Südafrika

Wir haben uns ganz zufällig kennengelernt.
Elena, knapp 30, Managerin der Abteilung Automobilrennsport bei Mercedes.
Sehr hübsch, schlank, mit leichtem Akzent. Sie wohnt ganz nah beim Nürburgring.
Wir haben uns nie gesucht und doch gefunden. Und ehe wir uns versahen, haben wir die ganze Nacht miteinander verbracht.
Nach dem Abendessen (Sie: vegetarisch, Ich: Hühnchen) hatten wir uns soo viel zu erzählen. Und ja, wir hatten unseren Spaß. Großen Spaß. Irgendwann wurden wir müde. Uns fielen die Augen zu. Wenn ich kurz erwachte, schob ich ihre Decke wieder über ihre Schultern, damit sie nicht frieren musste. Ich fror nicht, im Gegenteil. Mir war ganz schön heiß zumute. Immer öfter wurden wir beide gleichzeitig wach und lächelten uns an. Die Nacht hatte keine Chance. Um fünf Uhr dreißig bestellte ich das Frühstück für uns. (Sie: vegetarisch, Ich: Rührei). Wir hatten uns noch so viel zu sagen. Beide wussten wir, dass sich diese Nacht nie wiederholen würde. 

Moment mal. Ich habe mir diese Einleitung gerade noch mal durchgelesen. Es könnte sein, dass ich mich da etwas missverständlich ausgedrückt habe. Elena und ich haben sich zwar tatsächlich nur zufällig kennengelernt, weil eben der Sitzplatz auf ihrem Flugticket genau neben meinem war. Das hätte ich besser dazu schreiben sollen. Sie saß am Fenster, ich am Gang der A340 der South African Airlines. Ein Kasten, der gut und gerne 20 Jahre auf dem Buckel hatte. Sie ist tatsächlich für FormelEins-Rennen weltweit für das Management tätig und sie ist auch tatsächlich hübsch, schlank und stimmlich leicht regional eingefärbt.
Und ja, die Nacht haben wir auch miteinander verbracht. Im Flugzeug. Es war ein Nachtflug von Frankfurt nach Johannesburg in Südafrika, ca. 11 Stunden lang. Und wir haben auch zusammen gegessen, getrunken und geredet. Und ich befürchte, dass sich das auch nicht wiederholen lässt. Aber schön war es doch.

Und jetzt zurück zu den Tatsachen. Die Firma TrendTours hatte mich tatsächlich ein weiteres Mal dazu gebracht, eine ihrer berüchtigten Rentnerreisen anzutreten. Diesmal kein Schnäppchen, denn rund 2600.- Euro ohne die ganzen Extras vor Ort sind schon eine Hausnummer. Die Reise sollte zunächst nach Johannesburg führen, von dort – nach drei Rundreisetagen – mit dem Flieger nach Kapstadt und von dort auf dem selben Weg wieder heim. Alles in 12 Tagen, wovon der An- und Abreisetag besagte Nachtflüge waren. Also eigentlich „Südafrika total in 10 Tagen“.

Nur vom Feinsten.

Gleich nach der Ankunft in Johannesburg gegen 8:30 Uhr Ortszeit gab es mal wieder ein Problem, weil zwei Reisegäste partout nicht auftauchten. Wie sich nach einer Stunde herausstellte, waren sie auch gar nicht mitgeflogen. Das könnte man bestimmt besser organisieren, denn eine Stunde sinnlos auf einem Flughafen rumstehen ist nicht jedermanns Lieblingsbeschäftigung. Ich hatte die Zeit genutzt, eine SIM-Karte bei Vodafone zu erwerben, die laut Schwarmintelligenz des Internets überall in Südafrika funktionieren würde. Umgerechnet 35 Euro für 10 Gigabyte Datenvolumen. Außerdem wechselte ich 10 Euro in den südafrikanischen „RAND“ um, abgekürzt „R“. Das war vielleicht eine Show! Zunächst musste ich meinen Pass abgeben, der zweimal fotokopiert wurde. Dann tippte die Dame am Schalter alle Daten des Passes noch einmal per Hand in den Computer. Da sie etwa vier Zentimeter lange Fingernägel hatte, traf sie in der Regel immer gleich zwei bis drei Tasten gleichzeitig. Das zog sich also, bis sie meinen Pass (den sie ja schon als Kopie hatte) nochmals abgetippt hatte. Dann druckte sie zwei Formulare aus. Eines musste ich unterschreiben, ein zweites sollte ich immer mit mir führen. Das Geld war während dieser umständlichen Prozedur offenbar schon wieder entwertet worden. Statt der mir zustehenden 163 Rand erhielt ich nur 132 Rand. Natürlich musste ich den Empfang des Bargeldes noch einmal getrennt bestätigen. Wer mitrechnen will: Den Betrag in Rand mal sechs nehmen und zwei Nullen abstreichen – dann hat man ungefähr den Gegenwert in Euro.

Untendrunter kommt nur noch der Südpol.

Unser Reiseleiter, ein schwarzer, gut aussehender Afrikaner mit Rasta-Locken und begrenztem deutschen Wortschatz namens „Mandla“, führte unsere Reisegruppe, die jetzt „nur“ noch aus 40 Personen bestand.

Johannesburg streiften wir im Wortsinn nur peripher, es ging gleich ins erste Museum, ins  „Apartheid“-Museum. Schwerster Tobak gleich zum Auftakt der Reise. Was diese gerade mal 4 Millionen Weiße in diesem Land den 44 Millionen Schwarzen angetan haben, lässt sich kaum in Worte fassen. Den Schwarzen wurde fast ihr ganzes Land weggenommen. Sie konnten sich gerade mal 8% sichern. 92% beanspruchten die weißen Männer. Die Schwarzen durften nur niedere Arbeiten ausführen, wurden von jeglicher Bildung ausgeschlossen und mit brutaler Gewalt von den Weißen getrennt. Man kann es sich kaum vorstellen, aber es war bei Strafe verboten, dass Weiße mit Schwarzen oder Mischlingen zusammenkamen. Ein weißer Vater, der eine schwarze Frau geschwängert hatte, durfte sein Kind nur alle drei Monate vier Stunden lang mit gerichtlichem Beschluss sehen. Eine widerliche rassistische Regierung machte das alles möglich. Zusätzlich hatten die Schwarzen auch noch untereinander Krieg. 

Getrennte Tickets für Weiße und Schwarze, bzw. Mischlinge

Bereits 1920, nachdem sich die vier Kolonien Kap, Oranje-Freistaat, Fatal und Transval zur Südafrikanischen Union zusammengeschlossen hatten, begann die weiße Bevölkerungsminderheit die schwarze Bevölkerung von Beginn an zu unterdrücken.

1913 wurde der „Native´s Land Act“ erlassen, der besagte, dass schwarze Einwohner nur noch in bestimmten Gebieten Südafrikas Land erwerben durften.
1923 wurden alle Schwarzen aus den Städten geworfen und in Baracken außerhalb der Städte verbannt, den sogenannten „Townships“. Um in der Stadt arbeiten zu dürfen, brauchten sie eine Genehmigung der Regierung.
1948 gewann dann die „National Party“ (NP) die Parlamentswahlen, an denen nur Weiße teilnehmen durften. Bis 1994 blieb sie an der Macht und baute das System der Unterdrückung systematisch weiter aus. So wurde 1950 anhand pseudo-wissenschaftlicher Kriterien festgelegt, welcher Rasse jeder Bürger angehört.
Proteste wie 1980 in Sharpeville wurden von der Polizei niedergeschlagen. Nelson Mandela und andere Führer des verbotenen ANC (Afrikanischer Nationalkongress) begannen ihren Guerilla-Kampf gegen die Regierung.
Der internationale Druck wuchs ständig – 1963 wurde Südafrika von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und verlor seine Mitgliedschaft in der UN-Vollversammlung.

Die Proteste nahmen zu. 1985 wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, der bis 1990 dauerte. Immer mehr Regierungen verhingen Sanktionen gegen das weiße Regime.
1989 wurde F.W. de Klerk Staatspräsident. Überrascht sah die Weltgemeinschaft, wie der weiße Präsident das Apartheim-System langsam lockerte. Das Verbot der ANC und anderer Widerstandsbewegungen wurde aufgehoben und Nelson Mandela kam aus dem Gefängnis frei.
1994 fanden dann freie und geheime Wahlen statt, an denen alle Südafrikaner teilnehmen durften. Der ANC gewann haushoch, und Nelson Mandela wurde Staatspräsident. 1997 trat eine neue demokratische Verfassung in Kraft, die allen Bürgern gleiche Rechte versprach.
So, das war ein Schnelldurchlauf durch die traurige Geschichte des Landes. Genauso kurz wie der Besuch des Museums, für das man besser einen ganzen Tag einplanen sollte.

Eins der vielen Denkmäler für Nelson Mandela

Nach diesem schweren Brocken ging es zunächst zum Mittagessen in ein dörfliches Lokal in Soweto. Nebenan hatte Bischof Desmond Tutu gewohnt, und Nelson Mandela nur wenige Meter die Straße aufwärts. Das Essen in Buffet-Form war ordentlich, der Wein für umgerechnet 2,24 Euro sehr lecker. Während des Essens gab es immer wieder Showeinlagen junger Männer, die sich mit alten „Eingeborenen-Tänzen“ ein paar Rand dazuverdienen wollten. Auch ein Tierstimmen-Imitator, der nahezu alle Tiere des Urwaldes drauf hatte, versuchte Aufmerksamkeit zu erregen, leider vergeblich. Also weiter zu Fuß durch den Ort Soweto. So langsam klingelte es auch in meinem Hirn. Da war doch was…
Oh ja. 1967 erschoss die Polizei dort rund 800 Kinder, weil die es gewagt hatten, gegen einen unmenschlichen Lehrplan zu protestieren. Die Kinder, die bisher in Englisch unterrichtet wurden, sollten innerhalb von zwei Monaten den gesamten Lernstoff auf Afrikaans draufhaben. Ein Ding der Unmöglichkeit. Und eigentlich auch nur ein weiterer Versuch der weißen Machthaber, die Schwarzen von Bildung fernzuhalten. Auch hier gibt es ein Museum, das diesen Fall aufgearbeitet hat. Wenn man das alles sieht und liest, bleibt einem fast das Herz stehen. Soviel Grausamkeit, Unmenschlichkeit und Unterdrückung habe ich noch nirgendwo gesehen. Und je mehr diese Faschisten und Nazis in Deutschland sich wieder bei uns breit machen, desto klarer ist mir, dass diese Art „Mensch“ niemals wieder an die Macht kommen darf. Leider sind sowohl die „Fakenews“ im Internet als auch die immer länger werdende Riege der Rechtspopulisten in der ganzen Welt Zeichen dafür, dass der Mensch immer noch nichts kapiert hat. Es sind schon soviel Scherben zerbrochen worden, dass ich an eine Instandsetzung unserer lebensnotwendigen Demokratie zu zweifeln begonnen habe.


Nach diesem erneuten Schlag in die Magengrube verließen wir Soweto und nahmen Kurs auf Pretoria. Zu allem Überfluss hatte es inzwischen sehr stark zu regnen angefangen. Im Bus machte uns das zwar nichts aus, aber dadurch entfiel auch eine Stadtrundfahrt durch Pretoria. Stattdessen wurden wir nun – endlich! – ins Hotel gefahren. Vier Sterne, sehr ordentlich, gutes Restaurant. Nur eins klappte bei mir nicht: Die Buchung zusätzlicher Ausflüge. Dafür verantwortlich war eine Mitarbeiterin des lokalen Veranstalters im Hotel, die die Wünsche aufnahm. Ich hätte gerne etwas gebucht, fand mich aber jedesmal an ca. 10. Stelle in einer langen Schlange. Da bin ich lieber erst mal essen gegangen. Als ich zurückkam, war die Schlange aufgelöst und die Reisebürotante nach Hause gegangen. Also keine Extratouren diesmal.
Inzwischen war ich gut 36 Stunden auf den Beinen und freute mich auf mein Bett. Endlich mal in der Waagerechten einschlafen! Noch flugs die kleinen Helferlein an die Steckdose geklemmt und ab in die Heia.

Der nunmehr schon dritte Urlaubstag begann mit einem gewöhnungsbedürftigem Frühstück. Die Südafrikaner hatten offenbar viele Bräuche und Rezepte der Engländer und Holländer, die sich ja hier jahrzehntelang breit gemacht hatten, übernommen. Unsere Koffer wurden von den Jungs im Hotel in die Rezeption geschleppt. Abfahrt 8:30 Uhr. Ich hatte mich nach der Identifikation meines Koffers sofort in den Bus begeben und ein freies Plätzen ergattert. Leider stellte sich heraus, dass ich im falschen Bus war. Trendtours hatte insgesamt 84 Touristen ins Land gekarrt, die auf die Gruppen „Gelb“ und „Grün“ aufgeteilt wurden. Ich saß fälschlich in „Gelb“, gehörte aber natürlich zur grünen Gruppe…

Heute lagen 600 Kilometer Überlandfahrt vor uns, nur durch gelegentliche Pippipausen, Besichtigungen von irgendwelchen Felsen, Wasserfällen und Canyons unterbrochen.
Beeindruckende Landschaften und umfangreicher Ackerbau bestimmten das Bild links und rechts der größtenteils sehr gut ausgebauten Straßen. Im Bus gab es fast durchgehend eine brauchbare Internetverbindung, was sonst? So konnte ich während der Fahrt auch allerlei Bürokram erledigen. Das Mittagessen war nicht im Preis inkludiert, wie der Reisefachmann so schön sagt, sondern musste extra entrichtet werden. Da ich nach dem gründlichen Frühstück keinen Hunger verspürte, ließ ich es aus. Nur um dann zwei Stunden später irgendwo einen ungesunden Käse/Schinken-Sandwich zu erstehen, der meinen ganzen Kalorienvorteil wieder auffraß.

Mein Handy hatte über Nacht keinen Strom bekommen und war daher schon zum Frühstück leer. Zum Glück gab es im Bus einen USB-Stecker an jedem Sitz, mit dem ich das Ding ruckzuck wieder aufladen konnte. Denn zu filmen gab es viel. Hauptsächlich tolle Landschaften.

Gegen halb sieben kamen wir zu unserem letzten Programmpunkt: Folklore mit Essen. Ein prächtiges Anwesen mit echten freilaufenden Nilpferden und Krokodilen erwartete insgesamt vier Busse voller Touristen aus Frankreich, Japan und Deutschland. Nach einem schnellen Glas Wein wurden wir in eine Art Manege geführt. Im Halbrund saßen wir vor der ebenerdigen Bühne, die schon von afrikanischen Trommlern laut beschallt wurde. Und dann legten sie los, die Mädels und Buben der Tanztruppe. Auch wenn man das auf Arte vielleicht schon tausendmal gesehen hat, ist eine Live-Darbietung doch noch von ganz anderem Kaliber. Was uns diese Truppe da mit ihrer unglaublichen Energie vortanzte, war ganz große Kunst. Und sicher auch ziemlich schmerzhaft für die Tanzenden, die sich z.B. aus großer Höhe einfach auf den Boppes fallen ließen. Jeder normale Sterbliche hätte da mit einem Steißbein-Bruch das Krankenhaus aufgesucht, aber diesen jungen Leuten machten selbst Spagate aus zwei Meter Höhe auf den Boden nichts aus.
45 Minuten dauerte das Spektakel, das leider vom Publikum nicht so gewürdigt wurde, wie es der Leistung entsprach. Jedenfalls war das Trinkgeld, dass man auf einem Fell ablegen durfte, ziemlich dürftig.


Dann folgte das Abendessen. Wie immer in Büffetform. Unter anderem gab es Raupen zu essen, schön gegrillt mit diversen Soßen. Immerhin haben das Einige von uns tatsächlich probiert. Ich habe aber beim Krokodil zugeschlagen. Ich dachte mir, ehe so ein Viech Dich frisst, iss´ es lieber selber. Schmeckt ausgesprochen lecker. Und nein, es schmeckt nicht wie Hühnchen. Auch kann ich ein Scheibchen vom „Gnu“ sehr empfehlen, während das Rindersteak zumindest hier sehr zäh war. In Verbindung mit ein paar Gemüsesorten, die wir in der Schule nicht durchgenommen haben, war es ein sehr leckeres Abendessen. Um halb neun stiegen wir erneut in den Bus, um unsere Übernachtungsstätte anzusteuern: Das PINE LAKE INN in der Nähe des „Kruger Nationalpark“. Etwa gegen 22 Uhr waren alle Koffer auf den Zimmern. Nur zwei weitere Mitreisende und ich saßen noch – bei einem Glas Wein – draußen auf der Terrasse. Die anderen waren einfach nur fix und fertig. Sie hatten einen guten Grund, direkt ins Bett zu gehen: Die morgige Safari sollte bereits um 4:30 Uhr beginnen. Und da es nach 22 Uhr auch keine Getränke mehr in diesem Hotel gab, fügte ich mich meinem Schicksal und legte mich nach diesen Zeilen auch ins riesige Doppelbett in meinem Luxusapartment und schlief sofort ein.

Erstaunlich munter stand ich um 3:45 Uhr nach einem telefonischen Weckruf auf und machte mich Safari-tauglich. Also kurze Hose, Turnschuhe und T-Shirt. Auf Anraten des Reiseleiters hatte ich auch eine Jacke eingepackt, diese aber aufgrund einer Außentemperatur von 24 Grad (morgens um 5!) im Bus liegen gelassen. Die Fahrt bis zum Kruger Nationalpark dauerte etwa eine Dreiviertelstunde. Und nein, er heißt NICHT „KRÜGER“, sondern „KRUGER“ Nationalpark. Mit Hardy Krüger hat er nämlich so gar nichts zu tun, sondern mit dem damaligen Präsidenten Paul Kruger, der das Wildschutzgebiet bereits am 26. März 1898 gegründet hatte. 1926 erhielt es den Status „Nationalpark“ und wurde in seinen heutigen Namen umbenannt. (OK, das habe ich bei Wikipedia nachgelesen, wusste das auch nicht…)

Um halb sieben öffneten die Pforten, und etwa 50 Jeeps strömten zunächst auf den zentralen Haupteingang. Dazu noch zig Touristenbusse und nach und nach hunderte von Einzel-PKW, die auf eigene Faust (Foto)-Jagd auf die wilden Tiere machten. Ich hatte wohlweislich nur den ersten Teil der Tour mitgemacht, da er ohnehin im Reiseplan vorgesehen war. Die zusätzliche zweite Hälfte musste man extra buchen. Zehn Personen hatten in jedem Jeep Platz. Das Reinklettern in diese umgebauten Landrover gestaltete sich gar nicht so einfach. Der Muskelkater hielt drei Tage an. Unser Fahrer hatte immer eine direkte Funkverbindung mit seinen Kollegen, sodass wir für den Fall, dass irgendwo ein Tier auftauchen würde, sehr schnell an Ort und Stelle sein würden.
Aber das dauerte noch eine ganze Weile. In der ersten Viertelstunde, die wir mit Tempo 40 bis 50 durch betonierte Straßen innerhalb des Resorts fuhren, tat sich tiermäßig mal so gar nichts. Endlich sahen wir drei oder vier junge Antilopen friedlich am Straßenrand grasen. Vollbremsung, Fotos und Videos ohne Ende. Dann weiter. Irgendwo in 500 Meter Entfernung will der Fahrer vier Löwen gesehen haben, alle männlich. Ich habe gar nichts gesehen. Auch die ersten Elefanten waren so winzig klein in der Entfernung zu erahnen, dass schon der Verdacht ausgesprochen wurde, es handle sich um Attrappen, um uns Opfer bei Laune zu halten. Aber im Verlauf der irrwitzigen Jagd nach echten Tieren sahen wir tatsächlich ab und zu Hyänen, Elefantenfamilien, Büffel und mit sehr viel gutem Willen auch einen Löwen von hinten. Bei einem Zwischenstopp an einem See verpassten wir leider alle Krokodile, die wohl heute frei hatten. Auch Schlangen oder Affen waren nicht zu entdecken. Alles in allem war die Ausbeute ziemlich enttäuschend. Und das bei zwar 26 Grad, aber gleichzeitig eisigem Fahrtwind. Denn der Jeep war natürlich ringsum offen – nur ein Dach schütze uns vor dem Regen, der uns anfangs auch noch begleitete. Meine Jacke lag noch im Bus, und ich zitternde bibbernd vor mich hin.
Gegen 11 war der „Halbe Tag“ für mich vorbei. Außer zwei weiteren vernünftigen Menschen hatten alle Reisenden auch die zweite Hälfte gebucht. Da hat es dann richtig angefangen zu regnen, was wohl auch den Tieren nicht gefallen hat. Es gab aber immerhin einen Leoparden zu bewundern, der gerade eine frisch erlegte Beute wegtransportierte. 

Mir stellte sich aber doch langsam die Frage nach dem Sinn einer solchen „Safari“? Tut es der Natur wirklich gut, wenn da täglich hunderte von Diesel-Jeeps und tausende von anderen Solotouristen mit den Auspuffgasen ihrer Privatwagen durch die Gegend rasen? Ist das Geknatter der Motoren nicht vielleicht sogar der Grund dafür, dass sich die Tiere bewusst verstecken? Wäre es nicht sinnvoller, sich die Tiere in Fotobänden oder Fernsehdokumentationen anzusehen als sie hier in der Wildnis zu jagen – und sei es nur für ein unscharfes Foto auf dem Handy? Man wird einwenden, dass durch die Eintrittsgelder erst überhaupt der Unterhalt dieses Parks – so groß wie Hessen – möglich ist. Aber das könnte man doch auch mit einer Art „Parksteuer“ bei Einreise ins Land ermöglichen. Und die vielen Jeepfahrer? Könnte man zu Parkhütern umschulen. Geld wäre dann ja genug da.
Wie auch immer – der Gipfel der unnötigen Luftverschmutzung gipfelte darin, dass wir drei, die die Verlängerung der Tour verweigert hatten, von unserem Bus zurück ins Hotel gefahren wurden! Fünf Leute (Fahrer, Reiseleiter und wir drei) in einem Bus für 53 Personen! Natürlich fuhr der Bus dann wieder zurück in den Park, um alle Anderen abzuholen.
Greta, ich höre Dich heulen.
(Und ja, sorry für den Flug nach Südafrika.)

Im Hotel gab es für uns drei dann sogar noch ein kostenloses Mittagessen. Übersichtlich, aber recht lecker. Als wir gerade beim Nachtisch waren, öffnete der Himmel mal wieder seine Schleusen. Schnell ins Zimmer, ein bisschen was gearbeitet und ein kleines Schläfchen abgehalten. Als ich so gegen 16:30 Uhr wieder in den großartigen Garten des Hotels kam, lagen viele Gäste auf den bereit gestellten Liegestühlen im Garten oder schwammen durch den wunderschönen Pool. Und immer zwischendrin: Ein großartiger Pfau, das Maskottchen des Hauses. Leider ein nachtaktives Tier, das die ganze Nacht über laute Kreischlaute von sich gab.
Ein Wort zur Architektur des Landes: Alle Häuser, die wir bisher gesehen haben, waren von ausgesucht gutem Geschmack geprägt. Kein Kitsch, keine 08-15-Bauweise – nein, jedes Haus war ein Unikat. Alles war sehr geschmackvoll und stilsicher eingerichtet. Die Inneneinrichtungen waren ein Traum – tausende Mal schöner als der IKEA-Stil in Europa oder sonst wo. Kein Pressholz, kein Plastik, keine verstörenden Farbkombinationen. Einfach schön. Bewundernswert schön.

Um 18.00 Uhr mussten wir schon wieder essen. Da das Hotel für alle Gäste zu klein war,  wurde in stundenweisen Etappen diniert. Wir waren die Vorhut. Ich suchte mir einen freien Platz und landete bei einem Paar aus Thüringen. Hinzu kam kurz danach noch ein Ehepaar aus dem Kölner Raum. Das Essen schmeckte gut, die Getränke waren optimal, bis dann die Gespräche auf die Politik kam. Speziell Ausländerpolitik. „Die von der AFD sind übrigens sehr gebildete Leute!“, hörte ich da. „Unsere Apotheke ist jetzt von einem Iraner übernommen worden! Da gehe ich doch nicht mehr hin!“- „Das sind zu 60% Männer im jugendlichen Alter! Da ist doch keiner mehr sicher!“ – „Ich habe meinem Enkel verboten, ins Schwimmbad zu gehen, solange da Schwarze rumlungern“ – „So kann das nicht weitergehen, das wird man ja dann wohl mal sagen dürfen!“, sagte die Dame aus Thüringen mit 3% Ausländer-Anteil.

Ich ließ das Dessert aus und verließ den Tisch. Draußen saßen lustige Damen aus Stuttgart. Es wurde dann doch noch ein schöner Abend.

Der Weckdienst des Hotels riss mich schon um kurz nach sechs aus den Federn, obwohl wir erst um acht Uhr abfahren würden. Ich habe versucht, wieder einzuschlafen, aber gerade als ich so weit war, weckte mich mein iPhone zur geplanten Zeit um sieben Uhr.
Der heutige Tag war mal wieder ein Reisetag. 5 Stunden Busfahrt, zwei Stunden Warten am Flughafen in Johannesburg, 2 Stunden Flug und nochmal eine halbe Stunde Transfer ins Holiday Inn in Kapstadt. Feinste Adresse mitten im Zentrum. Um 19 Uhr sollten wir schon wieder zum Essen antreten. Bis dahin war jedoch noch nicht einmal mein Koffer in meinem Zimmer im 10. Stock angekommen.

Ich hatte also genug Zeit, darüber nachzudenken, was uns unser Reiseleiter über das aktuelle Südafrika sagen konnte. Vor einigen Jahren hatte die Regierung beschlossen, den Schwarzen ihr annektiertes Land wieder zurückzugeben. Voraussetzung war, dass man nachweisen konnte, überhaupt Land besessen zu haben. Das hatte schon die meisten Bewerber abgeblockt. Dann aber wurden doch viele landwirtschaftlich erfolgreiche Großunternehmen rück-abgewickelt. Das heißt, der Staat hat den weißen Grundbesitzern, die den Schwarzen das Land gestohlen hatten, selbiges für teuer Geld abgekauft und an die mittellosen Schwarzen verschenkt. Die waren nun ganz heiß darauf, die landwirtschaftliche Nutzung zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt zu machen. Was die Regierung nicht bedacht hatte, waren zwei Punkte: Erstens nahmen die weißen Altbesitzer sämtliche Maschinen und Wasserpumpen mit (denn die standen dummerweise nicht im Vertrag) und zweitens verließen alle ausgebildeten Landarbeiter die Betriebe, weil die neuen Herren ja alle Jobs mit der eigenen Familie besetzen wollten. Die großen Lebensmittelketten waren trotzdem froh über die friedliche Lösung und schlossen langfristige Verträge mit den neuen Bauern.
Nur stellte sich ganz schnell heraus, dass es doch von großem Vorteil ist, wenigstens ein bisschen was von Landwirtschaft zu verstehen. Da ja die Bildung der schwarzen Bevölkerung systematisch heruntergefahren worden war, wusste nun keiner der Jungbauern genau, wie denn z.B so eine Banane behandelt werden muss, damit sie schön groß wird und der EU-Norm entspricht. Sie fanden nur heraus, dass Bananen zweimal im Jahr von ganz alleine wachsen und geerntet werden können. Dass man sie z.B. früh morgens gießen muss, auch wenn man da viel lieber ausschlafen möchte und die sensiblen Pflänzchen auch vor Ungeziefern beschützt werden müssen, war den neuen Farmern leider nicht bekannt. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Bananen waren plötzlich nur noch so groß wie ein Daumen. Das gefiel den Einkäufern der weltweiten Lebensmittelindustrie überhaupt nicht, und sie kündigten die Verträge. Da saßen die stolzen Landbesitzer nun tonnenweise auf ihren Kinderbananen und wurden sie höchstens noch am Straßenrand an Einheimische los. Die Ernüchterung kam recht schnell. Um nicht in Konkurs zu gehen, verkauften die gebeutelten Jungunternehmer das Land also wieder zurück. Und zwar an die alten Besitzer. Die sahen sich die runtergewirtschafteten Höfe an und boten höchstens ein Drittel des damaligen Kaufpreises. Da muss Champagner geflossen sein, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ein Lottogewinn ist ein Dreck dagegen. Und natürlich hat dann auch irgendwann die Regierung gecheckt, dass sie Mist gebaut hat. Inzwischen ist die Rückwandlung von Land an die schwarzen Einwohner des Landes wieder gestoppt worden. Allerdings – und das ist nun mal der Lauf der Dinge – hat die junge Generation der Schwarzen inzwischen Schulen besucht, Ackerbau studiert und einige Erfahrungen gesammelt. Jetzt könnte der Plan eigentlich aufgehen, aber nun spielt die Regierung nicht mehr mit. Das Leben ist kompliziert.


Gegenüber meiner bisherigen Vorstellung muss ich bewundernd anerkennen, dass Südafrika ein extrem hoch entwickeltes Land ist. Das ist sicher auch der weißen Minderheit zu danken, die Ihr Geld und Ihr Wissen für den Fortschritt des Landes eingesetzt hat. Und seit auch die schwarzen Einwohner seit 1994 endlich frei und vor allem gleichgestellt sind, hat sich im Land die positive Entwicklung fortgesetzt. Klar gibt es immer wieder Knatsch zwischen einzelnen Parteien, Ansichten und Positionen, aber die gehören nun mal zu einer Demokratie wie die Milch in den Tee (Nein, ich trinke ihn schwarz/mit Zucker/mit Zitrone). Das Leben in einer Demokratie besteht aus der Akzeptanz von Kompromissen. Da dauert es halt eine Weile, bis die von allen akzeptiert werden. Das erleben wir leider auch gerade in Deutschland. Hier sind Kompromisse inzwischen völlig out. Jeder Wutbürger fordert die Durchsetzung seiner eigenen Meinung. Leute, das wird nichts.

Inzwischen war mein Koffer angekommen. Ich „machte mich frisch“, wie es immer so schön heißt und begab mich in das Restaurant des Holiday Inn. Dort landete ich bei einem älteren Paar aus Sachsen, drei Wein und dem üblichen Buffet-Schmaus. Als ich den Dialekt der Beiden erkannte, fürchtete ich, schon wieder in eine AFD-Außenstelle zu geraten. Zum Glück war das Gegenteil der Fall. Nach einem weiteren Wein in der Bar des Hotels ein bisschen auf dem Laptop rumgehämmert und dann zur Abwechslung mal wieder Schlafen gegangen.

Die Tage mit elend langen Fahrtzeiten häuften sich. Heute sollte es nach Knysna gehen, eine Stadt am Meer, die man „Neißa“ ausspricht. Um dort hinzugelangen, fuhren wir erst einmal 6 1/2 Stunden mit unserem Bus. Natürlich gab es die üblichen Toilettenpausen mit Nippesverkauf, aber die Strecke war schon ganz schön lang. Landschaftsmäßig sah man nur Wiesen oder Berge, ab und zu mal eine Schlucht. Ja, sehr schön und erhaben, auf 6,5 Stunden aber auch gähnend langweilig.

Unser Reiseleiter vertrieb uns die Zeit mit lustigen Geschichten aus dem wahren Leben. Wobei man bei ihm ganz sicher nicht alles glauben darf, was er so erzählt. Unser Sunnyboy kennt in jedem Hotel Mädels, die ihn anhimmeln, und er weiß auch ganz genau, wie er bei der Damenwelt ankommt.
Manla ist inzwischen verheiratet und hat sogar drei Kinder. Und das, obwohl er uns erzählt hat, was auf einen Mann zukommt, der heiraten will.
Die übliche Story ist doch die: Mann verliebt sich in Frau, gesteht ihr seine Liebe. Frau ziert sich, ziert sich noch länger und sagt dann irgendwann, dass sie ihn auch liebt. Das ist quasi der Anfang vom Ende. Denn jetzt kann der Mann nicht mehr aussteigen. Er kann nur noch versuchen, in der Lotterie zu gewinnen, um den Schaden möglichst gering zu halten. Denn kaum, dass es sich herumgesprochen hat, dass die beiden heiraten wollen, wird es teuer. Zunächst einmal fordern alle Familienmitglieder der Braut so eine Art Bewerbungsgeschenk. Also z.B. Parfum von DIOR, Schuhe von NIKE, ein Handy von APPLE oder was auch immer. Mit ein bisschen Glück wissen die Familienmitglieder nicht, wie das Parfüm von DIOR riecht, NIKE-Schuhe oder APPLE-Handys aussehen, sodass der zukünftige Ehemann den Krempel beim billigen Chinesen als Raubkopie kauft. Das schadet zwar DIOR, NIKE und APPLE, schont aber den Geldbeutel vom Bräutigam. Diese Geschenke sind leider nur der Anfang. Denn der Bräutigam muss nun, je nach Zustand der Braut, echte Kühe in die zukünftige Ehe einbringen. Dabei gilt: ist die Frau noch Jungfrau, werden 12 Kühe fällig. Sollte sie bereits einschlägige Erfahrungen haben, wird die Zahl der Kühe auf 11 reduziert. Und sollte sie gar bereits ein Kind haben, gibt es pro Kind weitere 3 Kühe als Abzug. Rein rechnerisch müsste eine Braut mit vier Kindern dann selbst eine Kuh mitbringen. Aber das ist jetzt nur eine Mutmaßung. Außerdem muss man auf jeden Fall eine „Stand-by-Kuh“ im Hinterhalt haben.

Weiter gehts. Kaum, dass der Hochzeitstermin feststeht, weiß davon die halbe Welt und fühlt sich selbstverständlich eingeladen. Manche wissen dann nicht einmal, auf wessen Party sie sind, aber dabei sein ist eben wichtig. Und um die ganzen Schmarotzer satt zu bekommen, muss man dann schon mal drei der Kühe schlachten. Und besagte Stand-By-Kuh ist dann eminent wichtig, falls es doch SEHR viel mehr Gäste werden als erwartet. Denn nichts ist schlimmer, als wenn man nach Jahrzehnten noch von der Hochzeit spricht, bei der die Leute nicht satt geworden sind.

So verging der Morgen. Nach sechseinhalb Stunden waren wir nicht etwa schon am Tagesziel. Nein, wir waren an einer Straußenfarm in Oourdtshoorn angekommen, wo unser Mittagessen auf uns wartete. Natürlich gab es Straußen-Filets – sehr lecker und durchaus eine Alternative zum Rinderfilet. Anschließend wurden wir ein wenig in die „Strauß-Industrie“ eingeführt. Rund 1800 Tiere aus Afrika und Australien lebten hier. Wir lernten, dass die Tiere bis zu zwei Meter groß werden und 70 Jahre alt werden können. So ein Straußenei enthält soviel Eiweiß und Eigelb wie 24 Hühnereier, ist aber cholesterinmäßig nicht sonderlich zu empfehlen. Die Biester sind dumm wie Brot. Ein Auge eines Tieres wiegt mehr als sein Gehirn, nämlich 60 Gramm gegenüber 40 Gramm. Die meisten Strauße werden mit zwei Jahren per Elektroschock getötet und anschließend verspeist. Pro Tier kann man mit rund 45 Kilo Fleisch rechnen – bei ca. 80 Kilo Gesamtgewicht. Ausgewachsene Tiere bringen es auf über 120 Kilo. Die Federn werden ebenfalls verwertet, obwohl sie potthässlich sind. Selbst die ebenso hässliche Haut muss für Decken und Handtaschen herhalten. Sollte ein Strauß nicht zum Verzehr vorgesehen sein, wird er mit 3 Jahren geschlechtsreif und legt zunächst kleine, unbefruchtete Eier. Wenn er den Dreh raushat, legt er die berühmten großen Straußeneier, die dann auch meist befruchtet sind. Etwa 40% der gelegten Eier nimmt man den Tieren aus dem Nest, damit sie nicht aufhören, weitere Eier zu legen. Übrigens brüten mehrere Weibchen und ein Männchen die Eier gemeinsam aus. Tiere, die keine Eier mehr legen können (so ab dem 25. Lebensjahr) werden als Ammen für den Nachwuchs eingesetzt. Die Biester können fast 80 km/h schnell rennen, obwohl sie kaum Feinde haben. Straußenrennen sind zum Glück aus Tierschutzgründen in Südafrika verboten.
Mit ihren zwei Zehen (Australische Strauße haben drei) können sie Angreifer abwehren und aufschlitzen. In dem angeschlossenen Verkaufsladen konnte man dann die zerfledderten Tiere in neuer Form erwerben. Vor allem die riesigen Straußeneier machen in Form von Teelichtern und Lampen oder schlicht bemalt, bedruckt oder graviert bestimmt einen guten Eindruck im modernen Haushalt älterer Generationen. Also zum Beispiel bei mir – ganz sicher nicht. 

Gegen 16.00 Uhr verließen wir die Farm, um dann nach vielen weiteren Kilometern durch gut ausgebaute Gebirgsstraßen um 19.00 Uhr endlich in besagtem Knysna anzukommen. Ein schönes kleines Juwel mit Yachthafen. Leider machten wir keine Stadtbesichtigung, sondern mussten schon wieder essen. Das für uns vorgesehene Strandlokal platzte aus allen Nähten, da auch die TrendTours-Gruppe „Gelb“ aufgekreuzt war.
Und genauso schnell waren wir auch wieder weg, denn das Hotel, das für die kommenden beiden Nächte vorgesehen war, befand sich hoch oben am Hang. Ganze fünf Sterne hatte das Hotel mit gerade mal 25 Apartments auf einer Breite von ca. 500 Metern. Ich wohnte natürlich ganz am Rand. Fünf Sterne hätte ich sicher nicht vergeben, da doch die Einrichtung schon ziemlich abgenutzt war, die Teppiche versifft und die Fugen im Bad reichlich verschimmelt waren.
Nachdem ich endlich meinen Koffer erhalten hatte, machte ich mich nach einem kurzen Renovierungsversuch wieder auf den Weg ins Hauptgebäude, wo es eine Bar geben sollte. Ich musste mir den Weg zeigen lassen, da nicht erkennbar war, wo sich die Getränkeausgabe befand. Was ich sah, war enttäuschend. Eine riesige, U-förmige Theke mit ein paar Tischen drumherum, die alle schon bedeutend bessere Zeiten gekannt haben mussten. An den Wänden liefen tonlose Sportveranstaltungen auf TV-Schirmen, und die Eismaschinen liefen auf Hochtouren. So war es wenigstens nicht totenstill, wenn es schon todlangweilig war. Anfangs war ich der einzige Gast, später kamen noch sechs weitere Tourmitglieder dazu. Und nach dem Upload der aktualisierten Fassung dieses Blogs lief ich die 500 Meter zu einem Apartment, die sich jetzt wie 5000 Meter anfühlten, wieder zurück. Es waren genau 346 Schritte. Man hat ja sonst nichts zu tun …

Nach dem Frühstück mit traumhaftem Ausblick ins Tal sah das Programm einen freien Tag vor. Zum Glück hatte ich dann doch noch eine kleine Tour buchen können, denn den ganzen Tag hoch droben auf der Alm zuzubringen, hätte zu einer mentalen Disruption führen können. Interessanterweise konnte man diese Apartments auch kaufen, wenn man rund 14.000 Euro dafür hingelegt hätte. Klingt wie ein Schnäppchen, ist es aber nicht, denn für diesen Preis hätte man lediglich einmal im Jahr 14 Tage lang in seinem Teil-Eigentum wohnen dürfen. Es gibt anscheinend immer noch Dumme, die darauf reinfallen und sich so einen Klotz ans Bein binden. Denn zu den 14.000 Euro kommen noch anteilig die gesamten Betriebskosten und eine Menge Steuernachteile. Das Verkaufsbüro im Hotel war trotzdem schon am frühen Morgen besetzt.

Etwa 20 Reisende unserer Gruppe haben den Ausflug auf eine kleine Insel mitgemacht. Zunächst wurden wir in ein Boot umgeladen, dass außer uns – und auch Reisenden der „Gelben Gruppe“ – auch noch „normale“ Touristen aufnahm. Bis ich im Boot ankam, waren nur noch Plätze neben zwei afrikanischen Teenagern frei. Na ja, etwas ältere Teenager, so um die 25 rum, würde ich vermuten. Beide hatten traumhaft hübsche Gesichter, die allerdings auch stark geschminkt waren. Die Mädels trugen knallenge, superkurze Kostüme mit großen Ausschnitten an den Stellen, wo man sie erwartet. So weit, so angenehm – wenn beide nicht leider unterhalb des Kinns ca. 40 Kilo zu viel gehabt hätten. Da muss erblich irgendwas mit Elefanten im Spiel gewesen sein. Manche Männer stehen ja auf sowas. Laut Analyse unseres Reiseleiters Mandla würden „starke“ Frauen von den Männern eher geheiratet als dünne. Das Fett symbolisiere Stärke und Kraft, während dünne Frauen als zerbrechlich und anfällig für Krankheiten dastünden. Na ja, wie auch immer: Der Anteil der Elefantendamen hier in Südafrika ist erschreckend hoch und lässt sich eher auf den Verzehr von fast Food und literweise Cola zurückführen denn auf die Erfüllung männlicher Wünsche. Meine beiden Hübschen hatten auch noch einen weiteren Schaden – einen Dachschaden nämlich. Von Anfang bis Ende der Tour schauten sie ausschließlich in Ihr Handy, um sich dabei selbst zu fotografieren, bzw. Ihr Konterfei übers Internet live an irgendwelche Jungs zu senden, die vermutlich dafür bezahlen durften. Die Dicke direkt neben mir hatte sogar ZWEI Handys, mit denen sie teilweise gleichzeitig agierte. Über ein paar belanglose Sätze kamen wir nicht hinweg, weil das „Ping“ ihrer Selbstdarstellungsapparate sie immer wieder vor die Linse zwang. Mit Kussmund und verführerischem Augenaufschlag versprach sie irgendwelchen notgeilen Bubis draußen im Lande alles Mögliche. Manchmal schrieb sie auch ein paar Worte ins Handtelefon, was mit den ellenlangen Fingernägeln auch hier wieder ein Problem darstellte. Aber Übung macht bekanntlich den Meister. Schöne neue Welt!
Doch zurück ins wirkliche Leben. Die Insel war vor zwei Jahren komplett abgebrannt. Also nicht die Insel an sich, sondern alles, was darauf gewachsen war. Die gesamte Vegetation wurde durch eine unachtsam weggeworfene Zigarettenkippe innerhalb von zwei Tagen vernichtet. Kein Wunder, dass hier seitdem Rauchverbot herrschte, was einem Teil unseres Klientels gar nicht schmeckte. Sie rauchten dann heimlich auf der Toilette, wie man dort riechen konnte. Die Toiletten gehörten zu einem großartigen Restaurant, das nach dem Feuer ebenfalls innerhalb der letzten zwei Jahre wieder aufgebaut wurde. Wir hatten die Aufgabe, uns Fauna und Flora der Insel anzuschauen und die Vielzahl diverser Vögel zu bestaunen. Dazu wurden wir in einen martialischen Supertraktor gesetzt und etwa einen Kilometer Richtung Berggipfel gefahren. Von dort aus ging es einen 2,6 Kilometer langen Hindernisparkour wieder bergab, aber eben zu Fuß. Das war schon recht anspruchsvoll; selbst die hotten Sweeties mussten das Handy in der (breiten) Gesäßtasche lassen. Unten angekommen, wurde ein wundervolles Buffet aufgefahren, dass uns alle vorherigen Strapazen vergessen ließ. Und kaum, dass wir aufgegessen hatten, wurden wir schon wieder zurück ins Boot gedrängt, weil die nächste Reisegruppe vor den Töpfen stand. Wieder an Land, durften wir noch eine gute Stunde im Hafen herumlaufen. Der heutige Ausflug stand bekanntlich nicht im Programm, sondern musste mit rund 45 Euro selbst bezahlt werden. Die andere Hälfte unserer Gruppe, die im Hotel SINOLA geblieben war, hatte einen extrem langweiligen Tag hinter sich. Sie waren alle heilfroh, dass wir gegen 18.00 Uhr zurückkamen und von unserer wilden Bergtour berichten konnten. Da das Restaurant im Hotel nicht für eine solche Menge von Gästen eingerichtet zu sein schien, brachte uns der Bus um 19.00 Uhr wieder zurück in die Stadt in ein weiteres 5-Sterne Hotel nebst angeschlossenem Restaurant, wo es das gleiche Essen wie immer gab und Wein nur flaschenweise bestellt werden konnte. Auch die Gruppe „Gelb“ fand sich ein – ein Austausch zwischen den beiden Reisegruppen unterblieb allerdings weiterhin.
Abends dann noch zwei Stunden in der Bar des SINOLA verbracht, diesmal nicht alleine am Tresen sitzend und Texte schreibend, sondern inmitten einiger Gäste. Die 346 Schritte bis zu meinem Apartment dauerten wohl etwas länger als üblich…

Unser Bus war kaputt. Die Klimaanlage hatte ihren Geist aufgegeben. Als Notlösung füllte ein Mechaniker ein paar Liter Kühlflüssigkeit nach, die für die 650 Reisekilometer des heutigen Tages reichen sollten. Mandla sprach zwar von „GAS“, das nachgefüllt werden müsse – ich bin aber sicher, dass es sich um Kühlflüssigkeit handeln musste. Der Bus der Marke VOLVO („Oh, ein Volvo – gutes Auto!“ (Insiderwitz)) hatte ohnehin seine guten Jahre schon lange hinter sich, obwohl er sehr gepflegt war. Aber es gab z.B. keine USB-Buchsen zum Nachladen von Handys, keinen funktionierenden Kühlschrank für das Wasser, das man an Bord kaufen konnte, sehr enge Sitzreihen und eine blechern klingende Mikrofonanlage mit Wackelkontakt. Auch der Ein- und Ausstieg in der Mitte war extrem schwierig und nur unter Mithilfe sämtlicher Muskeln zu bewältigen.
Die lange Strecke wurde nur durch Toilettenpausen und ein selbst zu zahlendes Mittagessen in Form von Sandwiches oder Powerriegeln unterbrochen. Nein – ich vergaß: Wir besuchten den südlichsten Punkt Südafrikas, das Kap Agulhas! Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.
Am frühen Abend checkten wir wieder im Holiday Inn in Kapstadt ein. Ich hatte das gleiche Zimmer, nur 5 Stockwerke tiefer. Eigentlich war ich mit meinem Sohn verabredet, der zufällig auch gerade mit seiner Freundin hier in Kapstadt weilte. Die beiden waren ebenfalls auf der Garden Route unterwegs gewesen, allerdings eine gute Stunde hinter uns. Über AirBNB mussten sie noch ihr neues Domizil für die nächsten Tage beziehen, bevor wir uns treffen konnten. Ich ahnte, dass sich das noch eine Weile rauszögern könnte und begab mich mal wieder ans Buffet, um erneut den immer wiederkehrenden Speiseplan abzuarbeiten. Julian – mein Sohn – und Mahela – seine Freundin, waren mit ihrem Zimmer voll auf die Nase geflogen. Ein Drecksnest erster Güte. Egal, wir waren verabredet, die beiden kamen dann um halb zehn ins Hotel. Wir sind nur ein paar Meter weiter gegangen und fanden uns in einem wunderbaren Restaurant wieder, wo es allerbestes Essen zu moderaten Preisen gab. Langusten, frischen Fisch, Gambas mit Nudeln aller Art. Köstlich. Und ich war schon satt. Also musste ich den Kids zusehen, wie sie die feinsten kulinarischen Spitzenprodukte in sich rein schaufelten. Die beiden waren schon etwas länger hier, hatten aber im Gegensatz zu uns eher die nähere Umgebung ausgekundschaftet anstelle Megatouren ins ferne Knysna zu unternehmen. Das sei den Planern bei TrendTours gerne hinter die Ohren geschrieben: Eine Reise mit möglichst vielen Buskilometern ist nicht jedermanns Sache. Ganz sicher hätten wir auch in der Nähe eine Straußenfarm gefunden. Wir verabredeten uns dann noch für den nächsten Tag und beendeten unser Wiedersehen in Südafrika etwa gegen Mitternacht.

Am nächsten Tag machte unsere Reisetruppe einen Ganztagesausflug zum Kap der guten Hoffnung. Genau das hatte ich auch vor, allerdings nicht mit dem Bus, sondern mit Julian & Mahela. Die beiden hatten mir schon angekündigt, dass sie sich für den Urlaub einen super-duper-Schlitten gemietet hätten. Ich wartete also geduldig, bis die jungen Leute ihr Drecks-Apartment wieder rück-abgewickelt hatten und so gegen dreiviertel zehn am Hotel ankamen. Direkt vorfahren wollte Julian mit den Wagen nicht, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Und das aus gutem Grund. Bei dem Superschlitten handelte es sich nämlich um einen Renault „KWID“, von dem man in Deutschland aus gutem Grund noch nie was gehört hat. Das Auto, das vor allem in Indien sehr beliebt ist, ist nämlich ein Kleinwagen, der gerade mal 3500.- Euro kostet. Man kann es kaum glauben, aber für das Geld schrauben die Franzosen tatsächlich einen fahrbaren Untersatz zusammen. Mit 50-PS-Motor, vier Türen, Radio, Navigationssystem und elektrischen Fensterhebern vorn. Dass man sich beim Einsteigen hinten unvermeidbar den Schädel anstößt, liegt an den doch recht kleinen Maßen dieser Geh-Hilfe. Aber Hallo! Das alles für 3500.- Euro! Dafür bekommt man bei BMW noch nicht einmal eine einzige Felge mit Reifen. Mahela ist die ganze Strecke gefahren, da Julian noch immer mit seiner Erkältung zu kämpfen hatte. Außerdem kennt sie sich infolge ihrer vielen Australien-Aufenthalte sehr gut mit Linksverkehr aus. (Denn wie sollte es anders sein, wenn Engländer mal irgendwo das Sagen hatten: LINKSVERKEHR!)
Wir fuhren die gleiche Strecke ab, die auch unser Reisebus Stunden zuvor zurückgelegt hatte. Die Küste entlang in die noblen Badeorte Clifton und Camps Bay Richtung Kap der guten Hoffnung. In Clifton gab es erst mal Frühstück für die beiden. In dem Café, das sie ausgesucht hatten, war sogar schon mal Leonardo DiCaprio Gast, und am Nachbartisch fand gerade ein ausgesucht aufwändiges Shooting statt. Die Temperaturen stiegen langsam – 24 Grad um elf Uhr versprach noch mehr Sonne für den Rest des Tages. Weiter ging es nach Hout Bay. Dort bestiegen wir zusammen mit etwa 30 weiteren Touristen ein Boot, das uns nach Seal Island brachte. Wie der Name schon sagt, waren da die Robben zu Hause. Tausende der putzigen Tiere sonnten sich auf den Felsen vor der Insel oder kühlten sich im wellenreichen Wasser ab. Sonderlich spektakulär war der Kurzausflug nicht, weil wir auf die Nutzung der bordeigenen Bar verzichtet haben, aber sowas sieht man ja auch nicht alle Tage.
Nun wollten wir direkt ans „Kap der guten Hoffnung“, das auf Englisch tatsächlich auch „Cap of good hope“ heißt, wurden aber durch eine Straßensperre ausgebremst, die wohl leider jeden Mittwoch zwischen 10.00 Uhr und 16.00 Uhr aus Umweltgründen durchgeführt wurde. Deshalb war unser Bus auch so früh losgefahren…
Also mussten wir außen rum fahren. Durch die Stadt Simon´s Town, die meine beiden Tour Guides auch schon kannten. Gezielt landeten wir in einem wunderbaren Restaurant mit frischem Fisch, Garnelen und dem ganzen teuren Kram, der hier nur Peanuts kostet. (Wobei ich nicht weiß, was hier Peanuts kosten, aber Ihr wisst, was ich meine…) Nur der Wein schmeckte nicht so dolle. Die erste Lieferung mussten wir sogar zurückgehen lassen. OK, man kann ja nicht alles haben. Was wir dann aber doch noch hatten, waren Pinguine. Nicht als Essen, sonders als leibhaftig rumturnende Wesen auf einem kleinen Felsen am Strand von Simons Town. Wie die da hingekommen sind, ist mir ein Rätsel. Sie waren auch relativ klein – ca. 40 bis 50 cm hoch. Aber sie waren putzig und natürlich die Attraktion der Stadt. Eine weitere solche, wenn auch kommerziellerer Natur, war eine Gesangsgruppe in viel zu knappen Kostümen, die schöne afrikanische Volkslieder sang. Die Mädchen waren zwischen 12 und 14 Jahre alt und hatten während des Tanzens Probleme, mit ihren Mini-Oberteilen die knospenden Brüste zu bedecken. Am helllichten Tag. Sicher hat sich da niemand was bei gedacht…
Nun aber sollte es endlich zum Kap der guten Hoffnung gehen. Direkt am Eingang wurden wir gestoppt. Der Eintrittspreis betrug 19,20 Euro (umgerechnet) pro Person. Wir haben nicht lange überlegt. Das war eine reine Abzocke. Stattdessen haben wir uns auf YOUTUBE entsprechende Videos angeschaut. Außer den üblichen Tinnef-Ständen sieht man nur das berühmte Schild, dass man hier am Kap der guten Hoffnung, des südwestlichsten Punkt Afrikas sei. Da ich schon am südlichsten Punkt war, war das nicht unbedingt eine Steigerung. Aber die Worte „Good Hope“ – gute Hoffnung – spielten und spielen immer noch eine große Rolle in diesem wunderschönen Land.
Wir machten uns also wieder auf die Heimreise und ließen dabei einen Botanischen Garten in Kirstenbosch aus, den meine Bus-Reisenden besucht hatten. Soll toll gewesen sein.
Wieder im Hotel, vermutete ich unsere Bande im Restaurant des Holiday Inn. Fehlanzeige. Keiner war da. Über die Rezeption bekam ich eine Telefonverbindung mit Mandla, der mich daran erinnerte, dass wir ab 18:30 in einem Restaurant an der Waterfront dinieren würden. Hatte ich natürlich vergessen. Hinterher zu fahren, wäre zu spät gewesen, da die Gruppe gerade mitten im Essen war. Also bin ich wieder die paar Meter in das Restaurant um die Ecke gegangen, in dem ich schon gestern mit Mahela und Julian war. Ich bestellte Nudeln mit Lachs und bekam eine Portion, die für Großfamilien tagelang ausgereicht hätte. Als ich den optisch fast vollen Teller zurückgehen ließ, kamen sofort der Koch und der Manager, um zu fragen, ob alles in Ordnung wäre. Ich zeigte auf meinen nicht gerade schlanken Bauch und entschuldigte mit meinem Unwissen über die Größe der Portionen in diesem Etablissement. Als die Kellnerin dann den großen Rest auch noch als Doggy-Bag vorbeibrachte, bat ich sie freundlich, es wegzuwerfen, da ich in meinem Hotel keine Speisen erwärmen könnte. Sie hatte eine bessere Idee und gab die Portion an einen der draußen herumlungernden Bettler dieser ganz und gar nicht reichen Stadt.

Und damit zu einem unschönen Thema: Armut, Gewalt, Drogen, Aids. Und obendrauf noch Bestechlichkeit bis zum Abwinken.

Es git leider immer noch viel zu viele Menschen in diesem Land, die vom Wohlstand noch ausgeschlossen sind. Sei es durch fehlende Bildung, Arbeitslosigkeit (was Armut bedeutet), Alkohol und vor allem Drogen. Es hat wohl mal einen ganzen Stadtteil gegeben, den kolumbianische Drogenbosse „geleitet“ haben. Leider gibt es immer noch viele Nachkommen. Am helllichten Tag sieht man in der Innenstadt Halbleichen, entweder im Drogenrausch oder volltrunken dahin vegetierend. Natürlich alles Schwarze. Und selbst, obwohl die Regierung jährlich bis zu 80.000 kleine Häuser für die bis dahin in den Slums wohnenden Mitbewohner baut, sinkt die Zahl der Verlorenen kaum. Die Kriminalität ist extrem hoch. Fast kein Geschäft kann es sich erlauben, auf einen Wachposten vor dem Laden zu verzichten. Tagsüber kommt uns Touristen das lächerlich vor, aber in der Nacht herrschen andere Gesetze. Die Zahl der durch Gewalttaten getöteten Menschen liegt weit über dem weltweiten Durchschnitt. Jedes, aber wirklich jedes Haus ist durch hohe Zäune und Stacheldraht gesichert.
Es ist ein riesiger Konflikt. Auf der einen Seite haben wir ein extrem modernes Land mit gut verdienenden Arbeitnehmern in tollen Jobs. Auf der anderen Seite gibt es leider noch sehr viel Menschen, die an dem ganzen Wunder nicht teilhaben können. Der Fehler der Apartheid-Regierung, den Schwarzen die Bildung zu verweigern, ist ja mit der Auflösung dieser Gesetze 1994 nicht behoben worden. Es wird noch viele Generationen brauchen, bis auch nur annähernd eine wirkliche Gleichheit ALLER erreicht ist. Bisher gibt es nur die Gleichheit von Schwarzen und Weißen, die in etwa dasselbe Bildungsniveau haben. Und solange die Schwarzen immer wieder als billige Servicekräfte genutzt werden, damit sie sich gar nicht um eine berufliche Zukunft kümmern können, wird sich das kaum ändern.

Und wenn Menschen kein Geld haben, schlagen sie, morden sie, klauen sie, betrügen sie und setzen sich und ihre Frauen für Sex ein.

Wozu das führt, ist ja allgemein bekannt. Afrika – und eben auch Südafrika – hat die höchste Aidsrate weltweit. Man spricht von 28 – 32% der gesamten Bevölkerung. Zuverlässige Zahlen gibt es nicht, weil sich Kranke nicht melden und versuchen, ihre Krankheit zu verheimlichen. Jahrelang hieß es, dass dicke Frauen (also die Standardfrauen in Südafrika) kein Aids bekommen könnten, weil sie durch Ihre statische Stabilität dafür nicht anfällig seien. Dürre Frauen hingegen wären höchstansteckend. Das führte logischerweise dazu, dass die meisten der opulenten Damen angesteckt wurden und die Dürren etwas besser davongekommen sind. Mittlerweile muss man mit Aids nicht sofort sterben. Aber die Kosten für die Medikamente sind extrem hoch und die Lebenserwartung ist entsprechend geringer. Männer: 60,3 Jahre, Frauen: 67,6 Jahre.

Erstaunlicherweise ist Südafrika auch beim Thema „Homo-Ehe“ weit vorne. Es war das erste Land, das sie erlaubt hat und ist eins von nur 5 Ländern auf dem Kontinent, wo Beziehungen unter Männern nicht strafbar sind. Kapstadt ist daher auch eine Hochburg für homosexuelle Schwarze, wie wir auch ständig sehen konnten, ohne dass es irgendjemandem unangenehm aufgefallen wäre. (Selbst in unserer ultrabiederen Reisegruppe scheint es zu diesem Thema – endlich – keine Vorbehalte mehr zu geben).

So, zurück zum Reiseverlauf. Nachdem ich in dem Restaurant um die Ecke den Doggy-Bag an Obdachlose verschenken ließ, waren es ja nur ein paar Meter bis ins Holiday Inn. Zu meiner Überraschung saßen da in der kleinen Bar am Eingang des Hotels noch 5 Leutchen aus der Gruppe und sprachen alkoholischen Getränken zu. Ich gesellte mich zu ihnen und half ihnen beim Vernichten der Alkoholvorräte des Lokals.

Kapstadt hat bekanntlich eins der sieben modernen Weltwunder zu bieten: den Tafelberg. Und den galt es zu besteigen. Nein, nicht zu Fuß. Mit der Seilbahn. Um halb acht am nächsten Morgen wurden wir von unserem Ersatzbus abgeholt und zur Talstation gebracht. Es gibt nur zwei Waggons, die allerdings jeweils 60 Personen fassten. Und damit jeder auch wirklich alles sehen konnte, drehte sich der Boden der Gondel im Kreis. Kapiert? Nee? Also nochmal: Die Kabine hängt fest an den Seilen, aber innen drin dreht sich der Boden auf einer Art Drehbühne. Dadurch kann jeder mal in alle Richtungen gucken. Sehr gute Idee, mit der vermieden wird, dass sich die Reisenden um die Fensterplätze prügeln. Nach etwa drei Minuten waren wir schon oben – 1000 Meter hoch. Die Aussicht war einfach traumhaft. Egal, von wo aus man ins Tal schaute – immer waren wir beeindruckt von der Schönheit der Landschaft. Auf dem Tafelberg selbst gab es ein Café mit deutlich höheren Preisen als am Boden des Berges. Mehrere markierte Wanderwege führten über das Plateau. Ich wanderte hin und her, führte dabei auch noch ein Video-Telefongespräch mit einer guten Freundin über WhatsApp, was erstaunlich gut funktionierte. So konnte Eva in Deutschland den Ausblick über Kapstadt live miterleben – ein Hoch der Computertechnik!
Nach einer guten Stunde fuhren wir mit der Seilbahn wieder genauso schnell nach unten, wie wir hochgefahren waren (was ja wohl auch logisch ist …).

Ein Teil der Reisenden wurde   im Hotel abgesetzt, der harte Kern – natürlich mit mir – durfte sich auf die fakultative Weinprobe freuen. (Fakultativ = muss man extra bezahlen, genau wie den Ausflug auf den Tafelberg). Dazu fuhren wir in das wunderschöne Städtchen Stellenbosch, das wie so viele Städte sehr holländisch anmutete. Die Außentemperatur war mittlerweile auf 34 Grad geklettert. Bis zur Weinprobe hatten wir noch eine Stunde Zeit, daher sollten wir versuchen, in irgendwelchen Lokalen oder im Supermarkt etwas zu essen zu bekommen. Ich landete in einem sehr angesagten, klimatisierten Lokal mit gutem Essen und feinen Getränken, in diesem Fall Sprudelwasser MIT Kohlensäure. Das findet man in den Regalen der Supermärkte nur mit der Lupe. Nach ein paar Minuten gesellte sich Mandla zu mir, der hier auch was essen wollte. Er hatte Unterlagen seiner Firma „Thompson“ dabei, in der alles stand, was man als Reiseleiter wissen muss. Und bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, dass TrendTours gar nicht der wirkliche Veranstalter war, sondern eben „Thompson“, einer der größten südafrikanischen Reiseveranstalter. TrendTours hatte die Tour hier einfach eingekauft. Und auf die Beschwerden der deutschen Kundschaft, die vielen Buskilometer betreffend, hatte man auch schon reagiert: 2020 wird es diesen langen Ausflug bis Krysna nicht mehr geben, stattdessen viel mehr Ausflüge in die Nähe von Kapstadt. Als das Essen kam, legte Mandla seine Unterlagen neben mich auf die Bank und vergaß sie dort auch, als er mit dem Essen fertig war. Er hatte sein Geld im Bus vergessen und wollte mit Kreditkarte bezahlen. Ich nutzte die Gelegenheit, mich mal erkenntlich zu zeigen für seine wirklich großartige Reiseleitung und lud ihn zum Essen ein, was er erstaunt, aber dankbar annahm. Dann musste er schon wieder weiter, ans Telefon. Seine Mappe lag noch neben mir. Aber er konnte natürlich auf mich zählen. Ich schaute mal kurz rein und sah, dass er da eine Menge Statistiken auszufüllen hatte. Keine schöne Arbeit. Als ich ihm den Ordner zurückgab, war er sichtlich geschockt, dass er sie einfach liegen gelassen hatte.

Wir besuchten das Weingut „Blaauklippen“. Ein wunderschöner Landsitz mit wahnsinnig vielen Hektar Land. Zunächst erzählte eine Mitarbeiterin uns eine ellenlange Geschichte über die bisherigen Besitzer der Immobilie. Der aktuelle Besitzer war erst seit zwei Jahren am Drücker. Aufgrund des heißen Klimas in der Region wurden hier nur rote Trauben angebaut – für Rotwein eben. Da aber der Kunde auch vermehrt nach Weißwein ruft, wurden zusätzlich weiße Trauben aus anderen Regionen angekauft und hier verarbeitet. Zum Glück verließen wir nach dieser Einführung den überhitzten Garten und stiegen in den kühlen Keller der Weinmanufaktur. Na ja, hier wurde uns das Übliche erklärt. Riesige Stahlbehälter waren mit dem edlen Nass gefüllt und sorgten dafür, dass der Wein in Ruhe und Kühle reifen konnte. Uns interessierte natürlich dann doch eher das Endprodukt denn der Reifeprozess als solcher. Und so wurden wir schließlich in einen großen Raum geführt, in dem Tische und Stühle U-förmig aufgestellt waren. An jedem Platz ein Weiß- und ein Rotweinglas sowie ein Wasserglas nebst Wasserflaschen. Auch der eine oder andere Spucknapf war vorhanden, sollte man den Wein nicht mögen oder einem frühen Betrinken aus dem Weg gehen wollen. Und natürlich lag an jedem Platz ein Bestellformular für das zu testende Produkt. Der billigste Wein sollte 10.95 Euro pro Flasche (0,7 ltr.) kosten, und das Ende der Preisliste zeigte 45,95 Euro für den Dessertwein an. Zuzüglich Versandkosten, versteht sich. Immerhin waren Verpackung und Zoll bereits eingerechnet, und ab ca. 300.- Euro entfielen sogar die Versandkosten. Apropos Kosten: Das Ver-Kosten begann mit dem billigsten Wein, der mir sogar am besten schmeckte. Bedienstete schenkten uns nur einen kleinen Schluck pro Sorte ein, damit wir nicht vorzeitig im Vollrausch endeten. Mandla war auch hier bei den (weiblichen) Angestellten sehr beliebt: Er erhielt immer den größten Schluck in sein Glas, das er auch tapfer austrank. Die Promoterin des Hauses, sehr schön und sehr schwanger, versorgte uns bei jedem Wein mit den dazugehörigen Informationen. Woher, wie alt, wie lange lagerbar, nach welchen Ingredienzen schmeckend und vor allem, wie das edle Produkt sich nannte, damit man auf dem Bestellformular die richtige Menge eintragen konnte. Ich weiß nicht, ob die Weinprobe einfach nur zu schnell ging, aber ich konnte mich mit keinem der Weine wirklich anfreunden. Der erste schmeckte noch am besten, aber auch nicht anders als das Zeugs, das ich mir immer bei Aldi kaufe. Rotwein ist sowieso nicht mein Ding, und mit Dessertwein – auch noch in Rot – kann man mich jagen. Leichte Kopfschmerzen deuteten das baldige Ende der Nipperei an. Ich weiß nicht, ob jemand aus unserer Gruppe irgendeine Bestellung abgegeben hat, aber deswegen war uns keiner böse. Immerhin war ja inzwischen auch die Gelbe Gruppe angekommen – vielleicht waren die ja im Kaufrausch nach dem Weinrausch.
Wir fuhren zurück ins Hotel und hatten Freizeit, die ich zunächst mit einem Ausnüchterungsschläfchen ausfüllte. Ich musste ja zu unserem Abschieds-Abendessen wieder fit sein!

Selbiges fand im Restaurant „Rockwell Dinner Theatre“ statt. Das ist ein Theater mit Buffet. Gibt’s bei uns auch immer öfter in großen Hotels als „Dinner-Theater“. Dieses hier war etwas besonderes: Im Rahmen der Apartheidpolitik wurde damals das gesamte Stadtviertel dem Boden gleich gemacht. Alle Schwarzen hatten ja aufs Land zu verschwinden. Die Neubauten gehörten dann nur den Weißen. Es war den rechtmäßigen Besitzern des Landes sogar verboten, weiter als Schauspieler oder Sänger zu arbeiten.
Dieses Thema hatte man für die abendliche Aufführung in Form einer Musikrevue verarbeitet. Bevor es losging, brachte uns das Personal die Vorspeise. Danach wurde es laut.
Eine drei-Mann-Band mit elektronischem, zugespieltem Schlagzeug und acht sehr musikalische Darsteller/Sänger erzählten die Geschichte dieses Viertels mit kleinen Sketchen und gekonnten musikalischen Einlagen. Der Saal fasste etwa 200 Personen, die nach dem ersten Teil tischweise zum Buffet gebeten wurden. Erstaunlich schnell hatten alle ihre Teller voll, sodass die Show weitergehen konnte. Das Dessert wurde uns wieder von der Crew persönlich überreicht. Auch die Lieferung der Getränke und die abschließende Bezahlung selbiger klappte erstaunlich schnell. Pünktlich um 22.00 Uhr stiegen wir wieder in unseren (inzwischen reparierten) Bus. Bin dann gleich ins Bett.

Um halb neun wurden die Koffer abgeholt. Und wir natürlich auch. Unser letzter Morgen führte uns zu Fuß durch die Innenstadt von Kapstadt. Wir starteten in Boo Cap mit den bekannten bunten Häuschen samt zugehörigem Museum, besichtigten das „Alte Rathaus“, ein architektonischer Mix aus italienischer Renaissance und britischen Kolonialstil und liefen ein wenig durch den „Company´s Garden“, der grünen Lunge Kapstadts. Das letzte Ziel war eine Festung aus dem 17. Jahrhundert, wo gerade eine tierisch laute Militärkapelle den Soundtrack für eine Videoproduktion lieferte. Ich glaube, es ging um einen TV-Werbespot. Das Lied war nur vier Takte lang, die leider sooft wiederholt wurden, bis der Regisseur mit seinen Aufnahmen zufrieden war. Also mehr als zwanzig Minuten lang.

Tja, und dann ging es wieder ins kalte Good old Germany. Erst nach Johannesburg, dann nach Frankfurt. In Johannesburg hätte ich um ein Haar den Flieger verpasst, weil ich es mir bei einem Italiener gemütlich gemacht hatte und ein bisschen an diesem Blog rumkritzelte. Plötzlich war es 18:40 Uhr, die Zeit, zu der ich hätte einchecken müssen. Geld hatte ich keins mehr und die Kreditkartengeräte waren fast alle kaputt, bzw. die Batterien alle. Bis ich da wegkam, waren weitere zehn Minuten vergangen. Mein Gate befand sich genau am anderen Ende des Flughafens. Und ich war noch nicht einmal durch die Sicherheitskontrollen, geschweige denn durch die Passkontrolle gekommen. Die Schlangen waren lang und länger. Ich zeigte meinen Boarding Pass, murmelte was von „I´m very late. Please let me go through, otherwise I miss my plane!“ oder so ähnlich. Erstaunlicherweise ließen mich alle durch. Der Sicherheitscheck war ohnehin recht oberflächlich und die Passkontrolle passierte ich schon fast rennend. Ich kam 5 Minuten nach der geplanten Startzeit am Gate an – und sah, wie gerade der letzte Passagier durch die Schranke ging. Noch mal gut gegangen.

Kommen wir zum Fazit: Zunächst einmal das Negative. Ich habe zwei Kilo zugenommen und mir im Flugzeug eine veritable Männergrippe eingefangen.
Aber sonst war die Reise einfach wunderbar – zumindest, solange wir nicht in einem Bus sitzen mussten. Die Mitreisenden waren gut auszuhalten, die Reiseleitung trotz kleiner sprachlichen Schwächen außerordentlich gut, die Organisation einfach nur perfekt – und Land und Leute ohne jede Einschränkung einen Besuch wert.

Und ich kann nur hoffen, dass Südafrika seine Hoffnung nicht aufgibt, Weiße und Schwarze wirklich gleichberechtigt leben zu lassen. Es sind übrigens „nur“ 8,9% Weiße von knapp 58 Millionen Einwohnern dieses wunderschönen Landes, die aber noch eindeutig die Zügel in der Hand haben. Ich hoffe, dass man die Bestechlichkeit in den Griff bekommt, die Slums langsam aber sicher in Wohnungen umgewandelt werden und sich die rund 20 verschiedenen kirchlichen Strömungen weiterhin nicht in die Quere kommen. Und natürlich wäre es für das Land ein Segen, wenn das Thema Aids nicht mehr so einen großen Stellenwert hätte wie es jetzt noch der Fall ist.

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