Rhodos und Türkei

„Der Zuckerhut in Rio besteht aus Augengneiß“.

Das hätten Sie nicht gewusst, wetten? Ich weiß sowas. Ich hatte mal einen Erdkundelehrer, der die Welt in leicht zu merkende Sätze einteilte. Einer davon war der Zuckerhut, der aus Augengneiß besteht. Ich habe zwar keine Ahnung, woraus Augengneiß besteht, aber das ist ja auch egal. Es reicht ja zu wissen, dass der Zuckerhut in Rio daraus besteht. Mit so einem unglaublichen Detailwissen könnte ich glatt bei Günther Jauch mitmachen.

Ich schreibe das nur, weil ich die geneigten Leser darauf hinweisen möchte, dass es auf dieser schönen Welt die unglaublichsten Dinge gibt. Nicht nur Augengneiß, sondern zum Beispiel auch Gruppenreisen mit „RSD“ (Reisedienst Deutschland) nach Rhodos Anfang April 2026. Als langjähriger Nutzer dieses Reiseunternehmens bin ich natürlich gerne auf das Lockangebot angesprungen, das mir zwei Wochen Urlaub auf Rhodos inklusive eines viertägigen Trips durch einen kleinen Teil der Türkei für einen unglaublich mickrigen Preis von 248.- Euro versprach. Inklusive der Besichtigung von Dutzenden von Weltkulturerbe-Bauwerken unter wissenschaftlich ausgebildeter Reiseleitung. Das Kleingedruckte drückte den Preis dann wie gewohnt gewaltig nach oben: Alleinreisend, Einzelzimmer, Abflug in Frankfurt, auch noch während der Osterferien!, mit Essenspaket UND allen Eintrittskarten etc. waren wir schon bei gut 1500.- Euro. Immer noch ein gutes Angebot, wenn man sich die ganzen Details durchliest. Die zweite Woche war sogar geschenkt! Also fast. Man muss ja auch was essen oder trinken in dieser Gratiswoche. Kurzum: Mit gut zwei Mille war ich dabei. Dachte ich zumindest.

Denn es gab noch ein paar Unbekannte in meiner Rechnung. Zum einen die Mitreisenden, zum anderen das Wetter. Die Mitreisenden waren – wie immer bei RSD – zwischen Renteneintritt und scheintot. OK, ich bin auch nicht mehr so ganz jung, aber ich weiß sogar, woraus der Zuckerhut in Rio besteht. Ich denke mal, keiner der Mitreisenden weiß das.
Das Wetter war dann eher enttäuschend, zumindest am Tag der Ankunft. Rhodos hatte gerade vier taifunartige Stürme hinter sich, voll durchmischt mit Sand aus der Sahara. Und wer will das schon? Alle Straßen standen unter Wasser, als wir landeten.

Aber Wasser interessiert mich ohnehin auf Reisen nur in Form von Getränken während mühseliger Wanderungen oder der Besichtigung von toten Steinen. Im Hotel sollte es nach altem Brauch trinkbaren Wein für einen günstigeren Preis als zuhause geben. Das war immer so und sollte so bleiben. War leider nicht so. Gleich im ersten Hotel – etwa 30 Minuten vom Flughafen in Rhodos entfernt – kostete an der Bar ein Glas Weißwein bereits 6,50 Euro. Das zahle ich auch bei uns zu Hause in den besseren Lokalen. Irgendwie hat der Euro die Preise verdorben.

Während des Abendessens – wie üblich von allem etwas, aber nichts richtig – war die einzige Weinsorte, die man auch als Glas bestellen konnte, ein eher übersüßter Dessertwein. Deswegen sitze ich jetzt an der Bar und werde als Absacker noch einen trockenen griechischen Wein unbekannter Herkunft verdrücken, bevor ich mich körperlich und geistig auf die morgen beginnende Tagestour vorbereite. Vielleicht frage ich aber auch meine „künstliche Intelligenz“, Chat GPT, woraus eigentlich Augengneiß besteht.

Wieso tue ich mir das eigentlich an? Lerne ich wirklich Land und Leute kennen, wenn ich mit Tausenden von Rentnern andere Länder überfalle und als so genannter Tourist in die üblichen Fallen gerate? Gibt es da keine Alternative? So wie ich mit meinen Eltern in den 60er Jahren im Auto nach Italien und später nach Spanien gefahren bin? Mit kettenrauchendem Vater und ohne Sicherheitsgurte? Festgenagelt an einem Ort, jahrzehntelang dieselbe Tour? Oder als jugendlicher Nachahmer mit genau denselben Zielen?
Nein, die Touristik-Branche hat da schon einiges geleistet. Heute können wir als Urlauber so gut wie jedes Land bereisen und damit auch zu deren Überleben beitragen. Von den 195 Ländern, die es offiziell gibt, habe ich bisher erst 39 besucht. Die meisten dieser Länder wären mit dem Auto in kurzer Zeit überhaupt nicht erreichbar. Dafür gibt es eben diese ganzen Reiseunternehmen, die uns die Arbeit abnehmen, jeden der vielen Schritte zu planen, die für eine „große“ Reise nötig sind. Also Flüge und Hotels buchen, Ausflüge organisieren, Reiseleiter ausbilden und vor allem passende Interessenten zusammenführen. Und das Ganze eben auch noch möglichst „günstig“.

Ich bin heute also mal wieder einer der Opfer für eine Reise nach Rhodos in Griechenland. Beileibe nicht der einzige. RSD hat außer den vier Bussen mit deutschen Urlaubern weitere vier Busse mit Reisenden aus Schweden und nochmal vier Busse mit Urlaubern aus Dänemark an einem Tag angekarrt. Diese drei Flugzeuge fassen etwa 600 Urlauber. Und das wiederholt sich jede Woche! Und RSD ist ja nur EINER von sehr vielen Reiseunternehmen aus der ganzen Welt. Alle Touristen müssen untergebracht werden und sich die Sehenswürdigkeiten des Landes anschauen. Natürlich nicht gleichzeitig – das würde im Chaos enden. Auch können nicht alle im selben Hotel wohnen oder gleichzeitig frühstücken oder zu Abend essen. Irgendwo ist das schon eine größere logistische Arbeit, dass das alles klappt. Davor ziehe ich meinen Hut.

So perfekt das alles auch klingt, so hat es auch eine Menge an Nachteilen. Als „Nummer“ im Pool des Reiseviehs bist Du nie persönlich integriert. Du bist einfach nur ein Tourist, der gefälligst den Reiseplan einhalten muss. Aufstehen, frühstücken, besichtigen, essen, schlafen. Manchmal gibt es in den Hotels abends noch eine Bespaßung, damit die Frustration niedrig gehalten wird. Und natürlich ist der „billige“ Super-Duper-Reisepreis tatsächlich nur ein werbewirksamer Grundpreis. Da kommen noch alle möglichen Ausgaben wie z.B. die örtliche Kurtaxe sowie der private Getränkeverzehr hinzu – beim Essen oder beim abendlichen Barbesuch. Ganz abgesehen kostet jede Privatinitiative natürlich auch Geld – wie Fahrtkosten, Eintrittsgelder und Leib und Trank.

Also wieso tue ich mir das an?

Weil es besser ist als zu zu Hause rumzuhängen. So einfach ist das. Ich hab’s schön zuhause, keine Frage, aber tausendmal Hummer schmeckt auch irgendwann fade. Unser Gehirn braucht Abwechslung, neue Eindrücke und Material zum Verarbeiten. Klar, ich könnte auch das Dreifache für hochexklusive Studienreisen-Anbieter bezahlen. Da sind die Reiseleiter ausgebildete Professoren (aber manchmal auch nur gescheiterte Studienabbrecher). Die erzählen Dir bei der Besichtigung irgendeines altertümlichen Steinhaufens die halbe Schöpfungsgeschichte. Nein danke. Ich kann mir das sowieso nicht merken.

Ich sehe so einen Urlaub als reine Abwechslung vom Alltag. Ich will mich weder fortbilden noch „Menschen fürs Leben“ finden oder gar auswandern. Diese ein bis zwei Wochen „Urlaub“ sind alles andere als erholsam. Es ist echter Stress. Und das genau ist der Grund, sich das anzutun. Die häusliche Langeweile, in der doch alles so sittsam geordnet ist, zu verlassen und sich auf neue, ständig wechselnde Umstände einzustellen, ist der wahre Grund für meine Urlaube.

Und dass man dabei tatsächlich ständig neue Erfahrungen macht, neue tolle Menschen kennenlernt und leider auch manchmal Pech hat, ist halt die „Zugabe“ für das Abenteuer.

So kommen wir denn endlich zum Reisebericht.

Tag 1
Der Flug von Frankfurt/Main nach Rhodos mit einer A320 von AEGEAN Air, einer weitere Tochter von STAR Alliance, dauerte nur drei Stunden und war sehr angenehm. Wie ich schon befürchtete, war mehr oder weniger der gesamte Flieger mit den Grauköpfen von  RSD besetzt. Drei Busse fuhren uns ins Hotel am Stadtrand von Rhodos.  Das recht modern eingerichtete Hotel hat mich in einem Kellerraum-Einzelzimmer untergebracht. Recht hübsch, aber auch sehr klein. Das kleinste Einzelzimmer, das ich je bewohnt habe. Die Klimaanlage kann nur kalt, aber kalt ist es ja schon. Ich friere in der ersten Nacht bei ca. 14 Grad so sehr, das ich mich wieder anziehen muss, um nicht als Ötzi aufzuwachen. Seitdem läuft mir die Nase.

Und während ich fast erfriere, lernen wir erst einmal die wichtigsten Daten über Rhodos auswendig. Bitte gut merken, ich frage am Ende ab!

Rhodos in Kurzform

  • Lage: Insel als Teil der Dodekanes im Südosten von Griechenland
  • Fläche: ca. 1.400 km² (also etwa 2× so groß wie Hamburg)
  • Einwohner: rund 115.000
  • Touristen pro Jahr: 2 – 3 Millionen
  • Sonnenstunden: über 3.000 pro Jahr
  • Küstenlänge: ca. 220 km
  • Wirtschaftsleistung pro Einwohner: Ca. 20 – 25.000 Euro. Das entspricht einem BIP von ca. 6-7 Milliarden Euro pro Jahr

Historischer Fun Fact

  • Heimat des legendären „Koloss von Rhodos“
  • Baujahr: ca. 280 v. Chr.
  • Höhe: etwa 33 Meter (für damalige Verhältnisse: absoluter Gigant)
  • Status heute: leider nicht mehr da – gab es ihn wirklich?

Klima & Natur

  • Frühling: 15–21°C (angenehm nur bei Sonnenschein!)
  • Sommer: 25–35°C (Schmelzgefahr für Eis und Motivation)
  • Regen: hauptsächlich im Winter, leider auch in diesem Frühling
  • Höchster Berg: Attavyros, ca. 1.216 m

Highlights

  • Rhodos-Stadt (50 – 60.000 Einwohner)
  • Mittelalterliche Altstadt von Rhodos
  • Insel Symi
  • Das Städtchen Lindos im Südosten
  • Im Landesinneren kann man sich viele Pfauen anschauen

Tourismus in Zahlen

  • Besucher pro Jahr: etwa 2–2,5 Millionen
  • Flughafen: ca. 5 Mio. Passagiere/Jahr
  • Durchschnittlicher Preis für ein Glas Wein: 0,1 l  für 6.- Euro – viel zu teuer!

Tag 2
Unser erster Tagesausflug am nächsten Morgen um 9 Uhr – direkt nach einem recht einfachen Frühstück im Hotel – führt uns nach Lindos, eine Stadt im Südosten von Rhodos. Der Regen hat sein schnödes Handwerk kurz unterbrochen, während wir uns durch die pittoreske Altstadt schieben. Unser sympathischer Reiseleiter „Nihat“ ist zwar dabei, muss aber den Mund halten, weil er Türke ist und Ausländer keine Reiseleiter sein dürfen. Also haben wir zusätzlich eine nette korpulente Reiseleiterin dabei, die in brauchbarem Deutsch alles erklärt, was von Interesse sein könnte. Und das ist außer der Altstadt mit vielen kleinen Geschäften die Akropolis der Stadt. Dazu muss man wissen, dass damals so ziemlich jede griechische Stadt, die im Altertum etwas auf sich hielt, eine eigene Akropolis hatte. Selbst besteigen wollen nur wenige Mitreisende das ziemlich defekte Bauwerk – der Weg ist lang und steil. Außerdem ziehen Wolken auf und erste Regentropfen fallen. Die meisten treffen sich am Sammelpunkt lange vor der Abfahrt wieder und stillen Hunger und Durst in einem 0815-Straßengrill. Um halb drei sind wir schon wieder im Hotel. Den Rest des Tages haben wir frei.

Das ist unsere griechische Reiseleiterin.

Ich nutze die Freiheit, um die Gegend rund um das Hotel zu erkunden, das am südlichen Ende der Stadt Rhodos liegt. Viel gibt es nicht zu sehen. Das Hotel ist etwa 200 Meter vom Strand entfernt – allerdings gut vier Etagen höher als der Strand. Meine Waden werden vor Schmerz brüllen, das weiß ich jetzt schon. Trotzdem laufe ich viele tausend Schritte Richtung Innenstadt, immer am Meer entlang. Saisoneröffnung war letzte Woche, also Anfang April, aber am Strand sieht es noch aus wie nach einem Bombenangriff. Gerümpel und Dreck, wo man hinschaut. Zwischen die Häuser und den Strand hat man eine vierspurige Straße mit Grünstreifen gebaut, damit die Autos schneller in die Innenstadt kommen. Und so ist das Überqueren der Straße trotz reichlich vieler Zebrastreifen eine sehr mutige Angelegenheit. Nach etwa drei Kilometern sehe ich ein, dass da nichts mehr kommt. Ich drehe frustriert um. Nahezu alle Kneipen, Restaurants oder Bars sind geschlossen. Nur ganz am Ende meiner Runde, also schon fast wieder am Ausgangspunkt, hat ein kleines, eher unschönes Lokal geöffnet, „Georges Grillstation“. Ermattet setze ich mich in die inzwischen prall scheinende Sonne und riskiere ein Glas Wein. Und siehe da: Es schmeckt! Das zweite auch. Und es kostet nur 5.- Euro pro Glas! Dann wird es Zeit, wieder den Aufstieg zum Hotel anzugehen. Auch das habe ich geschafft. Fast 9000 Schritte zeigt mir meine Uhr an. Nach kurzer Ruhepause im Restaurant ein bisschen was vom übersichtlichen Buffet schnabuliert und danach meinen Laptop mit meinen ersten Erfahrungen gefüttert. Um 21.15 Ortszeit war es in Deutschland Ostersonntag 20.15 Uhr. Also Tatortzeit. Und tatsächlich habe ich mir den Abschied der beiden Kommissare aus München auch noch angeschaut. Und bin diesmal sicherheitshalber angezogen eingeschlafen.

Tag 3

Heute steht die Altstadt der Stadt Rhodos auf dem Programm. Weltkulturerbe. Und ein wahres Touristenparadies. Zu Beginn zeigt uns die griechische Reiseleiterin die wichtigsten Gebäude der von einer Mauer umschlossenen Stadt und gibt uns die nächsten zwei Stunden frei. So laufe ich denn bei milden Temperaturen kreuz und quer durch die auf Touristen fixierte Altstadt, trinke hier einen Café und da ein Wasser. Die Preise für ein Heißgetränk variieren zwischen 3,50 und 12,- Euro! Trotz Vorsaison brummt der Laden. Wie es hier im Sommer aussieht, wenn die ganzen Kreuzfahrtschiffe anlegen, wage ich mir gar nicht vorzustellen.

Im Hafen von Rhodos

Nach zwei Stunden verlassen wir geordnet die Altstadt, um mit dem Bus noch eine Rundfahrt durch Rhodos selbst zu machen. Auf dem Weg zum Parkplatz stürzt unser ältester Mitreisender (86 Jahre – sein Bruder, 84, ist auch dabei…) über ein paar Elektro-Scooter, die eigentlich ganz ordentlich geparkt waren. Jetzt liegen sie alle auf dem Boden. Die Scooter, nicht die Brüder. Die Verletzung war nicht schlimm, aber doch schon ziemlich blutig. 

Kurz vor dem Unfall.

Die gesamte Stadtrundfahrt dauert keine zwanzig Minuten – dann sind wir wieder im Hotel. Es gibt auch nicht viel zu sehen, um ehrlich zu sein. Im Wesentlich nur alte kaputte Steine, die mal zu irgendwelchen Tempeln verbaut waren. Das Übliche halt in Griechenland. Selbst den berühmten „Koloss von Rhodos“ können wir nicht bestaunen, weil er gar nicht mehr existiert. Man ist sich nicht einmal sicher, wo er überhaupt gestanden haben soll. Stattdessen sind jetzt der Hirsch „Elafos“ und die Hirschkuh „Elafina“ die Wahrzeichen des Hafens.

Um 13:30 Uhr sind wir schon wieder im Hotel und daher mit „Freizeit“ gesegnet. Nach einem kurzen Schläfchen wandere ich wieder zum dem Lokal von gestern, esse dort ein paar Nudeln und trinke im Verlauf des Nachmittags noch zwei Schoppen Wein. Ab und zu gesellen sich Mitglieder unserer Reisegruppe zu mir. Und alle sind sich einig: So richtig dolle finden wir Rhodos nicht. Aber wir haben ja bisher auch kaum was gesehen.

Nach dem Abendessen, also dem Buffett, das wie immer recht übersichtlich und vor allem nur lauwarm ist, schaue ich noch eine halbe Stunde Deutsches Fernsehen an und schlafe dann recht schnell ein.

Morgen soll es mit dem Schiff in die Türkei gehen!

Tag 4
Wir verlassen Europa und ziehen nach Asien um. Im Hafen von Rhodos (dort, wo unser ältester Teilnehmer in die Scooter gefallen ist) wartet ein Katamaran auf uns, also ein Schiff mit etwa 300 Sitzplätzen. Genug für vier RSD-Busse. Lange Schlangen vor der Ausweiskontrolle. Und – tata! – der erste Stempel in meinem nagelneuen Pass! Nach 90 Minuten im Hafen von Marmaris in der Türkei das gleiche Spiel. Lange Schlangen, langsame Abwicklung, aber letztendlich ein weiterer Stempel im Pass! Ein neuer Bus mit einem neuen Fahrer, aber dem alten Reiseleiter „Nihat“ fährt mit uns durch wunderschöne Landschaften auf nagelneuen vierspurigen Schnellstraßen und Autobahnen über das Taurus-Gebirge bis nach Pamukkale. Hier gibt es erstaunliche Kalk-Terrassen zu bewundern. Natürlich UNESCO Welt-Kulturerbe (1988). Wir schauen uns alles gründlich an und werden dann im nächsten Hotel in der Nähe der Terrassen abgesetzt. Ich muss dazu sagen, dass ich diese Kalkterrassen schon das zweite Mal bewundern darf.

Kein Schnee, sondern Kalk.

Auch das Thermalhotel, in dem wir übernachten werden, erleide ich bereits zum zweiten Mal. Ich war vor etwa 13 Jahren schon einmal hier. Und schon damals habe ich mich über das unmögliche Hotel aufgeregt. Wir sind für 2026 die ersten Gäste, und entsprechend nervös sind alle Angestellten. Die Zimmer sind schon lange aus der Zeit gefallen, und der ganze Bau riecht nach Mief, bzw. schreit nach Abriss. Man kann zwar allerlei Heilbäder buchen oder sich massieren lassen, aber das ist nicht so mein Ding. Die Sitzordnung wurde – von wem auch immer – vorher festgelegt, sodass ich mal wieder ein paar neue Mitglieder unserer Gruppe näher kennenlerne. Das Essen ist wie üblich lauwarm und nicht weiter erwähnenswert. Geärgert habe ich mich jedoch darüber, dass ich für die Bestellung eines Glases Wein nicht etwa nur meine Zimmernummer angeben muss, sondern auch meinen Zimmer-“Schlüssel“, also die kleine scheckkartengroße Karte abgeben muss, auf der in diesem Hotel die Zimmernummer aufgeklebt ist. Man geht also davon aus, dass ich die Kellner anlügen könnte. Davon abgesehen ist es kontraproduktiv, auf die Zimmerkarten die Zimmernummer drauf zu kleben. Im Falle eines Verlustes oder eines Diebstahls weiß der Finder oder Dieb dann sofort, wo er einzusteigen hat. Ein Glas Wein (0,1 l) kostet übrigens 7,- Euro.
Wie auch immer, wir alle sind sehr genervt von diesem Hotel aus den 1970er Jahren.

So sahen die Gläser im Hotel aus.

Während die Reisegruppe schläft, kann ich dem verehrten Leser ja mal ein bisschen was über unsere Reisegruppe erzählen.

Das ist Nihat, unser türkischer Reiseleiter, der ein besseres Deutsch spricht als 90% der Mitreisenden.

Nihat, unser Reiseleiter (verheiratet, zwei Kinder, Ende 50, durchtrainiert, gutaussehend) hat die beste Übersetzung für „RSD“-Reisen gebracht: „Rentnerdienst Deutschland“. Ja, das stimmt ziemlich genau. In unserer Gruppe (38 Personen) gibt es nur wenige, die noch fleißig in die Rentenkasse einzahlen. Teils sehr sympathische Menschen mit ganz gewöhnlichen Berufen, teils emsige Rentner, die sich in jedem Ort ein Auto mieten, eine Mutter mit erwachsenem Kind, Einzelreisende (z.B. ich selbst) oder zusammenreisende Frauen (z.B. Heike und Claudia). Auf die beiden komme ich bestimmt noch mal zurück.  Auch die beiden uralten Stiefbrüder, die sich erst vor vier Jahren kennengelernt haben, sind ein dolles Paar. Wir haben auch den typischen Anteil brauner Blau-Wähler im Portfolio sowie Schwurbler und Homöopathie-Fans samt Kügelchen-Vorrat für alle erdenkbaren Krankheiten. Wenn man die Schwächen oder eben alternativen Ansichten der Mitreisenden kennt und sich besser nicht mit ihnen darüber auslässt, entpuppen sich die meisten als nette Zeitgenossen, die viel Spaß miteinander haben.


Tag 5
Wir verlassen das unschöne Hotel in Pamukkale und machen uns auf den Weg in die Stadt Aphrodisias. Sie gilt als die Heimat der Künstler und Bildhauer und gehört zu den besterhaltenen antiken Städten in der Welt. Mit anderen Worten: Die vielen Trümmer lassen erahnen, was daraus mal gebaut wurde. Natürlich wieder ein UNESCO-Welterbe. Bald müsste ich doch alle gesehen haben…

Das war mal eine Stadt.

Ob Sportstadion, Tempel oder sogar ein antikes Theater – man kann sich vorstellen, was hier damals so abgegangen ist. Fast drei Stunden ist unserem Reiseleiter der Aufenthalt hier wert.

Hier gab es sogar Gladiatorenkämpfe!

Und dann kommt das, was ich bei allen RSD-Reisen hasse: Die Verkaufsschau. Genauer gesagt, die DREI Verkaufsshows. Denn heute „dürfen“ wir zuerst Teppiche, dann Schmuck und schließlich Lederjacken kaufen. Natürlich zum allerbesten Schnäppchenpreis auf Erden – direkt aus der Fabrik und indirekt zollfrei! Indirekt, weil auf der Fähre zurück nach Griechenland keine Zollbeamten kontrollieren und beim Rückflug nach Frankfurt ebenfalls keine Zollkontrolle stattfindet, da wir ja innerhalb der EU fliegen. Raffiniert eingefädelt.

Wer hat noch keinen Teppich?

Die Teppich-Verkaufsschau sehe ich heute bereits zum dritten Mal. Und nach wie vor legt sich die Verkaufsmannschaft schwer in die Riemen, um die altertümlichen Teppichmuster an uns Touristen zu verkloppen. Die Teppiche werden natürlich „frei Haus“ geliefert. Nach wie vor fällt mir kein Grund ein, meinen schönen Parkettboden mit Fußbodenheizung mit so einem Oma-Design zu verunstalten. Aber: Man wird es kaum glauben, auch heute hat die Falle wieder zugeschlagen. Ich weiß nicht, wen es diesmal erwischt hat, aber es wurden definitiv Teppiche verscherbelt. Ganz bestimmt günstig. Oder? Wetten würde ich nicht darauf. Nihat – der Reiseleiter – hat jedenfalls gestrahlt. Er bekommt nämlich eine Provision von den Läden, denen er die Kundschaft zum Ausnehmen bringt.

Wie auch im zweiten Laden, wo es dann um Schmuck, Gold, Edelsteine und ähnliches Geschmeide geht. Wie in diesen Läden üblich, krallt sich jeder der 20-30 Angestellten einen der Besucher, bzw. ein Paar, um zu „beraten“. Die Verkäufer sind extrem gut geschult, die Verkaufsgespräche laufen ab wie nach einem Drehbuch von Hitchcock. Irgendwann schnappt die Falle zu. Natürlich nicht bei mir. Ich bin mir schmuck genug. Aber dieselbe Familie, die sich schon mit Teppichen eingedeckt hat, soll auch hier wieder zugeschlagen haben. Nihat strahlt über das ganze Gesicht.

Und noch mehr strahlt er dann beim Lederjacken-Verkauf, dem eine kleine Modenschau mit drei jugendlichen Models vorangeht. Auch zwei Mitreisende dürfen ein paar Jacken vorführen und sich dafür mit je einer Flasche Whisky beschenken lassen. Für die beiden hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Ob das auch für die gar nicht so wenigen Mitreisenden gilt, die sich eine neue Jacke aufschwätzen lassen? Ich habe da so meine Zweifel.

Schöner Nebenverdienst für Schüler…

Angeblich fertigt die Firma Lederjacken im Auftrag großer Modemarken. Jeweils 10% dürfen sie davon überproduzieren und mit ihrem eigenen Label versehen. Von außen Versace, von innen „No name“. Die Preisschilder, die in dieser Verkaufsstelle an den über 40.000 Jacken hängen, beginnen bei 1250.- Euro (für das Billigzeugs vom letzten Jahr) bis weit über 5000.- Euro für die neuesten Modelle. Wir erfahren aber sofort, dass dies ja nur die Endverbraucherpreise in den Modeboutiquen seien, wir dürften also ohne Skrupel sofort 30% abziehen. Aber auch 2500 minus 30% sind noch reichlich viel Kohle. Also lassen die Umsatzjäger nach und nach immer mehr Prozente zu. Und dann kostet eine markenlose Nappalederjacke statt 2500.- Euro plötzlich nur noch 1000.- Euro. Das ist doch ein Schnäppchen, oder?

Mhm. Ich hab´ da mal bei Amazon geschaut, was diese Jacken sonst so kosten. Weil ich nicht weiß, ob es tatsächlich so große Qualitätsunterschiede gibt, schreibe ich den Internet-Durchschnittspreis für Nappa-Lederjacken aus Lamm hier mal besser nicht hin. Einige Mitreisende könnten weinen.
Hihat hat nicht geweint, sondern gelacht. Wie immer hat es viele Käufer in den drei Läden gegeben. Spitzenreiter war das bereits erwähnte Paar aus unserem Bus, das sage und schreibe 15.000 Euro an diesem Nachmittag verschleudert hat.

Halleluja!
Nihat jubelt.

Und wir fahren in ein weiteres Hotel in eine Stadt, deren Namen ich vergessen habe. Auch wieder nur für eine Nacht, denn unsere türkische Blitzinvasion ist ja noch lange nicht zu Ende.

Tag 6
Weitere Schätze der Region Ephesus (natürlich auch ein Weltkulturerbe) warten auf uns. Irgendein noch rudimentär als Tempel erkennbarer Steinhaufen gehört sogar zu den sieben Weltwundern der Antike. Auf dem „Ayasoluk-Hügel bewundern wir die imposante Festung von Selcuk sowie die Johannes-Basilika, die auf dem Grabmal des Apostels Johannes erbaut wurde. Schon erstaunlich, was für dolle Geschichten diese ollen Steine erzählen können. Also, falls man sich dafür interessiert …

Auch heute geht es wieder in ein neues Hotel. Diesmal werden wir zwei Nächte im selben Hotel bleiben. Das erste Mal, dass es sich lohnen würde, den Koffer mal auszupacken. Aber ich habe mich so dran gewöhnt, „aus dem Koffer“ zu leben, dass ich genauso weitermache wie bisher. Die zwischenmenschlichen Kontakte haben sich einigermaßen stabilisiert. Das gegenseitige Abklopfen hat ein wenig zur Gruppenbildung beigetragen. Ich hänge zum Beispiel viel mit Heike und ihrer Freundin Claudia sowie mit dem urigen Helmut und seiner Frau Mechthild rum, alle so zwischen 50 und 70 Jahre alt.

Die Modedesigner finden aber auch immer wieder neue Namen…

Tag 7
Ein so genannter „fakultativer“ Tag. Ein Tag also, den man extra bezahlen muss. 77 Euro kostet das Zusatzvergnügen, das uns mit dem Bus nach Izmir bringt. Dort besuchen wir die Fußgängerzone mit ihren vielen Geschäften und Cafés. In einem davon soll es supertollen Käsekuchen geben. Ein paar von uns ( – es sind nur 30 Gruppenmitglieder  mitgefahren! – ) gönnen sich so ein Stück feinster Bäckerskunst und zahlen zur Strafe dafür 7.- Euro für ein einziges, schmales Tortenstück. Heike ist deswegen ziemlich sauer, weil uns Nihat nicht im Voraus über den Horrorpreis aufgeklärt hat. In der Folge steigert sich bei einigen der Verdacht, dass die Reiseleiter nicht nur bei den Teppichen, dem Schmuck und den Lederjacken mitverdienen, sondern sogar am Verzehr der Touristen. Nihat weist das vehement zurück. Für ihn sei der Tag sogar ein Verlustgeschäft, da er erst ab einer Teilnehmerzahl von 32 Leuten jeweils 2.- Euro pro Person verdienen würde.
Null Euro oder 64.- Euro wegen zwei Teilnehmern. Merkwürdige Regeln.

Nach dem Kuchen geht es in einen Bazar. Ich habe den Gang durch dieses Gewusel von Geschäften aller Art mit meiner RayBan-Videobrille gefilmt und auf „Facebook“ gestellt. Die Videounterschrift lautet: „Heute sind wir in Izmir. Nach drei Stunden Stadtrundfahrt is mir übel“. Dieses dämliche, uralte Wortspiel hat bisher fast 1000 Besucher des Beitrags dazu genötigt, mich zu beleidigen. Sätze wie „Ich solle gefälligst zu Hause bleiben“ und auch schlimme Beschimpfungen von Kritikern aus aller Welt dominierten die wenigen Posts von Lesern, die den Gag verstanden hatten. Das Video wurde bisher über 50.000 mal abgerufen. Jetzt habe ich auch endlich mal erfahren, wie sich so ein Shitstorm am eigenen Leib anfühlt. Die Kommentarfunktion habe ich inzwischen abgestellt.

In Izmir kann man toll einkaufen.

Zum Schluss haben wir noch einen kleinen Ort mitten in den Bergen besucht, der ausschließlich davon lebt, Touristen überflüssigen Krempel anzudrehen. Immerhin gab es ein halbes Glas Wein umsonst.
Doch auch diese positive Ausnahme kann nicht darüber hinwegtäuschen , dass sich dieser „fakultative Ausflug“ nicht gelohnt hat und auf keinen Fall 77.- Euro wert war. Immerhin war der Kuchen lecker.

Tag 8 und die „geschenkte“ zweite Woche
Die Rückreise nach Rhodos steht auf dem Programm. Da unser Schiff erst um 17:15 Uhr loslegt, müssen wir noch den ganzen Tag vertrödeln. Wir vertreiben uns die Langeweile in Form von Stopps an Autobahnraststätten und Rumlungern im Hafen. Nihat hält seine Abschiedsrede, da er ab morgen nicht mehr für uns verantwortlich ist. Eine neue Gruppe wartet auf ihn. In seiner Abschiedsrede wird er plötzlich sehr ernst. Er sagt, dass die Anschuldigung, am Verzehr-Umsatz der Touristen mitzuverdienen, das erste Mal an ihn herangetragen wurde und ihn extrem verletzt hätte. Dass die Preise in der Türkei so extrem gestiegen wären, seien ja nicht sein Problem, sondern wären der Geldentwertung  der türkischen Lira zuzuschreiben, die derzeit bei über 40% liegt. Er wirkte ehrlich sehr geknickt und betrübt – oder er ist einfach ein phantastischer Schauspieler. Wie auch immer – er war einer der besten Reiseleiter, die ich je auf einer solchen Gruppenreise erleben durfte. Man merkt ihm an, dass ihm dieser Beruf große Freude macht. Wir verabschieden uns von ihm und unserem Busfahrer, nicht ohne den einen oder anderen Schein hinüber wandern zu lassen. Die Zollformalitäten dauern ziemlich lange, aber irgendwann sitzen wir endlich im Schiff. Der Katamaran (der eher wie ein normales Schiff aussieht und auch gar nicht die Form eines Katamarans hat) startet pünktlich, und 90 Minuten später sind wir wieder in Europa, also auf Rhodos.

Und so kommen wir nun zur zweiten Woche der Reise. Der sogenannten „geschenkten Woche“ von RSD-Reisen. Das Reiseunternehmen schenkt uns eine Woche im 5-Sterne-Hotel „Rodos Palace“ („Rodos“ ohne „h“!) Samt Frühstück, aber wir bezahlen den Rest, also Speis und Trank sowie alle zusätzlichen Vergnügungen. Schöne Idee, hat nur leider eine Menge Haken. Denn im Hotel sind wir alles andere als willkommen.

Kaum, dass alle vier Busse angekommen sind und die Reisenden sich in entsprechende Reihen vor der Rezeption aufgestellt haben, erfahren wir plötzlich, dass wir nicht einchecken dürfen.

Wie bitte?

Ja, genau das wird uns gesagt. Das „Rodos Palace Hotel“ will uns als Gäste nicht haben. Wir sind erst einmal sprachlos, denn sowas hat ja noch niemand jemals erlebt. Was ist vorgefallen? So langsam kristallisiert sich heraus, dass RSD angeblich noch nichts bezahlt hätte. Das kann ich mir als Grund eigentlich nicht vorstellen, da RSD und das Hotel bereits seit über zehn Jahren zusammenarbeiten, wie sich durch Recherchen im Internet herausstellt. Ich habe die Theorie, dass RSD das Geld erst am Freitag überwiesen hat. Und da der Freitag in Griechenland KAR-Freitag ist, wurde das Geld vielleicht noch nicht dem Konto gutgeschrieben. Anwesende Bankfachleute widersprechen dieser Theorie.

Ohne uns irgendeinen Hinweis zu geben, was nun passieren wird, sollen wir es uns erst einmal im Foyer gemütlich machen. Die Anwälte würden bereits konferieren. Ich bestelle mir einen Wein und will ihn mit meinem „All-Inclusive“-Bändchen bezahlen. Ein müdes Lächeln ist die Antwort. Das Bändchen wäre nicht nur ungültig, sondern in diesem Bereich des Hauses auch gar nicht nutzbar. Hier will man Euro sehen. 11.- Euro für genau 0,187 Milliliter Weißwein. Immerhin mit Glas.

Die Zeit verstreicht schneller als man denkt, wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat und auf das (noch!) geöffnete Restaurant blickt. In etwa 20 Minuten wird es schließen.

Neue Gerüchte tauchen auf: RSD hat doch bezahlt, aber der Hoteleigner will mehr Geld als vereinbart. Die Anwälte konferieren immer noch. Wir kommen uns vor wie in einem Mafia-Krimi.

Endlich – nach fast zwei Stunden – der erlösende Aufruf, dass wir uns wieder an der Rezeption aufstellen sollen, um einzuchecken. Was nun der wirkliche Grund für die initiale Ablehnung, bzw. der späteren Zustimmung ist, können wir nicht herausfinden. Wir dürfen einchecken. Und nicht nur das. Auch das Restaurant macht Überstunden, um uns noch abspeisen zu können.
Zusätzlich wurde mein Konto gleich zweimal belastet. Einmal für die Kurtaxe, die 15.- Euro pro Tag kostet (105.- Euro für 7 Tage) und zusätzlich 160.- Euro als eine Art Sicherheit, die zurückgezahlt wird, falls ich nix kaputtgemacht oder irgendwo im Hotel die Zeche geprellt habe. (Was ja bei „All Inclusive“ eigentlich unmöglich sein sollte). Und dass ein „First-Class“- Hotel gegenüber seinen Gästen ein solches Misstrauen an den Tag legt, ist schon mehr als seltsam.

Danach – mittlerweile nach 22 Uhr, suchen wir unsere Zimmer auf. Wer Glück hat, wohnt im Haupthaus in recht modernen, renovierten Zimmern. Das Hotel wurde bereits 1976 gebaut und sieht auch von außen so aus. Eckig und hässlich. Dafür sind die Einrichtungen innerhalb des Hotels sehr großzügig und auch hochklassig. Es gibt einen überdachten Pool, den „DOOM“, einen Außenpool und viele Privatpools in den angrenzenden Bungalows. Es gibt mehrere Bars, drei Restaurants und viele Ruhezonen. Die 5 Sterne sind durchaus berechtigt. Nur leider nicht für die außerhalb des Hotels an einem steilen Berg liegenden Wohnungen. Ja, Wohnungen. Da, wo ich zum Beispiel wohne. Ca. 400 Schritte steil bergauf, mit Treppen ohne Geländer. Ein Schlafzimmer, bei dem das Doppelbett auf einem Podest steht. Wer nachts mal raus muss und nicht daran denkt, fliegt unweigerlich auf die Nase. Ist vielen tatsächlich passiert. Eine alte Frau hat sich die Stirn aufgeschlagen und läuft mit einem Verband durch die Gegend. Außer dem Doppelbett auf dem Podest gibt es noch einen sehr großen Fernseher in meinem Schlafzimmer. Danach folgt das Bad. Natürlich mit Badewanne, uralten Armaturen, wackelnden Klodeckeln und fehlenden Haltegriffen. Nach dem Bad kommt das „Wohnzimmer“. Ein extrem ungemütlicher Raum in braun. Mit brauner Sitzgarnitur, kompletter brauner Küche und einem braunen Tisch mit zwei braunen Stühlen. Kein Bild an der Wand, braune Platten auf dem Boden. Am Ende des Trakts folgt noch eine kleine Terrasse mit brauner Sitzgruppe und Blick aufs Meer – wenn nicht zwei große Bäume die Sicht verbergen würden.
Alles andere als gemütlich – und völlig überflüssig.
Als ich höre, dass Heike und ihre Freundin Claudia erfolgreich ihr Zimmer tauschen konnten, versuche ich es auch, blitze aber ab. Im Moment sei nichts mehr frei, ich solle es morgen noch mal probieren. Aber nach dem zweiten negativen Versuch am nächsten Tag gebe ich es auf und unterwerfe mich meinem Schicksal.

OK, das mit dem Zimmer ist nicht so dolle verlaufen, aber da ist ja noch das „All Inclusive“-Bändchen, das jetzt an meinem rechten Handgelenk baumelt und Umsatz generieren soll. Leider werden wir auch hier extrem enttäuscht. „All Inclusive“ sind nur wenige Getränke – und die auch nur an bestimmten Stellen im Hotel. So ist es uns „Billigtouristen“ verboten, die ruhigen und schönen Räume im vorderen Bereich des Hotels aufzusuchen – die sind ausschließlich „echten“ Touristen, also Vollzahlern vorbehalten. Es sei denn, wir bezahlten 11.- Euro für 0,187 Milliliter Weißwein.

Die Bereiche, in denen wir uns bewegen dürfen, sind dadurch natürlich überfüllt, während der Rest des Hauses leer steht. Selbst das Restaurant, das wir am Abend unserer Ankunft nutzen durften, ist jetzt für uns tabu. Wir haben ein eigenes Restaurant direkt neben einer Bar, die ebenfalls speziell für uns Billigtouris geöffnet ist. Dort läuft den ganzen Tag laute Musik. Während des Essens findet zusätzlich eine Kinderdisco statt, sodass man sich kaum noch unterhalten kann.

Tja, das Restaurant. Da ist auch gründlich was schief gelaufen. Schon lange vor der Öffnung stehen gut hundert Touristen vorm Eingang und warten auf Einlass. Wenn es um 19.00 Uhr zum Abendessen öffnet, sind alle Tische mit je zwei mal Messer, Gabel und Serviette gedeckt. Sonst nichts. Wenn sich ein Dritter oder gar Vierter dazusetzt, fehlen Besteck und Serviette. Bis auf die Teller müssen alle weiteren Utensilien von einem Kellner gebracht werden. Inzwischen wissen wir zwar, wo zum Beispiel die Kaffeelöffel versteckt sind, aber das weiß nicht jeder. So sind also die meisten Kellner nur dazu da, fehlendes Besteck zu organisieren. Wenn man einen Kellner findet, der eine Getränkebestellung aufnimmt, hat man großes Glück gehabt. Sonst gibt es eben nichts zu trinken.
Das Buffet selbst ist ganz ordentlich, aber nicht sehr umfangreich und wie üblich nur lauwarm. Mit zunehmender Füllung des Lokals steigt auch der Lärmpegel bis ins Unerträgliche. Meine Apple-Uhr warnt allabendlich vor der ungesunden Lautstärke. Für die Fachleute: 89 bis 92 dB. Leider ist das Buffet auch alles andere als abwechslungsreich. Tag für Tag sehen wir die gleichen, wenn nicht sogar dieselben Speisen.
Inzwischen haben die Bediensteten immerhin gelernt, benutzte Teller wieder abzuräumen. Das war die ersten beide Tage nicht der Fall. Da stapelten sich die gebrauchten Teller auf den Tischen, und es gab keinen Nachschub. Inzwischen scheint dieses Problem behoben, dafür sind die neu gewaschenen Teller pitschnass. Irgendwas ist immer.

So sahen unsere Tische am Morgen aus.

Das Stau-Problem zur Öffnungszeit wird von Tag zu Tag kleiner, da die Gäste einfach später zum Abendessen kommen. Aber noch immer muss man für jeden zusätzlichen Löffel, jeden Teller einen der konfus durch die Gegend rennenden Kellner bemühen.

Tja, da sitzen wir nun auf Rhodos in einem 5-Sterne-Hotel mit einem 188.- Euro teuren „All-Inklusive“-Bändchen, für das man nur an wenigen Stellen im Haus minderwertige Getränke und ein immerhin brauchbares Essen erhält. Das „richtige“ All-Inklusive-Paket kostet übrigens 400.- Euro pro Woche.

Als ich bei unserer Ankunft nach dem Abendessen in mein Apartment will, verlaufe ich mich total. Es gibt keinerlei Hinweisschilder mit Haus- oder Zimmernummern. Es ist dunkel und eiskalt. Ich gebe es auf und laufe zurück zur Anmeldung. Dort warte ich in einer großen Schlange geduldig auf einen der vielen kleinen Elektrowägelchen, die von jungen Indern zu den Häusern gefahren werden. Am nächsten Abend verlaufe ich mich wieder, werde aber von Helmut und Mechthild auf den „rechten Weg“ gebracht. Nach drei Tagen finde ich mein Apartment endlich selbst bei Dunkelheit alleine. Es sind von der Rezeption aus knapp 400 Schritte, davon 60 Stufen – teilweise ohne Geländer – bis zum Zimmer. Hier besteht dringender Handelsbedarf seitens des Hotels, denn ich bin nicht der Einzige, der orientierungslos rumirrt.

Was also macht man mit so einer „geschenkten Woche“ im Luxushotel? Essen und Trinken natürlich. Und Ausflüge organisieren. Gleich am zweiten Morgen werden alle Touristen zu „Petra“ geschickt, die hier im Hotel für die Ausflüge der Deutschen zuständig ist. Die Wut der Reisenden bügelt sie gleich routiniert ab, weil sie den Ärger vermutlich jede Woche mitmacht. Sie will ja auch nur Ausflüge verkaufen. Es gibt drei Ausflugsangebote. Eine Inselrundfahrt, eine botanische Rundreise und noch irgendwas, was ich vergessen habe. Die Rundfahrt (77.- Euro inkl. Mittagessen!) buche ich gleich für den zweiten Urlaubstag. Außerdem verabrede ich mich mit ein paar Mitreisenden noch zu einem weiteren Besuch der Hauptstadt von Rhodos und einer Fahrt mit einem Schnellboot zur Insel „Symi“, die etwa eine Stunde entfernt auf Touristen lauert. Bis auf die erste Tour fahre ich also nicht alleine, sondern habe mich Helmut & Mechthild sowie Heike & Claudia angeschlossen. Später kommen noch weitere Paare hinzu. Als Gruppe ist es doch bedeutend lustiger. Durch die großen Entfernungen, die wir zu Fuß zurücklegen, meldet mein Schrittzähler fast täglich neue Höchstwerte. Mein kaputtes Knie hält auch erstaunlich still.

Wenn´s läuft, dann läuft´s.

Wir sind nicht die einzige Billig-Reisegruppe im Hotel. Eine Armada von jungen, halbnackten, übergewichtigen, tätowierten Engländerinnen samt ihrer normalgewichtigen Freunde und/oder Ehemänner begegnet uns auf Schritt und Tritt. Auch viele Kleinkinder sind darunter – verbunden mit dem üblichen Geschrei der Winzlinge. Der Alkoholkonsum beginnt bei den Engländern direkt nach den Frühstück. Die Deutschen halten sich – zumindest teilweise – bis zum Mittagessen zurück. Alkoholbedingte Ausfälle kann ich nicht registrieren, aber ich bin ja meist auch schon früh in meinem Zimmer. Dort gibt es übrigens keine Wasserflaschen, wie wir es bisher gewohnt waren. Wasser muss man sich im hoteleigenen Supermarkt kaufen. Und das sollte man unbedingt auch tun, da das Leitungswasser extrem nach Chemikalien schmeckt. Ob es überhaupt noch als Trinkwasser durchgeht, kann ich leider nicht messen, da die Batterie in meinem Messgerät inzwischen den Geist aufgegeben hat. Nach nur acht Jahren! Habe flugs bei Amazon für 9.- Euro ein neues, besseres Gerät bestellt.

Leider ist das Wetter auf Rhodos alles andere als frühlingshaft. Es regnet zwar erst am Tag vor der Abfahrt, aber die Temperaturen – so zwischen 16 und 20 Grad – fühlen sich nur dann warm an, wenn auch die Sonne scheint. Und das passiert leider nur an den ersten beiden Tagen und während unseres Ausflugs auf die Insel Symi. Sonst ist es immer bewölkt, bis am vorletzten Tag auch noch der Regen hinzukommt.

Heike hat wohl mit einer Magenverstimmung zu kämpfen. Erst nach zwei Tagen ist sie wieder einigermaßen auf dem Damm.

Unser Schnellboot.

Die 60-minütige Schnellbootfahrt zur Insel Symi schüttelt uns gründlich durch, da der Wind ungeschützt auf alle Passagiere trifft. Symi ist bekannt für seine bunten Häuschen, in denen früher die Schwammfischer wohnten. Der berühmteste Schwammfischer hat sogar eine eigene Statue im Hafen bekommen. Der gute Mann konnte innerhalb von nur 4 Minuten 88 Meter auftauchen, ohne zu platzen. Die Leute haben schon seltsame Vorlieben…

Die Altstadt von Symi

Die Schwämme kann man immer noch kaufen, aber die Auslagen sehen aus, als ob das schon viele Jahre her ist, dass da jemand Interesse dran hatte.

Schwämme ohne Ende, also quasi eine Schwamm-Schwemme.

Ich esse auf der Insel nach einem langen Spaziergang mittags Spaghetti Carbonara. Genauer gesagt probiere ich sie nur, weil die Nudeln schauderhaft schmecken.
Ein vorzügliches Eis (Kugel 2,50 Euro) vertreibt den schlechten Geschmack.

An Bord ist es sehr, sehr kalt!

Auf dem Rückweg hält unser Schnellboot nochmal an einer kleinen Bucht an und fordert allen Ernstes zum Schwimmen auf! Ich bin kurz vor dem Vereisen und soll jetzt schwimmen? Keiner von uns hat Badezeugs dabei. Aber die kleinen Engländer sind darauf vorbereitet. Flugs schälen sie sich aus ihren Klamotten und springen ins Wasser. Nach fünfzehn Minuten ertönt ein Signal, und alle müssen zurück an Bord, wo sie sich frierend und zitternd wieder dem Fahrtwind ergeben. Abends habe ich dann gewaltige Bauchschmerzen, die die gesamte Nacht anhalten. Auf das Frühstück habe ich verzichtet. Sieht nach einer kleinen Lebensmittelvergiftung aus.

Den letzten Tag verbringe ich morgens im Hotel – ohne Frühstück -, um diesen Blog zu aktualisieren. Dann wäre ich gerne wieder zurück in mein Bett gekrochen, aber ein  aufkommender Dauerregen zwingt mich, weitere Stunden im Foyer rumzulungern. Einige Mitreisende haben mit denselben Symptomen wie ich zu kämpfen und wünschen sich sehnlichst nach Hause.
Am Nachmittag lässt der Regen nach, und ich lege mich ein paar Stunden hin. Zum Abendessen raffe ich mich erneut auf, bekomme aber nur wenige Bissen hinunter. Inzwischen hat es auch Helmut, den „Fels in der Brandung“ erwischt. Es wird Zeit für die Abreise. Unsere inzwischen herzlich verbundene Gruppe trifft sich nach dem Abendessen (von dem ich nur noch winzige Mengen nippe) im Foyer, um gemeinsam Abschied zu feiern. Nach etwa einer Stunde quäle ich mich ein weiteres Mal zu meinem Domizil hinauf, um den Koffer zu packen und mich schlafen zu legen. Ich stelle den Wecker auf vier Uhr morgens und kann – wie in solchen Fällen üblich – nicht einschlafen. Im Fernsehen läuft die „Heute-Show“, und ich werde immer wacher.
Irgendwann bin ich wohl dann doch eingeschlafen, denn gefühlt zehn Sekunden später klingelt der Wecker.

Da niemand die Absicht hat, mir meinen Koffer zum Foyer zu fahren, muss ich das schwere Ding alleine hinunter wuchten. Bei der Abgabe meiner Zimmerkarte frage ich nach der Auszahlung meiner „Sicherheitsleistung“ in Höhe von 160.- Euro. Da das Hotel vermutlich erst noch alle Handtücher nachzählen will, soll das Geld „automatisch“ zurücküberwiesen werden, wenn alles in Ordnung sei. Eine Woche später ist das Geld immer noch nicht zurück auf meinem Konto. Ein Beschwerdeschreiben an RSD wurde ebenfalls bisher nicht beantwortet. Ich komme mir vor wie ein Schwerverbrecher, der eine Woche Straflager hinter sich hat.

NIE WIEDER „RODOS PALACE HOTEL“!

Um 10 Uhr deutscher Zeit landen wir in Frankfurt. Herzliche Umarmungen unter den neuen Freunden, Taxifahrt nach Hause (78.- Euro).

Das Fazit:
Das war mit Abstand der schrecklichste Urlaub, den ich in den letzten 15 Jahren erlebt habe. Weniger die erste Woche – die aber eigentlich für mich auch nur eine Wiederholung früherer Türkeireisen war –  sondern vor allem die zweite Woche im Luxusknast. Der Lockruf „Eine zusätzliche Woche im 5 -Sterne-Hotel GESCHENKT!“ hat wohl bei vielen falsche Hoffnungen geweckt.
Ja, es war ein 5-Sterne Hotel, das diese Bewertung zumindest auf den ersten Blick auch verdient hat. Aber auf den zweiten Blick sah es doch ganz anders aus. Wir waren für das Hotel unerwünschte Zwangstouristen, die irgendwie untergebracht und verköstigt werden mussten. Die Zimmer hat man uns zwar – nach außen hin – kostenlos zur Verfügung gestellt, aber jede weitere Annehmlichkeit eines Luxushotels wurde uns konsequent verweigert. So durften wir uns nur in bestimmten Zonen aufhalten und Getränke und Speisen nur in völlig unterdimensionierten Räumen einnehmen. Die Hotelzimmer waren zum größten Teil völlig veraltet und nur mit größeren Fußwegen erreichbar. Und vor allem: Da war nichts „geschenkt“!

Wir zahlten für diese Zusatzwoche Woche 105.- Euro Kurtaxe (übrigens auch für die ersten zwei Tage in Rhodos 30.- Euro!) und 188.- Euro für das „All Inclusive“-Bändchen, für das man nur minderwertige Getränke und Speisen bekam. Außerdem alle weiteren Kosten des Aufenthalts, wie z.B. die Kosten der Ausflüge sowie diverse Bus- und Taxikosten.
Ich habe mal addiert, was ich in diesen 14 Tagen als Einzelperson ausgegeben habe.
Statt der ursprünglich verlockenden 248.- Euro aus dem RSD-Prospekt sind es unter dem Strich nun insgesamt 2364,11 Euro geworden – und da fehlen vermutlich noch einige Buchungen, die noch nicht auf meinem Konto gelandet sind.
Das Geld wäre nicht einmal das Schlimmste. Die Art und Weise, wie wir vor Ort als Menschen zweiter oder besser dritter Klasse behandelt wurden, geht mir gewaltig gegen den Strich. Einige von uns wollen RSD für die Behandlung als Urlaubs-„Vieh“ verantwortlich machen. Ich drücke den Klägern die Daumen und hoffe, dass dieser Reisebericht zukünftige Urlauber von diesem Lockangebot abhält.

Vielen Dank an Helmut, Mechthild, Heike und Claudia für die Fotos!
Ein Video der Reise ist in Vorbereitung
Bad Homburg, 19. bis 24.4.2026

Zypern – kompakt

Was glauben Sie – wie lange dauert eine Reise von Frankfurt am Main nach Zypern? Selbst wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die Gewerkschaft irgendwelcher Lokführer mal wieder streikt, müsste die Strecke mit dem Flieger doch in etwa drei Stunden zu schaffen sein.

Ich brauchte 11.

Das lag im Wesentlichen daran, dass ich gar nicht von Frankfurt aus geflogen bin, sondern vom Franz-Joseph-Strauß-Flughafen aus in München. Die Firme „RSD“, „Reiseservice Deutschland“, hatte mich nämlich am Telefon bequatscht, ein paar Tage in Zypern und Antalya zu verbringen. Um mir die Woche mit „Besichtigungen diverser Weltkulturerbstätten, viel Folklore und 4 Sterne-Hotels“ schmackhaft zu machen, riefen die Reiseprofis gerade mal 293.- Euro für mich als Alleinreisenden auf. Das lass´ ich an guten Tagen an einem Abend im Restaurant. Und wie so oft, wenn das Schnäppchen lockt, schaltet sich das Gehirn aus. Denn sonst hätten mir meine grauen Gehirnwindungen doch sicher zugebrüllt, dass allein die Fahrt nach München drei bis vier Stunden dauert. Ich habe sogar zugesagt, ohne die Abflugzeiten zu kennen. Und die hatten es in sich. Abflug war am Samstagmorgen um 8:10 Uhr. Für Frankfurt eine nahezu ideale Zeit. Für Münchner sicher auch, aber für einen Frankfurter, der bis sechs Uhr morgens in München antanzen muss, um die ganzen Abfertigungsrituale mitzuspielen, war das schon ein kleines logistisches Problem.

Die Deutsche Bahn bot leider keine Fahrten an, die so gegen sechs am Flughafen in München geendet hätten. Der neue Postbus fährt leider auch nur am Tage – außerdem war er für die Hinfahrt bereits ausgebucht. Dann hatte sich noch eine Mitfahrgelegenheit angeboten, die aber einfach schlicht zu unsicher war. Wer weiß, wo mich die holländische Dame im Münchner Raum der Natur überlassen hätte?

Nun könnte ich ja mein eigenes Auto nehmen, aber der Jaguar ist mir ehrlich gesagt zu schade für so eine Tour. Und schon gar nicht hätte ich ihn sieben Tage in der Tiefgarage am Flughafen schmoren lassen wollen. Von den Benzinkosten mal ganz abgesehen. Wenn man laut ADAC-Tabelle pro Kilometer einen Euro rechnen muss, wäre von einem Schnäppchen nicht mehr die Rede gewesen.

Also Plan D: Ich miete mir einen Kleinwagen und gebe den am Flughafen ab. Zurück nehme ich die Deutsche Bahn. Wenn man rechtzeitig bucht, kostet die Fahrt vom Münchner Airport bis zum Frankfurter Hauptbahnhof gerade mal 38.- Euro. Und den Mietwagen gibt es laut Internet für 44,99 Euro. „VW UP“ sollte das Modell heißen.

Am Tag vor der Abreise, um genau 15:38 bestieg ich die S-Bahn nach Frankfurt. Dort stieg ich in einen Regionalzug um, der mich um 16:40 am Flughafen ausspuckte. 4,55 Euro kostete der Spaß. Leider war meine Mietwagenfirma nicht im Terminal 1 ansässig, sondern im neuen Terminal 2, das man bekanntlich nach einem kurzen Fußmarsch und einer weiteren, vollautomatisierten Bahnfahrt erreicht.

Ich war auf die Minute pünktlich um 17.00 Uhr da, musste aber dennoch etwa 20 Minuten warten, bis die Herrschaften vor mir abgefertigt waren. Dann der Schock: Ich hatte meinen „Voucher“, also den Beweis, dass ich den Wagen bereits bezahlt hatte, zu Hause auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Zum Glück war die zugehörige Mail noch auf meinem iPhone gespeichert, so dass ich dann endlich meinen Wagen bekam. Na ja, nicht ganz. Der „VW UP“ war wohl down. Dafür gab man mir einen Ford „Frag´ mich nicht“. So einen hässlichen Kastenwagen, mit dem Mütter ihre Kleinkinder vom Kindergarten abholen.

Mit den vier Litern auf hundert, die ich aufgrund der Verbrauchswerte des VW errechnet hatte, kam ich damit nicht mehr hin. Die Kiste schluckte glatt das Doppelte, wie sich später herausstellte. Und auch der Mietpreis ging „up“. Weil ich das Auto ja in München stehen lassen wollte, kamen nochmal 20.- Euro Gebühr für – ja für was eigentlich? – hinzu.

Erst mal musste ich aber wieder nach Hause. Freitagnachmittag auf der A5 treibt sich bekanntlich alles rum, was vier Räder hat. Stop &Go, Stau, Unfall etc. Das volle Programm. Die Abholung des Wagens dauerte dann insgesamt drei Stunden. Nun wäre es natürlich schlau gewesen, statt nach Hause gleich nach München zu fahren. Dagegen sprach allerdings, dass meine gepackten Koffer noch zu Hause rumstanden und sich inzwischen zu allem Überfluss auch noch ein paar „Last Minute“-Aufträge aufgetan hatten. Außerdem wollte ich noch die Premiere eines Theaterstückes einer Freundin in Frankfurt „mitnehmen“. Daraus wurde leider nichts. Nach der Arbeit fiel mir auf, dass ich vor lauter Urlaubsvorfreude (Scherz!) ganz vergessen hatte, dem Körper ein paar Kalorien zuzuführen.

Ok, viele sagen, das sollte ich mir generell ein paar Monate sparen, aber davon verschwindet ja der Hunger nicht. Also ab ins „Impuls“ und eine Portion Spargel mit Rumpsteak reingezogen. Danach war ich so schön platt und müde, dass ich zuhause auf meinem Sofa eingeschlafen bin. Den Wecker hatte ich auf 1.00 Uhr gestellt, wurde aber natürlich vorher wach.

Wie in Trance packte ich den Ford voll und fuhr dann mit dem Ford fort. Die Strecke war größtenteils autofrei, sodass ich schon um halb fünf am Flughafen ankam. Mein iPhone-Navi zeigte mir sogar den direkten Weg zur Wagenrückgabe. Nur war da keiner außer einem Nachtwächter. Der stellte mir zum Glück die Frage, ob ich den Wagen vorher vollgetankt hätte. Das hatte ich natürlich vergessen. Angesichts der Tatsache, dass die Mietwagenfirma derzeit 3,50 Euro für jeden nachträglich eingefüllten Liter Benzin kassiert, war es klar, dass ich noch eine Tankstelle finden musste. Der Wachmann beschrieb mir den Weg, gab mir eine kostenlose Ausfahrkarte und ließ mich tatsächlich zur Tankstelle fahren, um die Gurke wieder vollzufüllen. 68 Euro passten rein, bzw. die entsprechende Benzinmenge. Dann wieder zurück in die Tiefgarage für zurückgegebene Mietwagen.

Mein Nachtwächter war noch da. Ich fragte ihn, wie das denn nun weitergehen würde. Er sagte, ich solle das Auto abstellen und den Schlüssel drin stecken lassen. Häh? Und wer schaut sich das Auto an, um zu bestätigen, dass ich keinen Kratzer reingefahren habe? Wer prüft den vollen Tank, die unbeschmutzten Sitze und die Unversehrtheit der Reifen? „Des passt scho!“, meinte der Herr über mittlerweile einige Dutzend Autos und ließ mich verdutzt stehen. Nicht einmal eine Quittung dafür, dass ich den Wagen überhaupt abgegeben habe, war von ihm zu bekommen. Um das vorwegzunehmen: Ab sechs Uhr waren die Damen und Herren der Autovermietung an ihrem Stand auf dem Flughafen. Ich habe dann noch mal nachgefragt, ob das alles so tatsächlich in Ordnung sei. Und auch hier bestätigte man, mir, dass alles eine beste Ordnung habe. Selbst im Zustand totaler Übermüdung entwickelte mein Hirn in diesem Moment einige Szenarien, wie man günstig an kaum gebrauchte Autos kommt…

Falls jemand den Münchner Flughafen kennt: Der ist überschaubar. Mehr als drei Minuten kann man da kaum in eine Richtung laufen, ohne an die natürlichen Grenzen zu geraten. Also fand ich ruckzuck den Abfertigungsschalter, der – um mittlerweile sechs Uhr – gerade geöffnet wurde. Ich checkte ein und lief noch ein bisschen durch die Gegend. In einem Café ließ ich mich für ein Momentchen nieder. Und während ich noch überlegte, ob ich mir vielleicht einen Kaffee bestellen sollte, versank ich nicht nur in einem riesigen Ledersofa, sondern auch in Morpheus´ Armen.

Um 7:40 weckte mich mein inneres Notprogramm und sagte mir, dass es so langsam höchste Eisenbahn für den Sicherheitscheck und das Boarding sei. Auch wenn ich mich wieder bis fast auf die Unterwäsche entblößen musste, ging alles gut. Ich konnte direkt in die Maschine steigen.

Die Fluggesellschaft heißt „Freebird“ und gehört einem türkischen Großkonzern. Der Flieger war bis auf den letzten Platz gefüllt, also mit 180 Plätzen + Personal. Es war mal wieder ein A320, von dem man ja in den letzten Wochen keine schönen Dinge gehört hatte. Mal frieren die Sensoren auf den Flügeln ein, mal kann eine Crew nur in letzter Sekunde den Bordcomputer überrumpeln und mal schließt sich ein kranker Bubi in die Kanzel ein und steuert das Blech gegen den Berg. Und Berge gibt es ja genug rund um München. Ich erinnerte mich sofort an meine Flugstunden im Simulator in Frankfurt, als ich eine A320 auch beim dritten Versuch nur in Einzelteilen auf die Landebahn bekam.

Auf Sitz 9D – also am Gang – fiel ich sofort in tiefen Schlaf, kaum dass die Maschine abgehoben hatte. Die Komposition von 4711 und anderer Deodorants wirkte auf mich wie ein Narkosemittel. Mein Sitznachbar war so ein typischer Bayer, mit Kniebundhose und passenden grauen Kniestrümpfen. Er versuchte krampfhaft, ein Gespräch mit mir zu beginnen, aber das war nicht nur aus Gründen meiner Müdigkeit ein unmögliches Unterfangen. Sein Dialekt war leider so stark ausgeprägt, dass ich mitunter nach dreimaligem Nachfragen nur Bahnhof verstand. Er wollte zwar unbedingt wissen, warum ich alleine in den Urlaub fliege („Sind Sie etwa schwul?“), woher ich komme (wie kann ein Mensch kein Bayer sein!) und was ich mache („Rentner sind sie aber noch nicht, oder?“).

Der Flieger flog brav und problemlos nach Antalya. Nach der Landung wurden wir gebeten, sitzenzubleiben, weil die Crew ausgetauscht würde. Komisch, so verbraucht sahen die noch gar nicht aus. Nach etwa 40 Minuten ging es mit dem neuen Personal weiter nach Zypern, genauer gesagt, in den türkischen Norden Zyperns, nach GIRNE. Warum man die 35 Minuten nicht einfach weitergeflogen ist, entzieht sich meiner Erkenntnis. Bestimmt mal wieder was Politisches.

Inzwischen hatte die Uhr auch noch einen Satz gemacht. Gegenüber Deutschland war es plötzlich eine Stunde später. Und so kam es, dass ich für die Reise von Frankfurt nach Zypern 11 Stunden brauchte.

Nach der relativ schnellen Passkontrolle und der zügigen Gepäckabwicklung warteten vier Busse auf die Reisenden. Die 180 Urlauber wurden auf verschiedene Hotels aufgeteilt. Während der Busfahrt zum Hotel lernten wir unseren Reiseleiter kennen, Engin. Hat 5 Jahre in Heidelberg gelebt. Vom Typ her eher Türsteher als Feingeist. „Wenn Ihr mir keinen Stress macht, mach´ ich Euch auch keinen Stress. Denn wenn ich Stress habe, dann habt ihr wirklich Stress!“ (O-Ton Engin). Auch seine Einschätzung über den armenischen Völkermord war ganz anders als die unseres Bundespräsidenten. „Wir haben alle Quellen geöffnet. Man muss nur nachlesen, dann weiß man, dass das alles eine Lüge ist!“ Solange Erdogan so treue Vasallen hat, kann ihm ja nichts passieren. Oder sollten WIR uns irren? So schnell kann man Zweifel sähen…

Nach dieser kurzen, aber heftigen Exkursion in das politische Tagesgeschehen erklärte er uns kurz das Programm der kommenden Tage und fügte dann sein Verkaufsgespräch für die Extrakosten an.

Denn das wusste ich ja schon von der ersten Tour mit dem „Reisedienst Deutschland“: Der unglaublich günstige Preis ist ein reiner Lockpreis, in dem so wichtige Sachen wie Eintrittsgelder oder Abendessen NICHT enthalten sind. Wenn man das alles auch haben will (und wer will das nicht?), legt nochmals 230.- Euro dazu. Und auch dann ist die Reise nicht „all inclusive“, sondern beinhaltet „nur“ die Flüge, die Hotels, die Busse, die Reiseleitung, das Frühstück, das Mittagessen, das Abendessen, die Eintrittsgelder, kulturelle Veranstaltungen und weitere Publikumsbespaßung sowie ein paar Kaffeefahrten zwecks Erwerbs irgendwelcher Teppiche, Lederwaren, Goldstücke oder anderen Tinnefs, den kein Mensch braucht. Mit anderen Worten: Die Getränke bezahlt man selbst. Im Bus zahlt man z.B. gerade mal drei Euro, um so viele Wasserflaschen wie nur irgendwie möglich trinken zu können. Es ist schon peinlich, wie sich daraufhin der halbe Bus bis unter die Achseln mit Plastikflaschen vollgestopft hat…

Inzwischen waren wir vor unserem Hotel „Riverside“ angekommen. Hotel? Mitnichten. Es war ein ganzes Bungalowdorf mit unzähligen kleinen Gassen. Die Zimmer? Teilweise nagelneu, vom Feinsten. Klimaanlage von Grundig, Fernseher von Toshiba mit hunderten von Programmen, hochmoderne Dusche mit Ganzkörperbespritzung, oder wie man das nennt. In meinem Apartment gab es ein Doppel- und ein Einzelbett. Moderne Möbel, viel Stauraum und freier Blick aufs Meer. In der anderen Richtung Blick in die Berge, teilweise schneebedeckt. Mittendrin zwei schöne große Pools, ein zusätzliches Restaurant, Empfangsgebäude, Supermarkt und und und. Eine richtige kleine Stadt mitten in der Natur. Außerdem ein riesiges Massenrestaurant für die schnelle Abfütterung der Pauschaltouristen, also uns. Leider auch ein paar Katzen und Hunde zu viel, die durch die Gassen streunten. An der Rezeption mussten wir unsere Pässe abgeben, was nicht jedem behagte. Aber wir sollten sie ja alle bei unserer Heimreise zurückbekommen. Bis auf einen, nämlich meinen. Davon später.

Im Gegensatz zur normalen zypriotischen Landschaft, die eher an die Wüste erinnert, waren hier auch eine Unmenge von Pflanzen und Früchten angebaut – einfach wirklich schön. Und hier wollten wir ganze drei Nächte bleiben! Übrigens wird die Türkei in Kürze eine Pipeline mit Wasser nach Zypern eröffnen. Dann wird nicht nur der türkische Norden des Landes, sondern auch der griechische Süden in ein paar Jahren voll erblühen. Laut Engin streiten sich in Zypern nur die Politiker – die Bewohner wären alle ein Herz und eine Seele. Wie man sich täuschen kann.

Völlig platt ob der gewaltigen Eindrücke habe ich dann erst mal eine Körperreinigung durchgeführt – und da zeigten sich schon einige Schwächen des Systems: Das Wasser wird über Sonnenkollektoren erwärmt. Wenn keine Sonne scheint, übernimmt das der elektrische Strom. Der braucht aber mitunter 40 Minuten, bevor da ein paar Liter warmes Wasser aus der Dusche kommen. Heute war ja Sonne satt, so dass ich gleich in die utopisch anmutende Hightech-Dusche steigen konnte. Leider bin ich dabei ein wenig ausgerutscht. Um mir nichts zu brechen, hielt ich mich an den Seifenspendern fest, die sofort aus ihrer Plastikhalterung krachten. Mein zweiter Griff galt einer Halterung, auf der man sein Duschgel abstellen sollte. Leider riss die auch sofort aus dem Plastikgebilde, sodass ich mit Schmackes auf den Rand der Dusche krachte und mir eine schöne, blutende Delle ins Schienbein riss.

Nun, ich bin ein Mann und kann Schmerzen ertragen. Nach der Restauration meines Luxuskörpers habe ich dann die Anlage etwas gründlicher erkundet. Am Pool-Restaurant siegte dann mein Hunger. Ich bestellte mir ein Thunfischsandwich – nicht ahnend, dass dies wohl ein Lieblingsgericht aller zypriotischen Katzen ist. Dazu ein erstes Glas Wein und warme Sonnenstrahlen in meinem Gesicht. Was könnte es noch Schöneres geben?

Es konnte. Die Telekom schickte mir nämlich ein Mail, dass sie mir gerne für „nur“ 14,95 Euro 150 MB Datentransfer verscherbeln möchten. Wahlweise kann ich auch 50 MB an einem Tag verbrauchen (2,95 Euro) oder für jeweils 50 Kilobit 56 Cents zahlen. Was der Blödsinn soll, habe ich nicht verstanden. Aber bei der Telekom ist halt vieles sehr lustig.

Ich wählte die erste Option und checkte die üblichen Bits und Bytes.

Dann – bei einem zweiten Wein – verzog sich die Sonne aus meiner Ecke. Erst auf meiner Terrasse konnte ich noch ein paar Strahlen einfangen, langsam, aber sicher in den Schlafzustand übergehend. Die fehlenden zwei Stunden bis zum Abendessen sind mir leider entfallen…

Ab 19:30 Uhr gab es dann das Abendessen in dem schon erwähnten Riesenrestaurant, das gut 600 Leute beköstigen konnte. Natürlich Buffet und leider nicht sonderlich brauchbar. Da hätte ich lieber ein paar Euro mehr bezahlt. Aber auch nicht soo schlecht. Es ist halt immer das Dilemma mit diesen Buffets. Man packt sich seinen Teller mit ein paar Salaten zu, stopft sie rein, füllt einen neuen Teller mit dem Hauptgericht und ein paar Beilagen, beeilt sich, auch diese zu „genießen“, stellt sich dann bei den Süßspeisen an und isst damit insgesamt dreimal so viel wie nötig wäre. Das Ganze vollzieht sich in einer affenartigen Geschwindigkeit. Und obwohl sich recht nette Leute an meinen Tisch gesetzt hatten, kam kein richtiges Gespräch zustande.

Nach der schnellen Fütterung der Raubtiere bin ich in die einzige Bar des Feriendorfs gegangen. Um mich rum viele betrunkene Bayern (vielleicht reden die aber immer so, ich bin da nicht auf dem Laufenden), eine nette indische Bedienung und ein paar jüngere Leute (die nicht zu unserer Tour gehören, sondern einen „normalen“ Urlaub gebucht haben), die „Trivial Pursuit“ spielen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig die Jugend von heute weiß…

Um 23.00 Uhr war die Batterie meiner nagelneuen Apple-Watch schon wieder leer und damit ein Grund, das Apartment aufzusuchen. Irgendwie erzieht Apple uns tatsächlich zu einer gesünderen Lebensweise…


Tag 2 (In Zypern)

Um 6:45 klingelte das Telefon in meinem Apartment. Ich nuschelte irgendwas in der Art von „binschonwach“ und legte wieder auf. Mein eigener Wecker würde erst eine halbe Stunde später klingeln.

Ich wäre besser gleich aufgestanden, denn die Warmwasserversorgung war leider außer Tritt geraten. Zum Zähneputzen hatte ich noch warmes Wasser, aber unter der Dusche war es dann nur noch eiskalt. Immerhin war ich dadurch sofort hellwach.

Das Frühstück fand natürlich auch wieder in der Fresshalle statt. Dank meiner hohen Intelligenz bin ich diesmal nicht meinen Nachbarn gefolgt, sondern den direkten Weg gegangen. Ein Blick auf Google Earth zeigte nämlich, dass ich in unmittelbarer Nähe des Speisepalastes wohnte und mir den Umweg durch das gesamte Bungalow-Dorf sparen konnte.

Um 8.15 Uhr war Abfahrt. Wie üblich, waren aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Gäste reisebereit. Trotz der sprichwörtlichen Pünktlichkeit der Deutschen kamen immer noch Einige zu spät. Zum Beispiel diese Familie aus der Nähe von Nürnberg. Tochter, Papi, Mami und Oma. Entschuldigend sei bemerkt, dass Tochter Sarah ganz besonders bezaubernd aussah. Das war mir schon im Flugzeug aufgefallen.

Tja, die Leute. Das ist wohl bei diesen Studienreisen eher ein Problem. Die sehen halt alle anders aus als die Menschen, die ich sonst so um mich rum habe. Dafür können die ja nichts – und will das auch nicht mehr so negativ sehen wie in meinen früheren Reiseberichten. Auf ihre Art sind die alle in Ordnung. Keiner sah aus wie ein Filmstar, keiner zog sich besonders fein an, keiner machte auf den ersten Blick einen irgendwie interessanten Eindruck. Keiner sprach hochdeutsch (was ja bei einem Flug aus Bayern auch eher unwahrscheinlich wäre) und keiner fiel durch extravagante Kleidung auf, wenn mal von einem Dirndl zum Abendessen absieht. Und dass sich Frauen ab einem gewissen Alter mit Kurzhaarfrisuren der übelsten Art aus dem Markt verabschieden, ist ja nicht mein, sondern deren Problem.

Und dann fällt natürlich jemand auf, der diesen ganzen Klischees so gar nicht entspricht. Eine ganz besondere Schönheit, die aber auch um Ihr Wirken ganz genau Bescheid weiß. Mit anderen Worten: Männer umschwirren sie wie Motten das Licht. Mehr von Sarah später.

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Das ist Sarah.

Unser Reiseleiter war etwas müder als seine Gäste – was eigentlich dauernd der Fall war – und erklärte uns im Bus ständig irgendwas über irgendwen irgendwo, damit wir wohl informiert seien. Engin ist übrigens Türke, weil es in Zypern keine deutschsprachigen Reiseführer gibt.  Und damit unser Reiseführer keinen Quatsch erzählt, wird ihm ein einheimischer Reiseführer zur Seite gestellt, der zwar kein Wort versteht, aber auf diese Weise immerhin sein Geld verdient. Es lebe die Bürokratie! Immer, wenn wir den Bus verlassen hatten, verzog sich Engin in Null Komma nix ins nächste Cafe, trank seinen Mokka und verputzte ein paar Zigaretten. Fragen beantwortete er regelmäßig und wahrheitsgemäß mit „Das weiß ich nicht.“ Bei unserem ersten Ziel ging es wohl um eine riesige Bergfestung, ca. 900 Meter hoch, eine der größten Kreuzritterburgen im Mittelmeerraum. Unterwegs konnten wir tolle Panoramafotos machen,  aber die wirklich feinen Fotos wurden uns verboten, weil der ganze Bereich als militärisches Gebiet deklariert war. Die armen Jungs, die hier in großer Höhe ihren Militärdienst abhalten müssen, tun mir echt leid (wie mir überhaupt alle Menschen leid tun, die aufgrund größenwahnsinniger Despoten in irgendwelche Kriege geschickt werden).

Nach 30 Minuten waren wir am Fuß der Festung angekommen. Von hier aus hätte man 490 Stufen bis zum Gipfel des Berges erklimmen können, um dann einen unglaublichen Ausblick auf alle Mögliche zu haben. Mir reichte der Blick ab Stufe 110. Die restliche Freizeit verbrachte ich in der Nähe des Busses. Eine anscheinend politisch sehr interessierte ältere Dame fragte unseren Reiseleiter, wie er denn zu Erdogan und dessen Kampf um einen islamischen Staat stehe. Engin sah das alles nicht so eng(in). Die meisten Türken, so Engin, würden ohnehin nicht verstehen, worum es ginge.

Oder mit meinen Worten: Wenn die Türken der großem Masse nicht wissen, was ihnen passiert, wenn sie Erdogan wählen, dann sind sie eben selbst schuld. Und Engin hat ein bisschen mehr Macht. Er hat es blumiger ausgedrückt, aber so kam es bei mir an. Hallo Obacht!

Die nächste Station war wieder irgendwas Altes und Kaputtes, also irgendeine Kirche oder ein Kloster oder sowas. Wahrscheinlich war es die Bellapais-Abtei. Meine Leser verzeihen mir bitte, dass ich das nicht genau benennen kann, aber wenn Sie nicht selbst dabei sind, nützt Ihnen das sowieso nichts. Das ist hier ja kein Reiseführer, sondern eher ein Reiseverführer.

Dann war es Zeit für das Mittagessen, das uns in einem recht großen Restaurant am Platz serviert wurde: Süppchen (salzlos), Quiche (farblos), Hühnchen (geschmackslos) und süßes Gedöns (schmerzlos).  Von unseren 42 Gästen waren nur noch 25 zum Essen erschienen. Die anderen 17 hatten sich das Geld gespart und waren in eine Pizzeria um die Ecke gegangen. Da hat das Essen für vier Personen mit Getränken ca. 6 Euro gekostet – insgesamt! Allein für mein Glas Wein (0,1 l) musste ich 3,50 Euro extra zahlen. Ich hätte auch in der Landeswährung zahlen können, da man im Nordteil der Insel mit türkischen Lira zahlt. Aber viel lieber nahm man uns den guten Euro ab. Dank der europäischen Geldpolitik war der Euro inzwischen nur noch drei Türkische Lira wert – und damit die Lebenshaltungskosten mit denen in Deutschland vergleichbar.

Allergiker, Diabetiker, Vegetarier oder gar Veganer hatten keine Chance. Friß, Touri, oder stirb! Die 99.- Euro Mittagessen-Pauschale (+ Ringelpietz mit Anfassen am Abend – davon später) war plötzlich gar nicht mehr so günstig.

Immerhin hatte ich damit ein Thema, um mich mit diesem auffallend hübschen Geschöpf zu unterhalten, dessen Existenz ich weiter oben ja schon kurz angedeutet hatte. Sarah war ohne Zweifel die schönste Frau unserer Reisegruppe und zusammen mit ihren Eltern und der Oma angereist. Sie ist Mitte dreißig, hat eine kaffeebraune Hautfarbe und kilometerlange schwarze Haare. Eben so eine Frau, bei der sofort alle Gespräche verstummen, wenn sie den Raum betritt. Und falls nicht, kann sie sich sehr gut bemerkbar machen. Die Phalanx der Kellner dürfte ihr inzwischen einen gemeinsamen Hochzeitsantrag gemacht haben. Und die verheirateten Buben unserer Gruppe wirkten neben ihr wie verliebte Sextaner.

Wie sich es ergab, war unser nächstes Ziel der Hafen von Girne, also Kyrenia. Und da hatte ich Sarah Einiges zu erzählen. Im zarten Alter von 14 Jahren war ich nämlich schon mal in dieser Stadt. Damals verbrachte unsere ganze Familie hier den Sommerurlaub. Ich hatte damals meine erste Freundin, Christiane, der ich jeden Tag einen ellenlangen Brief schrieb. Und wenn die Post mal einen Brief verbummelt hatte, war sie echt sauer. An den Hafen konnte ich mich noch ganz genau erinnern. Irgend so eine superteure Yacht lag da damals vor Anker, die bei den späteren Unruhen in die Luft fliegen sollte. Die drei Restaurants von damals waren alle noch da, inzwischen aber nicht mehr allein. Dutzende neuer Läden hatten hier aufgemacht, der Hafen quoll über vor lauter lauten Touristen. Die Musikbox in unserem damaligen Lieblingsrestaurant war leider nicht mehr da, aber der Laden wird in sechster Generation weitergeführt. Es gibt immer noch Kebab, wenngleich das heute völlig anders aussieht und mit den leckeren Fladenbroten von damals nichts mehr gemein hat. Während ich Sarah so von meiner Jugend erzählte (das Jahr 1962 habe ich wohlweislich verschwiegen), hatten wir uns so langsam von unserer Truppe entfernt. Also sind wir dann zu fünft durch die engen Gassen gezogen. Ich bin mir nicht sicher gewesen, aber ich glaube, ich habe sogar das Haus wiedergefunden, in dem wir damals gewohnt haben. Sarahs Oma war ein bisschen schwer zu Fuß. Deshalb mussten wir einige Pausen machen. Sarahs Vater hat dann mal vorgefühlt, wer sich da in „seine“ Familie reinschmuggelte. Ich konnte ihn wohl beruhigen, denn er bot mir – nach Sarah – das „Du“ an. Das klingt jetzt viel romantischer als es war. Es war einfach nur ein supernetter Nachmittag. Denn – auch mit Rücksicht auf Oma – mussten wir bald ein Openair-Cafe aufsuchen, um uns alle bei 26 Grad näher kennen zu lernen. So, und jetzt sag´ ich dazu erst mal gar nichts mehr. Geht Euch nämlich nichts an.

Unser Reiseleiter saß am Nachbarstisch, sodass wir rechtzeitig zurück im Bus waren.

Zurück in der Hotelanlage, musste ich endlich mal wieder duschen. Das Wasser wurde genau in dem Moment warm, nachdem ich mich eiskalt abgeduscht hatte. Leider waren auch die beiden Netz-Adapter, die ich bei Amazon bestellt hatte, totaler Schrott. Der 08-15-Eurostecker meines Föhns passte zum Zerplatzen nicht in die dafür vorgesehene Öffnung. Also Lufttrocknung. Für die iPhones & Co. hatte ich am Nachmittag ein feines Netzgerät mit Zypern-Stecker gekauft, an das man vier USB-Teile anschließen konnte. Man muss wissen, dass dieser Steckerblödsinn den Engländern zu verdanken ist, die Zypern ja vor vielen, vielen Jahren als Kolonie geführt haben. Deswegen auch der Linksverkehr, viele englische Clubs und die zweite Amtssprache. (Obwohl man mit deutsch auch gut durchkommt, wie meine bayrischen Rentner hier eindrucksvoll demonstriert haben. Also sogar mit diesem Spezialdeutsch! Wie heißt es doch so treffend? „Der Bayer ist die Weiterentwicklung des Österreichers zum Menschen“)

Das Abendessen in der Massenfütterung unterschied sich nur in Nuancen vom Vortag. Ich musste mich ein wenig sputen, da der „Mittagessen-Gutschein“ ja auch noch einige Abendbespaßungen beinhaltete. Um halb neun wartete unser Bus auf etwa 20 wagemutige Oldies, denen man einen ganz außergewöhnlich tollen Abend versprochen hatte. Dass Sarah nicht mit dabei war, war zwar schade, aber zu verschmerzen.

Nach zwanzig Busminuten landeten wir schon wieder auf dem Parkplatz, den wir schon am Morgen angefahren hatten. Dann ging es wieder ca. 500 Meter zu Fuß in die Innenstadt, wo wir in den ersten Stock eines Restaurants geführt wurden. Circa 200 weitere Partygäste warteten bereits. Eine Drei-Mann-Band mit dicken Zyprioten und einem raffinierten Computersystem tat so, als würde sie selbst spielen. Unsere Truppe saß – wie die anderen auch – an einem langen Tisch, der mit allerlei Snacks gefüllt war. Oliven, Käsestücke, Nüsse und noch mehr Käse. Die Getränkeregelung war einfach: 10.- Euro = All inclusive. Und zwar für ALLE Getränke. Ich entschied mich für Weißwein und bekam immer wieder unaufgefordert Nachschub, wenn der Getränkestrom zu versiegen drohte. Die jungen, schnellen und sehr freundlichen Bedienungen kamen alle aus Asien. Überhaupt scheint der Asiate sozusagen der Türke Zyperns zu sein.

Dann begann die Show. Na ja, „Show“ ist ein großes Wort für das, was wir da geboten bekamen. Zuerst sprühte eine verkleidete Dame mittleren Alters irgendwelche Düfte unter die Leute, dann krallte sie sich nacheinander ein Dutzend Männer, zerrte sie auf die Tanzfläche und brachte denen den Sirtaki bei. Ich konnte mich wehren und blieb sitzen. Das ist halt nicht so mein Ding. Ich bringe die Leute lieber selbst zum Tanzen als dämlich rumzuhopsen.

Kaum 20 Minuten später kam dann die schon im Bus großartig angekündigte Bauchtänzerin zur Sache. Eine sehr schöne Frau mit popolangen blonden Haaren zuckte lasziv eine Weile vor uns rum. Der Wirt persönlich steckte ihr 10.- Türkische Lira in den Ausschnitt, damit die Herren das gefälligst nachmachen sollten. Und das zog sich dann. Bis sie den rund 110 Männern ihren üppigen Ausschnitt persönlich vor Augen gehalten hatte, um gerade mal drei Scheine abzuzocken, waren die Snacks alle und ich betrunken.

Leider war das auch das Ende des Programms, wenn man nicht erwähnt, dass sich der dickste der Musiker auf ein Glas Raki gestellt hat, ohne dass es zersprungen ist. Das passierte erst, als ein armes Touristenopfer den Stunt nachmachen musste. Ich glaube, das haben die meisten schon nicht mehr mitbekommen.

Danach wurde nur noch getanzt. Oldie-Disco. Die Tanzfläche war rammelvoll.  Lustig waren die Paare, die wohl irgendwann einmal im Tanzunterricht waren und ihre Hüpferei nach präzis geplanten Schritten abtanzten. Und wehe, die Gattin hatte sich verzählt und war auf dem falschen Fuß gelandet. Daran gehen Ehen zugrunde.

Dann ging es wieder 500 Meter zurück zum Bus. Um Mitternacht waren wir wieder in unserem „Resort“. Da ich immer noch nicht müde war, habe ich noch eine gute Stunde in der einzigen Hotel-Bar verbracht und an diesem Blog geschrieben. Erst dann waren alle Akkus leer. Nur ich, ich war voll.


Der dritte Tag (In Zypern)

Die Folter begann um 6:45 Uhr. Da klingelte der Weckdienst. Ich wollte aber erst um 7:15 Uhr aufstehen. Genauer gesagt, wollte ich gar nicht aufstehen. Was spräche dagegen, einen Tag Auszeit zu nehmen und die ollen Trümmer links liegen zu lassen? Sarah und ihre Family hatten das bereits am Vortag beschlossen. Andererseits bin ich ja nicht zu meinem Vergnügen hier und muss nachfolgende Touristen-Generationen aufklären. Also hielt ich meinen brummenden Kopf unter das eiskalte Wasser und föhnte mir mit dem hoteleigenen Fön unter dröhnenden Schmerzen die Haare trocken. 10 Euro „All inclusive“ schien doch ein paar Risiken zu enthalten, über die ich nicht nachgedacht hatte.

Die Busfahrt zu unserem ersten Reiseziel an diesem Morgen muss ich dann wohl auch mehr oder weniger verpennt haben. Als wir so gegen zehn irgendwo ankamen, wo ein paar Heiligenbilder (Ikonen) ausgestellt wurden, haben mir die schreienden Schulklassen, die sich den Krempel aus pädagogischen Gründen auch anschauen mussten, kaum noch was ausgemacht. Bei unserem nächsten Programmpunkt, der Ausgrabungsstätte SALAMIS, war ich sogar schon wieder fast der Alte. Die Römer waren nämlich auch mal ´ne Weile hier auf Zypern und haben unter anderem ein „GYM“ gebaut, also so eine Art frühzeitliches Körperertüchtigungszentrum. Das lief damals alles nach einem festgelegten Plan ab.

Zunächst mussten die Herren der Schöpfung (und für die wurde das natürlich nur gebaut) ihren Darm leeren. Das tat man damals in der Gruppe. Die Herren saßen auf einem ringförmigen Marmorrund, der oben eine Öffnung für die Aufnahme des  Darminhalts und eine weitere Öffnung von vorne hatte. Da gab es nicht etwa irgendwelche Trennwände – nein, man schiss gemeinsam. Der Sage nach wurden einige der wichtigsten Entscheidungen der damaligen Menschheit während der gemeinsamen Darmentleerung getroffen. Wahrscheinlich kommt daher auch der Ausspruch „Die haben sich da aber einen Scheiß ausgedacht…“. Da es die Firma HAKLE damals noch nicht gab, reinigten sich die Herren mit Wasser „unnerum“. Dazu floss vor den Sitzbänken ein kleines Rinnsaal mit frischem Wasser, aus dem die Herrschaften mit voller Hand schöpften und sich durch die vordere Öffnung den Popo abputzten. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Marmorsitzbänke ziemlich kalt waren. Um die Blase zu schützen, wurden daher Sklaven gezwungen, die Sitze mit ihrem eigenen Arsch vorzuheizen. Diese armen Tropfe nannte man damals übrigens die „Vorsitzenden“. (Wie man sieht, gibt es Dinge, die sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte nicht verändern.)

Um Spionage zu verhindern, waren die Wände dieser Scheißanstalt ganz besonders dick. Deshalb soll der eine oder andere Spion in die Abflusskanäle gekrochen sein und mitgehört haben. Ab jetzt wird es unappetitlich. Wer glaubt denn so einen Scheiß?

Nach der Entleerung wurde Sport getrieben. Was man damals wie heute so machte: Rennen, hüpfen, stemmen, boxen, – Fitnessstudio eben. Über das Preismodel ist leider nichts überliefert. Danach ging es in diverse Bäder und Saunen. Die ollen Römer hatten damals sogar schon so eine Art Fußbodenheizung erfunden, auf dass der Athlet niemals frieren möge.

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Felsbrocken allenthalben

Das war zugegebenermaßen eine erfreulich unterhaltende Einführung in die Welt der Antike, die Engin auch mit sichtbarer Freude vortrug.

Das anschließende Mittagessen war mal wieder eine gänzlich neue Erfahrung. Es wäre sogar was für Sarah gewesen, da es fast kein Fleisch gab. Das Essen bestand aus lauter verschiedenen Speisen. Zum Teil standen sie schon auf dem Tisch, wie Salate, eingelegte Feigenblätter, Rote Bete oder kalte Kartoffeln. Dann kamen im Abstand von 5-6 Minuten weitere zypriotische Köstlichkeiten. Alles leider nur lauwarm oder kalt, zum Teil völlig ungewürzt und größtenteils nicht „mein Ding“.  Das Nachtisch-Obst war bereits in Häppchen geschnitten und für mich das bisher Leckerste des Tages.

Nach dem Essen fuhr uns der Bus, dessen Klimaanlage inzwischen den Geist aufgegeben hatte, was bei 27 Grad Außentemperatur nicht unbedingt zur guten Stimmung beiträgt, zum nächsten und letzten Ziel der heutigen Ausflüge: Nach Famagusta. Engin stotterte ein derart erbärmliches Hintergrundwissen über die Lautsprecher des Busses auf uns nieder, dass wir alle die Ohren schnell auf „Durchzug“ schalteten. Vor Ort selbst wussten wir auch daher nicht viel mit den Kirchen und Steinhaufen anzufangen, die wir uns dann in den nächsten 1,5 Stunden auf eigene Faust anschauen sollten. Also wählten wir alle die nächstliegende Option, die Altstadt anzuschauen. Leider gab es da auch nur ganze zwei Straßen mit teilweise sehr teuren Geschäften und dann auch wieder Läden, die Markenhandtaschen für 5 Euro anboten.

Ich habe mich einfach in ein Straßenlokal gesetzt, ein Glas Wein bestellt und alle meine Mitleidenden freundlich begrüßt, wenn sie mehrmals an mir vorbei schlurften. Als selbst das zu langweilig wurde, habe ich es gewagt, einen Einkaufsbummel zu machen. In einem der Läden gab es wirklich toll aussehende moderne Hemden. Eine nette Verkäuferin brachte mich sogar dazu, gleich vier verschiedene Exemplare zu erwerben. Wegen der Größe solle ich mir keine Sorgen machen – die würden ganz bestimmt passen. Davon war ich auch ausgegangen, da die Hemden in der Größe 5xXL geschnitten waren. Bisher wusste ich gar nicht, dass es was Größeres als XXL gibt. Mir passt in der Regel XL, also sollte FÜNF mal XL ja wohl ausreichen. Leider war dem nicht so. Im Hotel angekommen, stellte ich fest, dass ALLE vier Hemden um meinen Rettungsring herum etwas spannten. Mal sehen, wem ich die Hemden jetzt schenken werde…

Zu diesem Thema kam dieser Spruch von Sarah: „Warum soll man ein Sixpack haben, wenn man ein Fass haben kann?“ Rätsele noch immer, wie sie das gemeint hat…

Ja, und dann habe ich auf den letzten Metern zum Bus auch noch einen neuen Koffer gekauft. Ein bisschen größer als der, den ich dabei hatte und ein ganzes bisschen schöner als der alte.

Der Abend gehörte wieder der Massenfütterung – diesmal mit Sarah und ihrer Familie an zwei zusammengeschobenen Vierertischen. Sofort stand das ganze Personal stramm und erfüllte ihre Speisewünsche. Zwei ältere Herren aus Landshut hatten Sarah inzwischen wohl auch für sich entdeckt und kamen seitdem aus dem Labern (sorry, anders kann ich das nicht bezeichnen) nicht wieder raus. Seitdem habe ich mich immer davon geschlichen, wenn einer der beiden Herren ihre Gattinnen abgestellt hatten, um mit Sarah zu plaudern. Na ja, plaudern ist nicht das richtige Wort. Sie haben das arme Ding vollgemüllt bis obenhin. Hoffentlich bekommt sie keinen Ohrenkrebs. Sachverhalte, die man mit ganz leichter Konzentration in 2-3 Sätzen erklären kann, dauerten bei den beiden Herren jeweils eine halbe Stunde. Wenn ich irgendeinen sauintelligenten Einwurf unterbringen wollte, wurde ich schlichtweg ignoriert. Das lag sowohl an der Lautstärke ihrer Stimmen und der Fehlfunktion ihrer Hörgeräte. Wie die Ehefrauen der beiden das wohl ausgehalten haben? Na ja, als ich notgedrungen auch mal mit den beiden ins Gespräch kam, war es mir klar: Die beiden unterschieden sich in rein gar nichts von ihren Ehemännern. Die Familiengeschichten der miteinander befreundeten Nervensägen hab ich mindestens dreimal mitgehört, bis ich dann immer schon VOR dem ersten Satz geflüchtet bin. Der größere von beiden betonte mehrmals, dass er ja „Banker“ sei und er für seinen Haarschnitt inzwischen nur noch sechs Euro bezahlen müsse. Wow! Das sind Informationen! Dass der „Banker“ als kleiner Angestellter in der Kreditabteilung seiner Ortsfiliale arbeitet, macht es nicht besser. Sarah hörte sich den Käse immer wieder geduldig an. Was sollte sie auch machen? Ihr liefen sie ja immer hinterher. Kaum, dass der Bus irgendwo für eine Pause anhielt, konnte man bis drei zählen, um sicher zu sein, die beiden Möchtegern-Casanovas um Sarah herumscharwenzeln zu sehen.

Aber ich wollte ja nicht lästern. Ich wollte ja auch eigentlich gar nichts mehr über Sarah schreiben, weil das ja keinen was angeht.

Also weiter im Programm. Nach dem Abendessen habe ich mich noch bis halb zwei in die kleine Bar gesetzt und an diesen wohl formulierten Worten gefeilt.


Der vierte Tag (Ab in die Türkei)

Der nächste Morgen begann wieder sehr früh. Heute sollte es um die Mittagszeit herum nach Antalya gehen. Deshalb mussten wir alle in unserem doch im großen ganzen recht brauchbaren Hotel auschecken. Ich bezahlte meine paar Weine, schob meinen neuen Rollkoffer in den Bus, trank noch eine Tasse Kaffee, weil das Brot alle war und wartete auf den nächsten Programmpunkt.

Der hieß „Nikosia“, bekannt als Hauptstadt Zyperns. Engin erzählte uns zwar im Bus eine Menge über die Stadt, aber erstens habe ich mir das nicht behalten und zweitens können Sie das viel besser formuliert auf Wikipedia nachlesen. Immerhin ist Nikosia die derzeit einzige Hauptstadt der Welt, die mittendrin geteilt ist. So wie damals in Berlin sah es zwar nicht aus, aber es gibt drei Übergangspunkte vom türkischen in den griechischen Teil. Der Unterschied ist architektonisch nicht erkennbar. Nur, dass man im griechischen teil mit Euro zahlen MUSS, während man im türkischen Teil die Wahl der Währung hat. ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt übrigens noch keinen türkischen Lira in meinen Händen.

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Auch hier überall Kreisverkehr – in Zypern aber verkehr rum

Engin entließ uns irgendwo in der Altstadt und empfahl uns einen Einkaufsbummel. So lief ich denn wie ein gehorsamer Touri durch die Altstadt von Nikosia. In einem Cafe´ machte ich Halt und wurde auch bald von TheSarahFamily begleitet. Die Altstadt ist sehr hübsch, und die meisten Geschäfte sind genauso überflüssig wie alle anderen Ramschläden auf dieser Welt. Allerdings gab es auch vereinzelte „richtige“ Geschäfte, vor allem für Schmuck. Sarahs Mutter wollte sich unbedingt einen Anhänger kaufen, was dann für uns Männer (ihr Vater und ich) eine arge Geduldsprobe wurde. Immerhin hat sie einen Anhänger gefunden, ihr Mann hat sich inzwischen wieder beruhigt und wir haben unseren Bus „just in time“ wiedergefunden.

Weiter ging es zum Flughafen. Das Einchecken ging recht flott, und die Maschine startete schon eine halbe Stunde vor der eigentlichen Abflugszeit. Warum der Flieger es so eilig hatte, ist mir nicht klar geworden. Gelandet sind wir auf einem neuen Flughafen in Antalya gerade mal 40 Minuten später. Dieser neue Flughafen soll in diesem Jahr an die Türken übergeben werden. Bisher gehört er denen nämlich gar nicht. Den hat eine gewisse Firma FRAPORT aus Frankfurt gebaut. Alle Einnahmen gehen also in deutsche Tresore. Da das dem Erdogan gewaltig stinkt, soll der Flughafen abgerissen (!) und woanders unter türkischer Leitung wieder neu aufgebaut werden.

Unser neuer Bus war fast mit dem alten Mercedes identisch, den wir in Zypern zurücklassen mussten. Er hatte nur ein paar Plätze weniger, was leider zu einer regelrechten Schlacht um die besten Plätze führte. Mich hat man dann irgendwann neben eine Dame in der vierten Reihe (Gang) gesetzt. Das Schicksal des Einzelkämpfers. Der Fahrer hieß ab sofort Ali, war starker Raucher und schon ein bisschen älter. Aber auch er hat uns die ganze Zeit hervorragend durch die Gegend kutschiert. Unser letztes Ziel des Tages war unser Hotel.

Man hatte mich zwar schon vorgewarnt, dass diese Hotels in Antalya nicht unbedingt zu den schönsten Reisezielen gehören, die man sich vorstellen kann. Aber was wir da sahen, hat jede negative Erwartung potenziert: Ein Riesenkasten neben dem anderen, eine Architektursünde neben der nächsten, Gigantomanismus ohne Ende. Unser Hotel bestand aus acht Hauptgebäuden mit jeweils 10 Stockwerken. Insgesamt war Platz für 2400 Gäste. Diese Menschenmasse wurde in zwei Riesenrestaurants täglich zwischen 19 und 21 Uhr abgefüttert. Alleine, um die Touristen unserer vier Busse unterzubringen, herrschte an der Rezeption und an den Fahrstühlen ein Gewusel und Gedränge, dass es kein Ende zu nehmen schien.

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Blick aus dem Hotelfenster

Nachdem ich meinen Krempel ins Zimmer gebracht und mich wieder ausgehfein gemacht hatte, saß ich noch eine Weile alleine zwischen den Wolkenkratzern in einer Open-Air-Bar ohne Bedienung. Nee, nach einer halben Stunde kam dann doch jemand und brachte mir dann auch schnell ein Glas mit kaltem Wein; ein Umstand, den man gar nicht hoch genug bewerten kann. Üblicherweise wurde der Weißwein auf unserer Reise überall pisswarm ausgeschenkt, dafür aber völlig überteuert. 0,15 cl kosteten zwischen 3,50 Euro und 5 Euro. Leider war er auch meist recht minderwertig.

Egal, nun hieß es endlich „Futtern“. Da es an diesem Tag kein Mittagessen gab, sollten wir besser am Abend gründlich zuschlagen. Wir fünf haben es erst im nahegelegenen Restaurant 1 versucht, das aber hoffnungslos überfüllt war. Also 200 Meter weiter zum zweiten Restaurant. Hier war wohl gerade zufällig ein größerer Tisch frei geworden, den wir sofort in Beschlag nahmen. Und nun die absolute Überraschung: das Essen! Das war sowas von gut, das habe ich ganz selten erlebt. Es gab Dutzende von Vorspeisen, Unmenge diverse Hauptgerichte, einen mindestens zehn Meter langen Nachtisch-Tresen und und und. Die Qualität (und die ist ja das Wichtigste) war dabei ausgezeichnet.

Nicht so gut hat es mit der Getränkeversorgung geklappt. Der uns zugeteilte Kellner hatte soviel zu tun, dass er nicht so richtig mitkam. So war denn der Wein auch wieder warm, bei Sarahs Gin-Tonic fehlte der Gin, und Nachschub dauerte ewig lange. Außerdem fingen die um uns herum nun plötzlich an, alle Teller lautstark abzuräumen. Dazu mehrstimmiges Kindergeschrei, tanzende Teenies und allerlei runtergefallene Kuchenteile auf dem Hauptgang des Restaurants.

Also wieder ins Freie, ein weiteres Weinchen trinken. Die Unterhaltung lief dann weitestgehend ohne mich ab, da gewisse Herren aus Landshut ihre Dozierstunde abhielten. Dafür fand auf einer Showbühne, ca. 50m entfernt, ein monumentales Tanzremmidemmi mit deutschen „Schlagern“ statt, für die man sich einfach nur schämen muss.

Weil es mir auch nicht gelang, den beiden bayrischen Quasselstrippen Paroli zu bieten, bin ich relativ früh auf mein kleines, aber modern eingerichtetes Zimmer gegangen.


Der fünfte Tag (Taurus-Gebirge)

Die Abreise war gnädigerweise erst um halb acht. Eine der Neunzigjährigen hatte wohl gestern schlapp gemacht und wurde ins Krankenhaus gebracht. Ein bisschen Schwund ist halt immer. Aber sonst waren wir alle guter Dinge und freuten uns auf einen langen Ausflug zu einer weltberühmten Sehenswürdigkeit: die berühmten Kalksteinterrassen von Pamukkale, von einfacheren Geistern auch gerne „Pumuckel“ genannt. Vorher haben wir aber noch die antike Stadt „Aphrodidias“ besichtigt. Sehr eindrucksvoll. Es gab sogar Audioführer eines Berliner Tonstudios zu mieten. Um dorthin zu kommen, mussten wir  stundenlang durch das beeindruckende Taurusgebirge fahren. Den ausgeleierten Blasen unserer Mitreisenden war es zu danken, dass wir alle 1,5 Stunden Pinkelpause hatten.

Dann endlich kamen wir an dem UNESCO-Welterbe an, dem besagten Pamukkale. Die weißen Tafelberge bestehen aus erstarrten Stalaktiten sowie Kaskaden und formten sich über Jahrtausende durch das mineral- und kalziumhaltige Wasser einer Quelle, die am Abhang des Gebirges entspringt. Da der Eintrittspreis für dieses Naturschauspiel erstaunlicherweise nicht im Reisepreis enthalten war, blieben wir eben am Fuße sitzen und tranken ein schönes Bier.

Unser Hotel war nur 5 Minuten entfernt. Es handelte sich um ein etwas heruntergekommenes Thermalhotel. Auf den ersten Blick war es sehr schön, aber bei genauem Hinsehen bemerkte man die versifften Ecken, die ungestrichenen Geländer, die verdreckten Teppiche etc.

Außerdem wollte uns der Barkeeper keine Getränke aufs Zimmer schreiben. Wie man überhaupt in der Türkei (und natürlich auch im türkischen Teil von Zypern) lieber Bares sieht. Wir haben bei keinem einzigen Essen oder Drink an den diversen Bars jemals eine Quittung erhalten! Wenn man das mal hochrechnet, kommt eine Menge unversteuerter Zaster zusammen…

Im Hotel habe ich mich noch mit einem widerlichen Fotografen angelegt, der ungefragt und vor allem trotz Verbots Fotos von Sarah und mir machte. (Sarah wollte das auch nicht.)

Aber vergebens – er hat seine Fotos doch gemacht, und am nächsten Morgen konnte man Sarahs Foto inmitten eines Glastellers bewundern. Mama hat ihn gekauft – somit ging die Rechnung des Paparazzi doch noch auf.


6. Tag (Rund um Antalya)

Nun ging es wieder zurück Richtung Antalya. Unser erster Stopp galt einer Teppich-Vermarktungsfirma. Mir kam alles gleich wieder sehr bekannt vor – und richtig! Hier war ich das letzte Mal vor zwei Jahren auch schon gewesen (siehe www.rme-tuerkei.blogspot.com). Wie sich beim Vergleich der Fotos herausstellte, war sogar das Personal noch identisch. Man zeigte uns – genau wie damals – wie man Seide aus den Fäden einer Seidenspinne gewinnt, wie Teppiche gewebt werden, wie man die Qualität eines Teppiches erkennt etc. etc. Auch hier wieder eine hochinteressante Verkaufsschau mit perfekt deutsch sprechenden Türken. Leider wurden aus der geplanten Stunde fast zwei, weil irgendwelche Bayern aus Landshut unbedingt einen Teppich haben wollten, den sie dann doch nicht gekauft haben.

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Das Muster ist noch dasselbe wie vor zwei Jahren.

Das Mittagessen fand mehr oder minder auf der Autobahn statt. Mitreisende, die keinen Mittagstarif gebucht hatten, wurden genötigt, das komplette Menü für 17 Euro zu bestellen, da es keine andere Möglichkeit der Speisezufuhr gab. Der Wein kostete inzwischen 5 Euro für 0,15 l. Da habe ich aus Protest mal einfach gar nichts getrunken. Und auf den kostenpflichtigen Joghurt-mit-Honig-Dessert habe ich auch gerne verzichtet.

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Auch schon mal besser gegessen

Viele Autostunden später kamen wir dann wieder in den Großraum Antalya. Hier haben wir zunächst einen kleinen Wasserfall besichtigt und dann ein Sandmuseum besucht, das leider infolge jüngster Wetterunruhen ziemlich desolat aussah und überhaupt nicht mit dem Sandmuseum in Ägypten mithalten konnte (siehe www.rme-hurghada.blogspot.com).

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Wow – ein richtiger Wasserfall!

Dann endlich ging es ins Hotel – leider ein von russischen Urlaubern heimgesuchtes Drecksloch erster Güte. Es liegt zwar direkt am Strand, aber das Wasser war natürlich noch viel zu kalt, genau wie das Wasser des Pools. Beim Abendessen hat sich einer der Kellner sofort unsterblich in Sarah verliebt. So sehr, dass sie am nächsten Morgen ihren frisch gepressten Orangensaft umsonst bekam, während ich einen Euro dafür latzen musste. Ein paar kleine Läden gegenüber des Hotels luden zu spontanen Hemdenkäufen ein, aber auch hier waren die angebotenen Größen nicht mit meiner Körpergröße konform. Also besser in die Bar. Draußen am Pool konnten Sarah und ich noch lange gemütlich sitzen und über dies oder jenes ablästern. Leider waren die Getränke nicht nur teuer, sondern auch schlecht. Konnte kaum schlafen.

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Der Kerl rechts ist aus Sand.

7. Tag (In Antalya)

Am nächsten Morgen zerrte uns Engin bereits um sieben Uhr dreißig in den Bus! Und das, obwohl wir doch nur ganz in der Nähe zu den üblichen Touristenneppveranstaltungen kutschiert wurden: Morgens eine Schmuckverkaufsschau und mittags eine Lederverkaufsschau. Auch hier konnte ich meinen Geldbeutel festhalten, da mich weder Schmuck noch Leder angemacht haben. Sarah hat sich eine schöne weiße Lederjacke gekauft, mit der sie am Flughafen noch reichlich Spaß haben sollte…

Zufällig war heute der 1. Mai, also der Tag der Arbeit, der in der Türkei genauso wie bei uns gefeiert wird. Und als wir nach unseren Pflichtbesuchen zum Altstadtbummel entlassen wurden, platzten wir mitten in eine riesige Maikundgebung mit Geschrei und viel Musik. Es gab keine Tumulte, obwohl einige der Sänger grauenhaft daneben lagen (da müssten Schläge eigentlich erlaubt sein!). Später habe ich gelesen, dass die Kundgebungen in Istanbul weniger friedlich verlaufen sind.

Ich versuchte mal wieder, zu neuen Hemden zu kommen und wurde im Basar am Rande der Altstadt tatsächlich fündig, wenn auch nicht so günstig wie in dem Laden vor ein paar Tagen. Dafür passten die Hemden aber zur Abwechslung mal. Sarah kaufte ein paar Täschchen fürs Töchterchen, und auch ihre Eltern und die Oma fanden irgendwelchen Schnickschnack. Dann bin ich mit Sarahs Vater und ihr zusammen in die Altstadt gelaufen. Da ich die Altstadt jetzt schon zum dritten Mal besucht habe, war ich als Reiseführer geradezu prädestiniert. Unterwegs trafen wir unsere üblichen Bayern, die aber zum Glück genau entgegengesetzt gelaufen sind, so dass wir ohne größere Anfälle von Langeweile nach knapp 1,5 Stunden wieder am Treffpunkt waren.

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Wie man sieht, habe ich sogar etwas Farbe abbekommen…

Überraschenderweise fuhr unser Bus am Abend wieder in dasselbe Riesenhotel, das wir schon in der ersten Nacht in Antalya bevölkert hatten. Nie im Leben würde ich hier Urlaub machen, aber die Ministadt innerhalb der Hotelanlage war für unsere Zwecke ganz praktisch. Ich habe mich sogar zum Friseur getraut. Das war ziemlich riskant, da mich der Meister gründlich nach meinen politischen Ansichten ausgefragt hat, ohne dabei das Rasiermesser aus der Hand zu legen.

Das Abendessen war genauso gut wie vor drei Tagen und auch die Getränke kamen diesmal viel schneller.

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Schön muschelig.

Die abschließende Folkloreshow innerhalb meines Zusatzpaketes habe ich mir verkniffen. Lieber haben wir uns im Hotel eine sagenhafte Open-Air Show einer chinesischen Artistengruppe angeschaut. Danach noch ein wenig mit Sarah in der Hängematte geschaukelt und dann ins Zimmer, um den Koffer zupacken.


8. Tag (Die Rückreise)

Um ein Uhr morgens saßen wir bereits wieder im Bus. Engin kam etwas verspätet – dafür hatte er aber meinen Pass wieder bekommen, den ich am ersten Tag im ersten Hotel abgegeben hatte und mir nicht zurückgeben ließ.

Am Flughafen war trotz der späten Stunde Hochbetrieb. Interessanterweise liefen ein paar Zollbeamte durch die Gegend und hielten Schilder mit irgendwelchen Namen hoch. Darunter auch der Name von Sarah. So langsam wurde klar, dass alle Touristen, die irgendetwas Teureres gekauft hatten (Schmuck, Teppiche oder Mäntel) noch mal zum Zoll mussten, um sich einen Stempel geben zu lassen. Das war schon eine ziemliche Triezerei, die da veranstaltet wurde. Die Schlange zum einzigen Zollschalter war gut 100 Meter lang – und der Beamte hinter der Scheibe hatte wohl alle Zeit der Welt, um die Einkäufe per Hand in irgendwelche Listen einzutragen und sodann die Zollbestätigung abzustempeln. Sarah kam erst kurz vor dem Einchecken zu uns; andere brauchten noch länger. Der Flug dauerte 3 Stunden und zehn Minuten, die wir aber kaum bemerkt haben, denn sowohl Sarah als auch ich sind sofort eingeschlafen. Da der Flieger nicht voll war, konnten wir sogar zusammen sitzen.

In München (Landung pünktlich um sechs Uhr zehn) waren wir dann plötzlich ganz schnell auseinander, denn das Gepäck kam so schnell, wie ich das noch nirgendwo gesehen habe. Nachdem ich mal kurz die Toilette aufgesucht hatte, war die ganze Meute bereits verschwunden. Nun gut, es gibt ja WhatsApp.

Und während alle Mitreisenden nur noch wenige Kilometer bis zu ihrem Domizil vor sich hatten, musste ich in München OST alleine bis 9:32 Uhr warten, bis mein ICE nach Frankfurt mich endlich abholte.

Was ich während dieser Fahrt im Zug alles erlebt habe, würde einen weiteren Blog füllen. Aber das führt nun wirklich zu weit.


Kommen wir zum Fazit:

Eine weitere Reise in die Türkei werde ich in den nächsten Jahren nicht mehr machen. Ich glaube, ich habe derzeit genug gesehen. Außerdem ist der Deutsche derzeit nicht mehr des Türken liebstes Kind. Die politischen Differenzen werden zunehmend größer.

Das Essen war größtenteils hervorragend, der Wein leider fast immer warm. Als Währung reicht der Euro.

Die Organisation von RSD (Reiseservice Deutschland) war perfekt, wenn man auch das frühe Aufstehen bemängeln muss, das nicht jedem zusagen dürfte. Unser Reiseleiter war leider  deutlich extrem rechtslastig in seinen Ansichten. Seine Meinung sollte er besser für sich behalten.

Die Hotelauswahl war durchwachsen – von „sehr gut“ bis „grad noch akzeptabel“; die Busse waren zwar schon etwas älter, aber völlig in Schuss. Und die Mitreisenden?

Nun ja, man muss ja auch mal Glück haben.
Und jetzt sag´ ich wirklich nichts mehr.

Mit der Titanic in die Türkei

  1. Ein mehrseitiger Prospekt des Reiseunternehmers RSD („Reiseservice Deutschland“) fiel aus der Zeitschrift Titanic. Unter der Schirmherrschaft von niemand geringerem als dem TV-Journalisten Dieter Kronzucker warb das Unternehmen für eine Studienreise von Istanbul bis runter nach Antalya. Im Reisepreis eingeschlossen wären Flug, Transfer, Busreise, Reiseführer, sieben Übernachtungen und eben so viele Frühstücke. Ich schreibe den Preis jetzt nochmal hier hin: Der ganze Spaß sollte nur NEUNUNDNEUNZIG Euro kosten! Da fragt sich doch jeder: Wie soll das denn gehen? Die Antwort vorab: Es geht natürlich nicht. Es geht ganz und gar nicht. Es ist um ein Vielfaches teurer, aber dennoch als preiswert und vor allem „den Preis wert“ zu bezeichnen.

    Lecker Döner in Istanbul

    Doch der Reihe nach. Nachdem sich Dagmar sofort bereit erklärt hatte, mit mir diese Reise zu testen, habe ich bei „RSD“ angerufen. „Guten Tag, werter Titanic-Leser. Was kann ich für Sie tun?“ Angesichts der Aussicht, sieben Tage mit intelligenten Satire-Liebhabern und derer geschliffenen Konversationen zu verbringen, bat ich um zwei Plätze für je 99.- Euro. Nun stellte sich zunächst mal heraus, dass die 99.- Euro-Plätze „leider, leider“ schon ausverkauft seien. Frei waren nur noch diverse Termine, die für mich sehr ungünstig lagen und auch deutlich teurer waren. Je fortschreitender Kalenderwoche erhöhte sich nämlich der Preis ein wenig. Außerdem gab es Zuschläge auf bestimmte Termine und Abflughäfen. Um meine Arbeit nicht zu sehr im Stich zu lassen, wählte ich die Woche über Ostern (von Mittwoch bis Mittwoch). Die kostete jetzt schon 330.- Euro, was aber angesichts der zu erwartenden Leistungen immer noch als günstig zu bezeichnen war.

    Die Reiseunterlagen kamen wenige Tage vor Beginn der Reise. Es machte mich zwar ein wenig stutzig, dass die RSD-Werbung nun auch im Spiegel erschien, aber das war ja aus intellektueller Sicht kein Manko. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass der Prospekt aus so ziemlich jeder regelmäßigen deutschen Publikation fiel, einschließlich jeder besseren Hundezüchterzeitung, wäre ich vielleicht noch abgesprungen. So aber: Mut wird belohnt! 330.- Euro für die oben erwähnten Leistungen ist absolut unschlagbar, selbst in der Wintersaison.

    Inmitten der Hagia Sophia

    Und der Winter spielte uns ja in diesem Jahr wirklich übel mit. Minus zwei Grad waren es, als wir von unsrem Freund Eddie morgens um fünf abgeholt wurden, um uns zum Flughafen bringen zu lassen. Danke nochmals für diese heroische Leistung!

    Um pünktlich 7:45 Uhr stieg der Airbus A 320 auf. Das ganze Flugzeug war von RSD gechartert worden, so dass wir schon mal zwei Stunden Zeit hatten, uns unsere künftigen Gesprächspartner näher anzusehen. Vielleicht lag´s am frühen Morgen, vielleicht an meiner fehlenden Sensibilität, aber Titanic-Leser konnte ich beim besten Willen nicht ausmachen. Oder sie hatten sich sehr gut verstellt.
    In Istanbul wurden wir dann auf sechs verschiedene Busse aufgeteilt. „Aha“, dachte ich mir, „die Zuordnung der Passagiere findet erst jetzt statt.“
    Tat sie aber nicht. Vielleicht waren wir im falschen Bus oder es war kein einziger Titanic-Leser auf den Prospekt hereingefallen. Da man sich das Alter eines Satireblatt-Lesers nicht sonderlich gut vorstellen kann (lesen junge Leute überhaupt noch?), fand ich es nicht befremdlich, dass fast alle Mitreisenden der Generation 60+ angehörten. Gerade mal zwei Teenies fielen in dem Graukopfgewirr positiv auf. Wir die wohl hier reingeraten waren? Erschreckend auch die hohe Anzahl an Studienräten, die sofort an Cordhose (Mann) oder praktischer grauer Kurzhaarfrisur (Frau) zu erkennen waren. Immerhin hatten wir – dank einheitlicher Osterferien – viele deutsche Zungen an Bord: aus Franken, aus Schwaben, aus Saarbrücken und aus Hessen natürlich. Hochdeutsch sprach so gut wie niemand.

    Istanbul bei Nacht

    Doch, der Reiseleiter. Der sprach ein ausgesprochen gutes Deutsch. Hatte er in der Schule gelernt. Außerdem war er mit seinem Vater des Öfteren in Deutschland. TUNC hieß er, wobei man sich bei dem „C“ einen kleinen Haken unten dran denken muss, sodass man seinen Vornamen wie „Tunsch“ ausspricht. Der Nachname ist in der Türkei nur für Behörden von Interesse. Tunsch (ich schreibe ihn jetzt weiter so, um nicht zu verwirren und weil ich das Sonderzeichen auf meinem Laptop nicht finden kann…) zählte uns ab (insgesamt bis zum Ende der Reise gefühlte tausend Mal) und stellte sich vor. Ein typischer türkischer Macho – das war der erste Eindruck. Glatze, dicke Silberringe, sehr teure und modische Kleidung, exquisite Accessoires, dicke Tätowierung am Unterarm, ein Gang wie ein Seemann und ober-ober-ober-ober-cool. Optisch sah er ein bisschen aus wir der kleine Bruder vom Kölner Tatortkommissar Schenk. Als Türsteher würde er sich auch perfekt machen.
    Aber – wie so oft täuscht der erste Eindruck: Der Mann war gebildet, hatte Germanistik studiert und dann aus pekuniären Gründen in den Tourismus gewechselt. Was man ihm hoch anrechnen musste: Er hat uns die Türkei aus einer sehr westlichen Sicht vorgestellt, die den meisten Deutschen eher unbekannt sein dürfte. Die Vorstellung der meisten Deutschen resultiert aus durchaus oft grenzwertigen Erlebnissen mit türkischen Gastarbeitern. Die Türkei – jedenfalls, das, was wir gesehen haben -, ist eine hochmoderne Nation mit sehr demokratischen Ansichten. Auch wenn die derzeitige Regierung innerhalb der zehn Jahre, in denen sie jetzt regiert hat, versucht, der Bevölkerung eine konservativere Ansicht aufzudrücken, so werden diese vom Volk nicht umgesetzt oder anerkannt. Zumindest in den Großstädten (und den Tourismuszentren) läuft keine Frau mit Kopftuch rum. Das Gejaule aus den Lautsprechern der Moscheen blendet unser Gehirn schnell weg – außer morgens um halb fünf. Ist mir eh ein Rätsel, wer da schon aufsteht, um zu beten…

    Trümmerreste aus Troia

    Tunsch erklärte also im Bus den Reiseverlauf. Dann sprach er davon, dass es ratsam wäre, ein oder zwei Zusatzprogramme zu buchen, um wirklich in den vollen Genuss der Reise zu kommen. Denn wie wir ja wussten, waren bisher das Mittag- und Abendessen nicht im Preis enthalten. Um nun wenigstens das Mittagessen zu erhalten, sollten wir die Bosporus-Flussfahrt mit buchen. Das wäre ohnehin sehr empfehlenswert, weil aufgrund der Verkehrssituation in Istanbul die Busfahrt sonst drei bis vier Stunden dauern könnte. Also gut, warum nicht. 150.- Euro für sieben Mittagessen und eine Flussfahrt ist da ein fairer Preis. Ach ja, wenn man auch die Eintrittskarten zu den ganzen Sehenswürdigkeiten haben möchte, sollte man das Zusatzpaket zwei wählen, das außerdem acht Abendessen enthielt. 158.- Euro. Wer beide Pakete nimmt, zahlt 258.- Euro. Gebongt. Wie man eine Studienreise durchstehen soll, ohne Eintritt zu den Sehenswürdigkeiten zu haben, hat sich mir allerdings nicht ganz erschlossen. Aus den 99.- Euro waren jetzt schon 588.- Euro geworden.
    Tunsch verkaufte die Zusatzpakete so routiniert, dass absolut alle den Zusatzkosten zustimmten.

    Der Bus legte an der Bosporus-Brücke an und wir bestiegen eins der üblichen Ausflugsschiffe. Abreise war erst, als alle sechs Busse angekommen waren und die insgesamt 200 Passagiere einen Platz gefunden hatten. Inzwischen war es ca. 14.00 Uhr nachmittags und wir hatten gewaltigen Hunger. Um so dankbarer waren wir, dass Bedienstete des Schiffes warmes Käsebrot und Tee austeilten. Während Tunsch uns die Stadt erklärte, kamen wir ins Gespräch mit einem pensionierten Studienrat, der seine Landkarten aus dem ersten Gipskrieg mitgebracht hatte und von uns wissen wollte, wo jetzt eigentlich das „Goldene Horn“ sei? Google-Maps konnte das Problem schnell lösen. Die kleine Auskunft (und ein paar Mails) veranlassten die Deutsche Telekom allerdings, mich darauf hinzuweisen, dass mein Datenvolumen mittlerweile auf 40.- Euro angewachsen sei. Erschrocken stellte ich mein iPhone ab. Die Käsebrötchen und der Tee kosteten zu allem Überfluss dann auch noch 11.- Euro. Ein paar Mutige, die am helllichten Tag bereits RAKI in sich reinschütteten, mussten noch einiges mehr zahlen. Nun war uns klar, dass unsere beiden Zusatzpakete erst am Abend im Hotel beginnen würden.

    Stalagmiten und Stalagtiten, wo man hinschaut

    Und das war einfach toll. Das Hotel. Nur unsere Gruppe wurde hier eingecheckt. Keine weiteren Gäste. Ein kleines Stadthotel namens Listana hat uns mit dem Tag und den ganzen Zusatzkosten versöhnt. Tolles Zimmer, WLAN so schnell wie bei mir zu Hause, wunderbares Essen (serviert, kein Büffet!) und sehr freundliches Personal. Nur die Getränke gingen (natürlich) extra. Wir saßen an einem eigenen Tisch, die anderen vorsichtig belauernd. Wie ein Titanic-Leser sah da niemand aus. Der Herr Kronzucker hatte sich auch bisher noch nicht vorgestellt.
    Am nächsten Tag wurden wir um halb sechs geweckt. Und das sollte so in etwa jeden Tag die Zeit sein, an der man uns aus dem Bett schmiss.
    Ich erspare es mir jetzt, die ganzen touristischen Höhepunkte aufzuzählen, die wir nun jeden Tag zu sehen bekamen. Zum einen habe ich die meisten Namen schon wieder vergessen, zum anderen interessiert das jetzt nicht in diesem Blog. Man kann das wunderbar bei Wikipedia nachlesen oder Dagmar fragen. Wie immer, hat sie jedes Detail für immer gespeichert. Nur so ein paar Stichworte: Wir waren Troia (das Troianische Pferd hatte leider gerade eine Auszeit in der Werkstatt), wir haben den Taurus überquert, Antalya besichtigt und eine Unmenge kaputter Steine bestaunt. Das Fazit ist entscheidend: Es hat alles unglaublich gut funktioniert! Die Hotels hatten 4 oder 5 Sterne, das Essen war lecker, gesund und ausgewogen. Die Frühstücksbüffets waren ein Traum. Alle, ich betone ALLE Menschen um uns herum waren immer sehr freundlich und hilfsbereit. Tunsch verkürzte uns die teilweise längeren Fahrzeiten mit sehr unterhaltenden Geschichten. Besonders gelacht haben wir über seine Schilderung des türkischen Alltags.
    Die Frau steht sehr früh auf und räumt die Wohnung auf. Vielleicht waren am Vorabend Gäste da oder man hat etwas Raki getrunken. Dann weckt sie die Kinder, wäscht sie, macht ihnen Frühstück und sorgt dafür, dass sie in die Schule kommen. Nun darf auch ihr Mann aufstehen. Sie reicht ihm das Handtuch beim Waschen und lässt ihn in Ruhe frühstücken. Dann kümmert sie sich um ihren Haushalt, während der Mann ins Kaffee geht, um zu philosophieren. Das heißt, er liest die aktuellen Zeitungen und tauscht mit seinen Freunden Meinungen aus. Dazu trinkt man ein paar Tassen Tee, raucht die eine oder andere Zigarette und geht dann zum Mittagessen nach Hause. Der Nachmittag gestaltet sich ähnlich. Das soll nun nicht heißen, dass der Mann nichts zu tun hat. Er entscheidet die wirklich wichtigen Dinge, also welche Partei gewählt wird oder welches Fernsehprogramm man sieht.

    Das war wohl mal ein riesengroßer Tempel

    Dieser Vortrag – mit der tiefen und abgeklärten Stimme unseres Reiseleiters – kam besonders gut an. Wir kennen inzwischen seine ganze Familiengeschichte. Seine erste Frau war wohl zu emanzipiert, die zweite ist gerade noch so akzeptabel (was ihre Emanzipation betrifft). Als wir in Antalya ankamen, haben wir sie sogar gesehen: Eine sehr schöne Frau mit kleinem Baby. O-Ton Tunsch: „Es ist zwar ein Mädchen, aber heutzutage ist es doch die Hauptsache, dass es gesund ist. Man denkt inzwischen anders in der Türkei.“ Aja.
    Unser letztes Hotel in Belek (nähe Side) stand vor zwei Jahren noch ganz allein in der Landschaft. Inzwischen hat das 2000-Betten-Monstrum eine Menge Konkurrenz zu erwarten. Rings herum wird gehämmert und gebaut, dass es ein Graus ist. Unser Fünf-Sterne-Hotel hat sich den Namen redlich verdient, was Unterbringung und Essen betrifft. Am letzten Tag haben wir jede übrige Mark hier in irgendwelche T-Shirts oder Handtaschen gesteckt. Natürlich nur, um den Einzelhandel zu stützen.

    Die Bretter, die die Welt bedeuten, waren früher aus Stein

    Bei drei anderen Pflichtbesuchen waren wir aber standhaft. Tunsch hatte uns schon mehrfach darauf hingewiesen, dass man eine solche Reise zu diesem Preis, die bei „Studiosus“ oder „Dr. Tigges“ nicht unter 3500.- Euro zu bekommen ist, ein paar Abstriche machen muss. Abstriche nicht hinsichtlich der Unterbringung, des Essens oder der Reiseleitung. Es handelt sich um dieselben Busse (Mercedes, Baujahr 2003), dieselben Reiseleiter und auch dieselben Hotels. Billiger wird es, weil die Hotels oft auf die Übernachtungskosten verzichten, um ihr Hotel im Winter nicht schließen zu müssen. Da bringen die Getränke das Geld. Es wird billiger, weil das Kulturministerium ein paar Euro dazugibt, um die Angestellten in den Hotels zu halten und es wird billiger, weil der RSD die Touristen zu den verhassten Verkaufsshows karren muss. Da geht es um Leder, Gold oder natürlich Teppiche. Jeder Verkaufsstop kostet Zeit. Allein die Teppichshow hat uns drei Stunden unserer Lebenszeit gekostet. Es war wirklich eine Verkaufsshow allerbester Güte. Kein Hollywoodregisseur hätte das besser hinbekommen. Wie bei einem Feuerwerk rollten die Mitarbeiter Dutzende von Teppichen aller Größen, Farben und Designs auf. Der Vortrag des charismatischen Chefs brachte uns fast dazu, über einen neuen Teppich nachzudenken. Damit hätten wir Arbeitsplätze auf dem Land gesichert und der Landflucht entgegengewirkt. Die Knüpferinnen sind nämlich wie bei einer Aktiengesellschaft am Umsatz beteiligt. Ich habe trotzdem keinen Teppich gekauft, auch wenn mein Facebook-Eintrag zu diesem Thema den Schluss nahelegen könnte, dass ich zukünftig meine Toiletten mit Seidenteppichen auslegen werde. Schlimm war dagegen die Lederverkaufsshow am nächsten Tag. Man wollte den Eindruck erwecken, dass die Jacken und Mäntel in diesem Hause hergestellt würden, dabei handelte es sich lediglich um eine Verkaufsagentur. Eine Jacke, die anfangs 1600.- Euro kosten sollte, landete am Schluss bei 400.- Euro. Wir soll man bei einem solchen Preisverfall innerhalb kürzester Zeit noch Vertrauen in diese Firma haben? Bei der ähnlich funktionierenden Gold & Silber-Verarsche haben wir uns gleich ausgeklinkt, weil ich mich mit ein bisschen Fieber rausreden konnte.

    Links – das ist Tunsch, unser Reiseleiter alias Schenk Junior.

    Tja, erkältet waren wir wohl alle. In Deutschland – 2 Grad, in Antalya 25 Grad. Zwischendurch diverse Klimaanlagen und viele hustende und niesende Menschen.
    Kurz vor der Abreise ein weiterer Grund, warum die Kosten so günstig waren: Wecken um Mitternacht, Abfahrt zum Flughafen um 1.00 Uhr, Abflug um 4.05 Uhr.

    Unser Fazit: Wenn man ein paar Abstriche macht und sich nicht zu fein ist, auch mit Menschen aus weniger intellektuellen Kreisen umzugehen, ist diese Reise ein durchaus akzeptables Angebot.

Side – Türkei

Der Sun Club Side

Spätestens, als ich in Frauenkleidern im „Sun Club Side“ auf der Bühne stand und einen Bauchtanz vorführte, hätte mir klar werden müssen, dass mein Leben eine ungewollte Richtung eingeschlagen hatte.

Wie konnte es soweit kommen? Es hatte doch ganz normal begonnen.
Dagmar und ich hatten einfach nur das bescheidene deutsche Wetter satt und buchten einen Last-Minute-Urlaub in der Türkei. Genauer gesagt nach SIDE in der Nähe von Antalya. Sechs Tage für gerade mal 330.- Euro pro Nase. Inklusive Flug, inklusive Transfer, inklusive Hotel, inklusive Vollpension, WLAN, also inklusive allem. „All Inclusive“ nennt sich das.
Der Hinflug mit „Sun Express“ gestaltete sich problemlos, wenn man mal davon absieht, dass die Damen und Herren dieser Fluglinie noch nicht kapiert haben, wie heutzutage ein Smartphone, genauer ein iPhone funktioniert. Selbstverständlich haben wir die Geräte auf „Flugmodus“ umgestellt, als wir die Maschine betraten. Trotzdem wurde Dagmar das Spielen mit dem Gerät untersagt, da der Flugmodus das Flugzeugsystem ebenfalls stören würde. Das ist natürlich völliger Blödsinn, zumal das Gerät ja auch bei Nichtbenutzung nie wirklich ausgeschaltet ist. An meinem iPad hatten sie nichts auszusetzen, obwohl da ebenfalls eine SIM-Karte drin ist, die den Funkverkehr stören könnte. Na ja, man muss ja nicht alles ausdiskutieren.
In Antalya – nach dreieinhalb Stunden – war es schon eine Stunde später, und die Sonne schickte sich gerade an, schlafen zu gehen. Es hatte wohl tagsüber etwas geregnet, was eigentlich nicht in unserem Plan stand. Eine gute Stunde später waren wir dann im Hotel. Der Busfahrer hielt in einer kleinen Stichstraße dicht am Meer. Das Hotelschild über einem dunklen Durchgang war irgendwie schief und handgemalt. Sollte das wirklich unser Hotel sein? Es war so. Der „Sun Club Side“ ist ein vergleichsweise winziges Hotel. Ca. 70 Zimmer sind in nur zwei Geschossen rund um den Pool gebaut worden. Mittendrin erhebt sich ein etwas hässlicher Bau für das Restaurant und die Poolbar. Nach dem Einchecken sind wir gleich ins Restaurant und haben dort – gegen 22.00 Uhr – noch eine Kleinigkeit zu Essen bekommen. Sehr löblich. Dazu gab´s Wein aus einem Selbstbedienungsautomaten. Nicht der Brüller, aber auch nicht wirklich daneben. Ließ sich eben gut und schnell trinken. An der Poolbar – im Erdgeschoss des Gebäudes – stand noch so eine Maschine. Hier war der Wein sogar schön kalt. Ruckzuck hatten wir ein paar Gläser intus. Und schon war der Kontakt zu anderen Hotelgästen hergestellt. Vor allem Silke aus Remscheid war gut drauf und unterhielt sich gleich mit uns. Sie war mit einer Freundin hier, die aber wegen akuten Sonnenbrands schon in der Koje lag. Ihre Männer und die Kinder hatten sie für diesen Kurzurlaub zu Hause gelassen. Ab 23.00 Uhr musste man die Getränke dann doch selbst bezahlen. Zwei bezahlte Gläser später sind wir dann auch ins Bett gefallen. Das Zimmer war zwar klein, aber sehr schön eingerichtet. Vom Balkon aus konnte man auf den Pool blicken. Es gab ein Einzel- und ein Doppelbett. Das Bad war sehr winzig, aber zweckmäßig eingerichtet. Lediglich die sehr hohe Einstiegskante zur Dusche/Badewanne dürfte älteren Leuten etwas Mühe bereiten. Na gut, so jung sind wir ja auch nicht mehr, aber das haben wir noch geschafft. Der Winzig-Fernseher brachte neben den üblichen türkischen Sendern noch EuroNews, ZDF und RTL. Aufgekratzt, wie wir waren, haben wir uns noch irgendeinen Film reingezogen, bevor der Tag dann endgültig zu Ende ging.
Erster Stock Mitte: Unser Apartment
Entsprechend schwierig gestaltete sich der nächste Morgen. Das Spätfrühstück (bis 10.30 Uhr) haben wir gerade noch so geschafft. Um 12.00 Uhr hatte sich dann unsere Reiseleitung angemeldet. Natürlich ging es dabei nur darum, möglichst viele Ausflüge zu verkaufen. Natürlich sind wir auch drauf reingefallen und haben gleich das Dreier-Paket gebucht. Türkisches Bad, Antalya und Green Canyon. Die kommenden Tage waren wir also bereits ausgebucht.
Das Wetter war so lala. In der Sonne war es schön warm, aber im Schatten war es richtig kalt und windig. Da es bereits Mittagszeit war, mussten wir aber sowieso ins Warme, ins Restaurant nämlich. Dort hatte man inzwischen ein sehr üppiges Buffet aufgebaut. Es gab Dutzende von Salaten, diverse Sättigungsbeilagen, Fleisch, Fisch und Suppe. Getränke wurden von den immer extrem freundlichen Kellnern serviert. Die Teller waren recht klein, sodass man nicht in Versuchung kam, sich übermäßig am Buffet zu bedienen, sondern dann lieber zwei oder gar dreimal gehen musste, um wirklich satt zu werden.
Nach dem Essen wurde es jetzt aber höchste Zeit, mal die Gegend zu erkunden. Wir wussten aus der Hotelbeschreibung, dass das Meer in unmittelbarer Nähe sein musste. Und so war es dann auch. Gerade mal hundert Meter entfernt fanden wir einen sehr schönen Strand, der allerdings den verschiedenen Hotels zugeordnet war. „Unser“ Strand musste irgendwo weiter rechts liegen – haben wir bis heute nicht gefunden. Noch nicht einmal gesucht, weil es am Pool sowieso schöner war. Wenn auch zu kalt zum Schwimmen.
Gegenüber des Hotels steht das Hotel „SIDE STAR“, ein Hochhausbrocken mit fünf Sternen. Das ist bestimmt in der Hochsaison die bessere Wahl, aber jetzt, Anfang April, war unser kleines gemütliches, familiäres Hotel mit Anschluss eindeutig die bessere Alternative. Leute, die wir später auf unseren Touren getroffen haben, konnten das bestätigen. In der Vorsaison in einem kleinen Teil eines Riesenhotels ausgehalten zu werden, macht nicht soviel Spaß wie in unserer kleinen Anlage, wo jeder neue Gast mit Hallo begrüßt wird und aus seinem Leben erzählen kann. Sicher war hier nicht das intellektuelle Zentrum der Welt, aber das war auch gar nicht wichtig. Trotz „All inclusive“ hat sich hier keiner daneben benommen; selbst die notorisch Betrunkenen sind nie unangenehm aufgefallen.
Im Bazar
Doch weiter mit unserem ersten Rundgang. Side liegt etwa 65 Kilometer vom Flughafen Antalya entfernt. Das letzte Mal war ich vor etwa 25 Jahren hier. Damals gab es einen Robinson-Club und ein paar wenige Hotels. Die Hauptstraße war vielleicht 400 Meter lang und abends haben die Straßenhändler den Ort zum Bazar gemacht. Heute stehen in Side Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Hotels, Pensionen und Clubanlagen. Unser Hotel gehört eindeutig zu den älteren Bauten und ist daher sehr dicht am Zentrum von SIDE, nämlich gerade mal 800 Meter entfernt. Das klingt viel, ist aber sehr kurz, wenn man den Weg am Meer entlang geht. Hier findet man Restaurants, Lokale und Geschäfte aller Art. Eines der ersten Geschäfte, das wir betraten, war ein Uhren- und Schmuckladen, weil sich Dagmar natürlich aufgrund ihres Goldschmiede-Hobbies sehr für Schmuck interessiert. Leider hatten die da auch Uhren. Die billigsten ab 20 Euro, die besseren dann so um die Hundert Euro. Das waren dann auch Automatik-Uhren oder Chronographen, die bei uns locker das 100fache kosten. Wobei der Unterschied zwischen einer echten und einer gefakten Breitling selbst für Fachleute kaum erkennbar sein dürfte. Und was noch mehr verwundert: Diese Uhren werden hier nicht heimlich von Strandverkäufern verscherbelt, sondern überall hochoffiziell angeboten. Und nicht nur Uhren. Egal, ob man Schuhe, Jeans oder T-Shirts kauft: Überall prangen die Label der Markenhersteller auf den Produkten. Man kann nicht einmal Socken kaufen, die nicht von BOSS, PRADA oder ARMANI hergestellt wurden. Angeblich hergestellt wurden. Vielleicht werden die Originale ja auch wirklich hier in der Türkei hergestellt. Unterschiede zu den Markenprodukten aus Deutschland ließen sich jedenfalls nicht feststellen. Nur bei den Preisen sind die Unterschiede deutlich. 15 Paar BOSS-Socken für 5 Euro oder D+G-Handtaschen für zwanzig Euro sind schon sehr verlockend. Wenn die Türkei in die EU will, wird sie diesen Handel wohl beenden müssen. Schade eigentlich. Schweren Herzens ließen wir die schönen Uhren liegen.
Später nahmen wir uns einen Bus nach Manavgat. Hier ist nämlich Montags immer Markt. Und alles, was wir am Strand gesehen haben, war billiger Tand gegenüber dem Riesenangebot auf diesem größten Bazar, den ich je gesehen habe. Selbst in Istanbul war das Angebot nicht so umfassend wie hier. Man muss zwar ein dickes Fell haben, um die ständige Anmache der Verkäufer auszuhalten, aber das gehört hier einfach dazu. Und wenn man dann wirklich was kaufen will, wird man in der Regel auch gut beraten. Daggi hat sich gleich im dritten Geschäft mit ein paar lebenswichtigen Handtaschen und Rucksäcken eingedeckt und ich hätte mir beinahe ein paar sehr schöne Schuhe, angeblich von PRADA, gekauft. Leider war dessen Preis dann doch zu hoch: 65 Euro wollte der Verkäufer von mir haben. Für 45 Euro hätte ich die Schuhe wahrscheinlich auch bekommen, aber die Anfangsforderung fand ich sehr unverschämt. Später habe ich genau dieses Schuhwerk (das ich im Flugzeug bei einem Mitreisenden das erste Mal gesehen hatte) leider nie wieder gesehen. Dann sind wir doch noch an einer Uhr hängengeblieben: Einer gefälschten SWATCH. Genau! Für gerade mal 10.- Euro hat Dagmar sich eine Nachbildung einer aktuellen SWATCH gekauft, deren Alu-Optik sehr edel aussieht und die am Flughafen für einen Hunderter gehandelt wird. Ich möchte nicht wissen, was dieses Teil im Einkauf gekostet hat.

Nach zwei Stunden Powershopping haben wir eine kleine Pause eingelegt. Zusätzlich zu dem großen Bazar gab es auch noch einen gigantischen Lebensmittelmarkt. Auch hier waren die Preise so niedrig, als wäre das Obst gefälscht.

Zurück haben wir auch wieder einen dieser Busse genommen, die man einfach so anhalten kann. Domusch heißen die (werden wahrscheinlich ganz anders geschrieben, aber das ist ja jetzt egal…). Für 1,25 Euro hat uns der Fahrer wieder in der Nähe unseres Hotels abgesetzt. Wir hatten zwar keine Ahnung, wo wir aussteigen mussten, aber der Fahrer wusste ja, wo wir hin wollten und hat uns rechtzeitig Bescheid gesagt. Die 300 Meter von der Hauptstraße bis zum Hotel haben wir uns dann auch alleine zurecht gefunden.
Ich schreibe hier ständig, dass wir mit EURO bezahlen, obwohl wir uns doch in Asien befinden und die offizielle Währung die „Türkische Lira“ ist. Ja, das war wirklich etwas verwirrend. Ich hatte am Flughafen 400 Euro in Lira gewechselt und wurde dabei gründlich übers Ohr gehauen. Der Kurs ist etwa 1:2, aber am Flughafen habe ich statt 800 Lira nur 756 Lira ausbezahlt bekommen. Hier in Side ist der Euro inzwischen zur Hauptwährung geworden. Man kann aber auch in Lira bezahlen, wenn man das unbedingt will. Die Preisschilder zeigen jedenfalls nur noch Europreise. Die einheimische Währung ist optisch dem Euro sehr ähnlich, weswegen man tunlichst genau darauf achten muss, ob das Wechselgeld dann wirklich Euros und keine Lira sind.
Nachdem wir unser Bargeld gleich am ersten Tag stark reduziert hatten, haben wir den Abend dann im Hotel verbracht. Das Abendessen war genau wie mittags reichlich und wohlschmeckend. Bedarf an Weißwein bestand heute allerdings weniger…
Das hauseigene Animationsprogramm begann um 21.00 Uhr. Da es sehr kalt war, fand die angesagte „Misswahl“ im Foyer des Hotels statt. Sado, unser schwarzer Animateur und die beiden russischen Teenies, die ihm assistierten, machten ihre Sache so gut es mit den wenigen Zuschauern ging. Die armen Teilnehmerinnen (die sich nicht etwa freiwillig gemeldet hatten, sondern von Sado auf die Bühne gezerrt wurden!) mussten singen, Bauchtanzen und Hosen von anwesenden Männern einsammeln. Ja, richtig gelesen. Es gab tatsächlich ein paar Zeitgenossen, die sich dann in der Unterhose präsentierten, um ihrer Favoritin ein paar Punkte zuzuspielen. Das wurde uns dann doch zu doof.

Animation ohne Hosen
Ich hatte sicherheitshalber ein paar Spielfilme auf einen USB-Stick kopiert und so konnten wir dann anschließend im Zimmer noch „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ schauen.
Der Dienstag begann routiniert mit dem Frühstücksbuffett. Auch wenn es „All inclusive“ hieß, kostete der frisch gepresste Orangensaft doch einen Euro extra. Das – sowie die vereinzelten Trinkgelder, die man in eine Box am Ausgang werfen konnte – war aber zu verkraften.
Für heute hatten wir „Türkisches Bad“ gebucht. Ich hatte von vornherein nicht vor, da mitzumachen. Deshalb ist Dagmar da alleine hingefahren. Um halb elf wurde sie abgeholt und kilometerweit in irgendein Neubaugebiet gefahren. Ein sächsisches Pärchen aus unserem Hotel war auch dabei. Was dann in diesem Bad so im Einzelnen geschah, kenne ich nur vom Hörensagen. Man konnte den Bikini bzw. die Badehose anbehalten und wurde von irgendwelchen Männern (!) gewaschen, massiert, abgeschrubbt und getrocknet. Gut, man konnte sich auch Frauen auswählen, aber die meisten wurden doch von Männern bedient. Der günstige Preis (Neun Euro) war nur ein Lockpreis. Tatsächlich versuchten die Schrubber, den Gästen unzählige Zusatzangebote aufzuschwätzen, was Dagmar aber tapfer abgelehnt hat. Da wurden die Jungs ziemlich sauer, aber Daggi war ja vorgewarnt und hat sich nicht beeinflussen lassen.
Als sie dann nach über vier Stunden wieder im Hotel ankam, war das Mittagessen schon vorbei. Ich hatte teilweise am Pool gelegen und gelesen, war ein bisschen was arbeiten und habe das Essen auch völlig vergessen.
Also sind wir wieder am Strand entlang Richtung SIDE gelaufen. Dachten wir am Vortag noch, wir hätten alles gesehen, mussten wir uns heute eines Besseren belehren lassen. Die vielen kleinen Läden und Kneipen am Meer entlang mündeten in eine komplette Einkaufsstadt mit Hunderten von Geschäften und Restaurants. Schnell waren 500.- Euro aus dem Automaten gezogen, damit man ja nichts verpasst. Zum Essen waren wir in einem skandinavischen Restaurant – auch wenn die Mitarbeiter alle Türken waren. Das Essen war auch hier supertoll und supergünstig. Ne komplette Forelle für fünf Euro (inkl. Beilagen) findet man in Deutschland nicht. Da es langsam kühl wurde, hat Daggi uns zwei dicke Jacken gekauft (zusammen 25.- Euro), die den Namen von Jack Wolffskin tragen. Später haben wir noch Tee probiert (und gekauft), Bier getrunken (lecker!) und einige Tausend Verkäufer abgewimmelt. Das Einkaufszentrum befindet sich unmittelbar neben den Sehenswürdigkeiten von Side, den alten Trümmern der Römer. Irgendwie scheint der Staat kein großes Interesse an einer Vermarktung dieser Altertümer zu haben – alles gammelt so vor sich hin. Nur das Amphietheater wird mit einer Führung (und 5 Euro Eintritt) geadelt. Für den Rückweg nahmen wir dann ein Taxi.
Beim Abendessen im Hotel haben wir dann einen sehr originellen Berliner aus dem Irak kennengelernt, der auch recht gut Türkisch sprach. Er war schon einige Male hier und sehr betrunken. Daran hat sich auch den ganzen Abend nichts mehr geändert. Der Kellner musste ihm die Suppe tragen, damit er nicht alles verschüttete…
Rechts – das ist SADO aus SIDE
Um 21.00 Uhr war wieder Animation angesagt. Das Thema heute Abend: „Misster Wahl“. Jawoll, mit zwei „ss“. Die beiden russischen Mädels sprechen nämlich so gut wie kein Deutsch, sind aber für die Schilder verantwortlich. Ich war schon sehr gespannt, welche Deppen Sado diesmal auf die Bühne (im Freien!) schleppen würde, damit die sich vor allen Gästen blamieren würden. Leider hatte ich nicht damit gerechnet, dass er ausgerechnet MICH auf dem Kieker hatte. Mein Protest half überhaupt nichts, alle grölten und klatschten (Dagmar eingeschlossen!!!), so dass mir gar nicht anderes übrig blieb als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Der zweite Kandidat hieß Volker und lebt mit seiner Frau Ulli in Philipsburg. Das ist irgendwo in der Nähe von Stuttgart, wie man am Dialekt leicht feststellen konnte. Der dritte und letzte Teilnehmer hieß Bernd (soweit ich mich erinnere), war – genau wie Volker – viel jünger als ich und trug einen Schnauzer. Unsere erste Aufgabe war leicht. Wir sollten ein Glas Bier auf ex trinken und gleich danach einen Luftballon so lange aufblasen, bis er platzte. Und da hatten wir auch schon das erste Problem. Ich habe das Bier nicht runter bekommen. Es war so kalt, dass ich es nur in kleinen Schlucken trinken konnte. Irgendwann gab man mir zu verstehen, dass ich das mit dem Bier jetzt auch vergessen und lieber den Luftballon aufblasen sollte. Der platzte dann sogar noch vor Bernd, aber nach Volker. Als nächstes sollten wir einen Striptease machen. (Sagte ich schon, dass alles ein wenig „familiär“ war?) Volker und Bernd haben da irgendwas gemacht, aber ich habe mich geweigert, mich vor den Leuten auszuziehen. Sooooo niveaulos wollte ich dann auch nicht sein. Spiel drei wurde dann sehr lustig. Wir drei stellten uns im Kreis auf, bekamen einen Hut auf den Kopf und mussten auf Befehl des Animators bestimmte Dinge ausführen:
1: Hand auf Nachbarhut legen
2: Hut eins weiter reichen
3: Hände schütteln
4: Einmal im Kreise drehen
5: dem linken Nachbarn in den Hintern kneifen und dabei „Miep Miep“ rufen.
Das klingt extrem dämlich und ist es auch, aber es machte – zumindest den Zuschauern – extrem viel Spaß. Die Stimmung war kurz vorm Überkochen.
Ja, das bin ich. Weitergabe dieses Fotos verboten.
Blieb noch das letzte Spiel. Wir drei wurden in einen Nebenraum der Küche gebeten und sollten uns umziehen. Genauer gesagt, sollten wir Frauenkleider anziehen. Und eine Perücke. Geschminkt wurden wir auch noch von Julia und Nastasia, den beiden Girlies aus Estonia, bzw. Weißrussland.
Und dann kamen wir wieder rein und mussten – einer nach dem anderen – einen Bauchtanz vorführen. Das Gegröle war groß, die Peinlichkeit kaum zu überbieten, aber dennoch hat es wohl allen sehr viel Spaß gemacht.
Wir standen dann mit allen noch ein Stündchen an der Bar und haben herzlich gelacht. Mit einem fröhlichen „Miep Miep“ gingen wir dann zu Bette.
Um sieben klingelte mein Wecker. Ich musste so früh raus, weil ich dringend noch etwas aufnehmen musste. Am gestrigen Abend hätte das nicht so ganz perfekt geklungen. Dann direkt zum Frühstück, wo uns Sado schon mit einem fröhlichen „Miep Miep“ begrüßte. Um viertel nach neun wurden wir für unsere erste große Tour abgeholt. Unser Reiseleiter sprach sehr gut deutsch, was wohl daran lag, dass er den Großteil seines Lebens in Deutschland verbracht hatte. Überhaupt – falls ich es noch nicht geschrieben habe: Die Landessprache ist nicht etwa türkisch, sondern deutsch. Ich glaube, alle ehemaligen Gastarbeiter sind hier in den Süden gezogen, um mit dem Tourismus das große Geld zu machen. Der Weg zu unserem ersten Haltepunkt in der Nähe von Antalya war lang. Zeit für ein kleines Nickerchen. So habe ich leider gar nicht viel von dem mitbekommen, was uns der Reiseleiter über die Türkei erzählt hat. Ich kann mich daran erinnern, dass er sagte, dass die Türken in wenigen Jahren die Deutschen stückzahlmäßig überholen würden. Antalya selbst wurde in den letzten Jahren zur Millionenstadt. Das zeigt sich leider darin, dass rund um die ehemalige Altstadt tausende von Hochhäusern in die Natur gesetzt wurden, in denen Abertausende von Eigentumswohnungen die Bevölkerung beherbergen.

Der erste Haltepunkt war ein mittelgroßer Wasserfall mitten in einem Naturschutzgebiet. Die Regierung hat irgendwann geschnallt, dass es keine so gute Idee war, sämtliche Wälder abzuholzen. Nur noch 5% der Landschaft besteht aus Wäldern – gegenüber 30% in Deutschland. Also lenkt man derzeit stark dagegen und verbietet weiteren Raubbau an der grünen Lunge des Landes. Wir latschten also durch das Grünzeug und stiegen nach ein paar obligatorischen „Aahs“ und „Oohs“ wieder in den Bus, der uns nun in das große Schmuckzentrum fuhr. Das Ganze verwandelte sich jetzt ein bisschen zur Kaffeefahrt. Das Schmuckzentrum war auf dem Gelände eines Luxushotels in einem ausrangierten Spielcasino untergebracht. Prächtige, kitschige Wände mit 300 Kilogramm Blattgold, dicker Samt überall und Hunderte von Vitrinen mit ziemlich langweiligen Schmuckstücken warteten auf uns. Nach einer kleinen Begrüßungsrede wurden wir in den ersten Stock geführt, wo sich sofort ein „Berater“ wie eine Klette an uns hing und versuchte, uns den Schmock, äh Schmuck anzudrehen. Statt dass wir also unser Glück an einarmigen Banditen suchen konnten, versuchten zweibeinige Salesmanager ihr Glück damit, uns ihren Käse anzudrehen. Aber der Schmuck war wirklich eher etwas für uralte russische Milliardärinnen als für uns. Zu dick, zu wuchtig, zu kitschig und natürlich viel zu teuer. Preise standen zwar nicht dran – und Handeln war das allerwichtigste in diesem Schmuckbazar! – aber irgendwelche Mitreisende sind natürlich auf die Jungs reingefallen und haben sich merkwürdige Klunker gekauft. Daggi als Schmuckexpertin (sie stellt sich ihren Schmuck schon seit Jahren selbst her – welch glückliche Fügung für mich!) hat schnell festgestellt, dass der Schmuck eher minderwertig war und außerdem schlecht verarbeitet wurde. Die Preise waren jedenfalls völlig überteuert. Schnell sind wir aus dem ehemaligen Casino wieder ausgebrochen und haben draußen vor dem Hotel auf den Rest der Gruppe gewartet. Als Nächstes ging es zum Mittagessen. Das war perfekt organisiert. Die Riesenbusse kamen quasi im Minutentakt angefahren, spuckten ihre Touristen aus und sammelten sie nach erfolgter Nahrungsaufnahme wieder ein. Das Essen wurde an Achtertischen aufgetragen. Es gab Salat, Brot, Hühnchen und Reis. Als Nachtisch noch eine Apfelsine. Getränke mussten extra bezahlt werden. Der Betrieb funktionierte perfekt wie eine Schweizer Uhr; lediglich an der Damentoilette gab es die üblichen Staus.
Weiter ging die Fahrt nach Antalya. Wir wurden direkt am Fuß der Altstadt ausgeladen und hatten nun zwei Stunden Freizeit. Natürlich sind wir als erstes gleich mal in den Bazar gelaufen, der aber im Gegensatz zu dem Markt in Manavgat recht klein und übersichtlich war. Die Preise waren auch etwas höher und es wollte sich keine Kauflust einstellen. Also sind wir in die Altstadt gelaufen. Schöne, verwinkelte Gassen mit sehr hübschen Lokalen und Restaurants luden zum Verweilen ein. Daran, dass man vor jedem Geschäft angesprochen wurde, hatten wir uns schon gewöhnt. Einer der Verkäufer stellte sich als alter Frankfurter heraus. Klar, dass Dagmar ihm daraufhin ein paar Sachen abgekauft hat – Seidenschals oder so was. Ein frisch gepresster Granatapfelsaft für Daggi und ein fettes Bier für mich beendeten dann unseren Aufenthalt in der Provinzhauptstadt Antalya. Von unserem Treffpunkt aus liefen wir in eine Tiefgarage, wo unser Bus bereits auf uns wartete, um uns zum nächsten Ziel zu bringen: zur Lederfabrik.
Tja, die Kaffeefahrt war noch nicht zu Ende.

Es fing alles ganz grandios an: Eine kurze Modenshow mit sechs oder sieben Models zeigte uns, was man derzeit an Lederkleidung tragen sollte. Jedes Model trug eine Nummer, mit der sich die Kleidungsstücke identifizieren ließen. Denn nach der sechs Minuten dauernden Show wurden wir in die Verkaufsräume geschoben. Und hier wurde es dann richtig unangenehm. Einer dieser Verkaufsnervensägen sprach mich schon hinter meinem Rücken an und wollte mir partout die Hand geben. Dazu hatte ich keine Lust und sagte ihm das auch, so freundlich ich eben noch konnte. Darauf spielte er die beleidigte Leberwurst, wich uns aber nicht von der Pelle. Egal, was sich Dagmar anschaute, sofort war er neben ihr und begann mit seinen Verkaufsgesprächen. Die Teile waren alle hoffnungslos überteuert – außerdem hatten wir uns im letzten Jahr in Istanbul erst mit Lederjacken eingedeckt. Irgendwann platzte mir dann auch der Kragen. Ich sagte Dagmar, dass ich hier nichts kaufen wolle und die Nase von dem Laden voll hätte. Darüber war sie dann auch sauer. Und so sind wir beide sauer aus dem Laden gelaufen, einen noch saureren Verkäufer hinterlassend. Draußen haben wir uns dann aber gleich wieder beruhigt und festgestellt, dass es den meisten Mitreisenden genauso gegangen war. Unter Druck bin ich einfach nicht bereit, irgendwas zu kaufen. Wir lassen uns doch nicht zwingen. Leider haben die meisten Verkäufer das noch nicht kapiert und nerven daher weiter, bis die Kunden eines Tages gar nicht mehr kommen.
Eine Stunde später waren wir dann wieder im Hotel; gerade rechtzeitig zum Abendessen. Ich hatte mir inzwischen den aktuellen Tatort heruntergeladen, so dass wir den Abend ruhig und alleine vor der Glotze beendeten.
Schon war der Donnerstag angebrochen. Das Aufstehen machte uns keine Mühe, nur das Schloss der Badezimmertür versetzte mich in Panik. Ich hatte mich für die morgendliche Toilette eingeschlossen, weil die Tür sonst immer wieder aufgegangen wäre. Als ich sie dann öffnen wollte, ging das nicht mehr! Klinke und Schließmechanismus hatten keine Verbindung mehr! Ich konnte machen, was ich wollte, ich war eingesperrt. Weder von innen noch von außen ließ sich diese vermaledeite Türe öffnen…
Dagmar rief an der Rezeption an und schon nach fünf Minuten war ein Techniker zur Stelle, der die Tür dann mit brachialer Gewalt aufbrach. Endlich konnte ich mich anziehen. Wir hatten es nämlich eilig, denn auch für heute hatten wir eieine Tour geplant. Der „Green Canyon“ stand auf dem Programm. Unser Reiseleiter Ali war etwas ungehalten, dass wir nicht vorne an der Straße auf ihn warteten. Dabei waren wir trotz der Einsperrung pünktlich um 9.15 Uhr an der Rezeption, aber er hatte 9.05 Uhr in seinem Plan stehen. Nach und nach sammelten wir noch ein paar Mitreisende in den verschiedensten Hotels ein – darunter auch alte Bekannte vom Vortag. Ali machte ein paar chauvinistische Frauenwitze und hatte damit gleich eine ältere Lady als Feindin. („Was machte eine Frau, nachdem sie ihren Führerschein schon ein Jahr lang hat? – Sie entdeckt den zweiten Gang“). Na ja, schon besser gelacht. Ali war noch ein recht junger Bursche aus Syrien, der angeblich in Deutschland studiert hatte. Ich glaube eher, er hat das Leben studiert. Und auf einem Flirtkurs muss er auch gewesen sein, so wie er alle alleinstehenden Damen angemacht hat.
Der „Green Canyon“ ist ein riesengroßer See in etwa 300 Meter Höhe mitten im Taurus-Gebirge. Deutschland hat dort in den letzten Jahren ein grandioses Stauwerk errichtet, das wir natürlich ebenfalls besichtigt haben. Dann sind wir in einen Katamaran umgestiegen. Zusammen mit Gästen aus anderen Bussen waren wir gut 100 Touristen, die nun auf diesem Riesengebirgssee rumschipperten. Das Wasser war türkisblau und sehr sauber. An den Bergen starrten uns die Bergziegen an als kämen wir von einer anderen Welt. Na ja, so war es ja auch. An Bord waren zwei Profi-Fotografen, die uns der Reihe nach ablichteten. Sie gaben sich sehr viel Mühe, die Touristen in vorteilhafte Posen zu dirigieren. So gegen 12.30 Uhr gingen wir dann an Land und kletterten 132 Stufen hinauf, um unser Mittagessen einzunehmen. Hier hatte man die Qual der Wahl: Hühnchen, Fisch oder Fleisch stand auf der Speisekarte. Dagmar wählte den Fisch, der sich als im Ofen gebackene Forelle entpuppte. Ich hatte Hühnchen mit Reis und den obligatorischen Salat. Auch hier klappte die Organisation hervorragend. Keiner musste warten, alle wurden satt. Nur der Himmel machte uns Sorgen. Der änderte nämlich seine Farbe von blau auf dunkelschwarz. Außerdem war ein dumpfes Grollen zu bemerken. Wieder auf dem Schiff, fing es dann prompt an zu regnen. Der bisher so angenehme Fahrtwind wurde schneidend kalt und brachte uns zum Bibbern. Dann begann es auch noch zu hageln. Nur hinten am Schiff, vor den Toiletten, ließ es sich noch einigermaßen aushalten. Alle anderen haben sich hier mindestens eine Lungenentzündung geholt.
Während des Essens hatten unsere Profi-Fotografen alle Bilder ausgedruckt und verteilten sie jetzt an die Schiffsgäste. Von uns gab es rund ein Dutzend Bilder, von denen ich sechs Stück auch gekauft habe. Ursprünglich wollten die Jungs 3.- Euro pro Bild, für 2,50 habe ich sie dann bekommen. Andere zahlten sogar noch weniger. Und was das Beste ist: Die Bilder sind richtig gut geworden. Zwei Stück stecken bereits im Rahmen und lachen uns täglich an.
Ali mit Silke und Elke
Ali, unser Reiseleiter, war auf dem Schiff selbst nicht im Dienst, sondern überließ die Moderation einem Kollegen, der ständig darauf hinwies, wie gut er doch eigentlich aussieht, seit er immer in diesem Wasser badet. Zusammen mit Ali hat er dann auch noch getanzt. Als Ali dann später alleine ebenfalls einen etwas obszönen Tanz aufführte, hatte er gleich wieder Ärger mit seiner Lieblingsfeindin, die das gar nicht komisch fand.
Irgendwann war der Green Canyon dann zu Ende und wir sind den ganzen Weg wieder zurück gefahren. Der Hagel hörte auf, ein paar Regentropfen klatschten noch gegen das Schiff, bis die Sonne wieder die Regie übernahm. Am Staudamm verließen wir das Schiff und stiegen in unseren Bus.
Aber das war natürlich noch nicht alles. Uns erwartete noch ein Einkaufsbummel im Textilparadies „Dickmann“. Und hier war tatsächlich mal alles anders. KEINE Verkäufer, KEIN Kaufzwang, KEIN Druck auf die Touristen. Und siehe da: Es hat funktioniert. Viele der Mitreisenden haben sich hier mit irgendwelchen Hemden, Hosen oder T-Shirts eingedeckt. Es war auch wirklich extrem billig. Ich habe mir sechs „Hilfiger“-Hemden zum Stückpreis von 10.- Euro gekauft. Dagmar hat allerdings nichts gefunden, was ihr gefallen hätte. Inzwischen habe ich allerdings erfahren, dass die Arbeitsbedingungen der Textilindustrie in der Türkei so miserabel sind, dass man besser beraten wäre, durch Verzicht auf diese Einkäufe dieses System nicht noch zu unterstützen. Kinderarbeit ist wohl hier unten noch an der Tagesordnung. Ich werde mich in Zukunft vorher informieren. Versprochen.
Alle saßen wieder pünktlich im Bus, aber Ali, unsere Nervensäge, fehlte. Er hatte irgendwelche Probleme mit der Provisionsabrechnung, bzw. wegen irgendwelchen fehlenden Armbändchen, die unsere Gruppe zu tragen hatte. Mit ca. 10 Minuten Verspätung fuhren wir dann wieder zum Hotel zurück.
Nach dem Abendessen im Hotel erwartete uns mal wieder eine Animations-Bespaßung. Diesmal stand BINGO auf dem Programm. Und wie es der Zufall will, hat Dagmar den dritten Preis gewonnen: Einmal Massage, einmal Haarschneiden und eine Packung Türkischen Honig! Und da Silke aus Remscheid um Mitternacht Geburtstag haben würde, hatte sich SADO etwas Besonderes für die Nacht ausgedacht. Er hatte einen Bus organisiert und etwa ein Dutzend willige Touristen ab 23.00 Uhr in eine Discothek geführt. Der Bus kostete 5.- Euro, aber der Eintritt in die Disco war frei. Wir waren natürlich auch dabei. Der Laden füllte sich in kurzer Zeit und die Tanzfläche stand keine Sekunde leer. Von der Musik kannte ich so gut wie gar nichts, aber das war auch egal. Ein sehr junger DJ spielte an seinem Laptop rum und hielt den Beat stundenlang durch. Um Mitternacht feierten wir dann Silkes Geburtstag, die sichtlich gerührt war und sich sehr über das schöne Fest gefreut hatte. So gegen zwei Uhr wurden wir wieder abgeholt. Details der Heimreise habe ich leider vergessen.
In  der Disco. Links sind Anastasia und Julia
Freitag Morgen. Unser letzter kompletter Ferientag. Die Abreise war für Samstag Mittag geplant. Nach dem (sehr späten!) Frühstück und ein bisschen Büroarbeit trudelten dann so langsam alle Mittänzer der vergangenen Nacht ein: Silke und ihre Freundin Elke, das Sachsenpärchen, Julia und Nastasia, Volker und seine Ulli, Sado und viele andere, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Dagmar schenkte mir ihren Gutschein für den Friseur, den ich auch sofort eingelöst habe. Der Laden war nur einen Steinwurf vom Hotel entfernt und der Frisör war ausgesprochen gut. Es war zwar kurz verwirrend, dass er mir ohne Vorwarnung mit der Schere in der Nase rumgefuchtelt hat und ein paar Gesichtshaare mit einer offenen Flamme abfackelte. Andere Länder, andere Sitten. Das Trinkgeld hatte er sich redlich verdient. Dagmar freute sich schon auf die Massage am Nachmittag, aber erst kam das Mittagessen an die Reihe. Es war schon fast 14.00 Uhr, als ich nochmals in unser Zimmer ging. Etwas verwundert stellte ich fest, dass es immer noch nicht aufgeräumt war. Dann klopfte das Zimmermädchen und faselte was von „finish, finish!“. Mich beschlich ein merkwürdiges Gefühl. Ich lief zur Rezeption und suchte die Liste mit den Abreiseterminen. Und siehe da: Wir beide mussten schon HEUTE weg! Das Zimmer hätte um 12.00 Uhr ausgeräumt sein müssen. Wir hatten uns um einen vollen Tag verrechnet!!!
Also suchte ich Dagmar und binnen einer halben Stunde hatten wir unsere Koffer gepackt und sie in der Rezeption zwischengelagert. Wir tranken noch ein paar Tassen Kaffee und quatschten mit unseren neuen Freunden. Die letzte Stunde spazierten wir noch ein wenig im Ort umher, die eine oder andere Handtasche erwerbend. Dann hieß es Abschied nehmen. Eine letzte Umarmung, dann stand der Fahrer vor der Tür, der uns zum Flughafen bringen sollte. Nach etwa der Hälfte der Strecke wurde er angerufen, wen er da eigentlich abgeholt hätte. Es stellte sich heraus, dass wir im falschen Auto saßen und unser „richtiger“ Bus mit Verspätung in Side angekommen war. Die „richtigen“ Gäste mussten halt jetzt mit dem Bus fahren, während wir in einem PKW zum Flughafen gebracht wurden. Auch nicht schlimm.
Heißt der nicht Georgio?
So gegen 23.00 Uhr sind wir dann wieder in Frankfurt gelandet, wo uns ein Taxi zum Preis eines Türkeifluges nach Hause brachte.
Fazit: SIDE – immer wieder gerne! Aber nicht in der Hochsaison. Bei 40 Grad im Schatten ist das Leben nicht so lustig wie hier in der Vor- oder Nachsaison. Die Preise sind unschlagbar, das Essen ist hervorragend und die Einheimischen sind freundlich und liebenswert – von ein paar Nervensägen in den Bazaren mal abgesehen.