Von Moskau bis Sankt Petersburg

Vorneweg das Video zum Blog: https://1drv.ms/v/s!Atl63EVwUq_mhsoFaF6lCe3CzmbhMw?e=XO1RCY

Der erste Tag
Der erste Tag begann in der Früh´ um 4:30 Uhr und war – soviel sei schon jetzt verraten – für die Katz. Er diente lediglich der Anreise und der Einquartierung ins Hotel „SALUT“ in Moskau. Mit anderen Worten: Der Rest des Tages war frei. Ich hätte was draus machen sollen. Hab´ ich aber nicht, und die Gründe sprechen auch nicht gegen mich.

Immerhin hatte die Tour sehr vielversprechend begonnen. Mein Taxi stand pünktlich um halb sechs vor der Tür, und ich war sogar mehr als zwei Stunden vor dem Start am Flughafen. Genauer gesagt war ich mit der ganzen Registrierung inklusive Körperscan bereits nach 20 Minuten durch und setzte mich am Gate A44 auf einen der langweiligen Wartestühle. Der Bereich füllte sich schnell, und ich schloss mit mir interne Wetten ab, wer alles zu meiner Reisegruppe gehören würde.

Ich hatte schon wieder bei „Trendtours“ gebucht, weil das Prospekt für diese Russland-Rundreise gar zu verlockend gestaltet worden war. Zwei Tage Moskau, dann die Wolga entlang bis nach St. Petersburg, das abschließend auch noch mal zwei Tage besichtigt werden sollte. Mein Preis als Einzelreisender für die insgesamt 11 Tage sollte 1768.- Euro betragen – darunter auch einige Extras und Zusatzunternehmungen.
Die zur Gruppe gehörenden Trend-Tourer erkannte man sofort an den grauen Haaren der Herren, den praktischen Kurzhaarfrisuren der mitreisenden Damen sowie an den Dialekten. Es ist immer wieder erstaunlich, dass so wenige ältere Herrschaften Hochdeutsch sprechen.

Eine bildhübsche Südamerikanerin fiel mir auf. Nicht, weil sie zu unserer Gruppe gehören könnte – weit gefehlt! -, aber sie versuchte vergeblich, ihr Handy an einer der vielen Steckdosen unter den Sesseln aufzuladen. Leider waren die wohl alle stromlos. Ich bot ihr dann meinen Power-Akku an, der mir ja schon seit geraumer Zeit gute Dienste tut. Das Mädel mit dem bauchfreien Top war zwar erstmal völlig perplex, dass ihr ein älterer, gut aussehender Mann (also ich) einfach so helfen wollte, nahm aber das Angebot dankbar an und lud ihr Samsung-Teil mit der zersplitterten Oberfläche bis zum Abflug auf. Dann gab sie mir die Powerbank brav zurück, verwickelte mich noch in ein kleines (spanisches) Gespräch, reichte mir ihr kleines Patschhändchen und eilte davon. Elvira, so hieß sie, flog ganz woanders hin, wie sich herausstellte. So eine gute Tat hebt doch die Stimmung.

Eine schöne Kirche in Moskau.

Das Einsteigen verzögerte sich. Eine Familie Erhard – ja, die hieß genauso wie ich, nur anders geschrieben – war nicht aufgetaucht. Ihr Gepäck war allerdings schon im Flieger. Also mussten die Koffer der beiden „No-Shows“ wieder aus dem Gepäckraum der Maschine gepult werden. Erst dann durften wir einsteigen. Und blöderweise hat mich der Bordkarten-Automat der Lufthansa auf einen Mittelplatz im A320-Flieger gesetzt. Platz 16B. Auf 16C saß bereits eine alte englische Lady, die zu einer Reisegruppe alter englischer Ladies gehörte, die alle Gangsitze ringsum weggebucht hatten.
Dann aber kam meine Belohnung für die gute Tat am Morgen. Auf Platz 16A setzte sich eine junge Russin, vielleicht 25 Jahre alt, recht hübsch, mit sehr guten Englischkenntnissen und dem festen Wunsch, mit mir zu plaudern. Sie hatte gerade eine Freundin in Frankfurt besucht und schwärmte von Deutschland, speziell der Rhein-Main-Gegend. Mehr kannte sie ja auch nicht. Sie fand es sehr lustig, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich die Nacht verbringen würde. Aber so ist das halt mit den Gruppenreisen. Dein Ziel erfährst Du erst am Ziel. Und wer Dich begleitet, leider auch. Meine schöne Russin verschwand jedenfalls kurz nach der Passkontrolle am Flughafen in Moskau, weil sie auch nicht auf einen Koffer warten musste. Die jungen Dinger haben ja alles, was man für eine Woche braucht, in ihrem Rucksack.
Mit meinem Koffer könnte man auch eine Weltreise machen. Er hat die Strapazen in Indien tatsächlich überlebt (siehe Indien-Blog) und harrte seinem zweiten Einsatz.
So langsam sammelte sich die „Trendtours“-Truppe dann im Vorraum des größten russischen Flughafens, der wohl gerade erst fertig geworden ist. Es soll keine Verzögerungen beim Bau gegeben haben. (Hallo BER, es geht!!!) Während sich die Truppe sammelte, habe ich die SIM-Karte im Handy gewechselt. 8 GB für umgerechnet 10.- Euro pro Monat. Natürlich LTE immer und überall. Und später im Hotel überall kostenloses WLAN. Nein, ich schimpfe jetzt nicht auf Deutschland. Es gibt bestimmt irgendeinen guten Grund, warum wir noch hinter dem Mond leben. Ich kenne ihn nur noch nicht.

Noch eine schöne Kirche.

Die Gruppe. Ich hatte mit maximal dreißig Teilnehmern gerechnet, aber es wurden immer mehr. 52 waren es am Ende! ZWEIUNDFÜNZIG! Wie man mit dieser Menschenmenge anständige Führungen veranstalten will, war mir schon da ein Rätsel. Und dabei sollte es nicht bleiben. Wir 52 waren nur die Vorhut. Trendtours hat das schöne Land noch mit weitaus mehr Touristen überfallen, äh, beglückt. Im Laufe des Tages sollten weitere Maschinen aus allen möglichen Städten in Moskau landen, um die russlandfreundlichen Deutschen zu bündeln. Insgesamt sollten es ca. 300 Touristen werden, die dann auf insgesamt 7 Busse aufgeteilt werden sollten.
Als ich das hörte, hatte ich so ein mulmiges Gefühl im Bauch. 300 deutsche Touristen gleichzeitig im Kreml, auf dem roten Platz und auf dem Schiff? Das hatte ich mir anders vorgestellt. Unsere Reiseleiterin hatte zwar einen guten deutschen Akzent, aber ansonsten kaum Ahnung von Grammatik oder Vokabeln. Im Bus erzählte sie viele widersprüchliche Dinge, so als wäre ihr selbst nicht ganz klar, worauf sie sich mit uns eingelassen hatte.

Der Bus kam um ca. 14:30 nach einem endlosen Stau am Hotel „Salut“ an. Die Pässe wurden eingesammelt. Das Verteilen der Tür-Magnetkarten ging relativ schnell. Nach einer kurzen Pause von vielleicht 45 Minuten, um sich frisch zu machen, hätten wir uns alle ins Getümmel stürzen können.
Konnten wir aber nicht. Nicht nur, dass kein weiterer Programmpunkt für diesen Tag geplant war. Unsere „Reiseleiterin“ war ja damit beschäftigt, weitere Kohorten aus Deutschland vom Flughafen abzuholen. Nein, wir konnten quasi nicht aus dem Hotel. Der schreckliche Kasten aus den 60er-Jahren war zwar leidlich renoviert, aber ganz sicher kein 4-Sterne-Hotel. Um uns rum nur Schnellstraßen oder Wohnblöcke. Hie und da ein Lebensmittelgeschäft. Die nächste Haltestelle der Metro, der weltberühmten Moskauer U-Bahn, war 1,7 km entfernt. Aber selbst, wenn wir den Shuttle-Bus des Hotels in Anspruch genommen hätten, hat sich doch keiner getraut, dieses Abenteuer ohne Führung zu unternehmen. Wir Schisser! Aber es ist wirklich nicht einfach. Man kommt sich vor wie ein Analphabet, weil die kyrillische Schrift uns immer nur „Bahnhof“ verstehen lässt. Nur wenige Schilder – wie im Flughafen – werden zusätzlich mit lateinischer Schrift versehen.
Also bin ich einfach ein bisschen durchs Hotel gelaufen. Irgendwo fand ich die Wechselstube und tauschte ein paar Euro in Rubel um. Für einen Euro bekommt man hier rund 70 Rubel. Die Preise sind ähnlich hoch wie in Deutschland. Als ich das Hotel dann vollständig begriffen hatte, bin ich eben aus Langeweile rund ums Hotel gelaufen. Und da hat man schon was zu tun! Das Hotel hat 22 Stockwerke mit je 67 Zimmern pro Etage. Hab´ jetzt gerade keine Lust, auszurechnen, wie viele Touristen hier rein passen…
Das Wetter war genau richtig. 22 Grad, ein bisschen Wind und Sonne. Luftqualität durchwachsen, aber für eine 15-Millionen-Stadt durchaus annehmbar. Siri, mein kleines Helferlein aus dem iPhone, hatte mir eine Pizzeria empfohlen, die ich nach sieben Minuten strammen Fußmarsches erreichen hätte sollen. Da, wo Siri den Laden vermutete, stand ein Kinderspielplatz. Aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite, 8 Spuren gegenüber, gab es tatsächlich eine Pizzeria. Zwar mit anderem Namen, aber das war ja egal. Ich beobachtete die herumlaufenden Einwohner und fand heraus, dass es eine Unterführung gab. Nach etwa einer halben Stunde hatte ich tatsächlich ganz selbstständig ein Restaurant gefunden! Warum ich am helllichten Tag was essen wollte? Nun, im Hotel gab es erst abends etwas. Das Frühstück im Flieger war schon lange verdaut, und mein Magen knurrte. Was also sollte ich machen? ich öffnete die APP „Google-Übersetzer“ und sprach auf deutsch rein: „Ich hätte gerne eine kleine Pizza mit Schinken und Champignons!“. Und das Ding übersetze im Nu meine Bestellung ins Russische. Die Bedienung staunte nicht schlecht, als mein Handy in reinstem Russisch meinen Wunsch über den Lautsprecher kundtat. Sie antwortete auf englisch. „Dauert 15 Minuten. Kostet 450 Rubel“. So langsam wurde mir klar, dass ich meinen Übersetzer gar nicht brauchte. Hier sprechen alle jüngeren Leute ein sehr gutes Englisch. Die Älteren sprechen sogar deutsch. Wahrscheinlich nicht unbedingt gerne.

Meine erste selbst bestellte Pizza in Russland.

Wieder im Hotel fiel mir auf, dass nicht nur die Deutschen inzwischen immer zahlreicher geworden waren. Auch die Chinesen hatten eine Division geschickt, um das Hotel zu füllen.
Dann wurde es ein bisschen langweilig. Müdigkeit übermannte mich. Ein kleines Nickerchen konnte nicht schaden. Zum Abendessen ab 19.00 Uhr hatte ich noch keinen Hunger. Daher ein Besuch der Hotelbar mit leckerem spanischem Wein. Um zehn zu Bette.

Der zweite Tag
Der Tag begann ungewohnt früh. Ich wachte auf, weil es taghell in meinem Zimmer war. Ein Blick auf die Apple-Watch signalisierte 4.00 Uhr. Meinte die Uhr 16.00 Uhr und ich hätte somit 16 Stunden durchgepennt? Das macht wach. Aber nein, es war wirklich vier Uhr morgens. Ganz einfach, weil um 3:45 Uhr bereits Sonnenaufgang war und meine Vorhänge die gleißende Sonne kaum abhielten. Es dauerte lange, bis ich endlich wieder einschlief. Meinen Wecker hatte ich auf 7:15 Uhr gestellt – viel zu früh, wie sich herausstellte. Nach einem reichhaltigen Frühstück im Kreis von rund 600 Deutschen und Chinesen Abfahrt ins Zentrum von Moskau. „Stadtbesichtigung“ hieß der Programmpunkt, der sich leider so ganz anders darstellte als erhofft. Wir waren davon ausgegangen, dass wir einfach zu irgendwelchen interessanten Stellen fahren, dort aussteigen und uns die Chose von Nahem ansehen. Ich hatte extra nur ein dünnes, kurzärmeliges Hemd angezogen, weil es so schön warm war. Schuld am Desaster war ausnahmsweise nicht Gelina, unsere desinteressierte Reiseleiterin. Nein, schuld war das Wetter. Trotz einer gegenteiligen Vorhersage fing es plötzlich an zu regnen. Das bedeutete, dass keiner mehr den Bus verlassen wollte. (Ich ehrlich gesagt auch nicht.) So sahen wir die City halt nur durch die verregneten Fensterscheiben unseres Busses. Moskau ist schon imposant, wenn auch nicht ganz so imposant wie Peking. Aber Moskau ist sehr sauber. Nirgendwo findet man Schmutz auf der Straße. Der Straßenverkehr ist – wie überall in den Großstädten dieser Welt – grauenhaft, aber die Verkehrsregeln sind klar; jeder hält sich daran. Die Autos kommen aus Korea, Japan und Deutschland (in der Reihenfolge), und die Linienbusse fahren größtenteils elektrisch mit Oberleitung. Rentner dürfen alle Verkehrsmittel übrigens kostenlos benutzen, nur Taxis kosten natürlich Geld. In Russland gibt es seit dem Ende der Sowjetunion außer einer kostenlosen „Ersten Hilfe“ keine Krankenversicherung. Eine 3-Zimmer-Eigentumswohnung kostet etwa 60.000 bis 100.000 Euro – fast alle haben eine. Eigenheime oder Reihenhäuser habe ich nicht gesehen, nur riesige Wohnblocks. Für die Promis gibt es zwar auch ein paar Vorzeige-Villen, aber die sind völlig untypisch für die Stadt. Außer der Grundschule sind weiterbildende Schulen seit der „Wende“, wie die Auflösung der Sowjetunion auch hier genannt wird, kostenpflichtig. Überall schießen Privatschulen und -Universitäten aus dem Boden. Und immer wieder hören wir: „Moskau ist nicht Russland!“ Nun gut, das werden wir ja noch sehen.

Rainer am roten Platz. Im roten Hemd natürlich.

Endlich dürfen wir dann doch raus, weil der Regen sich zu einem Nieselregen verdünnt hat. Am berühmten „Roten Platz“ bekommen wir zwei Stunden Auslauf. OK, unsere Reiseleiterin hat uns kurz etwas über die Hintergründe des Platzes erzählt (Roter Platz heißt übersetzt eigentlich „Guter Platz“), aber ihre Stimme drang trotz ihres umgehängten Mini-Lautsprechers nur selten durch den Straßenlärm. Natürlich haben wir nach Matthias Rust gefragt. Das war der durchgeknallte Typ, der auf dem roten Platz gelandet ist. Und das war sogar eine Fake-Meldung, denn er ist gar nicht auf dem Platz gelandet, sondern auf der Brücke, die auf den Platz führt. Unsere Reiseleiterin war angeblich dabei. Mit einer Schweizer Reisegruppe. Sie wurde deswegen auch verhört. Da Reiseleiter damals in der UDSSR als hochgradig verdächtig galten, gab sie an, sie wäre während der Landung mit ihrer Gruppe im Zirkus gewesen. Was ja auch irgendwie stimmte, denn der Zirkus um diesen Vorfall war enorm. Die gesamte Flugabwehr war wohl an diesem Tag besoffen. Der eine oder andere Kopf dürfte damals gerollt sein…
Sie zeigte uns das vermutlich größte Moskauer Einkaufszentrum, das direkt an den Roten Platz anschließt und gab uns zwei Stunden Freizeit. Da es schon wieder anfing zu regnen, haben wir uns alle in diesem Einkaufszentrum die Füße vertreten. Und da gab es wirklich viel zu sehen! Drei Passagen von etwa 300 Metern Länge – und das auf drei Stockwerken. Mit den Zwischengängen rund drei Kilometer Einkaufsparadies. Und die Moskauer High Society war auch reichlich vertreten. Alle großen Modemarken der Welt sind hier mit sehr aufwändig gestalteten Geschäften vertreten. Ohne Frage eins der imposantesten Einkaufszentren, das ich je gesehen habe, USA eingeschlossen. Da ich nun keine Lust auf eine neue Gucci-Tasche oder eine Boss-Unterhose hatte, habe ich mir schlauerweise einen Schirm gekauft! So eine Art „Knirps“ für 1000 Rubel, also rund 14 Euro. Kostet bei uns höchstens 3,95, beim Chinesen sogar nur die Hälfte. Da unser Programm kein Mittagessen vorsah, habe ich mir in diesem Zentrum auch noch eine kleine Nudelspeise erlaubt. Ich wollte mal testen, ob ApplePay in Russland funktioniert und hielt meine Uhr an das Terminal. Eine Sekunde später war die Rechnung bezahlt. Der Kellner war noch nicht einmal ein ganz klein bisschen erstaunt. Ok, wer aus Deutschland kommt, hat selbst in den Augen der Russen keine IT-Kompetenz.

Immer noch am roten Platz.

Wieder draußen im Regen musste ich nun meinen Zusatzausflug „Der Kreml“ durchstehen. Bei mittlerweile strömendem Regen war das trotz meines nagelneuen Schirms keine große Freude. Es wurde auch zunehmend kälter. Ein Gewitter drückte die Temperatur auf 16 Grad runter. Und ich hatte immer noch mein dünnes, kurzärmeliges Hemdchen an, das allerdings inzwischen patschnass war. Wo immer es möglich war, quetschten wir uns durch heiß umkämpfte Eingänge zu irgendwelchen alten Kirchen, die auf dem Kreml-Gelänge rumstehen. Unsere Freunde aus China hatten auch keine bessere Idee. So waren denn die Gotteshäuser endlich mal wieder voll, auch wenn die Predigt nur von Dutzenden von Reiseleitern in mindestens zehn Sprachen kam.

Die berühmte Kongresshalle mit ihren 6000 Plätzen war leider geschlossen, und die „richtigen“ Regierungsgebäude waren für uns natürlich tabu. Putin hatte auch schon Feierabend. Also kämpften wir uns wieder an den angrenzenden Roten Platz und bestaunten noch die sehr hübsche „Christ-Erlöser“-Kathedrale, zumindest von außen. Dann wurden wir wieder zu Freizeit verdonnert, um die Zeit bis zur Abholung durch unseren Bus zu überbrücken. Also ich wieder rein ins Einkaufszentrum. Es zog sich. Um 16.00 Uhr sollte der Bus uns abholen. Er kam aber erst um halb fünf.
Im Hotel mal kurz geduscht, umgezogen und stadtfein gemacht. Nach dem Abendessen stand uns nämlich noch ein weiteres Highlight bevor: MOSKAU BEI NACHT!

Wer aber glaubt, wir wären jetzt erstmal in irgendeinen Club gefahren, um mit Wodka vorzuglühen, irrt gewaltig. 

Wir sind U-Bahn gefahren.

Hier geht´s in die Gewölbe der Metro.

Genauer gesagt, die berühmte METRO. Eine der tatsächlich schönsten und saubersten U-Bahnen der Welt. Vermutlich die allersauberste im ganzen Universum, denn es lang wirklich nirgendwo auch nur ein Fitzelchen auf dem Boden. Jede Station ist anders gestaltet, sehr künstlerisch oder sehr – nun ja, russisch. Die gesamte russische Geschichte spiegelt sich in den Marmor-Skulpturen wieder. Die Bahnen machen einen Höllenkrach, weswegen unsere Reiseführerin zu modernster Technik (aus China) griff. Jeder bekam einen Bluetooth-Empfänger um den Hals gehängt, zusammen mit einem Ohrstöpsel. Gelina hatte den Sender und das Mikrophon. Und tatsächlich konnten wir sie alle bis zu einer Entfernung von rund 20 Metern kristallklar hören. Leider auch, als sie ohne Vorwarnung anfing, ein russisches Lied zu singen. Aber so ein Ohrstöpsel ist ja schnell aus dem Gehörgang gezogen…
Wir fuhren insgesamt 5 verschiedene Stationen an. Jedesmal stiegen wir aus, bestaunten die Architektur und fuhren weiter. Interessant: Wenn Jugendliche uns alte Klappergestalten wahrnahmen, erhoben sie sich sofort und boten uns ihren Sitzplatz an. Das ist mir in Deutschland schon jahrzehntelang nicht mehr passiert. Ok, ich sollte mal wieder U-Bahn fahren. Vielleicht hat sich da was geändert.

Zur Abwechslung mal eine Moschee. ebenfalls am Roten Platz.

Und wieder landeten wir am Roten Platz. Der sah plötzlich ganz anders aus. Alle Gebäude waren kunstvoll illuminiert. Das Einkaufszentrum sah aus, als wäre schon wieder Weihnachten. Aber die ganzen historischen Gebäude, der Kreml, die Kathedralen – alles war wunderhübsch anzusehen. Nach vielen Aahs und Oohs war dann aber auch mal wieder Zeit für die Heia. Nur leider kam der Bus nicht. Der Fahrer war wohl irgendwo eingeschlafen. Erst 30 Minuten nach der verabredeten Zeit tauchte er auf und verfuhr sich zu allem Überfluss auch noch im nächtlichen Moskau. Unsere Reiseleiterin konnte einen Schreikrampf kaum vermeiden.
Letztendlich im Hotel dann doch noch ein Bier an der Bar genossen. Um ein Uhr war der Tag dann rum. Schade. Wieder viel Zeit mit nichts verbracht. Wenn der Abschluss am Roten Platz nicht so schön gewesen wäre, hätte ich jetzt langsam schlechte Laune.

Der dritte Tag
Auch heute wieder Abfahrt um neun Uhr. Die Massenabfertigung im Hotel funktioniert zwar ohne Stau (Allein sechs Kaffeeautomaten!), aber man hechtet ständig hin und her, um die notwendigen Zutaten fürs Frühstück einzusammeln. Wenn man zurückkommt, sitzen plötzlich neue Leute am Tisch. Es wird Zeit, diesen Kasten zu verlassen. Laut Plan steht uns eine ganz besondere Ausstellung bevor: Die „Leistungsschau der russischen Industrie“. Das klingt schon mal sehr bombastisch und ist es auch, bzw. wäre es auch, wenn wir etwas davon mitbekommen hätten. Es handelt sich um nichts Geringeres als eine Weltausstellung nur für Russland. Oder ein Disneyland ohne Disney. Oder einen Rummelplatz ohne Fahrgeschäfte. Oder eine Museumsinsel ohne Museen. Was wir sahen, war ein riesengroßer Park mit vielen kitschigen Brunnen und ebenso kitschigen Hallen, bzw. Gebäuden ringsherum. Leider habe ich die Mietstation für die Seqways nicht entdeckt und musste daher die ganzen vielen Kilometer zu Fuß durch das Gelände laufen. Vereinzelt unternahm ich den Versuch, eine der protzigen Hallen zu besuchen, die irgendwelche Highlights der russischen Wirtschaft feierten. Leider waren die alle geschlossen oder gerade im Umbau. Unsere Reiseleiterin versprach aber als absolute Sensation den Besuch der „Cosmos“-Station, in der man die Original MIR-Raumstation und diverse Sputniks sehen können sollte. Als ich nach knapp einer Stunde schmerzenden Fußes dann endlich dort ankam, war die Halle noch geschlossen. Öffnung erst um halb zwölf. So lange konnte ich nicht warten, da wir  bereits um zwölf weiterfahren sollten. Immerhin konnte man eine Kopie der Rakete sehen, mit der Gagarin damals zum Mond geflogen sein soll. Sie war vor der Halle zusammen mit einigen anderen militärischen Fluggeräten aufgebaut. Frustriert lief ich die vielen tausend Meter wieder zurück zum Eingang. Also wieder ein falsches Reisemanagement unserer „Leiterin“. Angeblich kannte sie die Öffnungszeiten nicht. Weiß sie überhaupt was? Zum Beispiel die Öffnungszeiten für das Lenin-Mausoleum? Oder eben für die Cosmos-Halle? Nein, weiß sie nicht. Auch auf viele Fragen der Mitreisenden ging sie nicht ein oder antwortete ausweichend. Mein Bereitschaft, sie mit Trinkgeld zu beglücken, schwand stündlich. Danach hatten wir eine weitere Stadtrundfahrt vor uns. Der Fahrer von gestern wurde übrigens ausgetauscht. Nur, weil er sich verfahren hat? Wir werden es nie erfahren. Wir sahen viele schöne Gebäude, zum Teil mit historischen Hintergrund. Was man halt so in einer Großstadt braucht. Außenministerium, Amerikanische Botschaft, Oper, Theater,  KGB etc.

Die beiden waren auch da. Leider nur aus Pappe.

Wir parkten an einer angeblichen Einkaufsstraße. Tatsächlich ist es wohl eher eine Touristenstraße. Viele Lokale, unter anderem das „Hard Rock Café“, viele Kunstläden und alternative Unterhaltungsmöglichkeiten. Dazu Dutzende von Malern und Zeichnern, die die Straße im Wechsel mit Musikgruppen bevölkerten. Die Straße war wie überall extrem sauber, was unter anderem daran lag, dass pausenlos Reinigungswagen mit Druckwasserdüsen den Staub wegwischten. Ich habe mein Mittagessen im Hard Rock Cafe echt genossen.

Damit war Juri Gagarin schon mal auf dem Mond.

Und dann war es auch schon vorbei mit Moskau. Wir haben kaum was gesehen, aber doch einen ganz guten Eindruck bekommen. Es ist halt eine Großstadt. Eine Weltstadt. Ein bisschen sehr ruhig zwar, aber dafür sauber und ordentlich. Keine Kritzeleien an den Wänden, keine Bettler, kaum Junkies, Ein glückliches Volk? Das kann ich nicht beurteilen. Die aktuellen Demonstrationen lassen hoffen, dass es einen Willen zu Veränderungen gibt. Hoffentlich bleibt es friedlich.

Wir fuhren zur Anlegestelle. Ab hier sollte die Reise mit einem Fluss-Kreuzfahrtschiff weitergehen. Die „MS RUSS“ wurde wohl schon in den Achtziger-Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut, seitdem aber viel Male umgerüstet und modernisiert. Sie fasst genau die etwa 300 Passagiere, die Trendtours für den Trip zusammengekarrt hat. Seit 2017 ist die russische Reederei Partner der Frankfurter Firma. Von Ende Mai bis in den Oktober schippert der Kahn die Wolga rauf und runter, im Konvoi mit bis zu sieben weiteren Schiffen dieser Art, die von anderen Agenturen bestückt werden. Meist mit Chinesen. Wie viele Schiffe insgesamt die Wolga hoch- und runterfahren, war nicht rauszufinden.

Helden der Arbeit.

Wir konnten also einsteigen. Die Koffer wurden von den Matrosen direkt vor die Zimmer gebracht. Sagte ich „Zimmer?“. Schon mal falsch. Es sind Kabinen, eigentlich eher „Kabinchen“ oder bessere Schlafkojen. Mein Domizil war genau zwei Meter breit und drei Meter fünfzig lang. Das musste für mein Bett (90 cm breit), einen Schrank, eine Ablage und ein Winzig-Bad reichen. Die Dusche war direkt vor dem Waschbecken angebracht. Ein Vorhang schützte die Toilette vorm Wasser, aber der Rasierapparat und alles Andere am Waschbecken wurden natürlich mitgeduscht. Ich glaube, selbst Schwerverbrecher haben eine komfortablere Zelle als die Reisenden auf diesem Schiff. Und ich hatte ja sogar eine Einzelkabine gebucht! Die Doppelzimmer waren zwei Meter dreißig breit, was den persönlichen Aktionsradius bei zwei Reisenden aber auch nicht sonderlich erweiterte.

Diese Kirche war mal bedeutend größer.

Egal, der Mensch gewöhnt sich an alles. Das Fenster ließ sich immerhin öffnen, um den etwas miefigen Geruch zu neutralisieren. Leider ließ sich ein offenes Fenster auch von außen von der Reling aus öffnen, was die Sicherheit meiner bescheidenen Schätze (wie iPad oder Macbook Air) dann doch etwas einschränkte. Einen Tresor gab es nicht.
Das Bett war ultrahart und zur Kabinenmitte hin durchgelegen. So langsam fürchtete ich mich vor der Nacht. Dass meine Kabine nur wenige Meter neben der Panorama-Bar lag, tröstete nur wenig.

Aber erst einmal wurden wir alle ganz herzlich begrüßt. Vom Kapitän, der nur russisch sprach, und den ganzen wichtigen Leuten an Bord. Man hatte uns mal wieder in Gruppen unterteilt. Ich gehörte zur Gruppe zwei von insgesamt sechs Gruppen. Und mit dieser Festlegung wurde uns auch gleich der Tisch zugeteilt, an dem wir uns die Speisen zu Munde führen sollten. Gruppe 2, Tisch 9. Keine Änderung möglich. Wir sind halt in Russland.

Die Leiterin der Reederei, Olga, machte bei ihrer Vorstellung eine in jeder Hinsicht gute Figur. Auch unsere Gruppenleiterin Anja machte einen souveränen Eindruck. Überhaupt war das gesamte Personal von ausgesuchter Freundlichkeit. Die meisten Mitarbeiter sprachen eine durchaus akzeptables Deutsch.
Nachdem wir alle in unseren Kabinen untergebracht waren, ging es weiter mit einer Informationsstunde im „Versammlungsraum“. Da dieser Raum nur maximal 150 Personen fasste, musste Olga ihren Vortrag (und auch alle späteren) zweimal halten. Wir wurden informiert, dass es extrem wichtig sei, die Fenster vor Einbruch der Dunkelheit zu schließen, um einer derzeit grassierenden Mückenplage zu entgehen. Wir lernten alles über das Verhalten bei Landgängen und wurden ermahnt, alle Zeiten pünktlich einzuhalten. Im letzten Jahr hätten zwei Deutsche nach einem Landgang das Schiff nicht mehr pünktlich erreicht und mussten daher mit einem nachfolgenden Schiff hinterherfahren. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn es sich bei diesem Schiff nicht um ein Schiff voller Chinesen gehandelt hätte. (Hier kam ein großer Lacher. Ich habe wirklich nichts gegen Chinesen, aber in großen Gruppen sind sie schon sehr anstrengend)

Da fährt gerade die Transsibirische Eisenbahn drüber. Echt!

Nach dieser Informationsstunde gab es dann auch noch eine Sicherheitsübung. Alle Passagiere mussten in Ihre Kabine gehen und sich die Schwimmweste anziehen, die sich unter den Betten befand. Das Personal checkte dann, ob alle sich richtig angeschnallt hatten (was bei vielen übrigens nicht klappte) und erklärte uns dann für „gerettet“.

Und dann war auch schon Zeit für das Abendessen. Ich hatte aus alten Erfahrungen damit gerechnet, dass man uns – wie üblich – ein üppiges Buffett aufbauen würde, dass wir Ruck-Zuck gestürmt und geleert hätten, um uns dann das weitere Bordprogramm einzupfeifen.
Dem war nicht so. Wir wurden bedient wie im 5-Sterne-Lokal. Mit einem Essen wie im 5-Sterne-Lokal. Mit Getränke-Preisen wie im 5-Sterne-Lokal. Vorspeise, Suppe, Hauptgericht, Nachtisch. Und das Beste: Bei allen Kategorien konnte man aus zwei bis drei Varianten auswählen. Selbst Veganer kamen auf ihre Kosten. Und damit die Küche nicht große Mengen wegwerfen musste, hatte man hier an Board eine sehr clevere Idee: Wir Gäste mussten immer am Vortrag in einem Formular ankreuzen, was wir am nächsten Tag gerne essen wollten. So musste die Küche nicht unnötig Gerichte vorhalten, die sowieso keiner wollte. Das Ausfüllen dieses Formulars war leider für eine Tischnachbarin nicht trivial. Sie hat das Prinzip nicht verstanden. Ich habe dann gerne ausgeholfen.

Unser täglicher Speiseplan (wechselnd).

Nach dem hervorragendem Abendessen ging das Programm dann natürlich noch weiter. In der Panoramabar spielte eine ältere Dame lustige Weisen auf dem Klavier, und unser Speisesaal wurde zur Disco umgebaut. Ich habe mich mit meiner elektronischen Schreibhilfe unter Zuführung einiger Winzig-Portionen weißen Weines in die Bar gesetzt und diese Zeilen verfasst.
Danach auf meiner Pritsche eine schwierige Nacht verbracht. Bei jeder Drehung bin ich irgendwo angestoßen. Lange Paranoia wegen Mücken, die eventuell doch eingedrungen sein könnten.
War aber nix.
Nettoschlafzeit höchstens 5 Stunden.

Der vierte Tag

Das Frühstücksbuffet an Board der „MS RUSS“ war zwar nicht überbordend, aber dennoch ausreichend und lecker. Das Schiff hatte über Nacht schon einige Meilen abgearbeitet und dabei sechs Schleusen passiert. Von der Mündung der Wolga bis zu zu ihrem Ende im Kaspischen Meer, etwa 3300 km, müssen rund 220 Meter Höhenunterschied überbrückt werden. Wir fuhren allerdings „nur“ 1318 km weit. In der gar nicht so guten alten Zeit, ohne die Stauseen, vertrocknete der Fluss im Sommer, so dass Zwangsarbeiter die Holzschiffe über das Flussbett ziehen mussten. Stalin war es wohl, der den Auftrag gab, das Problem mithilfe von Stauseen zu lösen. Das bedeutete aber auch, dass zigtausende von Häusern umgesiedelt werden mussten, weil sie sonst unter dem Wasserspiegel gelegen hätten. Der Bau der Schleusen wurde von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen durchgeführt, die dabei auch gleich ihr Leben ließen. Besonders zimperlich war Stalin bekanntlich nie.

Um elf Uhr erwartete uns zunächst ein Vortrag über die bevorstehende Reiseroute. Im Versammlungssaal erklärte uns die schöne Olga, was wir warum wo sehen würden. Dazu gab es ein paar schöne Bildchen auf der Leinwand, die man für zehn Euro auch anschließend auf DVD gepresst kaufen konnte. Währenddessen spielte die andere Hälfte des Schiffes Bingo.
Und dann war auch schon wieder Mittagszeit. Das Essen war auch jetzt wieder außergewöhnlich gut. Statt mich beim Russisch-Kurs anzumelden, bin ich fauler Sack dann doch lieber wieder zurück in meine Koje gefallen. Das ungewohnte Bett(chen) hatte mich schon ziemlich gerädert.

Um 16:30 erreichten wir dann – nach einer weiteren Schleuse – die Stadt Uglitsch. Unser erster Ausflug stand bevor. Vor dem Verlassen des Schiffes musste man seinen Zimmerschlüssel abgeben und gegen ein Umhängeschild eintauschen, dass uns auch 30 Meter gegen den Wind als Touristen brandmarkte. Auch hier wurden wir wieder in sechs verschiedene Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe bekam eine eigene, sehr gut deutsch sprechende Reiseleiterin. Zu Fuß liefen wir die direkt an der Kaimauer liegende Stadt und besuchten mal wieder eine Kirche, die sogenannte „Demetrius-Kirche“. Ich habe es schon in Moskau aufgegeben, diese ganzen Kirchen und die Gründe ihrer Existenz, deren Glaubensrichtung oder Daseinsberechtigung auseinanderzuhalten. Das würde den Rahmen dieses Blogs auch deutlich sprengen. Und wahrscheinlich passt hier der Spruch: „Kennste Wayne?“ – Nee – „Wayne interessiert´s?“. Die Kirchen in Russland wurden regelmäßig niedergebrannt, wieder aufgebaut, zerstört und neu errichtet. Da blickt doch eh keiner durch. Im Moment wird wieder alles restauriert. Die Bildchen und Fresken gleichen sich sowieso weltweit.
Umso schöner war die Idee der Veranstalter, uns in dieser Kirche ein Konzert darzubieten. Vier Herren mit schönen Stimmen sangen uns zwei wunderschöne russische Lieder. Dann empfahlen Sie uns den Kauf ihrer CDs, was auch bei einigen Mitreisenden einen sofortigen Kaufimpuls auslöste. Unsere coole Stadtführerin erzählte uns noch einige schöne schaurige Geschichten von dem achtjährigen Sohn von Zar Ivan dem Schrecklichen, der schon seinen Zweitgeborenen im Zwist mit seinem Zepter niederstreckte. Der Achtjährige war der Sohn seiner siebten Ehefrau und wurde angeblich im Auftrag von Papa meuchlings ermordet. Es soll dann gleich zwei Typen gegeben haben, die behaupteten, als genau dieser Bub wieder auferstanden zu sein. Alles sehr verwirrend und sicher selbst mit Unterstützung der Bildzeitung nicht mehr aufzuklären. Also schon damals: Alles Fake-News.

Manche Kathedralen bringen ernsthaft Qualen.

Die rund einstündige Führung endete mit Freigang. Sonderlich viel gab es ohnehin nicht zu sehen. Also bleib ich in einem Café hängen, in dem auch Bier ausgeschenkt wurde. Netter Kontakt zu anderen Vielreisenden gefunden. Um 19.15 Uhr mussten wir wieder an Bord sein. Hier tauschten wir unsere Hundemarke wieder gegen unsere Zimmerschlüssel zurück. Das Abendessen wartete bereits auf uns. Motto: „Zurück in die UDSSR“. Will das denn wirklich jemand? Das Essen war trotzdem sehr lecker.
Nach dem Essen verpasste ich den musikalischen Vortrag „Geschichte Russlands in 7 Noten“ mit der Bord-Pianistin Vera. Das waren mir dann doch zu wenig Noten für so viel Geschichte. Auch die „Tanz- und Unterhaltungsmusik“ mit dem bordeigenen Sänger OLEG ließ ich aus. Ich versäumte sogar den gewiss spannenden Film „Gefangen im Kreml – die russischen First Ladies“ im Veranstaltungsraum. Nein, ich setzte mich ins Panorama-Cafe, schrieb an diesem Blog weiter und hatte noch ein paar nette Gespräche mit Mitreisenden von irgendwoher aus Deutschland.
Ach, ganz vergessen: Es gab tatsächlich zwei Frauen auf dieser Tour, die ich aus Bad Homburg kannte! Und zwar die Witwe unseres damaligen Hausmeisters des Kaiserin-Friedrich-Gymnasiums samt ihrer Schwester. Rolf Steinmetz war wohl der beliebteste Hausmeister ever. Noch Jahrzehnte nach meinem Abitur trafen wir uns immer wieder bei allen möglichen Veranstaltungen. Die Welt ist doch wirklich klein.

Gegen 22.00 Uhr in die Kajüte. Noch ein paar Artikel im Spiegel gelesen, dann todmüde ins Bett.

Der fünfte Tag
So langsam kehrte Routine ein. Nach dem reichhaltigen Frühstück wurde im Veranstaltungsraum in täglichem Wechsel alles Mögliche angeboten: Russischkurse, Einführung in die russische Küche, Gesangstunden mit Tanja, russische Märchen und diverse Videovorführungen. In den Zeiten dazwischen wurde gegessen oder in der Bar rumgesessen. Einmal am Tag hatten wir Landgang. Heute ging es nach Jaroslawl. 600.000 Einwohner und mindestens 35 Kirchen, von denen rund ein Dutzend noch in Betrieb sind. Ich erspare mir die Details. Nett wurde es im städtischen Museum. Drei junge Damen in der Kleidung des 19. Jahrhunderts führten uns durch „ihr“ Schloss. Perfekte Darsteller mit sehr guten Deutschkenntnissen. Das Ganze endete im Ballsaal, wo ein kleines Trio, bestehend aus Klavier, Cello und Geige aufspielte. Und nicht nur das. Die drei Grazien forderten uns zum Tanzen auf! Morgens um elf! Wenn sich unsere Museen auch solche Dinge einfallen ließen, würde ich bestimmt öfter mal eins besuchen…
Danach hatten wir noch ein wenig Freigang. Auf einem kleinen Markt erwarb ich „garantiert echte“ Nike-Turnschuhe für umgerechnet 27 Euro. Sie sitzen perfekt.
Nach vier Stunden Landaufenthalt bei strahlendem Sonnenschein ging die Fahrt weiter. An Bord versäumte ich den Kurs „Wir bemalen die russische Holzpuppe Matrjoschka“ und die Anleitung, wie man russische Pelmeni macht, so eine Art Ravioli. Auch die Teezeremonie ließ ich aus, genau wie den Kurs mit den russischen Tänzen. Selbst das Konzert mit russischer Volksmusik, dargeboten vom bordeigenen Ensemble „SLAWITSA“, wurde ohne meine Anwesenheit gegeben. Ich interessierte mich auch nicht für die Sonderpreise von Fabergé-Eiern, Ostsee-Bernstein und Lackdosen im Souveniershop des Schiffs noch für den Erwerb der Fotos, die ein fleißiges Fototeam während der ganzen Schiffsreise von uns machte. Auch hatte ich kein Ohr für den DJ des Schiffes, OLEG, der leider alle Titel, deren Texte er ungefähr kannte, auch mitsang oder gar ein Auge für die Filmvorführung „Katharina die Große – Frauen, die Geschichte machten“.
Nein, ich machte rein gar nichts außer Faulenzen und ein bisschen Schreiben. Und essen. Und trinken. Genau. Das war der Fokus.

Eine unserer reizenden Gruppenleiterinnen.

Der sechste Tag
„Zu Gast bei russischen Märchen“ lautete das heutige Motto auf dem Schiff. Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, die Frühgymnastik mit LENA mitzumachen, um „energiegeladen in den neuen Tag“ zu kommen, war ich leider eine halbe Stunde zu spät aufgestanden. Während im Versammlungsraum über russische Ikonen debattiert wurde, war ich einer der letzten am Frühstücksbuffet.
Um 11.00 Uhr erreichten wir die Stadt Goritzy. Auch hier wurden wir wieder von Bussen abgeholt und in ein Kloster gekarrt. Das „Kyrillov-Kloster“ ist wohl sehr berühmt, aber stinklangweilig. Auch hier erwarteten uns wieder ein paar Sangesbarden, um uns zwei Liedchen vorzusingen. Große Kunst – Perlen vor die Säue geworfen. Wir Kunstbanausen konnten die Leistung kaum würdigen.
Bei der Rückkehr zum Bus fing es plötzlich an wie aus Eimern zu gießen. Meinen Schirm hatte ich längst irgendwo verloren. Aber so eine frühe Dusche macht ja auch wach. Rund ums Schiff Dutzende von Verkaufsständen für den üblichen Schnick-Schnack.
Beim Mittagessen großes Entsetzen: Meine Tischnachbarin hatte am Vortag den Menuzettel falsch ausgefüllt und bekam jetzt weder eine Vor- noch eine Hauptspeise. Nur ihr Mann durfte essen. Wir anderen hatten das zwar vorher bemerkt und beschlossen, sie auflaufen zu lassen, getreu dem Motto: „Nur durch Fehler kannst Du lernen“! Hat sie leider nicht. Am nächsten Tag kreuzte sie wieder völlig planlos alles Mögliche an, nur nicht die Gerichte für sie oder ihren Mann.
Nach dem Mittagessen hätte ich gerne eine Gesangsstunde bei TANJA und KIRA genommen, aber die beiden waren nicht auf Männer eingestellt. Und „Sopran“ singe ich schon lange nicht mehr. Ich hätte mir alternativ russische Märchen anhören oder das Video „Schlafend zum Baikalsee – 7500 km mit der sibirischen Eisenbahn“ anschauen können. Stattdessen bekam ich mehr oder weniger plötzlich böse Schmerzen im linken Handgelenk. Ich konnte die Hand nicht mehr nach links drehen und nur unter großen Schmerzen irgendwas anfassen. Wie sich später herausstellte, hatte ich mir doch tatsächlich aus heiterem Himmel eine Sehnenscheidenentzündung eingefangen. So konnte ich beim Konzert unseres Bordensembles „SLAWITZA“ gar nicht mitklatschen. Und auch der geplante Tanzabend MIT UNSEREN BORDBEGLEITERINNEN (!) beschränkte sich auf einen Tanz, den ich zudem gleichzeitig auf Video aufnahm. Und zwar zur atemlosen Musik von Helene Fischer, die ja bekanntlich aus Russland stammt.
Sicherheitshalber dann gleich ins Bett. Im Bordradio lief ein literarisches Werk von Alexander Puschkin, „Schneesturm“, vorgelesen von „DMITRIJ“ – mit musikalischer Untermalung. Zum Glück kann man den Lautsprecher abstellen.

Der siebte Tag
Gleich nach dem Frühstück habe ich die Bordärztin aufgesucht. Die Ferndiagnose meiner Schwester stimmte zu 100%. Sehnenscheidenentzündung. Behandlung mit Ibuprofen und Diclofenac-Salbe. Handgelenk mit Verband fixiert. Ist schon besser geworden. Der Arztbesuch kostete 2500 Rubel, also rund 35 Euro. Die Verwaltungsarbeit für die Rechnung dauerte länger als die Behandlung.
Danach wartete wieder ein Vortrag der schönen Olga auf uns. Im vollbesetzten Veranstaltungsraum erzählte sie uns alles über Russland, was wir nicht zu fragen wagten. Ich hoffe, ich bekomme die ganzen Facts noch zusammen.

Also, Russland ist das größte Land der Erde, 47 mal so groß wie Deutschland übrigens. Während bei uns 22 Menschen pro Quadratkilometer leben, sind es in Russland gerade mal acht. Insgesamt hat das Land mit seinen 22 Republiken (von denen die KRIM die jüngste ist) insgesamt 145 Millionen Einwohner. Es gibt zwar 11 Zeitzonen, aber nur noch die Sommerzeit. Die 22 Republiken haben übrigens eigene Gesetze.
Olga ließ es sich auch nicht nehmen, dass sie die Annektierung der Krim für richtig hält. 90% der Krim-Bevölkerung hätten immerhin für den Anschluss an Russland gestimmt.

Der Baikalsee ist der größte Süßwassersee der Welt. Der längste Fluss heißt Lena und ist 4400 km lang. Die Staatsgrenze sogar 58.000 km. Die Wälder Russlands sind doppelt so groß wie der Amazonas. Die Temperaturen reichen von – 70 Grad (in Sibirien) bis hin zu + 45 Grad.
Dreiviertel aller Russen wohnen in Städten, weil man auf dem Land keine Arbeit findet. Die größte Stadt mit geschätzten 15 Millionen Einwohnern ist natürlich Moskau. Übrigens wohnen auch noch immer rund 300000 Deutsche in Russland.
Die Durchschnittsrussin bekommt 1,6 Kinder. Das ist zu wenig. Daher gibt es z.B. für das zweite Kind eine Prämie von umgerechnet 6000.- Euro, die kindesbezogen zu verwenden ist. Beim dritten Kind zeigt sich der Staat besonders großzügig: Dann schenkt er seinen Untertanen ein Grundstück! Land ist ja genug vorhanden…

Die Kids kommen mit drei Jahren in den Ganztags-Kindergarten. Der kostet inkl. Essen und Trinken nur 30.- Euro pro Monat. Und hier lernen die Kinder schon früh Fremdsprachen, Lesen und Schreiben. Zur Einschulung mit sechs oder sieben Jahren muss man das nämlich schon können!

Die Arbeitslosenquote liegt bei offiziellen 2,4%, ist in Wirklichkeit aber bedeutend höher. Da man auf sein Einkommen generell nur 13% Steuern zahlt sowie 36% für Rente, Wohnen und sonstige Abgaben, werden viele Gehälter doppelt bezahlt: Einmal offiziell zum Mindestlohn und dazu ein Umschlag mit zusätzlichen Scheinchen, die nicht versteuert werden. Weiß jeder, ist dem Staat wohl egal. Es kümmert sich niemand darum. Der Mindestlohn beträgt umgerechnet 100.- Euro, der Durchschnittsverdienst 500.- Euro. Alle arbeitsfähigen Russen haben mehrere Jobs, um über die Runden zu kommen. Aber trotz der Steigerung aller Einkommen ist der Realverdienst sogar gesunken.
Olga erzählt, dass sie 5 Monate im Jahr auf diesem Schiff arbeitet – ohne Pause, ohne einen einzigen freien Tag. Ihre Tochter wohnt derzeit bei den Großeltern, ob es denen passt oder nicht. Das hat noch einen Vorteil: Auf dem Land gibt es kaum Internet, sodass ihre Kleine lieber im Freien spielt als auf ein Handy zu glotzen.
Abgeordnete verdienen übrigens deutlich mehr: Offiziell ist von umgerechnet 6500.- Euro monatlich die Rede; inoffiziell dürften es noch ein paar Euro mehr sein.
Die Rente beträgt gerade mal 200.- Euro. Das Rentenalter wurde neulich angehoben: Bei Männern auf 65 Jahre, bei Frauen auf 60 Jahre. Das klingt moderat, aber der russische Mann lebt leider statistisch nur 67,5 Jahre. Frauen werden 77 Jahre alt, wodurch in Russland ein Überschuss von rund 10 Millionen Frauen vorhanden ist.
Das Leben ist billig. Eine gemietete 3-Zimmer-Wohnung kostet z.B. nur 45 Euro Miete. 87% aller Russen haben allerdings eine eigene Wohnung. Früher wurden die Wohnungen vom Staat verschenkt, heute kommt man nur noch durch eine Erbschaft dran. Wer das Glück hat, eine Wohnung kaufen zu dürfen, zahlt etwa 20.000 Euro für eine 60qm-Wohnung im Umland von Moskau. Bei 10-12% Immobilienzinsen ist das allerdings auch nicht gerade günstig. Noch immer wohnen daher in der Regel drei Generationen in einer Wohnung. Für den Sommer besitzt fast jeder Russe eine „Datscha“ irgendwo im Grünen. Mehr als umgerechnet 3000.- Euro kostet sie selten. Während der dreimonatigen Sommerferien verbringt die Familie dort die Zeit mit den Großeltern. Jeder hat seinen eigenen Gemüsegarten und lebt so relativ autark.
Olga beendete ihren Vortrag mit der Feststellung, dass alle Russen sehr gastfreundlich seien, nur lachen würden, wenn es einen Grund dafür gäbe und sich ansonsten aus der Politik heraus hielten.

Chorprobe auf dem Schiff.

Danach hätte ich die Chance gehabt, mit „LENA“ und „ANJA“ alles über Line-Dancing zu Country-Musik zu lernen. Ich habe dankend verzichtet. Leider habe ich auch den Besuch der Brücke verpasst, der mich sogar interessiert hätte. Das Schiff, die MS RUSS, wurde 1987 gebaut, und zwar in der damaligen DDR. Ein Video über die Museumsinsel „KISCHI“, die wir am Nachmittag besucht haben, fand ebenfalls ohne mich statt.
Um 15:30 Uhr erreichten wir den nördlichsten Punkt unserer Reise, eben die Museumsinsel KISCHI. Sie steht unter dem Schutz der UNESCO und gehört zum Weltkulturerbe. Es gibt dort keine Autos; Rauchen ist verboten, und man sollte festes Schuhwerk dabei haben. Meine neuen Nikes waren dafür wie geschaffen. Was gab es zu sehen? Nun, vor allem alte Häuser und natürlich alte Holzkirchen. Eine reizende einheimische Reiseleiterin, die perfekt deutsch sprach, führte uns rund zwei Stunden über die Insel. Sie wohnt sogar selbst dort. Wir konnten einen Zimmermann beobachten, der – nur mit einer scharfen Axt bewaffnet – eine Dachschindel aus Birkenholz für die Kirche herstellte. Er trug keinerlei Schutzkleidung, sodass man leider sehen konnte, dass er sich im Laufe seines Lebens bereits zwei Finger abgehackt hatte. Aber für die Kirche macht man ja bekanntlich alles.

Kaum, dass wir wieder an Bord waren, schlug das Wetter um, aber das störte uns ja wenig.
Das Schiff war inzwischen von Piraten gekidnappt worden. Das bedeutete, dass sich unsere Betreuer, alles übrigens Studenten und Studentinnen aus Moskau, als Piraten verkleidet hatten und ein bisschen Radau machten. Alles sehr zahm, unserem Klientel angepasst.

Unser Klientel. Mhm. Ich gehörte eigentlich nicht zu diesem Klientel. Ich saß – außer am Essenstisch, dessen Sitzordnung ja vorgegeben war, meist allein an der Bar oder an Deck. Mit gerade mal drei anderen Paaren hatte ich einen etwas ausführlicheren Kontakt, aber 90% der Mitreisenden waren mir schnurzpiepegal. Das waren alles Liebhaber deutscher Schlager, politisch eher rechts angesiedelt, bieder und altbacken gekleidet und meist sehr einfach gestrickt. Vor allem einige ältere allein reisende Damen hielt ich streng fern von mir, sehr zu deren Kummer. OK, ich höre den Aufschrei schon jetzt, aber es war wirklich so. Und nein, ich bin nicht nach Russland gefahren, um mir eine Frau aus dem Katalog auszusuchen.

Das Abendprogramm sah noch ein „Piratenspiel“ vor, bei dem zwei Mannschaften ein paar Fragen beantworten und ein Glas Bier schnellstmöglich austrinken mussten.
In der größeren der beiden Bars dann wieder „Klaviermusik mit VERA“. Sie hat zwar schöne Stücke im Repertoire, steht aber offensichtlich mit ihren Fingern auf dem Kriegsfuß. Wie man als angeblicher Profi so falsch spielen kann, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Heute hatte VERA sogar zusätzlich ein Keyboard mitgebracht. Das erhöhte bei ihr den Stress ganz ungemein. Denn natürlich kamen ihre Finger nicht mit dem Rhythmus mit, den das eingebaute Schlagzeug vorgab. Und so hing sie ständig zwei bis drei Akkorde hinterher, um sich am Ende dann doch wieder einzuholen, damit der Schlussakkord wieder stimmte. Das Publikum hat das alles anscheinend nicht gestört, denn sie wurde beklatscht wie ein Weltstar.
Ich saß an der Bar und spielte SUDOKU, Expertenstatus.

Der achte Tag
Uns sollten heute 24 bis 26 Grad Sonnenschein erwarten. Bevor wir unser letztes Ausflugsziel, Mandrogi, erreichen sollten, wurde uns im Veranstaltungsraum das Video vorgeführt, das ein Fototeam während unserer Reise gedreht hatte. Nun, zumindest alles, was bisher geschah, denn dieser Tag und vor allem St. Petersburg standen uns ja noch bevor. Wie ich mir schon dachte, hatten die beiden Filmemacher einfach ein vorgefertigtes Video genommen und an bestimmten Stellen einfach unsere Leute reingeschnitten. Dazu die übliche russische Musik und sehr viel Blenden, hunderte von Blenden. Ich bin dauernd eingenickt und habe den Film nicht gekauft. Als DVD hätte er 30.- Euro gekostet, als USB-Stick sogar 38.- Euro. Ich selbst war sowieso nur zweimal kurz zu sehen, da ich den Knipsern meist aus dem Weg gegangen bin. Die rund 2000 Fotos, die sie von uns machten, habe ich mir nicht einmal angesehen.

Nun zur Insel Mandrogi. Man nennt sie den „Grünen Ableger“. Es handelt sich um ein Freizeitreservat mit einem See, Pferden, einem Wodkamuseum, einem Kindergarten, ein paar Wohn- und Ferienhäusern und einer megagroßen Grillstation. Ach so, fast vergessen: Abermillionen von Souvenirs harrten ihres Kaufs. Bei so viel Natur fühlten sich vor allem auch Wespen und Mücken besonders wohl. Da es nichts zu erklären gab, durften wir die Wildnis auf eigene Faust erkunden. Ich bin dann also einmal durch das gesamte Gebiet gelaufen und habe mich dann brav zum Mittagessen angestellt. Unser Schiffsteam musste die Tische selbst vorbereiten (Deckchen, Besteck, Teller mit Salat, Kartoffel, Becher Kirschsaft, Brötchen mit Hackfleisch und ein Stück Beerenkuchen). Alles aus Plastik. (Bis auf das Essbare natürlich!) Als Hauptspeise gab es wahlweise Schweine- oder Hähnchenspieß. Dazu musizierte in passender Tracht ein bedauernswertes Musikerensemble im Sklaveneinsatz. Denn wir waren ja nicht die Einzigen, die die unberührte Natur erleben wollten. Inzwischen waren bereits drei große Schiffe gelandet, um mit ihren rund 1000 Touristen die kleine Insel der Ruhe in ein großes Tollhaus zu verwandeln. Wer hier seinen Urlaub bucht, muss wirklich einen an der Klatsche haben.

Ich habe mich nach dem Essen verabschiedet und in mein Kämmerchen verzogen. Die meisten waren noch im Wodka-Museum, wo man für 400 Rubel bis zu vier Sorten testen durfte.

Es wurde Zeit, dass diese Schifffahrt zu Ende ging. Ich bekam langsam einen Lagerkoller. Egal, wo man hinschaute: Man sah entweder Wasser oder Wald. So ruhig und bequem das alles auch sein mag – mit dem Bus erlebt man mehr. Aber glücklicherweise nahte das Ende. Bis zur Ankunft in Petersburg hatten wir nur noch ein Kapitäns-Abendessen und das „JE-KA-MI“ Abschiedskonzert zu überstehen.

Das Essen war schon mal wunderbar und sehr stimmungsvoll, da sich auch alle Kreuzfahrt-gerecht in feine Schale geschmissen hatten. Die Küche übertraf sich selbst, und der Captain – in einer viel zu großen Anzugjacke – gab jedem Gast persönlich sein Schwitzehändchen. Die schöne Olga bedankte sich bei uns allen für den dollen Umsatz, äh, den tollen Einsatz bei den ganzen russischen Lernkursen an Bord. Und damit auch jeder sehen konnte, was dabei herauskam, wurden wir anschließend in den Veranstaltungsraum geladen, der dadurch aus den Nähten platzte. Der Radio-DJ, der uns über die Bordlautsprecher immer an alle Termine erinnert hatte, leitete die Show. Denn jetzt erfolgte nicht nur ein Konzert mit russischen Volksliedern – nein, sie wurden sogar von den Reisenden selbst gesungen. Eine Sängerin trat auch auf und sang ein – was wohl? – russisches Volkslied. Außerdem hatte die Crew mit einigen Gästen ein lustiges Theaterstück eingeübt, das weniger durch Text als durch Action glänzte. Kurzum, es war sehr kurzweilig und entschädigte für einige langweilige Momente. Um 23.00 Uhr ging es dann in der Bar weiter. VERA klimperte wieder auf dem Klavier und wir Gäste ließen uns die Reise noch mal durch den Kopf gehen. Ich war dann der Vorletzte, der ins Bett ging. (Die Letzte war Tatjana, die Bedienung).

Der neunte Tag
Nun hieß es „Schiff Ade“. Dazu gehörte die Begleichung der Rechnung, das Zurückfordern des Reisepasses, die Abgabe des Zimmerschlüssels und des Trinkgeldes in einem verschlossenen Umschlag sowie eines Bewertungsbogens – nur für das Schiff, bzw. das Personal. Ich konnte hier nur Höchstnoten geben. Ab 9.00 Uhr standen die Busse bereit. Wir wurden allerdings in neue Gruppen eingeteilt. Ab sofort war ich in Gruppe 5. Das war die Gruppe, die in Sankt Petersburg keine zusätzlichen Ausflüge gebucht hatte; knapp 40 Leute.

Der erste Eindruck vom Hafen aus war nicht so dolle. Hochhäuser wie in Moskau, Schnellstraßen und schlechte Luft. Das änderte sich allerdings schnell, je näher wir in die Innenstadt kamen. Da die Zimmer in unserem Hotel um diese frühe Zeit noch nicht belegt werden konnte, begannen wir direkt mit einer Stadtrundfahrt. Leider blieben wir fast nirgendwo stehen, denn was wir sahen, war schon sehenswert. Nicht umsonst nennt man St. Petersburg das „Venedig Russlands“. Die Stadt besteht aus rund 35 Inseln, die mit über 600 Brücken verbunden sind. Und im Gegensatz zu Venedig sind hier die Häuser nicht vergammelt und kurz vorm Zusammenbrechen, sondern aufwändig restauriert und picobello in Schuss. Und zwar JEDES Haus, ohne Ausnahme. Bei 5 Millionen Einwohnern kommen da ein paar Häuser zusammen. 

So schön sind hier fast alle Häuser.

Unsere neue Reiseleiterin war extrem schusselig. Vor der berühmten Eremitage, die wir natürlich zielstrebig ansteuerten, dauerte es fast eine Stunde, bis sie unsere Gruppe mit Kopfhörern versehen hatte. Ein Teil der Leute verschwand immer mal wieder auf der Toilette. Das ist eigentlich kein Problem. Aber vor dem Hintergrund, dass St. Petersburg täglich von mindestens 100.000 Touristen überfallen wird, von denen ganz sicher mindestens 10.000 in die Eremitage rennen, ist es schon nicht blöd, die Leute zusammenzuhalten. Da außerdem auf dem großen Platz vor dem Museum gerade sehr lautstark für eine Fernsehsendung geprobt wurde, die leider erst am Sonntag stattfinden sollte, gab es gar keine andere Möglichkeit, als sich über Funk zu unterhalten. Leider funktionierte die BlueTooth-Anlage nicht. Erst als ich der Reiseleiterin erklärte, dass sie den Stecker ihres Mikrofons in den Sender stecken müsste, waren endlich alle auf Empfang. Und so rannten wir dann durch eins der größten Museen dieser Welt. Ich sah Rembrandts, Michelangelos, Tizians – alle im Original. Wenn auch nur sekundenweise. Die rund 30.000 Quadratmeter des Museums mit seinen Hunderten von Ausstellungshallen beherbergt so viele Kunstwerke, dass man 11 Jahre bräuchte, um sie wenigstens alle einmal kurz angeschaut zu haben. Das hat irgendjemand ausgerechnet, der sich damit auskennt. Ich also nicht. Die Klimaanlage des Museums drehte im roten Bereich, ohne die Säle ausreichend abkühlen zu können. Bei inzwischen 26 Grad im Freien kam man sich in manchen Sälen wie in einer Sauna vor. Und wem hat St. Petersburg dieses Museum zu verdanken? Einer Deutschen! Katharina die Große heiratete damals einen gewissen Peter. Nach seinem Tod wurde sie selbst Zarin, ihre Tochter dann auch noch. Danach war aber Schluss mit den weiblichen Zarinnen; ab dann wurden wieder Herren ins höchste Amt gewählt. 

Noch so ein alter Kasten (Im Hintergrund…).

1703 wurde St. Petersburg gegründet. Sehr schnell war es die Hauptstadt Russlands. Moskau war es erst viel später. Wer jetzt von mir erwartet, dass ich in ein paar lockeren Zeilen die Geschichte Russlands erzähle, wird enttäuscht sein. Ich habe versucht, mich reinzulesen, aber es spielen einfach zu viele Personen mit. Und es gab zu viele Kriege. Ein paar tausend Seiten mit einschlägiger Literatur bringt den Leser sicher weiter als mein Versuch, das alles unter einen noch verständlichen Hut zu bringen.
Nach der Eremitage wurden wir wieder ins Hotel gefahren. Das bedeutete, dass für mich der Rest des Tages frei war, denn ich hatte keine abendliche Bootsreise gebucht. Ich dachte mir, nach 5 Tagen Schiffchen fahren hätte ich davon die Nase voll. Ich erkundete lieber zu Fuß die Gegend rund um das Hotel „Moskau“, in dem wir untergebracht waren. Das größte Hotel am Platz. Voll mit Deutschen und Chinesen, was sonst. Da rund um das Hotel nicht viel zu sehen war, legte ich mich ein bisschen hin. Um 18.00 Uhr wurden wir ja schon wieder zum Abendessen gerufen. Und das war dann doch ein Schock. Der Speisesaal ist in etwa so groß wie ein Fußballstadion. In der Mitte gibt es eine Bühne mit einer extrem hellen Videoleinwand, vor der ein russisches Orchester russische Volksmusik spielte. Leider sehr laut. Das wäre gerade noch durchgegangen, wenn nicht auch noch vier Mädels so alle 10 bis 15 Minuten auf die große Bühne gekommen wären und beim Ausüben irgendwelcher historischer Hoppsereien schrille Quietschlaute von sich gaben, die leicht mit Alarmsignal eines Feuermelders verwechselt werden könnten. An Unterhaltung war nicht zu denken. Zu allem Überfluss waren auch noch alle Chinesen zum Essen erschienen. Da wir keine festen Plätze hatten, mussten wir notgedrungen die chinesisch-deutsche Gastfreundschaft aufleben lassen. Wegen sprachlicher Inkompetenz auf beiden Seiten blieb es aber beim Versuch. Verständlicherweise gab es in diesem Speisesaal keine servierten Gerichte, sondern ein Buffett, das genauso langweilig schmeckte wie immer. Also ab ins Zimmer und den neuen Spiegel runter geladen. Dazu ZDF eingeschaltet. Das Bild begann zu flackern, setzte immer häufiger aus und verabschiedete sich dann ganz. Schuld war nicht das Programm, sondern ein plötzlich einsetzendes Unwetter, bei dem hektoliterweise Regen in die Stadt prasselte. Wie schön, dass ich auf die Bootsfahrt verzichtet hatte…

Der zehnte Tag
Dies sollte unser letzter Tag in dieser wirklich schönen Stadt sein. Der Regen hatte sich bis zum nächsten Morgen abgeregt, und so gab es keinen Hinderungsgrund, unsere letzte Stadtbesichtigung zu absolvieren. Unsere Gruppe war auf 22 Leute geschrumpft, weil ein größerer Teil nicht pünktlich zur Abfahrt da war. Diesmal hatten wir eine sehr pfiffige Reiseführerin, die ein ausgezeichnetes Deutsch sprach und sehr schön sarkastisch sein konnte. Im Grunde genommen fuhren wir dieselbe Strecke wie gestern ab; nur blieben wir diesmal überall stehen und konnten Fotos machen. Das Wetter war traumhaft schön und die Straßen mit Touristen übervölkert.

Mit dem Boot durch Petersburg. Gleich regnet´s!

Gegen Mittag wurden wir vor die Wahl gestellt, zurück ins Hotel gefahren zu werden oder auf eigene Faust weiter zu machen. Ich blieb natürlich in der Stadt. In einem Restaurant mit Tischen am Straßenrand bestellte ich gegrillten Lachs, der köstlich mundete. Rund 5 Kilometer lief ich danach vom Zentrum ausgehend zunächst in die falsche Richtung. Ich hatte das Hotel am anderen Ende der Straße vermutet. Da dem nicht so war, lief ich als die komplette Hauptstraße wieder zurück. Und da es so schön war, die Leute so nett und sich alles so harmonisch fügte, kaufte ich mir dann doch ein Ticket für eine Bootsfahrt. Und es war wie verhext: Nach zehn Minuten Bootsfahrt kippte das Wetter um und es begann zu nieseln. Zum Glück dauerte der leichte Regen nur ein paar Minuten – die Bootsfahrt aber 1,5 Stunden. Danach war es auch schon Zeit für das Hotel. Da der Abend ebenfalls programmfrei war, nutze ich nach dem Abendessen einen netten kleinen Sitzplatz in der Hotelbar mit Blick ins Freie, um diesen Blog zu Ende zu bringen. Zu Ende? Ja, das war’s! Am 11. Tag erfolgte nur noch der Rückflug nach Frankfurt. Und auch da hatte ich Glück, da „mein“ Flieger erst um 14.00 Uhr startete. Andere Gäste flogen schon sehr früh ab, teilweise um drei Uhr morgens. Manche mussten, um nach Düsseldorf zu kommen, über Moskau fliegen. Und auch die Leipziger mussten erst nach Frankfurt. Es ist doch schön, in so einer zentralen Stadt wie Frankfurt zu wohnen…

Und noch ein Selfie. Jetzt weiß ich ja endlich, wie das mit dem iPhone funktioniert. Leider waren das auch alle Fotos, die ich gemacht habe. Dafür gibt´s aber noch ca. 1,5 Std. Videomaterial in 4K-Auflösung. Sobald der Film geschnitten ist, füge ich hier einen Link ein. Videos kann man in diesem Programm zu meinem größten Bedauern nicht hochladen

Das Fazit.

Das Fazit ist diesmal ganz besonders schwer. Die Reise war perfekt organisiert – das muss man Trendtours lassen. Weniger gut waren die Ausflüge in Moskau durchdacht. Und die 5 Ausflüge vom Schiff aus waren auch nicht alle wirklich sinnvoll, aber es gibt da nun mal nichts anderes.

Für St. Petersburg hätte ich mir noch mindestens einen regulären Ausflug mehr gewünscht, weil wir sonst doch zu viel Freizeit hatten. Glücklicherweise lässt sich diese hier aber wunderbar totschlagen, sodass ich dieses Argument schon wieder zurückziehe.

Das Schiff hatte zwar sehr kleine Kabinen, war aber ansonsten absolut in Schuss. Das Personal und vor allem die Praktikanten-Studenten sorgten dafür, dass immer alles perfekt klappte. Diese ganzen Russisch-Kurse, die Tanzübungen oder was auch immer da gewurschtelt wurde, finde ich für mich persönlich unwichtig, aber sie könnten für andere Reisende sehr einladend wirken. Das Essen auf dem Schiff war so was von hervorragend, dass ich noch jahrelang davon schwärmen werde. Und trotz der vielen Mahlzeiten habe ich in Russland sogar ein halbes Kilo abgenommen!

Das Hotel in Moskau war ein hässlicher alter Bau mit viel zu vielen Zimmern. Das Hotel in St. Petersburg war ebenfalls das größte in der Stadt mit allen Nachteilen so eines Massenbetriebs. Zum Glück waren wir hier ja nur jeweils zwei Nächte.

Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich mit einem nicht unerheblichen Teil meiner Mitreisenden fremdelte. Es ist halt nicht einfach, mit anderen Leuten auf einer Welle zu sein. Schon gar nicht, wenn die eigene Welle gegen den Strom schwimmt. Jeder hat seine Daseinsberechtigung und niemand zwingt mich, mit allen anderen gut Freund zu sein. Ich glaube, mit dieser Einstellung muss ich leben.
Um zu Schluss aber nun wirklich zur wichtigsten positiven Erfahrung zu kommen, die diesen Urlaub ohne wenn und aber lohnenswert gemacht hat, dann ist es der Kontakt zu der russischen Bevölkerung. Nun gut, wir hatten eigentlich nur Kontakt zu Russen, die in irgendeinem direkten Zusammenhang mit unserer Reise standen. Die „russische Seele“ zu ergründen, dürfte in einem so kurzen Zeitraum unmöglich sein. Sicher ist aber, dass niemand Angst vor „den Russen“ haben sollte. Sie sind ein wirklich sehr, sehr freundliches Volk, das nichts anderes als seinen Frieden will. Die Leute haben seit der Wende ein komplett anderes Leben kennengelernt. Wo früher alles in Grau und Schwarz/Weiß getaucht war, erstrahlen die Städte jetzt in farbenfrohem Glanz. Hier leben glückliche Menschen, die sich freuen, endlich auch ein wenig vom Wohlstand abbekommen zu haben. Hier will ganz sicher niemand in einen Krieg ziehen.

Inwieweit das für Politiker gilt, vermag ich nicht zu sagen.

Rainer Maria Ehrhardt
29. Juni 2019
info@rme.de

2 Gedanken zu „Von Moskau bis Sankt Petersburg“

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