kaufen sollen.

Schließlich fuhr der Bus noch einmal zum „Platz des himmlischen Friedens“. Ich kann gar nicht beschreiben, wie beeindruckend die Illumination der Gebäude und Straßen war. So etwas habe ich bisher nirgendwo gesehen. Und da ja auch gerade der Parteikader tagte, wurden alle städtischen Gebäude gleich mit in Lichtermeere getaucht. So ganz nebenbei erfuhren wir, dass es eine 40 Kilometer lange Straße durch die Stadt gibt, die mit hunderttausenden von Laternen beleuchtet wird. Strom scheint in China sehr günstig zu sein.
Wir fuhren durch das Botschaftsviertel mit seinen Kneipen und Bars und sahen die Innenstadt noch einmal mit seinen ganzen aufregenden Leuchtreklamen, dem pulsierenden Leben der vielen, meist jungen Chinesen und dem Eindruck einer großartigen, positiv gestimmten Weltstadt.

Und mit diesen bewegenden Worten beende ich den Bericht über diesen extrem anstrengenden Tag. Hatte ich doch mein „Bewegunsgziel“ bereits am frühen Nachmittag VERDOPPELT! Das können meine Knochen nur bestätigen.

Nach Notat zu Bett.

Der fünfte Tag
Gegen 23.00 Uhr war ich etwa eingeschlafen. Um 3 Uhr weckte mich das Bellen eines Hundes. 21 Millionen Einwohner, aber alles, was man nachts hört, ist das Bellen eines Hundes. Na ja, es war mehr ein Winseln, ein Jammern, ein Hilfeschrei einer armen gepeinigten Kreatur. Offenbar fror das Hündchen. Die „Hilferufe“ wurden immer leiser und vereinzelter, bis sie gegen 4:20 Uhr endlich aufhörten (und das arme Tier vermutlich tot war).

Ich war kaum wieder eingeschlafen, als der Wecker klingelte. 5.00 Uhr. Wir mussten so früh raus, weil um 9.00 Uhr unser Flieger nach Chongqing gehen sollte. Chongqing (sprich „TschonTschin“) ist die größte aller chinesischen Städte mit sage und schreibe 33 Millionen Einwohnern.

Das Auschecken aus dem Hotel ging sehr flott. Interessanterweise durften wir erst losfahren, nachdem das Hotelpersonal kontrolliert hatte, ob auch niemand was im Zimmer liegen gelassen hat. Jedenfalls war das der offizielle Grund. Tatsächlich wollten sie nur prüfen, ob sich vielleicht jemand an der Einrichtung bereichert hatte. Und tatsächlich wurden einem Paar unserer Gruppe zwei Bademäntel in Rechnung gestellt, die sie schnell und mit hochrotem Kopf bezahlt haben. Peinlich, peinlich! (Auch für das Hotel, das mit seinen 5 Sternen über einem solchen Verhalten stehen sollte…)

Der Flug nach Chongqing war fürchterlich. Alle Reisenden unserer Gruppe wurden auf Mittelplätze verteilt. Die recht betagte 737 war sehr eng bestuhlt mit völlig durchgesessenen Sitzen. Am Fenster neben mir eine Chinesin, die sich während des ganzen Fluges keinen Millimeter bewegt hat; neben mir am Gang ein junger Chinese in feinstem Zwirn, der sich jeden Staubfussel von der Kleidung gerubbelt hat. Falls er auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch war, hätte er vielleicht besser gestern Abend kein Knoblauch essen sollen…
Gut ein Drittel des dreistündigen Fluges ging zu allem Überfluss auch noch durch unruhiges Wetter. Bei jedem Rüttler kam eine ellenlange Ansage in chinesisch und englisch vom Band, dass man sich wieder hinsetzen soll. So oft habe ich meinen Kollegen John Lloyd, der die englischen Ansagen für Star Alliance, also auch für Air China spricht, noch nie gehört.

Der Pandabär befindet sich im Hintergrund links.

Nun gut, alles hat ein Ende, auch dieser Flug. Es war mal wieder Zeit, was zu essen.

Und ein weiteres Mal setzten wir uns in vorgegebener Besetzung rund um zwei Tische mit Drehscheibe. Und schon wieder kamen die gleichen, teilweise ekligen Sachen auf den Tisch. Kein Wunder, dass ich bereits wieder ein volles Kilo abgenommen hatte. Ich hätte gerne statt der obligatorischen Bierverköstigung ein Glas Wein bekommen, was aber auch hier nicht möglich war.

Danach fuhren wir etwa eine Stunde lang durch diese Megacity „Chongqing“. Leute, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Bis zu vier Fahrbahnen übereinander, dazu U- und S-Bahnen, gewundene Straßenzüge wie in utopischen Science-Fiktion-Filmen von Luc Godard, abertausende von Hochhäusern mit so vielen Stockwerken, dass man die höchsten tatsächlich als „Wolkenkratzer“ bezeichnen konnte. Dazu die schlechte Luft, der Nebel, der Gestank und die Lautstärke einer Riesenmetropole. Und mittendrin wuselten unendlich viele Chinesen mir ihrem Mundschutz durch die Straßen, immer emsig, immer im Dienst.

Beijing war beeindruckend, großzügig, architektonisch auf dem neuesten Stand. Das alles fehlte dieser Stadt – was nicht heißt, dass es in zwei Jahren schon wieder ganz anders aussehen wird. Denn an allen Ecken und Enden wurde gebaut, als müsste morgen hier eine ganz neue Stadt stehen. So viele Großbaustellen habe ich auch noch nie gesehen.

Um unsere Stimmung wieder ein bisschen aufzuhellen, sind wir daher in den Zoo gefahren. Das hilft bei Kindern und auch bei Erwachsenen. Zumal es in diesem Zoo echte Panda-Bären gab. Ich muss gestehen, dass ich bisher keinen der derzeit lebenden rund 1800 Pandas „live“ gesehen hatte. Und hier gab es gleich drei dieser knuddeligen Tiere. Die liegen zwar nur den ganzen Tag faul rum und fressen ganze Bäume auf, sind aber wirklich sehr putzig anzusehen. Die drei Exemplare in diesem ansonsten völlig runtergerockten Zoo waren schon knapp 16 Jahre alt – und somit schon im Rentenalter. Pandas leben höchstens 20 Jahre. Kein Wunder, wenn man den ganzen Tag frisst und sich nicht bewegt – würde meine Hausärztin jetzt sicher dazu bemerken, nicht ohne einen strafenden Blick auf mich zu werfen.

Garantiert echt.

Im Zoo selbst gab es wohl noch ein paar weitere Tiere, die wir aber gar nicht gesehen haben, weil erstens der Regen wiedereingesetzt hatte und zweitens unsere geplanten 30 Minuten Aufenthalt abgelaufen waren.

Also ein weiteres Mal in den Bus, weitere 30 Minuten durch diesen Alptraum einer Großstadt bis hinunter an die Anlagestelle unseres Flusskreuzfahrtschiffes.

Genau. Richtig gelesen: Unseres Kreuzfahrtschiffes. Ab jetzt brauchten wir keinen Bus mehr. Die nächsten 5 Tage durften wir auf einem sehr luxuriösen Schiff verbringen, das mit seinen sechs Decks, diversen Restaurants und Bars, mit seinem Kino, diversen Sportmöglichkeiten, Vorträgen über Akupunktur und alternativer Medizin sowie Ringelpietz mit Anfassen wohl die meisten Wünsche abdecken sollte.

Unser Schiffchen.

Zum Glück mussten wir unsere Koffer nicht selbst bis aufs Schiff schleppen. Das erledigten arme, muskelbepackte Männer der chinesischen Unterschicht für uns. Die armen Kerle mussten dabei pro Gang vier volle Koffer gleichzeitig vom Straßenrand bis zum Schiff,  also rund 200 Meter, inklusive 40 steiler Treppenstufen, transportieren. Dazu haben sie die vier Koffer an einen Holzbalken gebunden, den sie dann auf ihrem Rücken geschleppt haben. Lange schafft das keiner, aber der Mensch zählt ja hier nicht viel. Leider haben sie dabei den Griff an meinem Koffer abgerissen.

Das Boarding gestaltete sich ungewohnt bürokratisch. Um zu vermeiden, dass ein Tourist irgendwo auf dem Land ausgetauscht wurde, musste sich jeder fotografieren lassen und diese Bildausweise nach jedem Landbesuch wieder vorweisen. Das Schiff fasste rund 450 Passagiere, war aber nicht ausgebucht. Rund 300 Gäste waren angeblich nur an Board. Dazu etwa 150 Angestellte, allesamt blutjung und hübsch anzusehen. Damit sich die Touristen nicht etwa an chinesische Namen gewöhnen mussten, hatten sich die Angestellten selbst westliche Namen gegeben. Wir waren mit unserer 21-köpfigen Minigruppe übrigens die einzigen Deutschen an Board. Der Großteil kam aus Kanada und den USA. Diese beiden Länder sind ja auch die Hauptkunden von SINORAMA.
Und dann ging es in die Zimmer. Wow! Damit hatte ich so gar nicht gerechnet. Außenkabine, ca. 20 qm groß. Riesiges Doppelbett, 50-Zoll-Fernseher, Tresor, komplett eingerichtetes Bad, Schränke, Schreibtisch, Sessel, eigener Balkon. Und alles nahezu neu. Die Renovierung unseres Schiffes schien noch nicht lange her zu sein. Meine Kabine lag im dritten Stock,  etwa in der Mitte des Schiffes.

Eine ordentliche Kajüte.

Schnell war der Koffer ausgepackt. Meine mitgebrachten Stromadapter (vorher aus China importiert, wie umweltfreundlich…) passten perfekt in die Steckdosen. Es gab im Bad sogar einen in Plastik verpackten Kamm, den ich dankbar auspackte. Ein Fön hat leider gefehlt, aber bei meinem Wuschelkopf war der ja ohnehin keine gute Idee.
Als Nächstes gab es ein informatives Treffen und eine Programmvorschau in der riesengroßen Bar des Schiffes, oben im 5. Stock. Diese Show war eigentlich nur für die an Bord befindlichen Kanadier und Amerikaner gedacht, aber ein paar von uns hatten sich auch eingefunden.

Gin Tonic geht immer.

Und wie nicht anders zu vermuten war, sollte in der Bar natürlich auch was getrunken werden. Und dann kam auch schon der erste Schock. Die Getränkepreise waren weit höher als bei dem üblichen Preisniveau zu erwarten gewesen wäre. Außerdem wurde man ständig dazu aufgefordert, „Packages“ zu kaufen, also von vornherein große Mengen auf einmal zu bestellen, um Geld zu sparen. Im Falle von Weißwein wäre das eine teure Falle gewesen. Weißwein gab es eigentlich nur flaschenweise. Lediglich eine einzige, ziemlich süße Sorte wurde für 50 Yuan pro Glas offeriert, also ca. 6,90 Euro für 0,1 Liter. Die Flaschen kosteten dann zwischen 300 und 400 Yuan, also zwischen 42 und 55 Euro, was schon ganz schön happig ist. Auch ein Gin Tonic war mit 8,30 Euro nicht gerade günstig. Damit war auch klar, warum streng verboten war, selbst Getränke mit an Bord zu bringen. Der Preis, der von SINERAMA an die Reederei gezahlt wurde, dürfte kaum kostendeckend gewesen sein, sodass sich die Differenz zu einem lukrativen Betrieb fast ausschließlich durch den Verkauf von Bord-Alkoholika finanzierte.
Außerdem gab es noch weitere Einnahmequellen für die Crew: Wireless LAN kostete 300 Yuan für die Reise. Bei dem Preis war sogar WLAN in der Kabine inbegriffen. Und natürlich kosteten alle SPAs, Sport- und Fitness-Einrichtungen extra Geld, was mich aber (bekanntlich) sowieso nicht interessiert hat. Lediglich der Pool war kostenlos nutzbar, wenn auch nur zu bestimmten, akribisch festgelegten Zeiten.

So sieht´s im Inneren unseres Schiffes aus.

Nach einem Blick auf die Uhr war klar, dass wir schon lange nichts mehr gegessen hatten. Also ab in den Speisesaal, der pünktlich um 19.00 Uhr seine Pforten öffnete.

Und jetzt endlich machte sich auf den Gesichtern unserer Mitreisenden wieder ein sattes Lächeln breit. Wir saßen zwar wieder wie gewohnt an den runden Gruppentischen, aber ab jetzt klatschte uns niemand irgendwelche Sachen auf die Drehscheibe, die keiner essen wollte. Es gab nämlich ein sehr großzügiges Buffet, rund 40 Meter lang gut und lecker bestückt. So langsam taute unsere Gruppe auch auf; die ersten privaten Gespräche kamen auf. Und ich fiel natürlich auf den Wein-Trick rein. Ich wollte mir nur ein einziges Glas bestellen, hatte aber plötzlich doch eine ganze Flasche am Hals. Nun gut, der Wein aus Australien schmeckte lecker, und man gönnt sich ja sonst nichts. Lisa, meine persönliche Betreuerin am Tisch, schenkte mir immer wieder nach, bis ich dankend abwinkte. Ich hatte gar nicht viel getrunken, fühlte mich aber dennoch am Limit für heute.

Das Mädel in der weißen Uniform ist Bella.

Unser Schiff hatte noch gar nicht abgelegt. Das sollte erst mitten in der Nacht um 22:30 Uhr passieren. Davon habe ich allerdings nichts mehr mitbekommen. Ich ruhte in Morpheus Armen und schlief den berühmten Schlaf des Gerechten. 11 Stunden lang. Ohne auch nur einmal aufzuwachen.
Ich war endlich angekommen.

Der sechste Tag
Als ich so langsam wieder zu mir kam, bewegte sich das Schiff im Schleichtempo an einer atemberaubenden Kulisse flussabwärts. Unser geplantes Tagesprogramm war im Gegensatz zu den anderen Tagen sehr übersichtlich. Eigentlich stand nur ein Ausflug zur Roten Pagode auf der Liste. Bis dahin war noch viel Zeit. Das Frühstück fand natürlich wieder im Restaurant statt. Inzwischen hatte ich noch weitere Reisegruppen zuordnen können. Es waren auch Australier und sogar Mexikaner an Bord. Die diversen Programmpunkte wurden über eine Lautsprecheranlage in den Kabinen mehrsprachig angekündigt. Immer zweimal hintereinander, damit man ja nichts verpasste. Das Frühstück bot zwar Unmengen an Speisen, die mich nicht interessierten, aber leider nur eine Käsesorte und weder Schinken noch Wurst.
An der Rezeption kaufte ich mir den oben schon erwähnten Internetzugang, der auch in meiner Kabine funktionieren sollte, was er aber nicht tat und daher zu einer Gutschrift führte. Außerdem buchte ich einen weiteren Ausflug, der bisher nicht angeboten wurde und staunte nicht schlecht, dass reihenweise alte Damen sich an der Rezeption beschwerten, dass die Matratzen zu hart wären.

Anschließend gab es Vorträge über Akupunktur und chinesische Heilkunst, die ich nur mit halbem Ohr verfolgte, weil ich an diesem Blog weiterschreiben wollte. Es war aber ziemlich makaber, dass der China-Doc einer freiwilligen „Patientin“ diverse Nadeln in den Körper steckte. Wenn´s hilft…

Der Speisesaal des Schiffes.

Nach dem sehr üppigen Mittagessen stand dann nach einer kleinen Verdauungspause die erwähnte „Rote Pagode“ auf dem Programm. Das Besondere an diesem Tempel ist, dass er komplett aus Holz gebaut wurde und keinen einzigen Nagel enthält. Trotzdem scheint er seit Jahrhunderten nicht zusammenzufallen. Bevor wir das Schiff verlassen durften, mussten wir uns wieder spezielle „Boarding Cards“ umhängen. Der Weg zum Tempel war gesäumt von hunderten von Andenkenläden mit dem entsprechenden Verkaufspersonal. Und was konnte man hier Schönes kaufen! Schlipse mit Panda-Muster, Spielsteine aus Jade oder Plastik, Drachen aus Pseudo-Jade, T-Shirts („I climbed the Chinese wall“), Seidentücher (fake), Goldmünzen (fake) und Buddhas in allen Größen. Und schon wieder hatte ich keine Lust auf den Erwerb dieses Mists.
Interessanter war dann schon die Geschichte dieser Stadt. Wie wir ja sicher alle noch wissen, hat China vor rund 8 Jahren einen großen Staudamm am Yangtse gebaut. Das gab damals keine gute Kritik der Einheimischen. Viele Ortschaften sind dabei nämlich schlicht und einfach abgesoffen, also vom Wasser überspült worden. Als Ausgleich hatte man die Bevölkerung umgesiedelt. Das fanden die Wenigsten in Ordnung. Es muss wohl ziemlichen Stress gegeben haben. Wie auch immer, der Staudamm ist jetzt in Betrieb und die neuen Städte sind mit Sicherheit moderner als die Steinhütten aus der Vorzeit. Trotzdem sind die ganzen jungen Leute abgewandert, um ihr Glück in der Industrie zu suchen. Zu Hause blieben nur die Alten und Gebrechlichen. Und die standen jetzt vor ihren Andenken-Läden und übten einen recht zaghaften Kauf-Druck auf uns aus. Man wurde zwar manchmal leicht berührt, aber im großen Ganzen war das noch akzeptabel.

Das zeigte mein Navi an, als ich wissen wollte, wo wir sind.

Nach einem langen Zugangsweg kamen wir dann endlich an die Pagode. Früher stand sie 30 Meter hoch alleine auf einem Felsen. Durch den Staudamm war das Wasser inzwischen bis fast an die Grundmauern gestiegen. Zuerst mussten wir eine etwa 100 Meter lange Hängebrücke überqueren, die ganz schön stark schwankte. Stahlseile unter den Holzplanken vermittelten aber ein Gefühl der Sicherheit. Die Pagode selbst besteht fast ausschließlich aus Treppenstufen. Sieben Stockwerke musste man hochklettern, bevor man in den eigentlichen Tempel kam. Dort waren dann diverse Figuren (aus Holz) übermenschengroß aufgebaut, die irgendwas bedeuteten. Was genau, müsste ich schnell mal nachlesen, aber leider habe ich meinen Reiseführer nicht dabei.
Und was man hochkletterte, musste man auch wieder runtersteigen. Der Weg bis zum Schiff zog sich dann auch noch mal ganz schön. Meine Apfeluhr machte „bling“, weil ich schon wieder mein Tagesziel übertroffen hatte.

Um 17.00 Uhr öffnete die Bar mit 20%-Nachlass für Cocktails. Um 17:45 Uhr stellte sich dann endlich der Kapitän mit seiner Crew vor. Dazu spendierte er irgendein Getränk, dessen Zusammensetzung ich nicht erkennen konnte. Es war was mit blauen Früchten und Sekt. Der arme Kapitän, ca. 60 Jahre alt, grauhaarig und hager, verzog keine Miene, als er gezwungen wurde, für die Touris Fotos mit sich machen zu lassen. Er sah eher aus, als wäre er ursprünglich auf einem Kriegsschiff Kapitän gewesen. Vermutlich war dieses Touristen-Kommando eine Strafversetzung.

Und schon war wieder Zeit für das Abendessen. Der Geräuschpegel im Restaurant war so hoch, dass man beim besten Willen keine Gespräche führen konnte. Also wieder ab in die Kabine.

Leider hatte die sonne in meinem Urlaub selbst Urlaub.

Aber das war noch nicht alles. Um 20.45 Uhr gab es eine große Begrüßungsshow, die von den Angestellten des Schiffes ausgerichtet wurde. Um die Stimmung aufzuheizen, wurde am Eingang jedem Gast so eine Art „Plastikhand“ übergeben, mit der man laut klatschen konnte. Heißa, war das spaßig. Die Darbietungen hingegen waren wirklich sehr schön. Es ging natürlich um chinesische Tänze und chinesische Musik; um Liebe, Freude, Eierkuchen – das ganze Programm eben. Etwa 16 Crewmitglieder hatten die Tänze einstudiert und hinterließen einen durchaus positiven Eindruck beim Publikum. Wir sahen tolle Kostüme und sehr akkurat einstudierte Tänze. Nur als am Schluss das Publikum aufgerufen wurde, selbst mitzuhoppsen, habe ich das Weite gesucht. Ich hatte noch einen dringenden Sprechauftrag für den MDR zu erledigen. Leider war es fast unmöglich, die Datei über das Internet in den Sender zu transportieren. Das WLAN auf dem Schiff ist extrem langsam und auch nur an zwei Orten vorhanden. Da das Signal über Satellit empfangen und versendet wird, waren die Download- und vor allem die Upload-Raten extrem niedrig. So saß ich dann in der Rezeption und wartete auf den erfolgreichen Upload der 35 Megabyte. Irgendwann hatte ein Crewmitglied Erbarmen mit mir und koppelte sein iPhone (4G) mit meinem Macbook Air. Dann dauerte es „nur“ noch zehn Minuten, bis die Mail mit den 35 MB versendet war.

Leider für die Katz, weil der MDR so große Mails gar nicht annimmt, wie sich am nächsten Morgen herausstellte. Da weder Dropbox noch „YouSendIt“ in China erlaubt waren, hatte ich jetzt ein echtes Problem. Ein Problem, das noch viel größer wurde, als ich leichtsinnigerweise einem anderen Kunden zusagte, ein paar Lernprogramme auf dem Schiff zu sprechen, zu schneiden und zu versenden. Da reden wir dann nicht mehr von 35 Megabyte, sondern von knapp 2 Gigabyte! Bei dem Tempo der Internetverbindung sollte man da mal ein gutes Jahr einplanen…

Frustriert ins Bett.

Der siebte Tag
Nach dem Frühstück, das für mich inzwischen nur noch aus süßen Brötchen mit Käse bestand, musste ich zunächst einmal ein bisschen arbeiten. Mehrere Lernkurse für Boehringer Ingelheim mussten dringend fertig werden, wie gestern schon angedeutet. Da es auf dem Schiff verhältnismäßig ruhig war, konnte ich die Aufnahmen ohne größere Unterbrechungen fertig stellen.

Der einzige Ausflug, der für diesen Tag geplant war, sollte uns später, so gegen 11:30 Uhr, in die „Drei Schluchten“ führen. Hier wohnt noch immer ein Bergvolk, dass sich durch allerlei Folklore und Touristenbespaßung am Leben erhält. Nach etwa 45 Minuten Busfahrt kamen wir dann auch mitten in dieser atemberaubenden Landschaft an. Da wir eine recht kleine Gruppe waren, durften wir die Weiterfahrt ins Zentrum der Schluchten mit einem kleinen Ausflugsboot weiterführen. Die uns zugeteilte Reiseführerin war ziemlich sauer, dass ihr XU die ganze Arbeit abnahm. Ihr blieb nur noch übrig, zu den Erzählungen von XU die passenden Fotos aus einem Bildband zu zeigen, den wir dann am Ende hätten kaufen können. Hat natürlich niemand getan. Am Zielort angekommen, wanderten wir auf kleinen, schwankenden Wegen aus Plastikblöcken zum Zentrum der Touristenattraktion. Hier war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der die Bergführer aus heiterem Himmel anfingen zu singen und zu tanzen. Über kurz oder lang mussten die Touristen mittanzen. Der Weg führte dann weiter bis zu einem Wasserfall, der aber an diesem Tag im Urlaub war. Wasser war nicht, wie überhaupt der Wasserspiegel erstaunlich niedrig war. So niedrig übrigens, dass unser Schiff nicht mehr weiterfahren konnte. Ab jetzt spielten sich alle Exkursionen vom selben Liegeplatz aus ab. Nach ein paar Minuten wanderten wir wieder zurück zu den Ausflugsbooten und drehten dann noch eine längere Runde auf dem Fluss, hier und da am Boden kratzend. Unsere (schweren) Herren mussten sich vom Aussichtsdeck ins Innere des Bootes begeben, damit kein weiterer Schaden am Schiff entstand.

Heute war der „Tag der Frau“.

Das Internet ging inzwischen überhaupt nicht mehr, obwohl die SIM-Karte weiterhin einwandfrei funktionierte. Das hatte vielleicht was mit den Mails zu tun, die ich von meinem chinesischen Provider mittlerweile bekommen hatte. Also bat ich XU, die mal zu übersetzen. Und siehe da: Mein Internetguthaben war aufgebraucht. Anders als bei der Telekom konnte ich es auch nicht selbst wieder aufladen. Aber XU konnte es. Sie hatte irgendeine App auf ihrem Handy, mit der sie MEIN Handy aufladen konnte. Ich gab ihr dann einfach das Bargeld, 100 Yuan. Und schon war ich wieder mit der Welt verbunden! Kaum 100 Mails später zeigte sich, dass ich nicht viel versäumt hatte.

Der Ausflug war so getimed, dass wir pünktlich zum Mittagessen wieder an Bord waren. Danach habe ich mich wieder in meiner Kajüte verbarrikadiert, um die Aufnahmen des Vormittags sauber zu schneiden. Das bedeutet, Fehler und Atmer aus der Aufnahme zu entfernen. Außerdem musste so gut wie jeder Satz einzeln mit einem eigenen Dateinamen abgespeichert werden. Eine Arbeit, die ich hasse wie die Pest, aber sie gehört nun mal dazu.

Um 17.00 Uhr gab es in der Bar und auf dem Oberdeck in Ebene 6 Martinis zum Sonderpreis. Genauer gesagt, mit 20% Preisnachlass. Statt 60 nur noch 48 Yuan. Immer noch sauteuer, aber auch saugut. Zwei Stück habe ich geschafft, dann musste schon wieder gegessen werden. Und da ich schon so gut drauf war, habe ich mir an diesem Abend gleich noch eine weitere Flasche Chardonnay aus Australien gegönnt. Wenn man sich Mühe gibt, kann man die alleine an einem Abend schaffen, wie sich herausgestellt hat.

Für mich war es der „Tag des Weins“.

Anschließend gab es noch die übliche Kurzdisco im 5. Stock. Diesmal mussten sich die Gäste mit Masken verkleiden. Habe ich allerdings nicht mitgemacht. Lieber habe ich den 22. Geburtstag von Alexandra mitgefeiert, dem schon erwähnten Teenager mit ihrem Vater, die ja dann wohl doch schon ein Twen war. Eines der schüchternsten Menschen, die ich jemals erlebt habe. Und dabei von oben bis unten gepierct und tätowiert. Passt alles nicht zusammen. Naja, geht mich ja nichts an.

In der Bar.

Dann eine Schocknachricht meiner Schwester, der meine Stimmung schwer runterzog: Meine Mutter hatte einen Schlaganfall. Bisher nur leichte Lähmungen, aber starke Probleme beim Sprechen. Geistig noch völlig fit. Das stellt uns vier Kinder vor ein echtes Problem: In elf Tagen wollte sie eigentlich in ein Heim für „betreutes Wohnen“ umziehen. Daraus wird jetzt wohl nichts mehr. 91 Jahre sind kein Pappenstiel.

Gegen 22.00 Uhr ins Bett.

Der achte Tag
Der letzte Tag auf dem Flusskreuzfahrtschiff war angebrochen. Inzwischen hatten wir die vielen hübschen und hilfsbereiten Chinesen und Chinesinnen an Bord liebgewonnen. Bei jedem Ausflug standen sie Spalier, um uns daran zu erinnern, den Kopf einzuziehen oder „Mind your step“ zuzurufen.
Der heutige Tag bot noch einmal zwei Highlights: Den Besuch des nun schon oft angesprochenen Staudamms und eine Fahrt zu einer „Flussfamilie“, was immer das sein sollte.

Die Busfahrt zum Staudamm dauerte wieder die üblichen 45 Minuten. 45 Minuten Fahrt durch eine verdreckte Industriestadt, die für die Zwangsumsiedler aus dem Boden gestampft worden war. Auch hier wieder Unmengen von Hochhäusern, die doch keiner wirklich haben will. Viele standen auch noch leer.

Alles für das größte Projekt, das China je auf die Beine gestellt hat. Der „Drei-Schluchten-Staudamm“ wurde zwischen 1993 und 2009 gebaut, nachdem man fast 80 Jahre daran geplant hatte. 24.000 Arbeiter waren daran beteiligt, und die endgültigen Kosten sind noch nicht abzusehen. Man rechnet mit zwischen 60 und 120 Milliarden US-Dollar. Zu 80% aus chinesischen Haushaltsmitteln finanziert!

Bisher ist der Staudamm „erst“ der drittgrößte der Welt. Wenn alles fertig ist, wird er aber die beiden Staudämme in Paraguay und Venezuela überholt haben, was die Stromleistung angeht. Natürlich haben auch viele deutsche Firmen hier mitgemischt; Siemens zum Beispiel. Eine Zeit lang hatten die Amerikaner ihre Unterstützung beim Bau zugesagt, diese aber wieder zurückgezogen, als die politischen Umstände sie dazu nötigten.

Die Besichtigung des Bauwerks ist leider stinklangweilig. Man kann sich ein Modell des Staudamms ansehen und sich dabei mit Andenken eindecken. Man sieht zwar den Damm, aber nicht den Stausee. Wer Beton mag, kommt allerdings voll auf seine Kosten.

Man kann es den Chinesen nicht verdenken, dass sie stolz auf ihr Bauwerk sind. Immerhin werden durch den Staudamm 86 Milliarden Kilowattstunden erzeugt, was für 13 Großstädte, 140 Kleinstädte, 1352 Dörfer und 657 Fabriken reicht. Hab´ ich nachgezählt. 632 qkm Land mussten wegen des Projektes geflutet und 1,3 Millionen Menschen umgesiedelt werden.

Die Besichtigungsstunde mit unzähligen Rolltreppen war wirklich sehr langweilig. Da hätte man auch mehr draus machen können.

Beim Mittagessen fing ich an zu schwächeln. Ich war kurz davor, den bereits bezahlten dreistündigen Spaziergang zu dieser ominösen Wasserfamilie zu schwänzen. Aber XU überredete mich, sich das nicht entgehen zu lassen. Und sie hatte Recht. Der Ausflug gehörte zu den absoluten Highlights dieser Chinareise.

Den Weg zum Bus waren wir ja nun schon einige Male gelaufen. Quer durch drei weitere Schiffe, die aufgrund des niedrigen Wasserpegels gestrandet waren. Dann über eine gewaltige „Passagierhebekabine“ auf Parkplatzhöhe. Und dann mit dem Bus eine Stunde durch die Megacity, bis die Straße immer schmaler wurde und der Bus eine beängstigende Slalomfahrt am Rand der Steilküste absolvieren musste. Unsere Fahrerin hatte einen ziemlichen Kamikaze-Stil drauf. So manches Mal stockte uns der Atem, bis der Gegenverkehr in letzter Sekunde ausweichen konnte.

Wen soll ich mir als Braut aussuchen?

Der Ort, den wir da besuchten, nennt sich „Water village“ und wird von einer der vielen chinesischen Minderheiten bewohnt. Die Führerin unserer Gruppe nannte sich „Vera“, und wir waren ihre „Vera-family. Von dem autark lebenden Ort selbst sahen wir nur einen kleinen Teil, der extra für uns Touristen vorbereitet war. Entlang eines Flusslaufes entdeckten wir Komorane, Affen und Fische. Die Einheimischen sangen sich quer über das Flussbett Liebeslieder zu, zwei Buben versuchten sich auf einer Art Blockflöte und ein junges Mädel spielte auf einem Zither-ähnlichen Instrument. Alles richtig nett. Gegen 16.00 Uhr wurde uns dann sogar eine Hochzeit vorgespielt, bei der die Braut sich einen jungen Mann aus dem Publikum angelte. Dazu laute atonale chinesische Musik und erklärende Worte des Dorfältesten. Nach einer guten Stunde waren wir durch und wurden wieder zurückgekarrt. Von wegen dreistündiger Spaziergang. 60 Minuten + 120 Minuten Busfahrt waren es nur. Trotzdem hatte ich mein Bewegungsziel heute um 200% übertroffen!

Irgendwohin müssen die Kilos ja geflossen sein…

Auf dem Schiff stand das Kapitänsdinner auf dem Programm. „Schön angezogen“ sollten wir uns pünktlich um 18:30 Uhr im Restaurant an unseren Tischen versammeln. Der Kapitän kam erst um sieben, bellte ein paar launige Worte ins Mikrophon und verloste ein paar Gutscheine. Dann durften wir essen. Anders also sonst kamen heute wieder die ganzen Speisen auf die Drehscheibe, die wir sonst nie angerührt hatten. Das Zeug musste ja weg! Es wurde so laut und stickig im Raum, dass ich mich sehr schnell zurückzog und den freien Platz an der Rezeption nutzte, meine 2005 Yuan an Extras zu bezahlen.
Es wurde Zeit, die Koffer zu packen. Bis 22:30 Uhr sollten die auf den Gängen vor den Zimmern stehen. Logistisch eine kleine Herausforderung, da man nach Abgabe seines Koffers ja nur noch sein Handgepäck mit sich rumschleppte. Und da passte nun mal der Rasierapparat nicht mit rein. Eine Ersatzzahnbürste samt Zahnpasta lag im Bad, aber rasieren musste ausfallen. Da der Wecker auf 5:45 Uhr stand, war ich um zehn im Bett, ein leichtes Kratzen im Halse verspürend …

Der neunte Tag
Oder der Tag, den ich gerne aus meinem Gedächtnis löschen möchte.

Unser Wecker klingelte pünktlich, es war Zeit, das Schiff zu verlassen. Meine Zimmerschlüssel (in Form einer Code-Karte) hatte ich schnell abgegeben, das Frühstück bot wie immer nur Käse mit süßen Brötchen für mich. Während wir uns für das Ausschiffen sammelten, nutze ich die Zeit, ein paar Takte auf dem Flügel zu spielen, der an der Rezeption stand. Ich kann es wohl noch; den Leuten hatte es anscheinend gefallen.

Da unser Schiff ja bekanntlich festlag, sollte der heutige Tag komplett mit Busfahrten verbracht werden. Ziel war die Provinzhauptstadt Wuhan-City mit „nur“ 11 Millionen Einwohnern. Ich hatte daher meine Winterjacke in den Koffer gequetscht und mir stattdessen nur mein Jackett angezogen.

Das war ein Fehler.
Denn nicht nur im Bus war es – anfangs – extrem kalt, auch draußen, bei diversen Zwangspausen, zitterte ich vor Kälte. Teils, weil es tatsächlich nur noch 10 Grad waren, teils, weil ich mir inzwischen eine gründliche Erkältung eingefangen hatte, bei der meine Nasen literweise Schleim produzierte. Der erste Stopp war an einer Tankstelle. Hier gab es auch einen Supermarkt, der aber nur Süßigkeiten und Getränke verkaufte. Leider keine Papiertaschentücher. Die Getränke musste man nicht extra kühlen, denn selbstverständlich war kein Raum in dem Gebäude beheizt.

Das wurde auch bei unserer nächsten Besichtigung, einem Museum in Jinzhou mit echter Mumie, leider nicht besser. Hier war es in den Räumen sogar noch kälter als draußen. Also weiter zum Mittagessen nach gewohntem Muster. Ungewohnt war nur, dass auch hier weit und breit keine Heizung existierte. Im Sommer soll es hier über 40 Grad heiß werden. Warum man dann im Winter die Kälte akzeptiert und kein Haus in der Stadt eine Heizung hatte, werde ich nie verstehen. Außerdem haben wir uns eine Stadtmauer mit diversen ungeheizten Verkaufsräumen angeschaut und einen weiteren Stopp an einer Tankstellen-Toilette gemacht, bei der es leider schon wieder kein Nasenputz-Papier gab, nicht einmal in der Toilette.

Gegen 17.00 Uhr kamen wir dann in den Feierabendverkehr der Großstadt Wuhan. Und diese Stadt war dann noch einmal um Einiges größer, schriller, durchgeknallter als alles, was ich städtebaulich bisher so gesehen habe. Überall wurden alte, zehngeschossige hässliche Hochhäuser abgerissen und durch neue, 40-geschossige hässliche Hochhäuser ersetzt. Auf den Straßen nur Mittel- und Luxusklassewagen, ein Drittel davon aus Deutschland. Und die Chinesen mittendrin nur frühlingshaft gekleidet! Bei diesen Temperaturen! Hier waren bestimmt irgendwo die berühmten Einkaufstempel, die ich mir gerne mal angesehen hätte, aber wir durften uns nur in der Kälte ein paar Wellblechhütten rund um das Restaurant ansehen. Da habe ich immerhin einen USB-Stick erstanden. Ich muss leider erwähnen, dass das Essen von Mal zu Mal immer schlechter wurde. Die „Acht Köstlichkeiten“ verwandelten sich langsam in Acht Kötzlichkeiten“. Nicht wenige hatten des Öfteren mit Magenverstimmungen zu kämpfen. Vor allem das „Fleisch“ sollte man besser nicht essen. Das angebliche Rind oder Schwein war meist sehr fettig und nur durch die Vermengung mit irgendwelchen Pilzen überhaupt genießbar. Warm war übrigens nur der Tee, der gratis ausgeschenkt wurde.

Und immer wieder dreht sich alles ums Essen…

Selbst das Abendessen in Wuhan in einem optisch sehr schönen tibetischen Ambiente (aber mit immer den gleichen, lauwarmen Essenszutaten wie bisher) zeichnete sich durch Eiseskälte aus. Kein Wunder, wenn man alle Türen auflässt. Ich wollte nur noch so schnell wie möglich in ein möglichst warmes Hotelzimmer. In der (ungeheizten) Lobby des Holiday Inn-Hotels ging die Verteilung der Zimmerschlüssel zum Glück sehr schnell und das anfangs eiskalte Zimmerchen war nach einer Stunde erträglich warm.

Eigentlich wollte ich mich am Abend noch mit einem chinesischen Sprecher treffen, der viel für mich arbeitet. Der hatte aber terminliche Probleme und musste mir absagen. Gut so, denn in der Hotelbar wäre er mir sicher erfroren.

Ich wollte ihm den USB-Stick mit meinen Aufnahmen mitgeben, damit er sie an meinen Kunden nach Deutschland schickt. So musste ich mal wieder auf das hoteleigene Internet zurückgreifen. Leider hat das, wie inzwischen üblich, auch hier nicht funktioniert. Meine Kunden werden sich weiter gedulden müssen.

Deshalb bereits um 21.00 Uhr ins Bett. Der Schlaf war sehr unruhig, da auch der unermüdliche Verkehr deutlich bis zu mir in den sechsten Stock drang.

Nachts um eins meldete sich dann meine Alarmanlage. Nicht die in meinem Zimmer, sondern die von zuhause. „Einbruchsversuch“ stand auf dem Handy. Da ich das Handy aber auf „Nachtmodus“ gestellt hatte, konnte ich diese Meldung erst am nächsten Morgen nach dem Wecken sehen. Zum Glück klärte sich der Alarm auf. Mein Sohn Benjamin hatte mich zuhause besucht.

Der zehnte Tag
Der Wecker klingelte an diesem Tag bereits um fünf Uhr früh. Es sollte ein weiterer Reisetag werden. Laut Plan würden wir um 7:36 Uhr mit einem Highspeed-Train nach Shanghai düsen. Die 700 Kilometer sollte der Zug in 4-5 Stunden schaffen; gebraucht hat er sechseinhalb. Das wird daran gelegen haben, dass wir alle paar Minuten anhielten, während der wirkliche Hochgeschwindigkeitszug auf dem anderen Gleis ohne Zwischenstopps das Weite suchte.  Der Zug selbst ist hochmodern. Die Sitze können je nach Fahrtrichtung mit wenigen Handgriffen umgedreht werden. Die Bezeichnung der Sitze erinnerte ein wenig an Flugzeuge. Ich hatte Reihe 1, Platz A, also am Fenster. Alle paar Minuten kam eine Bedienstete mit Obst, Getränken und Sandwiches vorbei, und um elf Uhr konnte man sogar ein Mittagessen für 12.00 Uhr vorbestellen. Ich wählte „Rind mit Reis und Gemüse“ und kriege jetzt noch Würgereflexe, wenn ich an das Fleisch denke. Reis und Gemüse waren OK.
Nach der Ankunft und einem weiteren überflüssigen Sicherheitscheck (die Sensoren piepten noch nicht einmal mehr) ging es dann mal wieder mit dem Bus weiter. Neuer Fahrer, alter, abgerockter Bus. Und nun passierte etwas Merkwürdiges. Laut Reiseplan hätten wir jetzt in unser Hotel fahren sollen, um uns etwas auszuruhen und den Rest des Tages zur freien Verfügung zu haben. Wer – wie ich – die Nachttour gebucht hatte, sollte diese so ab 18.00 Uhr antreten. Nun erzählte uns XU, bzw. ihre neue Kollegin „Christine“ (sie nennt sich wirklich so), dass das Hotel leider eineinhalb Stunden vom Zentrum entfernt sei. Wenn man also erst ins Hotel führe, müsse man ja dann gleich schon wieder zurückfahren. Da wäre es doch besser, den Stadtbummel vom Folgetag jetzt gleich anzuschließen und die Nachttour dann natürlich auch gleich mit. Das klang auf den ersten Blick ganz vernünftig, brachte uns jedoch leider am Ende nur Nachteile. Doch der Reihe nach.

Vom Bahnhof bis in die Innenstadt sind es ein paar Kilometer, bzw. über eine Stunde Fahrzeit. Zeit genug, um uns über ein paar Kennzahlen von Shanghai ins Bild zu setzen. Die zweitgrößte Stadt Chinas hat so um die 24 Millionen Einwohner. Auf den 6300 qkm Grundfläche tummeln sich 20.000 Busse und 50.000 Taxis. Die würden nicht größer auffallen, wenn nicht jeder Einwohner mindestens ein Auto hätte. Die Neuzulassungen sind hier auf 8000 Stück pro Monat beschränkt. Auch hier ist das Nummernschild unter Umständen teurer als das Auto. Die Nummer „88888“ soll angeblich 1 Million Yuan gekostet haben. Shanghai hat den größten Hafen der Welt und das höchste Bauwerk sowieso: Der „Shanghai Tower“ ist 632 Meter hoch. Derzeit ragen sage und schreibe 6000 Hochhäuser in den Himmel – und täglich werden es mehr. Der Bauboom geht schon einige Jahre, hat aber zuletzt noch mal Fahrt aufgenommen. Bis 2020 werden die 19 U-Bahnlinien ganze 800 km lang sein. Und das alles baut der Chinese bei einer Arbeitszeit von 8 Stunden täglich mit zwei freien Tagen in der Woche. Hut ab!

Shanghai and I.

Endlich waren wir im Zentrum angekommen. Wir wurden an der Uferpromenade ausgespuckt, um uns einen ersten Eindruck der Metropole mit ihren Myriaden von Wolkenkratzern machen zu können. Brav liefen wir 20 Minuten hin und her und stiegen wieder ein. Als nächstes hielt der Bus an einer Kreuzung mitten in der Fußgängerzone der „größten Einkaufsstraße“ von was weiß ich, vermutlich der Welt. Die „Nanjing-Straße“ ist zwar nur 5 Kilometer lang, aber schwer angesagt. 200.000 Besucher laufen jeden Tag über diese Straße. Und natürlich findet man hier alle angesagten Marken der Welt. Von Gucci bis Rolex, von Apple bis Samsung, von Porsche bis Lamborghini. Und man sieht unheimlich viele Fressketten. Die Chinesen essen wirklich den ganzen Tag, am liebsten Süßigkeiten. Vor manchen uns völlig unbekannten Süßwarenverkäufern standen lange Schlangen. Während ich da so zuschaute, wurde ich plötzlich von zwei blutjungen, sehr hübschen Chinesinnen angesprochen. In feinstem Englisch wollten sie gerne mit mir einen Tee trinken gehen. Einen kurzen Moment fühlte ich mich echt geschmeichelt. Bis die kleine Alarmglocke im Hirn mich darauf aufmerksam machte, dass dies ein beliebter Trick ist, alleinstehende Männer nach Strich und Faden auszunehmen. Bestimmt, wenn auch ungern, lehnte ich dankend ab. Viel interessanter waren dafür die vielen kleinen Nebenstraßen, die von allerlei Straßenhändlern bevölkert wurden. Aber wenn man bei „China“ sofort an „Billig“ denkt, kommt man hier nicht weit. Die ganze sogenannte „Fake“-Ware ist weit und breit nicht zu sehen. Hier ist alles echt und sehr teuer. Teurer als in Deutschland.

Sicher gibt es irgendwo Märkte, auf denen diese Imitationen verkauft werden. Aber wir Touristen sollen davon nichts mitbekommen. Wir werden bewusst (?) von diesem negativen Bild Chinas ferngehalten.

Deswegen die unscheinbaren, kleinen Restaurants irgendwo in Nebenstraßen. Deswegen die Hotels, die so weit weg vom Zentrum liegen, dass man als Tourist kaum den Mut hat, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Denn die Sprachbarriere ist schon deutlich: Es spricht fast niemand in China englisch, jedenfalls kein Taxifahrer oder Hotel-Rezeptionist.
Wir wurden jedenfalls nach 30 Minuten Einkaufsstraße wieder in den Bus geschoben und haben uns dann dem nächsten Programmpunkt gewidmet: Die optionale Nachttour durch Shanghai für ca. 30.- Euro Extrapreis. Natürlich begann sie mit dem Abendessen. Diesmal ging es in ein ziemlich dreckiges Restaurant direkt gegenüber einer Gefängnismauer. Die Stimmung kippte ein wenig. Also schnell weiter. Eine Bootsfahrt stand an. Der Bus brauchte – wie immer – eine Weile, um in die Nähe der Anlegestelle zu kommen, die nur ein paar Meter neben der Stelle war, an der wir vor kurzem erst die Uferpromenade bevölkert hatten. Auf die Idee mit dem Boot sind außer uns noch viele andere gekommen. Das bedeutete Warten. Lange warten. Noch länger warten. Hatte ich schon erwähnt, dass es sehr kalt war? Um 19:35 fuhr legte das Schiff dann endlich ab und drehte eine Runde im Hafenbecken. Die Leuchtreklamen der Wolkenkratzer sahen wirklich beeindruckend aus. Die rund tausend Passagiere knipsten sich Selfies aus der Seele, als gäbe es kein Morgen. Damit hätte die Nachttour eigentlich zu Ende sein können. Immerhin waren wir seit 5 Uhr auf den Beinen und hatten unseren Koffer immer noch im Bus. Aber es war noch lange nicht Schluss. Als Nächstes stoppte unser Fahrer inmitten der drei höchsten Wolkenkratzer. Leider konnte ich die Gruppe nicht einig werden, ganz nach oben zu fahren. Irgendeiner ist immer dabei, der das nicht bezahlen will. Ich war es nicht, da ich geschwächelt habe und im Bus geblieben war. Der Schnupfen hatte inzwischen mehrere Quadratmeter Toilettenpapier befeuchtet. Meine Schniefnase entwickelte sich zu einem echten Problem, nicht nur für mich. Der letzte Programmpunkt fehlte noch: Der Besuch eines angesagten Szeneviertels. Und da war es wirklich supertoll. Da hätte ich gerne ein paar Stunden bei Wein, Weib und Gesang verbracht, aber die Reiseleiterin gab uns nur 20 Minuten. Immerhin konnte ich in einem der Geschäfte den bekannten „Lego“-Porsche sehen. Er war komplett zusammengebaut und kostete umgerechnet knapp 1800.- Euro.

Dieser Hund ist ein Lautsprecher.

Das Viertel gehörte ausnahmsweise nicht zu irgendwelchen Hochhäusern, sondern war inmitten der Altstadt entstanden. Wer weiß, wie lange sich diese Szene hier halten kann. An vielen anderen Stellen waren die alten Häuser bereits abgerissen oder warteten auf ihr Ende. Stattdessen werden dort sehr bald weitere Hochhäuser stehen, ganz ohne Frage.

Wieder zurück im Bus, mussten wir noch eine gute Stunde bis zu unserem Hotel fahren. Es lag, wie gesagt, völlig außerhalb von Shanghai und war von einem Golfplatz umgeben. Außerdem war es nicht beheizt. Weder die Rezeption noch die Bar noch das Restaurant. Das Zimmer schon gar nicht. Kurz nach 23.00 Uhr bin ich dann ermattet ins Bett gefallen. 18 Stunden auf den Beinen. Viel gesehen, viel erlebt, aber alles nur kurz gestreift. Der zweite Tag in Shanghai würde hoffentlich alle Lücken schließen.

 

Der elfte Tag
(Oder der Tag, an dem alles kippte)
Sieben Uhr aufstehen. Das war ja direkt luxuriös. Im Gegensatz zum Frühstück in einem unbeheizten Frühstücksraum mit offenen Türen und Nieselregen vor denselben.
Es gab zwar eine Kaffeemaschine, die aber rund zwei Minuten für jede Tasse brauchte. So viel Zeit hatte ich nicht. Der Fertigkaffee schmeckte dafür nach Wasser. Also mehr nach Wasser als nach Kaffee. Die Butter war tiefgefroren und die süßen Brötchen waren trocken und alt. Käse gab es nicht, Schinken gab es nicht, Wurst gab es nicht. Nur komplette Mittagsgerichte, wie hier in China üblich.
Nach dem Frühstück begann Teil zwei der Merkwürdigkeiten des vergangenen Tages. Eigentlich hätten wir heute die Stadtbesichtigung durchführen und die Einkaufsstraße besuchen sollen. Dazu hätten wir dann ja auch genug Zeit gehabt. Da wir dies aber aus den oben genannten Gründen bereits gestern erledigt hatten, war nun plötzlich – oh Wunder – ein Zeitfenster für gleich drei weitere Verkaufsshows frei. So trafen wir gegen 9:30 Uhr in einem staatlichen Verkaufsbüro für Seidenwaren ein. Ein sehr gut deutschsprechender Chinese erklärte uns, wie man aus dem Kokon der Seidenraupe Bettwäsche macht. Praktischerweise konnte man die dann gleich vor Ort kaufen. Und erstmals hat sogar jemand aus unserer Gruppe zugeschlagen und reichlich Bettwäsche geordert. Im Nebenraum gab es dann noch hunderte von weiteren Produkten aus Seide, natürlich auch die nicht weg zu denkende Krawatte mit Panda-Motiv. Wir hätten eigentlich draußen frei rumlaufen und uns die Stadt selbst erobern sollen. Stattdessen standen wir in diesem Laden und schüttelten bloß noch den Kopf. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Weitere 20 Busminuten später hielten vor einem Einkaufszentrum an, indem es einen Kaschmir-Laden gab. Natürlich sollten wir auch hier wieder fleißig einkaufen, aber das klappte diesmal nicht so gut. Die Preise fand ich auch extrem hoch, bin aber kein Fachmann für Kaschmir. Mir reicht mein Wollpulli (den ich leider zu Hause liegen gelassen hatte).  Lediglich die Frau, die vom Pferd gefallen war, deckte sich mit Kaschmirteilen ein. „Bei uns auf dem Land ist es ja so, dass die Damen bei unseren Empfängen doch immer mehr oder weniger dasselbe tragen. Da muss man die Gelegenheit nutzen, die Garderobe zu erweitern.“ Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Wenige Meter weiter stolperten wir in die nächste Verkaufsfalle. Diesmal ging es um Seidenstickerei.

Diese Dame fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes seidig an.

Ja, toll, schönes Hobby, wunderbare Arbeit, aber was soll ich damit? Oder irgendjemand anders aus unserer Gruppe? Genau: Nix. Zumal die Preise für ansehnliche Stickereien so bei 4000 Dollar anfingen. Nach diesem Reinfall war es – der geneigte Leser ahnt es bereits – mal wieder Zeit für das Mittagessen. Das befand sich ebenfalls in dem Einkaufszentrum, das ansonsten unter anderem noch Tanzschulen für Mädchen und Karateschulen für Jungs beherbergte. Und jetzt – Tusch – gab es eine Überraschung! Wir saßen nicht wieder zu zehnt an einem runden Tisch, auf dem uns 8 Kötzlichkeiten vorgesetzt wurden. Wir saßen diesmal zu zehnt an einem runden Tisch beim Japaner, der die insgesamt drei Gerichte vor unseren Augen brutzelte. Auch hier war das Fleisch leider wieder eine Zumutung, weil es praktisch nur aus Fett bestand. Aber zusammen mit dem frischen Gemüse bekam man es runter. Nach den drei Gängen war Schluss. Der Koch ging und ward nimmer gesehen. Kein Nachtisch, nicht mal die obligatorische Melonenscheibe. Nachdem unsere Betreuungsdamen auch schon lange nicht mehr zu sehen waren, standen wir halt auf und gingen auf die Suche. Die beiden hatten sich wohl viel zu erzählen und die Zeit vergessen…

Englischunterricht in China.

Das Wetter hatte uns leider nun völlig im Stich gelassen. Der Nebel verdeckte einen Großteil der Wolkenkratzer-Spitzen, und es hatte zu regnen begonnen. Erst zaghaft, später immer heftiger. Aber das war ja für unsere Reiseleitung kein Problem. Was macht man mit Besuch bei schlechtem Wetter? Richtig, man schickt sie ins Museum. Da lernen sie was und müssen nicht dumm sterben. Und außerdem muss man sich dann ein paar Stunden nicht um sie kümmern. Auf diese geniale Idee kamen leider auch noch ein paar hundert Andere, sodass wir erst einmal eine halbe Stunde im Regen Schlange stehen mussten. Eine andere SINORAMA-Reisegruppe wurde diskret an einem Seiteneingang hereingelassen – wir haben brav bis zum bitteren Ende in der großen Schlange gewartet. Nun, das ist nicht sonderlich schlimm, aber wenn es schon Sonderbehandlungen gibt, sollten sie auch uns zur Verfügung stehen. Unsere Damen hätten sich dafür allerdings ein bisschen ins Zeug legen müssen, was ihnen inzwischen offenbar nicht mehr so wichtig war. Sie verschwanden jedenfalls mit den Worten „Um halb 5 am Eingang“ und ließen uns dann gute drei Stunden in diesem Museum alleine.

Nun gut, ein Museum kann etwas Tolles sein. Ins Technische Museum in München könnte man mich drei Tage einschließen, ohne dass ich mich auch nur eine einzige Sekunde langweilen würde. Aber dieses Museum hier in Shanghai beschäftigte sich ausschließlich mit alten Krügen, Keramiken, Geldstücken, Schriftrollen und Möbeln. Klar, das ist höchst interessant. Für ein paar Krüge, ein paar Keramiken oder Geldstücke. Aber nicht für hunderttausende akkurat beschriftete Exponate dieser Art auf vier Stockwerken mit rund 20 Themensälen. Wenn man den Krempel nicht gerade beruflich macht, lässt die Aufmerksamkeit dann doch schnell nach. Und der Kaffee im Museumscafé war auch schnell getrunken. Nur die Uhr, die lief nicht schnell genug. Ein paar Gäste der Gruppe hatten sich heimlich abgeseilt, um nochmal die Einkaufsstraße wiederzufinden. Der klägliche Rest traf immer mal wieder aufeinander, um die Uhren zu vergleichen. Pünktlich um 16:30 Uhr kamen die beiden Reiseleiterinnen dann wieder zu ihrer Gruppe. Der Bus fuhr nun zur Abendveranstaltung, die außer einem Abendessen noch eine Akrobatenshow beinhaltete. Als ich das in der Reisebeschreibung gelesen hatte, habe ich dieses Zusatzangebot natürlich abgelehnt, zumal auch das Fotografieren und Filmen streng untersagt gewesen wäre. Auch einige andere Gruppenmitglieder waren davon nicht begeistert und hatten die Teilnahme abgelehnt. Also wurden wir Abtrünnigen vom Bus ins Hotel gekarrt, während die Nightlife-Teilnehmer zusammen mit anderen Gruppen in einem anderen Bus zunächst zum Abendessen gefahren wurden.
Und das war meine Chance: Kaum war ich im Hotel, stürmte ich (mit meiner Winterjacke bekleidet) die Bar, bestellte einen Gin-Tonic und eine Portion Spaghetti Carbonara. Kinder, hat das trotz der Kälte gut geschmeckt!

Dieser Kaffee wurde sehr liebevoll zubereitet.

Gegen 21.00 Uhr ins Bett. Was soll man hier auch sonst machen? Als europäischer Tourist ohne Sprachkenntnisse in einem 40 Kilometer vom Zentrum entfernten Landhotel? Mit laufender Nase, klappernden Knochen und fast abgelaufener SIM-Karte?

Der zwölfte Tag
Heute hatten wir endlich Freizeit. Bis 15.00 Uhr. Ich nutzte die freien Stunden, um zunächst auszuschlafen und mich dann nach einem leider wieder misslungenen Frühstück meiner angeschlagenen Gesundheit zu widmen. Inzwischen kam zum Schnupfen ein unangenehmer Reizhusten hinzu. Keine Frage: Aus meiner Männergrippe war eine Vogelgrippe geworden, mindestens. Also blieb mir gar nichts anderes übrig, als mit Hilfe einer Mitreisenden ein Taxi zu ordern, das mich zu einer Apotheke bringen sollte. Ilka aus Weißensee hatte mir ihre leere Packung mitgegeben, damit der Apotheker verstehen würde, was mir fehlt. Ihr ging es nämlich nicht anders, nur dass bei ihr die Symptome infolge einer rechtzeitigen Einnahme der Medikamente nicht sichtbar waren. Das Taxi kam auch gleich und fuhr mich in irgendein winziges Dorf in der Nähe des Hotels, in dem außer der Apotheke nur noch zwei Restaurants geöffnet waren. Die Chinesen essen ja bekanntlich immer. Für knapp 5 Euro erhielt ich dann das chinesische Pendant zu Grippostat C. Nach etwa einer Stunde verspürte ich eine Wirkung. Statt die Nase alle 30 Sekunden putzen zu müssen, vergrößerte sich das Zeitfenster auf 10 Minuten.

Nach dem Einkauf war das Taxi blöderweise verschwunden, weil ich nicht ausdrücklich darum gebeten hatte, dass es warten soll. Also blieb mir nichts Anderes übrig, als ein paar hundert Meter durch den Regen in Richtung U-Bahnstation zu laufen, die man gut von Weitem sehen konnte. Ja, es regnete natürlich wieder. Mir wurde berichtet, dass es dort ein Einkaufszentrum gäbe. Nun, der Begriff Einkaufszentrum ist ein bisschen hoch gegriffen– da bietet selbst das Taunuskarré in Friedrichsdorf bedeutend mehr, aber es war immerhin eine willkommene Abwechslung vom Regen. Es gab dort ein paar Baby-Läden, ein Uhrengeschäft, eine SAMSUNG-Dependance, einen großen Lebensmittelmarkt und unzählige Fressbuden, die – morgens um 11 – alle schon voll besetzt waren. Wo nimmt der Chinese den Appetit her? Und warum wird er davon nicht dick? Fragen, die sich so auf die Schnelle nicht beantworten lassen.
Fragen wir lieber mal die Mitreisenden, die gestern beim großen Akrobaten-Abend teilgenommen hatten, wie es denn so war. Da scheine ich tatsächlich etwas verpasst zu haben, denn sowohl das Essen als auch die Akrobatik sollen vom Feinsten gewesen sein. Unter anderem sind die Wahnsinnigen mit acht Motorrädern gleichzeitig in einer Stahlkugel rumgefahren. Also die Akrobaten, nicht die Mitreisenden.

Da nun außer unserer Heimreise nichts mehr passieren dürfte, wird es Zeit für ein Fazit.

 

FAZIT
China ist toll, gigantisch, einzigartig. Die Weltwirtschaft wird sich warm anziehen müssen, wenn sie den Chinesen Paroli bieten will. Aber leider hat man uns nur einen sehr kleinen Teil des Landes gezeigt. Den Teil der Superlative, der Wolkenkratzer, der Besserverdienenden. Es gibt sicher noch ein anderes China, in dem nicht alles so rund läuft. Damit wir dieses andere China nicht zu Gesicht bekommen, hat man uns vermutlich in weit entfernte Hotels gesteckt, um eigene Ausflüge zu verhindern.
Es war nicht sonderlich klug, uns in den 12 Tagen fast 4000 Kilometer mit Taxen, Bussen, Bahnen, Schiffen und Flugzeugen durch die Gegend zu karren. Zu viel Zeit hat man dadurch nur mit Warten verbracht. Wahrscheinlich geht es aber den Chinesen nicht anders, wenn sie in einer Woche ganz Europa besichtigen müssen…
Die Organisation der Reise ist also optimierungsbedürftig. Das Essen war fast immer unter einem akzeptablen Niveau. Die Lokale waren viel zu einseitig ausgewählt. Die Beschränkung auf ein Glas Bier/Cola oder Sprite und das quasi ausgesprochene Weinverbot gehören sich ebenfalls nicht. Bei den Hotelzimmern musste man Glück haben. Manche Gäste hatten ein völlig verschimmeltes Badezimmer (Peking) oder Bettwäsche mit gelben Flecken (Shanghai).

So sah das Bettlaken nur unter LED-Licht aus. Trotzdem eklig.

Und was das Besuchsprogramm angeht, kann ich mir gut vorstellen, dass eine Stadt wie Shanghai noch andere Möglichkeiten bietet, Touristen informativ zu unterhalten, als sie dreieinhalb Stunden im Museum einzusperren (na ja, das war immerhin das einzige Gebäude der Stadt, das beheizt war).

Die Rückreise begann verspätet gegen 21.00 Uhr mit einem Flug nach Peking. Dort hatten wir vier Stunden Aufenthalt, bevor es nach Hause ging. Am nächsten Morgen um halb sechs Ortszeit waren wir wieder in Frankfurt. Für mich war hier Ende, aber viele Mitglieder unserer Gruppe hatten noch weite Wege vor sich.

Ach ja, ich habe zwei Kilo abgenommen.

 

La Gomera – die Rückkehr der Hippies

„Überall wird getrommelt“.

Das ist schon mal das erste, was einem auffällt, wenn man auf der Kanareninsel La Gomera in Valle Gran Rey landet. Diese Trommelei verhindert, dass man dauernd eindöst, weil sonst so gar nichts passiert. Angie, unsere Bundeskanzlerin, ist auch gerade auf der Insel, weil sie hier wohl tatsächlich mal in Ruhe gelassen wird.

Aber wie, und vor allem wieso kommt man überhaupt hierher? Nun, nach meinem grandios gescheiterten Massentourismus-Experiment auf Gran Canaria wollte ich doch zu gerne rausfinden, was denn die anderen kanarischen Inseln so zu bieten haben. Und vor allem: Gibt es alternative Urlaubsszenarien, Urlaub mit einigermaßen Gleichgesinnten? Das Fazit vorneweg: Das gibt es. Genau hier auf La Gomera. Und man muss dazu auch keinen an der Waffel haben oder als Spät-Hippie verkleidet barfuß durch die Gassen schlurfen.

Jetzt, Anfang April 2016, ist es hier ja schon hübsch warm in der Sonne. So um die 20-22 Grad im Schatten entsprechen fast 30 Grad in der Sonne. Und diesmal fuhr ich auch nicht aufs Geradewohl in den Süden. Nein, diesmal ging alles auf Empfehlung meines Freundes Micky, der hier schon fast dreißig Mal Ferien gemacht hat – das letzte Mal erst vor vier Wochen. Und weil er ohnehin nichts Besseres zu tun hatte, kam er gleich auch wieder mit. Zusammen mit seiner Freundin, die wir hier mal Chris nennen wollen. Und natürlich zusammen mit seiner Trommel, extrem gründlich in Plastik eingewickelt und 15 Kilo schwer.

Der Condor-Flieger landete leider nicht direkt auf La Gomera, weil diese großen Kisten und die wenigen Einwohner der Insel irgendwie wirtschaftlich nicht zusammenpassen. Also fliegt man erst einmal nach Teneriffa. Im Flieger sehr entspannte Atmosphäre, die wir nicht zuletzt einer gut gelaunten Chef-Stewardess verdankten, die die üblichen Ansagen mit sehr viel eigenem Text erweiterte: „Ziehen Sie die Sauerstoffmaske erst sich selbst an, bevor Sie Ihren Ehemännern oder anderen gebrechlichen Personen helfen“.

Oder: „Schön, dass sie bis zuletzt bei uns geblieben sind. Nun warten sie bitte auch noch die paar Minuten, bis das Flugzeug irgendwo angekettet wurde, bevor Sie ihren Gurt lösen“. Das mit dem Essen hat die Condor noch nicht so gut im Griff: Als kostenlose Hauptmahlzeit gab es allen Ernstes nur eine kleine, wabblige Waffel zu essen. Dann doch lieber gar nichts!

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Pappwaffel. Absolut ungenießbar.

Der Flug begann um 12.00 Uhr in Frankfurt und endete gegen halb fünf auf Teneriffa. Dank der deutschen Sommerzeit gab es auch keine Zeitumstellung. Leider hatte die Trommel unter der Reise deutlich gelitten. Irgendein durch und durch unmusikalischer Flughafentroll hatte das Ding dermaßen aufgedotzt, dass es böse Risse bekommen hatte und überall Holzsplitter rausguckten. Micky war sauer. Und das mit Recht.

Am Flughafen von Teneriffa Süd haben wir drei uns dann ein altes Mercedes-Taxi geschnappt und sind die ca. 25 Kilometer zum Hafen gefahren. Hier hatten wir nun die Qual der Wahl. Gleich zwei Fährunternehmen buhlten hier um Passagiere, beide fuhren leider in etwa um dieselbe Zeit, also erst in zwei Stunden. Also hieß es, mal wieder zu warten. Beim Ticketerwerb zeigte sich einer der Vorteile des Älterwerdens: Statt 32.- Euro musste ich nur 25.- Euro für die Überfahrt bezahlen! Mein Alter wurde hierfür nicht etwa geschätzt (sonst hätte ich natürlich den vollen Tarif bezahlt J ), sondern mittels meines Personalausweises ermittelt. Und da steht halt so ´ne blöde Zahl drin, die mich zum alten Mann abstempelt. Bei Kaffee, Wein und Wasser ging die Wartezeit in der Hafen-Cafeteria aber schnell vorbei. Die Fähre war ein Riesenungetüm aus den 1950er-Jahren mit entsprechendem Interieur. Es passten unglaublich viele Autos und LKW hinein, von Menschen ganz zu schweigen. Natürlich wurden wir von der anderen Fähre, die nach uns startete, unterwegs eingeholt. Man kennt das ja von der Supermarktkasse.

Bis wir dann unseren Mietwagen abgeholt hatten, war es schon 20:30 Uhr. Doch wir waren noch lange nicht am Ziel. Jetzt mussten wir noch eine ca. 50 km lange Passstraße mit genau 419 engen Kurven und Serpentinen zurücklegen. Micky hatte sich bereit erklärt, den Chauffeur zu spielen, weil er die Strecke ja schon so oft gefahren war. Der einzige Weg zu irgendeinem der wenigen Dörfer auf La Gomera führt immer über den Gipfel des Vulkans, weil man keine Straße rings herum bauen kann. Na gut, man könnte das schon, aber wer soll das bezahlen? Die EU hatte schon die Renovierung der Passstraße großzügig gefördert, da muss man einfach mal dankbar sein. Ohne die Leuchtreflektoren an den Straßenrändern wären wir so manches Mal im Graben gelandet. So etwa am Gipfel des Vulkans wurden wir dann auch noch von dichtem Nebel überrascht. Chris, die immer alles weiß, wusste zu berichten, dass die Bäume den Nebel „melken“ und auf diese Weise überhaupt das Wasser nach La Gomera bringen. Wir beide hatten ziemliche Angst und mussten Micky immer wieder dazu verdonnern, langsamer zu fahren, aber letztendlich kamen wir doch heil in Valle Gran Rey an.

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Micky und Chris

Kurz vor 22:00 Uhr fanden wir dann noch ein feines Restaurant, ABRAXA, das noch geöffnet hatte. Wir waren zwar die Letzten, aber das war egal. Der deutsche Inhaber kochte uns gerne noch ein paar landestypische Leckereien. Zufällig erfuhren wir, dass RTL2 hier demnächst irgend so eine Restaurantkritik-Show drehen will. Werde ich leider nicht sehen können, da ich mir inzwischen immer noch nicht die Mühe gemacht habe, Privatsender in meinem Fernseher zu speichern. Gegen 23:30 Uhr kamen wir dann endlich an unserem Ziel an: einer kleinen Apartment-Siedlung am Fuße des Vulkans namens “Jardin Tropical“. Und das war nun wirklich eine Augenweide. Wunderbar eingerichtete Apartments mit eigener Küche, Bad und Wohnraum. Zusätzlich Sitzplätze VOR und ÜBER dem Apartment. Jede Einheit war anders gestaltet, auf verschiedenen Höhen, teilweise ineinander verschachtelt, aber trotzdem sehr privat. Fußböden aus Natursteinen, wunderschöne Designelemente, kleine Skulpturen, großzügige Dusche, ausreichend viele Schränke und Kommoden und vor allem genügend Steckdosen!

Nur leider kein WLAN.

Dieses leidige Thema verfolgt mich nun schon seit Jahren rund um die Welt. Natürlich gab es irgendwo in einer Ecke des Grundstückes ein mickriges Signal, mit dem man aber so gut wie nichts anfangen konnte. Daher musste mal wieder die Telekom mit ihren Internetpässen herhalten, bis ich am nächsten Morgen eine Lösung gefunden hatte.

TAG 2

Nach einer sehr ruhigen Nacht war ich schon um acht wieder hellwach. Es war eiskalt in meinem Zimmer. Kein Wunder. Es gab ja keine Heizung. Bei höchstens zehn Grad wäre es aber nicht die schlechteste Idee gewesen, wenigstens ein Elektroöfchen zur Verfügung zu haben. War aber nicht. Die Bedienung der Dusche war auch nicht ganz ohne. Der Warmwasser- und der Kaltwasserhahn wurden in entgegengesetzter Weise betätigt. Bis ich das raus hatte, hätte ich mich beinahe verbrüht.

Noch vor dem Frühstück habe ich dann ein paar Sprechaufträge erledigt, die am gestrigen Reisetag eingetrudelt waren. Mein mobiles Studio reist ja bekanntlich immer mit. Das Versenden über Dropbox war über das iPhone (als Hotspot) so gut wie unmöglich. Es musste eine neue SIM-Karte her, mit der ich meinen eigenen mobilen Hotspot füttern konnte. Also ab in die „Stadt“. Das Städtchen ist klein, aber fein. Überall hübsche kleine Läden, kein einziger Kettenladen, wenn man mal von einem „SPAR“-Lebensmittelgeschäft absieht. Und im einzigen Handyladen des Ortes konnte ich auch eine SIM-Karte erwerben, die inkl. 2 GB Transfervolumen nur 15.- Euro kostete. (Und natürlich nicht funktionierte, das war ja klar. Die Karte war nur zum Telefonieren zu gebrauchen. Mit „mobilen Daten“ konnte die Karte nichts anfangen.)

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Bisschen stürmig heut…

Danach lief ich weiter durch die kleinen Gassen bis vor zum Strand. Selbiger ist zwar recht steinig, bietet aber auch ein paar Stellen mit (schwarzem) Sand, wo es sich schon ein paar Urlauber gemütlich gemacht hatten. „Oben ohne“ ist hier kein Thema. Viele junge Paare – oft mit Babys – und auch alt gewordene Hippies fühlten sich offensichtlich sehr wohl im schwarzen Sand. Ich suchte erst einmal eins der vielen Cafés auf, um mit Micky, der dort vorbei lief, ein Käffchen zu verputzen. Im Nu hatten wir Kontakt zu anderen Besuchern der Insel, die ganz begeistert von diesem Fleckchen Erde waren. Sie hatten eigentlich Teneriffa gebucht und wollten nur mal schnell einen Tagesausflug nach La Gomera machen. Nun waren sie schon den zweiten Tag da und wollten überhaupt nicht mehr zurück. Olivia und Peter, so hießen die schöne Österreicherin und Ihr barhäuptiger Freund, gehörten zu dem Schlag Menschen, die einem auf den ersten Blick sympathisch sind. Schade, dass die Beiden schon um 17.00 Uhr wieder zurückfahren mussten.

Nach einem Frühstückssandwich habe ich mir dann wenigstens ein paar Flaschen Wasser fürs Zimmer gekauft, da man das Leitungswasser laut Micky nicht trinken sollte.

Der kurze, aber steile Rückweg zu unseren Apartments trieb meinen Schrittmelder wieder tüchtig nach oben. Leider würde ich aber nicht mehr lange auf meiner Uhr sehen können, wie viele Kalorien ich hier so verbrauchte: ich hatte das Ladekabel der Apple-Watch zuhause an meinem Bett liegen gelassen. Und dass ich hier in diesem Dörfchen ein solches Kabel bekommen sollte, hielt ich für absolut unwahrscheinlich. Also muss ich mir auch noch eine Uhr kaufen. (Trotzdem hat das iPhone meine Bewegungen natürlich weiter gemessen.)

 

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Sonnenuntergang mit Getrommel

Der Mittag verlief genauso ereignislos wie der Morgen: Ein bisschen rumlaufen, gucken, rumsitzen, essen, Wein trinken und eine Runde pennen. Micky und Chris waren zusätzlich noch in der Eisdiele. Ein paar Kilometer entfernt. Zu Fuß, was sonst. Man nennt das wohl URLAUB.

Als ich dann gegen 19.00 Uhr endlich aus meinem Mittagsschlaf aufwachte, besuchte ich Micky, der faul in seinem Apartment im Bett rumlag. Chris war Schwimmen gefahren – irgendwo weit weg, nur mit dem Auto erreichbar. Als wir zusammen Richtung Badestrand liefen, kam sie uns entgegen. Micky hatte seinen großen Trommel-Auftritt am Strand vor sich, und Chris wollte uns dann später zum Essen begleiten. Ich hatte meine Lederjacke im Zimmer gelassen, musste aber erkennen, dass es doch recht schnell kühl wurde. Aber eine neue Jacke (und bei der Gelegenheit eine neue Uhr) waren schnell gekauft. Auf ging es zu Mickys Auftritt!

Also TROMMELN.

Man mag nun kein großer Fan dieser der Musik zugehörenden Instrumentalkunst sein, aber hier auf La Gomera wird das Trommeln hoch geehrt. Zum einen werden die durch Schläge auf Tierfelle erzeugten Bummse vermutlich heidnischen Riten gerecht; zum anderen erfreut es den Trommler, mit seiner Präzision des Anschlags ein gewisses Aufleuchten in den meist weiblichen Fans dieser Schlagfertigkeit zu erzeugen. Außerdem bringt es den einen oder anderen Euro ein, wenn man nach erfolgtem Schlagwerk seine Mütze durch die staunende Menschenmenge schiebt und den hart verdienten Lohn einstreicht. Ein Leben im Luxus ist damit nicht drin, aber für den einen oder anderen Joint scheint es immerhin zu reichen. Sonderlich abwechslungsreich war das Konzert leider nicht. Laut Micky fehlte der Solist der Truppe, der üblicherweise sonst für die Aahs und Oohs sorgte. Einer der trommelnden Buben war auch noch in Personalunion als Feuerschlucker tätig; aber das habe ich dann verpasst.

Wir sind dann lieber was Essen gegangen. Micky hat seine Trommel vorher noch ins Apartment gebracht, weil 15 Kilo Ballast am Abend doch etwas hemmend sind. Auch das heutige Restaurant war wieder fest in deutscher – oder österreichischer – Hand. Wie überhaupt alle Läden und Restaurants, Cafés und Boutiquen von Deutschen, Österreichern oder Schweizern geführt werden. Spanier findet man in diesem Dorf (ca. 6000 Einwohner!) nur hie und da als Kellner oder Verkäuferinnen. So konnte ich mein wunderbares Spanisch so gut wie nie anwenden, weil mir grundsätzlich auf Deutsch geantwortet wurde.

Nach dem höchst vorzüglichen Essen (Ich hatte ein Filetsteak mit grünem Spargel, Kartoffelpüree, Salat und einer vorzüglichen Calvados-Soße mit zerkleinerten Nüssen für 15,90 Euro) sind wir einfach in das Lokal nebenan gezogen, in die Piano Bar. Dort trat gerade eine Jazzband auf. Ein Bassist, ein Schlagzeuger und ein Trompeter rissen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Und plötzlich trat Olivia ein.

Die schöne Olivia, Mitte dreißig, die eigentlich mit ihrem Freund Peter längst wieder in Teneriffa hätte sein müssen. Die beiden hatten Valle Gran Rey fristgerecht verlassen und waren auch pünktlich an der Fähre. Dummerweise hatten sie aber ihren Personalausweis nicht mitgenommen. Der lag noch gut versteckt im Kühlschrank ihres Apartments. Also blieb ihnen nichts anderes übrig als wieder zurück zu fahren und eine weitere Nacht zu buchen. Das Hallo war groß. Wir vier, also Olivia, Peter, Micky und ich hatten noch viel Spaß an der Bar. Chris war schon etwas früher schlafen gegangen.

Lange nach Mitternacht stolperten wir in unsere Bettchen. Ein schöner Tag. Und ein noch schönerer Abend.

  1. Tag

Um halb neun habe ich das erste Mal auf meine neue 9-Euro-Uhr geschaut. Eindeutig zu früh. Weitergepennt. Um halb elf dann endlich widerwillig aufgestanden. Micky hatte schon an meine Tür geklopft und gefragt, ob ich denn endlich wach wäre. Wir hatten uns am Vorabend noch locker mit Olivia und Peter am Strand zum Frühstück verabredet.

Die beiden kamen kurz nach uns, gut gelaunt wie immer. Und wie das so üblich ist, wenn man neue Menschen kennenlernt, haben wir uns gegenseitig unsere Lebensgeschichten erzählt. Aus Gründen des Datenschutzes will ich die hier nicht in den Blog schreiben, aber die beiden aus Österreich, wohnhaft am Bodensee, waren schon etwas sehr, sehr Nettes, wobei ich Olivia aus naheliegenden Gründen noch eine Portion netter fand als den Peter. Und das Wort „nett“ trifft es auch nur annähernd…

So gegen 12.00 Uhr stand schon wieder das erste Glas Weißwein auf dem Tisch. Peter nutzte die Zeit für einen Blitzbesuch beim Immobilienmakler, fand aber nichts brauchbares, und Micky brachte seine defekte Trommel zu einem Trommeldoktor irgendwo in der Nähe des Marktes. Ach ja, heute am Sonntag war ja Markt. Also sind Olivia, Peter und ich dorthin gelaufen. Jawohl, gelaufen! Einen guten Kilometer steil bergauf! Chris und Micky waren schon da. Wie nicht anders zu erwarten, kannten die beiden so gut wie jeden der Händler, die hier den üblichen handgefertigten Schmuck, selbstgeklöppelte Kinderschuhe oder rhythmische Häkelkurse für Männer anboten. Immerhin gab es auch ein Lokal, in dem es Wein gab. Eine gute Stunde später verließen wir unsere Freunde vom Bodensee unter herzlichen Umarmungen und dem gegenseitigen Versprechen, uns nicht aus den Augen zu verlieren. Ich hoffe, das klappt.

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Wein geht immer.

Micky und Chris überredeten mich, zu Fuß in einen anderen Ort zu laufen, in dem Micky auch schon einige Male gewohnt hatte. Chris wollte dort gerne ein bisschen schwimmen gehen. Dazu kam es dann doch nicht, weil die eine oder andere Pause die Pläne immer wieder veränderten. Schließlich landeten wir in einem kleinen Hafen und aßen spanische Tapas. Leider viel zu viele. Der Weißwein half, die Mengen runterzuspülen.

Weil Micky wieder zurück in das Bergdorf wollte, um seine inzwischen reparierte Trommel abzuholen, verließ ich die beiden und lief zu Fuß am Strand zurück nach Valle Grand Rey, gute drei Kilometer ohne Berge. Nach etwa der Hälfte der Strecke wurde ich von der Seite angesprochen. „Schau mal, da ist ja der Rainer!“ rief eine österreichische Stimme. Da saßen doch allen Ernstes Olivia und Peter vor einem Restaurant und schaufelten Tapas und Wein in sich rein.

„Hey, Ihr wisst aber schon, dass Eure Fähre um 19.00 Uhr losfährt und Ihr noch mindestens eine Stunde braucht, um über den Berg zu kommen?“, fragte ich. Es war inzwischen viertel nach fünf, und das Hauptgericht war noch nicht einmal da. Um drei Minuten vor halb sechs haben wir uns ein weiteres Mal verabschiedet. Ich konnte nur hoffen, dass die Beiden ihre Fähre noch rechtzeitig erreichen würden. Falls nicht, hatten wir uns schon mal prophylaktisch für den Abend verabredet. Tja, manchmal lassen Männer schöne Augen erblinden. Aber die beiden kamen leider nicht zurück. Musste wohl alles geklappt haben. Ich hoffe, dass Ihr Euch bald meldet, wenn Ihr das gelesen habt….

Der Abend endete in einem Restaurant am Strand. Micky trommelte seine Trommelungen, Chris gesellte sich später auf ein Glas Rotwein hinzu und ich hatte mal wieder Probleme mit dem Datenverkehr. Die SIM-Karte schien leer zu sein. Gegen Mitternacht ins Bett. Ich hätte mir gerne noch den aktuellen Spiegel runtergeladen, aber da ich ja internetmäßig mal wieder im Neuland war, war daran nicht zu denken.

Trotzdem war es schon wieder ein schöner Tag. 8,1 Kilometer gelaufen, meldete mein iPhone. Das übertraf meinen Promille-Wert doch um Einiges…

  1. Tag

Ein Tag, an dem in unserem kleinen Kosmos auf den Kanarischen Inseln nichts Weltbewegendes passiert ist. Morgens (also so gegen elf) erst mal Café con leche samt Sandwich verdrückt. Dann habe ich mir von Chris den Schlüssel für unseren Mietwagen geben lassen und im Nachbarort eine Inselrundreise für den nächsten Tag gebucht. Später habe ich dann unsere Vermieterin (natürlich auch eine Deutsche) getroffen und meine Restmiete bezahlt.

Billig ist es hier nicht. Das Apartment kostet ca. 70 Euro die Nacht. Auch zu zweit. Essen und Trinken gehen extra. Nix mit „all inklusive“. Das hat aber natürlich den Vorteil, dann man so nach und nach die besten Lokale findet. Das Restaurant an der Strandpromenade gehörte zum Beispiel nicht dazu. Leider hatte auch das wunderbare Lokal von gestern inzwischen abends geschlossen: Dem Chef ist blöderweise der Koch erkrankt. Nierensteine. Wir hatten quasi das letzte Essen bekommen.

So gegen drei bin ich dann mit Micky zu einem weiteren, recht einfachen Restaurant an der Strandstraße gegangen. Von hier konnte man ganz besonders schön den Sonnenuntergang verfolgen, weswegen die Plätze hier heiß begehrt waren. Ich habe mir einen Salat mit Hühnchen gegönnt, und Micky wartete auf einen Kumpel, der ihn zum Trommelunterricht abholen wollte. Man merkt, dass Micky das sehr ernst nimmt. Nach dem Unterricht war auch fast schon wieder Trommelzeit am Strand. Micky und ich konnten gerade noch einen Käseteller verdrücken. Wobei das Wort „Käseteller“ ein Bild im Kopf entstehen lässt, das mit der Wirklichkeit leider nicht übereinstimmt. Es gab nur EINE Sorte Käse (Ziegenkäse) und EIN Stück Weißbrot. Dafür schmeckte der Wein sehr gut. Während sich Micky mit seinen Buben die Finger wund trommelte, gesellte sich Chris zu mir, so dass ich das Programm nicht zum dritten Mal alleine hören musste.

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Vor meinem Apartment

Nach der Show beschlossen wir dann, noch mal „richtig“ essen zu gehen. Die Auswahl war nun schon deutlich kleiner, da auch viele Restaurants montags ihren Ruhetag hatten. Aber schließlich trauten wir uns doch noch in ein taiwanesisches Restaurant in einer Nebenstraße am Strand, wo das Essen extrem lecker war. Und billig noch dazu.

Es war dann doch schon nach 23.00 Uhr, bis wir in der La Gomera Pianobar auftauchten und uns so eine spanische Gitarren-Kapelle anhörten, die so ziemlich alles, was man mit spanischer Musik verbindet, zum Besten gab. Also auch die Gipsy Kings. Es war nicht sonderlich voll, verglichen mit Sonntag, und die Sammlung mit dem Hut hat angeblich nur 100.- Euro eingebracht. Das veranlasste den Boss Thomas (der übrigens der Ex-Mann meiner Vermieterin ist) anzukündigen, dass die Konzerte demnächst nur noch gegen Eintritt stattfinden könnten. Er könne nicht zulassen, dass die armen Musiker so schlecht bezahlt würden. Weise Entscheidung.

Wir waren mal wieder die letzten, die das Lokal verließen. Die Bedienung, sie heißt Tanja, hat mich mehrfach ganz lieb angelächelt.

Mal sehen, wer morgen spielt.

5.Tag

Die Inseltour, oder besser: Die Inseltortur. Der Bus stand wie verabredet um halb zehn unten am Strand. So nach und nach luden wir weitere Gäste aus den umliegenden Ortsteilen ein. Bis auf zwei Norweger kamen alle aus Deutschland. Das bedeutete aber, dass unsere Reiseleiterin alles zweisprachig von sich geben musste. Und die Dame redete leider wie ein Wasserfall, das Mikrophon viel zu nah vorm Mund.

Ich hatte ja jüngst schon auf Gran Canaria eine Inseltour durchgemacht und nicht viel Gutes darüber zu berichten gewusst. Viel besser wurde es auch diesmal nicht, obwohl die Straßen hier bedeutend besser ausgebaut sind. Es gab nur zwei Situationen, in denen unser Bus bei einer Begegnung mit einem anderen Bus zurücksetzen musste – sonst hatte er überall freie Fahrt. Und dass, obwohl an diesem Tag das Kreuzfahrschiff „AIDA“ angelegt hatte und zusätzliche 2000 Touristen auf den Berg spülte.
Da die ganze Insel eigentlich nur aus Bergen besteht, waren wir auch tatsächlich durchgängig im Gebirge. Und da es nur am Fuß der Berge, also z.B. in Valle Gran Rey, tropisch warm wird, hatten wir den ganzen Tag Temperaturen so um die 12-14 Grad, manchmal mit Nieselregen durchmischt. Auf der „AIDA“ hatte man die Touristen leider nicht darauf hingewiesen, und es sah schon schön dämlich aus, wie die alle in kurzen Hosen und Badelatschen durch den Regenwald kullerten.

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Blick auf Teneriffa

Das erste Ziel war eine Quelle irgendwo ziemlich weit oben, nur durch einen ca. 20-minütigen Fußmarsch erreichbar. Der Marsch wurde dann doch deutlich länger, weil unsere Plappertante jedes Blümelein am Wegesrand erklären musste, zweisprachig natürlich. Das Quellwasser wurde durch morsche Baumstämme in sieben Abfüllstellen umgeleitet. Jeder dieser Wasserspender hatte eine bestimmte Bedeutung. So dürfen Männer nur aus den ungeraden und Frauen nur aus den geraden Quellauslassungen trinken. Wenn nicht, gibt´s Pest oder kein Geld oder 100 Jahre schlechten Sex. Irgend so was halt. Ich habe vorsichtshalber nichts davon getrunken.

Ziel zwei war das Touristenbüro. Hier konnte man sich ein schönes Modell der Insel ansehen. Einmal ringsrum sind nur 98 Kilometer! Und hier gab es auch einen Eklat mit unserer Reiseleiterin. Eine der Tourteilnehmerinnen unterbrach ihren Redeschwall und bat sie, nicht dauernd so unpräzises Zeug von sich zu geben. So gäbe es kein „Weltkulturerbe“ mehr, sondern nur noch ein „Welterbe“, das die Kultur mit einschließt. Und das Geschwätz über die ganzen Pflanzen würde ihr gewaltig auf den Keks gehen. Die Getroffene jaulte auf, dass das doch alle interessant fänden – und überhaupt würde sie ja gar nicht alles sagen können, weil sie ja ständig von der Tourteilnehmerin unterbrochen würde. Da muss es also schon vorher gewaltig gekracht haben. Leider kam es dann doch nicht zum Schlammcatchen – die beiden haben sich einfach keines Blickes mehr gewürdigt.
Und dann haben sie mich vergessen. Jawohl, vergessen. Ich war kurz auf der Toilette, die ca, 100 m entfernt war und kam ca. eine Minute zu spät zum Treffpunkt zurück (weil die Toilette auch von AIDA-Reisenden besucht wurde…). Es war keiner mehr da. Eigentlich schade, weil es jetzt zum Mittagessen gehen sollte. OK, sagte ich zu mir, mach´ Dich nicht verrückt. Gehste halt solange in den Bus. Nur war der Bus leider auch nicht mehr da. Weg war er, einfach weg. Ich bin zweimal über den ganzen Parkplatz gelatscht und habe mir jeden Bus genau angesehen. Mein Bus war nicht mehr da. Nun wurde ich schon ein bisschen nervös. Wie sollte ich hier wegkommen? In einem anderen Bus mitfahren? Würde sicher nicht klappen. Taxis gab`s auch keine. Also fragte ich einen der Buschauffeure. Auf spanisch natürlich. Und so erfuhr ich, dass unser Restaurant ca. 300 Meter links vom Standort sein sollte. Also bin ich die Richtung gelaufen. Es waren zwar eher 400 Meter, aber als ich den Bus davor stehen sah, wusste ich, dass ich richtig war. Drinnen hatte man noch gar nicht bemerkt, dass ich fehlte, obwohl genau ein Platz unbesetzt war. Der Plappertante war das Ganze sehr peinlich. Vom Essen hatte ich nur eine Knoblauchpastete, die ich sowieso nicht angerührt hätte und eine inzwischen erkaltete Suppe verpasst. Zum Hauptgericht, Thunfisch mit Kartoffeln, kam ich also gerade richtig. Es gab auch Rot- oder Weißwein, den ich aber um diese Uhrzeit noch nicht trinken wollte. Nach einem typischen Nachtisch (Pudding mit „Palmhonig“) ging die Tour dann weiter. Palmhonig darf der Saft übrigens laut EU-Verordnung nicht mehr heißen, da es sich ja gar nicht um Honig handelt. Offiziell heißt er jetzt Palmsirup, was natürlich kein Mensch sagt.

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Die Beleuchtung beim Sonnenuntergang ist phänomenal.

Das nächste Ziel war die Stadt „Agolo“ in ca. 200 m Höhe. Von hier hatte man einen traumhaften Blick auf den schneebedeckten „Teide“ der Nachbarinsel Teneriffa. Das Städtchen ist wohl bekannt dafür, dass es viele original erhaltene Häuschen aus der Frühzeit La Gomeras bietet. Mir ist es vor allem dafür aufgefallen, dass es so gut wie keinen ebenen Weg gibt. Entweder geht es bergauf oder bergab. Nach der Stadtbesichtigung war ich absolut groggy.

Der Bus fuhr dann in ein weiteres Kaff, in dem wir uns mit dem Töpferhandwerk befassen sollten. Drei kleinste Töpfereien mit alten Muttchens drin sollten uns dazu bringen, hässliche Teller oder Pötte zu erwerben, die kein Mensch sich freiwillig in die Küche stellen würde. Zum Glück gab es noch eine Kneipe, in der ich mir einen Kaffee hinter die Binde gießen konnte.

Der letzte Punkt des Ausflugsprogramms fiel buchstäblich ins Wasser. Wir sollten eigentlich ein wenig durch den original Regenwald kriechen und uns dabei von unserer Quasselstrippe mit dem bayrischen Dialekt Fauna und Flora erklären lassen. Zum Glück war der Regen so stark, dass keiner aussteigen wollte.

Dann fuhr der Bus wieder zurück nach Valle Gran Rey. Auf dieser letzten Etappe erzählte uns die Dame am Mikrophon endlich die Geschichte La Gomeras, nicht ohne sich pausenlos zu entschuldigen, dass sie gar nicht genug Zeit hätte, uns alles zu erzählen. Und so konnte ich mir auch nur merken, dass die ersten Menschen ca. 3000 Jahre vor Christus auf dieser Insel gelandet sein müssen. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Insel ein beliebter Treffpunkt für Hippies aus aller Welt und vor allem aus den deutschsprachigen Gebieten. Daher rührt wohl auch die Tatsache, dass die Landessprache nicht etwa spanisch, sondern deutsch ist. Dann kommt erst noch englisch, bevor man mit spanisch verstanden wird.

Als Madame sich von ihren Gästen verabschiedete, legte sie uns noch nahe, ihr und dem Busfahrer ein Trinkgeld zu geben. Merkwürdig, dass am Ende ihrer Rede nicht mal ein einziger Gast geklatscht hat. Totenstille. Und da war auch schon meine Haltestelle. Schnell raus und weg. Das war mal so gar nichts.

Ich habe mir dann schnell mal unser Auto ausgeliehen und am Automaten frisches Geld besorgt. Nicht wenig davon habe ich dann abends beim Inder wieder ausgegeben. Während Micky seinen obligatorischen Trommelauftritt absolvierte, ging ich mit Chris schon mal in die La Gomera Lounge, also die Pianobar. Dort waren wir die ersten Gäste. Aber der Laden füllte sich schnell, weil heute zwei phantastische Flamenco-Gitarristen angesagt waren. Hatte ich schon erwähnt, dass es auch eine phantastische Bedienung gab, Tanja? Ja, ich weiß, meine Leser werden es mir übelnehmen: Eben noch ein klopfendes Herz für Olivia und kaum zwei Tage später ein lüsterner Blick auf Tanja. Aber seien wir doch mal ehrlich: Das Ganze spielte sich ohnehin nur in meinem Kopf ab; die Damen waren doch längst versorgt. Und die Hoffnung schwindet zuletzt. Es ist noch nicht aller Tage Abend.

Nur DIESER Abend war vorbei. Wieder fast die Letzten gewesen.

  1. Tag

Das Dorf leerte sich. Die meisten der Touristen, die man jeden Tag wie Statisten in einem Spielfilm alle paarhundert Meter gesehen hat, waren wieder in ihre Büros zurückgeflogen. Vereinzelte Neuzugänge und auch ein deutlicher Temperatursturz konnten nicht darüber hinweglügen, dass die Saison auf La Gomera jetzt erst mal vorbei war. Seit heute zahlte ich auch keinen Saisonaufschlag für mein Apartment mehr. Der Strand war völlig verlassen, was angesichts der kühlen Temperatur und vor allem wegen des starken Windes kaum verwunderlich war. Diesen Widrigkeiten zum Trotz hatte ich mir morgens Shorts angezogen. Shorts, die ich auf Gran Canaria gekauft hatte und noch nie anprobiert hatte. Sie passten so gut, dass sie sogar ständig runterrutschten. Dem Gürtel fehlten an den entscheidenden Stellen leider ein paar Löcher. Na schön, hier fiel es wenigstens keinem auf. Schon gar nicht, wenn man an der Strandpromenade seinen Kaffee schlürfte und seine Mails checkte. Inzwischen hatte ich in fast allen Restaurants oder Cafés Wireless-Lan-Passwörter erhalten, so dass der elektronische Verkehr einwandfrei funktionierte.

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Das blieb mir zum Glück erspart…

Die Hippies waren allerdings noch da – und jetzt sah man auch, dass es ganz schön viele waren, die ihren Lebensmittelpunkt auf diese Insel verlegt hatten. Und ohne Hilfe von außen würde auch keine der Gestalten diese Insel je verlassen können. Das bisschen Geld, das sie mit dem Verkauf ihres selbstgebastelten Schnickschnacks erzielten, würde nicht einmal für die Fähre nach Teneriffa reichen. Wer braucht auch schon Freundschaftsbändchen oder bemalte Steine in nennenswerten Mengen? Verkaufen durften sie ihre Produktion nur sonntags auf dem schon erwähnten Markt. Die sonst üblichen abendlichen Stände sind auf der Insel verboten, um den einheimischen Geschäften keine Konkurrenz zu machen. Aber sie sind friedlich. Sie nerven oder betteln nicht. Sie bleiben unter sich, werfen Tücher in die Luft oder trinken Bier, für das die Kohle anscheinend immer reicht. Die Trommler gehören dann schon zu einer besser gestellten Klasse, teilweise mit eigenem Auto – wie Thorsten, der Trommellehrer von Micky. Dass Micky in diesem Jahr erstmalig mittrommeln durfte, ist eine ganz besondere Ehrung für ihn. Er wurde natürlich nicht an den Einnahmen beteiligt, hatte sich aber dennoch recht professionell in das Team eingefügt. Natürlich wurde er dabei von Thorsten unterstützt, der sich seine Trommelstunden ja auch fair bezahlen ließ.

Am Nachmittag sollte ich die beiden zum Unterricht begleiten und Thorsten dabei auf Video aufnehmen, damit Micky dann zuhause weiter üben kann. Dazu fuhren wir ca. einen Kilometer aus dem Ort hinaus, Richtung „Playa des Inglese“, den es hier natürlich auch geben musste. Dort war es so einsam, dass keiner von der Trommelei gestört wurde. Außer uns waren nur ein paar Nackedeis in den Dünen, die sich hier bei Wind und Wetter nahtlos braun brutzelten. Nach einer guten halben Stunde musste ich die Videoproduktion leider abbrechen, weil mich ein S.O.S. –Ruf eines Kunden erreichte. In einem Messevideo war versehentlich eine falsche Zahl aufgenommen worden. Da die Messe schon lief, musste schnellstens eine Korrektur her. Zum Glück hatte ich noch im Kopf, welcher französische Kollege den Text gesprochen hatte – und zum Glück schickte er mir die Aufnahme nach nur einer halben Stunde zu. Kunde glücklich, Sprecher glücklich (100.- Euro extra), ich glücklich.

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Das alltägliche Urlaubsmotto

Zum Abendessen (vor der obligatorischen Trommelshow) landeten wir wieder im Abraxas, aber auch dieses Mal wurde mir nicht klar, warum RTL2 dieses Restaurant testen will. Es war alles recht ordentlich und schmeckte lecker, aber als besonderes Gourmet-Highlight konnte man das Essen beim besten Willen nicht bezeichnen. Der erste Wein des Tages schmeckte mir gar nicht.

Der Zweite Wein in der Gomera Lounge erst recht nicht. Das lag nicht am Wein, sondern daran, dass ich völlig am Ende war. Ich war in den letzten Tagen viele Kilometer gelaufen und noch mehr Treppen gestiegen. Irgendwann macht der Körper halt nicht mehr mit. Ich habe mir noch die ersten drei Nummern einer hervorragenden polnischen Mädchenkapelle angehört, mich dann aber Richtung Heia verabschiedet. Tanja hat ganz traurig geguckt. Wahrscheinlich weniger wegen mir als wegen des verlorenen Trinkgeldes…

  1. Tag

Ab hier gibt es eigentlich keine Neuigkeiten mehr, nur noch Klatsch und Tratsch. Das Leben hat sich eingespielt. Lange schlafen, frühstücken, spätes Mittagessen am Strand, rumlaufen, Trommeln zugucken oder auch nicht, essen und Gomera Lounge. Ich habe mir leider einen schmerzhaften Muskelriss in der Schulter zugezogen, den ich derzeit nur mit Ibuprofen aus Mickys Reiseapotheke bekämpfen kann. Micky hatte am Abend Probleme mit Thorsten, der nicht zum Trommeln auftauchte. Das wäre nicht so schlimm, wenn nicht Mickys Trommel noch in seinem Wagen gewesen wäre. So musste er also erstmals ausfallen. Die anderen Trommler hatten sich wohl auch ein wenig verzankt, so dass das abendliche Spektakel von nur noch drei Leuten ausgetragen wurde. Das Wetter hatte wieder seine gewohnte Qualität erreicht, und ein weiteres Restaurant erfreute uns mit hervorragendem Essen. Pünktlich um 18.00 Uhr deutscher Zeit konnte ich den aktuellen SPIEGEL runterladen, sodass ich also auch genügend Lesestoff hatte. In der Gomera Lounge war am Abend ein Liedermacher zu hören, der vom Hauspianisten und einem der vielen Trommler unterstützt wurde. Ab 22.00 Uhr legte dann eine deutsche DJane CDs auf. Das war für mich als ehemaligen DJ eine Zumutung. Es gab nicht einen einzigen Übergang, den man als solchen hätte stehen lassen können. Nein, sie spielte alle Platten vom ersten bis zum letzten Ton, mit einer schönen Pause zwischen den Titeln. Na ja, die Musik war für das eher ältere Publikum ganz passend. Auch für Micky, der natürlich sofort auf der Tanzfläche stand und hüpfte. Habe Tanja gefragt, ob sie am Sonntag, also ihrem freien Tag, mit uns essen gehen wollte. Wollte sie nicht; die Oma wäre zu Besuch. Die Antwort kam so aus der Pistole geschossen, dass man davon ausgehen kann, dass dies ihre Standard-Antwort für Typen wie mich ist. Um halb eins hatte ich genug von Wein, Weib und Gesang und ging mit vorsichtigen Schritten nach Hause. Micky tanzte immer noch, derweil auf spanische Flamencomusik.

  1. Tag

Samstag. Mit schrecklichen Schmerzen in der Schulter aufgewacht. Weitere Ibuprofens eingeworfen. So gegen 16.00 Uhr wurde es dann besser. Sonst war nichts los. Rumsitzen, rumlaufen, Rum trinken. Nee, Gin Tonic war´s. Micky hat seine Trommel wiederbekommen und gleich ein weiteres Gastspiel gegeben. Diesmal waren sie nur noch zu zweit. Dann kam uns Tanja entgegen, völlig verkatert. Sie muss am gestrigen Abend noch reichlich viel getrunken haben. In diesem Zustand konnte sie auch nicht arbeiten. Die Gomera Lounge musste am Abend ohne sie auskommen. Ich auch.
Zum Abendessen haben wir uns mit Johann und Silke getroffen, die beide auch in unserer Apartmentanlage wohnen. Johann sieht aus wie Richard Gere, hat einen Lehrstuhl an der Uni in Brandenburg und saniert Firmen. Das heißt, er lässt sich dort in den Vorstand berufen und saniert dann 3 – 5 Jahre rum, bis aus den schwächelnden Firmen wieder gewinnbringende Juwelen geworden sind. Wenn er dieses Ziel erreicht hat, sucht sich das nächste Ziel. Das Ganze ist eine solide WinWin-Situation. Nur fehlt ihm mittlerweile (er ist 55) etwas die Puste, täglich um die Welt zu jetten. Johann wohnt am Bodensee. Ein beeindruckender Mann, ohne Frage.

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Sooo kan man auch essen…

Um 23.00 Uhr war dann wieder Disco angesagt. In der Gomera Lounge spielte heute eine sehr witzige Band mit einer süßen Sängerin, die allerdings etwas schrill sang. Micky tanzte mal wieder durchgehend, teilweise sogar mit Chris, die aber bald nach Hause ging. So wie sie das jeden Abend machte. Als Bedienung war heute eine hübsche Spanierin hinter der Theke, die ich auch schon die anderen Tage lieb begrüßt und verabschiedet hatte. Als ich ihr sagte, dass dies mein letzter Tag in der Lounge wäre, war sie sichtlich traurig und hat mich nochmal herzlich umarmt. Irgendwie kam ich mit den Bewohnern des Ortes wunderbar klar. Auch die meisten der Besucher unterschieden sich grundlegend von der Belegung eines All-Inklusive-Hotels wie z.B. neulich in Las Palomas. Viele Künstler, auch Lebenskünstler, interessante Biografien, kluge Meinungen, spannende Diskussionen und und und. Irgendwie erinnerte mich der Ort ein kleines bisschen an Ao Sane auf Phuket, nur viel sauberer und luxuriöser. So gegen eins ins Bett.

  1. Tag

Der letzte Tag vor der Rückreise war angebrochen. Frühstück wie immer in der kleinen Dulceria am Strand, dann ein weiterer Besuch des Marktes. Inzwischen kannte ich ja die meisten der Händler (die alle auch als Trommler tätig waren) und konnte mich entsprechend frei bewegen. Und plötzlich sah ich Tanja. Sie war nicht allein. Ob Ihr es glaubt oder nicht, sie hatte ihre Oma dabei. Ich hatte ihr also Unrecht getan. Falls Du das jemals liest, liebe Tanja, bitte ich Dich hiermit um Verzeihung, Dir eine Ausrede unterstellt zu haben, um nicht mit uns essen zu gehen. Leider kam ich gar nicht dazu, mit den Beiden ein paar Worte zu reden, da Chris dringend etwas essen wollte und wir alle zusammen dann zu einem traumhaften Restaurant im alten Dorf gefahren sind, das einige hundert Meter höher lag. Chris und ich sind gefahren, Micky ist natürlich gelaufen. Ich bin aber nach dem Essen immerhin den kompletten Heimweg selbst zu Fuß gegangen! Insgesamt heute schon wieder fast 8 Kilometer! Danach ein wenig gefaulenzt und am Strand ein paar Tassen Kaffee getrunken. Micky hatte seinen üblichen, auch diesmal reduzierten Trommelauftritt. Unser Abschiedsessen fand dann wieder beim Inder statt. Leider war der Wein schauderhaft und warm. Das Essen war sehr fettig und roch unangenehm. Wir waren die einzigen Gäste, wenn man von den Besitzern des Lokals, zwei blonden deutschen älteren Damen, mal absah. Angesichts der bevorstehenden Abreise früh ins Bett.

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Die Fassade der Strandpromenade

Nein, nicht ganz so früh wie geplant: Als ich zur Sicherheit noch einmal mein Flugticket kontrollierte, war mir klar, was ich falsch gemacht hatte. Der Flieger sollte um 16:15 Uhr starten. Das stimmte. Aber nicht morgen, sondern heute!!!!

Ich war einen ganzen Tag zu lange in Valle Gran Rey geblieben! Zitternd rief ich bei der Condor an und fragte, ob man den Flug umbuchen könne. Konnte man natürlich nicht, aber man bot mir einen Ersatzflug am nächsten Tag um 16:15 Uhr an. Kostete „nur“ 260.- Euro. So gesehen, war der letzte Tag auf La Gomera auch mein teuerster. Jedes Mal, wenn ich nachts aufwachte und daran dachte, wie blöd jemand sein muss, sein Flugzeug zu verpassen, ging mein Puls auf 180. „Rainer“ ist ab sofort die kleinste Deppeneinheit.

Wahrscheinlich muss ich auch noch einen weiteren Tag im Apartment bezahlen, falls die Besitzerin das irgendwie mitbekommen sollte. Da sie aber am Freitag nach Thailand geflogen war, konnte ich dieses Risiko vernachlässigen.

  1. Tag

Pünktlich um 8:45 Uhr aufgestanden und das Apartment geräumt. Micky fuhr mich freundlicherweise quer über die Insel zum Hafen, von wo mich die Fähre nach Teneriffa rüberbringen würde. Ich gehe mal davon aus, dass die Rückreise auch wieder etwa 12 Stunden dauert. Sollte noch etwas Bedeutendes passieren, trage ich es später nach. Vorerst endet hier der Reisebericht. Die Bilder kommen im Laufe der Woche.

 

FAZIT:
La Gomera, und vor allem Valle Gran Rey ist großartig! Ein kleines verspieltes Kaff mit netten Lokalen, sehr netten und freundlichen Menschen, toller Architektur, prima Wetter, tollem Strand und gerade so viel Abwechslung, dass man wirklich das Gefühl hat, sich im Urlaub zu befinden. Nächstes Jahr will ich wieder hin. Hoffentlich kommt jemand mit. Es lohnt sich, und zwar nicht nur wegen mir …

 

 

 

 

 

 

 

 

Gran Canaria – All inclusive

Gran Canaria, 1. Januar 2016

Au weia. Da habe ich mir vielleicht was angetan. Vor drei Stunden bin ich nach einer fast 12-stündigen Reise endlich in Gran Canaria angekommen. Last-minute-Buchung, teurer als eine Reise nach Thailand. Direkt in ein Riesenhotel in MASPALOMAS namens „Continental“ am Playa des Ingles. Und wie der Name des Strandes schon vermuten lässt, wimmelt es hier auch von diesen Inglesen, also Engländern. Leider hat die Regierung nicht gerade die erste Wahl hierher geschickt – eher das Gegenteil. Dass ich aus dem ganzen Flieger der Einzige sein würde, der in diesem Hotel gebucht hatte, hätte mir zu denken geben müssen. Aber dafür war es ja eh zu spät.

Hotel Continental

Der Poolbereich sieht sehr schön aus – aber wenn man sich nach links dreht, sieht man den alten Kasten, also das Hotel aus den Siebzigern… Man sieht auch nicht, dass rechts hinter der Verkleidung zwei Autobahnen vorbeiführen.

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Das ist übrigens das Nachbarhotel. Hübscher, aber viel größer als das „Continetal“.

Doch der Reihe nach:

Nach einer viel zu kurzen Silvester-Nachtruhe holte mich das vorbestellte Taxi pünktlich um halb neun ab. Die Autobahn war nahezu autofrei, sodass ich schon sehr früh zum Einchecken im Terminal 2 ankam. Die Leute, die mit mir flogen, waren der übliche Mix aus allen Alters- und Sozialschichten. Nach zweieinhalb Stunden Flug mit der mir bis dahin völlig unbekannten spanischen Fluggesellschaft „Air Europa“ bin ich dann erst einmal in Madrid zwischengelandet. Zu essen gab es nichts – und auch die Getränke, hier Wasser, mussten teuer bezahlt werden. Da ich außer einem viertel Brötchen vom Vortag (der Brötchenbringer hat am 1. Januar traditionell frei) nichts gegessen hatte, genehmigte ich mir ein 6-Euro-Bocadillo mit Tomaten und Käse, schön warm gegrillt. Dann ging es weiter. Nochmal dreieinhalb Stunden bis Gran Canaria. Die zweite Maschine war auch eine 737-800, aber ein ganzes Stück neuer, was man daran sehen konnte, dass die aus den Gepäckfächern klappenden LCD-Bildschirme schon das 16:9-Format hatten. Die erste Maschine hatte noch das uralte 4:3-Fernsehformat, von dem ich mich schon lange frage, wie wir das jemals gut gefunden haben…

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Im Flieger Reihe 27

Am Flughafen alles fein. Gefühlte 25 Grad, kein Wind. Sogar mein Gepäck war da. Der Transfer zum Hotel gehörte zu den gebuchten Reiseleistungen, und ich habe es endlich geschafft, dass mein Name vor dem Ausgang von einem Abholer hochgehalten wurde. Nun gut, der Name war falsch geschrieben, aber ich habe mich erkannt und muss den guten Willen durchaus wohlwollend erwähnen. Dass das Taxi – ein alter, aber gut erhaltener schwarzer Mercedes – allerdings am anderen Ende des Flughafens stand, war dann weniger komisch.

Nach 30 Minuten brach leider alles zusammen: meine Euphorie, eine Woche lang auf Gran Canaria zu faulenzen, meine Theatertexte zu lernen und nebenbei noch ein bisschen zu arbeiten. (Denn wie immer hatte ich natürlich mein mobiles Tonstudio im Koffer.) Ich hatte ja gar nicht Las Palmas, sondern Maspalomas gebucht! Das kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren, weil bei meiner „Lastminute-Buchung“ der Reisepreis von Minute zu Minute stieg, bis ich dann irgendwann genervt auf „OK“ geklickt habe. Das Hotel: Ein alter, abgewrackter Kasten. Die Gäste: Noch älter und noch abgewrackter. Ich hätte nie gedacht, dass ich durch mein Erscheinen den Altersdurchschnitt signifikant senken konnte! Doch was soll ich schimpfen? Es hat doch jeder ein Anrecht auf Urlaub (wenn er ihn sich leisten kann…), Sogar ich. Und da muss man halt Kompromisse machen. Was man sich halt in so einem Falle schön redet. Ich war müde und sicher nicht ganz fair in meiner Beurteilung.

Nach dem Einchecken stieg ich in einen der drei Fahrstühle, die für die 7 Stockwerke mit den insgesamt 452 Zimmern zuständig sind. Und dort begegnete ich drei Engländern, die alle drei genauso aussahen wie der bekannte hr1-Moderator Werner Reinke! Und sie sprachen auch genauso! (allerdings auf Englisch). Sie hatten wohl eine „great week“ und würden morgen wieder nach Hause fliegen. Davon war ich noch acht Tage entfernt.

Mein Zimmer – Nummer 301 – lag ganz am äußeren Rand des Gebäudes. Vom Fahrstuhl mindestens zwei Minuten Fußmarsch. Sollte ich also mal irgendwas im Zimmer vergessen, könnte das durchaus zu einer kleinen Expedition werden. Das Zimmer: braun und grün und grässlich. An der Wand ein LG-32-Zöller-TV der ersten Generation. Leider wurden die Fernsehsignale irgendwo im Gebäude analog aufbereitet und gemultiplext, so dass das Fernsehbild eine Katastrophe war. Immerhin gab es alle „wichtigen“ deutschen Sender wie RTL und SAT 1. „Das Erste“ und das „ZDF“ habe ich dann weiter hinten gefunden. OK, die Glotze bleibt kalt, auch wenn heute Til Schweiger den Tatort zuballert. Fernsehen kann ich auch zu Hause. (Und den Tatort sowieso, habe ich natürlich aufgezeichnet).

Positiv: Ein Tresor im Schrank. Negativ: Kostet Extra. Noch negativer: Kein WLAN-Empfang. Ich bin dann also nach dem Auspacken gleich wieder an die Rezeption, um dieses Manko mittels ein paar Scheinen auszugleichen. Was den Tresor anging, war das mit 14 Euro schnell erledigt. Nur mit WLAN gab es große Probleme. Im Hotel gab es ein kostenloses WLAN in der Empfangshalle. Nur wenn das zufällig funktionieren sollte (was es mit meinem iPhone nicht tat), konnte man auch eine kostenpflichtige Verbindung kaufen, die dann auch auf dem Zimmer funktionieren würde. Der Empfangschef sagte tatsächlich, dass das am iPhone läge und nicht etwa an den veralteten WLAN-Geräten des Hotels. Das iPhone sei zu sicher, meinte er – und wäre daher nicht kompatibel mit der Hotelanlage. Was Blöderes hört man selten. Das heißt aber leider auch, dass weder mein iPad noch das mitgeführte MacBook Air funktionieren würden. Mein obligatorischer Telekom-Internetpass „Europe“ für 2,95 Euro pro 50 MB war schon nach den ersten „What´s Apps“ wieder alle. Der Urlaub wurde von Sekunde zu Sekunde teurer.

Jetzt aber endlich ins Restaurant! Ein Riesensaal mit sehr feinen Speisen – da kann ich nun wirklich nicht meckern. Als „All-Inclusive“-Reisender musste ich mir meine Getränke selbst holen (die Bedienung hierfür war Exclusive…). Als Alleinreisender gab es nun das Problem, dass jedes Mal, wenn ich vom Buffet zurückkam oder von der Weintränke, mein Platz inzwischen von neuen Gästen besetzt war. Die fleißigen Bedienmädels hatten immer ohne Nachfrage meinen Teller abgeräumt und neu eingedeckt. So bin ich dreimal umgezogen, bis ich satt, bzw. undurstig war.

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Das mit dem Naschen von süßen Nachspeisen habe ich ganz schnell wieder gelassen…

Danach das übliche Nachtprogramm. Ein Yamaha-Keyboard (TYROS) mit blonder Frau dahinter bediente das Publikum im Freien auf einer kleinen Bühne mit Hits, die man schon immer nie mehr hören wollte. Natürlich spielte die TYROS die ganze Musik von alleine. Ich saß an der Seite und konnte deutlich sehen, dass die Sängerin zwar fleißig auf dem Keyboard rumdrückte, ohne allerdings jemals in die Nähe der richtigen Tasten zu geraten. Zwischendurch gab es professionelle Kinderbespaßung. (Ja, es gab auch ein paar Kinder. Vermutlich die Urenkel der Stammgäste.) Und obwohl es jetzt langsam merklich kühl wurde, saßen die Damen und Herren Urlauber in Minikleidern und kurzen Hosen auf den Alustühlen mit den Plastikschnüren, die es schon 1970 beim Pellegrin in der Eisdiele gab. Die meisten Kleider auch.

Ich war zwischendurch mal in mein Hotelzimmer gewandert, um den Safe zu füllen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden hatte, dass die Anleitung zur Bedienung der Software in allen drei Sprachen fehlerhaft war. Davon, dass man nach der Eingabe der Wunschkombination noch die „Stern“-Taste drücken musste, stand nirgendwo ein Wort. Aber dank meiner überragenden Intelligenz und der Wirkung des nunmehr dritten Weines ist mir auch die Lösung zu diesem Rätsel eingefallen.

Und damit, bzw. dem vierten fünften Wein, schließe ich jetzt die Berichterstattung für den Anreisetag ab. Möge alles morgen besser werden. Vor allem: WO IST DAS MEER?


 

Gran Canaria, 2. Januar 2016

Ich habe das Meer gefunden. Wenn ich von meinem Balkon schaue, kann ich es direkt sehen. Dass im Vordergrund noch ein paar Straßen und Häuser den Blick versperren, vergisst man schnell. Es sind etwa 300 Meter bis zum Meer. Unsere Poollandschaft liegt auf der anderen Seite des Hotels. Morgens leider noch im Schatten. Erst so nach und nach kraxeln die Sonnenstrahlen über das Gebäude und wärmen die vielen mit Badetüchern belegten Liegen.

Ich habe sehr gut geschlafen (der Wein hatte wohl doch eine Wirkung…) und am Frühstücksbuffet nur gemäßigt zugeschlagen. Ich hatte mir ja vorgenommen, in dieser Woche möglichst sportlich zu sein, Texte zu lernen und viel zu lesen. Also bin ich nach dem Frühstück Richtung Meer gelaufen. Da gibt es eine wunderschöne Strandpromenade am Playa des Ingles, die nicht zu enden scheint. Ich bin etwa 2 Kilometer nach rechts gelaufen und dann wieder zwei Kilometer zurück. Was sonst. Alle paarhundert Meter standen junge Männer in besonderen Kostümen oder Aufmachungen rum, um für ihre Nichtbewegung Trinkgeld einzuheimsen. Ein Charly Chaplin war da (gähn), ein völlig sandfarbener Farmer (gähn, gähn) und der übliche Kopflose, der sich immerhin bewegte und mit den Fußgängern sprach. Gut war nur einer: Eine Gestalt aus irgendeinem dieser Harry-Potter-Filme, offenbar über dem Boden schwebend. Das war wirklich eine nahezu perfekte Illusion. Er hielt sich lediglich an einer Eisenstange fest, die mit einer großen Grundplatte verschweißt war. Ganz sicher keine leichte Nummer für den Artisten. Oder anders gesagt: Schade um die Energie, die der Junge da in diese Illusion gesteckt hatte.

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Schön warm.

Ich lief weiter. Die Sonne umschmeichelte meine blasse, Vitamin-D-süchtige Haut, und meine Beine taten so, als wäre ich schon immer der große Läufer vor dem Herrn. Jedenfalls auf dem Hinweg. Zurück war es schon ein wenig schmerzhaft. Wobei mir auffiel, dass im Hotel eine Menge Leute Probleme mit dem Laufen hatten. Und zwar nicht nur die Alten und Siechen, denen man das ja ohne weiteres abnahm, sondern auch die noch einigermaßen Intakten, die eigentlich noch ein brauchbares Fahrgestell haben sollten. Egal, nach meiner Mega-Wandertour habe ich mich noch ein bisschen in die Lobby gesetzt, um vielleicht doch noch ins WLAN zu kommen. Außerdem musste ich ja Text lernen. Text für einen Agatha-Christie-Krimi, den ich im März spielen werde. Das mit dem WLAN hatte erstmals erstaunlicherweise geklappt! Es gelang mir, den aktuellen Spiegel in nur 33 Minuten auf das iPad runterzuladen! (Zuhause dauert das 2 Minuten…). Das mit dem Textlernen klappte auch ganz gut. Ich bin jetzt auf Seite 11. Mal sehen, was ich morgen früh davon noch weiß.

Draußen am Pool war es recht warm, und in der Lobby war es recht kalt. Ich brauchte eine neue Aufgabe!

Nach dem Mittagessen beschloss ich, ein großes Einkaufszentrum aufzusuchen, in dem es sicher einen Hotspot für meine Geräte zu kaufen gäbe. (Das ist so eine Art WLAN mit Telefonkarte…) Da meine Knie den gut doppelt so weiten Weg wie heute Morgen nicht laufen wollten, nahm ich mir ein Taxi. Erstaunlich günstig (3,20 Euro) fuhr mich eine nette Spanierin an den Eingang des Mammutzentrums. Auf vier Ebenen gab es Tausende von Läden, meist Klamottenshops oder Restaurants/Kneipen. Es wollte einfach nicht enden. Irgendwo kaufte ich eine SIM-Karte mit 5 Gigabyte Datenvolumen. Das sollte für den Urlaub reichen. Auf dem spanischen Festland hatte das vor ein paar Wochen noch 35.- Euro gekostet – hier hat man mir dafür 49.- Euro abgeknöpft. Egal. Danach wollte ich eigentlich wieder zurück ins Hotel, aber ich habe den Ausgang nicht gefunden! Kein Witz! Ich bin ständig wieder an dieselben Läden geraten, die ich schon gesehen hatte. Irgendwann blieb ich bei einem Italiener sitzen und orderte ein Glas Weißwein. Genau gegenüber war ein SPAR-Supermarkt. Was da so abging, war Kino vom Feinsten und durchaus einen Oscar wert. Es waren sogar einige Bewohner meines Hotels dabei. Leider habe ich danach immer noch nicht aus dem Labyrinth rausgefunden. Irgendein Ladenbesitzer gab mir dann den entscheidenden Hinweis. Auf dem Weg dorthin landete ich wieder in einem Telefonladen. Und oh Wunder! Hier hatte man einen völlig überteuerten Hotspot für mich! 130.- Euro wollte ich aber dafür nicht ausgeben. Also habe ich mich für erneute 49.- Euro auf einen USB-Stick eingelassen, in den ich meine neu erworbene SIM-Karte stecken könnte. Dann müsste das MacBook endlich internetfähig sein!

Dass dem nicht so war, habe ich nach der Heimfahrt gemerkt. Der Stick war aus dem Jahr 2010 und ließ sich im MacBook Air nicht installieren. „Datei unvollständig oder defekt!“ meldete der Computer. So langsam packte mich der Ehrgeiz. Dann muss ich das MacBook eben mit dem iPhone über BlueTooth koppeln! (Wer jetzt nicht mehr mitkommt, kann den Rest dieses Absatzes gerne überspringen!). Aber auch das ging nicht! Das iPhone meldete, dass das nagelneue MacBook Air nicht mit dem nagelneuen iPhone 6S kompatibel sei. Ja, was soll das denn??? Ist denn die ganze Welt gegen mich? Apple, übernehmen Sie! (Der Hilfeschrei wurde erhört. Irgendeiner meiner Leser muss bei Apple Druck gemacht haben: einen Tag später klappte die BlueTooth-Verbindung plötzlich!)

Im Hotel waren viele Rentner inzwischen gegen russische Großfamilien ausgetauscht worden. Alle Männer waren tätowiert, und alle Frauen sahen aus, als müssten sie noch zu einem Karnevalsumzug, bei dem das Motto lautete: „Wer hat den größten Ausschnitt?“. Das Abendessen war einen Tick schlechter als gestern. Wenn der Wein so trocken wie der Fisch und das Gemüse so warm wie der Kellner gewesen wäre, hätte man darüber wegsehen können. Eine Bühnenshow hatte man sich für heute erspart – nur ein einsamer Discjockey legte die immer selben CDs wie seit Jahren auf. In der hoteleigenen Spielhölle spielte man Billard und Tischtennis, und an der Bar und im Garten saßen die Sonnenhungrigen, die kostenlosen Getränke in sich hineinschüttend.

So wie ich, der sich seinen dritten Wein holte und sich dann dem Lesen des aktuellen „Spiegel“ widmete. Man muss Prioritäten setzen.


Gran Canaria, 3. Januar. 2016

MUSKELKATER!!!

Das kommt davon, wenn man sich von der Apple-Watch ködern lässt. „Ziel erreicht!“ – „Neue Bestleistung!“ – „Weiter so, Rainer“ steht da dauernd auf dem Display. Was mein Körper dafür leisten muss, weiß die doofe Uhr natürlich mal wieder nicht. Ich habe ein gutes Dutzend Blasen an den Füßen und fühle mich zehn Jahre älter. Wenn ich loslaufe, würde man mich sicher am liebsten erschießen, um mir die Qualen zu erleichtern. Nach ein paar Metern geht es dann meistens besser, aber ein bequemes Fortkommen sieht anders aus. Vielleicht leihe ich mir morgen so ein Elektrofahrrad, das gibt es hier an allen Ecken und Enden. Oder vielleicht doch gleich ein Auto? Oh Mann, ich weiß nicht, wie lange mich die Apfeluhr noch motiviert, mir so den Rest zu geben…

IMG_2783Wie kann man da noch widerstehen?

Es fing nach einem schönen Frühstück so gegen halb zehn mit dem obligatorischen „Lauf“ (=gemütliche Gehung) entlang der Strandpromenade an. Diesmal in die andere Richtung, die den Nachteil hatte, dass man hier tausende von Treppen steigen musste. Für Rollstuhlfahrer gibt es auch einen barrierefreien Rollweg, aber der ist noch anstrengender als die Treppenstufen (wenn man keinen Rollstuhl hat).

Ich gebe zu, diesmal nicht ganz so weit wie gestern gelaufen zu sein. Der Kalorienverbrauch war aber dennoch höher. Am Wendepunkt meiner Strecke setzte ich mich in ein Strandcafé und bestellte ein „Aqua con gas“, also ein Mineralwasser mit Sprudel, was man hier sehr selten findet. Das englische Paar am Nachbartisch war da schon eine Stufe weiter: Jeder hatte bereits zwei große Biere und einen Pernod intus. Die waren morgens um 11 schon in einem Zustand, den ich selbst hoffentlich nie (mehr) erreichen werde.

Dann wieder zurück ins Hotel. Der Stadtteil, indem ich wohnte, gehört zu den eher älteren Teilen der Stadt. Das kann man daran sehen, dass die damals üblichen Waschbeton-Bausteine die Grundlage vieler Straßen und Wege bilden, schön zugeklebt mit jahrzehntealten Kaugummis. In den neueren Teilen von Las Palmas scheinen Kaugummis verboten worden zu sein.

Leider kam ich nicht mehr in mein Zimmer. Der hochmoderne Magnetschlüssel hatte ein wenig mit meinem iPad geknutscht und dabei sämtliche Informationen verloren. An der Rezeption („Sind Sie Herr Eckart?“ – „Von mir aus auch der“) wurde mir die Karte neu programmiert. Aus purer Langeweile und wegen der schmerzenden Waden habe ich den „Spiegel“ dann eben fertig gelesen. Zum Mittagessen fehlten nur noch wenige Minuten, die ich durch die hoteleigenen Geschäfte schlurfte. Die üblichen Läden mit den überteuerten Handtüchern, Bikinis und Badehosen halt. Nicht einmal die BILD am Sonntag wollte ich mir kaufen. (Das wäre ohnehin das erste Mal in meinem Leben gewesen!).

Essen gut –Trägheit immer größer. Nach einem kleinen Nickerchen bin ich dann wieder zu dem Einkaufszentrum gelaufen. JA, GELAUFEN! Bei 3,20 Euro Taxe konnte das ja nicht so weit gewesen sein. War es leider doch, weil ich in die verkehrte Richtung gelaufen bin. Hätte ich mal Google-Maps aktiviert! 15.00 Uhr, 25 Grad im Schatten und bergauf. Irgendwann konnte ich nicht mehr widerstehen und hielt ein Taxi an. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wie das Einkaufszentrum von gestern hieß, beschrieb dem Fahrer aber so gut wie ich konnte, wohin ich wollte. Der fuhr mich dann schön weit raus aus der Stadt, bis ich protestierte. Wir waren ein bisschen „Lost in translation“, aber letztendlich hat er mich dann doch für 8 Euros am richtigen Zentrum abgesetzt. Es heißt übrigens „JUMBO“, falls ich das nochmal vergessen sollte.

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Nächtlicher Blick vom Balkon aus auf das Meer. Das ist das Schwarze ganz hinten…)

Ich hatte ja mit dem indischen Verkäufer des USB-Sticks noch ein Hühnchen zu rupfen. Um zu beweisen, dass sein Schrott-Stick aus dem Jahre 2010 auf dem neuen MacBook Air nicht funktionierte, hatte ich selbiges mitgenommen. Sehr schnell holte er ein Alternativmodell aus dem Lager, das angeblich perfekt funktionieren würde. So perfekt wie das von gestern? Wohl kaum. Zunächst (und hier kann der unwissende Leser wieder ein Stück vorspulen…) verlangte das MacBook, dass man einen früheren JAVA-Treiber installieren müsste. Dazu braucht man natürlich das Internet, was man ja gerade eben nicht hatte. Der Bilderbuch-Inder mit seiner vollschwarzen Perücke und Extremschnupfen tippte daraufhin sein WLAN-Passwort in meinen Rechner und ermöglichte so den Download der fehlenden Treiber. Natürlich ging es dann immer noch nicht, weil man nirgendwo die SIM-Karte, die ich gestern gekauft hatte, aktivieren konnte. Selbst mit seiner eigenen SIM-Karte klappte das nicht. Blieb also nur noch Plan D, der eigentlich Plan A war: Der Kauf des mobilen Hotspots. Das klappte zwar auch nicht mit meiner neuen 5 Gigabyte-Simkarte, aber mit einer 1,6 GB-Karte von Vodafone, die er mir dann auch noch verkaufte.

Um dieses MacBook Air ans Netz zu kriegen, hatte ich inzwischen über 200 Euro verpulvert.  Es ist natürlich eine Investition in die Zukunft, denn das Ding kann man ja überall auf der Welt gebrauchen. (Wenn es mal wieder kein WLAN geben sollte, was ich außer auf Gran Canaria – und hier auch nur in meinem Hotel – noch nie erlebt habe).

Ich nutzte die Gunst der neuen Technik und änderte endlich das Passwort für den internen Bereich unserer Volksbühnen-Webseite. Außerdem konnte ich die beiden ersten Blogberichte ins Netz stellen. Dies alles erledigte ich wieder bei dem kleinen Italiener vor dem Spar-Markt bei einem Strawberry-Mojito. (Der Wein kam mir inzwischen aus den Ohren raus…)

Zurück bemühte ich wieder einen der günstigen Taxichauffeure. Und nach dem bald beginnenden Abendessen war es auch schon wieder Zeit, die wenig interessanten Ereignisse des Tages zusammenzufassen. Während die Hotel-Animateure am heutigen Sonntag frei hatten, gab es auf der Showbühne am Abend eine positive Überraschung. Zwei sehr hübsche dunkelhäutige Mädels und ein weißer Saxophonist boten ein tolles Showprogramm zur Musikkonserve. Sehr schön getanzt, fehlerfrei gesungen und gespielt, haben die drei den Abend doch noch zu einem positiven Ende gebracht.

Trotzdem muss ich mir so langsam mal Gedanken machen, was ich hier soll.


Gran Canaria, den 4. Januar 2016

Dieser Tag musste anders werden! Und er wurde anders! Wenigstens ein bisschen anders…

Nach dem Frühstück wollte ich wieder meine Runde drehen. Die bereits lädierten Muskeln haben sich aber geweigert, meinen Luxuskörper wieder über größere Entfernungen zu tragen. Außerdem plagte mich seit gestern Abend eine sehr unangenehme Verletzung am rechten großen Onkel: Eine Nagelbett-Entzündung wegen übertriebener Fußhygiene! Ich dachte, ich hätte sie überwunden, aber diese Marathon-ähnlichen Laufstrecken haben die Entzündung wieder aufleben lassen. Bei der kleinsten Berührung des Zehs könnte ich jaulen!

Also bin ich spontan in einen Bus gestiegen, der mich nach LAS PALMAS, die Hauptstadt der Insel, bringen sollte. Und nicht nur das: Das Ticket beinhaltete auch noch eine Hop On-Hop Off-Tour mit einem Doppeldecker-Bus daselbst. Der Zubringerbus war leider völlig überfüllt, so dass ich die ca. 40 Minuten stehen musste. Immer noch besser als laufen. Der Weg war toll ausgebaut. Eine fast durchgängig sechsspurige Autobahn brachte uns mit mehr als dem erlaubtem Tempo schnell ans Ziel. Sollte der Bus einen Unfall haben, wären wir allerdings kaum rausgekommen: Die ganzen Metallhämmer zum Zertrümmern der Fensterscheiben waren geklaut worden. Sowohl in dem Bus auf der Hinfahrt als auch in einem anderen Bus auf der Rückfahrt. Dort fehlten teilweise sogar die Halterungen. Man muss sich manchmal schon fragen, wie blöd ein Mensch maximal sein darf, um solchen Unsinn zu verzapfen.

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Telefonieren beim Autofahren bringt in Spanien drei Minuspunkte ein.

Egal, ich kam heil an und humpelte dann erst einmal von der Busstation aus der Tiefgarage ins Freie. Der Abfahrtsort für den Sightseeing-Bus war aber leider auf der anderen Straßenseite. Wenn mich ein Taxifahrer nicht zurückgehalten hätte, wäre ich glatt über die 8-spurige Hauptstraße gelaufen. Das war aber verboten, weil die Überlebenswahrscheinlichkeit gegen Null gegangen sein dürfte. Also wieder über die lange, lange, sehr lange Treppe in den Keller, um auf der anderen Seite wieder genau so viele Stufen nach oben zu kraxeln. Das sind Schmerzen, von denen ich noch lange erzählen werde…

Die Tour kostete inklusive der Zubringerfahrten 25.- Euro, was nicht gerade ein Schnäppchen ist. Der Bus kam gerade an, als ich die oberste Stufe der Treppe erstiegen hatte. Jetzt weiß ich, wie einem Bergsteiger zumute sein muss, wenn er sein Etappenziel erreicht hat. Zum Glück wartete der Bus solange, bis ich – mit meinem Ticket winkend – noch mitgenommen werden konnte. Diese Hop On- Hop off-Busse gibt es ja auf der ganzen Welt. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass man auf dem Oberdeck unter freiem Himmel sitzt und von dort alles viel besser sehen kann. Außerdem macht man manchmal Bekanntschaften mit der heimischen Fauna. Drei oder vier Palmenwedel klatschten mir ins Gesicht, ohne allerdings bleibende Schäden zu hinterlassen. Hoffe ich.

Leider gab es keinen „live“-Führer, sondern nur einen Audiokommentar über Kopfhörer – immerhin in deutsch. Der Sprecherkollege, der die Aufnahme verzapft hatte, war leider kein Profi, obwohl er eine angenehme Stimme hatte. Aber wie Ihr ja alle wisst, reicht das nicht. Es gibt auch so etwas Wichtiges wie die richtige Aussprache der Wörter. Davon war er leider meilenweit entfernt. Auch bei vielen spanischen Begriffen war seine Trefferquote recht gering. Egal, man verstand ja trotzdem, worum es ging. Nein, eigentlich doch nicht. Zu allem Überfluss war der deutsche Text auch noch extrem umständlich, grammatikalisch verwegen und sachlich manches Mal schlicht falsch. Ich muss die Geschichte von LAS PALMAS heute Nacht nochmal googeln. Es ist nämlich eine wunderschöne Großstadt mit einem sagenhaften Klima – angeblich soll es hier die beste Luft der Welt geben. Das gilt allerdings nicht für die Sightseeing-Plattform dieses Busses, dessen Dieselgestank ungefiltert unsere Nasen reizte.

Apropos Diesel: Der günstigste Literpreis lag bisher bei 73,9 Cent!

Um 13.00 Uhr sollte es eine geführte Fußrunde in die Altstadt geben. Ich traute meinen Beinen, bzw. Füßen diese Tortur inzwischen wieder zu, musste aber im Bus bleiben, da der Ausflug heute wegen Krankheit des Führers ausfiel. Na gut – wer weiß, ob ich das überlebt hätte.

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Las Palmas – eine schöne Stadt mit viel, sehr viel, sehr sehr viel Autoverkehr.

Und dann war ich nach ca. einer Stunde und 45 Minuten schon wieder an der Startposition der Tour. Ich hatte völlig vergessen, „Off“ und „On“ zu hopsen. Eine weitere Runde wollte ich nicht wagen, weil die Tour doch im Wesentlichen durch verstopfte Innenstraßen führte. Die paar Straßen etwas außerhalb und oberhalb des Zentrums machten den Ausflug trotzdem sehenswert. Natürlich waren es auch hier immer noch 25 Grad, so dass der Fahrtwind für eine angenehme Kühlung sorgte. Mangels Kopfbedeckung wäre auch ein Sonnenstich drin gewesen.

Ich quälte mich wieder in den Keller zu den Regionalbussen und konnte nur zwei Minuten später einsteigen, um die Heimfahrt nach Maspalomas anzutreten. Der Bus fuhr auch schön an meinem Hotel vorbei, ohne allerdings stehen zu bleiben. „Na gut“, dachte ich bei mir, „sicher macht er erst noch den einen oder anderen Schlenker, bevor er wieder zu dem Busbahnhof direkt neben dem Hotel fährt.“  Der Mensch denkt, aber der Busfahrer lenkt. Etwa zwanzig Minuten später hielt er weit draußen vor Maspalomas an seiner Endstation. Da half mal wieder nur ein Taxi, dass dank der günstigen Spritpreise auch nur 5.95 Euro bis zum Hotel kostete.

Im Hotel musste ich dann erst mal was arbeiten. Wie immer war ich ja mit Wavelab, Laptop und Mikro ausgestattet, um meinen Kunden in aller Welt auch aus aller Welt deren Wünsche zu erfüllen. Heute waren es nur drei Stationvoice-Ansagen für den MDR. Nach dem Start des Audioprogramms „WAVELAB“ war mir auch schnell klar, was ich zuhause liegen gelassen hatte: Den USB-Stick mit der Programmlizenz. Und ohne diesen Stick geht mal gar nichts. Also habe ich mir das kostenlose amerikanische Alternativprogramm „Audacity“ für den MAC heruntergeladen, das zwar nur einen Bruchteil davon leistet, was mit WAVELAB der deutschen (!) Firma Steinberg möglich ist, aber für eine simple Sprachaufnahme doch seinen Zweck erfüllt. Dank meines neuen WLAN-Hotspots klappte das alles ganz wunderbar. Ich weiß jetzt schon, wer im Februar im „Sonntagsbrunch“ auf MDR 1 Radio Sachsen zu hören sein wird! Ja, wir Medienleute sind doch dem Plebs weit voraus… (Eh mir jetzt jemand blöde Mails schreibt: das war satirisch gemeint!!)

Irgendwie war mein Tatendrang dann immer noch nicht befriedet. Seidenheiß fiel mir zum Glück ein, dass ich ja auch zum Text-Lernen hierher geflogen war. Die ersten 34 Seiten des Stücks rede ich fast alleine. Also ab ins Foyer und Text lernen. Eine gute Stunde Lernen katapultierte mich bis auf Seite 21. Mit berechtigtem Stolz das Abendessen eingenommen.

Später gab es dann wieder die übliche Abendunterhaltung. Diesmal war es ein Sänger mit Gitarre, der sattsam bekannte Rocktitel zur Karaoke-Musik abspulte. Ob die Gitarre wirklich eingeschaltet war, wage ich zu bezweifeln. Aber einigen Hooligans aus England gefiel die Show. Die Drinks flossen im Sekundentakt. Als der Bub Feierabend machen wollte, hätten sie ihn fast gelyncht. Er musste drei Zugaben geben. Gewiss ein Highlight seiner Karriere.

Und nachdem ich das alles hier aufgeschrieben hatte, wurde mir klar, dass eigentlich auch an diesem Tag nichts Besonderes passiert war. Warum fahre ich überhaupt weg? Warum fahren wir alle immer wieder weg? Im Moment sind meine Schwestern Anna-Karén und Angelika und mein Bruder Wolff in SEVILLA (Spanien), mein Sohn Benjamin in THAILAND und meine Ex-Frau Eva in URUGUAY. Klar, man will was Neues sehen, neue Eindrücke in sich aufsaugen, Land und Leute kennen lernen, Bekanntschaften schließen und seinen Horizont erweitern.

Dann hätte ich allerdings woanders hinfahren müssen. Denn in MASPALOMAS sehe ich nur Menschen, die unter sich bleiben wollen, mit ihren unförmigen Körpern die Sonne beleidigen oder mit der Einnahme unzähliger Kalorienbomben ihre Körper weiter verformen möchten. Die (fast) weltweiten Grenzöffnungen ermöglichen zwar (fast) jedem, (fast) überall hinzufliegen, aber für die Kommunikation untereinander reicht es dann doch nicht. Selbst die doch sehr einfache englische Sprache wird im Wesentlichen nur von den Engländern beherrscht. Die Versuche, sich untereinander verständlich zu machen, sind in diesem Hotel zu einem grandiosen Scheitern verurteilt. Babylon lässt grüßen.

Vielleicht sollte ich doch mal den Fernseher einschalten?


Gran Canaria, 5. Januar 2016

Klang alles ein bisschen depressiv gestern, oder? Nur weil ich bis heute maximal zehn Sätze mit anderen Menschen gesprochen habe? (Inkl. Hotelpersonal…)

Aber es geht bergauf! Mein Muskelkater hat beschlossen, das Weite zu suchen. Ich kann wieder laufen! Und das habe ich dann gleich nach dem Frühstück auch gemacht. Erst einmal wieder nach rechts am Strand entlang, dann aber mutig in die Innenstadt, um diesmal das JUMBO-Einkaufszentrum tatsächlich mit eigenen Füßen zu erreichen. Es ist mir gelungen! (Dass ich dazu Google Maps einschalten musste, wollen wir hier jetzt mal peinlichst verschweigen.)

Ich hatte das mir bekannte Ziel gewählt, weil ich dringend mein Äußeres den kanarischen Gebräuchen angleichen musste. Hier läuft nämlich jeder Mann mit kurzen Hosen und T-Shirts oder Polos rum. Ich hatte dem Wetter nicht getraut und war nur mit langen Hosen und langärmligen Hemden angereist. Die  Preise in dem Zentrum waren zwar ganz normal (nicht so günstig wie in der Türkei), aber akzeptabel. Außerdem war alles echte Markenware – nicht nur ein gefälschtes Etikett dran. In einer knappen Stunde erstand ich so drei Hemden und drei kurze Hosen. Mit der damit verbundenen Rumlauferei hatte ich mein Bewegungsziel bereits VOR dem Mittagessen erreicht, wie ich auch gleich stolz über Facebook verkündete. Die doofen Kommentare meiner „Freunde“ spare ich mir jetzt hier. Es waren immerhin über sieben Kilometer!! VOR dem Mittagessen!

NACH dem Mittagessen sah ich dann auch keine größere Notwendigkeit, weitere Wandertouren zu unternehmen. Ich setzte mich in meinem neuen Outfit einfach irgendwo rund um den Pool und döste vor mich hin, den einen oder anderen Kaffee oder Wein schlürfend. Gegen drei fingen sie wieder mit diesen überflüssigen Poolspielen an, diesmal BINGO. Das erinnerte mich an ca. 45 Jahre früher als ich selbst noch dieses Spiel aus Zypern mitgebracht hatte und als DJ in den Bad Homburger Discos mit den Leuten spielte. Leider wurden hier die Zahlen einfach nur dreisprachig runterleiert. Es war auch kein Original Bingo-Spiel, sondern eine abgespeckte Version mit nur drei Zeilen á 5 Zahlen. Gewinnen konnte man eine Flasche Wein – und wenn es mehrere Gewinner gab, mussten die Sieger etwas vorsingen. Der schlechteste hat dann gewonnen. Schon aus diesem Grund habe ich nicht mitgespielt, denn singen wollte ich auf keinen Fall.

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Rund um die drei Pools ist immer was los. Schon morgens um sieben werden die ersten Handtücher auf die noch im Schatten liegenden Liegen gelegt – trotz Verbots.

Als sich die Sonne dann so langsam verabschiedet hatte (es waren heute schon wieder 25 Grad!), habe ich auf meinem Balkon noch ein bisschen Text repetiert. Leider hatte ich alles vergessen, was ich gestern gelernt zu haben glaubte. Irgendwann klappt das aber noch, da bin ich mir ganz sicher. Bin jetzt auf Seite 25.

Tja, und dann war es schon wieder Zeit für´s Abendessen. Doch welche Enttäuschung! Obwohl ich doch jetzt endlich so gekleidet war wie alle Touristen in MASPALOMAS, ließ man mich nicht ins Restaurant. Abends nur mit langen Hosen! Das war mir vorher gar nicht aufgefallen. Ich hätte mir auch mal die Männer anschauen müssen. Bei den Damen reichte ja wohl irgend ein Fummel mit pornoverdächtigem Ausschnitt. Egal, bin ich eben nochmal den langen Weg zurück in mein Apartment gelaufen und habe mich wieder so angezogen wie all die Tage zuvor. Das Abendessen selbst war wie immer – außer, dass neben mir diesmal zwei sächsische Omas saßen. Als die eine der beiden davon anfing, die Kaffeesahne mit Muttermilch zu vergleichen und ihre diesbezüglichen geschmacklichen Erfahrungen detailliert darzustellen, habe ich das Weite gesucht.

An der Bar habe ich einen Automaten entdeckt, der uns „AI-Touris“ („All Inclusive“-Touristen) sogar Longdrinks spendiert. Wodka mit O-Saft zum Beispiel. Nur ist der Orangensaft dermaßen überzuckert, dass schon beim Nippen Diabetes-Alarm droht. Ansonsten stimmt die Mischung. Mehr als drei Stück sollte man nicht trinken.

Ein Finne, der das offenbar noch nicht wusste, sorgte dann auch noch für ein wenig Ärger. Die Abendbespaßung bestand diesmal aus einer recht kurzen Papageienshow und einer sich daran anschließenden Turnübung einer älteren Dame, die irgendwas auf der Stirn balancieren konnte. Ich fand das alles nicht so prickelnd und wollte an einem der beiden Flipperautomaten ein paar Spiele spielen. Meinen Laptop legte ich solange auf dem nicht benutzen Flipper ab. Dann kam dieser betrunkene Finne mit seinem Jungen und brüllte mich in deutsch an, ich solle „mein Gerät“ da wegnehmen. Das habe ich auch sofort gemacht, und die Sache wäre eigentlich erledigt gewesen, wenn er mich nicht danach noch weiter angebrüllt hätte: „Wo sind die 6 Millionen Juden?“. Ich dachte, ich hätte mich verhört und starrte ihn fragend an. „Wo sind die 6 Millionen Juden, Du Nazi?“, wiederholte er. Da war es wohl mal an der Zeit, Tacheles zu reden. „Erstens habe ich mit dieser ganzen Scheiße nichts zu tun und zweitens ist Ihr Benehmen unmöglich.“ Das ging so eine ganze Zeit hin und her. Die Worte wurden schon ziemlich heftig und die Lautstärke sowieso. Das Kind des Finnen, vielleicht 8 Jahre alt, stand irritiert zwischen uns. Als dann mal kurz Ruhe war, spielte der Junge sein Spiel. Als er fertig war, brüllte der Finne wieder von vorne. „Wo sind die 6 Millionen Juden?“.  Ich fand es an diesem Punkt angebracht, einfach nicht mehr zu reagieren. Eine Schlägerei hätte ich nicht überlebt. Und mit Worten konnte ich diesen peinlichen Rassisten erst recht nicht schlagen. Ich schüttelte also nur den Kopf und spielte weiter. Immerhin hatte ich 2 Euro in das Flipperspiel investiert. Irgendwann kam er dann wieder vorbei und hat sich aus heiterem Himmel entschuldigt. Sein Deutsch wäre nicht so gut. Er entschuldigte sich dann noch ca. zwanzig Mal, auch später an der Bar, als ich gerade dieses Erlebnis aufschrieb. Den 30 Sekunden zuvor bestellten Drink dazu trank er auf Ex.

So, und damit ist wohl so langsam der Zustand erreicht, den man „Urlaub“ nennt. Die ganzen Mails, die ich heute bekommen und beantwortet habe, die paar kleinen Sprachaufnahmen und Telefonate habe ich schon gar nicht mehr erwähnt. Alles zusammen war es ein rundum langweiliger und überflüssiger Tag. Wenn ich jetzt noch jemanden gefunden hätte, mit dem ich auch noch reden hätte können (außer über 6 Millionen ermordete Juden), wäre es ein perfekter Tag gewesen. Aber das Leben besteht ja aus lauter kleinen Baby-Schritten…


Gran Canaria, 6.1.2016

So, wenn das kein Urlaubstag war! Nix gemacht. Nix gearbeitet, nur dumm in der Sonne rumgesessen und relaxt.

Na ja, nicht ganz.

Nach der gestrigen Beinahe-Schlägerei hatte ich ja schon Angst, dem Finnen, der eigentlich wie ein Russe aussah, wieder zu begegnen. Und­ das blieb tatsächlich nicht aus. Gleich früh am Morgen kam er mir auf meinem Gang entgegen, als ich zum Frühstück wollte. Er erkannte mich sogar und sagte ordentlich „Guten Morgen“. Seinem gequältem Gesicht sah man allerdings an, dass er sich nicht besonders wohl fühlte. Im Laufe des Tages sah ich ihn dann noch weitere drei Male, ohne dass wir allerdings weiter in irgendeiner Form miteinander kommuniziert hätten.

Überhaupt sieht man hier jeden Gast immer wieder. Rund um die Uhr. Beim Frühstück, beim Mittagessen, am Pool, an der Bar, vor der Showbühne oder sogar im Einkaufszentrum. Es ist eine kleine Welt, ein irritierendes Abbild der großen, der wirklichen Welt­. Selbst hier im Urlaub gibt es Krisen, Ressentiments und Abgrenzungen zwischen den Menschen. Unter dem Deckmantel des Urlaubs versuchen viele, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und ehe man an der Oberfläche kratzt, bleibt man lieber unter sich und seinen eigenen Problemen.

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Vom 3. Stock aus gesehen ist das Hinterland ganz schön braun. Passt zur Zimmereinrichtung.

Ich bin ja wahrhaftig nicht der einzige Single unter den Gästen. Es sind rund ein Dutzend Soloreisende, die dadurch auffallen, dass sie alleine an ihren Zweiertischen sitzen. Interessant auch, dass diese Damen – und Herrschaften gerne die Tische wählen, die etwas erhoben vom Rest des Speisesaals sind und so einen guten Überblick über die Gäste erlauben. Nachdem mir das aufgefallen war, habe ich mich natürlich woanders hingesetzt. Aber immerhin, ich bin diesem Instinkt der Partnersuche (denn was anderes ist es ja wohl nicht) auch erst einmal gefolgt. Gene eben.

So, kurze Zusammenfassung, was der Tag so gebracht hat:

9:45 Frühstück

10:30 Rundschau runterladen und gelesen

11:30 Pool

13:00 Immer noch am Pool

14:00 Speisung

15:00 Kleiner Spaziergang (sehr klein)

15:25 Pool

17:00 Bisschen Arbeit an der Webseite der Volksbühne

18:00 Bar

19:00 Fressen

20:00 Bar

Den Rest lassen wir jetzt mal weg.

Bei meinem „Spaziergang“ habe ich mich noch ein bisschen mehr als Tourist eingerichtet. In den Läden vor dem Hotel habe ich z.B. noch einen Gürtel, Größe „M“, erstanden. Die neu erstandenen kurzen Hosen hatten nämlich einen merkwürdigen Konstruktionsfehler: Sie waren zu WEIT. Ich hatte den Verkäufer um Größe 48 gebeten – er war sich aber sicher, dass 50 die richtige Größe für mich wäre. Also entweder hatte ich kurzfristig extrem viel abgenommen oder die Größentabellen zwischen Gran Canaria und Deutschland waren nicht kompatibel. Ich vermute mal Letzteres, da ich beim Laufen in diesen neuen Hosen etwa alle 100 Meter in der Unterhose dastand, falls ich nicht rechtzeitig den Bund wieder unter die Bauchlinie zog. (Bitte jetzt nicht bildlich vorstellen, die Beschreibung ist schon grässlich genug). Der neue Gürtel konnte dieses Manko der – übrigens mit Gummibund versehenen – Markentouristenhose beheben.

Außerdem kaufte ich mir für 14.- Euro ein Badetuch, dass mich dazu privilegierte, auf den Liegen am Pool zu sitzen. Ohne Tuch war das nicht gestattet. Und dann habe ich mir sogar noch Apple-Kopfhörer fürs iPhone gekauft, um Musik hören zu können. Ich habe zwar Dutzende dieser Ohrstöpsel zu Hause, aber eben nicht hier. Blöderweise befand sich auf meinem iPhone nur eine Playlist fürs Weihnachtsfest. Alle anderen Titel hätte ich – kostenpflichtig – streamen müssen. Nach ein paar Songs hatte ich genug von Weihnachten (ich bin ja eh´ nicht hingegangen!). Die Umschaltung auf „Beats“, einen Apple-Live-Sender, musste ich mit rund 3 Euro in 5 Minuten bezahlen. Hat mir gar nicht gefallen. Das war es also dann wohl auch nicht. In Zukunft gehört die Musik wieder auf das Gerät und nicht ins Internet!

Draußen auf der Showbühne quälten sich zwei Jungs mit 80-iger Jahre-Musik ab. Die Jungs waren leider nur hübsch, aber als Musiker überhaupt nicht gut. Das überschaubare Publikum begann zu frieren, da es am Abend im Freien doch schnell recht kühl wurde. So war es hier auf Gran Canaria: heute Mittag noch 26 Grad – am Abend nur noch 17. (Wie ich hörte, waren das tagsüber noch ca. 31 Grad über den Temperaturen in Deutschland!)

Was gab es sonst noch? Zum Beispiel eine sehr schöne Frau um die 40. Tolle Figur, gewagter Bikini, traumhaftes Outfit beim Abendessen. Ihre Freundin war offensichtlich nicht ihre FREUNDIN. Ich war ganz weg von ihr, obwohl ich sie nur dreimal gesehen habe: Am Pool, beim Abendessen und am nächsten Morgen beim Frühstück auf meinem Zimmer.

  1. Die Frau gab es wirklich. Das mit dem Bikini und der Bluse, die immer wieder verdächtig weit über die Schultern rutschte, stimmt auch. Der Rest ist meiner Phantasie zuzuordnen. Hallo, man wird doch mal träumen dürfen?

Wobei der Abend ja noch nicht zu Ende war. Eben hat sie mich angelächelt…


Gran Canaria, 7.1.2016

…und ich habe zurück gelächelt. Das hat sie etwas irritiert, weil sich ihr Lächeln leider auf den Typ hinter mir bezog, der sie ebenfalls angrinste. So ein widerlich gut aussehender junger Typ aus dem Fitnessstudio, dumm wie Brot, aber muskelbepackt. Ich hatte den schon vorher ein paarmal am Pool balzen sehen. OK, das war´s dann eben auch nicht. Habe immerhin noch ein Gespräch mit einer anderen Blondine und ihrer schwarzhaarigen Tochter hinbekommen, wobei das Wort „Gespräch“ nun sehr weit hergeholt ist. Die beiden Damen kamen aus dem Westerwald. Viel mehr weiß ich eigentlich nicht. Die Mutter sammelte viele Sympathiepunkte, weil sie ihrer Tochter vorwarf, ein geplantes Foto nicht hinbekommen zu haben, weil diese sich dauernd mit dem „jungen Mann“ unterhalten habe.

She made my day. (Obwohl mich Bäckerfachverkäuferinnen auch immer noch so ansprechen…)

Doch wir sind ja inzwischen am letzten Urlaubstag angelangt. Um 7:45 Uhr musste ich aufstehen, um pünktlich vor einem Hotel in der Nähe zu sein, wo die Teilnehmer zur unglaublichen Tour „Gran Canaria Sensation“ abgeholt wurden. So ein Titel ist ein großes Versprechen, und ich hoffte, mit dieser Tour alle Enttäuschungen ein für allemal begraben zu können, was diese Insel betrifft. „Sensation“ klingt nach Überraschung, Einmaligem, Sensationellem eben.

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Das Bild von oben noch mal am Tag.

So viel vorneweg: Hat nicht geklappt.

Die Sensation war höchstens, dass unser Busfahrer auf dieser Tour durch die Berge mit seinem Riesen-Reisebus nicht ein einziges Mal über den Straßenrand in die Täler gekullert ist. Diese Busfahrt war das absolute Highlight für Menschen mit Höhenangst, also wie mich zum Beispiel. Ich war vermutlich der Einzige im Bus, der angeschnallt war. Die Sträßchen im bis zu 2000 Meter hohen Gebirge waren breit genug für Go-Karts oder Kleinstwagen. Aber nur in eine Richtung. Bei Gegenverkehr musste in der Regel der Schwächere nachgeben und rückwärts in irgendwelche Ausweichbuchten fahren. Wenn sich zwei Busse begegnen, kann das gerne mal eine halbe Stunde dauern, bis die Reise weitergeht.

Unsere Tourleiterin machte zunächst einen sehr sympathischen Eindruck. Bis sie das Mikrophon in die Hand nahm. Da sprach sie plötzlich eine Oktave höher und betonte viele Silben so merkwürdig, als wäre das erotisch gemeint. Deutsch mit so einer Kieksstimme klingt einfach nur sensationell Scheiße. Leider wiederholte sie alle ihre auswendig gelernten Texte auch noch in Spanisch und Englisch, sodass das nervtötende Geplapper fast durchgehend durch die Boxen plärrte. Das war Folter und sollte bestraft werden.

Und noch etwas Perverses haben sich die Veranstalter ausgedacht: Die ganze Zeit fuhr so ein schmieriger Videokameramann mit Blondzopf im Bus mit. Bei allen Ein- und Ausstiegen filmte er unsere wehrlose Truppe, um die Bilder dann über Nacht in ein vorbereitetes Gran-Canaria-Video einzuschneiden. Ich bat ihn mehrmals, mich NICHT aufzunehmen, aber das hat bei ihm nur ein müdes Arschgrunzen bewirkt. (Sorry für die rüde Ausdrucksweise, aber der Typ war wirklich ekelhaft!)

35.- Euro sollte die DVD kosten. Eine VHS-Kassette (die Älteren erinnern sich vielleicht) sollte nur 30.- Euro kosten. Die Panasonic-Kamera sah aus wie aus dem Jahr 1980, hatte aber einen Aufkleber „Full HD“. Hihi.

Das Ergebnis hätte mich zwar aus beruflichen Gründen interessiert, aber so weit wollte ich nicht gehen, dem Deppen auch noch Geld hinterher zu werfen.

Was war also wirklich die „Sensation“ dieser Tour? Der erste Foto-Stopp an einer Aussichtsplattform? Die Pippi-Pause mit Marzipanverkauf? Der zweite Foto-Stopp an einer zweiten Aussichtsplattform? Der 30-minütige Zwangsaufenthalt in einem kleinen Dörfchen mit geschlossener Kirche? Das lauwarme Mittagessen? Der dritte Fotostopp an einer dritten Aussichtsplattform? Oder gar die Verkaufsveranstaltung auf einer Ayurveda-Farm?

(Beim Versuch, auf dieser Farm den Bus zu wenden, hat unser sonst göttliche Fahrer übrigens beim Rückwärtsfahren ein paar Dellen in den teuren Bus gerammt. Ich weiß das, weil ich vorzeitig eingestiegen bin. Aber ich verrate es keinem!)

Schön, die ganze Insel ist schön grün. Es gibt Unmengen von Pflanzen, Blumen, Früchten und Gemüsen. Die sieht man aber auch bei REWE.

Wieder im Hotel, stellte ich erneut eine Umstrukturierung der Gäste fest. So langsam war ICH der Älteste. Ganze Kegelvereine (oder Saunaklubs, keine Ahnung) aus Schweden waren angereist. Eine weitere, sehr hübsche Blondine saß einsam und allein im Restaurant (natürlich auf den erhöhten Sitzen!), und die Damen aus dem Westerwald wohnten nur vier Zimmer entfernt auf derselben Etage, wie sich herausstellte. Weitere drei Sätze ausgetauscht. Mann, jetzt geht´s aber ab!

Nicht wirklich.

Es wird Zeit, die Taue zu kappen. Ich habe meinen Wecker auf vier Uhr morgens gestellt. Der Flughafenzubringer ist für 4:40 Uhr terminiert.

Zeit für ein oder zwei Gin-Tonic an der Bar. Bitte bloß kein Wein mehr.

Da ich meine geneigten Leser nicht auch noch mit der Rückreise langweilen will (wenn ich abstürzen sollte, ist das sicher in den Nachrichten), bleibt also nur noch das Fazit.


 

FAZIT:
Gran Canaria ist eine langweilige Insel mit einem Superklima. Für Touristen, die sich einfach nur in die Sonne legen wollen, ist diese Insel perfekt. Natürlich kommt es immer darauf an, was man selbst daraus macht, aber wenn man als Alleinreisender, nicht mehr ganz so junger Mann (sic!) hier auf Anschluss oder wenigstens nette Kontakte hofft, ist man sehr aufgeschmissen. Erstens, weil die Menschen aus allen Ländern Europas kommen und sprachlich unter sich bleiben wollen. Zweitens, weil auch die ganzen Paare unter sich bleiben wollen. Und drittens, weil man hier als alter Zausel eh´ nicht mehr viel zu melden hat. Späte, aber ehrliche Einsicht.

Ich sollte einem Kegelclub beitreten.

 

Zypern – kompakt

Was glauben Sie – wie lange dauert eine Reise von Frankfurt am Main nach Zypern? Selbst wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die Gewerkschaft irgendwelcher Lokführer mal wieder streikt, müsste die Strecke mit dem Flieger doch in etwa drei Stunden zu schaffen sein.

Ich brauchte 11.

Das lag im Wesentlichen daran, dass ich gar nicht von Frankfurt aus geflogen bin, sondern vom Franz-Joseph-Strauß-Flughafen aus in München. Die Firme „RSD“, „Reiseservice Deutschland“, hatte mich nämlich am Telefon bequatscht, ein paar Tage in Zypern und Antalya zu verbringen. Um mir die Woche mit „Besichtigungen diverser Weltkulturerbstätten, viel Folklore und 4 Sterne-Hotels“ schmackhaft zu machen, riefen die Reiseprofis gerade mal 293.- Euro für mich als Alleinreisenden auf. Das lass´ ich an guten Tagen an einem Abend im Restaurant. Und wie so oft, wenn das Schnäppchen lockt, schaltet sich das Gehirn aus. Denn sonst hätten mir meine grauen Gehirnwindungen doch sicher zugebrüllt, dass allein die Fahrt nach München drei bis vier Stunden dauert. Ich habe sogar zugesagt, ohne die Abflugzeiten zu kennen. Und die hatten es in sich. Abflug war am Samstagmorgen um 8:10 Uhr. Für Frankfurt eine nahezu ideale Zeit. Für Münchner sicher auch, aber für einen Frankfurter, der bis sechs Uhr morgens in München antanzen muss, um die ganzen Abfertigungsrituale mitzuspielen, war das schon ein kleines logistisches Problem.

Die Deutsche Bahn bot leider keine Fahrten an, die so gegen sechs am Flughafen in München geendet hätten. Der neue Postbus fährt leider auch nur am Tage – außerdem war er für die Hinfahrt bereits ausgebucht. Dann hatte sich noch eine Mitfahrgelegenheit angeboten, die aber einfach schlicht zu unsicher war. Wer weiß, wo mich die holländische Dame im Münchner Raum der Natur überlassen hätte?

Nun könnte ich ja mein eigenes Auto nehmen, aber der Jaguar ist mir ehrlich gesagt zu schade für so eine Tour. Und schon gar nicht hätte ich ihn sieben Tage in der Tiefgarage am Flughafen schmoren lassen wollen. Von den Benzinkosten mal ganz abgesehen. Wenn man laut ADAC-Tabelle pro Kilometer einen Euro rechnen muss, wäre von einem Schnäppchen nicht mehr die Rede gewesen.

Also Plan D: Ich miete mir einen Kleinwagen und gebe den am Flughafen ab. Zurück nehme ich die Deutsche Bahn. Wenn man rechtzeitig bucht, kostet die Fahrt vom Münchner Airport bis zum Frankfurter Hauptbahnhof gerade mal 38.- Euro. Und den Mietwagen gibt es laut Internet für 44,99 Euro. „VW UP“ sollte das Modell heißen.

Am Tag vor der Abreise, um genau 15:38 bestieg ich die S-Bahn nach Frankfurt. Dort stieg ich in einen Regionalzug um, der mich um 16:40 am Flughafen ausspuckte. 4,55 Euro kostete der Spaß. Leider war meine Mietwagenfirma nicht im Terminal 1 ansässig, sondern im neuen Terminal 2, das man bekanntlich nach einem kurzen Fußmarsch und einer weiteren, vollautomatisierten Bahnfahrt erreicht.

Ich war auf die Minute pünktlich um 17.00 Uhr da, musste aber dennoch etwa 20 Minuten warten, bis die Herrschaften vor mir abgefertigt waren. Dann der Schock: Ich hatte meinen „Voucher“, also den Beweis, dass ich den Wagen bereits bezahlt hatte, zu Hause auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Zum Glück war die zugehörige Mail noch auf meinem iPhone gespeichert, so dass ich dann endlich meinen Wagen bekam. Na ja, nicht ganz. Der „VW UP“ war wohl down. Dafür gab man mir einen Ford „Frag´ mich nicht“. So einen hässlichen Kastenwagen, mit dem Mütter ihre Kleinkinder vom Kindergarten abholen.

Mit den vier Litern auf hundert, die ich aufgrund der Verbrauchswerte des VW errechnet hatte, kam ich damit nicht mehr hin. Die Kiste schluckte glatt das Doppelte, wie sich später herausstellte. Und auch der Mietpreis ging „up“. Weil ich das Auto ja in München stehen lassen wollte, kamen nochmal 20.- Euro Gebühr für – ja für was eigentlich? – hinzu.

Erst mal musste ich aber wieder nach Hause. Freitagnachmittag auf der A5 treibt sich bekanntlich alles rum, was vier Räder hat. Stop &Go, Stau, Unfall etc. Das volle Programm. Die Abholung des Wagens dauerte dann insgesamt drei Stunden. Nun wäre es natürlich schlau gewesen, statt nach Hause gleich nach München zu fahren. Dagegen sprach allerdings, dass meine gepackten Koffer noch zu Hause rumstanden und sich inzwischen zu allem Überfluss auch noch ein paar „Last Minute“-Aufträge aufgetan hatten. Außerdem wollte ich noch die Premiere eines Theaterstückes einer Freundin in Frankfurt „mitnehmen“. Daraus wurde leider nichts. Nach der Arbeit fiel mir auf, dass ich vor lauter Urlaubsvorfreude (Scherz!) ganz vergessen hatte, dem Körper ein paar Kalorien zuzuführen.

Ok, viele sagen, das sollte ich mir generell ein paar Monate sparen, aber davon verschwindet ja der Hunger nicht. Also ab ins „Impuls“ und eine Portion Spargel mit Rumpsteak reingezogen. Danach war ich so schön platt und müde, dass ich zuhause auf meinem Sofa eingeschlafen bin. Den Wecker hatte ich auf 1.00 Uhr gestellt, wurde aber natürlich vorher wach.

Wie in Trance packte ich den Ford voll und fuhr dann mit dem Ford fort. Die Strecke war größtenteils autofrei, sodass ich schon um halb fünf am Flughafen ankam. Mein iPhone-Navi zeigte mir sogar den direkten Weg zur Wagenrückgabe. Nur war da keiner außer einem Nachtwächter. Der stellte mir zum Glück die Frage, ob ich den Wagen vorher vollgetankt hätte. Das hatte ich natürlich vergessen. Angesichts der Tatsache, dass die Mietwagenfirma derzeit 3,50 Euro für jeden nachträglich eingefüllten Liter Benzin kassiert, war es klar, dass ich noch eine Tankstelle finden musste. Der Wachmann beschrieb mir den Weg, gab mir eine kostenlose Ausfahrkarte und ließ mich tatsächlich zur Tankstelle fahren, um die Gurke wieder vollzufüllen. 68 Euro passten rein, bzw. die entsprechende Benzinmenge. Dann wieder zurück in die Tiefgarage für zurückgegebene Mietwagen.

Mein Nachtwächter war noch da. Ich fragte ihn, wie das denn nun weitergehen würde. Er sagte, ich solle das Auto abstellen und den Schlüssel drin stecken lassen. Häh? Und wer schaut sich das Auto an, um zu bestätigen, dass ich keinen Kratzer reingefahren habe? Wer prüft den vollen Tank, die unbeschmutzten Sitze und die Unversehrtheit der Reifen? „Des passt scho!“, meinte der Herr über mittlerweile einige Dutzend Autos und ließ mich verdutzt stehen. Nicht einmal eine Quittung dafür, dass ich den Wagen überhaupt abgegeben habe, war von ihm zu bekommen. Um das vorwegzunehmen: Ab sechs Uhr waren die Damen und Herren der Autovermietung an ihrem Stand auf dem Flughafen. Ich habe dann noch mal nachgefragt, ob das alles so tatsächlich in Ordnung sei. Und auch hier bestätigte man, mir, dass alles eine beste Ordnung habe. Selbst im Zustand totaler Übermüdung entwickelte mein Hirn in diesem Moment einige Szenarien, wie man günstig an kaum gebrauchte Autos kommt…

Falls jemand den Münchner Flughafen kennt: Der ist überschaubar. Mehr als drei Minuten kann man da kaum in eine Richtung laufen, ohne an die natürlichen Grenzen zu geraten. Also fand ich ruckzuck den Abfertigungsschalter, der – um mittlerweile sechs Uhr – gerade geöffnet wurde. Ich checkte ein und lief noch ein bisschen durch die Gegend. In einem Café ließ ich mich für ein Momentchen nieder. Und während ich noch überlegte, ob ich mir vielleicht einen Kaffee bestellen sollte, versank ich nicht nur in einem riesigen Ledersofa, sondern auch in Morpheus´ Armen.

Um 7:40 weckte mich mein inneres Notprogramm und sagte mir, dass es so langsam höchste Eisenbahn für den Sicherheitscheck und das Boarding sei. Auch wenn ich mich wieder bis fast auf die Unterwäsche entblößen musste, ging alles gut. Ich konnte direkt in die Maschine steigen.

Die Fluggesellschaft heißt „Freebird“ und gehört einem türkischen Großkonzern. Der Flieger war bis auf den letzten Platz gefüllt, also mit 180 Plätzen + Personal. Es war mal wieder ein A320, von dem man ja in den letzten Wochen keine schönen Dinge gehört hatte. Mal frieren die Sensoren auf den Flügeln ein, mal kann eine Crew nur in letzter Sekunde den Bordcomputer überrumpeln und mal schließt sich ein kranker Bubi in die Kanzel ein und steuert das Blech gegen den Berg. Und Berge gibt es ja genug rund um München. Ich erinnerte mich sofort an meine Flugstunden im Simulator in Frankfurt, als ich eine A320 auch beim dritten Versuch nur in Einzelteilen auf die Landebahn bekam.

Auf Sitz 9D – also am Gang – fiel ich sofort in tiefen Schlaf, kaum dass die Maschine abgehoben hatte. Die Komposition von 4711 und anderer Deodorants wirkte auf mich wie ein Narkosemittel. Mein Sitznachbar war so ein typischer Bayer, mit Kniebundhose und passenden grauen Kniestrümpfen. Er versuchte krampfhaft, ein Gespräch mit mir zu beginnen, aber das war nicht nur aus Gründen meiner Müdigkeit ein unmögliches Unterfangen. Sein Dialekt war leider so stark ausgeprägt, dass ich mitunter nach dreimaligem Nachfragen nur Bahnhof verstand. Er wollte zwar unbedingt wissen, warum ich alleine in den Urlaub fliege („Sind Sie etwa schwul?“), woher ich komme (wie kann ein Mensch kein Bayer sein!) und was ich mache („Rentner sind sie aber noch nicht, oder?“).

Der Flieger flog brav und problemlos nach Antalya. Nach der Landung wurden wir gebeten, sitzenzubleiben, weil die Crew ausgetauscht würde. Komisch, so verbraucht sahen die noch gar nicht aus. Nach etwa 40 Minuten ging es mit dem neuen Personal weiter nach Zypern, genauer gesagt, in den türkischen Norden Zyperns, nach GIRNE. Warum man die 35 Minuten nicht einfach weitergeflogen ist, entzieht sich meiner Erkenntnis. Bestimmt mal wieder was Politisches.

Inzwischen hatte die Uhr auch noch einen Satz gemacht. Gegenüber Deutschland war es plötzlich eine Stunde später. Und so kam es, dass ich für die Reise von Frankfurt nach Zypern 11 Stunden brauchte.

Nach der relativ schnellen Passkontrolle und der zügigen Gepäckabwicklung warteten vier Busse auf die Reisenden. Die 180 Urlauber wurden auf verschiedene Hotels aufgeteilt. Während der Busfahrt zum Hotel lernten wir unseren Reiseleiter kennen, Engin. Hat 5 Jahre in Heidelberg gelebt. Vom Typ her eher Türsteher als Feingeist. „Wenn Ihr mir keinen Stress macht, mach´ ich Euch auch keinen Stress. Denn wenn ich Stress habe, dann habt ihr wirklich Stress!“ (O-Ton Engin). Auch seine Einschätzung über den armenischen Völkermord war ganz anders als die unseres Bundespräsidenten. „Wir haben alle Quellen geöffnet. Man muss nur nachlesen, dann weiß man, dass das alles eine Lüge ist!“ Solange Erdogan so treue Vasallen hat, kann ihm ja nichts passieren. Oder sollten WIR uns irren? So schnell kann man Zweifel sähen…

Nach dieser kurzen, aber heftigen Exkursion in das politische Tagesgeschehen erklärte er uns kurz das Programm der kommenden Tage und fügte dann sein Verkaufsgespräch für die Extrakosten an.

Denn das wusste ich ja schon von der ersten Tour mit dem „Reisedienst Deutschland“: Der unglaublich günstige Preis ist ein reiner Lockpreis, in dem so wichtige Sachen wie Eintrittsgelder oder Abendessen NICHT enthalten sind. Wenn man das alles auch haben will (und wer will das nicht?), legt nochmals 230.- Euro dazu. Und auch dann ist die Reise nicht „all inclusive“, sondern beinhaltet „nur“ die Flüge, die Hotels, die Busse, die Reiseleitung, das Frühstück, das Mittagessen, das Abendessen, die Eintrittsgelder, kulturelle Veranstaltungen und weitere Publikumsbespaßung sowie ein paar Kaffeefahrten zwecks Erwerbs irgendwelcher Teppiche, Lederwaren, Goldstücke oder anderen Tinnefs, den kein Mensch braucht. Mit anderen Worten: Die Getränke bezahlt man selbst. Im Bus zahlt man z.B. gerade mal drei Euro, um so viele Wasserflaschen wie nur irgendwie möglich trinken zu können. Es ist schon peinlich, wie sich daraufhin der halbe Bus bis unter die Achseln mit Plastikflaschen vollgestopft hat…

Inzwischen waren wir vor unserem Hotel „Riverside“ angekommen. Hotel? Mitnichten. Es war ein ganzes Bungalowdorf mit unzähligen kleinen Gassen. Die Zimmer? Teilweise nagelneu, vom Feinsten. Klimaanlage von Grundig, Fernseher von Toshiba mit hunderten von Programmen, hochmoderne Dusche mit Ganzkörperbespritzung, oder wie man das nennt. In meinem Apartment gab es ein Doppel- und ein Einzelbett. Moderne Möbel, viel Stauraum und freier Blick aufs Meer. In der anderen Richtung Blick in die Berge, teilweise schneebedeckt. Mittendrin zwei schöne große Pools, ein zusätzliches Restaurant, Empfangsgebäude, Supermarkt und und und. Eine richtige kleine Stadt mitten in der Natur. Außerdem ein riesiges Massenrestaurant für die schnelle Abfütterung der Pauschaltouristen, also uns. Leider auch ein paar Katzen und Hunde zu viel, die durch die Gassen streunten. An der Rezeption mussten wir unsere Pässe abgeben, was nicht jedem behagte. Aber wir sollten sie ja alle bei unserer Heimreise zurückbekommen. Bis auf einen, nämlich meinen. Davon später.

Im Gegensatz zur normalen zypriotischen Landschaft, die eher an die Wüste erinnert, waren hier auch eine Unmenge von Pflanzen und Früchten angebaut – einfach wirklich schön. Und hier wollten wir ganze drei Nächte bleiben! Übrigens wird die Türkei in Kürze eine Pipeline mit Wasser nach Zypern eröffnen. Dann wird nicht nur der türkische Norden des Landes, sondern auch der griechische Süden in ein paar Jahren voll erblühen. Laut Engin streiten sich in Zypern nur die Politiker – die Bewohner wären alle ein Herz und eine Seele. Wie man sich täuschen kann.

Völlig platt ob der gewaltigen Eindrücke habe ich dann erst mal eine Körperreinigung durchgeführt – und da zeigten sich schon einige Schwächen des Systems: Das Wasser wird über Sonnenkollektoren erwärmt. Wenn keine Sonne scheint, übernimmt das der elektrische Strom. Der braucht aber mitunter 40 Minuten, bevor da ein paar Liter warmes Wasser aus der Dusche kommen. Heute war ja Sonne satt, so dass ich gleich in die utopisch anmutende Hightech-Dusche steigen konnte. Leider bin ich dabei ein wenig ausgerutscht. Um mir nichts zu brechen, hielt ich mich an den Seifenspendern fest, die sofort aus ihrer Plastikhalterung krachten. Mein zweiter Griff galt einer Halterung, auf der man sein Duschgel abstellen sollte. Leider riss die auch sofort aus dem Plastikgebilde, sodass ich mit Schmackes auf den Rand der Dusche krachte und mir eine schöne, blutende Delle ins Schienbein riss.

Nun, ich bin ein Mann und kann Schmerzen ertragen. Nach der Restauration meines Luxuskörpers habe ich dann die Anlage etwas gründlicher erkundet. Am Pool-Restaurant siegte dann mein Hunger. Ich bestellte mir ein Thunfischsandwich – nicht ahnend, dass dies wohl ein Lieblingsgericht aller zypriotischen Katzen ist. Dazu ein erstes Glas Wein und warme Sonnenstrahlen in meinem Gesicht. Was könnte es noch Schöneres geben?

Es konnte. Die Telekom schickte mir nämlich ein Mail, dass sie mir gerne für „nur“ 14,95 Euro 150 MB Datentransfer verscherbeln möchten. Wahlweise kann ich auch 50 MB an einem Tag verbrauchen (2,95 Euro) oder für jeweils 50 Kilobit 56 Cents zahlen. Was der Blödsinn soll, habe ich nicht verstanden. Aber bei der Telekom ist halt vieles sehr lustig.

Ich wählte die erste Option und checkte die üblichen Bits und Bytes.

Dann – bei einem zweiten Wein – verzog sich die Sonne aus meiner Ecke. Erst auf meiner Terrasse konnte ich noch ein paar Strahlen einfangen, langsam, aber sicher in den Schlafzustand übergehend. Die fehlenden zwei Stunden bis zum Abendessen sind mir leider entfallen…

Ab 19:30 Uhr gab es dann das Abendessen in dem schon erwähnten Riesenrestaurant, das gut 600 Leute beköstigen konnte. Natürlich Buffet und leider nicht sonderlich brauchbar. Da hätte ich lieber ein paar Euro mehr bezahlt. Aber auch nicht soo schlecht. Es ist halt immer das Dilemma mit diesen Buffets. Man packt sich seinen Teller mit ein paar Salaten zu, stopft sie rein, füllt einen neuen Teller mit dem Hauptgericht und ein paar Beilagen, beeilt sich, auch diese zu „genießen“, stellt sich dann bei den Süßspeisen an und isst damit insgesamt dreimal so viel wie nötig wäre. Das Ganze vollzieht sich in einer affenartigen Geschwindigkeit. Und obwohl sich recht nette Leute an meinen Tisch gesetzt hatten, kam kein richtiges Gespräch zustande.

Nach der schnellen Fütterung der Raubtiere bin ich in die einzige Bar des Feriendorfs gegangen. Um mich rum viele betrunkene Bayern (vielleicht reden die aber immer so, ich bin da nicht auf dem Laufenden), eine nette indische Bedienung und ein paar jüngere Leute (die nicht zu unserer Tour gehören, sondern einen „normalen“ Urlaub gebucht haben), die „Trivial Pursuit“ spielen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig die Jugend von heute weiß…

Um 23.00 Uhr war die Batterie meiner nagelneuen Apple-Watch schon wieder leer und damit ein Grund, das Apartment aufzusuchen. Irgendwie erzieht Apple uns tatsächlich zu einer gesünderen Lebensweise…


Tag 2 (In Zypern)

Um 6:45 klingelte das Telefon in meinem Apartment. Ich nuschelte irgendwas in der Art von „binschonwach“ und legte wieder auf. Mein eigener Wecker würde erst eine halbe Stunde später klingeln.

Ich wäre besser gleich aufgestanden, denn die Warmwasserversorgung war leider außer Tritt geraten. Zum Zähneputzen hatte ich noch warmes Wasser, aber unter der Dusche war es dann nur noch eiskalt. Immerhin war ich dadurch sofort hellwach.

Das Frühstück fand natürlich auch wieder in der Fresshalle statt. Dank meiner hohen Intelligenz bin ich diesmal nicht meinen Nachbarn gefolgt, sondern den direkten Weg gegangen. Ein Blick auf Google Earth zeigte nämlich, dass ich in unmittelbarer Nähe des Speisepalastes wohnte und mir den Umweg durch das gesamte Bungalow-Dorf sparen konnte.

Um 8.15 Uhr war Abfahrt. Wie üblich, waren aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Gäste reisebereit. Trotz der sprichwörtlichen Pünktlichkeit der Deutschen kamen immer noch Einige zu spät. Zum Beispiel diese Familie aus der Nähe von Nürnberg. Tochter, Papi, Mami und Oma. Entschuldigend sei bemerkt, dass Tochter Sarah ganz besonders bezaubernd aussah. Das war mir schon im Flugzeug aufgefallen.

Tja, die Leute. Das ist wohl bei diesen Studienreisen eher ein Problem. Die sehen halt alle anders aus als die Menschen, die ich sonst so um mich rum habe. Dafür können die ja nichts – und will das auch nicht mehr so negativ sehen wie in meinen früheren Reiseberichten. Auf ihre Art sind die alle in Ordnung. Keiner sah aus wie ein Filmstar, keiner zog sich besonders fein an, keiner machte auf den ersten Blick einen irgendwie interessanten Eindruck. Keiner sprach hochdeutsch (was ja bei einem Flug aus Bayern auch eher unwahrscheinlich wäre) und keiner fiel durch extravagante Kleidung auf, wenn mal von einem Dirndl zum Abendessen absieht. Und dass sich Frauen ab einem gewissen Alter mit Kurzhaarfrisuren der übelsten Art aus dem Markt verabschieden, ist ja nicht mein, sondern deren Problem.

Und dann fällt natürlich jemand auf, der diesen ganzen Klischees so gar nicht entspricht. Eine ganz besondere Schönheit, die aber auch um Ihr Wirken ganz genau Bescheid weiß. Mit anderen Worten: Männer umschwirren sie wie Motten das Licht. Mehr von Sarah später.

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Das ist Sarah.

Unser Reiseleiter war etwas müder als seine Gäste – was eigentlich dauernd der Fall war – und erklärte uns im Bus ständig irgendwas über irgendwen irgendwo, damit wir wohl informiert seien. Engin ist übrigens Türke, weil es in Zypern keine deutschsprachigen Reiseführer gibt.  Und damit unser Reiseführer keinen Quatsch erzählt, wird ihm ein einheimischer Reiseführer zur Seite gestellt, der zwar kein Wort versteht, aber auf diese Weise immerhin sein Geld verdient. Es lebe die Bürokratie! Immer, wenn wir den Bus verlassen hatten, verzog sich Engin in Null Komma nix ins nächste Cafe, trank seinen Mokka und verputzte ein paar Zigaretten. Fragen beantwortete er regelmäßig und wahrheitsgemäß mit „Das weiß ich nicht.“ Bei unserem ersten Ziel ging es wohl um eine riesige Bergfestung, ca. 900 Meter hoch, eine der größten Kreuzritterburgen im Mittelmeerraum. Unterwegs konnten wir tolle Panoramafotos machen,  aber die wirklich feinen Fotos wurden uns verboten, weil der ganze Bereich als militärisches Gebiet deklariert war. Die armen Jungs, die hier in großer Höhe ihren Militärdienst abhalten müssen, tun mir echt leid (wie mir überhaupt alle Menschen leid tun, die aufgrund größenwahnsinniger Despoten in irgendwelche Kriege geschickt werden).

Nach 30 Minuten waren wir am Fuß der Festung angekommen. Von hier aus hätte man 490 Stufen bis zum Gipfel des Berges erklimmen können, um dann einen unglaublichen Ausblick auf alle Mögliche zu haben. Mir reichte der Blick ab Stufe 110. Die restliche Freizeit verbrachte ich in der Nähe des Busses. Eine anscheinend politisch sehr interessierte ältere Dame fragte unseren Reiseleiter, wie er denn zu Erdogan und dessen Kampf um einen islamischen Staat stehe. Engin sah das alles nicht so eng(in). Die meisten Türken, so Engin, würden ohnehin nicht verstehen, worum es ginge.

Oder mit meinen Worten: Wenn die Türken der großem Masse nicht wissen, was ihnen passiert, wenn sie Erdogan wählen, dann sind sie eben selbst schuld. Und Engin hat ein bisschen mehr Macht. Er hat es blumiger ausgedrückt, aber so kam es bei mir an. Hallo Obacht!

Die nächste Station war wieder irgendwas Altes und Kaputtes, also irgendeine Kirche oder ein Kloster oder sowas. Wahrscheinlich war es die Bellapais-Abtei. Meine Leser verzeihen mir bitte, dass ich das nicht genau benennen kann, aber wenn Sie nicht selbst dabei sind, nützt Ihnen das sowieso nichts. Das ist hier ja kein Reiseführer, sondern eher ein Reiseverführer.

Dann war es Zeit für das Mittagessen, das uns in einem recht großen Restaurant am Platz serviert wurde: Süppchen (salzlos), Quiche (farblos), Hühnchen (geschmackslos) und süßes Gedöns (schmerzlos).  Von unseren 42 Gästen waren nur noch 25 zum Essen erschienen. Die anderen 17 hatten sich das Geld gespart und waren in eine Pizzeria um die Ecke gegangen. Da hat das Essen für vier Personen mit Getränken ca. 6 Euro gekostet – insgesamt! Allein für mein Glas Wein (0,1 l) musste ich 3,50 Euro extra zahlen. Ich hätte auch in der Landeswährung zahlen können, da man im Nordteil der Insel mit türkischen Lira zahlt. Aber viel lieber nahm man uns den guten Euro ab. Dank der europäischen Geldpolitik war der Euro inzwischen nur noch drei Türkische Lira wert – und damit die Lebenshaltungskosten mit denen in Deutschland vergleichbar.

Allergiker, Diabetiker, Vegetarier oder gar Veganer hatten keine Chance. Friß, Touri, oder stirb! Die 99.- Euro Mittagessen-Pauschale (+ Ringelpietz mit Anfassen am Abend – davon später) war plötzlich gar nicht mehr so günstig.

Immerhin hatte ich damit ein Thema, um mich mit diesem auffallend hübschen Geschöpf zu unterhalten, dessen Existenz ich weiter oben ja schon kurz angedeutet hatte. Sarah war ohne Zweifel die schönste Frau unserer Reisegruppe und zusammen mit ihren Eltern und der Oma angereist. Sie ist Mitte dreißig, hat eine kaffeebraune Hautfarbe und kilometerlange schwarze Haare. Eben so eine Frau, bei der sofort alle Gespräche verstummen, wenn sie den Raum betritt. Und falls nicht, kann sie sich sehr gut bemerkbar machen. Die Phalanx der Kellner dürfte ihr inzwischen einen gemeinsamen Hochzeitsantrag gemacht haben. Und die verheirateten Buben unserer Gruppe wirkten neben ihr wie verliebte Sextaner.

Wie sich es ergab, war unser nächstes Ziel der Hafen von Girne, also Kyrenia. Und da hatte ich Sarah Einiges zu erzählen. Im zarten Alter von 14 Jahren war ich nämlich schon mal in dieser Stadt. Damals verbrachte unsere ganze Familie hier den Sommerurlaub. Ich hatte damals meine erste Freundin, Christiane, der ich jeden Tag einen ellenlangen Brief schrieb. Und wenn die Post mal einen Brief verbummelt hatte, war sie echt sauer. An den Hafen konnte ich mich noch ganz genau erinnern. Irgend so eine superteure Yacht lag da damals vor Anker, die bei den späteren Unruhen in die Luft fliegen sollte. Die drei Restaurants von damals waren alle noch da, inzwischen aber nicht mehr allein. Dutzende neuer Läden hatten hier aufgemacht, der Hafen quoll über vor lauter lauten Touristen. Die Musikbox in unserem damaligen Lieblingsrestaurant war leider nicht mehr da, aber der Laden wird in sechster Generation weitergeführt. Es gibt immer noch Kebab, wenngleich das heute völlig anders aussieht und mit den leckeren Fladenbroten von damals nichts mehr gemein hat. Während ich Sarah so von meiner Jugend erzählte (das Jahr 1962 habe ich wohlweislich verschwiegen), hatten wir uns so langsam von unserer Truppe entfernt. Also sind wir dann zu fünft durch die engen Gassen gezogen. Ich bin mir nicht sicher gewesen, aber ich glaube, ich habe sogar das Haus wiedergefunden, in dem wir damals gewohnt haben. Sarahs Oma war ein bisschen schwer zu Fuß. Deshalb mussten wir einige Pausen machen. Sarahs Vater hat dann mal vorgefühlt, wer sich da in „seine“ Familie reinschmuggelte. Ich konnte ihn wohl beruhigen, denn er bot mir – nach Sarah – das „Du“ an. Das klingt jetzt viel romantischer als es war. Es war einfach nur ein supernetter Nachmittag. Denn – auch mit Rücksicht auf Oma – mussten wir bald ein Openair-Cafe aufsuchen, um uns alle bei 26 Grad näher kennen zu lernen. So, und jetzt sag´ ich dazu erst mal gar nichts mehr. Geht Euch nämlich nichts an.

Unser Reiseleiter saß am Nachbarstisch, sodass wir rechtzeitig zurück im Bus waren.

Zurück in der Hotelanlage, musste ich endlich mal wieder duschen. Das Wasser wurde genau in dem Moment warm, nachdem ich mich eiskalt abgeduscht hatte. Leider waren auch die beiden Netz-Adapter, die ich bei Amazon bestellt hatte, totaler Schrott. Der 08-15-Eurostecker meines Föhns passte zum Zerplatzen nicht in die dafür vorgesehene Öffnung. Also Lufttrocknung. Für die iPhones & Co. hatte ich am Nachmittag ein feines Netzgerät mit Zypern-Stecker gekauft, an das man vier USB-Teile anschließen konnte. Man muss wissen, dass dieser Steckerblödsinn den Engländern zu verdanken ist, die Zypern ja vor vielen, vielen Jahren als Kolonie geführt haben. Deswegen auch der Linksverkehr, viele englische Clubs und die zweite Amtssprache. (Obwohl man mit deutsch auch gut durchkommt, wie meine bayrischen Rentner hier eindrucksvoll demonstriert haben. Also sogar mit diesem Spezialdeutsch! Wie heißt es doch so treffend? „Der Bayer ist die Weiterentwicklung des Österreichers zum Menschen“)

Das Abendessen in der Massenfütterung unterschied sich nur in Nuancen vom Vortag. Ich musste mich ein wenig sputen, da der „Mittagessen-Gutschein“ ja auch noch einige Abendbespaßungen beinhaltete. Um halb neun wartete unser Bus auf etwa 20 wagemutige Oldies, denen man einen ganz außergewöhnlich tollen Abend versprochen hatte. Dass Sarah nicht mit dabei war, war zwar schade, aber zu verschmerzen.

Nach zwanzig Busminuten landeten wir schon wieder auf dem Parkplatz, den wir schon am Morgen angefahren hatten. Dann ging es wieder ca. 500 Meter zu Fuß in die Innenstadt, wo wir in den ersten Stock eines Restaurants geführt wurden. Circa 200 weitere Partygäste warteten bereits. Eine Drei-Mann-Band mit dicken Zyprioten und einem raffinierten Computersystem tat so, als würde sie selbst spielen. Unsere Truppe saß – wie die anderen auch – an einem langen Tisch, der mit allerlei Snacks gefüllt war. Oliven, Käsestücke, Nüsse und noch mehr Käse. Die Getränkeregelung war einfach: 10.- Euro = All inclusive. Und zwar für ALLE Getränke. Ich entschied mich für Weißwein und bekam immer wieder unaufgefordert Nachschub, wenn der Getränkestrom zu versiegen drohte. Die jungen, schnellen und sehr freundlichen Bedienungen kamen alle aus Asien. Überhaupt scheint der Asiate sozusagen der Türke Zyperns zu sein.

Dann begann die Show. Na ja, „Show“ ist ein großes Wort für das, was wir da geboten bekamen. Zuerst sprühte eine verkleidete Dame mittleren Alters irgendwelche Düfte unter die Leute, dann krallte sie sich nacheinander ein Dutzend Männer, zerrte sie auf die Tanzfläche und brachte denen den Sirtaki bei. Ich konnte mich wehren und blieb sitzen. Das ist halt nicht so mein Ding. Ich bringe die Leute lieber selbst zum Tanzen als dämlich rumzuhopsen.

Kaum 20 Minuten später kam dann die schon im Bus großartig angekündigte Bauchtänzerin zur Sache. Eine sehr schöne Frau mit popolangen blonden Haaren zuckte lasziv eine Weile vor uns rum. Der Wirt persönlich steckte ihr 10.- Türkische Lira in den Ausschnitt, damit die Herren das gefälligst nachmachen sollten. Und das zog sich dann. Bis sie den rund 110 Männern ihren üppigen Ausschnitt persönlich vor Augen gehalten hatte, um gerade mal drei Scheine abzuzocken, waren die Snacks alle und ich betrunken.

Leider war das auch das Ende des Programms, wenn man nicht erwähnt, dass sich der dickste der Musiker auf ein Glas Raki gestellt hat, ohne dass es zersprungen ist. Das passierte erst, als ein armes Touristenopfer den Stunt nachmachen musste. Ich glaube, das haben die meisten schon nicht mehr mitbekommen.

Danach wurde nur noch getanzt. Oldie-Disco. Die Tanzfläche war rammelvoll.  Lustig waren die Paare, die wohl irgendwann einmal im Tanzunterricht waren und ihre Hüpferei nach präzis geplanten Schritten abtanzten. Und wehe, die Gattin hatte sich verzählt und war auf dem falschen Fuß gelandet. Daran gehen Ehen zugrunde.

Dann ging es wieder 500 Meter zurück zum Bus. Um Mitternacht waren wir wieder in unserem „Resort“. Da ich immer noch nicht müde war, habe ich noch eine gute Stunde in der einzigen Hotel-Bar verbracht und an diesem Blog geschrieben. Erst dann waren alle Akkus leer. Nur ich, ich war voll.


Der dritte Tag (In Zypern)

Die Folter begann um 6:45 Uhr. Da klingelte der Weckdienst. Ich wollte aber erst um 7:15 Uhr aufstehen. Genauer gesagt, wollte ich gar nicht aufstehen. Was spräche dagegen, einen Tag Auszeit zu nehmen und die ollen Trümmer links liegen zu lassen? Sarah und ihre Family hatten das bereits am Vortag beschlossen. Andererseits bin ich ja nicht zu meinem Vergnügen hier und muss nachfolgende Touristen-Generationen aufklären. Also hielt ich meinen brummenden Kopf unter das eiskalte Wasser und föhnte mir mit dem hoteleigenen Fön unter dröhnenden Schmerzen die Haare trocken. 10 Euro „All inclusive“ schien doch ein paar Risiken zu enthalten, über die ich nicht nachgedacht hatte.

Die Busfahrt zu unserem ersten Reiseziel an diesem Morgen muss ich dann wohl auch mehr oder weniger verpennt haben. Als wir so gegen zehn irgendwo ankamen, wo ein paar Heiligenbilder (Ikonen) ausgestellt wurden, haben mir die schreienden Schulklassen, die sich den Krempel aus pädagogischen Gründen auch anschauen mussten, kaum noch was ausgemacht. Bei unserem nächsten Programmpunkt, der Ausgrabungsstätte SALAMIS, war ich sogar schon wieder fast der Alte. Die Römer waren nämlich auch mal ´ne Weile hier auf Zypern und haben unter anderem ein „GYM“ gebaut, also so eine Art frühzeitliches Körperertüchtigungszentrum. Das lief damals alles nach einem festgelegten Plan ab.

Zunächst mussten die Herren der Schöpfung (und für die wurde das natürlich nur gebaut) ihren Darm leeren. Das tat man damals in der Gruppe. Die Herren saßen auf einem ringförmigen Marmorrund, der oben eine Öffnung für die Aufnahme des  Darminhalts und eine weitere Öffnung von vorne hatte. Da gab es nicht etwa irgendwelche Trennwände – nein, man schiss gemeinsam. Der Sage nach wurden einige der wichtigsten Entscheidungen der damaligen Menschheit während der gemeinsamen Darmentleerung getroffen. Wahrscheinlich kommt daher auch der Ausspruch „Die haben sich da aber einen Scheiß ausgedacht…“. Da es die Firma HAKLE damals noch nicht gab, reinigten sich die Herren mit Wasser „unnerum“. Dazu floss vor den Sitzbänken ein kleines Rinnsaal mit frischem Wasser, aus dem die Herrschaften mit voller Hand schöpften und sich durch die vordere Öffnung den Popo abputzten. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Marmorsitzbänke ziemlich kalt waren. Um die Blase zu schützen, wurden daher Sklaven gezwungen, die Sitze mit ihrem eigenen Arsch vorzuheizen. Diese armen Tropfe nannte man damals übrigens die „Vorsitzenden“. (Wie man sieht, gibt es Dinge, die sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte nicht verändern.)

Um Spionage zu verhindern, waren die Wände dieser Scheißanstalt ganz besonders dick. Deshalb soll der eine oder andere Spion in die Abflusskanäle gekrochen sein und mitgehört haben. Ab jetzt wird es unappetitlich. Wer glaubt denn so einen Scheiß?

Nach der Entleerung wurde Sport getrieben. Was man damals wie heute so machte: Rennen, hüpfen, stemmen, boxen, – Fitnessstudio eben. Über das Preismodel ist leider nichts überliefert. Danach ging es in diverse Bäder und Saunen. Die ollen Römer hatten damals sogar schon so eine Art Fußbodenheizung erfunden, auf dass der Athlet niemals frieren möge.

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Felsbrocken allenthalben

Das war zugegebenermaßen eine erfreulich unterhaltende Einführung in die Welt der Antike, die Engin auch mit sichtbarer Freude vortrug.

Das anschließende Mittagessen war mal wieder eine gänzlich neue Erfahrung. Es wäre sogar was für Sarah gewesen, da es fast kein Fleisch gab. Das Essen bestand aus lauter verschiedenen Speisen. Zum Teil standen sie schon auf dem Tisch, wie Salate, eingelegte Feigenblätter, Rote Bete oder kalte Kartoffeln. Dann kamen im Abstand von 5-6 Minuten weitere zypriotische Köstlichkeiten. Alles leider nur lauwarm oder kalt, zum Teil völlig ungewürzt und größtenteils nicht „mein Ding“.  Das Nachtisch-Obst war bereits in Häppchen geschnitten und für mich das bisher Leckerste des Tages.

Nach dem Essen fuhr uns der Bus, dessen Klimaanlage inzwischen den Geist aufgegeben hatte, was bei 27 Grad Außentemperatur nicht unbedingt zur guten Stimmung beiträgt, zum nächsten und letzten Ziel der heutigen Ausflüge: Nach Famagusta. Engin stotterte ein derart erbärmliches Hintergrundwissen über die Lautsprecher des Busses auf uns nieder, dass wir alle die Ohren schnell auf „Durchzug“ schalteten. Vor Ort selbst wussten wir auch daher nicht viel mit den Kirchen und Steinhaufen anzufangen, die wir uns dann in den nächsten 1,5 Stunden auf eigene Faust anschauen sollten. Also wählten wir alle die nächstliegende Option, die Altstadt anzuschauen. Leider gab es da auch nur ganze zwei Straßen mit teilweise sehr teuren Geschäften und dann auch wieder Läden, die Markenhandtaschen für 5 Euro anboten.

Ich habe mich einfach in ein Straßenlokal gesetzt, ein Glas Wein bestellt und alle meine Mitleidenden freundlich begrüßt, wenn sie mehrmals an mir vorbei schlurften. Als selbst das zu langweilig wurde, habe ich es gewagt, einen Einkaufsbummel zu machen. In einem der Läden gab es wirklich toll aussehende moderne Hemden. Eine nette Verkäuferin brachte mich sogar dazu, gleich vier verschiedene Exemplare zu erwerben. Wegen der Größe solle ich mir keine Sorgen machen – die würden ganz bestimmt passen. Davon war ich auch ausgegangen, da die Hemden in der Größe 5xXL geschnitten waren. Bisher wusste ich gar nicht, dass es was Größeres als XXL gibt. Mir passt in der Regel XL, also sollte FÜNF mal XL ja wohl ausreichen. Leider war dem nicht so. Im Hotel angekommen, stellte ich fest, dass ALLE vier Hemden um meinen Rettungsring herum etwas spannten. Mal sehen, wem ich die Hemden jetzt schenken werde…

Zu diesem Thema kam dieser Spruch von Sarah: „Warum soll man ein Sixpack haben, wenn man ein Fass haben kann?“ Rätsele noch immer, wie sie das gemeint hat…

Ja, und dann habe ich auf den letzten Metern zum Bus auch noch einen neuen Koffer gekauft. Ein bisschen größer als der, den ich dabei hatte und ein ganzes bisschen schöner als der alte.

Der Abend gehörte wieder der Massenfütterung – diesmal mit Sarah und ihrer Familie an zwei zusammengeschobenen Vierertischen. Sofort stand das ganze Personal stramm und erfüllte ihre Speisewünsche. Zwei ältere Herren aus Landshut hatten Sarah inzwischen wohl auch für sich entdeckt und kamen seitdem aus dem Labern (sorry, anders kann ich das nicht bezeichnen) nicht wieder raus. Seitdem habe ich mich immer davon geschlichen, wenn einer der beiden Herren ihre Gattinnen abgestellt hatten, um mit Sarah zu plaudern. Na ja, plaudern ist nicht das richtige Wort. Sie haben das arme Ding vollgemüllt bis obenhin. Hoffentlich bekommt sie keinen Ohrenkrebs. Sachverhalte, die man mit ganz leichter Konzentration in 2-3 Sätzen erklären kann, dauerten bei den beiden Herren jeweils eine halbe Stunde. Wenn ich irgendeinen sauintelligenten Einwurf unterbringen wollte, wurde ich schlichtweg ignoriert. Das lag sowohl an der Lautstärke ihrer Stimmen und der Fehlfunktion ihrer Hörgeräte. Wie die Ehefrauen der beiden das wohl ausgehalten haben? Na ja, als ich notgedrungen auch mal mit den beiden ins Gespräch kam, war es mir klar: Die beiden unterschieden sich in rein gar nichts von ihren Ehemännern. Die Familiengeschichten der miteinander befreundeten Nervensägen hab ich mindestens dreimal mitgehört, bis ich dann immer schon VOR dem ersten Satz geflüchtet bin. Der größere von beiden betonte mehrmals, dass er ja „Banker“ sei und er für seinen Haarschnitt inzwischen nur noch sechs Euro bezahlen müsse. Wow! Das sind Informationen! Dass der „Banker“ als kleiner Angestellter in der Kreditabteilung seiner Ortsfiliale arbeitet, macht es nicht besser. Sarah hörte sich den Käse immer wieder geduldig an. Was sollte sie auch machen? Ihr liefen sie ja immer hinterher. Kaum, dass der Bus irgendwo für eine Pause anhielt, konnte man bis drei zählen, um sicher zu sein, die beiden Möchtegern-Casanovas um Sarah herumscharwenzeln zu sehen.

Aber ich wollte ja nicht lästern. Ich wollte ja auch eigentlich gar nichts mehr über Sarah schreiben, weil das ja keinen was angeht.

Also weiter im Programm. Nach dem Abendessen habe ich mich noch bis halb zwei in die kleine Bar gesetzt und an diesen wohl formulierten Worten gefeilt.


Der vierte Tag (Ab in die Türkei)

Der nächste Morgen begann wieder sehr früh. Heute sollte es um die Mittagszeit herum nach Antalya gehen. Deshalb mussten wir alle in unserem doch im großen ganzen recht brauchbaren Hotel auschecken. Ich bezahlte meine paar Weine, schob meinen neuen Rollkoffer in den Bus, trank noch eine Tasse Kaffee, weil das Brot alle war und wartete auf den nächsten Programmpunkt.

Der hieß „Nikosia“, bekannt als Hauptstadt Zyperns. Engin erzählte uns zwar im Bus eine Menge über die Stadt, aber erstens habe ich mir das nicht behalten und zweitens können Sie das viel besser formuliert auf Wikipedia nachlesen. Immerhin ist Nikosia die derzeit einzige Hauptstadt der Welt, die mittendrin geteilt ist. So wie damals in Berlin sah es zwar nicht aus, aber es gibt drei Übergangspunkte vom türkischen in den griechischen Teil. Der Unterschied ist architektonisch nicht erkennbar. Nur, dass man im griechischen teil mit Euro zahlen MUSS, während man im türkischen Teil die Wahl der Währung hat. ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt übrigens noch keinen türkischen Lira in meinen Händen.

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Auch hier überall Kreisverkehr – in Zypern aber verkehr rum

Engin entließ uns irgendwo in der Altstadt und empfahl uns einen Einkaufsbummel. So lief ich denn wie ein gehorsamer Touri durch die Altstadt von Nikosia. In einem Cafe´ machte ich Halt und wurde auch bald von TheSarahFamily begleitet. Die Altstadt ist sehr hübsch, und die meisten Geschäfte sind genauso überflüssig wie alle anderen Ramschläden auf dieser Welt. Allerdings gab es auch vereinzelte „richtige“ Geschäfte, vor allem für Schmuck. Sarahs Mutter wollte sich unbedingt einen Anhänger kaufen, was dann für uns Männer (ihr Vater und ich) eine arge Geduldsprobe wurde. Immerhin hat sie einen Anhänger gefunden, ihr Mann hat sich inzwischen wieder beruhigt und wir haben unseren Bus „just in time“ wiedergefunden.

Weiter ging es zum Flughafen. Das Einchecken ging recht flott, und die Maschine startete schon eine halbe Stunde vor der eigentlichen Abflugszeit. Warum der Flieger es so eilig hatte, ist mir nicht klar geworden. Gelandet sind wir auf einem neuen Flughafen in Antalya gerade mal 40 Minuten später. Dieser neue Flughafen soll in diesem Jahr an die Türken übergeben werden. Bisher gehört er denen nämlich gar nicht. Den hat eine gewisse Firma FRAPORT aus Frankfurt gebaut. Alle Einnahmen gehen also in deutsche Tresore. Da das dem Erdogan gewaltig stinkt, soll der Flughafen abgerissen (!) und woanders unter türkischer Leitung wieder neu aufgebaut werden.

Unser neuer Bus war fast mit dem alten Mercedes identisch, den wir in Zypern zurücklassen mussten. Er hatte nur ein paar Plätze weniger, was leider zu einer regelrechten Schlacht um die besten Plätze führte. Mich hat man dann irgendwann neben eine Dame in der vierten Reihe (Gang) gesetzt. Das Schicksal des Einzelkämpfers. Der Fahrer hieß ab sofort Ali, war starker Raucher und schon ein bisschen älter. Aber auch er hat uns die ganze Zeit hervorragend durch die Gegend kutschiert. Unser letztes Ziel des Tages war unser Hotel.

Man hatte mich zwar schon vorgewarnt, dass diese Hotels in Antalya nicht unbedingt zu den schönsten Reisezielen gehören, die man sich vorstellen kann. Aber was wir da sahen, hat jede negative Erwartung potenziert: Ein Riesenkasten neben dem anderen, eine Architektursünde neben der nächsten, Gigantomanismus ohne Ende. Unser Hotel bestand aus acht Hauptgebäuden mit jeweils 10 Stockwerken. Insgesamt war Platz für 2400 Gäste. Diese Menschenmasse wurde in zwei Riesenrestaurants täglich zwischen 19 und 21 Uhr abgefüttert. Alleine, um die Touristen unserer vier Busse unterzubringen, herrschte an der Rezeption und an den Fahrstühlen ein Gewusel und Gedränge, dass es kein Ende zu nehmen schien.

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Blick aus dem Hotelfenster

Nachdem ich meinen Krempel ins Zimmer gebracht und mich wieder ausgehfein gemacht hatte, saß ich noch eine Weile alleine zwischen den Wolkenkratzern in einer Open-Air-Bar ohne Bedienung. Nee, nach einer halben Stunde kam dann doch jemand und brachte mir dann auch schnell ein Glas mit kaltem Wein; ein Umstand, den man gar nicht hoch genug bewerten kann. Üblicherweise wurde der Weißwein auf unserer Reise überall pisswarm ausgeschenkt, dafür aber völlig überteuert. 0,15 cl kosteten zwischen 3,50 Euro und 5 Euro. Leider war er auch meist recht minderwertig.

Egal, nun hieß es endlich „Futtern“. Da es an diesem Tag kein Mittagessen gab, sollten wir besser am Abend gründlich zuschlagen. Wir fünf haben es erst im nahegelegenen Restaurant 1 versucht, das aber hoffnungslos überfüllt war. Also 200 Meter weiter zum zweiten Restaurant. Hier war wohl gerade zufällig ein größerer Tisch frei geworden, den wir sofort in Beschlag nahmen. Und nun die absolute Überraschung: das Essen! Das war sowas von gut, das habe ich ganz selten erlebt. Es gab Dutzende von Vorspeisen, Unmenge diverse Hauptgerichte, einen mindestens zehn Meter langen Nachtisch-Tresen und und und. Die Qualität (und die ist ja das Wichtigste) war dabei ausgezeichnet.

Nicht so gut hat es mit der Getränkeversorgung geklappt. Der uns zugeteilte Kellner hatte soviel zu tun, dass er nicht so richtig mitkam. So war denn der Wein auch wieder warm, bei Sarahs Gin-Tonic fehlte der Gin, und Nachschub dauerte ewig lange. Außerdem fingen die um uns herum nun plötzlich an, alle Teller lautstark abzuräumen. Dazu mehrstimmiges Kindergeschrei, tanzende Teenies und allerlei runtergefallene Kuchenteile auf dem Hauptgang des Restaurants.

Also wieder ins Freie, ein weiteres Weinchen trinken. Die Unterhaltung lief dann weitestgehend ohne mich ab, da gewisse Herren aus Landshut ihre Dozierstunde abhielten. Dafür fand auf einer Showbühne, ca. 50m entfernt, ein monumentales Tanzremmidemmi mit deutschen „Schlagern“ statt, für die man sich einfach nur schämen muss.

Weil es mir auch nicht gelang, den beiden bayrischen Quasselstrippen Paroli zu bieten, bin ich relativ früh auf mein kleines, aber modern eingerichtetes Zimmer gegangen.


Der fünfte Tag (Taurus-Gebirge)

Die Abreise war gnädigerweise erst um halb acht. Eine der Neunzigjährigen hatte wohl gestern schlapp gemacht und wurde ins Krankenhaus gebracht. Ein bisschen Schwund ist halt immer. Aber sonst waren wir alle guter Dinge und freuten uns auf einen langen Ausflug zu einer weltberühmten Sehenswürdigkeit: die berühmten Kalksteinterrassen von Pamukkale, von einfacheren Geistern auch gerne „Pumuckel“ genannt. Vorher haben wir aber noch die antike Stadt „Aphrodidias“ besichtigt. Sehr eindrucksvoll. Es gab sogar Audioführer eines Berliner Tonstudios zu mieten. Um dorthin zu kommen, mussten wir  stundenlang durch das beeindruckende Taurusgebirge fahren. Den ausgeleierten Blasen unserer Mitreisenden war es zu danken, dass wir alle 1,5 Stunden Pinkelpause hatten.

Dann endlich kamen wir an dem UNESCO-Welterbe an, dem besagten Pamukkale. Die weißen Tafelberge bestehen aus erstarrten Stalaktiten sowie Kaskaden und formten sich über Jahrtausende durch das mineral- und kalziumhaltige Wasser einer Quelle, die am Abhang des Gebirges entspringt. Da der Eintrittspreis für dieses Naturschauspiel erstaunlicherweise nicht im Reisepreis enthalten war, blieben wir eben am Fuße sitzen und tranken ein schönes Bier.

Unser Hotel war nur 5 Minuten entfernt. Es handelte sich um ein etwas heruntergekommenes Thermalhotel. Auf den ersten Blick war es sehr schön, aber bei genauem Hinsehen bemerkte man die versifften Ecken, die ungestrichenen Geländer, die verdreckten Teppiche etc.

Außerdem wollte uns der Barkeeper keine Getränke aufs Zimmer schreiben. Wie man überhaupt in der Türkei (und natürlich auch im türkischen Teil von Zypern) lieber Bares sieht. Wir haben bei keinem einzigen Essen oder Drink an den diversen Bars jemals eine Quittung erhalten! Wenn man das mal hochrechnet, kommt eine Menge unversteuerter Zaster zusammen…

Im Hotel habe ich mich noch mit einem widerlichen Fotografen angelegt, der ungefragt und vor allem trotz Verbots Fotos von Sarah und mir machte. (Sarah wollte das auch nicht.)

Aber vergebens – er hat seine Fotos doch gemacht, und am nächsten Morgen konnte man Sarahs Foto inmitten eines Glastellers bewundern. Mama hat ihn gekauft – somit ging die Rechnung des Paparazzi doch noch auf.


6. Tag (Rund um Antalya)

Nun ging es wieder zurück Richtung Antalya. Unser erster Stopp galt einer Teppich-Vermarktungsfirma. Mir kam alles gleich wieder sehr bekannt vor – und richtig! Hier war ich das letzte Mal vor zwei Jahren auch schon gewesen (siehe www.rme-tuerkei.blogspot.com). Wie sich beim Vergleich der Fotos herausstellte, war sogar das Personal noch identisch. Man zeigte uns – genau wie damals – wie man Seide aus den Fäden einer Seidenspinne gewinnt, wie Teppiche gewebt werden, wie man die Qualität eines Teppiches erkennt etc. etc. Auch hier wieder eine hochinteressante Verkaufsschau mit perfekt deutsch sprechenden Türken. Leider wurden aus der geplanten Stunde fast zwei, weil irgendwelche Bayern aus Landshut unbedingt einen Teppich haben wollten, den sie dann doch nicht gekauft haben.

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Das Muster ist noch dasselbe wie vor zwei Jahren.

Das Mittagessen fand mehr oder minder auf der Autobahn statt. Mitreisende, die keinen Mittagstarif gebucht hatten, wurden genötigt, das komplette Menü für 17 Euro zu bestellen, da es keine andere Möglichkeit der Speisezufuhr gab. Der Wein kostete inzwischen 5 Euro für 0,15 l. Da habe ich aus Protest mal einfach gar nichts getrunken. Und auf den kostenpflichtigen Joghurt-mit-Honig-Dessert habe ich auch gerne verzichtet.

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Auch schon mal besser gegessen

Viele Autostunden später kamen wir dann wieder in den Großraum Antalya. Hier haben wir zunächst einen kleinen Wasserfall besichtigt und dann ein Sandmuseum besucht, das leider infolge jüngster Wetterunruhen ziemlich desolat aussah und überhaupt nicht mit dem Sandmuseum in Ägypten mithalten konnte (siehe www.rme-hurghada.blogspot.com).

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Wow – ein richtiger Wasserfall!

Dann endlich ging es ins Hotel – leider ein von russischen Urlaubern heimgesuchtes Drecksloch erster Güte. Es liegt zwar direkt am Strand, aber das Wasser war natürlich noch viel zu kalt, genau wie das Wasser des Pools. Beim Abendessen hat sich einer der Kellner sofort unsterblich in Sarah verliebt. So sehr, dass sie am nächsten Morgen ihren frisch gepressten Orangensaft umsonst bekam, während ich einen Euro dafür latzen musste. Ein paar kleine Läden gegenüber des Hotels luden zu spontanen Hemdenkäufen ein, aber auch hier waren die angebotenen Größen nicht mit meiner Körpergröße konform. Also besser in die Bar. Draußen am Pool konnten Sarah und ich noch lange gemütlich sitzen und über dies oder jenes ablästern. Leider waren die Getränke nicht nur teuer, sondern auch schlecht. Konnte kaum schlafen.

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Der Kerl rechts ist aus Sand.

7. Tag (In Antalya)

Am nächsten Morgen zerrte uns Engin bereits um sieben Uhr dreißig in den Bus! Und das, obwohl wir doch nur ganz in der Nähe zu den üblichen Touristenneppveranstaltungen kutschiert wurden: Morgens eine Schmuckverkaufsschau und mittags eine Lederverkaufsschau. Auch hier konnte ich meinen Geldbeutel festhalten, da mich weder Schmuck noch Leder angemacht haben. Sarah hat sich eine schöne weiße Lederjacke gekauft, mit der sie am Flughafen noch reichlich Spaß haben sollte…

Zufällig war heute der 1. Mai, also der Tag der Arbeit, der in der Türkei genauso wie bei uns gefeiert wird. Und als wir nach unseren Pflichtbesuchen zum Altstadtbummel entlassen wurden, platzten wir mitten in eine riesige Maikundgebung mit Geschrei und viel Musik. Es gab keine Tumulte, obwohl einige der Sänger grauenhaft daneben lagen (da müssten Schläge eigentlich erlaubt sein!). Später habe ich gelesen, dass die Kundgebungen in Istanbul weniger friedlich verlaufen sind.

Ich versuchte mal wieder, zu neuen Hemden zu kommen und wurde im Basar am Rande der Altstadt tatsächlich fündig, wenn auch nicht so günstig wie in dem Laden vor ein paar Tagen. Dafür passten die Hemden aber zur Abwechslung mal. Sarah kaufte ein paar Täschchen fürs Töchterchen, und auch ihre Eltern und die Oma fanden irgendwelchen Schnickschnack. Dann bin ich mit Sarahs Vater und ihr zusammen in die Altstadt gelaufen. Da ich die Altstadt jetzt schon zum dritten Mal besucht habe, war ich als Reiseführer geradezu prädestiniert. Unterwegs trafen wir unsere üblichen Bayern, die aber zum Glück genau entgegengesetzt gelaufen sind, so dass wir ohne größere Anfälle von Langeweile nach knapp 1,5 Stunden wieder am Treffpunkt waren.

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Wie man sieht, habe ich sogar etwas Farbe abbekommen…

Überraschenderweise fuhr unser Bus am Abend wieder in dasselbe Riesenhotel, das wir schon in der ersten Nacht in Antalya bevölkert hatten. Nie im Leben würde ich hier Urlaub machen, aber die Ministadt innerhalb der Hotelanlage war für unsere Zwecke ganz praktisch. Ich habe mich sogar zum Friseur getraut. Das war ziemlich riskant, da mich der Meister gründlich nach meinen politischen Ansichten ausgefragt hat, ohne dabei das Rasiermesser aus der Hand zu legen.

Das Abendessen war genauso gut wie vor drei Tagen und auch die Getränke kamen diesmal viel schneller.

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Schön muschelig.

Die abschließende Folkloreshow innerhalb meines Zusatzpaketes habe ich mir verkniffen. Lieber haben wir uns im Hotel eine sagenhafte Open-Air Show einer chinesischen Artistengruppe angeschaut. Danach noch ein wenig mit Sarah in der Hängematte geschaukelt und dann ins Zimmer, um den Koffer zupacken.


8. Tag (Die Rückreise)

Um ein Uhr morgens saßen wir bereits wieder im Bus. Engin kam etwas verspätet – dafür hatte er aber meinen Pass wieder bekommen, den ich am ersten Tag im ersten Hotel abgegeben hatte und mir nicht zurückgeben ließ.

Am Flughafen war trotz der späten Stunde Hochbetrieb. Interessanterweise liefen ein paar Zollbeamte durch die Gegend und hielten Schilder mit irgendwelchen Namen hoch. Darunter auch der Name von Sarah. So langsam wurde klar, dass alle Touristen, die irgendetwas Teureres gekauft hatten (Schmuck, Teppiche oder Mäntel) noch mal zum Zoll mussten, um sich einen Stempel geben zu lassen. Das war schon eine ziemliche Triezerei, die da veranstaltet wurde. Die Schlange zum einzigen Zollschalter war gut 100 Meter lang – und der Beamte hinter der Scheibe hatte wohl alle Zeit der Welt, um die Einkäufe per Hand in irgendwelche Listen einzutragen und sodann die Zollbestätigung abzustempeln. Sarah kam erst kurz vor dem Einchecken zu uns; andere brauchten noch länger. Der Flug dauerte 3 Stunden und zehn Minuten, die wir aber kaum bemerkt haben, denn sowohl Sarah als auch ich sind sofort eingeschlafen. Da der Flieger nicht voll war, konnten wir sogar zusammen sitzen.

In München (Landung pünktlich um sechs Uhr zehn) waren wir dann plötzlich ganz schnell auseinander, denn das Gepäck kam so schnell, wie ich das noch nirgendwo gesehen habe. Nachdem ich mal kurz die Toilette aufgesucht hatte, war die ganze Meute bereits verschwunden. Nun gut, es gibt ja WhatsApp.

Und während alle Mitreisenden nur noch wenige Kilometer bis zu ihrem Domizil vor sich hatten, musste ich in München OST alleine bis 9:32 Uhr warten, bis mein ICE nach Frankfurt mich endlich abholte.

Was ich während dieser Fahrt im Zug alles erlebt habe, würde einen weiteren Blog füllen. Aber das führt nun wirklich zu weit.


Kommen wir zum Fazit:

Eine weitere Reise in die Türkei werde ich in den nächsten Jahren nicht mehr machen. Ich glaube, ich habe derzeit genug gesehen. Außerdem ist der Deutsche derzeit nicht mehr des Türken liebstes Kind. Die politischen Differenzen werden zunehmend größer.

Das Essen war größtenteils hervorragend, der Wein leider fast immer warm. Als Währung reicht der Euro.

Die Organisation von RSD (Reiseservice Deutschland) war perfekt, wenn man auch das frühe Aufstehen bemängeln muss, das nicht jedem zusagen dürfte. Unser Reiseleiter war leider  deutlich extrem rechtslastig in seinen Ansichten. Seine Meinung sollte er besser für sich behalten.

Die Hotelauswahl war durchwachsen – von „sehr gut“ bis „grad noch akzeptabel“; die Busse waren zwar schon etwas älter, aber völlig in Schuss. Und die Mitreisenden?

Nun ja, man muss ja auch mal Glück haben.
Und jetzt sag´ ich wirklich nichts mehr.

Überlebenstraining in Ägypten

Eigentlich wollte ich ja gar nicht weg. Zuhause hat der Mensch doch alles, was er braucht. Eine warme Heizung, viele gute Restaurants, nette Freunde, ein eigenes Auto, schnelles WLAN, einen großen Flatscreen und immer die passende Kleidung.

Eigentlich die besten Voraussetzungen, Weihnachten 2014 in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Allein. Mit dem Flatscreen. Nach drei Tagen war ich dann soweit, nach Last-Minute-Angeboten zu suchen. Bei Thomas Cook wurde ich fündig: Eine Woche Hurghada in einer Vier Sterne-Anlage, all inklusive, für nur 654.- Euro. Vom 1. bis 8. Januar 2015. Eine Öger-Reise von Condor oder so ähnlich. Irgendwie sind die ja inzwischen alle miteinander verbrüdert, die Neckermänner und Bucher-Reisen eingeschlossen. Laut Wetterbericht sind es im Januar in Hurghada 25 Grad am Tag und 14 Grad in der Nacht. Wie sich zeigen sollte, muss man diese Werte halbieren.

Aber der Reihe nach. Als Bezahlart wählte ich „SEPA-Überweisung“, weil das ja in Europa ab sofort das Zahlungsmittel der Wahl sein sollte. Leider hatte das ein paar Nachteile, die meinen Urlaub fast noch in Frage gestellt hätten. Ich erhielt zwar eine Bestätigung über die Buchung der Reise, wurde aber gleichzeitig darauf hingewiesen, dass die Reisekosten erst am 5. Januar von meinem Konto abgebucht würden. Da wähnte ich mich aber schon lange am Strand. Da ohne Zahlung aber kein Abflug erfolgen könne, gab es da ein kleines logistisches Problem. Darauf angesprochen, beruhigte mich „Last minute.de“ (wo ich gebucht hatte), dass schon alles in Ordnung wäre. In der Reisebestätigung, die von ÖGER kam, fehlten dann aber prompt die Flugscheine und der Hotelgutschein, da ich ja noch nicht bezahlt hätte. Also wieder angerufen, wieder gemailt, wieder vertröstet worden. Irgendwie haben die das logistisch noch nicht im Griff, Zahlungen per SEPA abzulehnen, wenn der Reisetermin bereits vor dem Abbuchungstermin liegt. Am Tag vor dem Abflug kam dann eine neue Reisebestätigung, diesmal mit den Flug- und Hotelgutscheinen. Allerdings stand auch hier wieder im Text, dass die Reise noch nicht bezahlt sei und ich nur fliegen könne, wenn ich eine Überweisungsbestätigung vorweisen könne. Erneute Rückfrage. „Das steht nur so da, das hat bei Ihnen keine Bedeutung“, bedeutete man mir, langsam genervt. „Warum schreiben Sie es dann?“ – „Das ist halt so, das geht alles automatisch.“ Moderne EDV eben. Es klappte dann alles problemlos. Zumindest was den Flug anging.

Der Abflug verzögerte sich etwa eine halbe Stunde, weil die Maschine noch nicht fertig war. Wir saßen direkt neben der 737-300 im Zubringerbus und schauten zu, wie die Abdeckungen der Triebwerke entfernt wurden und die Maschine so langsam flugfertig gemacht wurde.

Der Flug selbst startete morgens um kurz nach elf und dauerte vier Stunden und zehn Minuten. Zu essen gab es genau ein Pumpernickel-Käse-Sandwich. Zu trinken zwei kleine Becher Wasser. Kurz vor der Landung spendierte Condor den Passagieren ein Glas Sekt, weil es ja Neujahr war. Ich habe dankend verzichtet, weil mir die Silvesterparty vom Vorabend noch ein wenig in den Gliedern steckte.

Bei Condor lässt´s sich prächtig speisen

Nach der Landung war es dann vorbei mit der deutschen Pünktlichkeit. Zunächst wurden wir – nach Reiseunternehmen getrennt – zu einem Schalter geführt, an dem jeder 26.- Euro für ein Touristenvisum zahlen musste (2012 hatte das noch 15 Dollar gekostet!). Dann eine weitere, ewig lange Schlange an der Passkontrolle. Von den 12 Stationen waren nur vier besetzt, was zu einer Wartezeit von ca. 40 Minuten führte. Bis wir dann endlich von einem Zubringerbus zu den Hotels gefahren wurden, waren schon wieder 1,5 Stunden vergangen. Der Bus fuhr zick-zack durch Hurghada und setzte mich als Vorletzten vor dem Smartline Colour Beach-Hotel ab. Mein Koffer wurde auf dem Dach des Kleinbusses transportiert und war bereits sehr sandig, denn ein unangenehmer, eiskalter Wind mit feinem Sand fegte durch die Straßen.

 
Weihnachten auf Ägyptisch

Das Empfangsgebäude des „Smartline“ war winzig. Es enthielt die Rezeption, eine kleine Bar mit etwa 20 Sitzplätzen (alle völlig durchgesessen!) und eine Toilette. Meinen Koffer stellte man vor der Tür ab („…da passiert nix!“) und bat mich, erst einmal etwas essen zu gehen. Das wollte ich gerne, aber das direkt neben der Lobby liegende Restaurant war leider bis auf den letzten Platz besetzt. Es war halt nicht sonderlich groß. In den beiden angebauten Zelten im Freien waren zwar noch Plätze frei, aber hier hatte der Wind das Sagen, so dass ich wieder zurück an die Rezeption ging, um mir erst mal mein Zimmer anzusehen. Und da gab es dann doch Probleme. Ich hatte zwar den Voucher, also den Hotelgutschein, war aber dort nicht als Gast angemeldet. Kein Wunder, ich hatte ja auch laut System noch immer nicht bezahlt. Es dauerte weitere zwanzig Minuten und einige Telefonate, bis ich endlich ein Zimmer zugeteilt bekam. Mein Koffer war tatsächlich noch nicht geklaut worden, so dass mich Ashrad, der Kofferjunge, für zwei Euro Trinkgeld zu meinem Domizil begleitete. Hinter dem Empfangsgebäude begann erst die eigentliche Anlage, die aus insgesamt sechzehn Gebäuden bestand.

 
Lageplan der Anlage. Der blaue Kreis ist die Lobby. Das runde Ding rechts daneben ist der abendliche Veranstaltungsraum. Mein Apartment liegt etwa zwei Zentimeter nord-westlich von dem blauen Kreis in einem der vier Blocks.

Die vier Gebäude, die zum „Smartline“ gehörten, waren dreistöckig und beinhalteten 45 Apartments pro Block. Die anderen 12 Bauten gehörten zum Hotel „Festival“, das sich mit dem „SMARTLINE“ denselben Eingang teilte, ansonsten aber völlig unabhängig war. Na ja, nicht ganz, aber das erfuhr ich erst später. Die Zimmer waren recht ordentlich. Offenbar hatte man die Räume erst kürzlich neu angestrichen, was man an den Übergängen zu den Fußböden gut sehen konnte, weil dort so mancher Pinselstrich daneben ging. Leider hatte man vor dem Streichen die alte Farbe nicht entfernt, sodass an vielen Stellen die neue und die alte Farbe gemeinsam abblätterten. Ein 19-Zoll AKAI-Röhrenfernseher empfing immerhin 16 Programme, darunter auch drei deutsche. Ein Tresor fehlte leider, was hinsichtlich meines elektronischen Fuhrparks recht problematisch war. WLAN ging blöderweise auch nicht, was mich zu einem weiteren Gang an die Rezeption veranlasste. Der einzige Mitarbeiter war völlig überfordert. Erst nach 20 Minuten hatte er ein wenig Zeit für mich. Er hatte meinen Namen falsch in den Computer geschrieben. Da das Passwort aus dem Nachnamen des Gastes bestand, konnte ich nicht ins Netz kommen, das zwar einen hervorragenden Empfang signalisierte, aber ansonsten lahm wie ein Modem aus der guten alten Zeit war. Nachdem ich auch dies überstanden hatte, konnte ich endlich meine E-Mails checken, die am 1. Januar naturgemäß nur aus den üblichen Fishingmails bestanden („Ihr PayPal-konnto wurden gesperrt“ – „1000 Dollar gescenkt für Kasino-besuch!“). Leider klappte das mit den Mails nur in eine Richtung. Versenden konnte ich nichts, da die Maileinstellungen des iPads falsch eingestellt waren. Bis ich das geregelt hatte, war ich am Verhungern.

Blick aus dem Balkon auf den Pool und das dahinter liegende Meer.

Inzwischen waren ein paar Plätze frei geworden und ich suchte mir ein paar leckere Dinge aus: Hähnchen, Gemüse und Reis. Dazu ein Glas Weißwein. Wenn das Essen so warm gewesen wäre wie der Wein, hätte es ein schöner Abend werden können. Aber dieses Problem ließ sich die ganze Woche nicht aus der Welt schaffen: Das Essen war genau so lauwarm wie der Wein. So verzog ich mich wieder in die kleine Lobby-Bar nebenan und las in irgendeinem Buch weiter, das ich schon zu Hause begonnen hatte. (Wenn ich sage, „ich las in einem Buch“, meine ich natürlich, dass ich das Buch im iPad gelesen habe. „Echte“ Bücher schleppe ich schon lange nicht mehr mit mir rum.) Um halb zehn sollte in der Rezeption des Nachbarhotels „Festival“ eine „tolle“ Animation stattfinden. Nachdem ich mir den Raum und die Leute angeschaut hatte, bin ich wieder zurück in die Bar und habe das Buch fertig gelesen, den einen oder anderen warmen Wein dazu schlürfend.

Die Leute. Was waren da im „Festival“ für Leute? Tja, was soll ich sagen? Vielleicht, dass es ganz so aussieht, als wäre Ägypten inzwischen auch von Russland annektiert worden? Kein Geschäft ohne russische Leuchtreklame, kein Ägypter ohne feinste russische Sprachkenntnisse, kein Tisch ohne deutlich slawische Gesichtszüge. Deutsch sprechen auch noch die meisten, aber bei Englisch sieht es schon mau aus. Und mit Arabisch tun sich die Gäste in der Regel schwer. Ich saß inzwischen an einem Tisch mit einer nett aussehenden Dame mittleren Alters, die alle zwei Minuten ihr Galaxy-Handy auf Nachrichten überprüfte und ansonsten in einem Buch las. Ab und zu musste sie mal auf die Toilette und bat mich, solange auf ihre Sachen aufzupassen. Auf Russisch natürlich. Ich habe es aber dennoch verstanden. Als ich mit meinem Buch durch war, bin ich auf mein Zimmer gegangen. Die Uhrzeit ist um eine Stunde gegenüber Deutschland verschoben. Um Mitternacht, also 23.00 Uhr deutscher Zeit, begann ich – nach einigen Comedy-Folgen auf „Comedy Central“ – die Nachtruhe. Das Bett war ziemlich hart und daher ideal für meinen Rücken. Ich bin trotz meines eiskalten Zimmers irgendwann eingeschlafen. Die Nachtruhe wurde zwar durch ein paar nächtliche Feuerwerke und den pfeifenden Wind des Öfteren unterbrochen, aber das war mir irgendwann egal.

Blick auf den beheizten Pool.

Frühstück gab es bis zehn Uhr. Ich hatte mir leichtsinnigerweise kurze Hosen und ein Poloshirt angezogen. Auf dem Weg zum Restaurant wurde ich von Sturmböen der Windstärke zehn fast umgerissen. Gefühlt waren es ca. 2 Grad plus. Im Restaurant waren inzwischen wieder viele Plätze frei, sodass ich gemütlich frühstücken konnte. Ich hatte mir ein Omelette braten lassen und dazu einen Kaffee getrunken. Danach kämpfte ich mich bei starkem Gegenwind wieder zurück in mein Zimmer und zog mich winterfertig um. Es wurde Zeit, das Gelände zu erkunden. Und das war ja riesengroß. Schätzungsweise einen Quadratkilometer groß. Die Gartenanlage war sehr schön angelegt, und der Pool lag einsam und verlassen direkt vor dem großzügigen Strand. Es gab eine Bühne, eine weitere Bar und viele Sitz- und Liegeplätze. Was es nicht gab, war Sonne. Trotzdem lagen ein paar Unverbesserliche im Badezeug auf den Liegen und saugten jeden einzelnen Sonnenstrahl auf, der ab und zu durch die Wolkendeckte blickte. Nun gut, wer aus Sibirien kommt, könnte so ein Wetter himmlisch finden. Ich drehte eine große Runde, wurde mehrmals aufgefordert, mir eine Massage zu gönnen (was ich todsicher vermeiden werde!) und landete schließlich wieder in der Bar an der Rezeption, wo ich einen weiteren Kaffee einnahm, der sehr lecker schmeckte. Es war viertel vor zwölf, und der Tag hatte quasi erst angefangen. Am Nachbartisch saßen ein paar Deutsche mit sächsischem Idiom und verdrückten ein paar Gläser Bier. Mit an meinem Tisch saß ein älteres amerikanisches Paar, die beide ununterbrochen auf ihrem Handy rumtippten. Ich beschloss, ein neues Buch anzufangen.

Rolf Dobellis „Kunst des klugen Handelns“ hatte ich zwar schon mal gelesen, aber angesichts der wenigen Optionen, die ich hier hatte, war es sicher eine kluge Handlung, dieses Buch nochmals durchzulesen. Unterbrochen durch zwei Speisungen im mittlerweile nur noch halb gefüllten Speisesaal und einem weiteren Spaziergang bei Windstärke zehn hatte ich das Buch bis zum Abend durch. Gerade rechtzeitig, um mir auf der Bühne des Haupthotels eine landestypische „Oriental-Show“ anzutun, bei der ein bisschen Bauchtanz und fliegende Röcke die russischen Fans zum Kochen brachten. Bevor das alles in Ekstase ausartete, verzog ich mich wieder in die kleine Bar in „unserem“ Empfangsgebäude. Langsam erkannte ich, dass manche Russen gar keine Russen, sondern Bayern waren. Ich konnte sogar ein paar Worte mit einer jungen Deutschen reden, die wohl drei Jahre lang in Hurghada in irgendeinem Luxushotel gearbeitet hatte und jemanden suchte, der ihr Geld wechseln konnte. Nennen wir sie Sabine. Geld? Hatte ich keins. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wo ich das hätte wechseln können. In der Rezeption jedenfalls nicht, wie das Mädel feststellte. Und die Banken sind irgendwo in der Stadt. Einen Automaten gab es auch nicht. Also ließ ich das mit dem Geld. Gegen 23.00 Uhr kämpfte ich mich dann in mein eiskaltes Zimmer und ging erstmals seit Jahren halb angezogen ins Bett. Überflüssig zu erwähnen, dass die Klimaanlage nur kühlen, aber nicht heizen konnte. Im Fernsehen lief „Stubbe“ und auf meinem iPad war die Batterie leer.

Am Samstag war ich schon eine Stunde früher wach. Blöderweise hatte ich meinen Haarfön zu Hause vergessen, was aber angesichts des sich steigernden Windes ohnehin egal war. Da das iPad über Nacht wieder voll aufgeladen wurde, konnte ich mir zum Frühstück die „Frankfurter Rundschau“ runterladen und sie gemütlich bei Omelett, gutem Kaffee und Obstsalat durchlesen. Na ja, ganz durch kam ich natürlich nicht, da das Laden der einzelnen Seiten sehr viel langsamer vonstatten ging als ich sie lesen konnte. Irgendwann haben die dann das Restaurant geschlossen und ich musste mich entscheiden, wie der Tag laufen soll.

Plan A: Sofort zurückfliegen. Ein weiterer Spaziergang bis zum Meer und zurück ließ den Entschluss in mir reifen, die Reise kurzfristig abzubrechen und gen Heimat zu fliegen. Ich suchte meinen Reiseleiter auf, der sich gerade zufällig in der Bar befand und erklärte ihm mein Vorhaben. Er sagte, dass ab morgen das Wetter ganz sicher wieder gut würde. Woran liegt es nur, dass ich ihm nicht glauben wollte? Nein, ich wollte wieder nach Hause, ins kalte und mittlerweile verschneite, aber windfreie Friedrichsdorf. Yussuf telefonierte. Oder tat so, als ob er telefonierte. Wer weiß das schon. Leider stellte sich heraus, dass alle Flieger bis zum 15.1. angeblich ausgebucht seien. Und da mein Rückflug ja für den 8. bestätigt war, konnte ich Plan A leider nicht umsetzen. Yussuf wollte mich zu Plan B überreden: Kairo oder Luxor. Ersteres war mir zu gefährlich, Letzteres hatte ich mir gerade vor drei Jahren angeschaut (siehe rme-nil.blogspot.com). Blieb noch Plan C: Ausflüge buchen.

Um das Ghetto zu verlassen, konnte man bei Yussuf und seinen Kollegen ein paar Ausflüge buchen. Und das tat ich dann auch. Einmal U-Boot fahren mit Fische gucken für 46.- Euro und eine Stadtrundfahrt für denselben Preis. Am Montag und Dienstag zwar erst, aber nun hatte ich wenigstens ein Ziel, bzw. sogar zwei Ziele. Da ich aber auch den Samstag und den Sonntag irgendwie rumkriegen musste, blieb noch die Möglichkeit, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Ich nutzte das Gespräch mit Yussuf aber auch, um mich darüber zu beschweren, dass es in meinem Raum gar keine Heizung gäbe.

Zunächst habe ich mir die Altstadt von Hurghada vorgenommen. Hierzu konnte ich im Hotel ein Taxi bestellen, das nur 4 Euro kosten sollte und mich direkt am Eingang zur Altstadt absetzte. Der Fahrer wollte gar kein Geld, sondern „übergab“ mich an einen der vielen Händler, die auf so einen doofen Deutschen geradezu gewartet hatten. Als ich aber ganz schnell klar machte, dass ich nicht vorhabe, einen Begleiter an meiner Seite zu dulden, wurde er gleich ein bisschen pampig und rief mir irgendetwas sicher sehr Unhöfliches auf arabisch hinterher. Ich bin dann trotzdem kreuz und quer durch die Altstadt gelaufen. Es war so, wie es immer ist. Jeder quatscht einen an und will einem was verkaufen. Und zwar das Übliche. Kamele, gefakte Kleidung, Uhren und Schmuck. Manchmal sieht man tolle Antiquitätenläden, die aber leider alle geschlossen waren. Irgendwie wird auch in Ägypten nicht mehr jeden Tag gearbeitet. Die Gebäude in der Altstadt sind größtenteils einsturzgefährdet, was aber den Bewohnern anscheinend nichts ausmacht. Dreck und Schmutz, wo man nur hinschaut. Übrigens nicht nur in der Altstadt. Es scheint kein Gesetz zu geben, das die Müllberge im Griff hat. Ich hätte gerne mal in einem der wenigen Cafés ein Getränk eingenommen, aber die hygienischen Zustände haben mich davon abgehalten. Außerdem waren die Sitzplätze grundsätzlich im Schatten, was ja im Sommer auch sinnvoll ist. Nur bei mittlerweile „nur“ noch Windstärke 5-6 wird´s a bisserl unangenehm. Auch in Hurghada gibt es inzwischen eine Invasion der Handy-Shops. Nach dem zwanzigsten habe ich aufgehört zu zählen. Leider konnte ich die Preise nicht mit denen aus Deutschland vergleichen, da alle Angaben auf Arabisch waren. Ich verstehe zwar jedes Wort arabisch, weiß nur nicht, was es auf Deutsch bedeutet. Haha, kleiner Scherz am Rande. Arabische Zahlen sollten zwar den unseren ähneln, aber sie sehen trotzdem anders aus. Nur die 1 und die 9 sehen sich ähnlich, wie mir Wikipedia gerade verraten hat.
Nachdem ich rund eineinhalb Stunden rumgelaufen war, haben sich die Geschäfte immer mehr geähnelt. Es war durchaus möglich, dass ich die ganze Zeit im Kreis gelaufen war. Wie auch immer, ich bestieg ein einheimisches Taxi und ließ mich ins Hotel zurückbringen. Da der Fahrer mich nicht verstanden hatte, zeigte ich ihm mein rosa „All-Inclusive“-Bändchen mit dem Hotelnamen drauf. Dieses Bändchen entspricht in Deutschland der Hundemarke, wenn ich das richtig verstanden habe.

Leider konnte mich mein Taxifahrer nicht nur nicht verstehen, er konnte offenbar auch nicht richtig lesen, denn die Fahrt dauerte bedeutend länger als die Hinfahrt vom Hotel aus. Irgendwann landete er dann gar auf einer Art Autobahn, die Richtung Flughafen führte. Da habe ich ihn dann gestoppt und nochmal auf mein Bändchen gezeigt. „Ah, Festival Shedwan Golden Beach Hotel! Not Festival Al Goona!“ sagte er und war ziemlich zerknirscht, da wir in diesem Augenblick vor dem falschen Hotel mit demselben Namen angekommen waren. Es war nur ein paarhundert Meter von dem Hotel entfernt, in dem ich schon vor drei Jahren eine Woche Badeurlaub verbracht hatte. Damals waren wir kaum aus dem Hotel gekommen, sodass ein Reisebericht sich nicht gelohnt hätte. Es war quasi die Fortsetzung unserer Nilkreuzfahrt, auf die ich ja schon hingewiesen habe. Dieses Mal komme ich zwar auch kaum aus dem Hotel heraus, aber irgendwas muss ich ja machen. Also schreibe ich auf, was mir so auffällt. Die Fahrweise der Ägypter ist beispielsweise extrem angsteinflößend. Nicht nur, dass das altersschwache Honda-Taxi bei Geschwindigkeiten oberhalb 50 km/h schwer ins Schlingern geriet, waren auch die Bremsen schon lange runtergehobelt, wie man an den kreischenden Geräuschen bei jeder Bremsung hören konnte. Die Straßen sind anscheinend planlos in den Wüstensand gesetzt worden, und so manche vierspurige Autobahn endet unvermittelt vor einer großen Betonmauer. Um abzukürzen, nimmt der Ägypter auch gerne kurze Strecken auf der Gegenfahrbahn in Kauf, und allgemeine Verkehrsregeln werden durch lautes und dauerndes Hupen ersetzt. Es gibt so gut wie keine Ampeln, dafür aber alle 200 Meter dicke Hubbel auf der Straße, damit die Fahrer die Geschwindigkeit zurücknehmen. Mit ein bisschen Pech kommt einem auch ein Eselsgespann auf der Autobahn entgegen. Bei Nacht übrigens alle so gut wie ohne Licht.

Irgendwann hatte ich diese Taxifahrt überstanden und das Hotel wieder erreicht, wo gerade eine Horde neuer Bleichgesichter angereist kam. Interessanterweise waren trotz der eisigen Winde viele Leute gewillt, Ihre Haut in die Sonne zu halten, denn man konnte bereits eine Menge Sonnenbrände bewundern. Die Sachsenfraktion war inzwischen auf ein halbes Dutzend Exemplare angewachsen, die sich alle so benahmen, wie man es aus RTL2 kennt. Sorry – natürlich sind die meisten Sachsen wohlerzogene Menschen, intelligent und redegewandt, aber bei diesen Exemplaren waren es dann doch mehr die Damen und Herren, die nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens wohnen und das durch ihre Sprache, Ihr Aussehen und Benehmen deutlich machen. Die schon morgens Bier in sich reinschütten, mittags lallen und nachmittags mit offenem Hemd und offenem Mund schnarchend in den Sesseln vor dem Restaurant liegen und ihren Rausch ausschlafen.

Nutzen wir die Gunst der Stunde, um überhaupt mal zu klären, wo wir uns befinden, liebe Kinder. Wir sind in Afrika, genauer gesagt, im Norden Afrikas, in Ägypten. Das ist ein ziemlich groß geschnittenes Viereck oben rechts in Afrika. Kairo, die Hauptstadt, liegt ganz im Norden. Ägypten hat einen großen Fluss, den NIL. Der schlängelt sich das durch ganze Land von Süden nach Norden, fließt also quasi „nach oben“, was natürlich Quatsch ist. Es ist für uns halt ungewohnt, dass ein Fluss nicht die Landkarte „runter“, sondern „hoch“ fließt. Geplante und bereits gebaute Stauseen im südlichen Nachbarland Sudan führen dazu, dass der Nil immer weniger Wasser mit sich führt und manchmal sogar austrocknet. Bei unserer Nilkreuzfahrt vor drei Jahren sind wir einige Male mit dem Schiff im seichten Wasser steckengeblieben.

Das wollen die Ägypter natürlich nicht und beschweren sich daher lauthals bei ihrem südlichen Nachbarn Sudan, mit dem Bau weiterer Stauseen aufzuhören. Mal sehen, wie das ausgeht. Hurghada gehört mittlerweile zu den größten Städten Ägyptens. Während Wikipedia von 160.000 Einwohnern spricht, hört man vor Ort eher die Zahl 500.000. Im Sommer kommen noch ein paar Millionen Touristen hinzu. Da die Ägypter größtenteils muslimischen Glaubens sind, gibt es außer in den Hotels, bzw. touristischen Lokalen auch nirgendwo Alkohol, somit auch keine „natürlichen“ Nachtclubs oder Discotheken. Hurghada hat die schon erwähnte Altstadt zu bieten, eine neu errichtete Neustadt, einen luxuriösen Jachthafen (2008 eröffnet) mit über 50 Geschäften und Restaurants und ein weiteres, nördlich gelegenes Touristengebiet namens „El Goona“. Hier steht ein Superluxus-Hotel neben dem anderen. Da, wo noch keins steht, stehen Ruinen. Denn nach den arabischen Unruhen haben wohl viele Geldgeber kein Zutrauen zu Ägypten mehr gezeigt und die Bauarbeiten im Rohbau eingestellt. Im Süden geht es aber genauso schnell weiter. Auch hier sind neue Luxushotels und Einkaufszentren vom Feinsten gebaut worden.
Bezahlt wird mit Ägyptischen Pfunden, wobei 1 Euro etwa 9 Pfund sind. In der Altstadt hatte ich mir 200 ägyptische Pfunde aus dem Automaten gezogen, was also etwa gerade mal 23 Euro entsprach. Die Taxifahrt hatte – trotz des Riesenumwegs – nur 25 Pfund gekostet. (Ich hatte dem Fahrer natürlich mehr gegeben, weil er mir leidtat und weil ich noch am Leben war).

Die meisten Einwohner der Stadt sind ganz normal westlich gekleidet: Jeans, Hemd, Turnschuhe. Manchmal laufen ältere Männer auch noch in traditionellen beduinischen Klamotten durch die Gegend, aber nur selten. Frauen sieht man so gut wie gar nicht. Es gibt keine Kellnerinnen, Zimmermädchen oder sonst wie weibliche Beschäftigte im Hotel. Alle Arbeiten werden von schlanken, oft gutaussehenden Männern im Alter zwischen 20 und 40 erledigt. Viele haben das typisch ägyptische Aussehen, das sich deutlich von dem anderer Araber unterscheidet. Bei den Touristenführern sind hie und da auch Frauen zu sehen, aber das sind keine Einheimischen. In der Altstadt bin ich vielleicht ganze drei Mal irgendwelchen jungen Mädchen (verschleiert) begegnet – alle anderen Menschen in diesem Viertel waren Männer. Sehr seltsam. Warum werden die Frauen versteckt und wo sind sie? Die Theorie eines Reiseleiters einer späteren Tour, auf die ich noch zurückkommen werde, lautete, dass junge Mädchen vor ihrer Heirat die Familie nicht verlassen dürfen. Und Arbeit in einem Touristenhotel würde eine Trennung von der Familie bedeuten, da die Familien für so einen Job nicht nach Hurghada ziehen würden. Bei Männern ist es eh wurscht. Das junge Mädel von neulich, nennen wir sie weiterhin Sabine, meinte, dass es aber noch einen weiteren Grund gäbe. Eine Frau als Zimmermädchen könnte unvorbereitet mit Unterwäsche von Männern konfrontiert werden, gar ein gebrauchtes Kondom finden oder – Gipfel der Perversion – ein Klo putzen müssen, auf dem ein Mann kürzlich gesessen hat. Und das könnte das Ende ihrer Reinheit bedeuten. Damit wäre sie in den Augen der Ägypter nichts mehr wert. Und um das Elend komplett zu machen, werden die Mädchen hier nach wie vor beschnitten. Dass das inzwischen verboten ist, interessiert niemanden. Vor allem die Großmütter und Mütter bestehen angeblich darauf. Soll es doch den Kindern nicht besser gehen als ihren Vorfahren. Der ägyptische Mann tut sich damit übrigens keinen gefallen. Im Gegenteil: Wenn so ein Testosteron-gesteuerter Araberhengst mal zufällig mit einer Touristin schläft, bei der das Lustsystem noch in Ordnung ist, wird er zukünftig nur noch fremd gehen wollen. Trotzdem verstümmelt und verschleiert er die Schönheiten des Orients.

Im Hotel gab es übrigens genügend Frauen, also Touristinnen. Viele Damen waren nicht mit ihrem Freund/Mann angereist, sondern mit ihrer Freundin. Auch waren viele Mütter mit ihren kleinen Kindern unterwegs, ohne dass ein zugehöriger Vater auszumachen gewesen wäre. Das Gesamtniveau der Gäste lag aber leider eher im unteren Bereich, was wohl auch dem günstigen Preis zuzuschreiben war. Ein paar Ausnahmen bestätigten wie immer die Regel. So hatte ich nette Gespräche mit einem Paar aus Hof und einem Herrn aus Leipzig (Sic!). Die Kellner haben irgendwie auch einen Narren an mir gefressen. Ich bin so ziemlich der einzige, der seine Getränke an den Platz gebracht bekommt und unaufgefordert Nachschub erhält, sollte das Weinglas mal leer sein. Da der Wein nicht nur lauwarm ist, sondern auch aus Plastikflaschen ausgeschenkt wird, auf denen ein „FANTA“-ähnliches Logo prankt, bin ich verwundert, dass ich anscheinend mit diesem Teufelszeug keinerlei Probleme hatte. Da ich bisher auch noch nicht im Geringsten betrunken war, besteht der leise Verdacht, dass der Wein vielleicht alkoholfrei war…

 
Jeden Tag gab´s neue Tiere, aus Handtüchern gedeichselt.

Aber auch dieses Mysterium konnte mir Sabine erklären. Der Wein wird nämlich in großen Plastikgallonen angeliefert, die einfach nicht in die Kühltheke passen. Also füllt man sie zunächst in große Bottiche, denen man eine nicht unerhebliche Menge Wasser zugibt (kein Witz!). Und dann wird die verdünnte Plörre in gerade zufällig vorhandene Plastikflaschen (also auch Cola- oder Fantaflaschen) umgefüllt.

Auf Gin Tonic und Bacardi Cola (allerdings mit einheimischen Spirituosen) habe ich bisher verzichtet. Die Kommentare der Mitreisenden waren zu vernichtend, zumal es selbstverständlich keine Eiswürfel in den Longdrinks gibt. (An dieser Stelle sei mir ein wenig Heimweh nach Friedrichsdorf, ins „Impuls“ gestattet. Olaf, Du machst das alles viel besser!)

Nach dem Abendessen, das leider nicht so dolle war, saß ich noch eine Weile in der Hotelbar und las die Rundschau vom Morgen zu Ende. Ein kurzer Blick auf die Showbühne des Haupthauses zeigte mir, dass das Animations-Programm schon vorbei war. Also ab ins Bett. Und da erlebte ich tatsächlich eine große Überraschung: Ich hatte mich ja morgens beschwert, dass meine Klimaanlage nur kühlen, aber nicht heizen könne. Jetzt konnte sie es plötzlich, und in meinem Zimmer waren es wohltemperierte 30 Grad. Ich musste den Raum also erst mal wieder runterkühlen, um es überhaupt dort auszuhalten.

Der Sonntag begann wie alle Tage. Ich war noch ein wenig früher wach und landete damit schon um 9.00 Uhr im diesmal vollbesetzten Restaurant. Ich musste ein paar Minuten warten, bis ein Platz frei wurde. Diese Zeit habe ich genutzt und angefangen, den SPIEGEL runterzuladen, der inzwischen zum Download bereit lag. Nach etwa 1,5 Stunden war er auf dem iPad angekommen. Zuhause dauert es 1,5 Minuten.

Der restliche Vormittag ging irgendwie an mir vorbei. Lesen, i-Dinger aufladen, Blog schreiben und Mittagessen. So langsam war mir klar, warum ich meine Getränke immer sofort und unaufgefordert serviert bekam. Es waren immer dieselben zwei Jungs, die mich anlächelten. Mist. Nun auch das noch. Wird eine bittere Enttäuschung sein, wenn ich demnächst knutschend mit irgendeinem Girl zum Abendessen komme. Na gut, die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Homosexualität ist in Ägypten natürlich verboten und wird (angeblich) mit der Todesstrafe gesühnt. Dass es selbstverständlich auch hier denselben Prozentsatz Schwuler wie auf der ganzen Welt gibt, will man nicht wahr haben. Viele wissen vielleicht gar nichts über ihre Sexualität, da immer noch die meisten Hochzeiten auf dem Papier geregelt werden, ohne dass das Brautpaar auch nur die geringste Gelegenheit hatte, mal seine sexuelle Orientierung zu erkunden.

 
Am neuen „Marina“-Hafen

Nach dem Mittagessen habe ich meine zweite Solo-Tour gestartet. MARINA, der neue Yachthafen von Hurghada. Ich hatte ihn schon 2012 gesehen und konnte keine wesentlichen Änderungen feststellen. Ein paar Geschäfte hatten aufgegeben, hie und da gab es bröckelnde Mauerwerke, aber alles in Allem hatte sich der neue Yachthafen gut gehalten. Für das Taxi dorthin bezahlte ich wieder 50 Ägyptische Pfund, also gut 5 Euro.

 
Viel zu schade zum Essen…

Nach einem Rundgang durch den Fischmarkt (Schöne Fotos gemacht!) klapperte ich also gemütlich den Yachthafen ab und blieb auf dem Rückweg in einem Lokal hängen, dass außer (kostenlosem) WiFi auch „richtigen“ Wein zu günstigen Preisen anbot.

Meine Barschaft hatte ich an einem Automaten nochmal großzügig um 2000 Pfund erhöht, so dass ich mir eigentlich fast alles leisten konnte. So saß ich dann in der Sonne, die meine Wange mit ihren Strahlen streichelte und checkte über das kostenlose WLAN die Welt. Und wenn nicht irgendwann die Sonne verschwunden wäre und mich zum Frösteln gebracht hätte, wäre ich wohl bis Mitternacht dort geblieben. Der Wein, dessen Herkunft ich überhaupt nicht erfahren habe, schmeckte außerordentlich gut. Zwei Gläser davon am helllichten Nachmittag bewirkten durchaus eine Reaktion, die mir bekannt vorkam. Üblicherweise hätte ich jetzt das Auto stehen gelassen, aber ich hatte ja gar keins dabei. Also musste ich mir wieder ein Taxi nehmen. Der Fahrer war allerdings unverschämt. Er wollte für dieselbe Strecke wie auf meiner Hinfahrt den doppelten Betrag, also 100.- Pfund. Ich bat ihn, wieder anzuhalten, da ich nicht bereit sei, das zu bezahlen. Dann lachte er, sagte, wenn ich kein Geld hätte, wär das auch kein Problem, dann würde es eben nur 50.- Pfund kosten. Also blieb ich sitzen. Dann fragte er – wie üblich – wo ich herkäme. „Germany“, sagte ich. „Dann es kostet 200 Pfund“ sagte er eiskalt und fing erst an zu lachen, als er sah, dass ich in diesem Punkt nun überhaupt keinen Spaß mehr verstehen würde. „Wie ist Dein Name?“ frage er mich weiter aus. Ich sagte ihm, ich hätte keine Lust, mit ihm zu sprechen. Er möge bitte einfach nur fahren. Vor dem Hotel gab ich ihm wortlos die 50.- Pfund. „Alles wieder gut?“ fragte er abschließend. „Ja“, knurrte ich und schälte mich aus dem Hyundai. Ich hätte darauf bestehen sollen, dass er das Taxameter einschaltet. Dann würde er für die Fahrt wenigstens Steuern zahlen. Aber wie man so hört, drücken sich wohl alle Taxifahrer darum. Sabine sagte mir später, dass etwa sieben Pfund auf dem Taxameter hätten stehen müssen.

Als ich da so in der Sonne saß und die Passanten anschaute, fielen mir ein paar Dinge auf:

  1. Der gut aussehende Ägypter nimmt sich gerne europäische Touristinnen zur Freundin. Und zwar genau die, die aus nahe liegenden Gründen zu Hause keine Freunde bekommen. Scheint ein lukrativer Job zu sein.
  2. Wenn Ägypter hingegen gut aussehende Europäerinnen als echte Freundin haben, rauchen sie gerne Wasserpfeife, während die Freundin in Büchern liest oder in Facebook rumtrödelt. Gesprochen wird dann kaum noch. Erst beim Bezahlen „leiht“ sich der ägyptische Lover dann gerne mal Geld vom Mädel.
  3. Touristen sollten bei allem, was sie laut sagen, immer daran denken, dass jemand in der Nähe sitzen könnte, der deren Sprache versteht. So auch an diesem Nachmittag, als drei Berliner sich schräg hinter mich setzten und über durchaus kriminelle Dinge im zwischenmenschlichen Bereich diskutierten. Als ich bezahlt hatte, habe ich mich noch mit einem freundlichen „Schönen Tag noch“ verabschiedet, was den Dreien augenblicklich sämtliche Farbe aus dem Gesicht getrieben hat. Hoffentlich finden sie nicht raus, wo mein Hotel wohnt…

Der richtige Wein hatte mich ein wenig beschwipst und mir gute Laune gemacht. Das nach wie vor lauwarme Abendessen passte bestens zum lauwarmen Wein. Zufällig traf ich auch „Sabine“ wieder, die – jetzt kann ich es ja verraten – wegen ihrer früheren Mitarbeit in diesem Hotel nicht wiedererkannt werden möchte. Sabine hat aus ihren langen ägyptischen Jahren viele Freunde in Hurghada. Und wenn sie zufällig hier zu Besuch ist, belegen natürlich alle diese Freunde möglichst viel ihrer freien Zeit. Nach dem Essen hatte sie noch Lust, sich die Nightshow im Haupthotel anzuschauen, bevor sie ein Date in der Innenstadt erwartete. Deshalb gingen wir die paar Meter rüber in die Rezeption des Haupthotels. Und jetzt wurde ich auch endlich aufgeklärt, was das mit diesen beiden Hotels zu bedeuten hatte. Vor ein paar Jahren kaufte Thomas Cook den Laden, der ziemlich am Ende war. Man teilte das Hotel in zwei Bereiche. Das Haupthotel „Festival“ sollte zukünftig nur den boomenden Russen dienen und das neuerbaute „SmartLine Colour Beach Hotel“ den Europäern zu Diensten sein. Die Russen hatten streng in ihrem Ghetto zu bleiben, während die Europäer durchaus auch nach Russland eindringen konnten. Na ja, das kennt man ja aus der Geschichte. Inzwischen hat sich das aber wieder geändert. Die Russen sind inzwischen auch in den europäischen Teil des Hotels eingezogen. Ähnlichkeiten zu aktuellen politischen Ereignissen sind rein zufällig. Es ist aber alles halb so schlimm. Im Gegensatz zu den Horrormeldungen z.B. aus Thailand benehmen sich die Gäste in „unserem“ Hotel durchaus anständig. Jedenfalls, bis ich im Bett bin. Geschichten vom Hörensagen will ich nicht kommentieren.

So, Sabine zog dann ab, und ich wanderte die dreißig Meter zurück in die Lobby-Bar. Der einzig freie Platz war bei einem jungen Paar , das Karten spielte. Beide waren Lehrer aus Marburg, wobei aber nur er derzeit einen Job hatte und sie schon seit drei Jahren – nach Ihrer Abschlussprüfung – auf einen solchen wartete. Schon komisch. Da bildet der Staat für teures Geld dringend benötigte Lehrer aus, und dann hat er keinen Job für sie. Mit den beiden habe ich mich noch sehr lange und intensiv unterhalten, bis ich dann auch endlich – nach unzähligen verdünnten Weinen – genug hatte vom Trubel der Nacht. Immerhin wartete morgen mein erster „offizieller“ Ausflug auf mich: Tiefseetauchen im U-Boot.

Der Ausflug begann um 11.10 Uhr. Pünktlich wurde ich vor dem Hotel mit einem Zubringerbus abgeholt. Ich war nicht allein. Mit mir fuhr auch ein etwa 40-Jähriger schlanker Mann aus meinem Hotel, der mir schon am gestrigen Abend aufgefallen war. Und zwar wegen seines nervigen Gebabbels. Er setzte sich ungefragt zu irgendwelchen allein sitzenden Damen und laberte deren Ohren blutig. Die meisten haben schon nach wenigen Minuten aufgegeben und sind einfach weggegangen. Nun saß er neben mir im Kleinbus und quasselte mich an. Er wollte einfach besonders geistreich und witzig sein und lag mit seiner Nummer leider völlig daneben. Er musste einfach alles kommentieren und seine Witzchen darüber machen. Nun bin ich ja schon selbst jemand, der eher eine Freundschaft aufgibt als einen Gag auszulassen, aber seine Scherze waren einfach zu blöde für mich. Er kam mir vor wie ein Schüler, der von seinen Mitschülern ständig gehänselt wird, weil er so dämlich ist. Dass er von Beruf Psychologe war, hat mich dann noch nicht einmal gewundert.

 
Wer hat, der hat.

Nachdem wir alle weiteren „Taucher“ aufgelesen hatten, landeten wir an der Ausgangsbasis der Expedition – ganz im Süden von Hurghada. An der Kasse erhielten wir rote Plastikmarken mit Platznummern, die mit den entsprechenden Sitzplätzen im U-Boot korrelierten. 44 Plätze hatte jedes Boot – und ich hatte die Nummer 44. Vor dem Transport zu den U-Booten mussten wir warten, bis die letzte Tauchergruppe wieder zurückgekommen war. Damit man sich in diesen etwa 30 Minuten nicht langweilte, konnte man sich die sehr schön modellierten Fische und andere Meerestiere anschauen, die in sehr vielen Schaukästen ausgestellt waren. Voller Stolz hatte die Betreiberfirma auch die TÜV-Zertifikate (TÜV NORD) aushängt, um den Tauchern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Dieses Gefühl wäre um einiges besser gewesen, wenn der TÜV nicht schon am 30.3.2013 abgelaufen gewesen wäre. Die ganze Zeit hing mir der Psychologe an der Seite und plapperte seinen Unfug. Natürlich wollte er irgendwann wissen, was ich denn so triebe. Ich sagte: „Ach wissen Sie, ich mache in Mädchenhandel und Drogenschmuggel. Da bleibt wenigstens was hängen.“ Dreißig Sekunden Stille. „Ja, ist ja auch ein Beruf.“ Sprach’s und ging mir aus dem Wege.

Bevor wir in die U-Boote steigen konnten, mussten wir mit einem Zubringerboot auf eine Plattform mitten im Meer gefahren werden. Die Feuerlöscher auf diesem Boot waren aus dem Jahr 1993. Dann hieß es wieder warten, bis eins der Boote freigeworden war und wir das U-Boot entern konnten. Ja, es war wirklich ein richtiges U-Boot. Man musste eine senkrechte Trittleiter ins Innere klettern, um an der Mission teilhaben zu können – was für einige Damen und ältere Herren (nicht für mich!) gar nicht so einfach war. Vor allem die Damen mit kurzen Röcken waren etwas aufgeschmissen.

Nun gut, irgendwann waren alle im U-Boot versammelt, und das Abenteuer konnte beginnen. Im Vorfeld war von 25 Metern Tauchtiefe die Rede, die Spannung wuchs. Mein Platz war direkt hinter der Kommandozentrale des Hightech-Ungetüms. Kapitän und Co-Captain in ihren schicken Uniformen mit diversen Streifchen machten es sich auf ihren Hockern bequem. Durchsagen auf Russisch und Englisch verkündeten den Tauchgang und dann ging es auch schon los.

Na ja, so richtig los ging es leider nicht. Die Wassertanks wurden nach und nach mit insgesamt 3600 Litern Wasser gefüllt. Das war ein bisserl mehr als das Gesamtgewicht der Passagiere. Entsprechend langsam – und vor allem – entsprechend wenig sank das U-Boot. Ich konnte die ganzen Daten ja direkt neben mir im Cockpit mitlesen. Der Bildschirm in der Mitte der Bedienungskonsole zeigte das Kamerabild vom Deck des U-Bootes. Und das blieb die ganze Seit über Wasser. Oder anders gesagt: Mehr als ein oder maximal zwei Meter sind wir nicht gesunken. Egal, wir waren unter Wasser, allein das zählte. Vor den einzelnen Sitzen gab es zweierweise große Fenster, die den Blick in die wilde Natur freigaben. Kinder jauchzten vor Freude, und mein Psychologe hatte bereits ein neues Opfer gefunden. Alles wartete auf die Fische. Aber da waren keine. Sollten wir im toten statt im Roten Meer gelandet sein?

Nun gut, es war Montag, und ich weiß nicht, nach welchen Arbeitstarifen Fische beschäftigt werden. Heute waren jedenfalls keine Fische zu sehen. Noch nicht. Denn die Betreiberfirma hatte sich doch tatsächlich ein todsicheres System ausgedacht, die faulen Biester doch noch vor die Luken zu locken: Man hatte einfach zwei echte, richtige Taucher beschäftigt, die plötzlich vor unseren überraschten Augen auftauchten und mit Brot um sich warfen. In Fischekreisen hatte es sich vermutlich inzwischen herumgesprochen, dass da irgend so eine dämliche U-Bootfirma mit altem Weißbrot klotzt, um den Fischen den eigenen Nahrungserwerb zu erleichtern. Ist ja klar, bevor man mühsam den Meeresboden nach Plankton abgrast, nimmt man doch lieber die Krumen dieser merkwürdigen, schwarz gekleideten Männer als Speisung. Und so hatten wir plötzlich unsere Fische vor Augen. Ein paar Zebrafische, etwa 10 cm groß und Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Silberfischen (nicht die Sorte aus meinem Bad, etwas größer waren sie schon).

Das Tempo des U-Bootes (soll ich es wirklich noch so nennen?) betrug etwa ein Meter pro Minute, was man nicht gerade als schnell bezeichnen kann. Und so wurde die Fahrt trotz der Fütterung nicht gerade ein Action-Spektakel. Als hätten die Jungs von „Seebird“ das nicht vorhergesehen, haben sie zwei weitere Trümpfe aus dem Ärmel geholt: Zum Einen sah man plötzlich eine steinerne Meerjungfrau auf dem Boden liegen, die von den Fischen zwar gänzlich ignoriert wurde, aber immerhin für eine Abwechslung des Testbilds sorgte, und zum Zweiten tauchte plötzlich ein gesunkenes Schiff auf! Ja, ein mit Goldfässern beladener Kahn, der da zufällig am Meeresboden vor sich hindümpelte. Hui, haben die Kinder gejubelt! Jedenfalls die auf meiner Seite. Auf der anderen Seite war ja leider nichts zu sehen. Während ich noch darüber nachgrübelte, warum man die Schätze der Tiefsee nur der einen Hälfte des U-Bootes vorzeigte, hatte dieses bereits heimlich gedreht und kam auf dem Rückweg wieder an dieser Schabracke vorbei, diesmal nur für die andere Seite sichtbar. Auch die Seejungfrau tauchte wieder auf, und das Schiffchen dann irgendwann – nach viel zu langer Zeit – endlich auch.

Was für ein Fake! Das U-Boot war zwar ein solches, weil wir wirklich unter Wasser waren, aber die Tauchtiefe war ja nun einfach lächerlich. Die Strecke war nicht frei gewählt, sondern ein etwa 100 Meter langer Schleichweg unter Wasser, der Disneypark-mäßig mit ein paar winzigen Effekten ausgestattet wurde. Leid taten mir die armen Taucher, die mit Brot um sich schmeißen mussten, um wenigstens ein paar einfachste Fischchen anzulocken und die beiden U-Boot-Fahrer, die ja wohl den dämlichsten Job aller Zeiten haben. Ich war heilfroh, nach weit über einer Stunde endlich wieder ins Freie klettern zu können.

Im Bus saß ich dann leider wieder neben diesem Psychologen, der schon auf dem Rückweg wieder Kontakt zu mir gesucht hatte. Irgendwie schämen die sich ja für nix . Um ihm zumindest für heute zu entgehen, bat ich den Busfahrer, kurz anzuhalten. Ich hätte noch was zu erledigen. Mit einem gewissen Lächeln verabschiedete ich mich von der Nervensäge und beschloss, mir einfach mal die Beine zu vertreten. Verlaufen konnte ich mich nicht, solange ich einfach die Küste entlang lief.

Da es im U-Boot natürlich nichts zu essen gab (die Fische waren ja draußen – haha!), bin ich so gegen drei in eins der vielen Luxushotels gegangen und habe mir eine Portion Reis mit Schrimps und Hühnchen bestellt. Es war so lecker wie selten. Außerdem gab es WiFi frei, sodass ich endlich mal wieder ein wenig arbeiten konnte. Zehn Mails und drei Telefongespräche später lief ich dann weiter Richtung Heimat. Und zehn Minuten und drei Gewissensbisse später stieg ich dann ins Taxi zum Hotel.

Abends schlechtes Essen und erschreckende Erkenntnisse. Die nette Familie mit der philipinischen Mutter, ihrer zehnjährigen Tochter und dem sympathischen Ehemann haben sich als ziemliche Horsts geoutet. Prototypen des typischen RTL-Zuschauers. Fans von Serien wie „Die Auswanderer“, „Zwegat“ und dergleichen. Menschen, die aus Prinzip keine öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sehen. Und natürlich gegen die Rundfunkgebühren geklagt und verloren haben.

Bin dann irritiert und frustriert früh zu Bette. Hab´ noch ein wenig Privat-TV geschaut (Comedy Central) und bin um zwei Uhr mit starken Bauchschmerzen wieder aufgewacht. Waren die Shrimps vielleicht schlecht? Würde ich den morgigen Tag überstehen? Die Stadtrundfahrt sollte schon um zehn Uhr starten…

Zusammen mit einem jungen polnischen Ehepaar samt dreijähriger Tochter wartete ich am nächsten Morgen auf den Zubringerbus, der pünktlich um zehn vor der Tür stand. Die beiden Polen sprachen auch perfekt deutsch, so dass ich mich ein bisschen unterhalten konnte. Irgendwann wurden wir dann in einen großen Bus umgeladen. Unser Reiseleiter kam aus Kairo, wohnte aber schon 15 Jahre in Hurghada, wie er mehrmals versicherte. Sein Thema war weniger die Geschichte Ägyptens oder wenigstens Hurghadas, sondern sein Lamento über das Ungleichgewicht zwischen arm und reich. Bzw. seine Beschwerden, dass es bei ihm zum reich werden noch nicht gekommen ist. Wir fuhren zunächst an der Rückseite der neuen MARINA vorbei, von der ich ja schon geschrieben hatte. Hier war die ursprüngliche Mitte der Stadt – und durch den Bau der Marina sind die Grundstücke und Häuser in der Nähe extrem teuer geworden. Viele arme Schlucker waren durch den Verkauf ihrer Trümmerhaufen plötzlich Millionäre geworden(beim Umrechnen bitte den Kurs beachten!). Das gefiel ihm gar nicht. Familien sollten ihre Häuser nicht verkaufen dürfen. Sie sollten von Generation zu Generation vererbt werden.

Der Bus hielt an der Marina und wir wanderten ein paarhundert Meter zum größten Glasbottomboot der Welt. Genauer gesagt war es gar kein Glasbottomboot, sondern ein weiteres gefaktes U-Boot. Im Rumpf des Schiffes waren große Luken angebracht, durch die man ins Wasser schauen konnte. Auch hier waren zunächst keine fischigen Darsteller zu sehen. Erst als von Deck aus das obligatorische Weißbrot in die Fluten geworfen wurde, sausten die Silberfische vom Vortag wieder an und fraßen sich den Wanst rund. Heute waren es deutlich mehr als am Tag zuvor – und es gab auch vereinzelt Exemplare anderer Fischsorten. Was mich aber am meisten schockiert hat: Die Fische pinkeln ins Meer! Ja ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen! Ein etwa 30cm großer, bunter Fisch stieß plötzlich eine wahre Fontäne nach hinten aus, die nicht der Fortbewegung diente. Und schon habe ich einen weiteren Grund, nicht mehr ins Meer zu gehen…

Interessant war auch, dass diese ganzen kleinen Schwärme auf irgendein Kommando zu hören scheinen, dass bisher noch keiner entschlüsselt hat. Ohne sichtbaren Grund wechselt so ein Schwarm innerhalb von Millisekunden geschlossen die Richtung. Wer gibt den Befehl? Können Fische sprechen? Wer ist der Chef? Rätsel über Rätsel, die ich auch nach 30 Minuten noch nicht lösen konnte. Deshalb bin ich lieber wieder an Deck geklettert, um meine Birne in die Sonne zu halten.

Eineinhalb Stunden später saßen wir wieder im Bus, um genau 200 Meter zur Moschee gefahren zu werden. Als unser Reiseleiter dort jedoch verkündete, dass Männer in jedem Aufzug willkommen seien und sogar die Schuhe anbehalten dürften, Frauen sich hingegen mit einem speziellen Umhang und hinter einem Schleier zu verstecken hätten, habe ich den Besuch der Moschee verweigert. Eine Religion, die so dämliche Ansichten über Frauen in Ordnung findet, verdient nicht, dass ich mir ihre Veranstaltungsräume anschaue. Ich ging also ein bisschen durch die ursprüngliche Altstadt des Ortes, die wohl in alten Zeiten aus gerade mal 3000 Einwohnern bestanden haben soll. Leider auch hier wieder Verfall, wohin man nur sah. Der Dreck auf den Straßen, der Müll, der ganze Schutt – es ist mir ein Rätsel, wie sich ein Mensch hier freiwillig aufhalten kann. Also zurück zur Moschee. Da es ziemlich lange gedauert hatte, bis unsere rund 15 Damen blickdicht verpackt waren, kam die Truppe auch entsprechend später aus der Moschee zurück. Während meiner Wartezeit wurde ich mehrmals von Taxifahrern aufgefordert, in die Moschee zu gehen statt hier rumzusitzen. Ich blieb natürlich standhaft.

Weiter ging es nun zur nächsten Kirche. Der Ausgewogenheit wegen eine christlich-orthodoxe Kirche. Also eines dieser Gotteshäuser, die in Ägypten seit 2-3- Jahren gerne in Brand gesteckt oder mitsamt Attentäter in die Luft gesprengt werden. Damit das nicht mehr so häufig vorkommt, hatte das Militär einen Panzer und ein paar schwerstbewaffnete Soldaten vor der Kirche postiert. Auch hier zog ich den Nichtbesuch vor, obwohl sich hier niemand verschleiern musste. Beide Glaubensformen zeigten im direkten Vergleich, welches Unglück diese blöden Religionen auf der Welt verursachen. Manchmal komme ich mir vor wie ein Besucher aus der Zukunft, der über soviel Dummheit nur noch den Kopf schütteln kann. So abwegig ist der Vergleich gar nicht, wenn man sich z.B. das Frauenbild in Ägypten mal etwas genauer betrachtet.

 
Moschee aus Prinzip nur von außen

Nun waren schon viereinhalb Stunden vergangen und ich bekam langsam Hunger. Aber erst mussten wir uns noch durch die Basare der Altstadt schleppen. Ich hatte das Vergnügen ja bereits vor ein paar Tagen und wusste, was uns da erwartete. Und genau so war es auch wieder. Dämliche Anmachsprüche, Beleidigungen bei Nichtinteresse, völlig überteuerter und verdreckter Plastikscheiß. Ein junges Pärchen aus Stuttgart erzählte mir, dass sie auch schon alleine in diesem Viertel waren und allen Ernstes sogar harte Drogen angeboten bekommen haben. Nach 45 Minuten wollten wir weiterfahren, aber ausgerechnet der einzige Araber unserer Truppe tauchte nicht mehr auf. Er und sein kleiner Sohn hatten sich anscheinend verlaufen. Unser Tourleiter nutzte die Gelegenheit, uns Touristen sogenannte Kartouchen anzupreisen. Das sind so kleine rechteckige Silberplättchen, in die der eigene Name aus arabischen Schriftzeichen geprägt wird. Auf der Rückseite kann man noch sein Sternkreiszeichen oder einen Skarabäus eingravieren lassen. Das alles pauschal für nur 10.- Euro in Silber oder 15.- Euro bei goldener Schrift. Egal wie lange der Name ist. Nachprüfen kann man die Schreibweise, weil man eine entsprechende Buchstabierungstabelle ausgehändigt bekommt. Etwa zehn Touristen wollten so ein Ding haben, dass noch am selben Tag ausgehändigt werden sollte. Irgendwann hatte der Busfahrer unseren verschollenen Araber wiedergefunden und es ging mit 15 Minuten Verspätung weiter.

Auf dem Weg zum weit entlegenen Ort des Mittagessens erzählte uns der Tourleiter, wie nett doch der Herr Mubarak gewesen sei. Immerhin habe er Autobahnen (!) und 16 Trabantenvorstädte gebaut, deren Tausende Wohnungen damals nur 10.000 Euro pro Stück gekostet hätten. Leider habe er sich damals nicht getraut, da mitzumachen, so dass er jetzt wieder keine Chance habe, durch den Verkauf der nun nicht mehr mitten in der Wüste liegenden Wohnung zum Millionär geworden zu sein. Er hatte die Chance und das Geld, beschwert sich aber jetzt, dass Andere die Weitsicht hatten, sich da einzukaufen. Mir kamen die Tränen.

Um 16.00 Uhr gab es dann endlich Mittagessen – irgendwo ganz weit draußen in der Nähe des Flughafens. Das Essen war zwar wie üblich ungewürzt, aber deutlich besser als im Hotel. Leider auch nur lauwarm. Das Cafe/Restaurant war Teil eines riesigen Einkaufszentrums, in dem wohl keine angesagte Marke gefehlt haben dürfte. Die Besichtigung dieses Super-Mall gehörte leider nicht zur Tour – ich konnte nur einmal schnell durchlaufen, dann fuhren wir weiter.

Als nächstes kam die einzige Besonderheit dieses Ausflugs: Der Besuch eines Sandmuseums. Der geneigte Leser wird mit Recht fragen: „Was ist das denn?“ Hier wurden in Handarbeit wunderbare Skulpturen aus Sand hergestellt, die offenbar dem ganzen Wind und auch so manchem Regentropfen trotzten (in Hurghada hat es in den letzten 15 Jahren angeblich nur sechsmal ergiebig geregnet!). Das Gelände ist in zwei Bereiche unterteilt. In dem einen sieht man die ganzen „klassischen“ Skulpturen wie z.B. die Sphinx oder Cleopatra und in dem anderen die moderne Popkultur von Donald Duck bis Johnny Depp als Captain Sparrow. Die Charaktere sind allerfeinst in zwei unterschiedlichen Sandfarben modelliert und waren für mich die größte Überraschung des noch jungen Jahres. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Drei Mitarbeiter kletterten auf manchen der Skulpturen rum und besserten die Stellen aus, die das Wetter zerstört hatte. Eine nicht enden wollende Arbeit, die sich aber lohnte.

 
Die Sphinx (hinten) ist aus Sand!

Das wäre ein glänzender Abschluss dieser Tour gewesen, aber wir sollten noch lange nicht am Ende sein. Schon vor dem Besuch des Basars warnte uns der Reiseführer, dort beispielsweise keine Gewürze zu kaufen, da sie infolge der Drecks und der Abgase schlechthin ungenießbar wären. Lieber sollten wir warten, bis wir solche feinen Dinge später im „Kaufhaus“ kaufen könnten. Dort wäre es in der Regel auch nicht teurer als auf dem Basar – und die Preise wären dort fix, so dass man sich das ungewohnte Handeln ersparen könne. Also auf ins Kaufhaus! Ich hatte bereits am Vortag in einem dieser Riesenkaufhäuser zwei Kaffeepötte erstanden – das Stück für 25 Pfund, also etwa 2,75 Euro. Das heißt, ich hatte einen Vergleichspreis. Natürlich war „unser“ Kaufhaus nichts anderes als eine weitere Touristenfalle, die von allen Bussen tagaus, tagein angefahren wurde. Es gab dieselben Dinge wie in dem wirklichen Kaufhaus, in dem ich am Tag davor war, aber die Preise lagen doch arg daneben. Die absolut identischen Kaffeepötte kosteten hier 52 Pfund pro Stück, also rund 5,75 Euro! Und da gab es auch keinen Verhandlungsspielraum. Wütend ging ich zurück in den Bus und wartete auf die Beendigung der Kaffeefahrt. Diesmal war unser Reiseleiter selbst zu spät wieder an Bord. Statt die Quälerei endlich zu einem Ende zu bringen, sollten wir als nächstes noch eine Papyrus-Demonstration anschauen. Da ich auch diese Vorführung schon etliche Male ansehen musste und völlig klar war, dass es auch hier nur darum ging, dem doofen Touristen weitere Euros aus der Nase zu ziehen, habe ich die Tour von meiner Seite aus abgebrochen. Es war inzwischen halb sieben – vor 20.00 Uhr wäre ich mit Sicherheit nicht nach Hause gekommen. Das junge polnische Ehepaar sagte mir später, dass es sogar halb neun wurde, weil der Anschlussbus nicht erschienen war…

Ich sollte dann noch ein Bewertungsformular ausfüllen. Das habe ich verweigert, weil das ohnehin nur sehr schlecht ausgefallen wäre. Der Tourleiter gab genervt auf und sagte dem herbeigerufenen Taxifahrer, wo er mich hinbringen sollte. 20 Pfund sollte die Fahrt kosten. Tatsächlich war es die längste Taxifahrt überhaupt, die ich in dieser Stadt erlebt habe. Daher habe ich ihm 50.- Pfund gegeben (Kleineres Geld hatte ich sowieso nicht…).

Zum Abendessen setzte sich Sabine wieder zu mir an den Tisch und erzählte mir Einiges von dem, was ich in den vorherigen Seiten schon verbraten hatte. Sie war in der Nacht davor (genau wie mein Lehrerehepaar) in der Disco versackt und noch nicht wieder ganz auf dem Damm. Ständige Anrufe ihrer Freunde führten aber dann doch dazu, dass sie sich wieder ins Nachtleben stürzte. Ich sah mir mal wieder die „Große Tanzshow“ auf der Showbühne des Nachbarhotels an, konnte aber nichts auch nur im geringsten Herausragendes entdecken – und das, obwohl doch heute Russische Weihnachten war! Dies konnte man eher am Zustand der Toiletten erkennen und an der Weigerung eines Barkeepers, gewissen Gestalten weitere Longdrinks auszuschenken. Ein letzter Blick in die Lobby-Bar zeigte mir, dass ich hier auch nichts mehr zu suchen hatte. Die Alternative war viel verlockender: Heia. Es wurde trotzdem noch zwei Uhr, bis ich endlich ins Bett kam. Irgendwann musste ja dieser Blog weiter geschrieben werden…

Und dann kam auch schon der letzte Urlaubstag (wenn man den Tag der Rückreise nicht mitrechnet). Ein Tag, an dem nicht mehr viel passierte. Das Wetter hatte nach zwei freundlichen Tagen wieder auf Winterbetrieb umgestellt. Es blies ein eiskalter Wind, der den Sand aus der Wüste auf alle Oberflächen pustete. Dennoch saßen viele Urlauber dick verpackt vor der Lobby, weil es zum Einen drinnen keine Plätze mehr gab und es sich außerdem um Raucher handelte, die ihrem Laster frönen mussten. Beim Mittagessen fragte mich der Chefkellner, ob ich ihm ein paar Euro in Ägyptische Pfunde wechseln könne. Ich konnte, war sogar froh, die ganzen Scheine loszuwerden, da ich keine Möglichkeit sah, das Geld hier in Hurghada noch irgendwie sinnvoll auszugeben. So wechselte am Abend ein Sack deutscher Euromünzen im Tausch gegen 50-Pfund-Scheine die Besitzer. Ich hatte den Jungs einen deutlich besseren Kurs gegeben als sie in der Bank bekommen hätten. So kann man auch mit kleinen Dingen andern Menschen Freude bringen. Ich hatte jetzt immer noch 600 Pfund in der Tasche, die ich irgendwie bis zum Abflug verbraten musste. Ich entschied mich für großzügige Trinkgelder, denn das gesamte Personal des Hotels war überaus freundlich, immer gut gelaunt, immer hilfsbereit mit einem Lächeln im Gesicht. Nach ein paar Tagen wussten die Kellner, was ich trinke und stellten Wein oder Kaffee unaufgefordert auf meinen Platz, während ich noch das Essen zusammenstellte. Leere Weingläser wurden bis auf Widerruf automatisch gefüllt, was angesichts der Vorverdünnung des Weins kein wirkliches Problem darstellte.

Während des gesamten Urlaubs musste ich zwar auf Hunderte von E-Mails antworten, war aber sonst von größeren SOS-Sprechaufträgen verschont. 5 kurze Beiträge für den MDR habe ich vertont und über das Internet nach Dresden geschickt. Das Uploaden dauerte manchmal mehr als eine Stunde – und das, obwohl ich extra nur mp3-Dateien produziert hatte. Dafür wird der Tag nach meiner Rückkehr ein harter Arbeitstag werden, denn aufgeschoben war ja nicht aufgehoben.

Nach dem Abendessen traf ich mich nochmal mit dem Marburger Lehrerpaar, die tagsüber durch halb Hurghada gelaufen sind, ohne aber die wirklich tollen Stellen entdeckt zu haben. Zusammen haben wir uns noch einmal die „große „Überraschungsshow“ im Haupthotel angeschaut, die völlig identisch mit der gestrigen Show war: 5 Hansels tanzten 5 Lieder, danach eine halbe Stunde Disco mit einer seltsamen Mischung: HELENE FISCHER und WOLFGANG PETRY in einer Russendisco in Afrika. Immerhin hatten wir einen Kellner, der die Getränke schneller brachte als wir sie trinken konnten. Und dazu führten wir weltbewegende Gespräche über Religion im Allgemeinen und den Islam im Besonderen. Ganz so, wie Blinde von der Farbe reden. Um elf war der Abend für uns zu Ende.

FAZIT:

Das war´s auch schon wieder. Eine zähe Woche mit eiskalten Winden und wenig schönen Momenten. Muss ich nicht mehr haben. Die Heimreise verdient keine besondere Erwähnung.

Djerba – im Luxus eingesperrt

2. Mai 2014

Französische Frauen sind einfach schöner. Das kann ich nun nach gutwilliger Klassifizierung einiger Hundert Exemplare aus den Ländern Deutschland und Frankreich bestätigen. Sie haben die besseren Figuren, die schöneren Gesichter und eine schönere Sprache. Die deutschen Frauen sind alt, dick und hässlich. Jedenfalls hier im Sentida Beach Hotel auf Djerba.

Dort sitze ich nämlich gerade am riesengroßen Pool und schreibe ein paar Zeilen über meinen Kurzurlaub. Der begann am zweiten Mai nachts um 2:15 Uhr. Mein wie immer zuverlässiges Ei-Dingsbums weckte mich mit seinem gnadenlosen Alarmton, der auch noch ein paar Nachbarn in der Straße aufgeweckt haben dürfte. Kleine Duschung, Anziehen und endlich rausfinden, von welchem Terminal der Flieger geht, waren die nächsten Schritte. Als nächstes zum Bank-Automaten am Houiller Platz in Friedrichsdorf („Der Ort, in dem das Telefon erfunden wurde“). Zum Glück fiel ich dem Sicherheitspersonal, das da nachts rumsteht, nicht auf. Die hätten bestimmt gerne gewusst, wer nachts um viertel vor drei am Geldautomaten rumfummelt.
Mit dem Auto dann zum Flughafen. Freie Strecke. Kaum 20 Minuten später war ich in der Tiefgarage. P1, Reihe 333, Platz 41. Die Parkgebühren entsprechen ungefähr den Kosten eines Taxis, daher ließ ich den Wagen die vier Tage stehen. Der Flieger hörte auf den Namen „Condor“, sollte sich um 4:45 Uhr in die Lüfte erheben und startete natürlich erst um fünf. Vorher hätte er auch gar nicht in die Luft gedurft. Schallschutz. Wenn ich dort wohnen müsste, dürften die Flieger erst um 9.00 Uhr starten. Aber dank weitsichtiger Planung meiner Eltern wohne ich ja zum Glück nicht in der Nähe des Flughafens.
Im Flieger das übliche Touristenpack. Schreiende Kleinstkinder, dicke und dickste Frauen und das übliche RTL2-Darstellerpack. Es gibt sie wirklich. Die müssen das nicht spielen, sie sind genauso, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, wenn man sich das mal spaßeshalber antut. Da ich schon seit fast zwei Jahren Privatfernsehen nur in absoluten Ausnahmefällen schaue (RTL allerdings NIE!), ist das natürlich am frühen Morgen ein ganz schöner Schock für mich. Ganze sechs Prekariatsdamen mit ihrem praktischen Kurzhaarschnitt (wer erlaubt so etwas eigentlich???) haben sich um mich rum gruppiert und schnattern in ihrem grauenhaften schwäbischen Genuschel um die Wette. Und obwohl ich noch so müde bin, schaffe ich es nicht, die Augen zuzukriegen.
Überpünktliche Landung nach nur 2 ½ Stunden Flugzeit. In Djerba ist es noch früh am Morgen (Ortszeit halb acht) und schon so warm, dass ich meine Lederjacke als belastend empfinde. Da nur drei Kontrollen besetzt sind, dauern die Einreiseformalitäten ziemlich lange. Klimaanlage negativ. Dabei sind es doch schon 19 Grad. Anschließend werden die Reisenden den verschiedenen Zubringerbussen zugeteilt, die uns zum Hotel bringen sollen. Unser uralter Mercedes-Bus steht wenige Meter vom Eingang entfernt. Die etwa 40-minütige Fahrt bis zu unserem Hotel habe ich größtenteils verpennt. Zu sehen gab es ohnehin – nach ein paar Kilometern Entfernung vom Flughafen – nur eine Hotelanlage neben der nächsten. Und Kreisel, viele Kreisel. Die Kreiselmafia ist also schon bis Tunesien durchgedrungen. Erwähnenswert wäre vielleicht noch, dass sich unser Reiseleiter geradezu überschwänglich bei uns dafür bedankt hat, Tunesien „nach der Revolution“ wieder zu besuchen. Nach der Bombe 2002 in einer Diskothek und den Unruhen vor drei Jahren war wohl der gesamte Tourismus zusammengebrochen. Nun kommen sie wieder alle. Vorneweg die Franzosen, die ja nur quasi um die Ecke wohnen und dann natürlich die Deutschen mit Ihren RTL2-Darstellern. Ein paar hübsche Schwedinnen oder Norwegerinnen haben auch hierher gefunden. Meist Familien aus dem Bilderbuch.
Die Hotelanlage Sentido Beach liegt, wie der Name vermuten lässt, am Strand. Da Djerba bekanntlich eine Insel ist, gibt’s davon rings herum mehr als genug. Die Anlage ist riesig groß und sehr schön angelegt. Bei der Buchung im Internet hatte mich besonders beeindruckt, dass sagenhafte 87% der Besucher das Hotel weiterempfehlen und gerne wiederkommen würden. Und der Preis hatte mich natürlich erst recht beeindruckt. 4 ganze Tage (also drei Übernachtungen) für unglaubliche 360.- Euro. Nicht einmal irgendwelche Flughafen- oder Scheckkartengebühren kamen obendrauf. Das Reisebüro „Bucher-Reisen“ hat für Flug, Unterkunft, Transfer und „All-Inklusive“-Verpflegung gerade mal 360.- Euro aufgerufen. Davon kann ich ja zuhause kaum leben. Na, mal sehen, was für ein minderwertiger Fraß mich da erwarten würde…
Vorneweg: Das Essen war geradezu phantastisch. Wenn ich hier länger als vier Wochen bleiben würde, müsste ich im Flugzeug auch einen Zusatzsitz buchen wie die eine fette Otter auf dem Hinflug. Egal, was man möchte: Die deutsch und französisch sprechenden Kellner lesen einem jeden Wunsch von den Augen ab. Sie bringen die Getränke an jede beliebige Stelle auf dem Gelände, räumen auch brav alles weg und sind so was von freundlich, dass man kaum glauben mag, dass es hier jede Menge tödlichen Aufstand gegeben hat.
Direkt nach dem Einchecken im Hotel erfahren wir allerdings, dass die Zimmer erst um 12.00 Uhr frei sein werden und wir daher noch ein bisschen frühstücken und es uns dann irgendwo auf dem Riesengelände gemütlich machen sollen. Darauf hatte ich mich im Geiste schon eingestellt und suchte mir – nach dem umfänglichen Frühstücksbuffet – eine Platz am Rand des riesigen Hotelpools aus. Gegen den Durst bestellte ich Sprudelwasser – und bekam gleich eine ganze, neue Flasche in die Hand gedrückt.
So langsam kamen die Touristen aus ihren Löchern. Schnell füllte sich die Poolanlage mit schönen, wohlgeformten Menschen aus allen Ländern (außer Deutschland). Die Franzosen machten wirklich den besten Eindruck auf mich. Nicht nur die Frauen, auch die französischen Männer sehen in der Regel durchaus noch formidable aus. Übrigens sind nicht nur die deutschen Frauen hässlich, sondern auch viele deutsche Männer, wie ich mich nach einem Blick in den Spiegel feststellen musste. Aber ich bin ja schon uralt, da muss man ein bisschen Rücksicht nehmen. Obwohl – bei den Franzosen scheint man auch in höherem Alter noch mehr Wert aufs Äußere zu legen als bei unseren exportierten Geisterbahngestalten, von denen bisher noch keine hochdeutsch gesprochen hat.
Etwa alle zwanzig Minuten kam irgendein Mitarbeiter des Animationsteams bei mir vorbei, begrüßte mich standesgemäß mit „Hallo Chef“ und wollte Sport mit mir treiben. Sehr witzig. Ich war doch zum Vergnügen hier. Spaßeshalber ließ ich mich zum Dartwerfen überreden. Hier konnte ich meinen vier blutjungen Mitstreiterinnen endlich mal zeigen, was ich so drauf hatte. Jahrelanges Training in diversen Kneipen meiner Jugend musste sich ja irgendwann mal auszahlen. Tat es nicht. Ich wurde Letzter. Wahrscheinlich herrscht hier in Afrika eine andere Schwerkraft.
Irgendwann im Laufe des Morgens habe ich mal versucht, ins Internet zu kommen. Sicher würde es eine Odyssee, die richtigen Zugangsdaten zu erhalten. Aber auch hier: Netzwerk anklicken und Du warst drin. Kein Passwort, keine Codes, kein umständliches Brimborium. Auf dem ganzen Gelände gab es kostenloses WLAN in durchaus akzeptabler Geschwindigkeit und hoher Feldstärke.
So konnte ich beim Warten auf mein Zimmer auch noch ein bisschen Büroarbeit erledigen. Gut, heute am Freitag, den 2. Mai, arbeitete nach dem gestrigen „Tag der Arbeit“ so gut wie keiner. Die paar Mails aus dem Ausland waren schnell beantwortet. Spaßeshalber prüfte ich, ob ich mit dem iPad auf meine Videothek bei „BONG-TV“ zugreifen konnte, auf der ich noch ca. 20 Spielfilme in HD-Qualität aus dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen mitgeschnitten hatte. Üblicherweise sind Abrufe aus dem Ausland gesperrt – aber nicht hier: In meinem Zimmer ließen sich die Videos sogar in HD ruckelfrei aufs iPad streamen.

Und da sind wir auch schon beim Zimmer. Es lag ein bisschen abseits des Poolzentrums, was durchaus angenehm war. Das Zimmer war groß, sehr praktisch und ordentlich möbliert, hatte einen Safe (für den ich allerdings 4 Euro extra zahlen musste), eine kleine Terrasse, TV und einen Kühlschrank, der leider noch leer war. Das Doppelbett war breit genug, dass selbst zwei Personen völlig getrennt voneinander nächtigen hätten können, und die Handtücher waren sauber, groß und zahlreich.

Mein Zimmer – mit landestypischem Schwan.
Nachdem ich mich dann erst mal wieder auf Vordermann gebracht hatte, wurde es bereits Zeit für das Mittagessen. Das Restaurant ist so riesig, dass wohl einige Tausend Menschen gleichzeitig essen können, ohne dass Gedränge entsteht. Ich setzte mich in das Außenrestaurant direkt am Meer. Kamele – oder eher Dromedare – flanierten am Strand entlang und kutschierten Touristen durch die Gegend. Leider zog und pfiff hier doch der Wind so kalt, dass ich es nicht lange dort aushielt. Das Buffet war wieder überdimensional groß. Es gab wirklich alles, was man sich nur denken kann – und vieles mehr, von dem ich gar nicht weiß, was es war. Landestypische Kostbarkeiten halt, die ich mir dann doch lieber für später aufheben wollte. Getränke? Wein bis zum Abwinken. Ich habe mir – bescheiden, wie ich nun mal bin – nur einen Teller aufgeladen und anschließend noch ein paar der leckeren Törtchen probiert, die jetzt wohl bis ans Lebensende an meiner Hüfte kleben werden. Dazu gab´s Erdbeeren. Frische Erdbeeren, die so schmeckten, wie sie schmecken müssen, bevor sie tausende von Kilometer durch Europa gekarrt werden, um dann bei Rewe für 1,98 das Kilo zu verfaulen.
Nach dem Essen setzte ich mich noch ein bisschen zu einem (noch) älteren Franzosen an den Strand. Leider war unsere Kommunikation gleich Null, so dass ich bald mein Zimmer aufsuchte, um jetzt endlich mal den fehlenden Schlaf aufzuholen.
Um kurz vor siebzehn Uhr war ich wieder wach. Am Pool herrschte inzwischen gähnende Leere. Die letzten Sonnenstrahlen erwärmten ein paar Sitzgelegenheiten auf der Meerseite. Lange hielt ich es dort nicht aus, da der Wind nun doch so langsam die Wetterregie übernahm.
Gute Gelegenheit, mal die große Bar zu besuchen. Bars gab es viele, draußen am Strand, am Pool und selbst im Pool. Aber die Hauptbar war natürlich im Hauptgebäude selbst, dem Restaurant vorgelagert. Obwohl auch hier locker ein paar hundert Personen Platz haben, waren die Räume so großzügig aufgeteilt, dass niemals das Gefühl von Enge aufkam.
Die Getränkekarte hatte 16 Seiten. Es gab fast alles. Auch Longdrinks aller Art. Mixgetränke, Spirituosen, Liköre, Weine, Tees und Kaffees. 99% davon sind „inclusive“, kosten also nichts extra. Der Gin-Tonic, den ich mir genehmigt hatte, wurde mit LONDON DRY GIN gefertigt. Schmeckte auch nicht viel anders als der gute GORDON, den sie hier aber nur gegen Zahlung von erstaunlichen 7,50 Euro anbieten.
Ich schreibe hier ständig von EURO, aber da wir erstens in Afrika sind, wo der Euro nichts verloren hat, und Tunesien selbstverständlich eine eigene Währung hat, sollte ich das ab jetzt auch korrekt bezeichnen. Der tunesische DINAR ist etwa einen halben Euro wert. Man kann das Geld im Hotel wechseln, meist aber auch mit Euro bezahlen. Die Einführung des Euro findet hier quasi durch die Hintertür statt. Ähnlich ist es ja auch in der Türkei, wo man den Touristen-Euro mit Kusshand entgegen nimmt.
Zum Abendessen war laut Informationsblatt „korrekte Kleidung“ erwünscht. Während meine lieben Franzosen darunter verstehen, sich aufzumotzen, als gelte es einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen, haben unsere Damen und Herren aus der deutschen Provinz mal wieder die landestypischen Buntdrucke von KiK umgelegt, mit denen viele einer platzenden Wurstpelle gleichen. Ich ging also auch wieder zurück ins Zimmer, um mich für den Abend ein bisschen aufzuhübschen. Wirklich große Auswahl hatte ich dabei allerdings nicht…
Man traf sich zunächst zu einem Aperitif an der Bar, naschte zu seinem Longdrink ein paar Oliven, Popcorn und Erdnüsse und begab sich dann zum Buffet ins Restaurant. Und wenn man mittags noch glaubte, dass es gar nicht besser werden kann, musste man jetzt erstaunt zugeben, dass die Küche mittags gerade mal „geübt“ haben konnte. Die Kunst bei diesen Buffets besteht darin, trotzdem nicht mehr zu essen als es der Körper verlangt. Also nippt man von allen Köstlichkeiten nur ein Eckchen und wundert sich dann, dass nichts zusammenpasst. OK, mache ich morgen besser.

Nach dem Essen ging es wieder zurück in die Bar. Dort hatte bereits die Gästebespaßung begonnen. Die Animateure hatten sich inzwischen umgezogen und forderten vornehmlich die jungen Damen zum Tanz auf. Manche der Eintänzer hatten Pech und blieben an irgendeiner Tonne aus Deutschland kleben. Da aber die Tanzpartner nach jedem Tanz wieder an ihren Platz geführt wurden, war das nicht ganz so schlimm, solange die Matronen den Tänzern nicht auf die Füße traten. Die Musik kam von einem Ein-Mann-Orchester mit Keyboard. Der Mann beherrschte sein Instrument virtuos und konnte sogar singen. In der halben Stunde, die ich zuhörte, gab es nicht einen falschen Ton. Musikrichtung: Englischsprachige Hits aus allen Jahrzehnten. Kurz vor halb zehn hörte der Tastenvirtuose plötzlich auf, schloss sein Keyboard ab und trollte sich des Wegs.

Die Animateure riefen laut „Show-Time!“ und verschwanden. Und nicht nur die Animateure verschwanden. In kurzer Zeit war die Riesenbar nahezu menschenleer. Das gab mir zu denken, da auch weit und breit nichts von einer Show-Time zu sehen war. Also nahm ich mein Gin-Tonic-Glas in die Hand und suchte das Gelände ab. Und tatsächlich: Im vorderen Teil der Bar saßen wieder ein paar Touristen und man konnte irgendwo im Hintergrund Musik hören. Aber auch hier keine Show-Time. Also ging ich vorbei an einer Schischa-Bar, in der die Jugend irgendwelches Teufelszeug rauchte, weiter vorbei an geschlossenen Touriläden und landete endlich dort, wo die „Show-Time“ stattfand: In einem riesigen Theater (ca. 800 Quadratmeter) mit einer etwa 20 Meter breiten Bühne. Von den möglichen 400 Gästen waren höchstens 100 anwesend, aber auf der Bühne kämpften die besagten Animateure (7 Buben und ein Mädel) um die Gunst der Zuschauer, als wäre es das Finale von DSDS. Nun gut, sie sangen nicht, aber sie tanzten wie die Teufel. Vor allem das Mädel, Monique hieß sie, war einfach klasse. Und auch hübsch. Eine ausgefeilte Choreographie in Verbindung mit vielen Lichteffekten und Videoeinspielungen brachten die Musik der 30-40er Jahre aus Amerika auf die Bühne. Danach waren die Animateure fix und fertig und durften hoffentlich endlich ins Bett. Am nächsten Morgen ab neun Uhr standen sie wieder auf der Matte. Nun gut, wir Touristen müssen ja auch rund um die Uhr da sein – und zahlen sogar dafür.

Um halb elf war das Spektakel vorbei und ich war bettreif. Auf dem iPad habe ich dann noch die aktuelle „heute-Show“ mit Oliver Welke geschaut, dann fielen mir langsam die Augen zu.

3. Mai 2014

Am nächsten Morgen der Schock: Keine Sonne! Keine Wärme! Es hatte in der Nacht sogar geregnet! Das Thermometer zeigte lediglich 18 Grad an, die sich jedoch noch kühler anfühlten. Am Pool lag kein Mensch. Die Touris versteckten sich in allen möglichen Nischen, relativ dick angezogen und harrten des Wetters, dass laut Wetterbericht kommen müsste: Sonne, 23 Grad. Und jedes Mal, wenn sich die Wolkendecke für ein paar Minuten auftat, rannten die Sonnenanbeter ins Freie, rissen sich die Kleider vom Leib und hielten ihre Käsehaut der Sonne entgegen, als brächten sie ein Opfer dar. Das war schon lustig anzuschauen. Ich saß in der angenehm temperierten Bar mit Blick auf den Pool und amüsierte mich köstlich. Aber auf Dauer ist das auch langweilig. Also schaute ich mich mal um, was die Mitreisenden so trieben. Viele saßen wie ich in der Bar und spielten Karten, lassen in ihren iPads oder vereinzelt sogar richtigen Büchern. Die Omis aus der deutschen Provinz lösten SoDuKo-Rätsel, und die Teenies rannten nervös durch die Gegend, aus Angst, irgendwas zu verpassen. Am Strand langweilten sich die Dromedare, und an der Strandbar wurden die ersten Biere gekippt. Bisher auch weit und breit kein fliegender Händler mit Rolex-Blendern oder „garantiert echten“ Prada-Handtaschen. Ich begann, mich zu langweilen. Und ausgerechnet jetzt weit und breit kein Animateur in Sicht. Ich sollte vielleicht mal eine Tour in Angriff nehmen.

Die Bundesregierung hat allerdings davor gewarnt, eigenständige Touren zu unternehmen, weil islamistische Terroristen immer noch mal ganz gerne einen Touri Hopps nehmen und meistbietend versteigern. Vor allem in der Wüste ist man ganz schön gefährdet. Da droht nicht nur Verdursten und verdorren, sondern auch noch die unfreiwillige Einkehr in irgendwelche Ausbildungscamps. Und wenn die dann noch rauskriegen, dass ich nicht einmal ans Jesulein glaube, ist mein Leben schon verwirkt, bevor ich meine Kreditkarten gezückt habe.
Ich blieb daher erst einmal im Hotel.

Da es am Pool immer noch recht kühl und windig war, holte ich mir meine Lederjacke aus dem Zimmer und setzte mich am Rand des Pools in einen der vielen Plastiksessel, die da rumstanden. Das war das Zeichen für die Sonne, jetzt mit dem Scheinen wieder anzufangen. Bis zum Mittagessen wechselte ich an die fünf Mal die Location, um immer die richtige Menge Sonne plus frischem Wind abzubekommen. Die Haut verbrennt man sich dabei zwar genauso wie bei Windstille, aber man merkt es nicht. Jedenfalls im Moment nicht.

Das Mittagsbuffet war so lecker wie immer. Ich hatte meine Lektion gelernt und mich auf einen Vorspeisen-Salat sowie ein Hauptgericht beschränkt. Die süßen Küchlein starrten mich zwar an, aber ich blieb tapfer. Sie hätten auch schlecht zu der halben Flasche Wein gepasst, die ich en passant leerte. Um wach zu bleiben, bestellte ich mir dann an der Strandbar noch einen doppelten Espresso.
Und dann lernte ich Joussuf kennen. Wir würden ihn Josef nennen, aber hier in Tunesien heißen sie Joussuf. Joussuf stellte sich als Hotelmitarbeiter vor und versuchte, mich nach allen Regeln der Kunst auszufragen. „Chef, woher kommst Du? Wie lange Du bleibe hier? Warst Du schon mal hier? Was biste von Beruf?“ Ich hatte keine Lust, ihm das alles zu beantworten und blieb sehr einsilbig. Dann machte er mir den Vorschlag, mich auf eine Tour am morgigen Sonntag mitzunehmen. „Iste große Fest von die Berberfrauen, musste sehen!“ Mhm. Dann käme ich ja mal aus meinem Ghetto raus und würde was von Land und Leuten sehen. Und da der Veranstalter wohl das Hotel war, müsste ich auch keine großen Ängste haben. Bevor ich überhaupt fragen konnte, was das kosten würde, drückte er mir einen Teilnahmeschein für eine Tour „morgen früh um neun“ in die Hand.
OK, der Sonntag schien gerettet zu sein. Aber was sollte ich mit dem Rest des Samstags machen? Am besten erst mal eine Mittagspause. Und schwupps, war es schon wieder 17.00 Uhr. Am Pool war noch die Hölle los, da heute offenbar neue Touristenladungen eingeflogen worden waren. Und die mussten sich natürlich sofort anbraten lassen. In der Bar an der Rezeption wurden bereits wieder die ersten Longdrinks ausgeteilt. Ich ließ mich nicht lange bitten und checkte bei der Gelegenheit meine Mails und Facebook-Nachrichten. Von Vielen, die den ersten Teil dieses Blogs bereits gelesen hatten, kamen nette Antworten, aber auch Fragen zu Djerba selbst.
Also gut, Ihr sollt nicht dumm sterben. Djerba ist eine zwar winzige, aber dennoch die größte Insel in Nordafrika. Sie gehört zu Tunesien und ist an den größten Stellen gerade mal 31 Kilometer lang und 31 Kilometer hoch. Wegen der vielen Buchten kommt die Insel dennoch auf nur 517 qkm. Im Süden war sie mal mit dem Festland verbunden. Da hatten vor ein paar hundert Jahren die Römer mal einen Mega-Bauauftrag. Bei irgendeinem Krieg Jahrhunderte später wurde die Brücke wieder zerstört. Aber das Trinkwasser der Insel (das man allerdings nicht trinken kann!) kommt immer noch durch eine Pipeline unterhalb dieser Brücke. Gerade mal 120.000 Einwohner hat die Insel, davon leben etwa 60.000 in der Hauptstadt, Houmet Souk. Ich war im zarten Alter von 19 Jahren – damals mit meiner Freundin Angela – schon mal auf Djerba. Damals waren wir im Club Mediteraneé, den es wohl nicht mehr gibt. Zumindest habe ich nirgendwo etwas darüber gelesen. Das „Sentido Djerba Beach“-Hotel hat vier Sterne, was etwa drei Sternen in Deutschland entspricht. Die wirklichen Luxuskisten haben bis zu sieben Sternen und sind nur wenige Minuten den Strand entlang von mir entfernt. Außer tunesisch spricht man hier vornehmlich französisch, aber auch deutsch und ein bisschen englisch.
Nachdem ich das alles bei Wikipedia nachgelesen hatte, war es schon wieder Zeit für´s Abendessen. Die neu hinzugekommenen Gäste waren deutlich spürbar. Wer nicht zu den Ersten zählte, musste ganz schön weit laufen, bis er einen Platz gefunden hatte.
Nach der Fütterung lief der Abend wieder wie gewohnt ab. Zunächst haben die Animateure sich wieder als Eintänzer betätigt. Der Alleinunterhalter schien sich heute alleine zu unterhalten. Stattdessen gab es einen DJ, der ein paar All-time-Classics und leider auch ein paar deutsche Schlager über die Bose-Boxen laufen ließ. Und während ich mich noch darüber innerlich aufregte, dass nur die männlichen Animateure weibliche Gäste zum Tanzen aufforderten, stand plötzlich eine wunderschöne blonde Frau im weißen Minikleid vor mir und forderte MICH zum Tanzen auf. Es war niemand anders als die Tänzerin der „Showtime“-Veranstaltung vom Vorabend, also Monique, die einzige Animateurin.
Natürlich sprang ich auf, nahm sie in die Arme und tanzte mit ihr den besten Foxtrott meines Lebens – ausgerechnet auf eine Nummer von Wolfgang Petry, in der immer alle „Hölle, Hölle, Hölle“ schreien. Es war die Maxi-Version und ich war schon fast so weit, Monique einen Heiratsantrag zu machen, als das Lied plötzlich fertig war und das Mädel sich einen anderen Deppen suchte.
Na ja, so hätte es werden können. Tatsächlich gab ich Hornochse ihr aber einen Korb, was sie mir wohl nie verzeihen wird. Bisher hatte sie immer ein freundliches Lächeln für mich parat wenn wir uns sahen, aber damit dürfte es jetzt wohl vorbei sein. Eine zweite Chance würde ich in diesem Urlaub sicher nicht bekommen…
Außerdem war jetzt wieder „Show-Time“ und Monique musste auf die Bühne. Wieder tanzte sie sich die Seele aus dem Leib, wieder war das Theater nur zu einem Viertel gefüllt und wieder war nach 45 Minuten Schluss. Die heutige Show war leider wesentlich schlechter als am Vorabend, weil außer den Tanzdarbietungen auch noch Sketche aufgeführt wurden, die so grauenhaft schlecht waren, dass man sie besser weglassen sollte.

Nach der Show setzte ich mich mal wieder auf einen der hundert leeren Sessel in der Bar. Bei einem Gin-Tonic-Nachttrunk las ich schnell noch eben 600 Seiten auf dem iPad fertig. Irgendsoeinen dummen Krimi mit angeblich echten Vampiren. So was tut man sich auch nur im Urlaub an. Dann endlich ins Bett und bis 7:00 Uhr durchgeschlafen.

Sonntag, der 4. Mai 2014
Beim Aufwachen fiel mir siedeheiß ein, dass ich gestern meine Lederjacke irgendwo am Pool hängen gelassen hatte.  In der Jacke waren nicht nur das Rückflugticket, sondern auch mein Pass, ohne den ich hier sicher nicht raus käme. Aber keine Sorge – die Jacke lag schon lange an der Rezeption und wurde mir gegen Unterschrift zurückgegeben. Nach dem Frühstück stand ich pünktlichst kurz vor neun erneut an der Rezeption, um mich der Reisegruppe von Joussuf anzuschließen. Merkwürdigerweise war ich der Einzige, der die Tour in diesem Hotel gebucht hatte. Um 5 nach 9 war er immer noch nicht da. Um 7 nach 9 verkündete ein anderer Angestellter, dass Joussuf in drei bis vier Minuten kommen würde. Der Bus hätte Verspätung gehabt. Nun gut, das kann passieren. Um viertel nach neun kam er dann endlich. Der Bus aus den 80er Jahren. Mit Joussuf und einem Fahrer drin. Wo denn die Reisegruppe sei, fragte ich ihn. „Die sind schon ganz früh gefahren. Bus war schon um halbe neun da!“ log er mich ganz ungeniert an. Dann fuhren wir die nördliche Küstenstraße nach Houmet Souk, der Hauptstadt von Djerba. Rechts reihte sich ein Luxus-Hotel neben das nächste, links Wüste und vereinzelte Häuschen mit ca. 9 qm Grundfläche. Mein „Reiseleiter“ zeigte mal auf eine vorgelagerte Insel, die „Flamingo-Insel“. „Fährte Bus jede Tag, musste sehen!“. Muss ich nicht. Nach zwanzig Minuten auf der Schnellstraße, die nur alle paar hundert Meter von einem Kreisel unterbrochen war, kamen wir in der Hauptstadt an. „Stadt“ ist schon eine ziemliche Übertreibung, da bietet ja selbst Friedrichsdorf mehr Bausubstanz. Wir parkten direkt an der Moschee, die schön weiß gestrichen war. Überhaupt ist hier in Djerba alles schön weiß gestrichen und der Dscherbianer (oder wie man die Leute hier nennt) verbringt seine ganze Freizeit damit, grau gewordene Stellen nachzuweißen, damit sie auch schön blenden. Im Gegensatz zu weißen Wänden hat man die Straßen gerne schmuddelig. Die Erfindung des Papierkorbs ist noch nicht auf Djerba angekommen, und so säumen Abfallberge vieler Generationen die wenigen Straßen. Kaum zu glauben, aber wahr.
Joussuf erklärte mir, dass wir hier im Zentrum der Stadt wären, der Altstadt, wie auch ohne seine Erklärung klar erkennbar war. Eine typische Touristen-Altstadt eben, mit hunderten von Läden, die nichts anderes als überflüssigen Krimskrams an den Mann bringen wollten. Schmuck ohne Ende, gefälschte Uhren, bunte Keramikaschenbecher, aus Stroh geflochtene Dromedare, Handyzubehör und vor allem TEPPICHE warteten auf den geneigten Besucher. Joussuf zerrte mich sogleich in einen riesigen Teppichladen, in dem die armen Frauen gebeugt am Webstuhl saßen, um den Touristen mal wieder zu zeigen, wie so ein Teppich hergestellt wird. Da ich das schon wusste, wollte ich so schnell wie möglich wieder da raus. „Wo ist der Rest der Gruppe?“ fragte ich Joussuf ein weiteres Mal. Er zuckte mit den Schultern und behauptete, dass die alle draußen rumlaufen würden. Das sollte ich dann bitteschön auch machen. Er war sichtbar sauer, dass ich auf seinen dämlichen Teppichtrick nicht reingefallen war. Um halb zwölf sollte der Bus zurück fahren. Ich lief also brav zweimal durch die gesamte Altstadt, ließ mich hunderte Male blöd anquatschen und erlebte sogar wieder den Hoteltrick: „Hey, erkennst Du mich nicht? Ich arbeite doch auch in dem Hotel, in dem Du wohnst!“ Ich erkannte niemanden und es wäre mir auch reichlich egal gewesen, hier jemandem aus dem Hotel zu treffen. Diese Jungs zerren einen doch nur in irgendeinen Ramschladen, in dem man dann aus lauter schlechtem Gewissen überflüssigen Schund kauft, den man spätestens im Hotel in den Papierkorb wirft. Nach dem zweiten Spießrutenlauf habe ich mich dann in ein Straßencafé gesetzt und einen frisch gepressten Orangensaft getrunken. Zur Bezahlung zückte ich einen 20 Euro-Schein, der mir sogar ordnungsgemäß gewechselt wurde. Damit hatte ich gar nicht gerechnet und gab daher ein großzügiges Trinkgeld. Joussuf war inzwischen aus meinem Blickfeld verschwunden und ich überlegte mir, was ich denn nun die kommenden eineinhalb Stunden in diesem Kaff anstellen könnte? Die Lösung war ganz einfach. Ich ging zu einem der vielen Taxistände, fragte nach dem Preis bis zum Hotel und stieg ein. 7 Dinar, also 3,50 Euro würde die Fahrt kosten, sagte man mir im Vorfeld. Und das stimmte auch fast. Ich gab dem Fahrer 10 Dinar. Vielleicht könnte er von der Differenz dem alten Renault, der schon 1 Million und 440 tausend Kilometer auf dem Buckel hatte, mal eine Inspektion gönnen.
Wieder im Hotel, sah ich Joussuf um Punkt halb zwölf (also dem Zeitpunkt, an dem er mich eigentlich abholen wollte) an seinem Platz im Hotel stehen. Ich hätte also auf jeden Fall ein Taxi zurück nehmen müssen. Seitdem reden wir auch nicht mehr miteinander. Und ich habe es ein weiteres Mal vermieden, mir einen Teppich aufschwätzen zu lassen. Gut gemacht.
Unsere Animateure hatten heute ihren freien Tag. Es blieb also ruhig am Pool. Auch heute füllte sich das Hotel ein wenig mehr, andere waren aber inzwischen auch schon abgeflogen. Das Publikum war inzwischen bunt durchmischt. Noch immer hauptsächlich Franzosen, aber auch zunehmend mehr Deutsche (aus der hintersten Provinz) belegten jeden, aber auch jeden Liegeplatz rund um den Pool. Es gab erstaunlicherweise keinen einzigen Asiaten im Hotel, keine Chinesen oder Japaner, die doch sonst das Stadtbild vieler Urlaubsmetropolen ausmachen. Auch sah man keine typischen Afrikaner oder überhaupt Menschen mit dunkler Hautfarbe. Ein paar Muslime mit ihren verschleierten Frauen boten die einzige optische Abwechslung. Wenn man sich die Palmen wegdenkt, könnte die Szene auch im Friedrichsdorfer Freibad spielen.
Ein paar besondere Typen gab es aber auch hier. Da war der leicht verrückte Späthippie mit seinem weißen Zopf, der ständig laut schimpfend durch die Gegend zog. Oder die alte Dame aus Deutschland, die hager, oder besser klapperdürr mit vollgespritztem Botox-Gesicht und aufgespritzten Lippen ihren tunesischen Lover durchfütterte – irgendwie erinnerte sie mich an die deutsche Schauspielerin Judith Winter, an der sich wohl auch einige Chirurgen vergeblich abgemüht hatten. Selbst einen Gerard Depardieu-Imitator konnte man bestaunen. Er war zwar etwas jünger als der echte Gerard und saß auch im Rollstuhl, wäre aber bei einer polizeilichen Gegenüberstellung hundertprozentig als das Original durchgegangen. Dann war da noch der AC/DC-Gitarrist mit seinen laufenden 1,45 m Höhe, den langen fettigen Haaren und dem runtergekommenen Gesicht, dem man „Sex, Drugs and Rock’N’Roll“ problemlos abnahm.. Lustig auch die Russin mit ihren XXXXL-Brüsten, die nackig am Pool weniger angsteinflößend waren als abends im Abendkleid, wo sie ständig rauszuspringen drohten. Ihr Mann war megastolz auf seine beiden Investitionen, aber die arme Tochter muss sich sehr gequält haben. Bis Papi ihr auch so etwas zum Geburtstag schenkt, muss sie erst mal aus dem Teenie-Alter raus.
Was ich nicht verstehe: Wie kann man den ganzen Tag nichtstuend am Pool verbringen? Immer nur sonnen, essen, sonnen, trinken, essen, trinken und wieder trinken. Dazwischen ab und zu pennen. Das ist doch eines Menschen nicht würdig! Oder nennt man das Urlaub? Viele ältere Ehepaare sitzen stundenlang zusammen an einem Tisch oder nebeneinander am Pool, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Ich sehe da immer die Loriot-Sketche vor mir, die mit dem Satz enden „Eines Tages bringe ich sie um!“. Anders ist es bei den vielen jungen Familien mit ihren Kindern. In Frankreich scheinen immer noch Ferien zu sein, sonst wären nicht so viele Schüler mitgereist.
Nach dem Mittagessen habe ich noch ein bisschen an diesem Blog geschrieben und mich dann – aus purer Langeweile – wieder auf´s Ohr gelegt. Um halb fünf habe ich dann den aktuellen „Spiegel“ aus dem Internet runter geladen und den Rest des Tages mit dem Lesen desselben verbracht. Um 21:44 Uhr war ich mit dem neuen „Spiegel“ durch, obwohl ich nahezu alle Artikel gelesen hatte! Da saß ich schon an der Bar und ließ mich von der Musik des Alleinunterhalters quälen, der diesmal ganz besonders widerliche Musik von sich gab. Da die Animateure frei hatten, gab es auch keine Eintänzer. Selbst Monique, die ich noch im Restaurant flüchtig grüßte (und die zurück lächelte!) sah ich später nicht mehr. Also, da gab es nur eins: Ab ins Bett und über die ARD-Mediathek den heutigen Tatort geschaut. War sehr gut diesmal. Um Mitternacht war dann der Tag nicht nur auf dem Kalender, sondern auch für mich vorbei.

Montag, 5.Mai 2014

Das war´s. Nach dem Frühstück habe ich hier noch die letzten Zeilen hinzugefügt und dann meinen Koffer gepackt. Um 12:00 Uhr musste ich das Zimmer freimachen und um 14:10 sollte der Flughafenbus kommen, um uns Touristen wieder zum Flughafen zu karren. Der kam auch, fuhr aber wieder weiter, ohne mich aufgesammelt zu haben Nun gut, nahm ich eben den nächsten Bus, den von Neckermann. Abflug war erst abends um 17:20 Uhr.

Fazit: So schön diese Anlage auch ist, so toll das Essen, so nett das Personal, so süß die Animateurin, für mich als Einzelperson ist es eher eine Haftstrafe, und ich bin froh, ohne größeren Lagerkoller wieder nach Hause entlassen zu werden. Ich wollte der Langeweile entkommen, die ich schon an Ostern zu Hause verspürt hatte, habe sie jedoch gegen eine noch größere Langeweile eingetauscht, da mir hier jegliche Kommunikation zu anderen Menschen erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wurde. So habe ich denn auch nur meine Rolle als Beobachter ausfüllen können. Ein Beobachter, der vielleicht manchmal etwas hart mit seinen Mitmenschen ins Gericht geht, obwohl er selbst ja wahrscheinlich auch alles andere als perfekt ist. Ein Beobachter, der sich jetzt wie ein kleines Kind auf seine Arbeit freut und so schnell wie möglich wieder nach Hause will. Zu zweit wäre es sicher ganz anders geworden, aber das hatte ja leider in letzter Sekunde nicht geklappt…

Nachtrag 1: Die Animateure waren nach ihrem freien Tag sehr gut gelaunt. Vor allem Monique. Sie sagte „Meine Liebe“ zu mir, nahm mich in den Arm und küsste mich. „Meine Süße, ich hoffe, Du bist nicht sauer, dass ich Dir beim Tanzen einen Korb gegeben habe?“ fragte ich sie. „Ach was, ist doch nicht schlimm!“ Noch ein Kuss auf die Wange und weg war sie.

Und das habe ich diesmal nicht geträumt. Es ist genau so passiert.
Soll ich verlängern?

Ich packte dann doch lieber meine Koffer…
Die Kosten der Reise?
360.- Euro für Flug, Essen, Transfer und Animation
5.- Euro für den Tresor samt Trinkgeld
20.- Euro für einen O-Saft und weitere Trinkgelder im Hotel
100.- Euro für die Tiefgarage.
Zusammen also 485.- Euro. Mein bisher billigster Urlaub überhaupt.Nachtrag 2: Als ich Stunden später wieder zuhause im Bett lag, wurde ich durch den Alarm meiner Gigaset Elements-Alarmanlage aufgeweckt. Jemand war offenbar in meinem Haus, nachts um zwanzig vor vier. Nachdem ich aber trotz angestrengten Lauschens nichts hören konnte, schob ich die Alarmmeldung auf eine Fehlfunktion des Sensors und schlief weiter.

Ich wäre wohl mal besser aufgestanden oder hätte zumindest die Polizei rufen sollen. Der oder die Diebe hatten ein Kellerfenster aufgebrochen und mir ein paar meiner Lieblingsspielzeuge geklaut. Das iPad mini, die Videokamera mit fast allen Bildern (und vor allem mit den Videos von Monique), drei weitere Videokameras, meine komplette Uhrensammlung (ca. 25 Stück), mein MacBook Air mit allen Texten, die ich in den vergangenen vier Jahren geschrieben habe, einen Beamer, Netzteile, SD-Karten und und und…
10.800.- Euro Schaden + das zu ersetzende Kellerfenster.

Vielleicht war es aber auch besser, dass ich nicht aufgestanden bin. In der Nachbarschaft hat es in derselben Nacht einen Hausbesitzer erwischt, der sich den Einbrechern in den Weg stellen wollte. Er lebt noch, ist aber ziemlich zerdetscht.

Lebbe geht weiter.

Die Thai-Therapie – Ein Experiment in Phuket

Die Thai-Therapie

Ich hatte böse Alpträume. Abstürzende Flugzeuge, Ertrinken im Meer, vergiftetes Essen. Und ich die ganze Zeit splitternackt. Panikträume.

So langsam beruhigte sich mein Blutdruck wieder. Ich hörte das gleichmäßige Surren einer Klimaanlage. Bestes Zeichen dafür, dass ich nicht zuhause sein konnte. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Der Raum war abgedunkelt. Nur vereinzelt traten Lichtstrahlen durch die nicht ganz zugezogenen Vorhänge. Einer dieser Lichtstrahlen hatte mich wohl geweckt. Ich hielt die Luft an. Wo war ich und was war das für ein Geräusch? Es kam ganz aus der Nähe und hörte sich wie das gleichmäßige Atmen eines Menschen an.Meine Benommenheit wich langsam zurück und die Erinnerung kam wieder. Ich war in Thailand. Genauer gesagt in Phuket. Und das junge Mädchen neben mir war…

Ja, ich weiß schon, was sie jetzt denken. Da hat sich der alte Bock doch tatsächlich so ein Leasing-Model in die Hütte bestellt, um seine Gelüste abzureagieren. Da muss ich Sie allerdings enttäuschen. Das Mädchen habe ich nämlich aus Deutschland mitgebracht. Und damit Sie verstehen, wie es dazu gekommen ist, muss ich ein wenig ausholen.

Sarah kenne ich schon seit gut zehn Jahren. Sie ist fester Bestandteil einer Clique in meinem Wohnort, die aus Musikern, Fotografen und anderen Künstlern besteht. Dazu gehören z.B. Sascha mit seiner Freundin Eva, die beide bei der recht bekannten Band „BEES“ mitspielen. Oder Björn, ehemals ein Freund von Sarah, der Theater spielt und im Chor singt. Dann noch Nici, die Schwester von Sascha, dessen Tochter Luci und viele mehr, die mir eben seit einem Jahrzehnt immer wieder über den Weg laufen. Sarah ist selbstständige Fotografin mit dem Schwerpunkt „Baby-Fotografie“. Deswegen sehe ich auf den Bildern, die sie von mir gemacht hat, auch noch so jung aus (kleiner Scherz). In diesem Jahr hat Sarah alle Schauspieler der Volksbühne Bad Homburg fotografiert und sogar in der Komödie „Ein seltsames Paar“ selbst auf der Bühne gestanden. Das hat sie so gut gemacht, dass wir das bei Gelegenheit wiederholen wollen.

Falls das hier jemand liest, der mich nicht kennt, kurz ein paar Eckdaten: Beruf: Sprecher. Hobbys: Theater, Musik, Computer. Familienstand: Geschieden, zwei Kinder, 29 und 33 Jahre alt.

 
Sarah und Rainer
Vor zwei Monaten saß ich mit zwei weiteren Freunden aus dieser Clique bei einem Glas Wein zusammen und überlegte, wo ich denn in diesem Jahr Urlaub machen könnte. Ich fahre nämlich gerne über den Jahreswechsel irgendwo ins Warme statt zum Skifahren in die Kälte. Rosy und Ludwig wollten (mal wieder) nach Phuket, an die „Nai Harn Beach“. Ich war da schon neun mal und habe es dort immer wunderbar gefunden. Nur alleine macht das leider wenig Spaß. Da meine letzte Beziehung nach vier Jahren ein heftiges Ende fand – mit ordnungsgemäßer Trennung per E-Mail – verbrachte ich meine karge Freizeit wieder allein. Viele Theater- und Kneipenbesuche helfen ja über die Einsamkeit hinweg, aber einen ganzen Urlaub alleine zu verbringen, hätte ich nicht durchgestanden. Also sagte Ludwig, ich sollte doch einfach mal die Sarah fragen, ob sie mit will. Immerhin wäre sie ja derzeit auch solo. Ich wies den Vorschlag entrüstet zurück, konnte aber die darauffolgenden Tage nicht aufhören, daran zu denken. Und als Sarah mich und andere nun zu Ihrem 29. Geburtstag einlud, malte ich geradezu manisch einen Reisegutschein für das Mädel – in der Gewissheit, dass sie nach einem ihrer typischen Lacher dankend ablehnen würde. Aber dem war nicht so, Sarah freute sich sehr. Auch ihre Mutter, die aus Berlin angereist war, hatte nichts dagegen, so dass wir ein paar Tage später anfingen, Pläne zu machen.
Ein Direktflug von Frankfurt nach Phuket war schnell gefunden. Ein Mietwagen auch. Als Apartment haben wir uns im „Baan Krating“ eingebucht, ehemals „Dschungle Beach Resort“ genannt. Eine sehr versteckte Bungalow-Anlage, weit hinter den Touristenherbergen versteckt.
Sarah und Rainer – ein Altersunterschied, der einem schon zu denken geben muss. Was Sarah mir an Jugend und Schönheit voraus hat, kann ich mit meiner Erfahrung und meinem Bauchspeck zwar locker ausgleichen, aber gleich mal am Anfang klipp und klar: Wir sind kein Paar und werden keins werden. Sarah ist meine Reisebegleiterin, sonst nix. So ´ne Art Testlauf, falls ich in ein paar Jahren mal mit einer Krankenschwester verreisen muss.
Auf dieser Reise war allerdings ich eher die Krankenschwester und Sarah der Patient. Sarah leidet leider unter plötzlich auftretenden Angstzuständen. Agoraphobie heißt die seltene Krankheit, die einem das Leben ganz schön vermiesen kann. Als freischaffende Fotografin kann sie ihren Arbeitsalltag frei gestalten, aber eine Reise rund 20.000 km durch die Welt ist da schon eine ganz andere Herausforderung. Ein paar Vorgespräche zeigten jedoch schnell, dass Sarah sich die Reise zutraute. Die Behandlung im Panikfall ist auch nicht sonderlich schwierig. Immer genug zu Essen und zu Trinken dabei haben ist schon die halbe Miete. Außerdem helfen Entspannungsübungen mit passender Musik aus dem iPad.

Ich habe dann beschlossen, das Risiko einzugehen. Immerhin habe ich sie im letzten Jahr schon erfolgreich dazu gebracht, vor Tausenden von Zuschauern in einem Theaterstück mitzuwirken. Für mein Verständnis sind dafür sehr viel mehr Hürden zu überwinden als für eine Reise ans andere Ende der Welt.

Was man halt so denkt.

Am 31.12.2013, an Sylvester, pünktlich um 14.40 Uhr hob die Boing 767 der CONDOR in Frankfurt am Main ab. Bis zu diesem Moment hatten wir schon einige Stepps bewältigt. Anfahrt zum Flughafen, Abgabe des Gepäcks, Sicherheitscheck und Passkontrolle. Da am letzten Tag des Jahres kaum jemand verreisen wollte (außer den 264 Passagieren in unserem Flieger), war der Flughafen vergleichsweise leergefegt, und wir kamen überall schnell und problemlos voran. Wie immer wurde mein technisches Equipment einer Sonderuntersuchung unterzogen, aber sonst lief alles glatt. Nicht einmal eine Handabtastung wurde uns gegönnt.

Und dann 10 Stunden und 47 Minuten Direktflug nach Phuket. Wir hatten irgend so ein Sonderpaket mit besserem Essen gebucht, aber das wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen. Der „normale“ Touristenfraß sah auch recht lecker aus. Das Bordprogramm war sehr umfangreich: Drei Spielfilme (von denen ich den einzig Guten schon kannte), zwei Mahlzeiten, Bordverkauf und schließlich ein Sammelaufruf für notleidende Kinder. Der herzzerreißende Videoclip hierzu wurde von meinem Kollegen Olaf Pessler gesprochen, der Sarah und mir noch wenige Stunden vorher einen guten Rutsch gewünscht hatte. Vor Olafs Stimme kann man halt nicht fliehen. (So ist der Lauf der Dinge – Olaf ersetzt inzwischen so manchen meiner früheren Dauerjobs…)

Zwischendurch kamen wir uns vor wie in einem aktuellen „Tatort“. Ein Mitreisender kam von der Toilette zurück und verwirrte alle Nähersitzenden mit einem grauenhaften Zigarettenqualm-Geruch. Der Typ hatte trotz strengem Verbots in der Toilette geraucht!!!

Etwa eine Minute später kam auch schon die öffentliche Bloßstellung über die Lautsprecheranlage. Man habe nicht genug Löschgeräte an Bord, deswegen sei Rauchen auf der Toilette mindestens so schlimm wie Totschlag. Im Wiederholungsfall würde der Täter angezeigt und habe mit Kosten in fünfstelliger Höhe zu rechnen. Falls eine Zwischenlandung notwendig wäre, könnten die Kosten noch deutlich darüber liegen. Auf jeden Fall würde die arme Qualmseele im Wiederholungsfall der thailändischen Polizei übergeben. Diese Aussicht schien dem Kettenraucher dann doch zu gefährlich zu sein – er hat sich und uns weitere Kippen erspart.

Weiche Landung, leicht verzögerter Touri-Applaus um 07:46 Uhr Ortszeit in Phuket. Auch hier weit und breit kein anderer Flieger in Sicht, daher sehr schnelle Passabfertigung. Selbst das Gepäck kam so schnell wie noch nie. Trotz einiger Schlafeinlagen waren wir beide sehr gerädert. Unsere innere Uhr stand ja auch auf 2.00 Uhr deutscher Zeit. Und wir waren ja noch lange nicht da.Sechs Punkte galt es noch zu erledigen:

  1. Obst und Wasser für Sarah kaufen
  2. Thailändische SIM-Karten erwerben
  3. Mietwagen abholen
  4. Nach Nai Harn fahren (Linksverkehr!)
  5. Im Hotel einchecken

Das mit dem Automaten hat schon mal nicht gut geklappt. Erst der dritte der drei vorhandenen Geldautomaten im Airport war so nett, Geld auszuspucken. Allerdings nur einen Bruchteil des Betrages, den ich haben wollte. Gerade mal 5000 Baht, rund 125.- Euro, wurden mir ausgezahlt. Na ja, besser als gar nichts.

Die SIM-Karten kaufte ich dann in einem kleinen Kiosk am Flughafen, wo wir auch Wasser und was zu knabbern für Sarah fanden. Für je 495.- Baht, also ca. 12.- Euro, hatte ich eine Gigabyte-„Flatrate“ für unsere iPhones eingekauft. Später habe ich das Preisschild auf der Verpackung mal vorsichtig abgelöst, um den früheren Preis lesen zu können: Original kostete die SIM-Karte nur 193 Baat…
Kleiner Tip: Die Karte NICHT am Flughafen kaufen, sondern in dem Ort, in dem man wohnt. Denn leider ist der Empfang nicht überall gleich gut. Unsere Karte funktionierte zwar in unserem Bungalow, aber in dem Restaurant, etwa 150 Meter entfernt, ging leider gar nichts mehr.

Dann suchten wir den AVIS-Stand. Da wir den offiziellen Teil des Flughafens schon wieder verlassen hatten, mussten wir an einem bewaffneten uniformierten Bediensteten des Flughafens wieder zurück in die Ankunftshalle. Der Avis-Stand war allerdings verwaist. Ein Schild deutete nach rechts. Also trabten wir mit unserem Kofferkuli (kostenlos) wieder nach rechts, zurück zu dem Lädchen mit den SIM-Karten. Und tatsächlich, direkt daneben war der AVIS-Stand. Die Mitarbeiterin hatte es nicht so eilig und blätterte einen Stapel mit Vorbestellungen ganze dreimal langsam und gründlich durch, bis sie meine Bestellung endlich zuordnen konnte. Sarah war kurz vorm Platzen. Den weiteren, notwendigen Papierkram hatten wir nach etwa zehn Minuten erledigt. Für Thai-Verhältnisse eine unglaublich gute Zeit, für Sarah ein Horror. Dann wurde uns der Wagen übergeben. Auch hier mussten Kilometerstände, Benzinpegel und vor allem die vielen Dellen dokumentiert werden, die unser Toyota mit seinen 71000 km schon „erfahren“ hatte.

Um 9:15 Uhr konnte ich endlich losfahren. Die Müdigkeit war wie weggefegt, als ich uns so langsam und sorgsam wie möglich in den turbulenten Verkehr einfädelte. Die ersten paar Kilometer auf der „falschen“ Straßenseite sind regelmäßig eine besondere Herausforderung, aber wenn man sich die wichtige Grundregel „Erst nach RECHTS schauen“ gründlich einprägt, kann eigentlich nichts passieren. Der Weg nach NAI HARN BEACH war mir bekannt – dies war immerhin mein zehnter Besuch an diesem schönen Fleckchen Erde.
So langsam kam Sarah wieder zu Kräften. Blöd nur, dass ich anfing, ihr von den verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorzuschwärmen, die wir besuchen würden. Davon wollte sie nämlich hier und heute nicht das Geringste wissen. Sie sagte, sie müsse erstmal ein Nest bauen, sich dort wohlfühlen und Sicherheit verspüren, bevor sie auch nur einen Fuß aus dem Apartment treten könne. Na dolle.
Die Fahrt dauerte knapp eine Stunde und ich vermied, weitere Ausflugsziele anzupreisen. Vom Auto aus betrachtet, bot die Insel auch herzlich wenig Attraktionen, die zum Verweilen einluden. Heftigster Straßenverkehr mit Myriaden von Mopedfahrern, die ständig von allen Seiten auftauchten und eine ordentliche Fahrweise nie gelernt hatten. Überall Reklameschilder und frei verkabelte Stromleitungen. Ein Gewusel und Gewimmel, das mit dem Wort „Kulturschock“ ganz gut beschrieben ist.
 
Der Strand bei AoSane
Und dann NAI HARN BEACH. Früher ein Kleinod Thailands mit wenigen kleinen Hotels und dem luxuriösen „Yachtclub“ als Anlaufstelle für die Besser-Betuchten dieser Erde. Agnetha Fältskög von Abba stieg hier ab, Sir Peter Ustinov war hier bis zu seinem Tode Stammgast. Dazu ein langer, langer feinsandiger Strand ganz ohne Liegestühle und Sonnenschirme, in Palmen eingebettet. Früher wohlgemerkt. Heute ist so gut wie jeder Quadratmeter Land mit Hotels vollgepackt. Wo kein Hotel steht, stehen Restaurants, „Armani“-Schneidereien, Kneipen und sonstige Geschäfte. Der ehemals menschenleere Strand ist vor lauter teuer zu mietenden Liegestühlen nicht mehr zu erkennen. Tausende von Touristen planschen im Wasser rum oder halten ihre fetten Wampen in die Sonne. Ortssprache ist inzwischen russisch. Und hat man früher immer über die schrecklichen Engländer geschimpft, ist dieser Ruf von den Russen längst eingestellt und weit übertroffen worden. Wer nicht genug Geld hat, sich in der Nähe dieses Strandes aufhalten zu können, wohnt Richtung Landesinnere auf einem etwa 5 qkm großen Gebiet, in dem sich alle dreihundert Meter die immer gleichen Lebensmittelketten finden, unterbrochen von Massagesalons, Bierkneipen, Restaurants, Nagelstudios, Mopedwerkstätten und Animierbars. Die früher üblichen Kleinwagen sind mehr und mehr den völlig überflüssigen SUVs gewichen, die das Fahren durch die schmalen Gassen nahezu unmöglich machen.
Und obwohl Sarah innerlich sowieso schon fast abgeschaltet hatte, konnte ich in ihrem Gesicht die Frage lesen „Und das soll schön sein“?
Ich wusste ja, dass ich noch meinen Trumpf im Ärmel hatte. „Keine Sorge, wir sind noch nicht da“, beruhigte ich die Kleine. „Nur noch 5 Minuten!“. Und dann fuhr ich auf das Gelände des Yachtclubs. Ein uniformierter Angestellter winkte mich weiter. Ich überquerte den Parkplatz und fuhr geradeaus in den Keller, unter das Hotel durch. Danach wieder an die Oberfläche, noch an einigen neueren Hotels vorbei, bis sich die Straße zu einem asphaltiertem Feldweg verjüngte. Es ging hoch und runter, und viele enge Kurven zwangen mich, sehr langsam zu fahren. Gegenverkehr hätte nur an wenigen Punkten passieren können, aber es kam niemand. Ich zeigte nach links unten auf den Strand, wo man ein Restaurant erkennen konnte. „Das ist Ao Sane. Hier werden wir wohl meistens essen oder uns mit Freunden unterhalten“, sagte ich. Wenn Blicke töten könnten, wäre die Reise jetzt schon beendet gewesen. Ich fuhr weiter, über eine extrem verkehrsunsichere Holzbrücke hinweg. Insider nennen die Brücke die „RME-Gedächtnisbrücke“, weil ich mir hier vor ein paar Jahren mit einem Moped mal fast den Fuß abgesägt hätte. Ich vermied es, Sarah schon jetzt davon zu erzählen. Dann – nach zwei weiteren Holzbrücken, deren Einsturz unmittelbar bevorsteht – waren wir da. „BAAN KRATING“ heißt die Hotelkette, die hier die Regie im ehemaligen „DSCHUNGLE BEACH RESORT“ übernommen hat. Und das ist gut so. Denn wir kamen in eine sehr gepflegte Bungalow-Anlage mit eigenem Strand, mit Pool, Restaurant und wunderschönen, am Hang gelegenen Bungalows. So günstig gelegen, dass selbst der berühmte Tsunami vor neun Jahren hier kein Unheil anrichten konnte. Aber noch waren wir nicht im Zimmer. Erst mussten wir uns ja bei der Rezeption anmelden. Sarah lümmelte sich sogleich auf die einzige Sitzgelegenheit im Empfang, um bestimmt, aber überdeutlich ihren Status kundzutun: Fertig, und zwar so richtig.

Der freundliche Mitarbeiter in der Rezeption sprach ein sehr gutes Englisch, so dass wir keine Probleme hatten, uns anzumelden. Pass abgeben, fotokopieren lassen und ein paar Zettel ausfüllen. Das war alles. Fast alles. Denn ich musste noch meine Kreditkarte hinterlegen. Wie sich herausstellte, reagierte die automatische Kreditkartenfreigabe mit diesen „Durchziehmaschinen“ nicht mehr. OK, am Tag nach Sylvester kann das passieren. Leider wurde aber meine VISA-Karte auch nach telefonischer Anfrage schlicht und einfach abgelehnt.

Jetzt war ich derjenige, der in Panik geriet. Ich war in Thailand und hatte so gut wie keinen Pfennig Geld dabei. Der Mann am Tresen war sehr umgänglich und empfahl mir, dass ich meine Bank anrufen solle, um die Sache zu klären. Inzwischen war es in Deutschland morgens um 5 Uhr. Neujahrsmorgen. Welche Bank hat da wohl auf? Also verschoben wir die Angelegenheit erst mal auf später. Außerdem sei das Zimmer erst um 12.00 Uhr beziehbar.

Mit Sarah war jetzt gar nicht mehr gut Kirschen essen. Noch eine Stunde ohne Schlaf, ohne Ruhe, ohne zu wissen, was passiert? Dass ich selbst genauso ängstlich war, habe ich ihr besser nicht gesagt. Also sind wir zu Plan B übergegangen, den ich mir wohlweislich schon für den Fall, dass der Bungalow noch nicht bezugsfertig war, vorher zurechtgelegt hatte.

Rosy und Ludwig, die beiden Freunde, die mir geraten hatten, mit Sarah hierher zu fliegen, waren nämlich auch da. Zwar nicht im „Baan Krating“, sondern im „AO SANE“, zu dessen Restaurant noch eine Menge kleiner, einfacher Bungalows gehören. Ich wusste zwar nicht, in welcher Hütte die beiden wohnten, aber ich hatte ja Rosys Handynummer. Dreimal habe ich es lange, lange klingeln lassen, bis sie sich endlich verschlafen meldete (Sie waren erst kürzlich zu Bett gegangen – immerhin war gestern Sylvester!). Wir verabredeten uns im Restaurant und Rosy stimmte zu, dass Sarah bis zur Zimmeröffnung dort eine Mütze Schlaf nehmen könne. Und so geschah es dann. Sarah fiel – nachdem sie sich noch einen Bikini angezogen hatte und mit den Beinen mal kurz ins Meer gehupft war – in todesähnlichen Tiefschlaf, und ich konnte Ludwig und Rosy meinen finanziellen Engpass erläutern. Die beiden boten an, mir mit ihrer Kreditkarte auszuhelfen, was mir eine schwere Last von der Schulter nahm. Dann aber versuchte ich tatsächlich, bei der Bank anzurufen. Die Bank heißt immerhin „VISA“ und da gönne ich mir doch gerne mal die Freiheit, am Neujahrsmorgen um fünf Uhr dreißig dort anzurufen. Zapperlot! Das klappte! Eine nette Dame „verifizierte“ mich durch Abfrage diverser Dinge, die nur ich oder jeder andere, der mich kennt, wissen kann und erklärte mir dann, dass ich mein Limit überzogen hätte. Ich muss gestehen, ich wusste gar nicht, dass ich ein Limit habe. Bisher habe ich immer ein Leben ohne Limit geführt, aber das scheint nicht für alle Bereiche zu gelten. Jedenfalls war durch diverse Weihnachtseinkäufe, die Kaution für den Mietwagen und die Mini-Abhebung am Flughafen mein Limit nahezu erreicht. Für die Hotelrechnung fehlten mir noch über 200 Euro. Nach ein paar lieben Worten mit der Dame in Berlin war das Problem aber wieder aus der Welt geschafft. Nach zehn Minuten hatte ich ein neues Limit in Höhe von 4500.- Euro bis zum 5. Februar. Das sollte ja wohl reichen.

Um Sarah den ganzen Eincheck-Vorgang nicht ein zweites Mal zuzumuten, bin ich dann selbst wieder ins Hotel zurück und habe es dann endlich geschafft, den Schlüssel für unser Apartment 303 zu bekommen.

 
Der Garten vom Dschungel Beach Resort

Die BAAN KRATING-Bungalowanlage hatte ja schon einige Vorbesitzer, aber erst der aktuelle Betreiber hat es geschafft, eine gewisse Qualität einzuhalten. Es ist zwar nicht First Class, aber vier Sterne kann man mit etwas gutem Willen durchaus vergeben. Die ältesten Holzhütten mit Strohdach sind natürlich am Kleinsten und ziemlich runtergewirtschaftet, aber vor drei Jahren wurden ein paar neue Apartmenthäuser aus Stein gebaut, die – für thailändische Begriffe – durchaus luxuriös ausgestattet sind. Unser Apartment 303 befand sich in einem dieser Steinhäuser. Der Architekt des Apartments muss allerdings beim Entwurf bekifft gewesen sein. Wie hätte er sonst auf die Idee kommen können, das Bad samt Toilette so anzuordnen, dass man vom Kopf des linken Bettes über ein Fenster direkt auf die Dusche und die Kloschüssel schaut? Wieso überhaupt Fenster vom Bad in den Wohnraum? OK, sie lassen sich mit kleinen Rollos einigermaßen blickdicht verschließen, aber dann haben sie ja erst recht keinen Sinn mehr…

Die Toilette wurde nicht überzeugend platziert

Da Sarah ja tief und fest in Ludwigs Hütte pennte, nahm ich mir die Zeit, meinen Koffer auszupacken und eine Dusche zu nehmen. Dabei fiel mir auf, dass ich außer meiner Sonnenbrille auch mein Duschgel vergessen hatte. Nobody is perfect. Musste ich mich halt mit Haarwaschmittel duschen. Etwa eine Stunde später habe ich Sarah dann aus Onkel Toms Hütte befreit und sie mit dem Auto in ihr neues Domizil gefahren. Zu meiner großen Erleichterung gefiel Sarah alles sehr gut. Der Dschungel um uns herum, die freundlichen Menschen, das großzügige Zimmer, der Kühlschrank mit neuen, exotischen Säften, das große Bad und und und…

Von hier an ließen sich unsere Tagesabläufe eine Weile irgendwie nicht mehr synchronisieren. Wie schon beschrieben, würde Sarah einige Tage brauchen, um die nähere Umgebung zu erkunden. Im Gegensatz dazu hatte ich meinen Jetlag schon fast überwunden und mich dem Rhythmus der anderen Gäste angepasst. Mein Mittelpunkt war von da an das Strandrestaurant AO SANE mit seinem wunderbaren Essen, Sarah lag lieber im Zimmer oder am Strand, manchmal auch am Pool. Der erste „Ehekrach“ war nicht zu vermeiden, führte aber dazu, dass wir beide von da an versuchten, wenigstens gemeinsame Nachtzeiten einzuhalten.

Am zweiten Tag besuchten wir meinen alten Freund Bernt, der zusammen mit seiner Frau Herma während Deutschlands Winter hier in Nai Harn Urlaub macht.

Wir waren nicht die einzigen Gäste: Eine Gottesanbeterin hatte den Weg zu uns gefunden und ließ sich eine Weile begaffen. Dann flog sie in mein Haar, wo sie heftige Abwehrreaktionen erwarteten.

 
Bernt und seine Gottesanbeterin

Lange konnten wir nicht bleiben, da ich noch ein bisschen was arbeiten musste. Ich war zwar im Urlaub, aber eigentlich auch nicht. Denn wenn irgendein Kunde von mir eine Audioaufnahme brauchte, habe ich die natürlich machen können. Dazu hatte ich mir extra eine neue Erfindung aus den USA kommen lassen. So eine Art überdimensionaler Plopschutz, etwa kürbisgroß, der laut Werbung jegliche Nebengeräusche in einem normalen Raum eliminieren würde. Im Internet kann man sich sogar Aufnahmen ansehen und -hören, die mitten auf einer befahrenen Straße gemacht wurden. Ohne diesen Schallschutz wären die Aufnahmen absolut unbrauchbar gewesen – mit diesem „Eyeball“ der Firma „KAOTICA“ war der Straßenlärm nahezu komplett rausgefiltert. 200.- Dollar, die sich gelohnt haben.

 
Mein mobiles Aufnahmestudio mit „Eyeball“

Was haben wir an den ersten drei Tagen sonst so den ganzen Tag getrieben? Nun, an erster Stelle standen natürlich die kulinarischen Spezialitäten Thailands. Tolle Fischgerichte, Suppen, Currys, Reis- und Nudelspeisen und natürlich auch die unvermeidlichen „Burger“ – wenn auch selbstgemacht und nicht von McDonalds. Wer es lieber europäisch mag, kann auch Pizza oder Cordon Bleu essen. Alles war frisch und schmeckte viel, viel besser als unser Supermarkt-Chemiefraß daheim. Allein die vielen Obstsorten, die vor Ort ganz anders schmeckten als nach einer 10.000-km-Reise im Bauch eines dunklen Handelsschiffes, haben die Reise gelohnt.

Der abendliche Plausch am langen Tisch im AoSane

An zweiter Stelle stehen die vielen kommunikativen Treffen, sprich: Gemeinsames abendliches Betrinken am Stammtisch, auch „Narrentisch“ genannt. In den rund zwanzig Jahren, die ich immer wieder mal hierher gekommen bin, habe ich viele Stammgäste kennengelernt. Und nahezu jeden Abend trifft man sich ab 18.00 Uhr im Ao Sane, um am langen Holztisch direkt am Strand die Erlebnisse des Tages auszutauschen und die eine oder andere Flasche Gin oder Whisky auszutrinken. Dazu das leckere Thaifood – was will man mehr?

In diesem Jahr was die Auswahl der Ao Sane-Stammgäste etwas reduziert. Außer einer starken Nürnberger Fraktion waren nur wenige Deutsche angereist. Ludwig und Rosy, Bernt und Herma sowie Sarah und ich vervollständigten den Stammtisch. Nach dem Essen stand oft eine Flasche Gin oder Whisky auf dem Tisch, verdünnt mit Tonic Water, Cola oder Soda. Dazu natürlich eine Unmenge an Eiswürfeln und Limonenscheiben. Der erste „große“ Abend in unserem Urlaub war der „Heraldo“-Gedenktag. Heraldo, der Mann von Helga, war vor ein paar Jahren bei einem Tauchversuch infolge eines Herzinfarktes verstorben und Helga zelebriert seither seinen Todestag mit Feuerwerk und den berühmten Papierlampions, die man anzündet und gen Himmel steigen lässt. Heraldo war ein begnadeter Fotograf. Er hatte zwar auf den ersten Blick etwas von einem verbissenen, bösartigen Gnom. Aber wenn man ihn näher kannte, entpuppte er sich als sehr liebenswürdiger, sehr genau beobachtender Zeitgenosse mit einem wunderbaren Hang zum Sarkasmus. In dieser Disziplin wurde er nur von Willy übertroffen, einem Reisebuchautor, der schon seit Jahrzehnten Thailand bereist und all diese Bücher mit den tollen Tipps verfasst.

Sarah hatte sich noch ein bisschen im Hotelzimmer ausgeruht und kam dann gegen halb zehn zu uns. In letzter Sekunde konnte sie noch was zu Essen bestellen, da die Küche im allgemeinen um 21:30 Uhr schloss. Das Feuerwerk war absolut professionell und sehr umfangreich. Vorbei die Zeiten, dass man einzelne Kracher anzündete und möglichst schnell wegwarf. Hier schossen ganze Batterien von Raketen in den Himmel und entfalteten im Himmel ihre immer wieder abwechselnden Muster von farbenfrohen Sternen, Feuerregen und Knalleffekten.

Las Vegas-Feeling im Ao Sane

Beim anschließenden Montieren der Papierballons – sie wurden quasi als Bausatz geliefert – halfen wir alle mit. Nach und nach wurden die Brennpasten angezündet, um im Ballon die notwenige heiße Luft zu erzeugen, damit die Ballons in den Himmel stiegen. Leider hätten wir beinahe das halbe Restaurant abgefackelt, als sich einer der Ballons statt in den Himmel auf das Restaurant zubewegte und in einem Baum steckenblieb. Guy – die Inhaberin – lief schon nervös hinterher, um den Ballon mit einem Stock loseisen zu können, aber der fand den Weg dann auch ohne Hilfe und stieg schnell nach oben. Im Himmel hatten sich die Ballons ganz schnell hintereinander eingereiht – wie eine Perle flog der Konvoi Richtung Horizont. Nach etwa fünf Minuten war nichts mehr zu sehen.

So sieht ein Ballon aus, kurz bevor er abhebt

Es wurde eine sehr Gin-lastige Nacht, die aber am nächsten Morgen keinerlei Reue nach sich zog. Die frische Luft sorgte für unbeschwerten Genuss ohne Kater.

Apropop Kater: Eine Katze gab es am Ao Sane auch. Eine fette, weiße Katze, die sich immer auf denselben Stuhl setzte und ihr Fell leckte. Außer der Katze gab es noch drei Hunde und offensichtlich ein paar Ratten.

Die Hunde waren recht gepflegte Golden-Retriever-Mischlinge, die sich den lieben Tag lang gerne im Meer rumtrieben und abends Jagd auf die Ratten machten. Selbige schienen unter dem Dach in einer Art Dachrinne zu wohnen. Eines Abends war eines der possierlichen Tierchen (etwas größer als unsere Hausmaus) so blöd, sich durch Tippeln oder Gerüche zu verraten. Die Hunde waren alarmiert und tobten wie wild herum. Aus Panik verließ die Ratte die schützende Dachrinne, wodurch die Hatz nun erst recht begann. Die Hunde rannten hinter der flinken Ratte hinterher, dass man mit dem Gucken gar nicht nachkam. Sie wuselten durch unsere Beine, bellten und knurrten, bis man nur noch ein letztes Fiepen der unterlegenen Ratte vernahm. Ein hörbares Knacken infolge eines beherzten Bisses hatte ihr den Garaus gemacht. Sie lag am Strand, zuckte noch ein paar Sekunden lang und war dann mausetot, äh, rattentot. Die Hunde haben das Tier nicht etwa gefressen, sondern nur noch eine Weile bewacht (falls es doch noch mal aufwachen sollte) und sind dann davon getrottet. Was ein Hundeleben!

Überhaupt das Tierleben! In unserem Bungalow fand ich nach drei Tagen im Bad eine relativ erledigte „Cuceracia“, also eine etwa drei Zentimeter lange Kakerlake, die hier eindeutig fehl am Platze war. Erledigt deshalb, weil ihr die Kraft fehlte, bei meinem Eintreten davonzurennen, wie es eigentlich die Art dieser Wanzen ist. Sarah hat das Tier dann unter ein Regalbrett befördert, wo es seitdem tot rumlag und auch vom Hotelpersonal nicht entfernt wurde.

Unser Haustier
Tja, das Personal. So richtig dolle lief das nicht. Mal fehlten Handtücher, mal wurde der winzige Papierkorb nicht geleert oder benutzte Handtücher nicht mitgenommen. Unser Wunsch nach einem dünnen Laken, damit man nachts nicht auf Gefriertemperatur runterkühlen musste, wurde leider nie erfüllt. Auch gab es keinen Aschenbecher und manchmal keinen Zahnputzbecher. Aber das waren ja alles nur Kleinigkeiten. Im großen Ganzen war unser Bungalow im BAN KRAATING absolut in Ordnung. Das Frühstück war ein Traum – selbst der Kaffee schmeckte besser als zuhause. Und das Schönste: Auch wer kein Hotelgast war, konnte hier für nur 150 Baht, also etwa 3,75 Euro, soviel essen und trinken, wie er wollte. Im Ao Sane kostete jeder Saft, jedes Ei oder was auch immer einzelne Beträge, die sich – verglichen mit dem Buffet bei uns – zu einer horrenden Summe addieren konnten.
Bei allem Schwärmen über diesen wunderbaren Flecken der Erde darf man aber nicht vergessen, dass es auch hier, speziell im Ao Sane, einige negative Aspekte gibt, mit denen man sich abfinden muss. Wer „etepetete“ ist, hat hier nichts zu suchen. Die Hütten sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Manche haben nicht einmal ein Fenster, selten gibt es Betten, sondern nur verranzte Matratzen, und die Bettwäsche wird nur auf Verlangen gewechselt, wobei die Laken meilenweit von der „Persil-Reinheit“ entfernt sind.
Auf dem Gelände liegt überall Müll in Plastiksäcken rum und zwar so lange, bis sich irgendeiner erbarmt, das Zeug zu entsorgen. Es gibt auch seit Jahren eine Hüttenruine, von der nur noch das Bad steht. Die Schlösser lassen sich von Dreijährigen knacken, sofern die Hütten überhaupt verschlossen sind. Es gibt selten Regale oder gar Schränke in den maximal 5 qm großen, meist aus Holz und Stroh gebauten Schlafbungalows. Natürlich keine Klimaanlage, keine Kaffeemaschine, kein Fernseher, kein Kühlschrank. Eigentlich gibt es nichts. Man braucht die Hütten ja auch nur zum Schlafen. Immerhin gehören Moskitonetze zur Grundausstattung. Einbrüche gibt es selten, aber sie kommen vor. Es handelt sich meist um Beschaffungskriminalität irgendwelcher Drogenabhängiger, die es trotz drastischer Strafen leider recht häufig gibt. Vor ein paar Tagen wurde einem Schriftsteller mitten in der Nacht das MacBook durch das offene Fenster geklaut. Den USB-Stick mit den Datensicherungen hat der Dieb sorgsam abgezogen und da gelassen. Die Toiletten sind der letzte Scheiß, wenn ich das mal so sagen darf. Durch die vielen unterschiedlichen Gäste ist der Pflegeaufwand auch sehr unterschiedlich. Selbst im Restaurant, das doch wirklich höchsten sanitären Ansprüchen genügen sollte, sind die beiden Toiletten eine Zumutung. Täglich verstopft, kein Papier, vollgesifft und stinkend. Waschbecken? Vor der Tür. Wenn man das Wasser aufdreht, spritzt es direkt darunter wieder raus und versaut einem Hose und Schuhe. Und die schönen Hunde kacken ungeniert an den Strand. Mit ein bisschen Glück werden die Haufen von der nächsten Flut ins Meer gespült, wo man sie hoffentlich beim morgendlichen Bad in den Meeresfluten nicht wieder trifft.

Hier besteht also noch deutlich Handlungsbedarf!

Das nenne ich mal einen Strand!

Hätte ich Sarah dies alles vor unserem Abflug erzählt, wäre sie wohl noch am Frankfurter Flughafen umgekehrt. Aber der Mensch gewöhnt sich halt doch an Vieles. Als sie am Tag der Ankunft die Toilette neben der Rezeption des Baan Krating benutzte, war sie einem Schreikrampf nahe. Nachdem sie nun einige andere Toiletten kennt, ist eigentlich alles gar nicht mehr so schlimm. Man gewöhnt sich einfach dran. Und viele scheinen das viele Negative auch so unwichtig zu finden, dass sie teilweise über 35 Jahre lang fast jedes Jahr hierher kommen. Warum? Sicher spielen die Kosten eine Rolle. Während unser Bungalow im Baan Krating 1600.- Euro für zwei Wochen gekostet hat, sind die Preise im Ao Sane deutlich günstiger. Die Übernachtung kostet ab 2 Euro aufwärts bis etwa 20 Euro für die zwei oder drei Luxusbungalows, die nach dem Tsunami neu gebaut wurden. Hans aus Freiburg kommt jedes Jahr für drei Monate hierher. Er zahlt insgesamt 500.- Euro für die Übernachtungen. Damit ihm nicht langweilig wird, läuft er jeden Morgen barfuß bis zum Yachtclub und schwimmt von dort ins Ao Sane. Abends schwimmt er wieder zurück und läuft die Strecke vom Yachtclub zum Ao Sane zurück ebenfalls ein zweites Mal. Das sind in drei Monaten 90 Kilometer Schwimmstrecke und etwa eben soviel Laufpensum. Ich finde, da lohnt sich doch schon ein Moped…

Onkel Toms Hütte

Warum kommen alle immer wieder hierher, wenn sie den „Spirit“ dieser Anlage einmal erfahren haben? Ich weiß es nicht. Aber mir geht es ja nicht anders. Und Sarah, die noch nie hier war, ist ja auch begeistert und will auf jeden Fall mal wieder hierher kommen. Es ist einfach schön, jeden Tag neue, interessante Leute kennen zu lernen, die ähnlich ticken und viel zu erzählen haben. Künstler, Rucksacktouristen, Jachtbesitzer, Verrückte, Führungsgestalten, Kinder und Greise. Allen gefällt´s. Ganz sicher ist natürlich das Meerespanorama Schuld an der Treue der Gäste. Unverbaubarer Strand direkt zu Deinen Füßen, eine stille Bucht mit vielen kleinen Jachten, Badestränden und Kletterfelsen, Sonnenuntergang wie im Bilderbuch inklusive. Jeden Tag. Die rund zwanzig Hütten beherbergen etwa 40-50 Touristen. Im Baan Kraating dürften es maximal hundert sein, die man aber nie sieht. Viele kommen abends ins Ao Sane und viele gehen auch früh zu Bette.

Wer will da ins Bett gehen?

Überhaupt sollte man im Baan Krating mit dem Aufenthalt im Freien ab etwa 17.00 Uhr sehr, sehr vorsichtig sein. Ich habe vor ein paar Tagen den Fehler gemacht, mich zum Sonnenuntergang auf die Terrasse des Restaurants zu setzen, um dort noch ein paar Sprachaufnahmen sauber zu schneiden, die ich vorher in meinem Minimobilstudio gemacht hatte. Es dauert keine fünf Sekunden, bis ich mich mit Händen und Füßen gegen die anrückende Moskito-Übermacht verteidigen musste. Nach etwa einer Minute stürzte ich ins Innere des Restaurants, wo es aufgrund der offenen Türen und Fenster kein bisschen besser war. Die Biester bissen mich im Akkord. Das Foto meines Rückens sagt ja wohl alles. Insgesamt habe ich über vierzig Stiche gezählt, die mir größtenteils durch die Kleidung hindurch zugefügt wurden.

Von vorne sind es noch mal zwanzig Stiche
Im Ao Sane ist es nicht so schlimm. Da wird ab 17.00 Uhr ein sogenannter „Coil“ angezündet und unter die Tische gestellt. Der Rauch, der durch die abbrennende Paste erzeugt wird, vertreibt die Biester. Außerdem ist hier sehr viel mehr Wind, was die Treffgenauigkeit der Moskitos empfindlich beeinträchtigt. Die Stiche jucken erst einen Tag später. Teilweise dauert es drei Wochen, bis alles wieder verheilt ist.

Diese Tempel stehen überall rum

Reden wir lieber von angenehmeren Dingen.

Sarah, Herma und Ludwig beim 3. Frühstück

Massagen. Mus man gemacht haben. Wenigstens einmal. Am Strand und auch im Ort findet man alle paar Meter Einladungen zur Massage. Während die Massagen am Strand hauptsächlich der körperlichen Erbauung dienen, sind die Massagen im Ortskern eher sexueller Natur und sollen hier nicht beschreiben werden. Nur so viel: Vor ein paar Jahren war ich mit meiner Ex-Frau Eva und unserem Sohn Benjamin etwas außerhalb in einem Massagebetrieb, der einen ordentlichen Eindruck machte und typische Thai-Massage anbot. Wir also alle drei rein, Schuhe aus und auf die Liegen gelegt. Etwas verwundert war ich, dass ich mittels eines Vorhangs von den beiden anderen getrennt wurde. So gingen denn die Damen ihrer Knetkunst nach. Ich dachte an nichts Böses, als plötzlich die Hand „meiner“ Schönen in meiner Unterhose landete, um dort für etwas mehr Blutzufuhr zu sorgen. Ich bin so erschrocken, dass ich nur laut „nein, nein“ rufen konnte, was das Mädel schwer erstaunt hat. Dachte sie doch, ich hätte eine ganz andere Art des Massage geplant. Hui, da war ich aber schnell wieder draußen. Bin eigentlich nicht verklemmt, aber vor meiner Frau und meinem Sohn war mir das doch nicht so angenehm.

Sarah beim späten Frühstück

Also NORMALE Thai-Massage. Da wird man eingeölt und überall geknetet, dass es nur so kracht. Sarah beschrieb die Massage als „ziemlich erotisch“, so wie die Dame da auf ihr rumwalkte. Etwas irritierend und der Sache wenig dienlich war, dass die Profi-Masseurin ständig telefonierte oder sich mit ihren Kolleginnen unterhielt. 500 Baht kostete der einstündige Spaß, rund 12.50 Euro. Dafür bekommt man im Bad Homburger „SPA“ gerade mal die Füße benetzt.

Meine letze Thai-Massage war eine Fußzonen-Reflexmassage. Etwas, das gehörig weh tut und nur sehr leidensfähigen Männern zu empfehlen ist. Die Masseurinnen fanden ständig irgendwelche verhärteten Punkte in meinem Körper, auf denen sie rumdrückten, bis mir die Tränen kamen. Außerdem haben sie schon vor zehn Jahren behauptet, meine Leber hätte einen Schaden, obwohl sie gar nicht in die Nähe meiner Leber gekommen waren. Sicherheitshalber meide ich diese Massagen inzwischen wie die Pest. (Und meine Leberwerte waren damals wirklich etwas erhöht, das machte mir besondere Angst).

 
Die Früchte befinden sich in der Ananas

Über das Nachtleben von Nai Harn gibt es eigentlich nichts zu berichten. Es findet nicht statt. Die üblichen Animierbars mit den bekannt blutjungen Thaimädels sind weiter nördlich zu finden, Richtung Phuket Town. Ich hab damit nichts am Hut und kann daher auch nichts darüber erzählen. Ich habe zwar Freunde, die nur aus diesem Grunde immer wieder nach Thailand fahren, aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Für die Mädchen muss es eine ziemliche Zumutung zu sein, irgendwelche Ekelpakete einen Urlaub lang aushalten zu müssen, damit sie mit dem kargen Liebeslohn ihre Familien unterstützen können. Der Beruf dieser Konkubinen ist in Thailand durchaus geachtet. Auch hier Toleranz, wohin man blickt. Ich bekomme allerdings Würgereize, wenn diese alten, fetten Säcke mit kaum 18-jährigem Frischfleisch händchenhaltend von Bar zu Bar ziehen. Aber ich sollte mir keine Verurteilung anmaßen. Oder wie Sarah sagte: Wer im Porzellanladen sitzt, soll nicht mit Elefanten werfen. Ich bin ja schließlich selber mit einer 36 Jahre jüngeren Frau nach Thailand gekommen. OK, hier geht es nicht um Sex, aber das wissen ja die anderen nicht. Oft wurde Sarah gefragt, ob ich ihr Vater sei. Wenn sie das verneinte, wurde vermutet, dass wir verheiratet seien. Da das auch nicht stimmte, fragten sie nicht weiter. Wir haben uns jetzt auch Vater/Tochter geeinigt, das ist am Glaubhaftesten. Ihr Vorschlag, mich als ihren Onkel zu bezeichnen, hatte da wohl noch einen viel anzüglicheren Beigeschmack…

Obst ist gesund und günstig

Dieser Blog heißt ja Thai-Therapie, und es ist wohl an der Zeit, das etwas näher zu erklären. Das Ziel war, Sarah durch die problemlose Bewältigung einer Reise um die halbe Welt (Hin- und zurück) ein wenig mehr Selbstvertrauen zu geben. Sie sollte Gelegenheit haben, Ihre Ängste zu überwinden und Panikanfälle zu vermeiden. Gerade die relative Abgeschiedenheit dieses Urlaubsortes mit den beiden Zentren Baan Krating (Zum Wohnen) und Ao Sane (Zum Leben) boten hierfür die besten Voraussetzungen. Und das schien bisher sehr gut geklappt zu haben. Noch wollte Sarah zwar keine Ausflüge zu weiter entfernten Sehenswürdigkeiten unternehmen, aber der Radius hatte sich in den bisherigen 10 Tagen gewaltig erweitert. So waren wir auf einem kleinen Berg in der Nähe, um Klamotten zu kaufen und sogar dreimal auf einem kleinen Markt in Nai Harn.

 
Im Einkaufswahn

Sarah hat sich zweimal massieren lassen, hat eine Unmenge neuer Speisen ausprobiert, vor wildfremden Menschen durch ihre freundliche Art zu kommunizieren brilliert und hat eine innere Ruhe gefunden, die sie vorher nicht hatte. Selbst meine Nähe hat sie tapfer hingenommen (was dann auch wieder für mich spricht). Nach zwei Wochen in einem kleinen Apartment ist einem wahrscheinlich eh nichts Menschliches mehr fremd. Sarah zieht gerne spontan los und fotografiert die Schönheiten dieses Ortes. Und da ich auch viel fotografiere, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sarah auf einigen Fotos endlich mal selbst zu sehen ist (was bei Fotografen eher selten ist).

 
Zweieinhalb Generationen schöner Frauen
  1. Diese Therapie wirkte auch in die andere Richtung. Ich habe meine „Ferienarbeit“ auf das Notwendigste zurückgeschraubt und fing an, täglich mehr und mehr zu faulenzen. Andere nennen das „Urlaub machen“, aber das kannte ich so noch nicht.  Die Beantwortung der E-Mails konnte nun schon mal einen ganzen Tag dauern und selbst die Sprechaufträge wurden möglichst auf die Zeit nach dem Urlaub verlegt.

    In den letzten Tagen des Urlaubs hat sich Sarahs Radius – und damit auch meiner – ständig erweitert. So waren wir ein paar Tage später schon auf dem Phromtheb Cape, einem kleinen Hügel, von dem man den Sonnenuntergang perfekt beobachten kann. Außerdem befinden sich hier rund ein Dutzend kleiner Geschäfte mit modischem Thailand-Schnickschnack. Und da hat Sarah gründlich zugeschlagen. Da sie ihren Bikini anhatte und darüber nur ein durchlöchertes Strickkleid, konnte sie es sich ersparen, für jede Anprobe in eine enge Kabine zu verschwinden. Sie zog sich einfach mitten im Geschäft um. Nicht ein mal, nicht zehn mal, sondern gute dreißig mal in der einen Stunde, die wir dort im Kaufrausch waren. Die anderen Touristen und das Personal hatten ihre Freude…

    Nicht jedes Teil steht jedem gleich gut…

    Ein anderes Mal fuhren wir zu einer Elefanten-Trecking-Station. Leider war nur ein einziger junger Elefant anwesend, und der war auch noch angekettet und litt unter deutlichem Hospitalismus. Er schwenkte seinen Körper ständig hin und her und machte einen eher unglücklichen Eindruck. Die Bilder, die ich mit Sarah und dem Elefanten machte, entstanden unter einem sehr schlechten Gewissen, da wir solche Tierquälerei hassen und durch die Fütterung des armen Dumbos nicht hätten unterstützen dürfen. Immerhin bekam der Kleine auf diese Weise etwas zu essen. Und Sarah kann ihren Freundinnen berichten, wie sich ein Elefantenrüssel auf ihren Brüsten anfühlt… (Gute Manieren hatte das Tier nämlich nicht!).

    Sarah als Elefantendompteuse

    Wer mich kennt, weiß, dass ich so gut wie nie ins Meer gehe. Eher verirre ich mich im Swimming Pool, aber generell bekommt man ja durch´s Duschen genug Wasser ab. Im Meer beißen Fische, lauern Korallen, liegen Seeigel rum oder verbrennen einem Quallen die Beine. Ich hatte Sarah gewarnt, aber sie ging trotzdem immer wieder rein. Einmal wollte sie meine Unterwasserkamera testen. Die Aufnahmen sind auch wunderbar geworden – bis zu dem Moment, wo sie sich an einem Korallenriff den Fuß aufschlitzte. Das Meer färbte sich augenblicklich blutrot und ein gellender Schrei durchdrang die gemütliche Soundkulisse des kleinen Strands am Baan Krating. Sarah vergaß, die Kamera abzuschalten, so dass man später ihren Fluchtweg rekonstruieren konnte. Sie kreiselte dabei eher wie ein Propeller auf der Oberseite des Wassers als dass man dies Schwimmbewegungen hätte nennen können. Aber die wohl als Notprogramm fest im Menschen verankerte Fortbewegungsweise führte zum Erfolg. Sarah entwich den Korallen und tauchte wohlbehalten, aber blutend wieder aus dem Wasser auf.

     
    Sanitäter! Sanitäter!

    Der Schnitt – etwa zwei Zentimeter lang – klaffte ein wenig auseinander, aber die Blutung wurde schnell gestoppt. Das Salzwasser selbst fungiert ja gut als Desinfektionsmittel. Sarah spürte keinerlei Schmerzen. Erst am Abend fing die Wunde wieder an zu brennen. Aber Sarah kannte ein altes Hausmittelchen: Zur Desinfektion kleiner Wunden eignet sich hervorragend URIN, und zwar der eigene. Der ist steril und räumt mit Bakterien zuverlässig auf. Die Details der Anwendung hat Sarah allerdings für sich behalten.
    Wikipedia schreibt übrigens über Eigenurinbehandlungen: Eigenurinbehandlungen gelten aus wissenschaftlicher Sicht als bestenfalls wirkungslos. Falls Personen mit ernsthaften Erkrankungen (wie Diabetes mellitus) statt einer wirksamen ärztlich verordneten Therapie eine Eigenharnbehandlung durchführen, drohen unter Umständen gefährliche Folgen aus der unterlassenen Behandlung der ernsthaften Erkrankung.

    Neulich hatten wir schon wieder Besuch im Bungalow. Es war schon wieder eine Kakerlake, die wohl nach ihrem Verwandten Ausschau hielt, der immer noch – vom Reinigungspersonal unentdeckt – unter dem Regalbrett auf dem Boden lag. Als Sarah ins Bad kam, krabbelte die Wanze gerade über meinen elektrischen Rasierapparat. Sarah warf sofort ein Handtuch darüber und brachte beides – Rasierer und Handtuch – zur Toilette, in die das Vieh getaucht werden sollte. Leider hatte die Kakerlake andere Pläne und sprang Sarah auf den Unterarm. Auch diesen Schrei hörte man meilenweit. In ihrer Panik schüttelte sie nicht nur die Kakerlake ins Klo, sondern meinen Rasierer gleich noch mit.

    Da Sarah dachte, das Gerät sei locker einige hundert Euro wert (war es aber nicht, gibt’s bei Aldi für 17.95 Euro), überwand sie ihren Ekel und fischte ihn wieder aus dem Klo heraus. Danach wusch sie ihn gründlich ab und reinigte ihn noch mit einem Brillenputztuch. Letzteres war überflüssig, da ich selten durch meinen Rasierer hindurch schaue. Wie auch immer, das Teil war gerettet und funktionierte auch noch einwandfrei, da es ohnehin ein wasserdichter Apparat war. Ich habe ihn dann sicherheitshalber doch noch mal auseinander genommen und gründlich gereinigt. Ein paar Tage später hat Sarah ihn nochmal runtergeworfen. Dann war er allerdings wirklich kaputt…

    Nachdem wir im Ao Sane von dem kostengünstigen Frühstück im Baan Krating berichtet hatten, stieg dort der Anteil der Fremdgäste von Tag zu Tag. Heute waren es schon ZEHN Ao San-Gäste, die so lange aushielten, bis das Buffett wirklich bis zum letzten Bissen leergeräumt war. Bezahlt wurde bar ohne Quittung und ohne Bedienungsgeld oder Steuern, die üblicherweise im Hotel anfallen. Wir vermuteten mal, dass sich die Angestellten mit dem Geld einen kleinen Bonus aufbauten. Den hatten sie auf jeden Fall auch verdient, da der Service im Baan Krating (und natürlich auch im Ao Sane) einfach hervorragend war. Bestimmt wurden die übrig gebliebenen Lebensmittel ansonsten eh vernichtet.

Stefan, kurz vorm Ausstechen seines rechten Auges

Hier noch ein paar Bemerkungen über die Bewohner vom Ao Sane während unseres Urlaubs:
Christoph, der Osteopath aus Rosenheim, hatte einen privaten Ausflug nach Phang Nang organisiert, wo es z.B. das berühmte „James Bond-Island“ zu besichtigen gibt. In irgendeinem Bondfilm mit Sean Connery fliegt ein Motorboot auf einen Strand – und das ist genau dort gedreht worden. Christoph hatte seine Frau Gloria und Helga, die Frau vom verstorbenen Heraldo, mit auf die Reise genommen. Alles mit Mietwagen und privat gemietetem Longtail-Boot. Muss sehr romantisch gewesen sein. Leider auch sehr sonnenreich. Als die drei abends zurück ins Ao Sane kamen, brauchte man keine Lampen mehr, so haben die geleuchtet. Bei Christoph hatte sich das Rot aber ganz schnell in eine dunkle Bräune verwandelt, um die ihn jetzt viele beneiden. (Mich eingeschlossen. Ich muss der Sonne endlich mal eine Chance geben!)

Als Arzt ist man am Ao Sane übrigens ein gefragter Mann. Ständig musste Christoph irgendwelche Füße abtasten oder wichtige Ratschläge geben. Natürlich ohne AOK-Karte und ohne Handwerkszeug. Seine Frau Gloria arbeitet als Sekretärin.

Aus Dänemark kam ein Stammgast, den ich auch schon viele Jahre kenne. Er war früher so etwas wie der Karl-Heinz Köpke der „Tagesschau“ – der Anchorman der dänischen Nachrichten. Sein zu Besuch weilender Freund war ein bekannter Sänger und Gitarrist, der uns stolz seine neueste Produktion zeigte: Verschiedene alte Titel von George Harrison, neu interpretiert von ihm, gesungen von seiner Tochter und vermarktet von seiner Frau. Am Wochenende nach unserem Abflug sollte er ein Konzert in Phuket geben.

Auf einen Longdrink im Yacht Club

Der norwegische Schriftsteller, der inzwischen einen neuen Laptop hatte, entpuppte sich als Bestsellerautor, obwohl ich noch nie was von ihm gelesen habe. Nun gut, vielleicht sind seine Bücher gar nicht ins Deutsche übertragen worden.

Stefan aus Nürnberg reist wohl sehr viel durch die Welt, seit er wieder Single ist und verbringt die Nächte auch gerne mal in den diversen Nachtclubs der Insel. Allerdings ist sein Urteil vernichtend: Nachts um zwei sähe man nur noch Verstörte. Besoffene Irre, drogenabhängige Fixer, widerlich runtergekommene Gestalten ohne einen Funken Anstand und die entsprechenden weiblichen Gegenstücke aus Thailands tiefster Schicht. Warum er die nächtlichen Kneipenbesuche dann doch noch regelmäßig durchführt, erschließt sich mir dann nicht ganz. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich…

Wer gerne Kakerlaken isst, kommt in Thailand voll auf seine Kosten
Da auch in Thailand jeder Tag 24 Stunden hat, verteilen sich Highlights des Urlaubs auf einige wenige Events. Dazwischen legt man sich ziemlich häufig auf´s Ohr, schläft hier ein Stündchen, ruht da eine Weile und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Wenn man nicht schläft, isst man. Und abends trinkt man noch dazu. Dann schläft man wieder. Eigentlich ganz einfach, so ein einfaches Leben in der einfachen Natur.

Der Schlaf der Gerechten

Habe ich schon über das Wetter geschrieben? Das Wetter ist konstant wunderbar. Tagsüber 31-32 Grad, abends auf 26 Grad abkühlend. So warm ist leider auch das Wasser, zumindest am Strand. Aber das Meer meiden wir ja inzwischen beide…

Der Wind säuselt leise um uns herum und lässt uns auch die größte Hitze ertragen. Bisher hat es nur drei mal für kurze Zeit geregnet. Einmal fing es ausgerechnet in der Minute an, in der Sarah mitten in der Nacht an den Strand gehen wollte. Sie hat dann zwei Stunden in der Rezeption warten müssen, bis der Regenguss beendet war.

Im Hintergrund sieht man den Sturzbach aus der Decke plätschern

Ein paar Tage später ging abends ein weiterer Regenguss runter, während wir am Ao Sane am „Narrentisch“ saßen und gerade mit dem Essen fertig waren. Das Dach ist nicht sonderlich dicht, so dass wir alle ganz schön bedröppelt aussahen. Nach ein paar Runden „Wer wird Millionär“ auf dem iPad war das aber ganz schnell wieder vergessen. Millionär sind wir leider nicht geworden.
Der dritte Regen bestand nur aus ein paar Tropfen, die man gar nicht erwähnen sollte.

Infolge Sarahs Ängsten haben wir leider nicht sehr viele Sehenswürdigkeiten dieser Gegend besucht. Erwähnt seien der Riesenbudda, der ca. 30 Meter hoch auf dem Gipfel eines Berges steht, diverse Tempel, deren Besichtigung sich immer wieder lohnt, die Stadt Phuket an sich, das Aquarium mit den vielen Haien, die unglaublichen Einkaufszentren, die Nachbarstadt Patong und und und…

Aber ehe wir uns versahen, stand die Abreise vor der Tür. Da der Flug morgens um 9.35 Uhr ging, mussten wir sehr früh aufstehen. Deshalb ging unser letzter Abend am Ao Sane auch sehr früh zu Ende. Um 22.00 Uhr trotteten wir in unseren Bungalow, um die bereits gepackten Koffer zu verzurren. Lediglich das Waschzeug musste am nächsten Morgen noch eingepackt werden. Vor Mitternacht kamen wir irgendwie nicht zur Ruhe – und als um 5.00 Uhr der Wecker klingelte, war ich kurz davor, eine Woche dranzuhängen…

Um 5.40 verließen wir Baan Krating bei tiefer Dunkelheit. Das Autochen hatte jetzt rund 350 Kilometer mehr drauf, aber der Tank war fast leer. Auf dem Weg zum Flughafen musste ich ihn ohnehin wieder volltanken. Um kurz vor sieben waren wir am Flughafen. Die AVIS-Mitarbeiter begannen gerade ihren Dienst, als ich in ihr Büro eintrat. Die Rückgabe verlief schnell und unkompliziert. Danach die üblichen vielen kleinen Steps für Sarah: Einchecken, Passkontrolle, Gepäckkontrolle, warten, Boarding, 13,5 Stunden fliegen, ankommen, Passkontrolle, Zollabfertigung, Taxifahrt, ENDE.

Das Fazit:
Nach dem zehnten Mal in Nai Harn zieht es mich die nächsten Jahre wohl eher wieder an andere Ziele. Es gibt auf dieser Welt noch soviel zu sehen. Und ob ich mir noch mal eine Begleiterin mitnehme, steht auch in den Sternen. Wenn ja, muss doch so etwas wie eine Beziehung zwischen uns bestehen. Dazu kommt man sich einfach zu nah. Und wenn man sich dann nicht nahe kommen kann, ist das Ganze ziemlich enttäuschend. Wieder was gelernt.

 

Mit der Titanic in die Türkei

  1. Ein mehrseitiger Prospekt des Reiseunternehmers RSD („Reiseservice Deutschland“) fiel aus der Zeitschrift Titanic. Unter der Schirmherrschaft von niemand geringerem als dem TV-Journalisten Dieter Kronzucker warb das Unternehmen für eine Studienreise von Istanbul bis runter nach Antalya. Im Reisepreis eingeschlossen wären Flug, Transfer, Busreise, Reiseführer, sieben Übernachtungen und eben so viele Frühstücke. Ich schreibe den Preis jetzt nochmal hier hin: Der ganze Spaß sollte nur NEUNUNDNEUNZIG Euro kosten! Da fragt sich doch jeder: Wie soll das denn gehen? Die Antwort vorab: Es geht natürlich nicht. Es geht ganz und gar nicht. Es ist um ein Vielfaches teurer, aber dennoch als preiswert und vor allem „den Preis wert“ zu bezeichnen.

    Lecker Döner in Istanbul

    Doch der Reihe nach. Nachdem sich Dagmar sofort bereit erklärt hatte, mit mir diese Reise zu testen, habe ich bei „RSD“ angerufen. „Guten Tag, werter Titanic-Leser. Was kann ich für Sie tun?“ Angesichts der Aussicht, sieben Tage mit intelligenten Satire-Liebhabern und derer geschliffenen Konversationen zu verbringen, bat ich um zwei Plätze für je 99.- Euro. Nun stellte sich zunächst mal heraus, dass die 99.- Euro-Plätze „leider, leider“ schon ausverkauft seien. Frei waren nur noch diverse Termine, die für mich sehr ungünstig lagen und auch deutlich teurer waren. Je fortschreitender Kalenderwoche erhöhte sich nämlich der Preis ein wenig. Außerdem gab es Zuschläge auf bestimmte Termine und Abflughäfen. Um meine Arbeit nicht zu sehr im Stich zu lassen, wählte ich die Woche über Ostern (von Mittwoch bis Mittwoch). Die kostete jetzt schon 330.- Euro, was aber angesichts der zu erwartenden Leistungen immer noch als günstig zu bezeichnen war.

    Die Reiseunterlagen kamen wenige Tage vor Beginn der Reise. Es machte mich zwar ein wenig stutzig, dass die RSD-Werbung nun auch im Spiegel erschien, aber das war ja aus intellektueller Sicht kein Manko. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass der Prospekt aus so ziemlich jeder regelmäßigen deutschen Publikation fiel, einschließlich jeder besseren Hundezüchterzeitung, wäre ich vielleicht noch abgesprungen. So aber: Mut wird belohnt! 330.- Euro für die oben erwähnten Leistungen ist absolut unschlagbar, selbst in der Wintersaison.

    Inmitten der Hagia Sophia

    Und der Winter spielte uns ja in diesem Jahr wirklich übel mit. Minus zwei Grad waren es, als wir von unsrem Freund Eddie morgens um fünf abgeholt wurden, um uns zum Flughafen bringen zu lassen. Danke nochmals für diese heroische Leistung!

    Um pünktlich 7:45 Uhr stieg der Airbus A 320 auf. Das ganze Flugzeug war von RSD gechartert worden, so dass wir schon mal zwei Stunden Zeit hatten, uns unsere künftigen Gesprächspartner näher anzusehen. Vielleicht lag´s am frühen Morgen, vielleicht an meiner fehlenden Sensibilität, aber Titanic-Leser konnte ich beim besten Willen nicht ausmachen. Oder sie hatten sich sehr gut verstellt.
    In Istanbul wurden wir dann auf sechs verschiedene Busse aufgeteilt. „Aha“, dachte ich mir, „die Zuordnung der Passagiere findet erst jetzt statt.“
    Tat sie aber nicht. Vielleicht waren wir im falschen Bus oder es war kein einziger Titanic-Leser auf den Prospekt hereingefallen. Da man sich das Alter eines Satireblatt-Lesers nicht sonderlich gut vorstellen kann (lesen junge Leute überhaupt noch?), fand ich es nicht befremdlich, dass fast alle Mitreisenden der Generation 60+ angehörten. Gerade mal zwei Teenies fielen in dem Graukopfgewirr positiv auf. Wir die wohl hier reingeraten waren? Erschreckend auch die hohe Anzahl an Studienräten, die sofort an Cordhose (Mann) oder praktischer grauer Kurzhaarfrisur (Frau) zu erkennen waren. Immerhin hatten wir – dank einheitlicher Osterferien – viele deutsche Zungen an Bord: aus Franken, aus Schwaben, aus Saarbrücken und aus Hessen natürlich. Hochdeutsch sprach so gut wie niemand.
    Istanbul bei Nacht
    Doch, der Reiseleiter. Der sprach ein ausgesprochen gutes Deutsch. Hatte er in der Schule gelernt. Außerdem war er mit seinem Vater des Öfteren in Deutschland. TUNC hieß er, wobei man sich bei dem „C“ einen kleinen Haken unten dran denken muss, sodass man seinen Vornamen wie „Tunsch“ ausspricht. Der Nachname ist in der Türkei nur für Behörden von Interesse. Tunsch (ich schreibe ihn jetzt weiter so, um nicht zu verwirren und weil ich das Sonderzeichen auf meinem Laptop nicht finden kann…) zählte uns ab (insgesamt bis zum Ende der Reise gefühlte tausend Mal) und stellte sich vor. Ein typischer türkischer Macho – das war der erste Eindruck. Glatze, dicke Silberringe, sehr teure und modische Kleidung, exquisite Accessoires, dicke Tätowierung am Unterarm, ein Gang wie ein Seemann und ober-ober-ober-ober-cool. Optisch sah er ein bisschen aus wir der kleine Bruder vom Kölner Tatortkommissar Schenk. Als Türsteher würde er sich auch perfekt machen.
    Aber – wie so oft täuscht der erste Eindruck: Der Mann war gebildet, hatte Germanistik studiert und dann aus pekuniären Gründen in den Tourismus gewechselt. Was man ihm hoch anrechnen musste: Er hat uns die Türkei aus einer sehr westlichen Sicht vorgestellt, die den meisten Deutschen eher unbekannt sein dürfte. Die Vorstellung der meisten Deutschen resultiert aus durchaus oft grenzwertigen Erlebnissen mit türkischen Gastarbeitern. Die Türkei – jedenfalls, das, was wir gesehen haben -, ist eine hochmoderne Nation mit sehr demokratischen Ansichten. Auch wenn die derzeitige Regierung innerhalb der zehn Jahre, in denen sie jetzt regiert hat, versucht, der Bevölkerung eine konservativere Ansicht aufzudrücken, so werden diese vom Volk nicht umgesetzt oder anerkannt. Zumindest in den Großstädten (und den Tourismuszentren) läuft keine Frau mit Kopftuch rum. Das Gejaule aus den Lautsprechern der Moscheen blendet unser Gehirn schnell weg – außer morgens um halb fünf. Ist mir eh ein Rätsel, wer da schon aufsteht, um zu beten…
    Trümmerreste aus Troia
    Tunsch erklärte also im Bus den Reiseverlauf. Dann sprach er davon, dass es ratsam wäre, ein oder zwei Zusatzprogramme zu buchen, um wirklich in den vollen Genuss der Reise zu kommen. Denn wie wir ja wussten, waren bisher das Mittag- und Abendessen nicht im Preis enthalten. Um nun wenigstens das Mittagessen zu erhalten, sollten wir die Bosporus-Flussfahrt mit buchen. Das wäre ohnehin sehr empfehlenswert, weil aufgrund der Verkehrssituation in Istanbul die Busfahrt sonst drei bis vier Stunden dauern könnte. Also gut, warum nicht. 150.- Euro für sieben Mittagessen und eine Flussfahrt ist da ein fairer Preis. Ach ja, wenn man auch die Eintrittskarten zu den ganzen Sehenswürdigkeiten haben möchte, sollte man das Zusatzpaket zwei wählen, das außerdem acht Abendessen enthielt. 158.- Euro. Wer beide Pakete nimmt, zahlt 258.- Euro. Gebongt. Wie man eine Studienreise durchstehen soll, ohne Eintritt zu den Sehenswürdigkeiten zu haben, hat sich mir allerdings nicht ganz erschlossen. Aus den 99.- Euro waren jetzt schon 588.- Euro geworden.
    Tunsch verkaufte die Zusatzpakete so routiniert, dass absolut alle den Zusatzkosten zustimmten.

    Der Bus legte an der Bosporus-Brücke an und wir bestiegen eins der üblichen Ausflugsschiffe. Abreise war erst, als alle sechs Busse angekommen waren und die insgesamt 200 Passagiere einen Platz gefunden hatten. Inzwischen war es ca. 14.00 Uhr nachmittags und wir hatten gewaltigen Hunger. Um so dankbarer waren wir, dass Bedienstete des Schiffes warmes Käsebrot und Tee austeilten. Während Tunsch uns die Stadt erklärte, kamen wir ins Gespräch mit einem pensionierten Studienrat, der seine Landkarten aus dem ersten Gipskrieg mitgebracht hatte und von uns wissen wollte, wo jetzt eigentlich das „Goldene Horn“ sei? Google-Maps konnte das Problem schnell lösen. Die kleine Auskunft (und ein paar Mails) veranlassten die Deutsche Telekom allerdings, mich darauf hinzuweisen, dass mein Datenvolumen mittlerweile auf 40.- Euro angewachsen sei. Erschrocken stellte ich mein iPhone ab. Die Käsebrötchen und der Tee kosteten zu allem Überfluss dann auch noch 11.- Euro. Ein paar Mutige, die am helllichten Tag bereits RAKI in sich reinschütteten, mussten noch einiges mehr zahlen. Nun war uns klar, dass unsere beiden Zusatzpakete erst am Abend im Hotel beginnen würden.

    Stalagmiten und Stalagtiten, wo man hinschaut
    Und das war einfach toll. Das Hotel. Nur unsere Gruppe wurde hier eingecheckt. Keine weiteren Gäste. Ein kleines Stadthotel namens Listana hat uns mit dem Tag und den ganzen Zusatzkosten versöhnt. Tolles Zimmer, WLAN so schnell wie bei mir zu Hause, wunderbares Essen (serviert, kein Büffet!) und sehr freundliches Personal. Nur die Getränke gingen (natürlich) extra. Wir saßen an einem eigenen Tisch, die anderen vorsichtig belauernd. Wie ein Titanic-Leser sah da niemand aus. Der Herr Kronzucker hatte sich auch bisher noch nicht vorgestellt.
    Am nächsten Tag wurden wir um halb sechs geweckt. Und das sollte so in etwa jeden Tag die Zeit sein, an der man uns aus dem Bett schmiss.
    Ich erspare es mir jetzt, die ganzen touristischen Höhepunkte aufzuzählen, die wir nun jeden Tag zu sehen bekamen. Zum einen habe ich die meisten Namen schon wieder vergessen, zum anderen interessiert das jetzt nicht in diesem Blog. Man kann das wunderbar bei Wikipedia nachlesen oder Dagmar fragen. Wie immer, hat sie jedes Detail für immer gespeichert. Nur so ein paar Stichworte: Wir waren Troia (das Troianische Pferd hatte leider gerade eine Auszeit in der Werkstatt), wir haben den Taurus überquert, Antalya besichtigt und eine Unmenge kaputter Steine bestaunt. Das Fazit ist entscheidend: Es hat alles unglaublich gut funktioniert! Die Hotels hatten 4 oder 5 Sterne, das Essen war lecker, gesund und ausgewogen. Die Frühstücksbüffets waren ein Traum. Alle, ich betone ALLE Menschen um uns herum waren immer sehr freundlich und hilfsbereit. Tunsch verkürzte uns die teilweise längeren Fahrzeiten mit sehr unterhaltenden Geschichten. Besonders gelacht haben wir über seine Schilderung des türkischen Alltags.
    Die Frau steht sehr früh auf und räumt die Wohnung auf. Vielleicht waren am Vorabend Gäste da oder man hat etwas Raki getrunken. Dann weckt sie die Kinder, wäscht sie, macht ihnen Frühstück und sorgt dafür, dass sie in die Schule kommen. Nun darf auch ihr Mann aufstehen. Sie reicht ihm das Handtuch beim Waschen und lässt ihn in Ruhe frühstücken. Dann kümmert sie sich um ihren Haushalt, während der Mann ins Kaffee geht, um zu philosophieren. Das heißt, er liest die aktuellen Zeitungen und tauscht mit seinen Freunden Meinungen aus. Dazu trinkt man ein paar Tassen Tee, raucht die eine oder andere Zigarette und geht dann zum Mittagessen nach Hause. Der Nachmittag gestaltet sich ähnlich. Das soll nun nicht heißen, dass der Mann nichts zu tun hat. Er entscheidet die wirklich wichtigen Dinge, also welche Partei gewählt wird oder welches Fernsehprogramm man sieht.
    Das war wohl mal ein riesengroßer Tempel
    Dieser Vortrag – mit der tiefen und abgeklärten Stimme unseres Reiseleiters – kam besonders gut an. Wir kennen inzwischen seine ganze Familiengeschichte. Seine erste Frau war wohl zu emanzipiert, die zweite ist gerade noch so akzeptabel (was ihre Emanzipation betrifft). Als wir in Antalya ankamen, haben wir sie sogar gesehen: Eine sehr schöne Frau mit kleinem Baby. O-Ton Tunsch: „Es ist zwar ein Mädchen, aber heutzutage ist es doch die Hauptsache, dass es gesund ist. Man denkt inzwischen anders in der Türkei.“ Aja.
    Unser letztes Hotel in Belek (nähe Side) stand vor zwei Jahren noch ganz allein in der Landschaft. Inzwischen hat das 2000-Betten-Monstrum eine Menge Konkurrenz zu erwarten. Rings herum wird gehämmert und gebaut, dass es ein Graus ist. Unser Fünf-Sterne-Hotel hat sich den Namen redlich verdient, was Unterbringung und Essen betrifft. Am letzten Tag haben wir jede übrige Mark hier in irgendwelche T-Shirts oder Handtaschen gesteckt. Natürlich nur, um den Einzelhandel zu stützen.
    Die Bretter, die die Welt bedeuten, waren früher aus Stein
    Bei drei anderen Pflichtbesuchen waren wir aber standhaft. Tunsch hatte uns schon mehrfach darauf hingewiesen, dass man eine solche Reise zu diesem Preis, die bei „Studiosus“ oder „Dr. Tigges“ nicht unter 3500.- Euro zu bekommen ist, ein paar Abstriche machen muss. Abstriche nicht hinsichtlich der Unterbringung, des Essens oder der Reiseleitung. Es handelt sich um dieselben Busse (Mercedes, Baujahr 2003), dieselben Reiseleiter und auch dieselben Hotels. Billiger wird es, weil die Hotels oft auf die Übernachtungskosten verzichten, um ihr Hotel im Winter nicht schließen zu müssen. Da bringen die Getränke das Geld. Es wird billiger, weil das Kulturministerium ein paar Euro dazugibt, um die Angestellten in den Hotels zu halten und es wird billiger, weil der RSD die Touristen zu den verhassten Verkaufsshows karren muss. Da geht es um Leder, Gold oder natürlich Teppiche. Jeder Verkaufsstop kostet Zeit. Allein die Teppichshow hat uns drei Stunden unserer Lebenszeit gekostet. Es war wirklich eine Verkaufsshow allerbester Güte. Kein Hollywoodregisseur hätte das besser hinbekommen. Wie bei einem Feuerwerk rollten die Mitarbeiter Dutzende von Teppichen aller Größen, Farben und Designs auf. Der Vortrag des charismatischen Chefs brachte uns fast dazu, über einen neuen Teppich nachzudenken. Damit hätten wir Arbeitsplätze auf dem Land gesichert und der Landflucht entgegengewirkt. Die Knüpferinnen sind nämlich wie bei einer Aktiengesellschaft am Umsatz beteiligt. Ich habe trotzdem keinen Teppich gekauft, auch wenn mein Facebook-Eintrag zu diesem Thema den Schluss nahelegen könnte, dass ich zukünftig meine Toiletten mit Seidenteppichen auslegen werde. Schlimm war dagegen die Lederverkaufsshow am nächsten Tag. Man wollte den Eindruck erwecken, dass die Jacken und Mäntel in diesem Hause hergestellt würden, dabei handelte es sich lediglich um eine Verkaufsagentur. Eine Jacke, die anfangs 1600.- Euro kosten sollte, landete am Schluss bei 400.- Euro. Wir soll man bei einem solchen Preisverfall innerhalb kürzester Zeit noch Vertrauen in diese Firma haben? Bei der ähnlich funktionierenden Gold & Silber-Verarsche haben wir uns gleich ausgeklinkt, weil ich mich mit ein bisschen Fieber rausreden konnte.
    Links – das ist Tunsch, unser Reiseleiter alias Schenk Junior.
    Tja, erkältet waren wir wohl alle. In Deutschland – 2 Grad, in Antalya 25 Grad. Zwischendurch diverse Klimaanlagen und viele hustende und niesende Menschen.
    Kurz vor der Abreise ein weiterer Grund, warum die Kosten so günstig waren: Wecken um Mitternacht, Abfahrt zum Flughafen um 1.00 Uhr, Abflug um 4.05 Uhr.

    Unser Fazit: Wenn man ein paar Abstriche macht und sich nicht zu fein ist, auch mit Menschen aus weniger intellektuellen Kreisen umzugehen, ist diese Reise ein durchaus akzeptables Angebot.

Kuba – Auf den Spuren von Che Guevara

Che Guevara – wäre die Paraderolle für meinen Freund Wojo van Brouwer 

Ich habe kein Internet!

Ich habe kein Internet!

Ich habe kein Internet!

Und egal, wie oft ich das jetzt noch hier hin schreibe – es wird sich nichts daran ändern. Die nächsten beiden Wochen bin ich definitiv von der Außenwelt abgeschnitten.

Schluss mit „Facebook“; weder „Skype“ noch „What´s upp“; keine Sonderangebote von Pearl, GroupOn oder Conrad electronic, nicht einmal die Frankfurter Rundschau gibt’s zum Frühstück. Und wer weiß, ob es die überhaupt noch gibt, wenn ich aus Kuba zurückkomme.

Wie konnte das passieren?

Es fing damit an, dass Dagmar und ich beschlossen, zum Jahreswechsel nach Kuba zu fliegen. Silvester mit dem Buena Vista Social Club, Cuba libre bis zum Abwinken, 30 Grad im Schatten und feinstes karibisches Essen.

Neckermann machte es möglich – und so flogen wir am 29.12.2012 mit Condor nonstop nach Varadero. Dort wollten wir aber gar nicht hin, aber nach Havanna gab es leider keinen Flieger mehr. Also haben wir uns nach 11,5 Stunden Flug noch weitere zweieinhalb Stunden in einen Minibus gezwängt, dessen Federn schon vor langer Zeit ausgebaut worden sein mussten. Gegen Mitternacht (Ortszeit, was ziemlich genau sechs Uhr morgens zuhause entspricht) erreichten wir unser Hotel „DEAUVILLE“. Ein 15 Stockwerke hoher Kasten direkt am Atlantik, der ob seiner blauen Farbe und der doch sehr schmalen Grundfläche von weitem zu sehen ist. Es war Samstag Nacht und die Bude brummte. Disco im Haus, Bar überfüllt, junge Mädels auf der Suche nach dem Mr. Right, Touristen auf der Suche nach der Miss Night. Und ich war müde! (Und ohnehin längst aus dem Rennen…)

Blick aus dem siebenten Stock auf den Atlantik

Das Hotel muss direkt nach der Eröffnung sehr schön gewesen sein. Seitdem sind allerdings ein paar Jahrzehnte vergangen und nicht nur der Lack ist abgeblättert. Unser Zimmer liegt im siebten Stock, aber der Fahrstuhl öffnet sich nur im sechsten oder achten Stock. Der siebte klemmt. Nun gut, damit kann man leben. Auch, dass unsere Badezimmertür aufgrund eines fehlenden Schlosses nicht zu schließen ist und infolge irgendwelcher Schwerkraftgesetze stattdessen immer wieder handbreit aufgeht, gehört zu den Unwägbarkeiten des Alltags in Kuba. Schwerer wiegt dann schon, dass man uns kein warmes Wasser gönnt, obwohl auf einem Schild vor heißen 50 Grad gewarnt wird. Definitiv kein Hotel für Warmduscher. Dafür wird man mit einem geilen Blick über die Küste belohnt. Ein wilder, peitschender Ozean tut sein bestes, die letzten noch stehenden Prachtbauten mit seinem Salzwasser zu zersetzen. Ungefähr jedes dritte Gebäude droht zusammenzufallen. Es wäre vermutlich schon lange kein einziger Bau mehr übrig, wenn die Regierung nicht mit vielen Hilfsgeldern aus der ganzen Welt (natürlich außer den USA) versuchen, würde, den Verfall aufzuhalten.

Da Dagmar und ich sich selbst sehr dem Verfall nähern, machen wir erstmal die Augen zu und pennen sieben Stunden am Stück.


 

DER ERSTE TAG

Somit stehen wir um sieben wieder auf. Draußen ist es recht bewölkt und sehr windig. Daran wird sich den ganzen Tag nichts ändern. Die 30 Grad, mit der meine Wetter-APP geprahlt hat, sind eine glatte Lüge. 18-20 Grad sind es höchstens, und das auch nur in der Sonne. Im Schatten pfeift der Wind so kalt, dass es einen fröstelt.

Wir ziehen uns ein für kubanische Verhältnisse sehr umfangreiches Frühstück rein, trinken dazu einen schrecklichen Kaffee und machen uns dann auf die Suche nach einer Geldwechselstube. Es ist Sonntag, by the way. Brav folgen wir der Wegbeschreibung der Dame an der Rezeption, finden aber weit und breit keine Wechselstube. Auffällig ist, dass kaum Autos auf den Straßen unterwegs sind. Und wenn doch, sind rund ein Drittel davon bekanntlich schon 50-60 Jahre alt und kommen aus den USA. Ein weiteres Drittel sind russische Ladas aus allen Jahrzehnten. Das letzte Drittel – die etwas neueren Wagen sind meist Taxen oder Mietwagen und von Hyundai, Peugeot und VW. Vor unseren Augen platzt einem dieser Uralt-Karossen (so schön sie auch aussehen, so kaputt sind sie leider) ein Reifen. Auf der Felge rutscht die Karre rund 50 Meter weit, bis sie stehen bleibt. Die Fahrgäste steigen kreidebleich aus und suchen das Weite. Der Chauffeur wird ´ne Weile brauchen, ein Ersatzrad samt Reparatur der Hinterachse zu organisieren.

Alte Autos ohne Ende

Was außerdem sofort auffällt: Es gibt keine Werbeplakate! Keine Coca-Cola-Werbung, keine rauchenden Cowboys, keine Werbung für irgendwas. Keinerlei Leuchtreklame oder zuckende Neonschilder. Höchstens ab und zu ein paar kluge Worte von Che oder Fidel, aber auch die muss man mit der Lupe suchen.

Da ich ja schon mal in Kuba war, finde ich auf Anhieb die Altstadt wieder, also den Teil der kubanischen Hauptstadt, für den es vor allem sich lohnt, die Stadt zu besuchen. Im Zentrum, an der großen Kathedrale, tummeln sich schon die ersten Touristen sowie die fein rausgeputzten Darsteller kubanischer Großgrundbesitzer, die sich gerne gegen Kohle ablichten lassen. Alle haben dicke Zigarren im Mund, selbst die Frauen. Mich wundert allerdings, dass diese Zigarren gar keinen Rauch absondern, obwohl sie so aussehen, als wären sie angezündet. Wahrscheinlich sind sie aus Holz.

Wir haben Durst, aber kein Geld. Die angekündigte Wechselstube haben wir wohl übersehen und die Banken haben sonntags geschlossen. Also fragen wir in einem der vielen Hotels, die sich in der Altstadt befinden, ob man uns Geld wechseln könnte. Die Antwort ist ein glattes nein, aber genau gegenüber wäre doch eine Wechselstube. Und dann fällt es uns wie Schuppen aus den Haaren: Der Menschenauflauf gegenüber sind gar keine Touristen, sondern Wechselkunden, oder wie man das nennen soll…

Die Schlange vor dem offiziellen Wechselbüro ist gut 20 Meter lang, wird aber relativ schnell abgearbeitet. Zum Wechseln der Euroscheine muss man als Tourist einen Pass vorzeigen (eine Fotokopie wie in unserem Fall reicht allerdings auch). Dann wird sorgfältig notiert, wie viel Geld der wohlfeile Herr Ehrhardt und die ebenso wohlfeile Frau Glenk denn nun eingewechselt bekommen haben.

Das mit dem Geld ist in Kuba ein bisschen komplizierter als im Rest der Welt. Kuba ist eigentlich ein sehr armes Land. Und wenn man den Touristen das Leben genau so günstig anbieten würde wie es das Einkommen des gemeinen Kubaners zulassen würde, wäre Kuba von Schmarotzern längst aufgefressen worden. Also hat man eine zweite Währung eingeführt, die (eigentlich) nur für Touristen gilt. Sie heißt CUC, und ist genau 24 mal mehr wert als der einheimische kubanische Dollar (CUB). So rennt also jeder Kubaner alle paar Tage zur Bank und tauscht seine inzwischen „verdienten“ CUCs in CUBs. Im Gegensatz zum Touristen bekommt er seine Lebensmittel nur auf Schein, dafür aber eben sehr günstig. Angeblich muss kein Kubaner hungern. Steuern zahlt er auch keine und sein Haus oder seine Wohnung hat ihm der Staat geschenkt! Alle verdienen mehr oder weniger gleich viel (oder gleich wenig), was in der Realität zu einer großen Zufriedenheit der Mehrzahl der Bewohner geführt haben soll. Nun kann man ja denken, dass jeder Kubaner, der auf irgendeine Weise an die CUCs kommt, dafür 24 mal so viele CUBs bekommt und demnach förmlich im Geld schwimmen müsste. Tatsächlich bezahlt er aber dafür, irgendein kleines Geschäft führen zu dürfen, gründliche Lizenzgebühren an den Staat. Ein Zimmervermieter muss beispielsweise pro Zimmer 150.- CUCs Lizenz pro Monat zahlen – egal, ob jemand in seine Datsche einzieht oder nicht. Und der Kneipier zahlt nicht nur viel höhere Lizenzen, sondern auch den Einkauf der teuren Spirituosen, die ihm die Touris dann wegtrinken. Für CUBs bekommt er nichts Gescheites. Es ist also alles so ähnlich wie in der ehemaligen DDR. Nur gegen die entsprechende Währung bekommt man alles. Eine Menge ökonomischer Neuerungen, die Fidel Castros Bruder Raoul eingeführt hat, ermöglichen den Kubanern inzwischen also kleinere Geschäfte auf eigene Kasse. 225 Berufe dürfen die Kubaner inzwischen auf eigene Rechnung ausüben. Vom Friseur bis zum Taxifahrer. Bis Ende 2014 will die Regierung 200.000 Bürger „verselbstständigen“. Es geht aufwärts, heißt es. Mal sehen, ob wir das verifizieren können. Für die Kubaner stirbt die Hoffnung zuletzt.

Der Zahn der Zeit nagt langsam am Eingemachten

Durch Zufall haben wir die Hauptstraße der Altstadt gefunden und taumeln ziellos in und her. Im „CAFÉ PARIS“ dann endlich ein richtiger Kaffee. Ein leckerer Capuccino bringt uns wieder auf die Beine. Eine halbe Stunde später entdecken wir vor dem „CAPITOL“, das ist eine Kopie des amerikanischen Original-Capitols von Cubas früherem Menschenschinder „BATISTE“, einen offenen Doppeldeckerbus. Für gerade mal 5 CUCs dürfen wir damit den ganzen Tag durch die Gegend fahren und uns Havanna von allen Seiten ansehen. Das machen wir natürlich und klappern Viertel für Viertel die Stadt ab. An der Küstenstraße werden wir leider oft nass gespritzt, weil die Wellen inzwischen einen Gang zugelegt haben und bis in den ersten Stock unseres Busses spritzen. Wir sehen traumhafte Wohnviertel, größtenteils renoviert oder zumindest bewohnt, sehen aber auch viele zerbröselte Bauwerke, deren Wiederaufbau Unsummen verschlingen wird. Die Unesco mit Ihrem Weltkulturerbe arbeitet ja daran, Kuba wieder auf Vordermann zu bringen, was die Bausubstanz angeht. Kuba hat übrigens rund 11 Miliionen Einwohner, von denen rund 2,3 Millionen alleine in Havanna leben. Wir sehen den riesigen Friedhof mit seinen Tausenden von Mausoleen und Grabsteinen, wir bewundern das Delfinarium mit seinem Wasserpark, wir staunen über so eine Art „Platz der Republik“, der wohl für politische Kundgebungen gedacht ist und von politischen Bauten umzäunt ist, von dessen Hauswänden abstrakte Metallprofile der beiden Übermenschen Che Guevara und Fidel Castro prangen.

 
Fidel aus Metall

Aus lauter Bequemlichkeit steigen wir nie aus, obwohl es sich bei dem Bus um so eine Art „Hop On – Hop Off“ – Bus nach westlichem Vorbild handelt. Immer wenn wir in die Küstennähe kommen, wird es eisekalt und dere Wind zerzaust uns die Frisuren. Nur selten scheint uns die Sonne auf den Schädel. Zum Glück, muss man sagen, haben wir doch beide nach der Tour einen gehörigen Sonnenbrand im Gesicht. Irgendwo hört die Tour unvermittelt auf – wir sollen bitte einen anderen Bus besteigen. Da wir bisher noch nicht einmal ein Ticket bekommen haben, würde dies bedeuten, im neuen Bus erneut zahlen zu müssen. Das wollen wir nicht und laufen dann doch lieber noch mal durch die Hauptstraße der „Vieja“, der Altstadt. Durch das systematische Erkunden der Stadt mit dem offenen Doppeldecker haben wir jetzt auch einen ziemlich guten Plan der Metropole im Kopf. Nach weiteren gefühlten 20 Kilometern Fußmarsch (OK, es waren höchstens zwei Kilometer…) halten wir dann doch so eine amerikanische Kiste an, die uns schnell und einigermaßen komfortabel ins Hotel bringt. Auf die Frage nach den Fahrtkosten überlässt uns der Fahrer, den Preis selbst festzulegen. Ich biete ihm drei CUCs und er bedankt sich überschwänglich. Dass er uns damit eher verhöhnt hat, merken wir erst im Lauf der Tage, da die Fahrt mit dem Amischlitten in der Regel um die zehn CUCs kostet. Daggi ist ziemlich groggy und legt sich kurz aufs Ohr, während ich mich an den Pool setze, einen Cuba Libre schlürfe und die ersten Seiten dieses Blogs schreibe.

Später erkundige ich mich in einem kleinen Büro über der Rezeption unseres Hotels, was man denn so an Touren buchen könnte. Und schon überredet mich die Dame, heute Abend zunächst einmal zu einem Konzert vom „Bueno Vista Social Club“ zu gehen, für lausige 30 CUCs pro Person. Sogar der Enkel des Gruppenbosses wäre dabei sowie eine Menge anderer Superstars dieser einschlägigen Musikrichtung. Beginn 21.45 Uhr im Havanna Rum Museum irgendwo im Hafen.

 
Schöne Plätze findet man in der ganzen Stadt

Ich bin so aufgekratzt, dass ich Dagmar wieder aus dem Schlaf reiße und ihr die Neuigkeiten erzähle. Dem Mädel geht es gar nicht sonderlich gut. Obwohl wir den ganzen Tag Bus gefahren sind, hat sie Zug abgekriegt. Aber das verlockende Abendprogramm bringt sie dann doch dazu, wieder auf die Beine zu kommen. Also wieder mit dem Taxi in die Altstadt, ins „CAFÉ PARIS“ und dort fürstlich zu Abend gegessen. War zumindest der Plan. Leider war die Musik extrem laut und das Essen extrem schlecht. Wir hätten Nudeln oder Pizza bestellen sollen, die sahen ganz ordentlich aus, aber meine Fleischplatte mit undefinierbaren Fleischfetzen längst verstorbener Haustiere wäre dann doch eher für die Fütterung derselben als zu meiner leiblichen Erbauung geeignet gewesen.

Weil es so voll war, platzierte uns der Kellner ein Pärchen aus deutschen Landen, sogar aus Frankfurt an den Tisch. Frankfurt an der Oder allerdings, wie wir schnell am Dialekt gemerkt haben. Die beiden hatten über Weihnachten ihre Tochter besucht, die hier in Kuba wohl ein paar Monate zu leben gedachte. Die beiden waren recht sympathisch und wir hatten dann zwei Stunden lang eine nette Unterhaltung, wenn sie sich auch eher schreiend als sprechend vollzog. Die Band war wirklich sehr laut.

Kurz vor neun mussten wir uns dann verabschieden, um noch einen guten Platz im „Museum des Kubanischen Rums“ zu ergattern. Auch hier blieb uns nur eine Taxifahrt übrig. Je später der Abend, desto teurer wurde übrigens auch das Taxi.

Das Museum entpuppte sich als grandiose alte Villa im spanischen Stil mit einer tollen Einrichtung. Wir bekamen zwei recht ordentliche Plätze zugeteilt und durften zur Begrüßung jeder einen „Mojito“ verputzen. Pünktlich um 21.45 Uhr begann das Spektakel, das auch ganz wunderbar war mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es sich leider nicht um den Original Buena Vista Social Club mit seinen vielen Hundertjährigen handelte, sondern „nur“ um den Enkel eines der ehemaligen Mitglieder, der ein paar Jungs und Mädels zur Unterstützung mitgebracht hatte. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, diverse Mojitos brachten die Besucher zum Mitklatschen und Mittanzen. Sogar Zigarren wurden unentgeltlich verteilt. Ich Depp habe dankend abgelehnt, weil ich ja Nichtraucher bin. Dagmar, ebenfalls nicht (mehr) qualmabhängig, hat sich die Zigarre mitgenommen und wird demnächst irgendeinen Bekannten damit erfreuen. Knapp zwei Stunden lang wurden wir vortrefflichst beschallt, dann wurde es Zeit, nach Hause zu fahren. Das Taxi sollte plötzlich 10 CUCs kosten, obwohl das ganze Auto höchstens noch 9 CUCs wert war. Da sind wir doch lieber ein paar Meter gelaufen und sind dann mit einem anderen Taxi, das trotz seiner 30-jährigen Geschichte noch nie eine Werkstatt gesehen haben konnte, für nur 5 CUCs nach Hause gefahren.

Das Wasser war immer noch kalt, das Klopapier alle und die hauseigene Disco machte durch bis morgen früh. Egal, schön war´s doch.


DER ZWEITE TAG

Der zweite Tag in Havanna, aber schon der dritte Tag ohne Internet. Außerdem klappt das mit der SMS bei meinem Handy nicht. Ich kann zwar SMS empfangen, aber nicht versenden. Weiß der Geier, wo die Jungs bei Apple da wieder einen kleinen Schalter versteckt haben, dessen Funktion einem nicht einleuchtet. Ach ja, mein Plan, mit einem alten iPhone 4, das nicht mehr mit der Telekom „verheiratet“ ist und einer kostengünstigen SIM-Karte zu sozialistischen Brüderpreisen zu kommunizieren, ist leider auch geplatzt. In Kuba gibt es keine Mini-SIMS. Die SIMS, die es gibt, darf man nicht zerschneiden, weil man sie zurückgeben muss. Außerdem ist Telefonieren sauteuer. Pro Tag sechs CUCs plus die normalen Telefonkosten, die bei Transatlantikgesprächen schnell einen (kubanischen) Monatslohn ausmachen. Die Telekomiker verlangen „nur“ 2,88 Euro pro angefangener Minute für abgehende und 1,78 Euro für eingehende Ferngespräche. In meinem eMail-Fach müssten jetzt schätzungsweise 400 Mails liegen, davon 350 SPAMs und 50 Jahreswechselwünsche. Alle, die sich gewundert haben, warum ich ihre Wünsche so permanent unbeantwortet gelassen habe, wissen jetzt also, warum.

Um neun erscheinen wir im Frühstücksraum. Viele andere leider auch. Wir müssen warten, bis ein Tisch frei wird. Danach buchen wir eine erste Tour für den kommenden Mittwoch und laufen zu Fuß ins Stadtzentrum. Dagmar geht es zwar wieder etwas besser, dafür kann sie aber nicht mehr reden. Stimme weg. Böse Zungen werden jetzt behaupten, da solle man doch dankbar sein und mich um mein Glück beneiden, aber das wäre doch etwas kurz gedacht. Irgendwie fehlt mir ihr Geplapper. Sie kann jedenfalls so gut wie gar nicht mehr reden und muss ihre Stimme schonen. Das weckt natürlich den Beschützerinstinkt in mir.

Wir bummeln also stadteinwärts auf einer Straße, die Touristen üblicherweise nicht zu sehen bekommen. Hier sind die Preise nicht in CUCs, sondern in CUBs angegeben. Die Gebäude sind leider auch alle ziemlich baufällig, die Straßenbeläge und Bürgersteige brüchig und es ist sehr wenig Farbe im Spiel. Wenn man sich die Häuser genauer ansieht, kann man ahnen, welche Prachtbauten das früher waren, aber viel ist davon derzeit wenig zu sehen.

Wir wollen eigentlich das „CAPITOL“ besichtigen, aber da wird derzeit gebastelt, so dass wir enttäuscht wieder Richtung Altstadt laufen. Plötzlich werden wir von der Seite von einem jungen Pärchen angequatscht. Wie es uns geht, woher wir kämen, wie wir Havanna fänden – die ganze Litanei. Dagmar ist ein sehr höflicher Mensch und hat bereitwillig alle Fragen krächzend beantwortet. Ich bin noch sehr zurückhaltend – man liest ja immer wieder, wohin so was führt. Ausraubung, Folter, Vergewaltigung, Tod auf einer Müllhalde.

Nun, die beiden sind zugegebenermaßen sehr nett und sympathisch und überreden uns, irgendein Tanzlokal anzusehen, in dem Rumba oder Salsa oder beides getanzt würde (was mich übrigens nicht im geringsten interessiert). Das Lokal – rund 200 m entfernt, ist natürlich geschlossen, aber gaaanz zufällig ist eine gaaanz tolle Kneipe direkt nebenan, in die uns die beiden auf einen – alkoholfreien! – Mojito einladen. Wir kommen also ins Gespräch. Er ist Koch in einer Grundschule, sie ist Kindergärtnerin. Beide verdienen so etwa 350 CUBS im Monat. Etwa 15 CUCs sind das – oder elfeinhalb Euro. Im Monat! Das Essen ist umsonst und rationiert, die Wohnung wurde ihnen vom Staat geschenkt, das Wort Steuern kennen sie nicht. Aber 350 CUBs reichen natürlich vorne und hinten nicht. Das Mädel bittet Dagmar, mit ihr zusammen Milchpulver für ihren kleinen Jungen zu kaufen, weil die Zuteilungsmenge dem Kind einfach nicht ausreicht. Das Pulver gibt es aber nur gegen CUCs, die sie nicht hat. Daggi hilft ihr natürlich und ist im Nu 24 CUCs los. Dafür hat das Kind jetzt wochenlang zu trinken. Ihr Freund oder Mann bittet mich zum Glück nicht, ihm ein iPhone oder ein Auto zu schenken. Aus Dankbarkeit, so günstig weggekommen zu sein, zahle ich natürlich die Gesamtrechnung. 44 CUCs haben die beiden alkoholfreien Runden Mojito gekostet, da cucste!

 
Ein nettes Paar

Ich will nicht diskutieren und zahle den Wucher. Wahrscheinlich macht der junge Mann mit dem Wirt halbe halbe. Egal, war ein nettes und informatives Gespräch über die Schattenseiten des Sozialismus. Und die Gefahr, dass uns die beiden in Deutschland besuchen kommen, jetzt, da Raoul Castro die Reisefreiheit angekündigt hat, ist auch nicht besonders groß. Allein für das Flugticket müssten die beiden rund 10 Jahre sparen, ohne auch nur einen einzigen CUB ihres Gehaltes auszugeben. Fairerweise muss gesagt werden, dass uns die beiden offensichtlich in ihr Herz geschlossen haben, denn wir beide werden innig umarmt, als wir uns dann vor der Kneipe von ihnen verabschiedeten. Und wer weiß, vielleicht sehen wir sie ja wieder: Das Mädel hat Dagmar eine Liste besonders schöner Kneipen, Restaurants und Sehenswürdigkeiten aufgeschrieben, die wir wahrscheinlich auch noch abklappern werden.

Die vielen ungeplanten Ausgaben haben unseren CUC-Bestand schneller schmelzen lassen als wir das vorhatten. Also bleibt uns nichts anderes übrig als uns wieder in die Schlange vorm Geldwechselinstitut einzureihen. Leider ist die diesmal bedeutend länger. Eine Stunde und vierzig Minuten brauchen wir, um unsere paar Euros in die konvertible Landeswährung umzutauschen! Um viertel vor drei bekommen wir dann endlich unser Mittagessen, aus unerfindlichen Gründen sind wir wieder im „CAFÉ PARIS“ gelandet. Ich will Spaghetti, aber die sind alle. Daggi will eine bestimmte Pizza, aber die gibt es auch nicht mehr. Außerdem spielt eine neue Band am laufenden Band kubanische Guantanameras. Ein Taxi bringt uns ins Hotel, wo wir einen großen Batzen des Geldes gleich wieder für eine weitere Tour am Donnerstag und Freitag ausgeben. Im Moment ruht die Dame des Hauses und ich sitze bei einem Bier am Pool und tippe diese Zeilen.

Heute ist Sylvester und wir wollen ja noch was erleben! Wir haben nichts fest gebucht. Der Plan lautet: Rumziehen, zugucken, zuhören, trinken, lachen und das neue Jahr begrüßen. Wie´s wirklich war, schreibe ich dann morgen…


SILVESTER

So gegen 19 Uhr ziehen wir los. Erstaunlicherweise steht kein Taxi vor der Tür, nur ein sogenanntes „Coco“, eine von diesen Plastik-Minikisten mit Nähmaschinen-Motörchen, die beim leisesten Windstoß umfallen. Unser Reiseführer „Marco Polo“ hat uns die Nutzung dieser Organspenderkutschen nicht empfohlen – also nehmen wir mal wieder den Fußweg in die Altstadt. Wir gehen durch eine für uns neue Straße, die offensichtlich für die einheimische Bevölkerung gedacht ist. Günstige Kleidergeschäfte, kleine Cafes und selbst komplette Kaufhäuser säumen die Straßenränder. Dafür nagt leider überall der Zahn der Zeit. Auch hier sieht alles aus, als würde es jeden Moment vor unseren Augen zerbröseln. Ich mache ein paar Fotos von der Elektroinstallation in den Häusern, bei deren Anblick jeder gelernte Elektriker augenblicklich in Ohnmacht fallen dürfte, so wild wird hier kreuz und quer – ohne jede Isolierung oder Abdeckung – frei verkabelt. Die meisten Steckdosen haben 110 Volt, nur neuere Bauten bieten schon 220 Volt an. Für unsere Handy-Netzteile ist dies von untergeordneter Bedeutung, da deren Schaltnetzteile immer automatisch die richtige Spannung und Stromstärke zur Verfügung stellen, die zum Laden der Geräte benötigt werden. Nur mit dem Fön haut es leider nicht hin. Der lässt sich nicht auf 110 Volt umstellen und pustet daher nur mit halber Kraft durch mein schütteres Haar. Na ja, dann passt es ja wieder.

 
Die sehen schöner aus als sie fahren

Kurz vorm „CAPITOL“ versucht ein Pärchen mal wieder, den Trick des Vormittags bei uns anzuwenden. Aber wir sind ja nun gewarnt und können uns der „Empfehlungen“ der Touristenjäger erwehren und die beiden schnell abschütteln. Da es noch etwas zu früh für das Abendessen ist, versuchen wir, im Cafe „FLORIDATA“ einen Drink zu bekommen. Das ist das wohl berühmteste Cafe der Altstadt, weil sich dort ein gewisser Ernest Hemmingway regelmäßig die Kanne gegeben hat. Aber leider kommen wir nicht rein, da das Lokal heute nur für Essensgäste geöffnet ist. Also weiter. In der uns nun schon sehr vertrauten Hauptstraße des Viertels finden wir auch bald ein sehr schönes Lokal, das für 20 CUCs ein umfangreiches Silvestermenü anbietet. Es gibt einen Willkommenscocktail, ein Süppchen, Fleisch – oder Fischbatzen, Nachtisch und Cafe. Wir trinken Mojitos und Bier. Schnell füllt sich das Lokal und genauso schnell steigt die Lautstärke um uns herum an. Wenn es in Havanna eine Regel für erfolgreiche Gastronomie gibt, dann lautet sie: je lauter, desto besser. Wenn um einen herum nicht mindestens die Lautstärke eines startenden Jumbojets herrscht, fühlt sich der Kubaner nicht wohl. So auch hier. War schon die Musik aus den quäkenden Lautsprecherboxen eine Zumutung, wird es mit dem Aufspielen der obligatorischen Band zur Qual. Leider haben die Jungs auch einen Querflötenspieler dabei, dessen Gefiepse jeden Tinnitus in den Schatten stellt. An Unterhaltung ist nicht mehr zu denken. OK, Dagmar kann ja sowieso nicht mehr reden. Jeder Versuch einer Äußerung wird mit starken Halsschmerzen bestraft.

Wenigstens gibt´s was für´s Auge: eine 1:1-Kopie der unsterblichen Romy Schneider taucht zusammen mit ein paar Freunden auf, um ebenfalls hier zu feiern. Das hübsche Wesen flirtet mit den Musikern, dass es schon fast peinlich ist. Sie tanzt mit der Band, in der Band, vor der Band und reißt ihre ganzen Kumpels und viele andere Touristen mit. Ein kurzes Video von ihr stelle ich demnächst mal ins Internet. Inzwischen ist es zehn und wir wechseln das Lokal. Auch hier ist es so laut, dass wir nicht lange bleiben. Im dritten Lokal (bei weiteren Mojitos) halten wir es auch nur eine halbe Stunde aus. Das Touristenviertel ist am Überquellen. Vor der Kathedrale soll ein großes Spektakel stattfinden. Da der Eintritt (samt Silvestermenü)130.- CUCs betragen hätte, haben wir davon Abstand genommen. Aber jetzt, so kurz vor Mitternacht, wollen wir versuchen, einen Blick auf die Tänzerinnen und Tänzer zu werfen. Leider ist es nicht möglich, da die Veranstalter den Platz ringsum hermetisch abgeriegelt haben. Durch einen Schlitz kann man wenigstens von der Seite ein paar Sekunden lang zusehen, was da auf der Bühne gezeigt wird. Es ist definitiv keine 130.- CUCs wert. Also ab in die „LE BODEGUITA DEL MEDIO“ – den anderen Ort in Havanna, den Ernest Hemingway mit seinem regelmäßigen Besuch veredelt hat. Aber auch hier drin ist es so laut und überfüllt, dass wir nach wenigen Minuten das Weite suchen. Plötzlich entdecken wir ein Restaurant, das wir bisher noch nicht gesehen haben. An der Bar sind noch Plätze frei, die Musik ist erträglich und der Mojito schmeckt vorzüglich. Auch hier tritt nach ganz kurzer Zeit wieder eine Band auf. Diese drei Herren haben aber einiges mehr drauf als die meisten Bands, die wir bisher anhören mussten. Fairerweise lassen sie „Guantamera“ weg und bekommen dafür auch ein dickes Trinkgeld.

Getanzt wird immer, überall.

Mitternacht naht. Die Wirtin bereitet bereits Drinks für alle Essensgäste vor, zu denen wir ja nicht gehören. Also bestelle ich nochmals zwei Mojito und gehe mit Dagmar vor die Tür, um den Jahreswechsel abzuwarten (In Deutschland ist es übrigens bereits sechs Uhr morgens). Um Punkt zwölf hören wir 12 Kanonenschüsse im Abstand von etwa zwei Sekunden. Weintrauben werden nicht gereicht – diesen Brauch scheint es nur in Spanien zu geben. Wir stoßen miteinander an, sonst mit niemandem. Wir sind allein in der Fremde. Im Lokal läuft eine Art Neujahresvideoclip mit Fidel persönlich. Er hält keine Rede, sondern ist nur in vereinzelten Filmausschnitten zu sehen, die alle schon sehr alt sein müssen. Der Sprecher beschwört dazu den Sozialismus, lobt die Revolution und dankt Fidel. Che und Raoul Castro für ihre Unterstützung. Die Umstehenden klatschen in die Hände und weinen hemmungslos. Ich habe auch Tränen in den Augen. Die Macht der Medien ist immer wieder eindrucksvoll.

Was nun?

Da wir niemanden kennen, Dagmar nur noch krächzt und wir beide keine Lust auf weitere fünf Stunden Krach mit Mojito haben, beschließen wir, den Abend zu beenden. Gleich das erste Taxi, das wir sehen, ist frei und fährt uns ins Hotel zurück. Es ist ein Chevrolet, der im selben Jahr gebaut wurde, in dem Dagmar zur Welt kam. Man muss fairerweise sagen, dass Dagmar bedeutend besser in Schuss ist als der Chevrolet, ihr Fahrgestell niemals klappert und bei ihr auch nirgendwo der Lack abplatzt. Außerdem verbraucht Dagmar bedeutend weniger Sprit. Obwohl – da bin ich mir jetzt nicht ganz so sicher…

Jedenfalls trinkt Dagmar an der Bar noch ein Bier; ich schaffe kein Getränk mehr. Nicht aus Gründen übermäßigen Alkoholgenusses, sondern weil die viele Säure der Mojitos meinen Magen einfach überreizt hat.

Das war Silvester, brav wie selten.


NEUJAHR

Wir hatten uns vorgenommen, den Tag mal so richtig ruhig anzugehen. Also spät aufstehen, schön frühstücken und dann einfach ein bisschen rumzubummeln. Dagmar legte sich nach dem Frühstück noch einmal hin und schlief bis Mittag durch. Ich nutzte die Zeit, um doch noch einmal eine Internetverbindung zu bekommen. Im Hotel gab es zwar vier Rechner, mit denen man theoretisch ins Internet kommen könnte, aber entweder waren die besetzt, defekt oder es gab keinen Zugang. Heute am ersten Januar war es anders. Die Rechner waren frei, es gab eine Codekarte für 6 CUCs für eine Stunde Verbindungszeit. Die Hälfte davon verbrauchte ich, um überhaupt auf mein Mailkonto zu kommen. Dort waren inzwischen ca. 180 Mails eingetroffen, also deutlich weniger als befürchtet. Das Anzeigen einer Mail dauerte ca. 30 Sekunden, Antworten abschicken doppelt solange. Manchmal blieb das Ding aber auch einfach stehen und es passierte nichts mehr. Das Löschen mehrerer Mails auf einmal führte ständig zu Fehlermeldungen. Außerdem war die Maus kaputt. Nach einer Stunde hatte ich gerade mal fünf Mails gelesen und beantwortet. Raoul, ich schreibe es hier noch einmal deutlich: da besteht Handlungsbedarf! So schön Kuba ist, ohne Internet fühlt man sich hier wie im letzten Jahrhundert.

 

Ich ging frustriert ins Hotelzimmer, wo Dagmar sich gerade ausgehfein gemacht hatte, wir wollten ja noch ein bisschen rumbummeln.

Es wurde dann doch wieder ein Fußmarathon. Wir liefen die Küstenstraße, die sogenannte „MALECON“, westwärts so weit wir konnten. Dann links ab in Richtung Zentrum. In einem großen Hotel, das ich noch von meinem letzten Kuba-Aufenthalt kannte, speisten wir zu Mittag. Dann weiter zu Fuß durch die Stadt. War irgendwie nicht sonderlich prickelnd, da heute nicht nur Neujahr war, sondern auch ein nationaler Feiertag. Das bedeutete, dass nahezu alle Geschäfte geschlossen und alle Einheimischen zuhause waren oder auf der Straße rumstanden. Also doch wieder ins Touristenviertel in der Altstadt! Da der Weg dorthin zu Fuß nun doch ziemlich lang war, nahmen wir ein menschliches Taxi, also ein Fahrrad mit Fahrer, der uns bis zum „CAPITOL“ strampelte.

 
Taxi mit 1 MS (=Menschenstärke)

Der Mann kam ganz schön ins Schwitzen, was ihm aber nicht geschadet hat, denn wie so viele Kubaner hatte er eine Menge Speck zuviel am Körper. Ich weiß, wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen, aber es muss doch mal gesagt werden: Vor allem Havannas Damen scheinen sich ausschließlich von Zucker und Fett zu ernähren. Je dunkler die Hautfarbe, desto schwerer der Körper. Damit man das Gewicht auch schön sehen kann, schmücken sich die dicken Damen mit hautengen knallbunten Klamotten, die aber auch jede Speckfalte schön zur Geltung bringen. Vor allem Netztstrümpfe mit rausquellenden Fettpolstern scheinen kubanische Männer glücklich zu machen. Und die Rocklängen verkürzen sich analog zum Umfang der Trägerin. Je fetter, desto kürzer. Ich hoffe, dass wir in Deutschland vor dieser Mode verschont werden.

Klar, es gibt auch sehr viele sehr schlanke Mädchen. Vor allem die ganz jungen, so bis 18, 19 Jahren haben noch ihre Traummaße. Das sind auch die, die in unserem Hotel jeden Abend die Discothek aufsuchen, um sich dort bei ein paar Longdrinks in Exstase zu tanzen. Dabei tragen sie Schuhe, die eigentlich dem Kriegswaffengesetz unterstehen müssten. Stilettos mit meterlangen Absätzen und Klumpschuhe, auf denen beim besten Willen kein Mensch jemals grazil laufen kann. Die Musik unterscheidet sich übrigens kaum von der üblichen Musikmatsche, die wir auch bei uns im Radio derzeit angeboten bekommen, nur eben auf spanisch. Vielleicht kommt noch ein Abend, an dem ich angetrunken genug bin, mich in unsere Discothek mal selbst reinzutrauen…

 
Der Strom liegt über der Straße

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, wir waren wieder in der Altstadt. Heute hat man uns ins „FLORIDATA“ eingelassen. Das Lokal Hemmingways, wie schon erwähnt. Der Meister persönlich saß an der Theke. Nein, das geht ja nicht – der hier war aus Messing, sah aber absolut lebensecht aus. Viele Touristen ließen sich mit ihm fotografieren. Wir schlürften zwei Daikiri – der übrigens hier erfunden wurde – und ertrugen wie üblich die Band, den CD-Verkauf und „Guantamera“.

Weiter im Programm:

Zum xsten Male bummelten wir durch „unsere“ Straße, immer wieder was Neues entdeckend. Die Wechselstube war selbst heute geöffnet und die Schlange davor nur wenige Meter lang. Am „PLACE DE LAS ARMAS“ war wieder der kleine Flohmarkt aufgebaut und wir hatten Zeit und Muße, uns diesen etwas genauer anzuschauen. Unter anderem sah ich einen Stand mit alten Uhren. Richtige, teure, goldene Uhren aus den 1930er bis 1960er Jahren. Lauter bekannte französische Namen und alle intakt. Nun gut, die Vergoldung war nicht immer perfekt, die Ziffernblätter vergilbt und die Armbänder fehlten komplett, aber ich war sicher, dass hier wahre Schätze zu finden waren. Eine „Baume & Mercier“ hatte es mir besonders angetan. 200 CUCs oder 160.- Euro sollte das gute Stück kosten. Ich habe allerdings keine Ahnung, was eine Restaurierung des Antiquariats kosten würde. Daggi fand einen Comic über die Revolution mit lauter Sammelbildchen drin für 10.- CUCs als Faksimile oder 80 CUCs im Original, natürlich vollständig. Unser Freund Micky Waue, ein passionierter Sammler von Plakaten, Comics und Blechschildern, würde sich keinen Meter von diesem Flohmarkt entfernen, bevor er ihn nicht restlos leergekauft hätte.

 
Mal sehen, wie lange das Stück aus den 40er Jahren noch läuft…

Wir aber vertagten einen eventuellen Kauf und zogen weiter. Am Hafen tranken wir noch einen Kaffee und auf dem Platz der Kathedrale noch einen lieblos gemixten Drink. Dann war es schon wieder Zeit für das Abendessen. Eigentlich wollten wir ja am Hafen in ein schönes, sehr günstiges Fischrestaurant gehen, aber auf dem Weg dorthin entdeckten wir einen Italiener, der trotz dezenter musikalischer Live-Unterhaltung sehr einladend aussah. Bis auf den Cesar´s Salad, der eine einzige Matsche war, waren sowohl Essen als auch der Wein vom Feinsten. Satt und zufrieden fuhren wir mit dem Taxi ins Hotel. Morgen sollte unser erste Tour beginnen.


DER VIERTE TAG – VIÑALES

Das iPhone weckte uns um sechs Uhr dreißig. Wenigstens EINE Funktion, die das Gerät hier noch ausüben konnte. Internet gibts ja nicht. Die eiskalte Dusche vertrieb mir schnell die letzte Müdigkeit. Sieben Uhr Frühstück, sieben Uhr dreißig Abholung vor dem Hotel. So war zumindest der Plan. Tatsächlich kam unsere Reiseleitung erst kurz vor acht und es dauerte noch eine weitere Stunde, bis wir endlich den Bus mit Touristen vollgepackt hatten. Insgesamt musste der Chauffeur 15 Hotels anfahren, um die Leute zusammenzuklauben. Viñales liegt ganz im Westen Kubas und bietet vor allem eins: Natur pur. Aber es gab noch mehr zu sehen. Zunächst fuhren wir durch die westlichen Randbezirke Havannas mit seinen wunderbaren Wohnbezirken. Zum einen die „Marina“-Gegend. Schöne, intakte kleine Villen mit viel Grün – das Wohngebiet der Besserverdienenden. Noch besser dann das sich anschließende Diplomatenviertel. Die Villen schon ein ganzes Stück größer und die Grundstücke geradezu verschwenderisch groß. Kuba unterhält diplomatische Beziehungen zu rund 100 Staaten. Da ist man gerne Diplomat.

 
Die Geschichte der Menschheit auf Stein

Auf dem Weg zum Ziel besuchten wir auch noch eine kleine Rumfabrik. Mit Verköstigung. So früh hatte aber kaum einer Lust auf Alkohol. Also weiter. Wir besuchten das Naturdenkmal „Loz Jamines“, an dem ein berühmter Maler in den sechziger Jahren die Geschichte der Menschheit auf eine große Felsfläche gemalt hat. Für Details verweise ich wie immer auf die einschlägige Literatur, die den Umfang dieses Blogs sprengen würde.

Dann kamen wir nach Viñales. Ein hübscher Ort mit noch mehr Natur sowie freilaufenden Rindern und Pferden. Und schon waren wir wieder raus aus dem Ort. Das nächste Ziel war ein Farmer, der uns erklärte, wie man Zigarren dreht. Tabak ist ja so ziemlich der bekannteste Exportartikel Kubas und daher war es schon recht interessant, wie so eine „Havanna“ entsteht. Zunächst wird der Samen in einem kleinen Feld eingesäht. Das passiert im November. Etwa im März sind die Pflanzen ca. 30 Zentimeter hoch und werden in ein größeres Feld umgesetzt, wo sie im Abstand von 50cm bis zu ihrer vollen Größe, ca. 1,30m., aufwachsen. Dann werden sie gepflückt und ewig lange getrocknet. Dafür haben die Farmer spezielle Hütten, die mit Palmblättern bedeckt sind. Und in einer solchen Hütte standen wir nun rum und sahen zu, wie der Farmer ein getrocknetes Tabakblatt zu einer Zigarre drehte und diese dann sogar anzündete und reihum gehen ließ. Schon aus hygienischen Gründen haben wir da nicht mitgemacht. Anschließend führte uns der Farmer in sein angebliches Wohnzimmer, wo wir ein Käffchen aufs Haus trinken durften und Daggi eine Zehnerpackung Zigarren erwarb – für wen auch immer. Draußen gackerten die Hühner, drinnen roch es etwas streng nach Tabak, und alles in allem könnte ich mich auch nach dieser idyllischen Demonstration heimeligen Landlebens nicht für ein solches begeistern.

 
Hübsche Hütte

Dann ging es weiter zur Höhle „Cueva del Indio“, wo die Ureinwohner Kubas sich vor Columbus versteckt hatten. Dass das nichts genützt hat, ist ja inzwischen bekannt. Innerhalb der Höhle musste man durch einen ganz engen Spalt kriechen, was ich im ersten Anlauf nicht geschafft habe. Erst nachdem sich auch ein wesentlich dickerer Mann erfolgreich durchgezwängt hatte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und quälte mich durch den Felsen, dabei im Geiste den deutschen TÜV lobend, der sowas nie zugelassen hätte.

Am Ende der Höhle stiegen wir dann in ein Motorboot um, das uns noch eine Weile durch die Tropfsteinhöhle kutschierte. Endlich wieder draußen, gab es lecker Mittagessen. Ein nettes Pärchen, das auch bei uns im Hotel wohnte, saß mit uns am Tisch. Vielleicht Australier, vielleicht Schotten oder Iren – die ham so genuschelt…

Die obligatorische Band raspelte ihre drei Songs runter, verkaufte ihre CD oder kassierte Trinkgelder, während wir das durchaus gelungene Einheitsessen einnahmen. Anschließend durften wir noch eine halbe Stunde frei rumlaufen, bevor wir wieder in den Bus mussten und uns von der Reiseleiterin in brüchigem Englisch weitere Details über Land und Leute einbläuen ließen.

So gegen 19.00 Uhr waren wir – nach der Freilassung der anderen Touristen – wieder im Hotel. Auf der Suche nach einem Speiselokal entdeckten wir keine zweihundert Meter entfernt an der Küstenstraße, am „MALECÓN“, das Restaurant „CASTROPOL“, das in einer wunderschönen Prachtvilla untergebracht ist und zu unschlagbaren Preisen unheimlich große Portionen Essen anbot. Es war knallvoll, aber wir hatten Glück und erwischten einen Platz im vorderen überdachten Innenbereich. Es gibt auch noch einen offenen Innenbereich und einen zweiten Stock samt Balkon, der ebenfalls voll besetzt war. Da das Lokal hauptsächlich von Kubanern besucht war, konnten wir uns eigentlich auf die gute Küche verlassen – und wurden auch nicht enttäuscht. Das Essen kam zwar ein bisschen schnell, aber viel reden konnte Dagmar ja sowieso nicht, obwohl es langsam mit ihrer Stimme wieder bergauf ging.

Nach dem tollen Essen waren wir mal wieder ziemlich groggy. Das frühe Aufstehen und die Strapazen der Tour steckte uns in den Knochen. Und morgen früh sollte ja schon die nächste Tour starten – wieder um halb sieben..

Also nur noch mal schnell an der Bar geschaut, ob irgendwelche bekannten Gesichter zu finden waren. Und genau so war es: Zunächst begrüßte uns das englische/australische/schottische Paar, das tatsächlich aus London kam und im Werbemarketing arbeitete. Er, Don, war außerdem Musiker und fest entschlossen, die spezielle Gitarrentechnik kubanischer Musiker zu erlernen, die sich sehr von der üblichen Art unterscheidet, Gitarre zu spielen. Sie hieß Emma, war recht hübsch und ziemlich aufgedreht. Und schließlich war da noch John, ein dicker Ire, den ich schon an den Computern kennengelernt hatte. Er war daran gescheitert, seine Bordkarte auszudrucken, ohne die ihn RYANAIR nicht an Bord lassen würde. Leider waren die Computer im Hotel tatsächlich in keinster Weise mit dem einzigen Drucker verbunden, den das Haus aufzuweisen hatte. Von USB-Sticks hatte hier auch noch nie jemand etwas gehört. Ich empfahl ihm, das Dokument per Fax an das Hotel zu schicken, was zunächst wie eine grandiose Idee klang. Leider hat unser Hotel kein Fax. Man könnte die Boardkarte abfotografieren und das Foto am Schalter vorzeigen. Mit ein bisschen Glück würde der Scanner den Code lesen können. Leider hatte John keinen Fotoapparat. Angesichts dieser Umstände wäre es ja nicht unbedingt unklug gewesen, die Bordkarte bereits vor dem Start in den Urlaub auszudrucken, aber das erlaubt RYANAIR leider nicht. So befindet sich John derzeit in einer schwierigen Situation. Mal sehen, ob RYANAIR ihn wieder mitnimmt. Selbst schuld, mit dieser Fluggesellschaft zu reisen…

 
Noch so ein Prachtbau

Jedenfalls kamen wir mit den dreien sehr schön ins Gespräch. Angesicht unserer bevorstehenden Tour und dem damit verbundenen unmenschlich frühen Aufstehen wollten wir aber so langsam zu Bette. Ich sagte John nur noch wahrheitsgemäß, dass er mich in seiner Art und Gestik, seiner Stimme und Ausdrucksweise sehr an einen Freund aus Deutschland erinnere, der ein sehr bekannter Rundfunkmoderator sei: Werner Reinke. John dachte einen Augenblick, ich wollte ihn auf den Arm nehmen: Er war nämlich selbst AUCH Rundfunkmoderator mit einem eigenen Sender in Irland: „playfm.com“ – einem der vielen Internetradios, die es inzwischen gibt. Na ja, so haben wir dann doch noch unsere Lebensgeschichten miteinander ausgetauscht, was immer wieder zu großen Überraschungen führte, denn ich war ja selbst auch lange Radiomoderator und DJ. Dagmar und die Londoner tauschten sich über Musik und englische Interpreten aus und hatten natürlich denselben Geschmack. John war mehr ein Fan deutscher Schlagermusik, die ich ja selbst in meinen Anfangszeiten mit produziert hatte. Surprise, surprise.

Na ja, es half alles nix, wir mussten ins Bett. Eine herzliche Umarmung mit den beiden Londonern und eine Einladung für die beiden, uns zu besuchen, beendeten den Abend. John wollte am Freitag wieder hier sein – wir haben ihn aber nicht mehr gesehen. RYANAIR scheint ihn mitgenommen zu haben.


DER FÜNFTE UND SECHSTE TAG – TRINIDAD und Umgebung

Diesmal waren wir schon lange vor dem Weckruf wach. So etwa ab vier Uhr. Draußen vorm Hotel hatte sich die ganze Nacht eine Gruppe junger Leute zum Feiern verabredet. Da wird dann auch gerne mal gesungen. Erst gegen halb sieben verebbte der Lärm – aber da war es zu spät, nochmal die Augen zu schließen. Unser Bus war pünktlich. Es war wieder ein chinesischer Bus der Marke YUTONG, von dem man hier in Kuba Tausende sieht – sicher ein Tauschgeschäft der Regierung gegen Öl oder Ärzte. Unser heutiger Reiseleiter hob sich vor allem durch seinen gesegneten Appetit hervor. Nicht nur auf Lebensmittel. Unterwegs stieg eine dralle Kubanerin ein, die ihm fortan umschwänzelte und auch die Nacht mit ihm verbrachte. Klar, dass er da bei Kräften sein musste. Vielleicht aß er aber auch nur auf Vorrat, denn außerhalb der Touren dürfte bei ihm zuhause Schmalhans Küchenmeister sein. Sein Englisch und damit auch sein Vortrag war bedeutend besser als am Tag zuvor. Der Fahrer war ein sehr großer, hagerer Mann mit einem Hautpigmentproblem. Er war teilweise schwarz, aber dann auch wieder weiß. Außerdem trank er literweise Espresso und rauchte Kette.

 
Auf dem Weg nach Trinidad

Unser Reiseziel sollte TRINIDAD sein. Die ersten Stunden fuhren wir nur Autobahn und es gab herzlich wenig zu sehen. Die ideale Gelegenheit also, den verlorenen Schlaf nachzuholen. An irgendeiner Autobahnraststätte konnten wir dann langsam wieder zu uns kommen. Die erste Stadt, die wir auf unserer Reise besuchten, heißt CIENFUEGO („Hundertfeuer“, nicht verwandt mit Herrn Hundertwasser). Wir stoppten zunächst an einem großen Platz im Zentrum der Stadt, der von Theater, Kirche und Regierungsgebäuden umgeben war – eine Aufteilung, die man immer wieder in kubanischen Städten findet. Wir nutzen die Gelegenheit, um mal wieder ein paar Euros umzutauschen und hatten noch Zeit für einen Capucini. Dann fuhren wir weiter. Auf der Dachterrasse eines ehemals sehr exclusiven Clubs gab es noch vor dem Mittagessen einen Longdrink – Cuba Libre für alle, Kinder und Schwächlinge ausgenommen. Ganz in der Nähe war ein ebenso exclusiver Tennis- und Yachtclub, in dem wir dann – bei gewohnt lauter kubanischer Musik – zu Mittag aßen. Die nächste Station war schon TRINIDAD. Eine sehr geschichtsträchtige Stadt, die mich schon bei meinem ersten Besuch Kubas vor sechs Jahren sehr beeindruckt hatte. Leider war es inzwischen nach 17.00 Uhr und alle Museen hatten schon geschlossen. Als kleinen Ausgleich durften wir in die Töpferwerkstatt eines bekannten Töpfers schauen. Uuunglaublich interessant, gähn. Auch hier dann irgendwo in einer ziemlich schmuddeligen Kneipe ein Drink aufs Haus, diesmal Rum mit Honig. Außerdem trat natürlich die obligatorische Band mit ihrer neuen CD auf. Die Toilette war unbenutzbar. Überhaupt war der ganze Ort ziemlich runtergekommen, verglichen mit allen anderen Städten, die wir bisher gesehen hatten. Hübsch, sehr karibisch, aber dreckig. Über die geschichtlichen Hintergründe des Ortes erfuhren wir genau NADA, also nichts. Um 18.00 Uhr dann Weiterfahrt nach SANTA SPIRITUS, einen sehr schönen Ort mit 72.000 Einwohnern. Hier sollten wir auch übernachten. Und plötzlich wechselte der bisher doch recht gemischte Eindruck dieses Ausflugs zum Guten. Wir kamen in ein wunderbares Hotel direkt in der Stadtmitte, einem großen Park. Das familiäre Hotel war im spanischen Stil sehr geschmackvoll eingerichtet. Die Zimmer waren ein Traum! Es gab sogar einen Safe, 220 Volt und WARMES Wasser! Wir machten uns frisch und gingen dann runter zum gemeinsamen Abendessen. Wir alle saßen an einer langen Tafel im Restaurant des Hotels, dass auf angenehme 4 Grad runtergekühlt war (Scherz!). Schon im Vorfeld hatten wir uns für Rind entschieden, was sich als eine sehr gute Wahl herausstellte. Die Band des Abends bestand aus drei singenden Gitarristen, die auch als die drei Tenöre hätten durchgehen können – ganz große Kunst! Dass bei der Lautstärke keine Gläser zersprungen sind, spricht für ihr Können. Sie bekamen jedenfalls ein verdientes Trinkgeld. Anschließend saßen wir noch eine Weile draußen auf der Veranda und kamen mit einigen anderen Touristen ins Gespräch, so auch mit Stefan, einem SAP-Berater aus Köln. Er war alleine in Havannah, weil seine Mama nicht mehr so gut zu Fuß war…

Der Platz vorm Hotel füllte sich langsam mit Jugendlichen und wir fürchteten schon eine weitere Nacht ohne Schlaf, aber es blieb dann doch bis etwa 6 Uhr am Morgen vergleichsweise ruhig.

 
Hier wohnt ein Chef

Nach dem Frühstück Weiterfahrt nach SANTA CLARA, der letzten Stadt unserer Rundreise. Hier in Santa Clara hatten sich Fidel und Che Guevara mit ihren Jungs in einem Hotel verschanzt. Es war wohl ziemlich knapp für die Rebellen damals. Am Hotel sieht man noch sehr schön die ganzen Einschusslöcher der Regierungstruppen. Die 280.000 Einwohner zählende Stadt war auch Schauplatz eines der letzten großen Angriffe von Diktator Batiste auf die Rebellen. Batiste hatte einen Güterzug mit 1200 Soldaten vollgestopft und wollte diesen Zug mitten in die Stadt fahren lassen, um da mal gründlich aufzuräumen, also so eine Art Trojanisches Pferd.. Che war schlauer und riss mit einem Bulldozer rechtzeitig die Schienen aus dem Gleisbett, so dass der Zug entgleiste und die Angreifer sehr bald aufgaben. Als Batiste davon hörte, soll er ins Exil geflohen sein und die Revolution war komplett. Wir haben uns die Waggons angesehen – das muss eine gruselige Zeit gewesen sein.

 
Heute sind da keine Soldaten mehr drin.

Und damit war unser Programm beendet. Die 169 CUCs (= 130.- Euro) beinhalteten drei Mahlzeiten, ein Frühstück, eine Übernachtung, alle Eintrittsgelder sowie die kompletten Fahrtkosten. Da kann man nicht meckern. Höchstens über den Fahrer. Der war wohl genauso nachtaktiv wie unser Reiseleiter statt sich auszuruhen. Er ist auf der Heimfahrt mehrmals quer über die leere Autobahn geschliddert und machte trotz seines unglaublichen Kaffeekonsums nicht den Eindruck, tatsächlich wach zu sein. Mehrfach blieb er irgendwo stehen, rannte dreimal um den Bus, trat gegen die Reifen und fuhr wieder ein paar Kilometer weiter.

Irgendwie haben wir es aber doch noch geschafft und sind sicher im Hotel angekommen.

Dort war inzwischen Dagmars Freundin und Arbeitskollegin SABINE eingetroffen. Trotz des zwölfstündigen Fluges war sie fit und für jede Schandtat bereit. Also gingen wir noch ins „CASTROPOL“, speisten dort auf der Terasse im zweiten Stock Köstlichkeiten aus der kubanischen Küche und beendeten den Abend mit einem Absacker an der Bar. Es war Freitag, 23.00 Uhr und die Schönen der Nacht standen in langer Reihe vor dem Eingang zur Disco. Das war mal wieder besser als jedes Fernsehprogramm.


DER SIEBTE TAG

Dagmar und Sabine wollten verständlicherweise mal alleine losziehen und ich brauchte auch dringend Zeit, die ganzen letzten Tage nachzutragen. Also setzte ich mich an die Bar, trank zwei, drei Cappucino und war entsetzt, wie viele Einzelheiten ich bereits vergessen oder verdrängt hatte. Außerdem versuchte ich mal wieder, an meine eMails heranzukommen, was heute sogar nahezu problemlos möglich war, denn endlich gab es die ersehnten Internetpässe mit Zugangs- und Passwort für 6.- CUCs pro Stunde. Gegen Mittag bin ich in die Altstadt gelaufen, habe im „FLORIDITA“ zu Mittag gegessen und mir dann auf dem Flohmarkt doch noch eine alte Uhr gekauft. Die „Baume & Mercier“ hatte mir inzwischen jemand weggeschnappt und ähnliche Uhren waren noch teurer. Ich blieb bei einer Uhr aus den 1940er Jahren hängen, einer unbekannten Schweizer Marke, die ich für umgerechnet 35.- Euro außer Landes schaffen werde. Handaufzug, recht klein, vergoldet, mit Sekundenzeiger und Leuchtpunkten, die aber nicht mehr leuchten. Das Ziffernblatt sollte gereinigt werden, sonst ist alles picobello.

So gegen 17.00 Uhr kamen die Damen mit einer Menge an Bildern und Eindrücken zurück. Sie hatten unterwegs sogar STEFAN wiedergetroffen, unseren SAP-Spezi aus Köln. Am Abend waren wir drei dann wieder zusammen essen, beklatschten die Musikanten und fuhren gegen 23.00 Uhr im Taxi nach Hause, wo die Schlange vor der Disco nun schon gut einhundert Meter lang war. Da beide Mädels kaum noch die Augen aufhielten, ging es früh in die Zimmer. Ich habe noch bis 2 Uhr gelesen.


DER ACHTE TAG

Der achte Tag war ein Sonntag und wir beschlossen, zur Abwechslung mal ans Meer zu fahren. Östlich von Havanna gibt es nämlich hervorragende Strände mit feinst gemahlenem Sand. Ein Touri-Bus brachte uns für 5 CUCs hin und zurück. Früher musste das alles mal eine Prachtanlage gewesen sein, die aber nun so langsam in sich zusammenfällt, seit es in Varadero und anderswo neue, modernere Hotels im Dutzend billiger gibt. Der Atlantik war mit 26 Grad Wassertemperatur nicht wirklich erfrischend, sorgte aber immerhin für etwas Abwechslung beim Sonnenbraten. Ich hatte es mir natürlich überdacht im Strandcafe bequem gemacht und las in meinem ARNO DAHL-Krimi weiter. Gegen 14.30 Uhr sind wir dann in ein kleines Strandrestaurant umgezogen und haben frische Fischfilets mit Salat und Reis verzehrt. Dann hatten wir genug vom Strand. Der Bus kam zwar 15 Minuten zu spät, aber das ist in Kuba noch innerhalb der Toleranz. Vom Place Central aus liefen wir wie gewohnt nach Hause, ca. 1,5 km durch dichtbebautes Gebiet. Kurz vorm Ziel dann zum ersten Mal Alarm im Magen-Darm-Trakt! Ich habe es gerade noch ins Zimmer geschafft. Da es außer mir niemanden erwischt hat, können wir bisher keinen Schuldigen an der Darmverstimmung benennen. Die Mädels haben sich dann in die Maske verabschiedet und ich habe es mir mal wieder an der Bar gemütlich gemacht. Eine alte englische Schachtel fragte mich, ob ich Schriftsteller sei, weil ich ja dauernd auf meinem Notebook rumtippen würde. Ich verneinte die Anfrage und war eigentlich eher erstaunt, warum sich fremde Leute in meine Angelegenheiten mischen.

 
Noch mehr Meer gibt´s rings um die Insel.

Den Abend verbrachten wir wieder bei vorzüglichem Essen bei „CASTROPOL“ und einem anschließenden Besuch des Hotels „RAQUEL“, dessen Dachterrasse unserem Reiseführer eine besondere Erwähnung wert war. Um dorthin zu kommen, brauchten wir ein Taxi. Das einzige Gefährt, das vor unserem Restaurant wartete, war ein uralter LADA, der an allen Ecken und Enden völlig verrostet war, dessen rechte hintere Türe nicht mehr aufging und dessen Beifahrertür halb in den Angeln hing. Ein Taxischild fehlte auch, aber der Türsteher sagte, dass es ein Taxi sei. Da die Mädels unbedingt mal LADA fahren wollten, stiegen wir ein. Innen dasselbe Bild: Völlig zerschlissen, halb demoliert, Löcher im Boden, aber ein lautes CD-Radio. Der junge Fahrer, anders als andere Kubaner sehr unsauber mit löchrigen Klamotten bekleidet, hatte keine Ahnung, wo sich das RAQUEL-Hotel befindet. Er kannte auch die Straßen nicht, die Sabine ihm aus dem Reiseführer vorlies. Er fuhr einfach drauf los. Bei einem Bremsmanöver bergab hatte ich den Eindruck, dass die Kiste nun jede Sekunde komplett auseinanderfallen müsste, aber wie durch ein Wunder fanden die Räder wieder Kontakt zur Fahrbahn und brachten uns in die tiefe, dunkle Altstadt. In Straßen, die wir noch nie gesehen hatten. Alle paar Meter hielt der Fahrer an, um sich bei den Einheimischen nach dem Weg zu erkunden. Sabine erkannte als erste den gesuchten Straßennamen und bat, zu stoppen. Ich wollte auch keine Sekunde länger in dem durch Abgase verseuchten Innenraum ausharren und öffnete die Beifahrertür. In derselben Millisekunde überholte uns rechts ein Fahrradtaxi und knallte mit Schmackes gegen die Autotür. Das Fahrradtaxi kam augenblicklich zum Stehen und drei Menschen wirbelten durch die Gegend. Der Fahrer hielt sich die Stirn, wo ich sekündlich einen Blutschwall erwartete, eine Mutter mit Teenagertochter schrie laut, das Kind hielt sich schmerzverzerrt die Hand und ich konnte nur noch „Perdon!!!“ stammeln.

Ich war am Boden zerstört. Es war mir klar, dass ich in diesem Moment das Leben dreier Personen nachhaltig zerstört hatte. Der Fahrer würde den Rest seines Lebens nur noch schwer entstellt meistern können, das junge Mädel würde ihren Arm verlieren und die Mutter an gebrochenem Herzen vorzeitig ableben.

Da sagte Dagmar plötzlich: „Die haben doch gar nichts. Das ist alles Show!“ Und richtig, der erwartete Blutschwall blieb aus, man sah nicht den geringsten Kratzer an der Stirn des Fahrers, das Handgelenk des Mädchens war genauso fett wie vorher und ließ sich problemlos bewegen und die Mutter nutze mit ihrer schrillen Keiferei die Gunst der Stunde, uns ein wenig abzuzocken. Was die Bande nicht wusste: Sabine ist des Spanischen durchaus mächtig und verstand so ziemlich genau, was da ablief. Ich hatte inzwischen dem Fahrer die vereinbarten 5 CUCs gegeben, um wenigstens hier keinen Fehler zu machen. Der mahnte dann auch die anderen, in ihren Äußerungen etwas vorsichtiger zu sein, da wir ihre Sprache sprächen. Plötzlich wechselten sie die Taktik. „Das Kind muss ins Krankenhaus zum Röntgen!“ war die neue Forderung. Wir sollten gefälligst die Fahrt- und Krankenhauskosten bezahlen. Nun ist die medizinische Versorgung in Kuba zwar kostenlos, aber wenn ein Tourist schuld an einer Verletzung eines Kubaners ist, bleibt er solange im Land, bis alle Kosten beglichen sind. Da ich jetzt so gar nicht mehr wusste, wie man sich in einer solchen Situation, die ja durchaus mit Gefängnisaufenthalt enden kann, verhalten soll, schlug ich vor, die Polizei zu rufen. „Policia?“ Das Geschnatter der Schwerverletzten wurde augenblicklich ruhiger. Der Taxifahrer hatte offensichtlich keine Taxilizenz und das Auto gehörte eindeutig in die Schrottpresse. Der Fahrer des Fahrradtaxis hatte uns in zentimeterkurzem Abstand rechts überholt, obwohl er sehen konnte, dass gerade Fahrgäste ausstiegen. Und die resolute Mutter hatte plötzlich nur noch Angst, dass das Kind die Schule versäumen würde, wenn man sie jetzt nicht unverzüglich ins Krankenhaus bringen würde. Dann sagte ich zu Dagmar, dass ich den Fahrer ja schon bezahlt hatte und Daggi sagte, dass Sabine den Fahrer auch schon bezahlt hätte. Sieh da, da hat der kleine Gauner, ohne ein Wort zu sagen, gleich zweimal kassiert. Damit konfrontiert, schlug er vor, mit den zweiten 5 Pesos das Kind ins Krankenhaus zu fahren und die Sache wäre damit für uns erledigt. Wohl abwägend, welche Konsequenzen der eine oder andere Ausgang des Dramas haben würde, entschieden wir uns, dem Fahrer die zweiten 5 CUCs zu schenken und gingen zu Fuß die paar Meter zum Hotel „RAQUEL“ weiter. Die Bande hatte also rund 120 kubanische Pesos gut gemacht. Bei einem Gehalt von durchschnittlich 350 Pesos kein schlechtes Geschäft.

Es hätte auch anders ausgehen können. Unabhängig davon, ob überhaupt jemand verletzt war, ist der Unfallverursacher erst mal in jedem Fall schuld. Wäre ich nicht nach Kuba gereist, hätte der Unfall ja auch nicht passieren können. Diese stringente Logik zu durchbrechen, bedarf dann anwaltlicher Hilfe. Und bevor ich wochenlang ohne Wasser und Wein in irgendeinem Kerker vor mich hinsiechen würde, war es doch besser, klein beizugeben…

Das Hotel „RAQUEL“ in der Nähe der Kreuzfahrtschiff-Docks ist übrigens tatsächlich ein weltberühmtes jüdisches Gebäude von geradezu einmaliger Schönheit. Hoch oben auf der Dachterrasse schlürften wir dort Bier und Mojitos und schworen uns, nie wieder in einen LADA ohne Taxischild zu steigen. Ein gutes Stündchen später erkundeten wir noch ein paar Seitenstraßen rund um das Hotel. Ein Prachtbau neben dem anderen, tolle Museen, Restaurants, Hotels, wohin man nur schaute. Havanna ist für mich architektonisch inzwischen die schönste Stadt der Welt, auch wenn mindestens zwei Drittel der Prachtgebäude dringend renoviert werden müssen. Cuba soll ja mal die reichste Stadt der USA gewesen sein.

Für die Heimreise waren wir in der Taxiwahl diesmal sehr sorgfältig und lehnten alle alten Kisten, also die ganzen illegalen Schrottbüchsen einfach ab und fuhren mit einem offiziellen Taxi (das sogar einen Taxameter hatte, der natürlich nicht lief) nach Hause. Das übliche Discopublikum stand schon wieder am Eingang…


DER NEUNTE TAG

Ein Tag wie jeder andere. Bummeln durch die Stadt, diesmal aber getrennt. Zum vierten Mal den Flohmarkt am „PLACA DE LAS ARMAS“ durchpflügt. Ein paar Telefongespräche nach Hause geführt, später irgendwo in der Altstadt zu Mittag gegessen und Dagmar und Sabine später im „Hop On – Hop Off“-Bus wieder getroffen. Stadtrundfahrt die Zweite. Abends Internet, danach Essen im „CASTROPOL“. Anschließend noch auf ein paar Wein in einem anderen Club namens „CAFÈ NERUDA“ im Freien. Spät zu Bette, dicker Kopf. Und um sechs klingelte der Wecker.


DER ZEHNTE TAG – „VARADERO“

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich schon mal auf Kuba war, und zwar zum Jahreswechsel 2006/2007. Die 186 Fotos von damals habe ich sogar auf dem iPhone dabei. Sie sehen eigentlich genauso aus wie die Fotos 2012/2013…

Heute wollten wir uns also auf die Spuren meines damaligen Urlaubs begeben, denn damals war ich ja nicht in Havanna (außer auf Ausflügen), sondern auf der Touristenhalbinsel „VARADERO“. Damals durften da keine Kubaner rein, sofern sie dort nicht arbeiteten. Touristen waren auch auf ihr eigenes Hotel beschränkt, da sie durch das Armbändchen für den „All-Inclusive-Service“ fest an ihr Hotel gebunden waren. Zusätzliche Restaurants gab es kaum, auch nur wenige Bars oder touristische Märkte. War ganz schön langweilig damals. Heute ist das anders. Aber der Reihe nach.

Schon fünf Minuten vor halb sieben, unserer Abholzeit, wurde an unsere Türe geklopft. Der Bus sei schon da. Es war ein Kleinbus mit insgesamt sechs Touristen, einer Reiseleiterin und natürlich dem Fahrer. Die Reiseleiterin begrüßte uns mit einem hübschen Kalenderspruch: „Yesterday is history, tomorrow is mistery and today is a gift!“ Sie ähnelte ein wenig der Schauspielerin Christine Ursprung, die als kleinwüchsige Assistentin des Tatort-Gerichtsmediziners Börne bekannt geworden ist. Die Fahrt ging non-stop nach Varadero und die sehr gut englisch sprechende Dame erzählte uns dies und das über die Dinge, die man sehen konnte, wenn man die Augen offen hatte – was bei mir aufgrund der kargen Nachtruhe nur selten der Fall war. So verpasste ich das Olympiastadion mit dem olympischen Dorf, die Rumfabrik und so manchen geilen Ausblick auf schöne Täler und Berge. Na ja, ich kannte das ja sowieso schon. In Varadero selbst fuhren wir direkt in eines der vielen Touristenghettos. Die Anlage heißt „LAS BRISAS DEL CARIBA“ und hat Platz für rund 400 Brutzelopfer. Sie ist sehr schön angelegt, liegt natürlich direkt am Strand und ist nur eins von über 50 Luxushotels an dieser Küste. Wir zählten 4 Sterne. Demnach hätte unser Stadthotel nur einen Stern haben dürfen (es hat aber 3 Sterne!). Die inzwischen auf vier Personen geschrumpfte Reisegruppe – zwei alte Engländerinnen und Dagmar und ich bekamen sogar ein Zimmer, um sich umziehen zu können. Paarweise, nacheinander, versteht sich. Vorher mussten wir uns aber zunächst ein blaues Plastikarmband ans Handgelenk montieren, damit wir als Tagesgäste identifiziert werden konnten.

 
Das blaue Band der Sympathie

Und dann ging´s zum Frühstück. Es gab zwar eine Menge Sachen, aber sonderlich lecker sah da nichts aus. Vor allem gab es weder Butter noch Margarine. Der Kaffee war kein Deut besser als in unserem Hotel. Also ab ans Meer. Dort wurden uns von einem sehr netten Kubaner Strandliegen aufgebaut – all inclusive! Na ja, ganz so inclusive war da doch nichts. Natürlich hat er dafür ein Trinkgeld erwartet. Genau wie alle anderen Bediensteten. Ob das nun der Eierkoch war, der für jedes Omelett einen Obulus erwartete oder die Bedienungen – alle waren auf Kohle aus. Ganz frech wird es, wenn man mit Euro bezahlen will oder muss. Hier wird der Kurs 1:1 abgerechnet – Mehrkosten also von 30%! Nun gut, damit hatten wir ja nichts am Hut. Wir saßen eine Weile am Strand rum, Dagmar ging bis zu den Knien ins kalte Atlantikwasser und ich las in meinem Krimi weiter. Das hätten wir auch in Havanna am Pool machen können. Also entschlossen wir uns, doch mal ins Zentrum von Varadero zu fahren, den kleinen Ort, den ich von meinem Urlaub kannte, in dem man nicht ganz so isoliert war wie in dieser riesigen Anlage mit seinen dauernden Animationen, seiner qualvollen Dauerbeschallung an allen Ecken und Enden und der Anwesenheit hunderter typischer Unterschicht-Urlauber.

 
Poollandschaft im Touristenparadies

Zum Glück gibt es auch hier einen „BEACH-BUS“, mit dem man für 5 CUCs (oder Euro) den ganzen Strand entlang fahren kann. Und das taten wir dann auch. Der Buss war knallvoll und die Sonne hatte 30 Grad deutlich überschritten. Solange der Bus fuhr, war es durch den Wind sehr angenehm, aber wenn er stillstand, spürte man förmlich, wie die Haut um Hilfe schrie. Ich zeigte Dagmar die ganzen Plätze, die ich damals besucht hatte. Auch mein damaliges Hotel „CLUB TROPICAL“ stand noch da, wo es damals war, aber ansonsten war der Ort gewaltig gewachsen. Ein Cafe neben dem anderen, sehr viele neue Restaurants und auch viele kleine Bazare mit dem üblichen Touristenquatsch. An der Endstation mussten wir ein paar Minuten bei einem CRISTAL-Bier warten – dann ging es denselben Weg wieder zurück.

 
Auch hier: Strand bis zum Abwinken

Im Hotel kamen wir noch rechtzeitig zum Mittagessen. Doch hätten wir gewusst, was da eine Pampe auf uns wartete, wären wir im Ort geblieben. Wenn der Wein so kalt gewesen wäre wie Suppe und das Fleisch so warm wie der Ober, hätte man ja noch was drauß machen können. Tatsächlich war das Essen aber für unsere feinen Geschmacksnerven unzumutbar. Selbst das Eis zum Nachtisch war viel zu süß, um noch gut zu schmecken. Resigniert legten wir uns auf zwei Liegestühle am Pool und lasen noch ein wenig in unseren Büchern. Um drei gaben wir die geliehenen Handtücher ab, zogen wir uns wieder um und warteten auf den Abtransport, der für 16.00 Uhr avisiert war. Da die Rezeption völlig überfüllt war, dauerte es noch bis 16.15 Uhr, bis wir alle unsere Pässe zurückhatten, vom Makel des blauen Bändchen befreit waren und wieder im Bus Richtung Havannah saßen. Unterwegs gab es noch einen kurzen Stop an einem hochgelegenen Aussichtspunkt, der mit einer Piña Colada versüßt wurde (die wir aber selbst bezahlen mussten).

Wenig später sahen wir einen grässlichen Autounfall. Ein amerikanischer Oldtimer hatte sich wohl mehrfach überschlagen und dabei ein bisschen zusammengefaltet. So wie das Blech aussah, war da kein Platz mehr für lebende Menschen. Das Tempolimit von 100 km/h sollte von solchen Wagen nicht ausgenutzt werden, dafür sind die schon damals nicht gebaut worden. Und jetzt, ein paar Millionen Kilometer später, entspricht die Straßenlage der meisten Kisten eher einem schwimmenden Brett im Sturm denn der eines modernen PKW. Unser Bus hatte übrigens 587000 km drauf. Das neueste Taxi, das ich hier fuhr, immerhin 277000. In allen „modernen“ Autos (also hauptsächlich Peugeots) leuchten grundsätzlich sämtliche Warnlampen inklusive der Aufforderung „STOP“ auf, weil das Fahrzeug nicht fahrbereit ist, bzw. gar nicht mehr fahren dürfte. Die weitverbreiteten LADAS, die ja ursprünglich auf dem FIAT 124 basieren, sind alle, aber wirklich alle, absoluter Schrott. Kein TÜV der Welt würde auch nur einem einzigen LADA auf Kuba eine Plakette geben, Regierungsfahrzeuge vielleicht ausgenommen. Also auch auf diesem Gebiet besteht noch großer Handelsbedarf. Raoul Castro hat sich mit seinen Reformen viel vorgenommen. Am einfachsten wäre es, wenn die USA ihr einseitiges Embargo abstellen würden. Ein Embargo, das von der ganzen Welt abgelehnt wird. Aber eher habe ich wahrscheinlich sechs Richtige im Lotto als dass die Amerikaner den Kubanern die Revolution verzeihen würden, die übrigens im nächsten Jahr ihren 55. Geburtstag feiert.

Um viertel vor sieben waren wir wieder im Hotel. Für den Abend hatten wir uns etwas Besonderes vorgenommen: Essen in einem der berühmtesten Lokale der Altstadt. Im „LA GUERIDA“ wurden Teile des Films „Erdbeer und Schokolade“ gedreht, außerdem sind hier in den frühen 1920er bis 1940er Jahren so ziemlich alle bekannten Filmstars dieser Welt ein- und ausgegangen. Als das Taxi anhielt, dachten wir allerdings, dass wir im falschen Film seien. Das Haus aus dem Jahr 1913 war völlig zerstört. Alte Marmortreppen führten jedoch in den dritten Stock, der noch intakt war und in dem sich – wie in einer 4-5 Zimmer-Wohnung – das Lokal befand. Bildhübsche Bedienungen mit einwandfreiem Englisch kümmerten sich sehr freundlich um uns. An den Wändern überall Bilder der großen und berühmten Menschen aus besseren Zeiten – wir wurden leider nicht fotografiert. Es war gar nicht so leicht, hier überhaupt einen Termin zu bekommen – drei Tage Vorlaufzeit muss man schon rechnen.

Doch dann kam das Essen – und das war ziemlich enttäuschend. Die Gemüsebeilagen waren viel zu kalt, meine Schweinefilets knochentrocken, die Kartoffelchips mit Champignons und Zwiebeln zermatscht und ebenfalls kalt. Nur der Cesars Salat war diesmal wirklich gut! Alles in allem war das Essen um Klassen schlechter als in unserem Lieblingslokal „Castropol“. Dafür aber dreimal so teuer.

Um eine wichtige Erfahrung reicher, liefen wir zu Fuß zurück ins Hotel, nicht ohne noch mal Station im „Café Neruda“ am „MALECÓN“ zu machen. Sabine hatte dort am Nachmittag bereits den nächsten Mann ihres Lebens kennengelernt. Es war der Kellner dieser Bar und er hatte ihr angeboten, sein ganzes Leben lang für sie zu putzen. Wem’s Spaß macht…

Sicherheitshalber nahmen wir sie dann aber doch wieder mit ins Hotel.


DER ELFTE TAG

Sabine hat´s erwischt. Nein, nicht der Kellner. Eine Allergie hat sie erwischt. Sonnenallergie oder vielleicht auch eine Lebensmittelunverträglichkeit. Rote Punkte am ganzen Körper. Der Arzt im Hotel empfiehlt ihr Histamine und gibt ihr eine Cortison-Spritze. Für den Rest der Reise muss sie eine strenge Diät einhalten. Hühnchen Si, Fische No. Während sie auf die Medikamente wartet, sitzt Dagmar am Pool und ich versuche, Ordnung in meine E-Mails zu bekommen. Es sind inzwischen über 680 Mails. Da es im Hotel seit gestern keine Internet-Karten mehr gibt, fahre ich ins Hotel Nacional und buche dort eine Stunde. Hier ist die Geschwindigkeit fast dreimal so schnell, so dass ich auch tatsächlich nach einer Stunde wieder auf dem Laufenden bin und eine Menge Mails beantwortet habe. Inzwischen warten mehr als ein Dutzend Aufträge darauf, nach meiner Rückreise erledigt zu werden. Ich bin froh, dass meine Kunden die Geduld haben, noch so lange zu warten. Ich hatte zwar mein gesamtes Aufnahmeequipment mitgenommen, aber das Hotel liegt an einer Hauptstraße und ist auch sonst so hellhörig, dass an saubere Sprachaufnahmen überhaupt nicht zu denken wäre. Und selbst wenn: eine WAV-Aufnahme über dieses lahme Internet zu verschicken würde viel wertvolle Urlaubszeit vergeuden, von den Kosten mal ganz abgesehen.

 
Unser Hotelpool im sechsten Stock wurde exakt mit 87 dB beschallt.

Sabine sieht inzwischen ziemlich schrecklich aus. Die roten Punkte fangen zu allem Überfluss auch noch an zu jucken. Sie hat sich während der Behandlung ausführlich mit der Ärztin unterhalten. Auch sie bekommt nur einen Hungerlohn – die Kosten der ärztlichen Bemühungen erhält der Staat. Die Ärztin ist gezwungen, eine Menge Listen zu führen. Weitergehende Kontrollen wie z.B. die Spionage in der ehemaligen DDR soll es hier nicht geben. Uns fällt auch schon seit Tagen auf, dass man kaum Polizei und so gut wie kein Militär auf den Straßen sieht. In einer Fernsehdokumentation auf „arte“ habe ich aber inzwischen gesehen, dass es in jeder Straße einen oder mehrere regierungstreue „Mitarbeiter“ gibt, die ihre Mitbewohner bewerten müssen und über Belohnungen, Gehaltserhöhungen oder auch Strafen entscheiden. Um über die Runden zu kommen, hat Sabines Ärztin – wie die meisten hier – noch zwei weitere Jobs. Außerdem verkauft sie an Sabine drei paar russische Nylon-Netzstrümpfe. Wo sie die anziehen will, will ich mir besser nicht vorstellen. In Kuba ist es jedenfalls im Moment sehr chic, so rumzulaufen.

Cortison, Penicillin und Histamine scheinen sich gut zu verstehen. Sabine ist bereit, mal wieder einen Stadtbummel zu unternehmen. Der Taxifahrer soll uns in ein Automuseum bringen, das ich noch von damals kenne. Er kennt es leider nicht, denn er fährt uns einfach vors „Floridata“. Aber durch kluges Nachfragen bei diversen Einheimischen gelingt es uns doch noch, den magischen Ort der alten Karrossen aufzufinden. Für 1,50 CUC (statt einem CUC, wie es im Marko-Polo-Führer steht) können wir dann in Ruhe die rund 30 Exemplare aus den 1920er bis 1950er Jahren bewundern. Fotografieren hätte nochmals 5 CUC gekostet (Marko Polo sagt 1.- CUC!), so dass wir darauf verzichten, zumal die Autos nicht sonderlich gepflegt sind. Das Automuseum in Sinsheim ist da von ganz anderem Kaliber…

Wir bummeln noch ein wenig weiter und setzen uns dann in einen der vielen kleinen Parks der Stadt, die die Steinwüsten auflockern. Ein sehr guter Guitarist singt sich die Seele aus dem Leib. Wir trinken Bier und Mojito. Sabine natürlich nicht, die darf ja nicht. Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.

Für das Abendessen haben wir zum fünften Mal das CASTROPOL auf dem Schirm, weil es hier tatsächlich bisher am besten geschmeckt hat und vor allem ein unschlagbares Preis/Leistungsverhältnis vorliegt.

 
TÜV leider abgelaufen

Da wir auch dieses Mal wieder unglaublich schnell bedient wurden und daher mit dem Essen schon kurz nach neun durch waren, suchten wir uns noch eine Open-Air-Bar am MALACÓN aus. Den Namen habe ich vergessen und möchte ihn auch nie mehr hören. Es war zwar sehr nett in und vor dem Lokal, aber der Besuch der sanitären Anlagen hat diesen Eindruck schlagartig zerstört. Vollgepinkelte Brille, kein Papier, kein Wasser – nicht einmal zum Händewaschen. Außerdem war es eine Toilette für Mann und Frau gleichermaßen. Eine Toilette, die ständig von allen Gästen frequentiert wurde. Mir war sooo schlecht…

Dass im Nachbarhaus ein lautstarker Streit über Spielschulden beim Domino-Spiel eskalierte, passte dann wie die Faust aufs Auge. Unser Hotel liegt übrigens im ehemaligen Schwarzenviertel, das auch heute noch fast ausschließlich von den dunkelhäutigen Kubanern bewohnt wird. Der Streit war aber glücklicherweise nur laut, nicht handgreiflich.

 

Später in der Nacht haben wir erstmals einen Blick in „unsere“ Disco geworfen. Recht gut eingerichteter Schuppen mit Extremlautstärke, Extremklimaanlage und extrem doofem Publikum. Also ab ins Bett.


DER ZWÖLFTE TAG

Immer noch keine Internet-Tickets an der Rezeption. Also fuhr ich wieder ins Hotel Nacional, um dort meiner Arbeit nachzugehen. Aus den über 700 Mails sind inzwischen 160 übrig geblieben, die geschäftsrelevant sind. Die anderen Mails warenWerbung, Spam oder überflüssiges Geplänkel.

Anschließend setzte ich mich in den wunderbaren Garten des Hotels, um da meinen Krimi fertig zu lesen – und gleich noch einen weiteren anzufangen. Im iPad Mini ist ja genug Platz für tausende von Büchern.

 
Derzeit noch nicht wieder bezugsfähig

Um 14.00 Uhr trafen die beiden Mädels dazu. Sie hatten mal wieder einen Stadtbummel gemacht, wären beinahe von einem Motorrad überfahren und von herabfallendem Schutt erschlagen worden. Außerdem hatten beide Bilder gekauft. Schöne Ölbilder auf Leinen. Kofferfertig eingewickelt.

Nach einem kleinen Snack im Hotel Nacional fuhren wir drei dann mit einem wunderschönen roten Cadillac Baujahr 1952 wieder ins „DEAUVILLE“, um uns am Pool noch ein bisschen die Zeit zu vertreiben.

Der geneigte Leser wird vielleicht schon bemerkt haben, dass spätestens an diesem Punkt unserer Reise so ziemlich alles erzählt wurde. Es gebricht an Sensationen oder neuen Eindrücken, da wir so langsam alles Wichtige gesehen haben. Natürlich könnten wir noch die ganzen Museen der Stadt abklappern, aber da wir da völlig unterschiedliche Interessen haben, müssten alle alleine los ziehen, was ja auch wenig Spaß macht. Immerhin beschließen wir, uns am Abend im „HOTEL NACIONAL“ noch einmal eine Show des „BUENA VISTA SOCIAL CLUB“ anzusehen. Mit Essen.

Vorher müssen wir allerdings noch einen Herrn Schröder aus Hannover ertragen. Dieser Herr Schröder ist 63 Jahre alt und nicht identisch mit dem ehemaligen Kanzler der Bundesrepublik, der ja bekanntlich auch aus Hannover stammt. Unser Herr Schröder war Gast im „DEAUVILLE“ und überfiel uns während einer Fahrstuhlfahrt in dem Moment, als er erkannte, dass wir aus Deutschland kamen. „Endlich mal jemand, mit dem man quasseln kann!“ eröffnete er die Konversation, die sich natürlich an der Bar fortsetzte, wo wir auf Sabine warten mussten. Unser Herr Schröder kippte sich in Sekundenschnelle ein ganzes Glas Rum hinter die Binde, um sofort ein Zweites zu bestellen. Er war so was von knallevoll, wie man das selten sieht. Dagmar in ihrer berühmt offenen Art hatte das vielleicht nicht gleich bemerkt; jedenfalls fing sie sofort ein Gespräch mit ihm an. Was man sich halt so von Tourist zu Tourist erzählt. Nach nur fünf Minuten hatte Schröder schon wieder vergessen, dass wir aus Frankfurt kommen. Dafür erzählte er uns, was er alles auf der Welt schon gesehen hat. „Thailand, Indien, die ganze Scheiße, den ganzen Dreck!“ Dagmar hätte mit ihren weltweiten Erfahrungen – vor allem ihren Aufenthalten in Australien – gut dagegen halten können, aber wie das bei Betrunkenen so ist, geht es denen im Wesentlichen darum, selbst zu reden. „In Australien war ich schon mal mit Familie, aber die Frau ist weg, Scheidung, die ganze Scheiße, verstehste?“ Drink Nummer zwei war alle, der dritte bestellt. „Ich hab´ die ganze Scheiße gesehen, den ganzen Dreck, verdammt. Ich hab der Frau vorhin Geld gegeben, damit ihr Kind Milch zu trinken bekommt. Tschulligung, wenn ich ´n bisschen lalle, aba ich trink halt gern. Das darf man doch. Bin ja auch allein. Meine kubanische Freundin ist heut nich da. Meine thailändische Freundin auch nicht. Is noch nich so weit.“ Es wurde immer schwerer, ihm zu folgen. Mein Einwurf, dass in Thailand inzwischen schon ein gewisser Wohlstand entstanden ist, wurde nahezu niedergebrüllt. „So ´n Quatsch! Haste mal an der Grenze zu Laos gesehen, wie die da hausen? Das is so ´ne Scheiße, so ´n Dreck, das kannste dir ganich vorstelln.“ Es war sinnlos, darauf irgendwas zu antworten. „Vier Sterne hat das Hotel? Bin ich auch schon rausgeflogen.“ Das konnte ich mir gut vorstellen. Herr Schröder zahlte seine Zeche und eine Runde für uns mit. Dann war sein kubanisches Geld alle. Ich spendierte ihm noch ein viertes Wasserglas mit kubanischem Rum, dann kam endlich Sabine und wir suchten das Weite.

Das Weite lag gar nicht fern. Heute also Kulturabend mit kubanischer Musik im HOTEL NACIONAL. Der Ballsaal des Hotels, der Saal „1930“ wurde wohl in demselben Jahr erbaut, dessen Namen er trägt. Alle Gäste wurden speziellen Tischen zugewiesen. Wir saßen in der zweiten Reihe, etwas links vor der Bühne und leider ziemlich dicht vor den Boxen, mit denen man die Frankfurter Festhalle hätte beschallen können. Das Essen war nicht übel, bestand aus drei Gängen und einem Gratisdrink. Pünktlich um um halb zehn sprang der jugendliche Moderator auf die Bühne und heizte das Publikum an, während sich in seinem Rücken dreizehn Musiker an ihre Instrumente begaben. Von links nach rechts waren das: Ein Pianist an einem Korg Stagepiano, ein Elektrogitarist, ein Elektro-Bassist, ein Bongo-Spieler an zwei großen Bongos, ein weiterer Percussionist, ein Trommler mit fünf lauten Trommeln, zwei Geiger und davor eine Sängerin und drei Sänger, die allesamt auch tanzten und diverse Percussion-Instrumente bedienten. Nr. 13 stand ganz links und bediente die Querflöte – ein Instrument, das man aus vollem Herzen als Folterinstrument bezeichnen darf. Meine Hoffnung, dass die Veranstaltung in Zimmerlautstärke ablaufen würde, hatte sich nach wenigen Sekunden erledigt. So laut war Musik in Havanna noch nie. Sabine stopfte sich auch sofort selbstgedrehte Papierstöpsel in die Ohren, um den Krach etwas erträglicher zu machen. Dagmar fands schön.

 
13 Leute und 94 dB Lautstärke

Zusätzlich zu den 13 Krachmachern kamen dann noch eine schwarzhaarige junge Tänzerin, eine uralte Buena Vista-Vorzeigedame aus den dreißiger Jahren und ein angeblich berühmter Saxofonist, der insgesamt drei Titel spielte. Anscheinend wird Musik nicht von allen gleich empfunden. Die beiden russisch besetzten Nachbartische hatten jedenfalls prachtvolle Stimmung, tanzten ständig mit und nahmen die meisten Szenen auf Video auf, indem sie ihre iPads in die Luft hielten und auf die Tänzer hielten, was ziemlich doof aussah. An jedem Tisch habe ich mindestens drei iPads und eine vollständige Ausstattung mit iPhones 5 gezählt.

Nach exakt zwei Stunden hatten die Damen und Herren der Musikergewerkschaft ausgespielt und wir zogen mit schmerzenden Ohren zurück ins Hotel. Herr Schröder war weg. Schade eigentlich.


DER DREIZEHNTE TAG

Den Morgen musste ich wieder im „HOTEL NACIONAL“ verbringen, weil es bei uns anscheinend in dieser Saison keine Internetkarten mehr geben wird. Dagmar und Sabine klapperten erneut ihre Lieblingsgalerien ab und nahmen noch einen Capucino im „HOTEL de INGLESE“, wo ich die beiden dann wenig später traf. Später im „CAFE PARIS“ mal ein paar Messungen durchgeführt. In meinem iPhone habe ich eine APP, die den Lautstärkepegel misst. Während drinnen die Band spielte und draußen eine andere Band entfernt zu hören war, betrug der Lautstärkepegel 93 Decibel, abgekürzt dB. Ab achtzig dB ist es stark gesundheitsschädlich. Die waren mit 76 db ohne Musik gerade so erreicht. Im Hotelzimmer (bei geschlossenem Fenster) 61 db – auf Dauer ebenfalls noch schädlich. Am Pool waren es ungesunde 84 dB (nachdem ich heimlich die Lautstärke zurückgedreht hatte).

Sabine hatte heute ihren letzten Tag. Sieben Tage haben ihr völlig ausgereicht und damit hatte sie auch recht. 14 Tage Havanna am Stück sind zu viel. Nun gut, wir haben auch fünf Tage mit zusätzlichen Ausflügen verbracht, aber dann bleiben immer noch 9 Tage. Neun Tage sind zuviel für eine Stadt wie Havanna, wenn man sich nicht Tag für Tag durch irgendwelche Museen quälen will. Und das wollen wir ja nicht.

Unsere Empfehlung: Vier Tage Havanna, dann mit dem Bus oder vielleicht sogar mir einem Mietwagen selbst durchs Land fahren, überall das beste Hotel suchen und auf eigene Faust das Land erkunden. Am Ende kann man ja noch drei Tage Varadero im Luxus dranhängen, wenn man das will. Die Menschen hier in Kuba sind sehr kontaktfreudig, es gibt so gut wie keine Gewalt oder Gefahr (vom Verkehr mal abgesehen, aber der ist auf dem Lande kaum zu spüren) und die Gründe und Folgen der kubanischen Revolution können nur durch die eigene Er-“Fahrung“ verinnerlicht werden. Die Kubaner sind zwar arm, aber stolz, gebildet und zufrieden. Dieser Satz, der uns sehr oft begegnet ist, scheint zu stimmen. Keine Ahnung, was passiert, wenn sich der Kapitalismus auf dieser Insel breit macht, wenn die nun erlaubte Selbstständigkeit zu Konkurrenzdenken und Konkurrenzdruck umschlägt. Wer werden die Sieger sein, wer die Verlierer? Wird der allgemeine Zugang zum Internet neue Begehrlichkeiten wecken oder neue Handelswege ermöglichen? Wird die Jugend mit einem „gemäßigten Kommunismus“ der Partei treu bleiben oder selbst irgendwann eine neue Rebellion starten? Lauter Fragen, die ich nicht beantworten kann, weil es für die Weiterentwicklung des Landes keine Vorlagen gibt. Alles ist möglich, alles ist offen.

 
Ein Bier geht immer

Sabine wurde um 14.30 Uhr von einem Taxi abgeholt und zum Flughafen gefahren. Wir mogelten uns dann noch ein bisschen durch den Tag und gingen abends ein letztes Mal ins „CASTROPOL“, wo man uns inzwischen schon fast als Familienangehörige betrachtete. Anschließend trafen wir an der Bar erneut Herrn Schröder. Rolf heißt er übrigens. Diesmal hatte er seine blutjunge kubanische Freundin dabei. Da Prostitution in Kuba unter Strafe steht, war es für ihn nicht einfach, das Mädel ins Hotel zu schleusen. Worüber die beiden sich unterhalten, konnten wir nicht nachvollziehen, da er weder spanisch noch englisch spricht und sie auch nur spanisch kann. Nun gut, für gewisse Dinge braucht man ja auch keine Worte. Rolf trank heute nur Bier, dafür aber sehr viel. Wir erfuhren, dass er bereits seine dritte Scheidung hinter sich hat, dass er jeden Tag 20km bis zum Strand mit dem Fahrrad fährt (die Figur war für einen 63-jährigen durchaus passabel!) und im Strandrestaurant bereits den Fisch für morgen bestellt hat. Die Kleine zeigte uns Bilder ihres 3-jährigen Sohnes, was uns dann schon ein wenig schockte. Das Mädel wollte so gerne in die hauseigene Disco, aber Rolf wollte lieber noch das eine oder andere Bier trinken. Spät und auch ein wenig angeschickert gingen wir zu Bett.


DER LETZTE TAG

Ein Tag des Abschieds. Aufstehen, eiskalt duschen, Frühstücken, Koffer packen, Pool, auf Taxi warten, zum Flughafen fahren, abfliegen…

…und um 16.40 Uhr deutscher Zeit (nach 10 Stunden Flug) endlich wieder daheim!


FAZIT:

Kuba ist eine Reise wert! Wenn es mit den Reformen jetzt zügig weitergeht, wird sich die Armut schnell verringern. Die Menschen sind überaus freundlich, Kriminalität ist nahezu unbekannt (was auch an den Repressalien der Regierung liegt, aber das ist eine andere Geschichte). Alles wird anders werden, wenn der CASTRO-Clan verstorben ist. Vielleicht wird Castro´s lesbische Tochter neue Präsidentin – die Umfragen sprechen derzeit dafür.

In etwa 6 Jahren werde ich eine dritte Reise ins Land unternehmen, um den Fortschritt oder den Zusammenbruch selbst mitzuerleben.

 

Wir werden sehen.

 

Kaum Wasser im Nil – Die Nilkreuzfahrt

Wir sind jetzt in Hurghada, direkt am Roten Meer. Draußen bemüht sich die Sonne ernsthaft, den eiskalten Wind zu besiegen, schafft es aber leider nur selten. Und so liegen sie da rund um den beheizten Pool, das Handtuch schützend über den Körper gelegt. Touristen aus einem Land, in dem ich noch nie war. Man kommt sich ein bisschen wie in einer russischen Enklave vor – die Russen haben das „Palm Beach Resort“ voll in ihrer Hand. Die paar deutschen Touristen sind deutlich in der Minderzahl, dafür aber durchweg hässlicher. Die meisten kennen wir schon von unserer Nilkreuzfahrt, die in der vergangenen Woche stattgefunden hat und eben so vielen von uns das berüchtigte Rumpeln in der Magengegend beschert hat.
Was war passiert?
Donnerstag, 5. Januar 2012. Der TUI-Flieger nach Luxor wird erst um 9.55 Uhr starten. Genug Zeit also, pünktlich mit der S-Bahn zum Flughafen zu kommen. Da wir unsere Koffer schon am Vorabend aufgegeben haben (was inzwischen 10.- Euro extra pro Person kostet!), hätte es gereicht, wenn wir um 9.25 Uhr am Gate antanzen würden. Irgendwie habe ich mich mit den ganzen Zeiten verrechnet und daher den Wecker schon auf sechs Uhr gestellt. 7 Minuten nach sieben fährt die S-Bahn superpünktlich nach Frankfurt, wo wir in der „Taunusanlage“ in die S1 umsteigen, die laut Dagmar über den Flughafen nach Wiesbaden fährt. Diese spezielle S-Bahn weiß leider nichts von Dagmars Fahrplan und fährt zu unserer größten Überraschung über Höchst direkt nach Wiesbaden. Also schnell wieder raus aus der Bahn und zurück zum Hauptbahnhof nach Frankfurt. Dort umgestiegen in die S9, die dann auch endlich den Airport ansteuert. Dann mit der vollautomatischen Flughafenbahn ins Terminal 2. Nach der Passkontrolle haben wir noch Zeit für einen überteuerten Starbucks-Cafe. Außerdem wird immer noch nicht angezeigt, an welchem Terminal wir „boarden“ sollen. Dagmar kennt – als ehemalige Stewardess – ein paar Tasten am info-Terminal, mit denen sich das Gate anzeigen lässt: D3. Die Herrschaften, die für die große Anzeige verantwortlich sind, haben anscheinend vergessen, das Gate einzutragen. Nach dem Sicherheitscheck, bei ich zum ersten Mal um eine Erklärung herumkomme, warum ich ein Mikrophon mit mir rumtrage, können wir einchecken und ziemlich pünktlich starten.
Ich bin hocherfreut, dass es sich bei dem Flieger um eine 737 handelt. Erst gestern habe ich nämlich eine Stunde im Flugsimulator verbracht. Ein Flugsimulator für eine Boing 737. Da gibt es nämlich eine neue Firma in der Nähe von IKEA in Frankfurt, die sich „Happy Landings“ nennt, bei denen man sich als Pilot ausbilden lassen kann. Nun habe ich zwar nicht vor, mich auf meine alten Tage noch als Passagierpilot zu betätigen, aber nach so einigen Stunden am Microsoft Flugsimulator bin ich doch sehr interessiert, wie sich so ein Ding fliegt. Mein Söhne Julian und Benjamin sowie Dagmar haben mir den „Flug“ zu Weihnachten geschenkt. Julian ist mit seinem Sohn Damian mitgekommen, um den Ollen abstürzen zu sehen. Der erste Teil der Simulation beinhaltet den Start in München und eine Landung in Innsbruck, mitten durch die Gebirge durch. Nach einem etwa halbstündigem Briefing VOR der Simulationskabine und einer ebenso langen Einweisung in die Instrumente kann der Flug beginnen. Allen, die noch nie selbst geflogen sind und eine unheimliche Ehrfurcht vor der Unzahl der Apparaturen in so einem Cockpit hegen, sei verraten, dass man so eine Kiste mit ganz wenigen Elementen fliegen kann: Mit dem Steuerknüppel, den beiden Fußpedalen (mit denen auch gebremst wird), dem Gashebel und dem Verständnis eines kleinen Bildschirms, der einem den Horizont und den Steig- oder Sinkwinkel anzeigt. Letztere sollten nicht zu groß sein, sonst wird’s den Passagieren schlecht. Ach so, Geschwindigkeit und Kurs sollte man auch im Auge behalten. Mit diesem Basiswissen bekomme ich den Vogel problemlos in die Lüfte. Zwischendurch haben die fiktiven Passagiere wohl das eine oder andere Mal in die Tüte gespuckt, aber das lerne ich auch noch. Zur Landung kommt es dann leider nicht mehr, weil sich kurz vor dem Aufsetzen die Software des Simulators verabschiedet. Nach einer kurzen Neuinstallation landen wir dann noch ein paarmal in Frankfurt. Bei meiner ersten Landung hätte es die 737 komplett zerbröselt und auch die zweite Landung ist nicht so dolle, dass man das Flugzeug weiter verwenden könnte, aber Julian legt dann endlich eine saubere Landung hin und rettet somit die Familienehre.
Zurück zu unserer Reise. Mit dem beruhigenden Gefühl, im Notfall die Kiste irgendwie runter zu bekommen, genießen Dagmar und ich den Flug ungemein. Und da weder der Pilot noch der Copilot an verdorbenem Essen zusammenbrechen, landen wir auch ohne meine Hilfe pünktlich ca. viereinhalb Stunden später in Luxor. Ein Dank an dieser Stelle an das wirklich sehr nette Flugpersonal, das stets einen Scherz auf den Lippen hat und sich selbst von den nervigsten Neufünfländern nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Am Flughafen suchen wir erstmal einen Geldautomaten auf, um uns mit etwas einheimischer Währung einzudecken. Mehr als 200 Ägyptische Pfund kann man nicht abheben, obwohl das umgerechnet nur 27 Euro sind. Wir hätten uns die Pfunde auch gleich ganz sparen können, da sich Ägypten ganz schnell als das „Ein-Euro-Land“ entpuppt. Egal, was einem auf der Straße angeboten wird – es kostet „EIN EURO“. Natürlich auch der obligatorische Toilettenbesuch nach der Landung. Gleich drei Muselmanen streiten sich um die Gunst, mir Klopapier in die Hand drücken zu dürfen. Da ich bei der Wechselarie nur große Scheine erhalten habe, gebe ich dem Putzmeister meinen letzten Euro.
Unser Reiseveranstalter heißt „ECCO“ und gehört dem ägyptischen „ISIS“-Konzern. Wir werden professionell in Empfang genommen und zum Bus geführt. Die ca. zwanzig Kofferträger, die auf einen Euro aus sind, können wir mühsam abwimmeln. Vom Flughafen zum Schiff sind es ca. eine halbe Stunde Fahrt, während der unser Tourleiter Geld wechselt – zu einem gnadenlos schlechteren Kurs als im Automaten, wie sich gleich herausstellt. Und dann sind wir endlich am Anlegeplatz. Fünf Schiffe liegen parallel nebeneinander – unseres ist natürlich das letzte. Um es zu erreichen, müssen wir die anderen vier Schiffe durchqueren. Das erste Schiff hätte mir sehr gut gefallen – die Nile Crown III. Wir werden leider in die Nile Crown I gesteckt, die deutlich bessere Tage gehabt haben muss. Die 52 Kabinen verteilen sich auf vier Stockwerke. Je höher, je besser. Da wir „Comfortclass“ gebucht haben, hoffen wir auf den dritten oder vierten Stock. Leider steckt man uns in den Keller. Die Vorhänge in den Kabinenfenstern sind zugezogen und die Fenster selbst lassen sich auch nicht öffnen. Man könnte sowieso nichts sehen, da das Kabinenfenster direkt gegenüber dem nächsten Schiff liegt, dessen Fenster auch alle geschlossen sind. Der Kofferträger bedankt sich für den Euro, den Dagmar noch in ihrem Portemonnaie gefunden hat. Wir sind ziemlich enttäuscht über diese Kabine und wenden uns empört an die Reiseleitung, einen gewissen Mohammed, den man Mohammad ausspricht. Nach einigen Hin und her klärt sich, dass „Comfortclass“ lediglich bedeutet, dass man Vollpension erhält. Eine Zuzahlung für ein besseres Zimmer ist nicht möglich, da das Schiff ausgebucht ist. Hätte eh´ nicht viel gebracht, wie sich bald herausstellt. Die Zimmer sind alle gleichgroß und die Fenster sind auf dem ganzen Schiff nicht zu öffnen. Immerhin liegen unsere Fenster nicht UNTER Wasser. Das Dieselöl der uralten Maschinen stinkt zwar gewaltig, dringt aber kaum bis in unser Zimmer vor. Die Einrichtung: Zwei Einzelbetten, die wir sofort zu einem Doppelbett zusammenschieben, ein Bad mit Dusche und einer Toilette, in die man kein Papier werfen darf. Ein Fernseher mit drei Kanälen, die entweder die Bugkamera oder das Programm anzeigen, das irgendein Matrose irgendwo gerade eingestellt hat. Da wird dann auch gerne mal mitten im Film umgeschaltet. Als einzige deutsche Sender tauchen ab und zu RTL 2 und das ZDF auf, immerhin! Der Tresor ist auch ulkig. Den Schlüssel erhält man kostenlos an der Rezeption. Den Tresor erfüllt seinen Zweck allerdings nur halbherzig, da er noch nicht einmal an der Wand befestigt ist, sondern kinderleicht durch die Gegend getragen werden kann.
Erwähnte ich schon, dass der Kahn seine besseren Zeiten lange hinter sich gehabt haben muss? Die Gänge zu den Kabinen sind die reinsten Stolperfallen – überall verbergen sich unter dem verdreckten Teppich Einbuchtungen für irgendwelche Luken. Der Kühlschrank ist defekt und die Klimaanlage kann nur kalt, obwohl es höchstens 15 Grad warm ist. Willkommen in der ägyptischen Hochsaison! Wenn man nach dem Duschen das Wasser abdreht, fällt einem der Duschkopf auf die Füße. Zweimal hat´s mich erwischt, dann habe ich es mir gemerkt. Mit ziemlich gemischten Gefühlen betreten wir die Bar, die sich einen Stock über uns befindet. Schicke 50er-Jahre-Einrichtung und strikte Einteilung nach Rauchern und Nichtrauchern. Da in unserer Gurkentruppe eine Menge Raucher sind, müssen wir uns zur Lagebesprechung auf der Raucherseite treffen. Da wir nur Vollpension und kein „All inclusive“ gebucht haben, bestellen wir uns (für einen Euro) ein Bierchen. Ein deutsch-russisches Paar fällt durch den Konsum mehrerer Gläser Weißwein mit Strohhalm auf. SIE ist Russin, ER ist aus Sachsen und deutlich jünger als sie. Beide sind durchaus extravagant und teuer gekleidet. Er könnte mit seiner Figur und dem Aussehen glatt als Model durchgehen, wenn nicht das vermatschte Gesicht eindrucksvoller Zeuge übermäßigen Alkoholkonsums wäre. Normalerweise trinkt er Bier, das aber schon zum Frühstück. Sie bevorzugt während der Nilreise Weißwein, wird aber später in Hurghada auf Rotwein umsteigen – immer mit Strohhalm und immer von früh bis spät.
Mohammed, unser Reiseleiter für diese erste Woche, erklärt das Ausflugsprogramm. Es gibt ein Tourpaket, das man schon vorab für 175.- Euro buchen konnte. In der Hoffnung, vor Ort eine größere und eventuell günstigere Auswahl zu finden, haben wir bisher nichts gebucht. Aber nach der detailreichen Beschreibung aller Ausflüge schlagen wir dann doch zu und buchen alle Ausflüge – sogar die „fakultativen“ – also zusätzlichen Ausflüge. Außerdem müssen wir sämtliche Trinkgelder für alle Beteiligten dieser Tour im Voraus entrichten – so um die 36 Euro pro Person. Auf jeden Fall günstiger als wenn man jedes Mal für jede Dienstleitung in die Tasche greifen müsste. Die Bezahlung, saubere 580.- Euro für uns beide, will ich mit meiner Visa-Karte tätigen. Leider dauert es rund eine Stunde, bis ein Gerät aufgetrieben wird, mit dem man, wie in alten Zeiten, Kreditkarten durchziehen kann. Das Gerät ist offensichtlich eine Weile außer Betrieb gewesen, denn das einzige, was klappt, ist die zuverlässige Zerschneidung meiner Kreditkarte. Wir schreiben die Daten dann eben per Hand auf den Beleg.
Eigentlich wollen wir auch auf „All inclusive“ updaten. Mohammed ist aber so fair, uns davor zu warnen. Das Update würde umgerechnet 35.- Euro pro Person und Tag ausmachen. Soviel können wir beim besten Willen nicht versaufen…
Außerdem stellt sich bald heraus, dass ohnehin nur wenige, ausnahmslos einheimische Getränke im „All-Inclusive“-Paket enthalten sind. Bier wird nur in kleinen Gläsern ausgeschenkt und wer einen Longdrink verlangt, muss lange nach dem Alkohol suchen. Manchmal fehlt er ganz.
Neunzehn Uhr – Essen fassen. Das Restaurant befindet sich einen Stock unter der Bar. Wie auf solchen Fahrten üblich, gibt es ein ein großes Buffet. Und mag man das Schiff insgesamt auch als alt und klapprig bezeichnen, so ist doch die Qualität der Speisen und Getränke allerfeinst. Wir werden von unserem Stammkellner an einen Fensterplatz gesetzt (der natürlich noch zugezogen ist, da wir noch gar nicht abgefahren sind). Zu unserer großen Verzweiflung setzt der Maitre de plaisir ausgerechnet die Russin mit ihrem Model-Mann neben uns. Ich weiß nicht wie viele Gläser Weißwein inzwischen durch ihren Strohhalm geflossen sind, es müssen eine Menge sein, wie ihre lallende Aussprache vermuten lässt. Der ägyptische Weißwein findet übrigens sehr schnell weitere Liebhaber, mich eingeschlossen. Daggi kann sich noch nicht so richtig entscheiden, folgt aber im Lauf der Reise dem allgemeinen Trend.
Nach dem Essen gehen wir nochmals in die Bar. Zu grässlicher Discomusik (Ohne Bässe, viel zu mittenbetonter Klang) sitzen die Mitglieder unserer Gruppe, fein säuberlich nach Raucher und Nichtraucher sortiert, in den Plüschsesseln und versuchen, sich näher zu kommen. Die Bürger und Bürgerinnen aus dem Osten unseres Landes sind eindeutig in der Mehrzahl. Das Durchschnittsalter dürfte so um die sechzig liegen, aber nur, weil drei oder vier Jüngere den Schnitt gewaltig drücken.
Wir lernen ein Paar aus Frankfurt kennen. Sie ist Architektin, er pensionierter Banker – beide aus Frankfurt und beide sehr nett. Wobei „nett“ irgendwie sehr nichtssagend klingt. Es sind wirklich Menschen, die was erlebt haben und was erzählen können. Menschen, deren Horizont auf vielen Gebieten noch ein gutes Stückchen weiter geht als unsere kleine Welt, in der wir es uns gemütlich gemacht haben. Marie Therese kommt z.B. gerade aus Äthiopien, wo sie nicht nur ein Bauprojekt betreut, sondern auch mehrere Kinderpatenschaften abgeschlossen hat. Mit ein paar Euro im Monat kann hier einem Kind die komplette Ausbildung garantiert werden. ER heißt „Babo“. Das ist kein Spitzname, sondern tatsächlich der Name eines Adelsgeschlechts aus dem 16. Jahrhundert, von dem er abstammt. Das lässt er zum Glück nicht raushängen, sondern bewegt sich mit seinen Kommentaren ganz im Hier und Jetzt. Völlig verschieden sind wir beiden Paare in Hinblick auf Kultur. Die beiden gehen zwar auch gerne ins Theater, waren aber noch nie in der „Komödie“. Musik interessiert sie nur, wenn es Jazz oder Klassik ist – genau die beiden Musikrichtungen, mit denen wir beide herzlich wenig anfangen können. Auch Architektur und Bildhauerei gehören eher zu den sehr entfernten Interessengebieten von Dagmar und mir. Aber wie es so ist: Gegensätze ziehen sich an. So haben wir uns im Laufe der beiden Wochen immer wieder viel zu erzählen. Und es gibt auch nur zwei weitere Paare unter den 104 Mitreisenden, zu denen wir engeren Kontakt bekommen. Zum einen Thilo und seine Freundin Nadja, mit denen wir durch einen Bazar bummeln werden und Hartwig und seine Frau Dietlind, mit denen wir erst in Hurghada die ersten Gespräche führen werden. Daher lasse ich das jetzt auch noch weg und komme auf beide zurück, wenn sie chronologisch in unserer Reise auftauchen. Die meisten anderen Mitreisenden sind eher dem RTL2-Stammpublikum zuzurechnen und daher nicht unser Bier. Lustig sind zwei jüngere Burschen aus Leipzig, die mangels eigener Freundinnen inzwischen lieber zusammen verreisen – beide in Einzelzimmern, damit kein Verdacht aufkommt.
Verliebte Jungs sind allerdings auch an Bord. Der eine ganz nett, sehr gut gekleidet, eher intellektuell aussehend, sein Lover eine grässliche Nervensäge mit polnischem Migrationshintergrund. Das passende Gegenstück sind zwei ältere dicke Damen, bei denen die eine wohl gerade eine Chemotherapie hinter sich hat. Die bevorzugte Bordsprache ist sächsisch.
Wir tauchen nach zwei Gläsern Wein erstmal ab in unsere Muffelbude. Das Schiff wird über Nacht in Luxor bleiben und wir sind auch schon reichlich müde. Morgen erwartet uns ja schon der erste Ausflug. Auf dem Weg in die Kajüte lesen wir auf der Programmtafel, wann wir geweckt werden: SECHS UHR!!!! Das bedeutet fünf Uhr deutscher Zeit!!!! Tja, bin ich denn nicht im Urlaub? Was soll das denn??? Es bleibt uns nichts anderes übrig als diese unmenschliche Tourzeit zu schlucken. Ist sicherlich sinnvoll, wenn es in Ägypten so richtig heiß ist. Dann ist der frühe Morgen ideal für Besichtigungen, aber draußen ist es kälter als bei unserem Abflug in Frankfurt!
Wir schlafen schnell ein. Dagmar wird gegen zwei Uhr wach, weil irgendwelche lauten Geräusche sie aufschrecken lassen. Es stellt sich später heraus, dass um diese Zeit die Wasserfilter gewechselt werden und neues Trinkwasser eingefüllt wird. Ich kreige davon nichts mit und ich schlafe sogar bis fünf Uhr durch. Dann warte ich nämlich darauf, dass der Wecker klingelt. Stattdessen fahre ich zu Tode erschrocken auf, als aus dem nahegelegenen Minarett einer Moschee der Weckruf des Imans über die Stadt schallt – mit grässlichen Druckkammerlautsprechern verstärkt, damit ja keiner weiterschläft, sondern gefälligst betet. Nach zehn Minuten ist der Lärm vorüber und ich kann weiter auf unseren Weckruf warten. Als es dann wirklich klingelt, bin ich gerade wieder eingeschlafen.
Siebter Januar 2012. Um halb sieben sitzen wir im Restaurant und erfreuen uns an dem reichhaltigen Frühstücksbuffet. Unser Kellner möchte uns wieder an denselben Tisch wie gestern Abend setzen. Wir weigern uns aus naheliegenden Gründen und setzen uns einfach auf zwei freie Plätze an dem Tisch, an dem auch die beiden Frankfurter sitzen. Das bringt natürlich den schönen Plan unseres Kellners völlig durcheinander, denn wiederum andere, die vorher hier saßen, müssen jetzt woanders hin und so weiter. Irgendwann im Laufe des Tages haben aber alle Plätze gefunden, mit denen sie einverstanden sind. An einem großen runden Tisch sitzt eine muslimische Familie, wie sie im Bilderbuch steht. ER mit Vollbart und dickem Bauch, SIE völlig verschleiert und zwei Kinder mit Schleier. Die arme Frau muss für jeden Bissen den Schleier anheben. Sehr gewöhnungsbedürftig. Sie scheint aber genug Essen abbekommen zu haben, wie man trotz des Gewandes unschwer erkennen kann. Mal ein paar Zahlen: Rund 80% der Ägypter sind Muslime, rund 17% Christen, die hier aber Kopten genannt werden und eher den griechisch-orthodoxen Christen zuzuordnen sind. Man lebt in einer Art „Bruderschaft“, die aber wohl nach der Revolution – über die wir noch viel reden werden – einen Knacks bekommen hat. Die christliche Minderheit wird seither, vor allem in Kairo, deutlich unterdrückt und auch schon mal verhauen. Hier in Luxor merkt man allerdings davon nichts. Mohammed ist kein Freund der Revolution – das merken wir an jeder seiner Antworten zu diesem Thema.
Sieben Uhr ist Abmarsch zur ersten Exkursion. Der Tempel von Karnak sowie der Tempel von Luxor stehen auf dem Programm. Ein Bus fährt uns hin. Nach der Besichtigung des Modells der Anlage laufen wir dann zunächst mal zum Karnak-Tempel. Ein wirklich imposanter Bau mit so mancher architektonischen Eigenheit, wie unsere Fachfrau schnell feststellt und mit Mohammed diskutiert. Der beantwortet auch alle Fragen geduldig und stoisch, obwohl man ihm schon anmerkt, dass er eigentlich lieber sein eigenes Programm abspulen möchte. Immer wieder bekommen wir ein paar Minuten Auslauf, um uns ein paar Details anzuschauen. Ich werde die Geschichte der ägyptischen Götter jetzt hier nicht noch einmal erzählen – dafür ist Wikipedia ein besserer und zuverlässigerer Anlaufpunkt. Zu erwähnen ist höchstens, dass es mausekalt ist und wir ganz schön klappern im Wind. So ab zehn kommt dann die Sonne etwas auf Touren und macht die Tour dann auch erträglicher. Den landesüblichen gefühlten 200 Einzelhändlern, die uns alle 3 Meter (aber nur VOR dem Tempel) irgendwelchen Touristenkrempel „für nur ein Euro“ anpreisen, gehen wir gekonnt aus dem Wege. Einfach nicht darauf reagieren und grundsätzlich in eine andere Richtung schauen – das hat sich als perfekter Abwehrmechanismus erwiesen. Es wäre ja schön, wenn wirklich alles nur einen Euro kosten würde – oder sogar umsonst wäre, wie so mancher Händler behauptet. Tatsache ist natürlich, dass in dem Moment, in dem ein Verkaufsgespräch beginnt, ausgerechnet der gewünschte Artikel dann doch eher 20 Euro kostet, bis man ihn auf immer noch überbezahlte 5 Euro runtergehandelt hat. Und was kann man kaufen? Alles, was kein Mensch braucht. Pyramiden, Kamele, kratzige Tücher, Sphinx-Nachbildungen, olle Götter und alles, was irgendwie mit Ägypten zu tun hat und sich als Staubfänger eignet.
Weiter geht’s mit dem Bus zum Tempel von Luxor. (Luxor hieß übrigens mal „THEBEN“, das nur so am Rande). Irgendwie dasselbe in grün mit etwas mehr Straßenhändlern. Interessant ist, dass beide Tempel in einer geraden Linie miteinander verbunden sind. Diese Linie wollte man nun wieder sichtbar machen und hat dafür in jahrelanger Kleinarbeit alle Häuser abgerissen, die der direkten Verbindung im Wege standen und sie wieder woanders neu aufgebaut. Als dann schon das Fundament für die Verbindungsstraße angefangen wurde, kam die Revolution. Und mit der Revolution kamen keine Touristen mehr. 80% weniger seit Januar 2011. Und ohne Touris keine Kohle. Also ist die Straße jetzt eine Baustelle, die wohl ihre Vollendung so schnell nicht erleben wird. Na ja, hier in Ägypten dauert es ja gerne mal 6000 Jahre, bis sich was verändert. Mohammed, offensichtlich streng gläubig, findet das alles nicht so berauschend. Er ist studierter Ägyptologe von Beruf und hat mit unserer Tour seinen ersten Job seit drei Monaten. Seine Familie wartet in Kairo auf ihn. Wir lernen von ihm, dass die ollen Ägypter einen ganz raffinierten Schöpfungsplan hatten. Die Sonne (Gott „Amun Ra“, der eigentlich zwei Götter war, aber das führt jetzt zu weit) geht im Osten auf. Also ist östlich des Nils das Leben. Im Westen, auf der anderen Seite des Nils, geht sie wieder unter, also werden dort alle Toten begraben. Da die Sonne ja am nächsten Tag wieder aufgeht, war man der Meinung, dass auch die Toten am nächsten Tag wieder auferstehen würden, wenn sie nur aus ihrem Grab zur Spitze eines Berges klettern würden, von wo ihre Seele gen Himmel fahren und mit der Sonne am nächsten Tag wieder ins Leben getreten wäre. Zu kompliziert? Sorry, besser kann ich´s nicht erklären. Morgen im „Tal der Könige“ klappt das vielleicht besser. Jetzt geht es erst mal wieder zurück aufs Schiff. Das Buffet wartet.
Für den Nachmittag ordern wir eine „fakultative“ Stadtrundfahrt mit Pferdekutschen. Rund zwanzig Touristenpaare quetschen sich in die engen Kutschen, die von meist sehr ausgemergelten Pferden mit übergewichtigen Kutschern gezogen werden. Wider Erwarten ist diese Tour sehr schön. Wir fahren zunächst ein bisschen raus aufs Land, um den Einheimischen beim Nichtstun zuzusehen. Man könnte meinen, wenn es eh schon keine Arbeit gibt, könnte man doch die Zeit nutzen, um den ganzen Schutt wegzuräumen, aber das steht wohl nicht im genetischen Code der Ägypter. Nach einer Getränkepause (im Preis enthalten!) geht es weiter in die Altstadt direkt in einen Bazar. Jawoll, mit der Kutsche mitten durch das Einkaufszentrum. Das ist schon recht abenteuerlich, zumal unser Gefährt schon vor ca. 130 Jahren in die Inspektion gehört hätte und sich in den engen Kurven und unbefestigten Straßen windet wie ein weidwunder Wasserbüffel. (Schöne Alliteration, ansonsten ziemlich daneben.) Plötzlich wird unser Kutschenzug immer länger. Pferdekutschen mit Lautsprechern und jungen Leuten, die zweisprachige Handzettel verteilen, machen uns plötzlich zu einem Teil der Revolution. Auf dem Handzettel steht, dass wir gefälligst bei den einheimischen Händlern kaufen und keine Touren über große Touristenbüros buchen sollen. Oops, erwischt. Muhammed, dem wir den Zettel abends zeigen, „was not amused“.
Nach zwei Stunden, die erstaunlicherweise von allen Pferden (und Touristen) ohne Ausfall bewältigt werden, geht es mal wieder zurück auf´s Schiff. Ein kurzer Drink in der Bar – und es gibt schon wieder was zu essen. Danach gehen wir früh schlafen. Die morgige Tour beginnt nämlich schon um – SECHS UHR!!!
Kurze Zwischenanmerkung zum Thema Internet: So mancher wird sich fragen, wie ich nun schon den dritten Tag ohne Internet auskomme. Tue ich ja gar nicht, ätsch! Es gibt auf dem Schiff Wireless Lan, das allerdings nur direkt neben dem Internetrechner funktioniert, der neben der Bar steht. Der Rechner selbst funktioniert leider nicht. Über die Kombination eines Usernamens und eines Passwortes gehe ich dann immer wieder mal „Online“, um meine Mails abzurufen. Ein teurer Spaß, der zudem sehr oft überhaupt nicht funktioniert. Eine Stunde kosten 40 Ägyptische Pfund, also rund 6 Euro. Vier Stunden kosten 160 Pfund, aber sechs Stunden kosten 120 Pfund, also rund 18 Euro. Merkwürdiger Rabatt. Marie Therese, die Architektin, hat das schlauer eingefädelt. Während wir mit den Pferdchen galoppierten, hat sie – zusammen mit Mohammed – in der Stadt einen Vodaphone-Laden aufgesucht und dort einen UMTS-Stick mit 6GB Internetnutzung für ca. 35 Euro gekauft. Da kann man nicht meckern.
Mitten in der Nacht zum Samstag bleibt das Schiff mit einem großen Rumms im Nil stecken. Der gut 60 Meter lange Kahn (Breite ca. 10 Meter) hat sich im Nilschlamm festgefahren. Bei einem Tiefgang von nur etwa einem Meter fünfzig ist das weniger schlimm als man zunächst vermutet.
Aber es dauert eine gute halbe Stunde, bis die Mannschaft den Kahn wieder flott bekommt. Offenbar ohne größere Beschädigung setzen wir unsere Reise fort.
Den Wecker um sechs wollen wir eigentlich am liebsten ignorieren, aber da wir die Tour ins „Tal der Könige“ nun schon mal bezahlt haben, stehen wir natürlich auf und sind pünktlich um halb sieben im Frühstücksrestaurant. Das Buffet ist auch hier wieder reichhaltig und vorzüglich. So viel essen wir in unserem „normalen“ Leben die ganze Woche nicht, was hier morgens durch den Schlund läuft.
Mohammed ist schon putzmunter und ruft um sieben „seine“ Truppe zusammen. Wir sind nämlich ZWEI Reisegruppen mit ZWEI Reiseleitern, wie wir inzwischen gelernt haben. Und wir haben Glüvk: Mit Mohammed haben wir eindeutig den besseren Tourguide erwischt. Er weiß alles, gibt aber nicht alles ohne Nachfrage raus. Der andere Kerl („Ahmed“) nuschelt im Falsett vor sich hin, spricht ein grauenhaftes Deutsch und erzählt nur Sachen wie: „Das hier ist Tal der Könige. Sie jetzt aussteigen und gucken an. Dann komme zuruck in Bus. Ich hier warte.“ Mohammed hat nur manchmal Probleme, wenn einer unserer tiefsächsischen Mitreisenden Zwischenfragen stellt. Oft kann ihm aber keiner helfen, weil wir selbst nichts verstehen. Ehe man mir hier nun eine Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus gegen Sachsen unterstellt: Ich habe Nichts gegen Sachsen, bin ja selbst in Dresden geboren (und dann mit drei Monaten in den kapitalistischen Westen verschleppt worden – Gott sei dank). Ich kann es nicht leiden, wenn menschen so undeutlich sprechen, dass man sie nicht versteht, wenn man nicht zufällig im selben Dorf aufgewachsen ist. Das gilt für bestimmte hessische Dialekte genauso wie für Plattdeutsch, tiefbayrisch, pfälzisch, saarländisch und was der Grausamkeiten mehr sind in diesem Land. Nicht ohne Grund hat man sich doch auf Hochdeutsch geeinigt – eine Sprache, die jeder von Süd bis Nord, von Ost bis West verstehen sollte. Nun gut, so langsam sterben die Dialekte sowieso aus. Ich werde ihnen nicht nachweinen. Vielleicht kann ich dann sogar irgendwann einmal einem österreichischen Tatort folgen…
So, jetzt fahren wir aber endlich ins Tal der Könige. Das liegt immer noch in Luxor, aber auf der anderen Seite des Nils, also westlich. Hier werden alle begraben, auch die heutigen Toten. Mit dem Bus fhren wir zunächst eine Weile auf „unserer“ Seite den Nil runter, um dann über eine Brücke zur anderen Nilseite zu gelangen. Sehr verwirrend für uns ist die Tatsache, dass der Nil in Ägypten von Süden nach Norden fließt, also eigentlich „verkehrtrum“. Und deswegen ist „Oberägypten“ nicht etwa im Norden, sondern im Süden und „Unterägypten“ demnach im nördlichen Teil Ägyptens angesiedelt. Die Mündung des Nils liegt in Äthiopien – und das ist üfr die Ägypter ein großes Problem. Durch den Bau diverser Staudämme fließt nämlich immer weniger Wasser den Nil herunter (also gen Norden, nach Ägypten). Und deswegen sind wir heute Nacht auch auf Grund gelaufen. Zu wenig Wasser. Derzeit sind drei weitere Staudämme in Äthiopien im Bau, wie wir von Marie-Therese erfahren. Einer wird von den Amis finanziert, einer von irgendjemand anderem und der größte von den Chinesen. Wenn der irgendwann fertig ist, sollen weitere 35% des Nilwassers zurückgehalten werden. Dieses Jahrhundertprojekt bringt den Äthiopiern, die darauf schon seit Ewigkeiten warten, endlich die dringend nötige Infrastruktur, um beispielsweise Strom zu erezuegn und diesem am Weltmarkt anzubieten. Den Ägyptern bringt das nur Ärger – und das lassen sie sich auch derzeit deutlich anmerken. Laut Mohammed seien „intensive diplomatische gespräche“ im Gange, das Dilemma zu lösen. Denn Ägypten ohne Nil wäre nicht überlebensfähig. Die rund 85 Millionen Ägypter wohnen alle rund um diese Lebensader – der Rest ist Wüste. Wenn also jetzt nicht nur die Touristen wegbleiben, sondern auch noch das Nilwasser abgedreht wird, könnten sich ganz schön gefährliche Situationen für unseren Weltfrieden ergeben.
Heute morgen ist noch genug Wasser vorhanden und unser friedlicher Reiseleier führt uns ins „TAL DER KÖNIGE“. Hierbei handelt es sich um ein Gebirge aus Kalkstein, in dessen Felsen die ollen Ägypter Unmengen von Gräbern für ihre Pharaonen gehämmert haben. Kaum, dass einer zum Pharao aufgestiegen war, begann er auch schon mit dem Bau seines Grabmals. Die meisten haben das Ende des Baus gar nicht erlebt und wurden daher in halbfertige Grabmäler gelegt. Getreu dem Glauben, dass man am nächsten Morgen mit der Sonne wieder auferstehen würde, waren in den Grabkammern genaue Anweisungen nachzulesen, was die Toten in den Nachtstunden alles tun sollten, um ihre Seele über den Berggipfel (der auch wie eine Pyramide aussieht, aber ohne menschliches Zutun – einfach Natur) über den Mond zur Sonne zu leiten. Immer noch nicht verstanden? Ich auch nicht. Jedenfalls nicht so genau. Die Hyroglyphen waren ja bekanntlich die ersten Schriftzeichen der Menschheit – ca. 6000 Jahre vor Christus. Ich dachte bisher, das jedes Zeichen eine kleine Geschichte erzählen würde, die man einfach nur richtig deuten müsste, um den ganzen Altertumskram zu kapieren, aber weit gefehlt: Es handelt sich bei den Hyroglyphen um richtige Buchstaben, die man hintereinander, bzw. untereinander lesen musste. Das komplette Alphabet gibt es in ganz Ägypten milliardenmal für „nur ein Euro“ an jeder Straßenecke.
Im Tal der Könige liegen also eine Menge Gräber der alten Pharaonen. Rund 62 Srtück hat man bisher gefunden. Fast alle waren von frühen Grabräubern ausgeplündert worden. Die alten Herrscher hatten nämlich als Grabbeigabe jede Menge Schmuck, Gold und andere Wertsachen mit
dabei, um bei der Wiedergeburt nicht als armes Würstchen dazustehen. Das eher unscheinbare Grab des TutEnchAmuns hatten die Grabräuber übersehen, deswegen findet man den Inhalt seines Grabes jetzt in den beeindruckenden Installationen im Ägyptischen Museum in Kairo. Da wollten wir eigentlich auch noch hin, aber da der berüchtigte Schmelzpunkt der Revolution, der „Tahier“-Platz unmittelbar neben dem Ägyptischen Museum liegt, hat uns der Außenminister davon abgeraten. (War übrigens eine dämliche Entscheidung – es war rein gar nix los die letzten beiden Wochen)
Mit einer Elektrobahn wie im Paramount Studio zotteln wir vom Bushalteplatz bis zum Eingang der Tal der Könige. Es wird langsam wärmer, wir können die Jacken im Bus lassen. Unsere Eintrittskarte erlaubt uns drei Grabbesichtigungen. An jedem Eingang sitzt ein Wächter und knipst uns ein Loch in die Karte. Drinnen, z.B. bei Ramses III, sieht man spektakulär gut erhalte Wandzeichnungen samt der oben erwähnten Beschreibungen, was Ramses nach Sonnenuntergang gefälligst tun sollte, um wieder aufzuerstehen. Hat übrigens ganz sicher nicht ein einziges Mal geklappt, aber das wussten die alten Ägypter leider nicht. Sonst hätten sie sich den unheimlichen Aufwand nämlich sparen können. Die Gräber selbst sind riesige Steinsarkopharge – natürlich längst alle leer.
Nach einer guten Stunde haben wir unsere drei Wunschgräber erkundet und treffen uns wieder bei Mohammed. Die beiden verliebten Jungs sind leider verschwunden, tauchen dann aber doch reichlich verspätet auf.

Weiter geht’s zur nächsten ägyptischen Spezialität: Alabaster.

Leider sind die Aufzeichnungen ab hier – zusammen mit den ganzen Bildern – irgendwo im WorldWideWeb verschwunden. Falls einer von Euch die Datei zufällig kopiert hat, sagt bitte Bescheid.