Rhodos und Türkei

„Der Zuckerhut in Rio besteht aus Augengneiß“.

Das hätten Sie nicht gewusst, wetten? Ich weiß sowas. Ich hatte mal einen Erdkundelehrer, der die Welt in leicht zu merkende Sätze einteilte. Einer davon war der Zuckerhut, der aus Augengneiß besteht. Ich habe zwar keine Ahnung, woraus Augengneiß besteht, aber das ist ja auch egal. Es reicht ja zu wissen, dass der Zuckerhut in Rio daraus besteht. Mit so einem unglaublichen Detailwissen könnte ich glatt bei Günther Jauch mitmachen, aber da würde ich wahrscheinlich bei den ganz leichten Fragen rausfliegen. Also versuche ich, mein unglaubliches Detailwissen überall dort anzubringen, wo man sich nicht traut, mir zu widersprechen. Immerhin habe ich Abitur.

Ich schreibe das nur, weil ich die geneigten Leser darauf hinweisen möchte, dass es auf dieser schönen Welt die unglaublichsten Dinge gibt. Nicht nur Augengneiß, sondern zum Beispiel auch Gruppenreisen mit „RSD“ nach Rhodos Anfang April 2026. Als langjähriger Nutzer dieses Reiseunternehmens bin ich natürlich gerne auf das Lockangebot angesprungen, das mir zwei Wochen Urlaub auf Rhodos inklusive eines viertägigen Trips durch einen kleinen Teil der Türkei für einen unglaublich mickrigen Preis von 248.- Euro versprach. Inklusive der Besichtigung von Dutzenden von Weltkulturerbe-Bauwerken unter wissenschaftlich ausgebildeter Reiseleitung. Das Kleingedruckte drückte den Preis dann wie gewohnt gewaltig nach oben: Alleinreisend, Einzelzimmer, Abflug in Frankfurt, auch noch während der Osterferien!, mit Essenspaket UND allen Eintrittskarten etc. waren wir schon bei gut 1500.- Euro. Immer noch ein gutes Angebot, wenn man sich die ganzen Details durchliest. Die zweite Woche war sogar geschenkt! Also fast. Man muss ja auch was essen oder trinken in dieser Gratiswoche. Kurzum: Mit gut zwei Mille war ich dabei. Dachte ich zumindest.

Denn es gab noch ein paar Unbekannte in meiner Rechnung. Zum einen die Mitreisenden, zum anderen das Wetter. Die Mitreisenden waren – wie immer bei RSD – zwischen Renteneintritt und scheintot. OK, ich bin auch nicht mehr so ganz jung, aber ich spreche hochdeutsch, kann grammatikalisch einwandfreie Sätze von mir geben und weiß sogar, woraus der Zuckerhut in Rio besteht. Ich denke mal, keiner der Mitreisenden kann mir bei auch nur einem dieser Punkte das Wasser reichen.
Das Wetter war dann eher enttäuschend, zumindest am Tag der Ankunft. Rhodos hatte gerade vier Taifun-artige Stürme hinter sich, voll durchmischt mit Sand aus der Sahara. Und wer will das schon? Alle Straßen standen unter Wasser, als wir landeten.

Aber Wasser interessiert mich ohnehin auf Reisen nur in Form von Getränken während mühseliger Wanderungen oder der Besichtigung von toten Steinen. Im Hotel sollte es nach altem Brauch trinkbaren Wein für einen günstigeren Preis als zuhause geben. Das war immer so und sollte so bleiben. War leider nicht so. Gleich im ersten Hotel – etwa 30 Minuten vom Flughafen in Rhodos entfernt – kostete an der Bar ein Glas Weißwein bereits 6,50 Euro. Das zahle ich auch bei uns zu Hause in den besseren Lokalen. Irgendwie hat der Euro die Preise verdorben.

Während des Abendessens – wie üblich von allem etwas, aber nichts richtig – war die einzige Weinsorte, die man auch als Glas bestellen konnte, ein eher übersüßter Dessertwein. Deswegen sitze ich jetzt an der Bar und werde als Absacker noch einen trockenen griechischen Wein unbekannter Herkunft verdrücken, bevor ich mich körperlich und geistig auf die morgen beginnende Tagestour vorbereite. Vielleicht frage ich aber auch meine „künstliche Intelligenz“, Chat GPT, woraus eigentlich Augengneiß besteht.

Wieso tue ich mir das eigentlich an? Lerne ich wirklich Land und Leute kennen, wenn ich mit Tausenden von Rentnern andere Länder überfalle und als so genannter Tourist in die üblichen Fallen gerate? Gibt es da keine Alternative? So wie ich mit meinen Eltern in den 60er Jahren im Auto nach Italien und später nach Spanien gefahren bin? Mit kettenrauchendem Vater und ohne Sicherheitsgurte? Festgenagelt an einem Ort, jahrzehntelang dieselbe Tour? Oder als jugendlicher Nachahmer mit genau denselben Zielen?
Nein, die Touristik-Branche hat da schon einiges geleistet. Heute können wir als Urlauber so gut wie jedes Land überfallen und damit auch zu deren Überleben beitragen. Von den 195 Ländern, die es offiziell gibt, habe ich etwa schon ein Viertel besucht. Die meisten dieser Länder wären mit dem Auto in kurzer Zeit überhaupt nicht erreichbar. Dafür gibt es eben diese ganzen Reiseunternehmen, die uns die Arbeit abnehmen, jeden der vielen Schritte zu planen, die für eine „große“ Reise nötig sind. Also Flüge und Hotels buchen, Ausflüge organisieren, Reiseleiter ausbilden und vor allem passende Interessenten zusammenführen. Und das Ganze eben auch noch möglichst „günstig“.

Ich bin heute also mal wieder einer der Opfer für eine Reise nach Rhodos in Griechenland. Beileibe nicht der einzige. RSD hat außer den vier Bussen mit deutschen Urlaubern weitere vier Busse mit Reisenden aus Schweden und nochmal vier Busse mit Urlaubern aus Dänemark an einem Tag angekarrt. Diese drei Flugzeuge fassten etwa 600 Urlauber. Und das wiederholt sich jede Woche! Und RSD ist ja nur EINER von sehr vielen Reiseunternehmen aus der ganzen Welt. Alle Touristen müssen untergebracht werden und sich die Sehenswürdigkeiten des Landes anschauen. Natürlich nicht gleichzeitig – das würde im Chaos enden. Auch können nicht alle im selben Hotel wohnen oder gleichzeitig frühstücken oder zu Abend essen. Irgendwo ist das schon eine größere logistische Arbeit, dass das alles klappt. Davor ziehe ich meinen Hut.

So perfekt das alles auch klingt, so hat es auch eine Menge an Nachteilen. Als „Nummer“ im Pool des Reiseviehs bist Du nie persönlich integriert. Du bist einfach nur ein Tourist, der gefälligst den Reiseplan einhalten muss. Aufstehen, frühstücken, besichtigen, essen, schlafen. Manchmal gibt es in den Hotels abends noch eine Bespaßung, damit die Frustration niedrig gehalten wird. Und natürlich ist der „billige“ Super-Duper-Reisepreis tatsächlich nur ein werbewirksamer Grundpreis. Da kommen noch alle möglichen Ausgaben wie z.B. die örtliche Kurtaxe sowie der private Getränkeverzehr hinzu – beim Essen oder beim abendlichen Barbesuch. Ganz abgesehen kostet jede Privatinitiative natürlich auch Geld – wie Fahrtkosten, Eintrittsgelder und Leib und Trank.

Also wieso tue ich mir das an?

Weil es besser ist als zu zu Hause rumzuhängen. So einfach ist das. Ich hab’s schön zuhause, keine Frage, aber tausendmal Hummer schmeckt auch irgendwann fade. Unser Gehirn braucht Abwechslung, neue Eindrücke und Material zum Verarbeiten. Klar, ich könnte auch das Dreifache für hochexklusive Studienreisen-Anbieter bezahlen. Da sind die Reiseleiter ausgebildete Professoren (aber manchmal auch nur gescheiterte Studienabbrecher). Die erzählen Dir bei der Besichtigung irgendeines altertümlichen Steinhaufens die halbe Schöpfungsgeschichte. Nein danke. Ich kann mir das sowieso nicht merken.

Ich sehe so einen Urlaub als reine Abwechslung vom Alltag. Ich will mich weder fortbilden noch „Menschen fürs Leben“ finden oder gar auswandern. Diese ein bis zwei Wochen „Urlaub“ sind alles andere als erholsam. Es ist echter Stress. Und das genau ist der Grund, sich das anzutun. Die häusliche Langeweile, in der doch alles so sittsam geordnet ist, zu verlassen und sich auf neue, ständig wechselnde Umstände einzustellen, ist der wahre Grund für meine Urlaube.

Und dass man dabei tatsächlich ständig neue Erfahrungen macht, neue tolle Menschen kennenlernt und leider auch manchmal Pech hat, ist halt die „Zugabe“ für das Abenteuer.

So kommen wir denn endlich zum Reisebericht.

Tag 1
Der Flug von Frankfurt/Main nach Rhodos mit AEGEAN Air (eine weitere Tochter von STAR Alliance) dauerte nur drei Stunden und war sehr angenehm. Wie ich schon befürchtete, war mehr oder weniger der gesamte Flieger mit den Grauköpfen von  RSD besetzt. Drei Busse fuhren uns ins Hotel am Stadtrand von Rhodos.  Das recht modern eingerichtete Hotel hat mich in einem Kellerraum-Einzelzimmer untergebracht. Recht hübsch, aber auch sehr klein. Das kleinste Einzelzimmer, das ich je bewohnt habe. Die Klimaanlage kann nur kalt, aber kalt ist es ja schon. Ich friere in der ersten Nacht bei ca. 14 Grad so sehr, das ich mich wieder anziehen muss, um nicht als Ötzi aufzuwachen. Seitdem läuft mir die Nase.

Und während ich fast erfriere, lernen wir erst einmal die wichtigsten Daten über Rhodos auswendig. Bitte gut merken, ich frage am Ende ab!

Rhodos in Kurzform

  • Lage: Insel als Teil der Dodekanes im Südosten von Griechenland
  • Fläche: ca. 1.400 km² (also etwa 2× so groß wie Hamburg)
  • Einwohner: rund 115.000
  • Touristen pro Jahr: 2 – 3 Millionen
  • Sonnenstunden: über 3.000 pro Jahr
  • Küstenlänge: ca. 220 km
  • Wirtschaftsleistung pro Einwohner: Ca. 20 – 25.000 Euro. Das entspricht einem BIP von ca. 6-7 Milliarden Euro pro Jahr

Historischer Fun Fact

  • Heimat des legendären „Koloss von Rhodos“
  • Baujahr: ca. 280 v. Chr.
  • Höhe: etwa 33 Meter (für damalige Verhältnisse: absoluter Gigant)
  • Status heute: leider nicht mehr da – gab es ihn wirklich?

Klima & Natur

  • Frühling: 15–21°C (angenehm nur bei Sonnenschein!)
  • Sommer: 25–35°C (Schmelzgefahr für Eis und Motivation)
  • Regen: hauptsächlich im Winter, leider auch in diesem Frühling
  • Höchster Berg: Attavyros, ca. 1.216 m

Highlights

  • Rhodos-Stadt (50 – 60.000 Einwohner)
  • Mittelalterliche Altstadt von Rhodos
  • Insel Symi
  • Das Städtchen Lindos im Südosten
  • Das war´s dann auch schon.

Tourismus in Zahlen

  • Besucher pro Jahr: etwa 2–2,5 Millionen
  • Flughafen: ca. 5 Mio. Passagiere/Jahr
  • Durchschnittlicher Preis für ein Glas Wein: 0,1 l  für 6.- Euro – viel zu teuer!

Tag 2
Unser erster Tagesausflug am nächsten Morgen um 9 Uhr – direkt nach einem recht einfachen Frühstück im Hotel – führt uns nach Lindos, eine Stadt im Südosten von Rhodos. Der Regen hat sein schnödes Handwerk kurz unterbrochen, während wir uns durch die pittoreske Altstadt schieben. Unser sympathischer Reiseleiter „Nihat“ ist zwar dabei, muss aber den Mund halten, weil er Türke ist und Ausländer keine Reiseleiter sein dürfen. Also haben wir zusätzlich eine nette korpulente Reiseleiterin dabei, die in brauchbarem Deutsch alles erklärt, was von Interesse sein könnte. Und das ist außer der pittoresken Altstadt mit vielen kleinen Geschäften die Akropolis der Stadt. Dazu muss man wissen, dass damals so ziemlich jede griechische Stadt, die im Altertum etwas auf sich hielt, eine eigene Akropolis hatte. Selbst besteigen wollen nur wenige Mitreisende das ziemlich defekte Bauwerk – der Weg ist lang und steil. Außerdem ziehen Wolken auf und erste Regentropfen fallen. Die meisten treffen sich am Sammelpunkt lange vor der Abfahrt wieder und stillen Hunger und Durst in einem 0815-Straßengrill. Um halb drei sind wir schon wieder im Hotel. Den Rest des Tages haben wir frei.

Ich nutze die Freiheit, um die Gegend rund um das Hotel zu erkunden, das am südlichen Ende der Stadt Rhodos liegt. Viel gibt es nicht zu sehen. Das Hotel ist etwa 200 Meter vom Strand entfernt – allerdings gut vier Etagen höher als der Strand. Meine Waden werden vor Schmerz brüllen, das weiß ich jetzt schon. Trotzdem laufe ich viele tausend Schritte Richtung Innenstadt, immer am Meer entlang. Saisoneröffnung war letzte Woche, also Anfang April, aber am Strand sieht es noch aus wie nach einem Bombenangriff. Gerümpel und Dreck, wo man hinschaut. Zwischen die Häuser und den Strand hat man eine vierspurige Straße mit Grünstreifen gebaut, damit die Autos schneller in die Innenstadt kommen. Und so ist das Überqueren der Straße trotz reichlich vieler Zebrastreifen eine sehr mutige Angelegenheit. Nach etwa drei Kilometern sehe ich ein, dass da nichts mehr kommt. Ich drehe frustriert um. Nahezu alle Kneipen, Restaurants oder Bars sind geschlossen. Nur ganz am Ende meiner Runde, also schon fast wieder am Ausgangspunkt, hat ein kleines, eher unschönes Lokal geöffnet, „Georges Grillstation“. Ermattet setze ich mich in die inzwischen prall scheinende Sonne und riskiere ein Glas Wein. Und siehe da: Es schmeckt! Das zweite auch. Und es kostet nur 5.- Euro pro Glas! Dann wird es Zeit, wieder den Aufstieg zum Hotel anzugehen. Auch das habe ich geschafft. Fast 9000 Schritte zeigt mir meine Uhr an. Nach kurzer Ruhepause im Restaurant ein bisschen was vom übersichtlichen Buffet schnabuliert und danach meinen Laptop mit meinen ersten Erfahrungen gefüttert. Um 21.15 Ortszeit war es in Deutschland Ostersonntag 20.15 Uhr. Also Tatortzeit. Und tatsächlich habe ich mir den Abschied der beiden Kommissare aus München auch noch angeschaut. Und bin diesmal sicherheitshalber angezogen eingeschlafen.

Tag 3

Heute steht die Altstadt der Stadt Rhodos auf dem Programm. Weltkulturerbe. Und ein wahres Touristenparadies. Zu Beginn zeigt uns die griechische Reiseleiterin die wichtigsten Gebäude der von einer Mauer umschlossenen Stadt und gibt uns die nächsten zwei Stunden frei. So laufe ich denn bei milden Temperaturen kreuz und quer durch die auf Touristen fixierte Altstadt, trinke hier einen Café und da ein Wasser. Die Preise für ein Heißgetränk variieren zwischen 3,50 und 12,- Euro! Trotz Vorsaison brummt der Laden. Wie es hier im Sommer aussieht, wage ich mir gar nicht vorzustellen.

Nach zwei Stunden verlassen wir geordnet die Altstadt, um mit dem Bus noch eine Rundfahrt durch Rhodos selbst zu machen. Auf dem Weg zum Parkplatz stürzt unser ältester Mitreisender (86 Jahre – sein Bruder, 84, ist auch dabei…) über ein paar Elektro-Scooter, die eigentlich ganz ordentlich geparkt waren. Jetzt liegen sie alle auf dem Boden. Die Scooter, nicht die Brüder. Die Verletzung war nicht schlimm, aber doch schon ziemlich blutig. 

Die gesamte Stadtrundfahrt dauert keine zwanzig Minuten – dann sind wir wieder im Hotel. Es gibt auch nicht viel zu sehen, um ehrlich zu sein. Im Wesentlich nur alte kaputte Steine, die mal zu irgendwelchen Tempeln verbaut waren. Das Übliche halt in Griechenland. Selbst den berühmten „Koloss von Rhodos“ können wir nicht bestaunen, weil er gar nicht mehr existiert. Man ist sich nicht einmal sicher, wo er überhaupt gestanden haben soll. Stattdessen sind jetzt der Hirsch „Elafos“ und die Hirschkuh „Elafina“ die Wahrzeichen des Hafens, in dem bereits die ersten Kreuzfahrt-Riesen eingelaufen sind.

Um 13:30 Uhr sind wir schon wieder im Hotel und daher mit „Freizeit“ gesegnet. Nach einem kurzen Schläfchen wandere ich wieder zum dem Lokal von gestern, esse dort ein paar Nudeln und trinke im Verlauf des Nachmittags noch zwei Schoppen Wein. Ab und zu gesellen sich Mitglieder unserer Reisegruppe zu mir. Und alle sind sich einig: So richtig dolle finden wir Rhodos nicht. Aber wir haben ja bisher auch kaum was gesehen.

Nach dem Abendessen, also dem Buffett, das wie immer recht übersichtlich und vor allem nur lauwarm ist, schaue ich noch eine halbe Stunde Deutsches Fernsehen an und schlafe dann recht schnell ein.

Morgen soll es mit dem Schiff in die Türkei gehen!

Tag 4
Wir verlassen Europa und ziehen nach Asien um. Im Hafen von Rhodos (dort, wo unser ältester Teilnehmer in die Scooter gefallen ist) wartet ein Katamaran auf uns, also ein Schiff mit etwa 300 Sitzplätzen. Genug für vier RSD-Busse. Lange Schlangen vor der Ausweiskontrolle. Und – tata! – der erste Stempel in meinem nagelneuen Pass! Nach 90 Minuten im Hafen von Marmaris in der Türkei das gleiche Spiel. Lange Schlangen, langsame Abwicklung, aber letztendlich ein weiterer Stempel im Pass! Ein neuer Bus mit einem neuen Fahrer, aber dem alten Reiseleiter „Nihat“ fährt uns durch wunderschöne Landschaften über das Taurus-Gebirge bis nach Pamukkale. Hier gibt es erstaunliche Kalk-Terrassen zu bewundern. Natürlich UNESCO Welt-Kulturerbe (1988). Wir schauen uns alles gründlich an und werden dann im nächsten Hotel in der Nähe der Terrassen abgesetzt. Ich muss dazu sagen, dass ich diese Kalkterrassen schon das zweite Mal bewundern darf. Auch das Thermalhotel, in dem wir übernachten werden, erleide ich bereits zum zweiten Mal. Ich war vor etwa 13 Jahren schon einmal hier. Und schon damals habe ich mich über das unmögliche Hotel aufgeregt. Wir sind für 2026 die ersten Gäste, und entsprechend nervös sind alle Angestellten. Die Zimmer sind schon lange aus der Zeit gefallen, und der ganze Bau riecht nach Mief, bzw. schreit nach Abriss. Man kann zwar allerlei Heilbäder buchen oder sich massieren lassen, aber das ist nicht so mein Ding. Die Sitzordnung wurde – von wem auch immer – vorher festgelegt, sodass ich mal wieder ein paar neue Mitglieder unserer Gruppe näher kennenlerne. Das Essen ist wie üblich lauwarm und nicht weiter erwähnenswert. Geärgert habe ich mich jedoch darüber, dass ich für die Bestellung eines Glases Wein nicht etwa nur meine Zimmernummer angeben muss, sondern auch meinen Zimmer-“Schlüssel“, also die kleine scheckkartengroße Karte abgeben muss, auf der in diesem Hotel die Zimmernummer aufgeklebt ist. Man geht also davon aus, dass ich die Kellner anlügen könnte. Davon abgesehen ist es kontraproduktiv, auf die Zimmerkarten die Zimmernummer drauf zu kleben. Im Falle eines Verlustes oder eines Diebstahls weiß der Finder oder Dieb dann sofort, wo er einzusteigen hat. Ein Glas Wein (0,1 l) kostet übrigens 7,- Euro.
Wie auch immer, wir alle sind sehr genervt von diesem Hotel aus den 1970er Jahren.

Während die Reisegruppe schläft, kann ich dem verehrten Leser ja mal ein bisschen was über unsere Reisegruppe erzählen.
Nihat, unser Reiseleiter (verheiratet, zwei Kinder, Ende 50, durchtrainiert, gutaussehend) hat die beste Übersetzung für „RSD“-Reisen gebracht: „Rentnerdienst Deutschland“. Ja, das stimmt ziemlich genau. In unserer Gruppe (38 Personen) gibt es nur wenige, die noch fleißig in die Rentenkasse einzahlen. Teils sehr sympathische Menschen mit ganz gewöhnlichen Berufen, teils emsige Rentner, die sich in jedem Ort ein Auto mieten, eine Mutter mit erwachsenem Kind, Einzelreisende (z.B. ich selbst) oder zusammenreisende Frauen (z.B. Heike und Claudia). Auf die beiden komme ich bestimmt noch mal zurück.  Auch die beiden uralten Stiefbrüder, die sich erst vor vier Jahren kennengelernt haben, sind ein dolles Paar. Wir haben auch den typischen Anteil brauner Blau-Wähler im Portfolio sowie Schwurbler und Homöopathie-Fans samt Kügelchen-Vorrat für alle erdenkbaren Krankheiten. Wenn man die Schwächen oder eben alternativen Ansichten der Mitreisenden kennt und sich besser nicht mit ihnen darüber auslässt, entpuppen sich die meisten als nette Zeitgenossen, die viel Spaß miteinander haben.

Tag 5
Wir verlassen das unschöne Hotel in Pamukkale und machen uns auf den Weg in die Stadt Aphrodisias. Sie gilt als die Heimat der Künstler und Bildhauer und gehört zu den besterhaltenen antiken Städten in der Welt. Mit anderen Worten: Die vielen Trümmer lassen erahnen, was daraus mal gebaut wurde. Natürlich wieder ein UNESCO-Welterbe. Bald müsste ich doch alle gesehen haben…
Ob Sportstadion, Tempel oder sogar ein antikes Theater – man kann sich vorstellen, was hier damals so abgegangen ist. Fast drei Stunden ist unserem Reiseleiter der Aufenthalt hier wert.

Und dann kommt das, was ich bei allen RSD-Reisen hasse: Die Verkaufsschau. Genauer gesagt, die DREI Verkaufsshows. Denn heute „dürfen“ wir zuerst Teppiche, dann Schmuck und schließlich Lederjacken kaufen. Natürlich zum allerbesten Schnäppchenpreis auf Erden – direkt aus der Fabrik und indirekt zollfrei! Indirekt, weil auf der Fähre zurück nach Griechenland keine Zollbeamten kontrollieren und beim Rückflug nach Frankfurt ebenfalls keine Zollkontrolle stattfindet, da wir ja innerhalb der EU fliegen. Raffiniert eingefädelt.

Die Teppich-Verkaufsschau sehe ich heute bereits zum dritten Mal. Und nach wie vor legt sich die Verkaufsmannschaft schwer in die Riemen, um die altertümlichen Teppichmuster an uns Touristen zu verkloppen. Die Teppiche werden natürlich „frei Haus“ geliefert. Nach wie vor fällt mir kein Grund ein, meinen schönen Parkettboden mit Fußbodenheizung mit so einem Oma-Design zu verunstalten. Aber: Man wird es kaum glauben, auch heute hat die Falle wieder zugeschlagen. Ich weiß nicht, wen es diesmal erwischt hat, aber es wurden definitiv Teppiche verscherbelt. Ganz bestimmt günstig. Oder? Wetten würde ich nicht darauf. Nihat – der Reiseleiter – hat jedenfalls gestrahlt. Er bekommt nämlich eine Provision von den Läden, denen er die Kundschaft zum Ausnehmen bringt.

Wie auch im zweiten Laden, wo es dann um Schmuck, Gold, Edelsteine und ähnliches Geschmeide geht. Wie in diesen Läden üblich, krallt sich jeder der 20-30 Angestellten einen der Besucher, bzw. ein Paar, um zu „beraten“. Die Verkäufer sind extrem gut geschult, die Verkaufsgespräche laufen ab wie nach einem Drehbuch von Hitchcock. Irgendwann schnappt die Falle zu. Natürlich nicht bei mir. Ich bin mir schmuck genug. Aber dieselbe Familie, die sich schon mit Teppichen eingedeckt hat, soll auch hier wieder zugeschlagen haben. Nihat strahlt über das ganze Gesicht.

Und noch mehr strahlt er dann beim Lederjacken-Verkauf, dem eine kleine Modenschau mit drei jugendlichen Models vorangeht. Auch zwei Mitreisende dürfen ein paar Jacken vorführen und sich dafür mit je einer Flasche Whisky beschenken lassen. Für die beiden hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Ob das auch für die gar nicht so wenigen Mitreisenden gilt, die sich eine neue Jacke aufschwätzen lassen? Ich habe da so meine Zweifel. Angeblich fertigt die Firma Lederjacken im Auftrag großer Modemarken. Jeweils 10% dürfen sie davon überproduzieren und mit ihrem eigenen Label versehen. Von außen Versace, von innen „No name“. Die Preisschilder, die in dieser Verkaufsstelle an den über 40.000 Jacken hängen, beginnen bei 1250.- Euro (für das Billigzeugs vom letzten Jahr) bis weit über 5000.- Euro für die neuesten Modelle. Wir erfahren aber sofort, dass dies ja nur die Endverbraucherpreise in den Modeboutiquen seien, wir dürften also ohne Skrupel sofort 30% abziehen. Aber auch 2500 minus 30% sind noch reichlich viel Kohle. Also lassen die Umsatzjäger nach und nach immer mehr Prozente zu. Und dann kostet eine markenlose Nappalederjacke statt 2500.- Euro plötzlich nur noch 1000.- Euro. Das ist doch ein Schnäppchen, oder?

Mhm. Ich hab´ da mal bei Amazon geschaut, was diese Jacken sonst so kosten. Weil ich nicht weiß, ob es tatsächlich so große Qualitätsunterschiede gibt, schreibe ich den Internet-Durchschnittspreis für Nappa-Lederjacken aus Lamm hier mal besser nicht hin. Einige Mitreisende könnten weinen.
Hihat hat nicht geweint, sondern gelacht. Wie immer hat es viele Käufer in den drei Läden gegeben. Spitzenreiter war das bereits erwähnte Paar aus unserem Bus, das sage und schreibe 15.000 Euro an diesem Nachmittag verschleudert hat.

Halleluja!
Nihat jubelt.

Und wir fahren in ein weiteres Hotel in eine Stadt, deren Namen ich vergessen habe. Auch wieder nur für eine Nacht, denn unsere türkische Blitzinvasion ist ja noch lange nicht zu Ende.

Tag 6
Weitere Schätze der Region Ephesus (natürlich auch ein Weltkulturerbe) warten auf uns. Irgendein noch rudimentär als Tempel erkennbarer Steinhaufen gehört sogar zu den sieben Weltwundern der Antike. Auf dem „Ayasoluk-Hügel bewundern wir die imposante Festung von Selcuk sowie die Johannes-Basilika, die auf dem Grabmal des Apostels Johannes erbaut wurde. Schon erstaunlich, was für dolle Geschichten diese ollen Steine erzählen können. Also, falls man sich dafür interessiert …

Auch heute geht es wieder in ein neues Hotel. Diesmal werden wir zwei Nächte im selben Hotel bleiben. Das erste Mal, dass es sich lohnen würde, den Koffer mal auszupacken. Aber ich habe mich so dran gewöhnt, „aus dem Koffer“ zu leben, dass ich genauso weitermache wie bisher. Die zwischenmenschlichen Kontakte haben sich einigermaßen stabilisiert. Das gegenseitige Abklopfen hat ein wenig zur Gruppenbildung beigetragen. Ich hänge zum Beispiel viel mit Heike und ihrer Freundin Claudia sowie mit dem urigen Helmut und seiner Frau Mechthild rum, alle so zwischen 50 und 70 Jahre alt.

Tag 7
Ein so genannter „fakultativer“ Tag. Ein Tag also, den man extra bezahlen muss. 77 Euro kostet das Zusatzvergnügen, das uns mit dem Bus nach Izmir bringt. Dort besuchen wir die Fußgängerzone mit ihren vielen Geschäften und Cafés. In einem davon soll es supertollen Käsekuchen geben. Ein paar von uns ( – es sind nur 30 Gruppenmitglieder  mitgefahren! – ) gönnen sich so ein Stück feinster Bäckerskunst und zahlen zur Strafe dafür 7.- Euro für ein einziges, schmales Tortenstück. Heike ist deswegen ziemlich sauer, weil uns Nihat nicht im Voraus über den Horrorpreis aufgeklärt hat. In der Folge steigert sich bei einigen der Verdacht, dass die Reiseleiter nicht nur bei den Teppichen, dem Schmuck und den Lederjacken mitverdienen, sondern sogar am Verzehr der Touristen. Nihat weist das vehement zurück. Für ihn sei der Tag sogar ein Verlustgeschäft, da er erst ab einer Teilnehmerzahl von 32 Leuten jeweils 2.- Euro pro Person verdienen würde.
Null Euro oder 64.- Euro wegen zwei Teilnehmern. Merkwürdige Regeln.

Nach dem Kuchen geht es in einen Bazar. Ich habe den Gang durch dieses Gewusel von Geschäften aller Art mit meiner RayBan-Videobrille gefilmt und auf „Facebook“ gestellt. Die Videounterschrift lautet: „Heute sind wir in Izmir. Nach drei Stunden Stadtrundfahrt is mir übel“. Dieses dämliche, uralte Wortspiel hat bisher fast 1000 Besucher des Beitrags dazu genötigt, mich zu beleidigen. Sätze wie „Ich solle gefälligst zu Hause bleiben“ und auch schlimme Beschimpfungen von Kritikern aus aller Welt dominierten die wenigen Posts von Lesern, die den Gag verstanden hatten. Das Video wurde bisher über 50.000 mal abgerufen. Jetzt habe ich auch endlich mal erfahren, wie sich so ein Shitstorm am eigenen Leib anfühlt. Die Kommentarfunktion habe ich inzwischen abgestellt.
Von diesem Erlebnis abgesehen, hat sich dieser „fakultative Ausflug“ nicht gelohnt und war auf keinen Fall 77.- Euro wert. Immerhin war der Kuchen lecker.

Tag 8 und die geschenkte zweite Woche
Die Rückreise nach Rhodos steht auf dem Programm. Da unser Schiff erst um 17:15 Uhr loslegt, müssen wir noch den ganzen Tag vertrödeln. Wir vertreiben uns die Langeweile in Form von Stops an Autobahnraststätten und Rumlungern im Hafen. Nihat hält seine Abschiedsrede, da er ab morgen nicht mehr für uns verantwortlich ist. Eine neue Gruppe wartet auf ihn. In seiner Abschiedsrede wird er plötzlich sehr ernst. Er sagt, dass die Anschuldigung, am Verzehr-Umsatz der Touristen mitzuverdienen, das erste Mal an ihn herangetragen wurde und ihn extrem verletzt hätte. Dass die Preise in der Türkei so extrem gestiegen wären, seien ja nicht sein Problem, sondern wären der Geldentwertung  der türkischen Lira zuzuschreiben, die derzeit bei über 40% liegt. Er wirkte ehrlich sehr geknickt und betrübt – oder er ist einfach ein phantastischer Schauspieler. Wir verabschieden uns von ihm und unserem Busfahrer, nicht ohne den einen oder anderen Schein hinüber wandern zu lassen. Die Zollformalitäten dauern ziemlich lange, aber irgendwann sitzen wir endlich im Schiff. Der Katamaran (der eher wie ein normales Schiff aussieht und auch gar nicht die Form eines Katamarans hat) startet pünktlich, und 90 Minuten später sind wir wieder in Europa, also auf Rhodos.

Und so kommen wir nun zur zweiten Woche der Reise. Der sogenannten „geschenkten Woche“ von RSD-Reisen. Das Reiseunternehmen schenkt uns eine Woche im 5-Sterne-Hotel „Rodos Palace“ („Rodos“ ohne „h“!) Samt Frühstück, aber wir bezahlen den Rest, also Speis und Trank sowie alle zusätzlichen Vergnügungen. Schöne Idee, hat nur leider eine Menge Haken. Denn im Hotel sind wir alles andere als willkommen.

Kaum, dass alle vier Busse angekommen sind und die Reisenden sich in entsprechende Reihen vor der Rezeption aufgestellt haben, erfahren wir plötzlich, dass wir nicht einchecken dürfen.

Wie bitte?

Ja, genau das wird uns gesagt. Das „Rodos Palace Hotel“ will uns als Gäste nicht haben. Wir sind erst einmal sprachlos, denn sowas hat ja noch niemand jemals erlebt. Was ist vorgefallen? So langsam kristallisiert sich heraus, dass RSD angeblich noch nicht bezahlt hätte. Das kann ich mir als Grund eigentlich nicht vorstellen, da RSD und das Hotel bereits seit über zehn Jahren zusammenarbeiten, wie sich durch Recherchen im Internet herausstellt. Ich habe die Theorie, dass RSD das Geld erst am Freitag überwiesen hat. Und da der Freitag in Griechenland KAR-Freitag ist, wurde das Geld vielleicht noch nicht dem Konto gutgeschrieben. Anwesende Bankfachleute widersprechen dieser Theorie.

Ohne uns irgendeinen Hinweis zu geben, was nun passieren wird, sollen wir es uns erst einmal im Foyer gemütlich machen. Die Anwälte würden bereits konferieren. Ich bestelle mir einen Wein und will ihn mit meinem „All-Inclusive“-Bändchen bezahlen. Ein müdes Lächeln ist die Antwort. Das Bändchen wäre nicht nur ungültig, sondern in diesem Bereich des Hauses auch gar nicht nutzbar. Hier will man Euro sehen. 11 Euro für genau 0,187 Milliliter Weißwein. Immerhin mit Glas.

Die Zeit verstreicht schneller als man denkt, wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat und auf das (noch!) geöffnete Restaurant blickt. In etwa 20 Minuten wird es schließen.

Neue Gerüchte tauchen auf: RSD hat bezahlt, aber der Hoteleigner will mehr Geld als vereinbart. Die Anwälte konferieren immer noch. Endlich – nach fast zwei Stunden – der erlösende Aufruf, dass wir uns wieder an der Rezeption aufstellen sollen, um einzuchecken. Was nun der wirkliche Grund für die initiale Ablehnung, bzw. der späteren Zustimmung ist, können wir nicht herausfinden. Wir dürfen einchecken. Und nicht nur das. Auch das Restaurant macht Überstunden, um uns noch abspeisen zu können.
Zusätzlich wurde mein Konto gleich zweimal belastet. Einmal für die Kurtaxe, die 15.- Euro pro Tag kostet (105.- Euro für 7 Tage) und zusätzlich 160.- Euro als eine Art Sicherheit, die zurückgezahlt wird, falls ich nix kaputtgemacht oder irgendwo im Hotel die Zeche geprellt habe. (Was ja bei „All Inclusive“ eigentlich unmöglich sein sollte). Und dass ein „First-Class“- Hotel gegenüber seinen Gästen ein solches Misstrauen an den Tag legt, ist schon mehr als seltsam.

Danach – mittlerweile nach 22 Uhr, suchen wir unsere Zimmer auf. Wer Glück hat, wohnt im Haupthaus in recht modernen, renovierten Zimmern. Das Hotel wurde bereits 1976 gebaut und sieht auch von außen so aus. Eckig und hässlich. Dafür sind die Einrichtungen innerhalb des Hotels sehr großzügig und auch hochklassig. Es gibt einen überdachten Pool, den „DOOM“, einen Außenpool und viele Privatpools in den angrenzenden Bungalows. Es gibt mehrere Bars, drei Restaurants und viele Ruhezonen. Die 5 Sterne sind durchaus berechtigt. Nur leider nicht für die außerhalb des Hotels an einem steilen Berg liegenden Wohnungen. Ja, Wohnungen. Da, wo ich zum Beispiel wohne. Ca. 400 Schritte steil bergauf, mit Treppen ohne Geländer. Ein Schlafzimmer, bei dem das Doppelbett auf einem Podest steht. Wer nachts mal raus muss und nicht daran denkt, fliegt unweigerlich auf die Nase. Ist vielen tatsächlich passiert. Eine alte Frau hat sich die Stirn aufgeschlagen und läuft mit einem Verband durch die Gegend. Außer dem Doppelbett auf dem Podest gibt es noch einen sehr großen Fernseher in meinem Schlafzimmer. Danach folgt das Bad. Natürlich mit Badewanne, uralten Armaturen, wackelnden Klodeckeln und fehlenden Haltegriffen. Nach dem Bad kommt das „Wohnzimmer“. Ein extrem ungemütlicher Raum in braun. Mit brauner Sitzgarnitur, kompletter brauner Küche und einem braunen Tisch mit zwei braunen Stühlen. Kein Bild an der Wand, braune Platten auf dem Boden. Am Ende des Trakts folgt noch eine kleine Terrasse mit brauner Sitzgruppe und Blick aufs Meer – wenn nicht zwei große Bäume die Sicht verbergen würden.
Alles andere als gemütlich – und völlig überflüssig.
Als ich höre, dass Heike und ihre Freundin Claudia erfolgreich ihr Zimmer tauschen konnten, versuche ich es auch, blitze aber ab. Im Moment sei nichts mehr frei, ich solle es morgen noch mal probieren. Aber nach dem zweiten negativen Versuch am nächsten Tag gebe ich es auf und unterwerfe mich meinem Schicksal.

OK, das mit dem Zimmer ist nicht so dolle verlaufen, aber da ist ja noch das „All Inclusive“-Bändchen, das jetzt an meinem rechten Handgelenk baumelt und Umsatz generieren soll. Leider werden wir auch hier extrem enttäuscht. „All Inclusive“ sind nur wenige Getränke – und die auch nur an bestimmten Stellen im Hotel. So ist es uns „Billigtouristen“ verboten, die ruhigen und schönen Räume im vorderen Bereich des Hotels aufzusuchen – die sind ausschließlich „echten“ Touristen, also Vollzahlern vorbehalten. Es sei denn, wir bezahlten 11.- Euro für 0,187 Milliliter Weißwein.

Die Bereiche, die für uns vorbehalten sind, sind dadurch natürlich überfüllt, während der Rest des Hauses leer steht. Selbst das Restaurant, das wir am Abend unserer Ankunft nutzen durften, ist jetzt für uns tabu. Wir haben ein eigenes Restaurant direkt neben einer Bar, die ebenfalls speziell für uns Billigflieger vorbehalten ist. Dort läuft den ganzen Tag laute Musik. Während des Essens findet zusätzlich eine Kinderdisco statt, sodass man sich kaum noch unterhalten kann.

Tja, das Restaurant. Da ist auch gründlich was schief gelaufen. Schon lange vor der Öffnung stehen Hunderte von Touristen vorm Eingang und warten auf Einlass. Wenn es am Abend um 19.00 Uhr zum Abendessen öffnet, sind alle Tische für je zwei Personen bereits gedeckt. Messer und Gabel, Serviette. Sonst nichts. Wenn sich ein Dritter oder gar Vierter dazusetzt, fehlen Besteck und Serviette. Bis auf die Teller müssen alle weiteren Utensilien von einem Kellner gebracht werden. Inzwischen wissen wir zwar, wo zum Beispiel die Kaffeelöffel versteckt sind, aber das weiß nicht jeder. So sind also die meisten Kellner nur dazu da, fehlendes Besteck zu organisieren. Wenn man einen Kellner findet, der eine Getränkebestellung aufnimmt, hat man großes Glück gehabt. Sonst gibt es eben nichts zu trinken.
Das Buffet selbst ist ganz ordentlich, aber wie üblich nur lauwarm. Mit zunehmender Füllung des Lokals steigt auch der Lärmpegel bis ins Unerträgliche. Meine Apple-Uhr warnt allabendlich vor der ungesunden Lautstärke. Für die Fachleute: 89 bis 92 dB. Leider ist das Buffet auch alles andere als abwechslungsreich. Tag für Tag sehen wir die gleichen, wenn nicht sogar dieselben Speisen.
Inzwischen haben die Bediensteten immerhin gelernt, benutzte Teller wieder abzuräumen. Das war die ersten beide Tage leider nicht der Fall. Da stapelten sich die gebrauchten Teller auf den Tischen, und es gab keinen Nachschub. Inzwischen scheint dieses Problem behoben, dafür sind die neu gewaschenen Teller pitschnass. Irgendwas ist immer.

(Foto: Helmut Schlitz)

Das Stau-Problem zur Öffnungszeit wird von Tag zu Tag kleiner, da die Gäste einfach später zum Abendessen kommen. Aber noch immer muss man für jeden zusätzlichen Löffel, jeden Teller einen der konfus durch die Gegend rennenden Kellner bemühen.

Tja, da sitzen wir nun auf Rhodos in einem 5-Sterne-Hotel mit einem 188.- Euro teuren „All-Inklusive“-Bändchen, für das man nur an wenigen Stellen im Haus minderwertige Getränke und ein immerhin brauchbares Essen erhält. Das „richtige“ All-Inklusive-Paket kostet übrigens 400.- Euro pro Woche.

Als ich bei unserer Ankunft nach dem Abendessen in mein Apartment will, verlaufe ich mich total. Es gibt keinerlei Hinweisschilder mit Haus- oder Zimmernummern. Es ist dunkel und eiskalt. Ich gebe es auf und laufe zurück zur Anmeldung. Dort warte ich in einer großen Schlange geduldig auf einen der vielen kleinen Elektrowägelchen, die von jungen Indern zu den Häusern gefahren werden. Am nächsten Abend verlaufe ich mich wieder, werde aber von Helmut und Mechthild auf den „rechten Weg“ gebracht. Nach drei Tagen finde ich mein Apartment endlich selbst bei Dunkelheit alleine. Es sind von der Rezeption aus knapp 400 Schritte, davon 60 Stufen – teilweise ohne Geländer – bis zum Zimmer. Hier besteht dringender Handelsbedarf seitens des Hotels, denn ich bin nicht der Einzige, der orientierungslos rumirrt.

Was also macht man mit so einer „geschenkten Woche“ im Luxushotel? Essen und Trinken natürlich. Und Ausflüge organisieren. Gleich am zweiten Morgen werden alle Touristen zu „Petra“ geschickt, die hier im Hotel für die Ausflüge der Deutschen zuständig ist. Die Wut der Reisenden bügelt sie gleich routiniert ab, weil sie den Ärger vermutlich jede Woche mitmacht. Sie will ja auch nur Ausflüge verkaufen. Es gibt nur drei Ausflugsangebote. Eine Inselrundfahrt, eine botanische Rundreise und noch irgendwas, was ich vergessen habe. Die Rundfahrt (77.- Euro inkl. Mittagessen!) buche ich gleich für den zweiten Urlaubstag. Außerdem verabrede ich mich mit ein paar Mitreisenden noch zu einem weiteren Besuch der Hauptstadt von Rhodos und einer Fahrt mit einem Schnellboot zur Insel „Symi“, die etwa eine Stunde entfernt auf Touristen lauert. Bis auf die erste Tour fahre ich also nicht alleine, sondern habe mich Helmut & Mechthild sowie Heike & Claudia angeschlossen. Später kommen noch weitere Paare hinzu. Als Gruppe ist es doch bedeutend lustiger. Durch die großen Entfernungen, die wir zu Fuß zurücklegen, meldet mein Schrittzähler fast täglich neue Höchstwerte. Mein kaputtes Knie hält auch erstaunlich still.

Wir sind nicht die einzige Billig-Reisegruppe im Hotel. Eine Armada von jungen, halbnackten, übergewichtigen, tätowierten Engländerinnen samt ihrer normalgewichtigen Freunde begegnet uns auf Schritt und Tritt. Auch viele Kleinkinder sind darunter – verbunden mit dem üblichen Geschrei der Winzlinge. Der Alkoholkonsum beginnt bei den Engländern direkt nach den Frühstück. Die Deutschen halten sich – zumindest teilweise – bis zum Mittagessen zurück. Alkoholbedingte Ausfälle kann ich nicht registrieren, aber ich bin ja meist auch schon früh in meinem Zimmer. Dort gibt es übrigens keine Wasserflaschen, wie wir es bisher gewohnt waren. Wasser muss man sich im hoteleigenen Supermarkt kaufen. Und das sollte man unbedingt auch tun, da das Leitungswasser extrem nach Chemikalien schmeckt. Ob es überhaupt noch als Trinkwasser durchgeht, kann ich leider nicht messen, da die Batterie in meinem Messgerät inzwischen den Geist aufgegeben hat. Nach nur acht Jahren! Billigzeug …

Leider ist das Wetter auf Rhodos alles andere als frühlingshaft. Es regnet zwar erst am Tag vor der Abfahrt, aber die Temperaturen – so zwischen 16 und 20 Grad – fühlen sich nur dann warm an, wenn auch die Sonne scheint. Und das passiert leider nur an den ersten beiden Tagen und während unseres Ausflugs auf die Insel Symi. Sonst ist es immer bewölkt, bis am vorletzten Tag auch noch der Regen hinzukommt.

Heike hat wohl mit einer Magenverstimmung zu kämpfen. Erst nach zwei Tagen ist sie wieder einigermaßen auf dem Damm.

Die 60-minütige Schnellbootfahrt zur Insel Symi schüttelt uns gründlich durch, da der Wind ungeschützt auf alle Passagiere trifft. Symi ist bekannt für seine bunten Häuschen, in denen früher die Schwammfischer wohnten. Der berühmteste Schwammfischer hat sogar eine eigene Statue im Hafen bekommen. Der gute Mann konnte innerhalb von nur 4 Minuten 88 Meter auftauchen, ohne zu platzen. Die Leute haben schon seltsame Vorlieben …
Die Schwämme kann man immer noch kaufen, aber die Auslagen sehen aus, als ob das schon viele Jahre her ist, dass da jemand Interesse dran hatte.
Ich esse auf der Insel nach einem langen Spaziergang mittags Spaghetti Carbonara. Genauer gesagt probiere ich nur, weil die Nudeln schauderhaft schmecken. Ein vorzügliches Eis (Kugel 2,50 Euro) vertreibt den schlechten Geschmack.
Auf dem Rückweg hält unser Schnellboot nochmal an einer kleinen Bucht an und fordert allen Ernstes zum Schwimmen auf! Ich bin kurz vor dem Vereisen und soll jetzt schwimmen? Keiner von uns hat Badezeugs dabei. Aber die kleinen Engländer sind darauf vorbereitet. Flugs schälen sie sich aus ihren Klamotten und springen ins Wasser. Nach fünfzehn Minuten ertönt ein Signal, und alle müssen zurück an Bord, wo sie sich frierend und zitternd wieder dem Fahrtwind ergeben. Abends habe ich dann gewaltige Bauchschmerzen, die die gesamte Nacht anhalten. Auf das Frühstück habe ich verzichtet. Sieht nach einer kleinen Lebensmittelvergiftung aus.

Den letzten Tag verbringe ich morgens im Hotel – ohne Frühstück -, um diesen Blog zu aktualisieren. Dann wäre ich gerne wieder zurück in mein Bett gekrochen, aber ein  aufkommender Dauerregen zwingt mich, weitere Stunden im Foyer rumzulungern. Einige Mitreisende haben mit denselben Symptomen wie ich zu kämpfen und wünschen sich sehnlichst nach Hause.
Am Nachmittag lässt der Regen nach, und ich lege mich ein paar Stunden hin. Zum Abendessen raffe ich mich erneut auf, bekomme aber nur wenige Bissen hinunter. Inzwischen hat es auch Helmut, den „Fels in der Brandung“ erwischt. Es wird Zeit für die Abreise. Unsere inzwischen herzlich verbundene Gruppe trifft sich nach dem Abendessen (von dem ich nur noch winzige Mengen nippe) im Foyer, um gemeinsam Abschied zu feiern. Nach etwa einer Stunde quäle ich mich ein weiteres Mal zu meinem Domizil hinauf, um den Koffer zu packen und mich schlafen zu legen. Ich stelle den Wecker auf vier Uhr morgens und kann – wie in solchen Fällen üblich – nicht einschlafen. Im Fernsehen läuft die „Heute-Show“, und ich werde immer wacher.
Irgendwann bin ich wohl dann doch eingeschlafen, denn gefühlt zehn Sekunden später klingelt der Wecker.

Da niemand die Absicht hat, mir meinen Koffer zum Foyer zu fahren, muss ich das schwere Ding alleine hinunter wuchten. Bei der Abgabe meiner Zimmerkarte frage ich nach der Auszahlung meiner „Sicherheitsleistung“ in Höhe von 160.- Euro. Da das Hotel vermutlich erst noch alle Handtücher nachzählen will, soll das Geld „automatisch“ zurücküberwiesen werden, wenn alles in Ordnung sei. Ich komme mir vor wie ein Schwerverbrecher, der eine Woche Straflager hinter sich hat.

NIE WIEDER „RODOS PALACE HOTEL“!!!

Um 10 Uhr deutscher Zeit landen wir in Frankfurt. Herzliche Umarmungen unter den neuen Freunden, Taxifahrt nach Hause (78.- Euro).

Das Fazit:
Das war mit Abstand der schrecklichste Urlaub, den ich in den letzten 15 Jahren erlebt habe. Weniger die erste Woche – die aber eigentlich für mich auch nur eine Wiederholung früherer Türkeireisen war –  sondern vor allem die zweite Woche im Luxusknast. Vor allem der Lockruf „Eine zusätzliche Woche im 5 -Sterne-Hotel GESCHENKT!“ hat wohl bei vielen falsche Hoffnungen geweckt.
Ja, es war ein 5-Sterne Hotel, das diese Bewertung zumindest auf den ersten Blick auch verdient hat. Aber auf den zweiten Blick sah es doch ganz anders aus. Wir waren für das Hotel unerwünschte Zwangstouristen, die irgendwie untergebracht und verköstigt werden mussten. Die Zimmer hat man uns zwar – nach außen hin – kostenlos zur Verfügung gestellt, aber jede weitere Annehmlichkeit eines Luxushotels wurde uns konsequent verweigert. So durften wir uns nur in bestimmten Zonen aufhalten und Getränke und Speisen nur in völlig unterdimensionierten Räumen einnehmen. Die Hotelzimmer waren zum größten Teil völlig veraltet und nur mit größeren Fußwegen erreichbar. Und vor allem: Da war nichts „geschenkt“!

Wir zahlten für diese Zusatzwoche Woche 105.- Euro Kurtaxe (übrigens auch für die ersten zwei Tage in Rhodos 30.- Euro!) und 188.- Euro für das „All Inclusive“-Bändchen, für das man nur minderwertige Getränke und Speisen bekam. Außerdem alle weiteren Kosten des Aufenthalts, wie z.B. die Kosten der Ausflüge, Essen und Getränke während derselben sowie diverse Bus- und Taxikosten.
Ich habe mal addiert, was ich in diesen 14 Tagen als Einzelperson ausgegeben habe.
Statt der ursprünglich verlockenden 248.- Euro aus dem RSD-Prospekt sind es unter dem Strich nun insgesamt 2364,11 Euro geworden – und da fehlen vermutlich noch einige Buchungen, die noch nicht auf meinem Konto gelandet sind.
Das Geld wäre nicht einmal das Schlimmste. Die Art und Weise, wie wir vor Ort als Menschen zweiter oder besser dritter Klasse behandelt wurden, geht mir gewaltig gegen den Strich. Einige von uns wollen RSD für die Behandlung als Urlaubs-„Vieh“ verantwortlich machen. Ich drücke den Klägern die Daumen und hoffe, dass dieser Reisebericht zukünftige Urlauber von diesem Lockangebot abhält.

Eine abschließende Bitte an alle, die dabei waren: Schickt mir bitte Fotos von Euren Ausflügen und/oder vom Hotel. Ich habe nur Videos gedreht, die sich leider in diesem Programm nur sehr schlecht einfügen lassen. Bilder bitte per WhatsApp an +49176 34540045.


Bad Homburg am 19.4.2026

Beim Griechen

Oder „Keine Sterne in Athen“

DER ERSTE TAG (Anreise)

Ich habe mal wieder beim RSD, dem „Reisedienst Deutschland“ (einem türkischen Reiseveranstalter) zugeschlagen, nachdem er mir ein durchaus verlockendes Angebot per Mail in den Rechner flattern ließ.

„Griechenland. Eine Woche mit -zig Weltkulturerbe-Städten und 4-Sterne-Hotel inkl. Halbpension“ für irgendwas knapp unter 1000 Euro. Also mit den ganzen Zuschlägen (Flughafen, Ferien- und Saisonzuschlag, Einzelzimmer, Zusatzessen, weitere Ausflüge) dann doch fast 1500.- Euro. „Warum so günstig?“ fragt der geneigte Leser. Weil derzeit noch Vorsaison ist. Deshalb. Für die Hotels eine tolle Gelegenheit, das neue Personal einzuarbeiten, nachdem man das Alte wegen mangelnder Aufträge entlassen hatte.

Griechenland also. Aber nicht die 1000 Inseln, die man als Badetourist besiedelt, sondern das alte, klassische, völlig zerbröselte Griechenland der grauen Vorzeit. Mich erwarteten also Steine ohne Ende. Und alle Mitreisenden, die noch nicht versteinert waren, waren zumindest dicht dran.

Die nagelneue Maschine einer ebenso neuen Lufthansa-Tochter hatte allerdings schon in Frankfurt eine gehörige Portion Verspätung. Und als die Passagiere aus der Maschine endlich raus durften, standen zehn Polizisten vom Grenzschutz am Gate und kontrollierten die Papiere aller Ankömmlinge. Und es kam, wie es demnächst immer häufiger passieren wird: ein armes Schwein – vermutlich arabischer Herkunft – konnte keine Aufenthaltserlaubnis oder sonst irgendwas Wertvolles vorweisen, um die geliebte Bundesrepublik betreten zu dürfen. Stattdessen wurde er wieder „zurückgeführt“. Dazu setzte man ihn wieder in den Flieger – letzte Reihe, Einzelplatz, holte vorher sein Gepäck aus dem Bauch der Maschine und schob es wieder rein. Fliegen durfte er alleine. Die griechischen Kollegen werden sich sehr gefreut haben, den jungen Mann wieder im Land zu haben. Oder auch nicht.

Jedenfalls waren wir jetzt in Athen. Wir – das waren sage und schreibe 90 Personen (auf zwei Flieger verteilt) aus deutschsprachigen Landen, die nicht nur Lust auf OUZO hatten. Schon im Flieger hatte ich die Befürchtung, dass diverse Nachbarn in den Reihen neben, vor oder hinter mir zur Reisegruppe gehören könnten. Alle so um die 60 bis 80, übergewichtig und des Hochdeutschen nicht mächtig. Die Befürchtung stimmte zu nahezu hundert Prozent, mich eingerechnet. (Ich war der mit dem Hochdeutsch…) Aber ich war ja durch viele Reisen mit „RSD“ darauf gedrillt, die Gruppe erst einmal völlig ohne Vorurteile oder Antipathien anzunehmen. Na ja, fast. Da waren schon ein paar Exemplare dabei, die besser im Dorf geblieben wären.

Mit einstündiger Verspätung landeten wir um 15:30 Uhr Ortszeit (was 14:30 Uhr in Deutschland entsprach) und liefen ohne irgendwelche Passkontrollen dem Gepäckband entgegen. Als neuestes Schmankerl hatte ich mir ein sogenanntes „AirTag“ der Firma Apfel in den Koffer gelegt, um zweifelsfrei zu wissen, in welcher Metropole er verloren gegangen ist. Es ging aber alles gut – das Handy zeigte mir einen Abstand von 400 Metern zwischen dem Koffer und mir an. Wenig später tauchte er dann auch schon auf dem Gepäckband auf – zusammen mit einem äußerlich völlig gleichen Koffer in derselben Farbe. Die Dame reklamierte dann auch meinen Koffer als den ihren, weil meiner ein paar Sekunden früher als der Ihrige auftauchte. Mittels Gepäckticket konnte ich ihr den Raub meines Koffers dann ausreden. Und schon hatte ich den ersten persönlichen Kontakt mit einer Mitreisenden, ohne ihn jedoch auch nur im Entferntesten wahrnehmen zu wollen. Aber es gibt ja Damen, die lassen nicht locker…

Der nächste Schock war die Reiseleiterin. Ungefähr so alt wie meine Mutter, also neunundneunzig, versuchte sie, die ihr zugeteilten 45 Reisenden in den Bus zu trommeln. Na ja, sicher nicht ganz so alt, aber gewiss die bisher älteste Reiseleiterin, die ich erlebt habe. Wahrscheinlich bekommt sie so wenig Rente, dass sie einfach bis zum Umfallen weiter macht. Und Organisieren konnte sie gut. Anscheinend hat ihr die jahrzehntelange Erfahrung geholfen, uns zusammengewürfelte Truppe tatsächlich in einen Bus zu bugsieren. Der Fahrer hatte beim Einräumen der Koffer bereits ein paar Liter Flüssigkeit verloren, was aber bei seinem Gewicht nicht sonderlich auffiel. Kurz vor dem Start der Reise schenkte er allen Reisenden sogar eine Flasche Wasser. Ab morgen sollte die dann 50 Cent pro Flasche kosten, was ein durchaus annehmbarer Preis für das eiskalte Getränk war. Man musste allerdings schon sehr stark sein, den Deckel zu öffnen, ohne ein paar Hautfetzen zu verlieren.

Unsere dem Alter der Mitreisenden angepasste Reiseleiterin – eine Griechin natürlich – spulte während der Fahrt routinemäßig ihren Text runter. Ihr Deutsch war akzeptabel, aber es klang immer so, als würde eine Maschine sprechen – mit Pausen an den falschen Stellen und unpassenden Betonungen. Egal, eine gute Stunde brauchte der Bus, um unser Hotel in Korinth zu erreichen.

Es lag in einem Wohnviertel in einem älteren Vorort von Korinth, etwa 400 Meter vom Strand entfernt. Insgesamt waren es sieben Gebäude, die durchaus schön und modern aussahen. Ein riesiges Hauptgebäude mit Empfang, Bar und Restaurant machte einen sehr gemütlichen Eindruck. Die Zimmer selbst stammten allerdings noch aus dem Altertum. Die Griechen damals konnten höchstens einen Meter fünfzig groß gewesen sein – wie sonst lassen sich die Höhe und der Durchmesser des Klos erklären? Auch hier Badewanne statt Dusche, aber immerhin ein kleiner Fernseher mit zwei deutschen Sendern: „arte“ und „tagesschau 24“.

Nach dem Einräumen meiner Klamotten in die großzügigen Schränke war es Zeit für das Abendessen. Der nächste Schock: Es gab nur große runde Tische mit Platz für jeweils neun Personen. Ich kannte doch keinen, habe mich deshalb an den einzig noch freien Tisch gesetzt. Und ruckzuck setzte sich ein Paar aus Österreich neben mich, das ich schon im Flugzeug akustisch und inhaltlich nur schwer verstanden hatte. Es sollten nicht die einzigen Ösis bleiben…

Das Essen war so, wie es anscheinend immer und überall bei Buffets ist. Teils lecker, teils ungenießbar. Positiv erwähnen muss ich die drei jungen Mädchen, die Getränke gebracht, Teller abgeräumt, Unterschriften für die Getränke-Rechnungen gesammelt haben und danach auch noch weiter an der Bar arbeiten durften – äh – mussten. Apropos Getränke: Das 0,2l-Glas Hauswein kostete 4,50 Euro, der halbe Liter 9.- Euro. Absolut fair und auch gar nicht so unlecker.

Und während ich diese Zeilen mutterseelenallein an der Bar sitzend ins MacBook tippte, tranken die Damen und Herren aus dem Parallelbus nebenan bereits auf Brüderschaft.

Morgen geht’s nach Athen.

DER ZWEITE TAG

Wie immer in fremden Betten, war alles ziemlich ungewohnt. Mal war es mit Decke zu warm, mal ohne Decke zu kalt, mal guckten die Füße und mal die Schultern raus. Die Klimaanlage surrte leise im Hintergrund und sorgte für überflüssige Kälte. Eigentlich hätte ich auch schon um vier Uhr morgens aufstehen können.
Das Frühstück war aber auf 8:00 Uhr terminiert, die Tagesreise nach Athen sollte um 8:30 Uhr beginnen. Und so war es auch. „Unser“ Bus wartete schon. Die einfache Strecke war 210 km lang, was einige Stunden Busfahrt bedeutete. Unsere Reiseleiterin verteilte an uns kleine Funkempfänger mit Ohrhörern, damit sie sich mit uns verständigen konnte. Bei so vielen Leuten sei das notwendig. Es ist allerdings riskant, moderne Technik an Leute zu verteilen, die beim Faxgerät stehen geblieben waren. Vor allem, wenn man das Ding selbst nicht benutzen kann. Wie sie die Bedeutung der einzelnen Tasten (Kanal auf/ab, Gerät an/aus, Lautstärke lauter/leiser) dem geneigten Seniorenbus zu erklären versuchte, war kafkaesker Slapstick vom Feinsten. Irgendwann konnte ich das „Können Sie mich hören?“ nicht mehr hören. Der erste Einsatz der Funkgeräte erfolgte in irgendeinem alten Kloster, wo Madame uns in irrsinnig langen und langweiligen Erzählungen den Sinn oder Unsinn der Wandmalereien erklärte. Da war sie in ihrem Element, hatte sie doch Jahre ihres Lebens geopfert, die Geschichte dieses Klosters selbst unter Folter aufsagen zu können. Tja, und das war leider auch das Hauptproblem der ganzen Reise. Egal, was sie uns erzählte, es war mehr oder weniger völlig unverständlich. Sie sprang ständig in den Jahrhunderten – ja, sogar in den Jahrtausenden – hin und her und entwickelte dabei einen Satzbau, der schlicht und einfach unverständlich war. Viel interessiert hat uns das monotone Geschwätz wenig, und nach einer knappen Stunde zog unser Tross weiter gen Athen, der Hauptstadt Griechenlands.

Zwischen 3,8 und 5 Millionen Menschen wohnten 2025 hier schätzungsweise. Das Land insgesamt hat nur knapp 10 Millionen Einwohner. Das bekannteste Denkmal dürfte wohl die „Akropolis“ sein, die in frühen Jahren der sportlichen Ertüchtigung gewidmet war – also der Olympiade. Auf dem Weg dorthin sahen wir vom Bus aus leider auch die negative Seite der Stadt. Die Vororte waren völlig verwildert. Ein Gebrauchtwagenhändler neben dem nächsten, nur ab und zu durch Schrotthändler unterbrochen. Leerstehende Häuser, Hausgerippe und runtergekommene Buden aller Art. Dreck ohne Ende. Der größte Verkaufshit in Athen muss damals die Spraydose gewesen sein. So viele Schmierereien sieht man selten. Fast kein einziges Gebäude blieb davon verschont. Das ließ erst nach, als wir die dann doch sehr großzügig angelegte Innenstadt erreichten. Wir bestaunten imposante Gebäude, Museen, Schlösser, großartig angelegte Parks und Denkmäler ohne Ende. Heinrich Schliemann hatte mal hier gewohnt. Seit er den Löffel abgegeben hat, wohnt jetzt ein Museum in seinem Haus.

Die Besteigung der Akropolis war für alle Teilnehmer eine sportliche Höchstleistung. Die steil nach oben führenden Treppen mit unterschiedlichen Stufenhöhen ohne irgendeine Möglichkeit, sich festzuhalten, erwiesen sich zusätzlich noch als ziemlich rutschig. Während wir da rumkraxelten, sind zwei Frauen gestürzt. Eine hatte nur eine blutige Delle am Dez, die andere einen Genickbruch. Game over.
Wir waren beileibe nicht die Einzigen, die das Denkmal erklimmen wollten. Tausende von Gleichgesinnten hatten sich das dreißig Euro teure Ticket für den maximal dreistündigen Besuch gekauft. Für die Jüngeren war das Rumhüpfen auf den Stufen kein Problem, aber wir älteren Semester hatten doch schon die eine oder andere Gleichgewichtsstörung. Ich machte meine obligatorischen Fotos (Hintergrund: Denkmal, Vordergrund: Ich) und hoffte, da heil wieder rauszukommen. Es ist mir gelungen.

Die Steine (hinten) sind älter.
Wer ist wohl älter? Die Steine oder der Kerl im Vordergrund?

Nach der Bergsteigerübung liefen wir zu Fuß in die Athener Altstadt, oder besser, den für Touristen aufgehübschten Teil der Metropole. Hier gab es wie in allen Touristenzentren den üblichen Nepp wie blöd bedruckte T-Shirts und Narrenkappen sowie ein paar Restaurants der Marke „Hierher kommen Sie nur einmal – garantiert!“. Ich hatte Hunger und setzte mich in eins dieser Nepp-Buden. Auf der Karte klang „Kebab vom Lamm mit Fladenbrot“ nicht übel. Leider sah es aus wie Hundekacke vom Dobermann (Zwei Rollen) mit salzlosen Pommes. Der Pinot Grigio dazu war pisswarm, passte also auch zum Gesamteindruck. Darauf angesprochen, beschwor der Chef, dass der Kühlschrank auf 6 Grad eingestellt sei. Wir einigten uns auf Eiswürfel. Fühlte mich gleich wie zuhause beim Eiscafé Pellegrin…


Ja, das kann man essen!

Danach bummelte ich weiter durch die Gassen, immer den Treffpunkt im Auge. Der sollte um 16:30 Uhr direkt am Ende der Touristenfalle sein. Dort, wo die Busse immer nur ganz kurz halten dürfen.
Wer pünktlich da war, war ich. Sonst niemand. Zum Glück hatte ich mir die Telefonnummer der Reiseleiterin ins Handy geladen. Als ich sie anrief, war sie schon völlig außer Atem. Ich erklärte ihr, dass ich genau da sei, wo sie mich und die anderen hinbestellt hatte. Und dass ich ziemlich alleine wäre, aber absolut pünktlich. Und dann sah ich sie. Vielleicht hörte ich sie auch schreien. Auf der anderen Straßenseite, sechs Fahrspuren und drei rote Ampeln entfernt.
Es stellte sich heraus, dass die große Mehrheit unserer Truppe nach meiner Abspaltung per Funk („Können Sie mich hören?“) von ihr erfahren hatte, dass der Abholpunkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite wäre. Und da es mit dem Hellsehen bei mir immer noch nicht so richtig klappt, war ich eben „lost“. Ja, das Funkgerät war eingeschaltet, konnte die Straße aber nicht überbrücken.

Mit dennoch nur 5 Minuten Verspätung begann Teil drei des Ausflugs: Die Stadtrundfahrt. Das war auch was, was man sich komplett sparen sollte. Denn so ein Bus fährt ja auf Straßen. Und wenn die Straße frei ist, fährt er weiter. Er bleibt gerne an roten Ampeln stehen oder im Stau, aber niemals an den Stellen, an denen sich ein Halt lohnen würde. So rasten brausten wir an eindrucksvollen Gebäuden vorbei, ohne auch nur den Hauch einer Chance gehabt zu haben, irgendwas davon aufzusaugen und im Hirn abzuspeichern. Leider war der Himmel den ganzen Tag sehr bedeckt, bzw. von Abgasen verdunkelt. Das Lied „Keine Sterne in Athen“ von TRIO gilt also noch heute…

Die Heimfahrt zog sich. Feierabendstau. Um 18:45 Uhr kamen wir endlich wieder im Hotel an. Kurze Erholungspause, dann Abendessen wie gewohnt. Am selben Tisch, mit denselben Tischnachbarn. Business as usual eben. Heute einfach nur Spaghetti Bolognese gegessen. Schmeckte eher italienisch. Aber gut, ich bin ja noch neu, was die Küche angeht…

DER DRITTE TAG

Die Nächte wurden kürzer. Heute sollte die  dreieinhalbstündige Fahrt nach Olympia schon um 8:15 Uhr beginnen. Die zweite Nacht – nach einer gründlichen Neueinstellung der Klimaanlage – verlief schon wesentlich besser. Aber mitten in der Nacht stellte ich fest, dass ich nicht alleine im Zimmer war.
Kaum zu glauben, aber ich hatte eine Mitbewohnerin.
Und wer jetzt für mein Seelenheil hofft, dass es sich um ein weibliches Wesen aus dem unerschöpflichen Fundus der Mitreisenden oder des bedeutend verlockenderen Personals handelte, muss leider enttäuscht werden. Die neue Bewohnerin hieß Kaker. Etwa 5 cm groß, in Europa auch als Kakerlake bekannt. Sie hatte sich im Eingangsbereich breit gemacht und riss weder durch Anbrüllen noch durch Aufstampfen mit dem Fuß aus. Sie saß einfach da und schaute mich traurig an. Vielleicht war das auch ein hungriger Blick? Wer kennt sich schon mit diesen Viechern aus? Ich gab ihr eine Chance und ließ sie allein. Sie sollte Zeit bekommen, sich über ihre Lage im Klaren zu sein. Was wollte sie von mir, dem Touristen aus Deutschland, der ja noch nicht mal kakerlakisch sprach, geschweige denn Interesse an einer engeren Beziehung hatte? Ich wusste nicht einmal, wie sich so eine Beziehung gestalten würde. Sprechen konnte sie ja schon mal nicht. Was Kakerlaken gerne speisen, war mir auch nicht bekannt. Ein Loose-Loose-Verhältnis also. Ich hatte sie nach einem Toilettenbesuch entdeckt, wusste aber nicht, welche Bedeutung das für Kaker hätte. Also ging ich wieder ins Bett und hoffte, dass sie sich mit ihren kleinen Füßchen nicht an der Bettdecke hochkämpfen würde.

Am nächsten Morgen stand sie noch genau an derselben Stelle, an der ich sie schnöde im Dunkeln stehen gelassen hatte. Mit nunmehr klarem Kopf war mir klar, dass ich die Affäre beenden musste. Ein Sidekick unter den Schrank ließ sie im Nu aus meinem Flur entschwinden. Leider nicht lange. Nach wenigen Sekunden kam sie wieder völlig verstaubt raus und lief mir entgegen. Ich wich aus, sie folgte mir. Ich sprang über sie zurück zur Türe – sie rannte sofort hinterher. Und zwar ganz schön schnell. Ich sah ein, dass die einzige Chance, diesem Mordanschlag zu entgehen (denn um was anderes konnte es sich ja wohl nicht handeln!) die sofortige Eliminierung des Mörderinsekts war. Ein kräftiger Schlag mit dem Schuh auf den Panzer des Eindringlings beendete dessen Laufbahn mit einem lauten Knacken ebenso schnell wie meine Angst. Kleiner Hinweis an das Personal: Kaker liegt unter dem Kühlschrank. Vielleicht kommt ja ihre Familie und peppt sie wieder auf. Aber bitte erst ab nächstem Donnerstag!!!

Doch nun zu unserem Ausflugsprogramm. Nachdem wir gestern das alte Olympiastadion in Athen erklettert hatten, stand uns heute das Original bevor. Die Stadt Olympia nämlich, 3,5 Stunden Busfahrt entfernt. Natürlich gab es auch Pausen, denn am Stück war das doch eine ziemliche Tortur. Mir fiel in den Toilettenpausen immer häufiger auf, dass ich fast nur noch Mitreisende aus Österreich traf. Also nicht auf dem Klo, sondern überall. Bevor wir die Besichtigung des originalen Olympiageländes begannen, durften wir noch was essen. Auch hier wieder lauter Ösis. Ich benutze dieses Wort jetzt einfach, weil es schneller zu schreiben ist als „Österreicher“ und vor allem respektvoller klingt als „Schluchtenscheißer“, was mir Google als Synonym vorgeschlagen hatte. Würde ich nie sagen. Es kam raus, dass ich tatsächlich außer einer weiteren Person der einzige Deutsche im Bus war. „Rainer unter Ösis“ also. Die andere deutsche Person war mir schon in Frankfurt aufgefallen. Sie stellte sich als Religionslehrerin im Ruhestand vor, war angezogen wie auf einer Nil-Kreuzfahrt mit Hut, wasser- und mückendichtem Umhang sowie Bergsteigerfußwerk. Wir beide mussten also ab jetzt die Bundesrepublik Deutschland in dieser österreichischen Enklave vertreten.

Aber zurück zum Programm. Nach dem Essen (mein erstes „Moussaka“) besuchten wir zunächst das Museum von Olympia. Mit einem Wort: GROSSARTIG! Tolle Exponate aus den Zeiten seit 776 vor Christus – da fingen die Spiele nämlich an. Man wollte dem Gott ZEUS huldigen und ließ nur Männer für die Kämpfe zu. Im Jahr 393 nach Christus wurden die Spiele, die bis dahin alle vier Jahre stattfanden, verboten. Erst 1896 fanden die Olympischen Spiele der Neuzeit wieder alle vier Jahre statt – in Paris, anfangs auch immer noch den Männern vorbehalten. Die Mädels durften dann ab 1900 mitkämpfen. Ab 1924 kamen dann noch die Winterspiele dazu, die erst seit 1994 im zweijährigen Wechsel mit den Sommerspielen stattfinden. Diese Zusammenfassung konnte ich dank künstlicher Intelligenz in meinem Handy finden, da die Vorträge unserer Reiseleiterin so verworren waren, dass keiner verstehen konnte, um was es überhaupt ging.


Dem Herrn fehlt so Einiges…

Das Museum zeigte eine große Auswahl aus Fundstücken der gesamten Zeit. Einfach großartig! Man muss es gesehen haben oder sich wenigstens im Internet ein paar der sensationellen Ausgrabungen anschauen. Am Ende des etwa einstündigen Museumsbesuchs konnten wir noch das Modell des damaligen Olympiadorfs anschauen. Und dieses Modell hat es uns sehr erleichtert, anschließend das Original zu erkunden. Leider sind die Säulen und Gebäude  größtenteils zusammengebrochen. Es fehlen viele Details, weil der Zahn der Zeit in den fast 3000 Jahren hübsch dran rumgenagt hat. Aber eine ganz bestimmte Stelle hat auch heute noch ihre Funktion: Der Ursprung der olympischen Flamme. Ich stand neben der Stelle, an der für alle Spiele das olympische Feuer angezündet und von dort von Läufern bis in die Stadien der Welt getragen wird. Ein echter Gänsehaut-Moment. Ich war fast versucht, eine Gedenkrede anzustimmen.

Aber das war es auch schon. Wir mussten uns sputen, den Bus zu erreichen, der ja noch 3,5 Stunden Heimweg vor sich hatte. Um 20.00 Uhr kamen wir endlich im Hotel an, stürzten auf das Buffet und quasselten wie blöde. Das Schöne war, dass an „meinem“ Tisch inzwischen auch ein paar Deutsche Platz genommen hatten – die aus Bus Nummer 2 nämlich. Und so entstand dann tatsächlich eine unterhaltsame Konversation zwischen Oldies aus Österreich und Deutschland. Aufhänger war Donald Trump, der aktuelle Präsident der USA, der gerade mal wieder einen unglaublichen Berg an Blödsinn ausgespuckt hatte.

Die fleißige, bildhübsche Servicekraft hatte sich die Haare heute ganz besonders schön gemacht. Ja, sowas fällt mir auf! Ich ihr wohl auch. Sie weiß meine Zimmernummer inzwischen auswendig. Leider nur für die Rechnungen. Träum weiter, alter Mann…

Nach dem Essen spielte erstmals eine Kapelle in der Bar. Laut, sehr griechisch und für meine Tätigkeit als Protokollant der Reise eine schöne akustische Zutat. Also bestellte ich mir noch einen Wein und hörte Sirtaki. Zum Lernen ist man nie zu alt.


DER VIERTE TAG

Insgesamt sollten wir heute „nur“ 4,5 Stunden im Bus verbringen. Zum Glück nicht am Stück, sondern immer wieder durch großartige Sehenswürdigkeiten (also zerbröselte Steine) unterbrochen. Die erste Unterbrechung hätte ich fast verpennt. Erst als es plötzlich verdächtig ruhig war, erwachte ich aus einem kurzen Nickerchen und stellte fest, dass man mich im Bus vergessen hatte. Der Busfahrer war bereits dazu übergegangen, den Unrat im Bus einzusammeln, als er mich entdeckte. Hurtig entstieg ich dem 50-Sitzer und eilte der Seniorengruppe hinterher. An der Kasse fiel mir auf, dass ich gar keine Eintrittskarte hatte. Die Verteilung derselben hatte ich auch verpennt. Deshalb bin ich statt durch den EINGANG durch den AUSGANG auf das Gelände gelaufen. Hat wunderbar funktioniert, wurde weder angesprochen noch eingesperrt.

Wir besuchten die angeblich weltberühmte „Burg von Mykene“, die seit 1999 zum UNESCO-Welterbe zählt. Der olle Heinrich Schliemann entdeckte hier die Goldmaske des Agamemnon. Wir schauten uns die Königsgräber an sowie das beeindruckende Löwentor und landeten anschließend natürlich in einem Museum mit Funden des Schatzhauses von Atrea – was immer das bedeutet. Hier hätte ich wieder meine Eintrittskarte vorzeigen müssen, die ich ja nicht hatte, wurde aber ich hier problemlos durchgelassen. Erst später war mir klar, dass heute ja Sonntag war und sonntags der Eintritt in griechische Museen umsonst ist. (Nicht nur umsonst, sondern auch vergebens, wenn ich mir überlege, was von den ganzen Trümmern da in meinem Hirn hängengeblieben ist…)

Nach dieser kulturellen Ertüchtigung ging es wieder ums Essen. Wir stoppten an einer der extra für Touristen geöffneten Massenspeiseabfertigungen und wurden auch prompt innerhalb von einer Minute bedient. Statt das „Essen nach Bildern“ zu bestellen, wurde uns heute das echte Essen auf einem fahrbaren Tablett vorgeführt. „Essen auf Rädern“ quasi. Moussaki, mit Reis gefüllte Tomaten, irgendwas Gegrilltes, Salat und toten Fisch gab es heute. Immer mit Pommes. Später wurde uns die Speisekarte nachgereicht, damit wir nachlesen konnten, was der Krempel kosten sollte. Zwischen 16 und 25 Euro wurden hier aufgerufen, Getränke extra. Das Essen kam ca. 45 Sekunden nach der Bestellung auf den Tisch – die Getränke brauchten nur unwesentlich länger. Klar, wenn in so einem Lokal um die Mittagszeit herum rund 500 Gäste gefüttert werden müssen, zählt jede Sekunde.

Lecker Moussaki…

Als wir nach einer guten halben Stunde alle gezahlt hatten (nur Bares war hier Wahres), fuhr uns der Bus weiter nach Epidauros. Auch hier galt es zunächst, das Museum zu besuchen. Ein Highlight für unsere Reiseführerin, die natürlich jedes einzelne Ausgrabungsstück persönlich kannte. Sie konnte mit Kennerblick sicher bestimmen, ob die antiken Brocken echt oder Kopien waren. Und hier waren viele Kopien. Die Originale sollen alle in Athen rumstehen. Vielleicht haben wir sie sogar dort gesehen, was weiß ich denn schon.
Lustig wurde es, als eine junge Dame einer anderen Reisegruppe das übergroße Fortpflanzungsgerät einer männlichen Statue in die Hand nahm, um ohne jede Scheu, aber mit breitem Grinsen anzügliche Bewegungen durchzuführen. Unsere Führungsmutti hat fast einen Schlaganfall bekommen und das Mädel laut und sehr bestimmt angewiesen, weitere Handlungen an diesem Ausstellungsobjekt ihrer Begierde auf der Stelle zu unterlassen. Leider habe ich meine Kamera nicht schnell genug einschalten können…


Hier könnte die Volksbühne spielen, wenn das Kurhaus in Bad Homburg abgerissen wird…

Abschließend ging es nun noch ins Theater. In ein riesengroßes, 14000 Besucher fassendes Open-Air-Stadion, in dem sogar schon mal die Frau Callas geträllert haben soll. Die „Bühne“ bestand aus einem etwa 30 Meter großem Kreis, um den die steinernen Sitze halbkreisförmig viele, viele Reihen hochgestapelt waren. Das Theater ist tatsächlich noch in Betrieb, wenn auch nur noch etwa sechs bis zehn Mal im Jahr. Frühere Intensivnutzung hatte viele Schäden nach sich gezogen, so dass man das Spektakel heute nur noch selten erleben kann. Natürlich musste ich mit dem berühmten Satz „To be or not to be!“ die Akustik des Theaters testen. Sie war hervorragend – man hörte mich ohne Verstärkung bis hoch in die letzte Reihe, wie ich am Applaus einiger Teenager, die da oben rumturnten, bemerkte. Nach mir fingen dann zwei Italiener an, irgendeine Passage aus irgendeiner Oper zu trällern. Da war der Applaus noch viel stärker. Das fanden alle toll, bis auf die Security, die sofort einschritt, um das Geträllere zu verbieten. Musik und Singen war streng verboten. Als die beiden einfach weitersangen, wurde der Wächter extrem böse und brüllte sie an, sofort damit aufzuhören, sonst würden sie bestraft. Situationsgerecht wäre da eine Auspeitschung passend gewesen, aber zu dieser Eskalation ist es leider nicht gekommen.

Unser Tag war damit noch lange nicht beendet. Das nächste Ziel war eine sehr, sehr schöne, aber derzeit völlig überlaufene Hafenstadt namens Nauplia. Hier durften wir in Eigenregie eine gute Stunde durch die Gegend laufen und uns die Altstadt mit ihren austauschbaren Touristenläden anschauen. Wegen des Sonntags war die Stadt nicht nur mit Touristen, sondern auch mit Einheimischen völlig überlaufen. Die Sehenswürdigkeiten in diesem Ort waren zwei alte Festungen hoch oben auf den Bergen. Zum Glück mussten wir uns die nicht auch noch ansehen – dazu hätten wir eine Bergsteigerausrüstung gebraucht. Ich setzte mich daher in ein belebtes Café direkt am zentralen Dorfplatz und trank einen Wein. Nicht, dass ich wirklich Durst oder Lust darauf hatte, aber ich musste dringend mal für kleine Jungs – und einfach ohne was zu verzehren nutze ich ungern fremde Toiletten. Inzwischen war es achtzehn Uhr, und das Café hatte deutlich unter dem Ansturm sowohl der Bevölkerung als auch der Touristen gelitten. Dreck ohne Ende, genervtes Personal, schreiende und rumstreunende Kinder, besoffene Touristen und immer wieder Schmutz und Seuche. Weder konnte man die Toilettentüre abschließen, noch gab es Seife, Wasser zum Händewaschen oder wenigstens Toilettenpapier. Der Weg auf den Pott war steil wie eine Dachbodentreppe – natürlich ohne Haltegriffe. Ich habe nach erfolgter Erledigung meines natürlichen Bedürfnisses glücklicherweise nach ein paar Metern einen aktiven Brunnen entdeckt, der mich vom gröbsten Schmutz befreite.


Ein wahres Drecks-Café

Der Bus stand pünktlich ab Abholpunkt, sodass wir die 1,5 Stunden Heimfahrt sofort antreten konnten. Zum Abendessen waren wir dennoch die Letzten. Unser Tisch beherbergte jetzt vier Ösis, vier Deutsche und mich. Äh, also fünf Deutsche. Die vier anderen Deutschen kannte ich schon seit dem ersten Abend. Sie waren mit ihrem rheinischen Dialekt auch tatsächlich so gut drauf, wie man das allgemein von Rheinländern annimmt. Nach dem Essen haben wir fünf dann noch auf der Terrasse gesessen und bei wunderbar sinnfreiem Gequatsche weitere Getränke vernichtet.
Um 23.00 Uhr war Feierabend, weil die anderen ja morgen früh schon wieder in den Bus steigen mussten. Ich aber hatte meinen freien Tag vor mir, weil ich die angebotene „fakultative“ Besichtigung einer Ölmühle mit anschließender Verkaufsshow tunlichst NICHT gebucht hatte. Eine Flasche Öl hält in meiner Küche circa zwei Jahre. Und ich habe erst vor einem halben Jahr eine neue Flasche gekauft …


DER FÜNFTE TAG

Ausschlafen! Spät frühstücken – fast allein im großen Speisesaal. Auf dem iPad gemütlich die Zeitung gelesen, das Hotelgelände erkundet. Dabei zwei große Swimmingpools entdeckt, etwa fünf weitere Gebäude aus den Anfängen des Unternehmens und den toll angelegten Garten bewundert.
Dann wurde es mir langweilig. Auf der Terrasse noch einen Kaffee getrunken. Wieder rumgelaufen.  In die Sonne gesetzt. Zu heiß. In den Schatten gesetzt. Zu windig. Mannomann, das konnte doch nicht alles gewesen sein? Wäre ich doch bloß mit zur Ölmühle gefahren! Wie sollte ich diesen Tag rumkriegen?
Um zwölf Uhr hatte ich dann eine Lösung gefunden. Unsere Reiseleiterin hatte im Bus vorgeschlagen, eine Bootsfahrt durch den „Kanal von Korinth“ zu buchen. Da könnte man mit dem Taxi hinfahren und für 25.- Euro eine gute Stunde mit dem Boot zwischen den Felsen durchfahren. Es wäre es tolles Erlebnis, sagte sie uns.

Da ich noch keine 500 Schritte gelaufen war, beschloss ich, den Weg zum Hafen per Pedes anzutreten. Vom Hotel runter bis an den Strand war es nicht weit. Nur war am Strand weit und breit kein Schiff zu sehen. Den Hafen entdeckte ich dann ein großes Stück weiter unten. Für einen Hochleistungssportler wie mich kein Problem. Ich trabte also gemütlich den Strand entlang, der bis auf gerade mal drei Grazien völlig leer war, und stellte beim Erreichen des Hafens fest, dass es sich um den falschen Hafen handeln musste. Die drei Schiffchen hier waren nicht auf Touristen, sondern auf Fischchen aus. Also wieder brav zurück zu Hotel gelaufen. Nun hatte ich bereits drei Kilometer auf dem Buckel. An der Rezeption bat ich, mir ein Taxi zu rufen, das mich an die richtige Anlegestelle des Ausflugsdampfers bringen sollte. Das hat man auch gerne gemacht und mir einen schönen Ausflug gewünscht. Die Konversation lief auf Englisch, obwohl ich später mitbekam, dass die Concierge besser Deutsch als Englisch sprach.

Das Taxi kam innerhalb von zehn Minuten angedüst, so dass ich noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes hatte. Der Fahrer des uralten Mercedes, „Elias“, hatte sein Auto gut im Griff. Er durchfuhr Kurven gerne doppelt so schnell wie ich mich trauen würde und konnte dabei sogar noch telefonieren. Tja, er fuhr und fuhr. Und fuhr. Es nahm kein Ende. Ich war nicht sonderlich beunruhigt, da ich ja wusste, dass Taxifahren in Griechenland extrem billig sein sollte und dass der Fahrer vor allem sein Ziel kannte. Wenigstens fast. Er musste erst nochmal einen Kumpel anrufen, der ihn dann ferndirigierte, um die Schrottkiste zur Anlegestelle zu leiten.
Inzwischen war das Taxi sage und schreibe 30 Minuten gerast und der Spaß sollte 30 Euro kosten. Verifizieren konnte ich den Betrag leider nicht, weil er „vergessen“ hatte, das Taxameter einzuschalten. An meinem Seitenfenster war ein Aufkleber befestigt, auf dem in mehreren Sprachen sinngemäß stand, dass der Fahrgast erst bezahlen soll, wenn er den Beleg erhalten hat und vor allem die Zahlung nur per Karte zu erfolgen habe. Barzahlung war laut diesem Aufkleber eindeutig verboten.
Also gut, dann waren es eben 30 Euro. Ich hielt ihm meine Kreditkarte in Form meiner Apple-Watch hin und sagte „with Card please“. Da wich jede Farbe aus seinem Gesicht. Ein Kartenlesegerät hatte er gar nicht bei sich. Einen Beleg konnte er mir auch nicht ausstellen, da sein Taxameter ja schweigend mitgefahren war. Leider sprach er weder Englisch, spanisch oder Deutsch. Er wurde plötzlich sehr nervös, als ich auf den Aufkleber zeigte und irgendwas für ihn ohnehin Unverständliches murmelte. Dann hatte er eine zündende Idee, tippte etwas in sein Handy und ließ das Getippte auf Deutsch übersetzen: „Taxameter kaputt, Fahrt kostet 30 Euro, nur Bargeld. Ich warten hier bis Du bist zurück, weil hier es gibt kein Taxi.“
Um die Abfahrt des Schiffes nicht zu verpassen, gab ich ihm das Geld in bar und vergewisserte mich nochmal, dass er bestimmt auf mich warten würde. Glücklich, doch noch zu seinem Geld gekommen zu sein (und dabei gesehen zu haben, dass ich noch genügend Cash für eine ewig lange Rückfahrt dabeihatte), verabschiedete er mich mit „Good friend, one hour here!!
Also, geht doch.


Im Kanal von Korinth

Die Schifffahrt selbst war ganz unspektakulär. Das zweistöckige Boot fasste circa 200 Leute – es waren aber nur etwa 40 an Bord. Aus den weißen Boseboxen auf dem Oberdeck säuselte Musik, bis bei Fahrtbeginn eine weibliche „Touristenführerin“ auf Englisch die Geschichte dieses Kanals erzählte. Kurz zusammengefasst: Der Kanal von Korinth trennt die Halbinsel Peloponnes vom griechischen Festland. Schiffe können sich somit die Umfahrung des Peloponnes ersparen und damit den Seeweg erheblich verkürzen. Zum Beispiel spart man bei der Strecke Piräus nach Patras ganze 400 Kilometer. Gebaut wurde er zwischen 1881 und 1893. Er ist über 6300 Meter lang und wurde quasi in den Felsen gesprengt. Die ungarischen Baumeister haben damit tatsächlich ein einmaliges Kunststück vollbracht. Der Kanal ist an der Wasseroberfläche zwischen 21 und 27 Meter breit und öffnet sich nach oben hin auf 75 Meter Breite. Bis zu 79 Meter tief ist der Graben von der Oberfläche bis auf den Boden, wobei die Wassertiefe rund 8 Meter beträgt. Ganze fünf Brücken sorgen dafür, dass auch auf der Oberfläche der Verkehr weiterläuft.

Die Fahrt dauerte eine knappe Stunde, in der genau NICHTS passierte. Ich war sehr gespannt, ob sich das Taxi nach der Rückkehr noch am Anlegesteg befinden würde. Jupp, es war noch da. Diesmal schaltete der Fahrer sein Radio ein, und zwar schön laut. Leider waren die Bassboxen defekt, sodass das Gekrächze aus den völlig verzerrten Boxen schrill und unangenehm klang. Genauso unangenehm, wie ihm am Ende weitere 30 Euro auszuhändigen, die er freundlichst entgegennahm und mich ab sofort „My friend“ titulierte.

Ich traf im Hotel auf unsere Reiseleiterin, die, wie sich inzwischen herumgesprochen hatte, auf den Namen „Dimitra“ hörte und tatsächlich schon 77 Jahre alt war. Sie will arbeiten, solange man sie lässt. Es bleibt ihr bei ihrer kleinen Rente auch nichts anderes übrig.
Ich erklärte ihr die Sache mit dem Aufkleber, Taxikosten nur nach Empfang einer Quittung zu zahlen, und zwar ausschließlich mit Kreditkarte. Sie lachte und sagte, das habe der Gesetzgeber zwar so beschlossen, aber niemand würde sich in Griechenland an so etwas halten. Das Land sei vor Bulgarien das zweitkorrupteste Land Europas. Jeder weiß es, jeder tut es, und ohne Bestechung würde im Land so gut wie nichts mehr funktionieren. Sollte ein Politiker es wagen, gegen die Korruption anzukämpfen, könne er mit Sicherheit damit rechnen, nicht gewählt zu werden. Wieder was gelernt. Das viele EU-Geld ist also sicherlich nicht nur in den (vorbildlichen!) Straßenbau geflossen, da müssen noch viele andere mitverdient haben.

Abends im Hotel waren einige der Reisenden an unserem Tisch endlich etwas aufgetaut – allerdings nur die Deutschen. Österreich blieb stumm und still. Nach dem Essen saßen wir fünf dann noch lange draußen auf der Terrasse und erfreuten uns am leicht harzigen Wein oder süffigem Bier. Ein Bauunternehmer mit seiner Frau, ein Orthopäde, ebenfalls beweibt, und ich.
Spät zu Bette und leider früh wieder raus. Abfahrt um acht Uhr.


DER SECHSTE TAG

Heute sollte es nach Delphi gehen, zur Besichtigung des berühmten Orakels von Delphi. Leider ist Delphi ein schönes Stück von Korinth entfernt, sodass sowohl die An- als auch die Rückreise jeweils 5 Stunden in Anspruch nahm, Pausen eingerechnet.

Die zwei „Besichtigungsstunden“ musste ich schwänzen, denn weiter als bis zum „Nabel der Welt“ (auch nur ein Stein…) bin ich nicht gekommen. Hier haben meine Knie gestreikt. Die steilen Treppen schienen unendlich zu sein, wie üblich ohne Haltestangen. So habe ich die Ruinen des Apollo-Heiligtums mit Theater, ein weiteres Stadion und das sogenannte Athener Schatzhaus leider nicht persönlich begutachten können. Man versicherte mir aber, dass ich nichts Wesentliches versäumt hätte, da alle Bauten ohnehin völlig zerbröselt seien.


Weiteres Gebrösel.

Das berühmte „Orakel von Delphi“ bekamen wir gar nicht wirklich zu sehen. Bis zum 4. Jahrhundert nach Christus haben hier Mönche oder „Seherinnen“ alle möglichen Weissagungen getätigt. Die Stätte galt lange Zeit sogar als „Mittelpunkt der Welt“. Die Geschichte ist so kompliziert und vielseitig, dass ich dem geneigten Leser einen Blick in „Wikipedia“ empfehle. Fest steht, dass die verklausulierten Weissagungen immer auf mehrere Arten gelesen werden konnten. Aus heutiger Sicht war das aber alles nur Mumpitz. Keine der behaupteten Sprüche habe nachweisbar irgendeinen Einfluss auf die Geschichte gehabt. Sicher ist nur, dass da reichlich Drogen im Spiel waren.

Im angeschlossenen archäologischen Museum schmiss Dimitra mit den Jahrtausenden nur so um sich. Hier hatte man anscheinend alles aufgebaut, was man irgendeiner Epoche zuordnen konnte. Mit anderen Worten: Wenn man das nicht studiert hat, versteht man nur Bahnhof. Ganz nebenbei kam auch noch raus, dass ein großer Teil der Fundstücke nur Kopien seien, deren Originale in Athen rumliegen würden. Wir alle hatten die Nase von den alten Steinen nun gründlich voll und waren froh, den Heimweg antreten zu dürfen.


Ägyptische Statuen gibt´s in Griechenland auch jede Menge…

Abends dasselbe Programm wie am Vorabend. Lustiges Essen und lustiges Trinken mit lustigen Leuten. Diesmal schon gegen zehn im Bett.


DER SIEBTE TAG

Uns fehlten noch die Städte Sparta und Mystras (von der ich nie etwas gehört hatte…). Wieder einige Stunden Busfahrt, diesmal in den Süden. Die spektakuläre Ruinenstadt von Mistral war mir wahrscheinlich deswegen unbekannt, weil sie auch wieder nur aus Trümmern bestand. Nun gut, ziemlich weit oben gab es den „imposanten Palast von Mistral“ und unter anderem die freskengeschmückte Metropoliskirche. Hier soll nach Goethes Erzählungen Faust nach der schönen Helena gegriffen haben und nichts als ihren Schatten gefasst haben. Außerdem gab es noch das Pantanassa-Kloster, wo heute noch Nonnen leben. Wie ich später hörte, konnte man dort oben aber gar nichts besichtigen, weil umfangreiche Renovierungsarbeiten einen Zugang unmöglich machten. Zum Glück hatte ich mich mit zwei österreichischen Paaren, denen das Gerümpel genauso auf den Keks ging wie mir, von der Gruppe abgespaltet und in einem Café in der Nähe auf die Rückkehr der Wandersleute gewartet.

Noch ganz viele alte Steine verbergen sich hinter dieser Treppe!

Was zu viel ist, ist einfach zu viel. Ich kann keine Ruinen mehr sehen! Im langweiligen Sparta selbst aßen wir das übliche gekochte Zeugs zu Mittag und fuhren dann wieder zurück ins Hotel, wo wir gegen 17.00 Uhr ankamen und erst einmal die Funkgeräte abgeben mussten. Bei der Gelegenheit konnten wir uns auch beim Fahrer für seine großartigen Fahrkünste bedanken, am besten mittels Bargelds.

Der wirkliche Schock wurde uns jetzt erst mitgeteilt: Aufstehen morgen früh – für die Fahrt zum Flughafen – bereits um 4:30 Uhr!!! Weckruf für alle um 3 Uhr morgens!


DER ACHTE TAG

Als das Telefon mich um drei Uhr aus dem Tiefschlaf riss, war mir klar, dass der Tage gelaufen war. Missmutig erledigte ich meine Morgenroutinen und packte den Koffer. Nachdem ich alles verstaut und den Koffer mittels Zahlenschlosses gesichert hatte, fiel mir noch ein Stapel unbenutzter Unterwäsche im Schrank auf, den ich vergessen hatte. Also alles wieder zurück und neu verpackt.
Das Frühstück war sehr rudimentär angelegt, die Kaffeemaschine defekt, keine Eier und kein Schinken.
Alle Gäste, die Frankfurt als Flugziel hatten, stiegen danach in einen neuen Bus mit einem neuen Fahrer, aber der alten Reiseleiterin. Am Flughafen ging alles recht schnell. Pünktlich hob die A320 NEO um 8:15 Uhr in Athen ab und landete ebenso pünktlich um 10:15 Uhr in Frankfurt, genau drei Stunden später also, wenn man den Zeitunterschied mit einrechnete.
Mein Auto stand diesmal pünktlich vor dem Empfangsgebäude, sodass ich schon um halb zwölf wieder zuhause ankam.


DAS FAZIT

Tja, das ist gar nicht so leicht zu beurteilen. Auf der einen Seite besticht Griechenland durch die sehr freundlichen Einwohner, ein großartiges Klima (zumindest jetzt im Mai) und wunderbare Landschaften (voller Ölbäume), enttäuscht andererseits durch große Armut, Unmengen von Bauruinen und Bestechung an allen Ecken und Enden, was das Land zum „kranken Mann von Europa“ macht.
Was den Touristen an Altertümern gezeigt wird, ist zwar imposant, aber ob der Menge kaum zu bewältigen. Außerdem fehlen an nahezu allen Treppen Geländer oder wenigstens Haltegriffe.
Immerhin hatten wir ein sehr schönes, wenn auch etwas abgehalftertes Hotel mit sehr freundlichem Personal.
Weiterhin kann ich nur über das Festland berichten. Die 1000 schönen Inseln, die Griechenland zu bieten hat, warten noch auf mich. Dort sieht es sicher ganz anders aus.

Der Reisegesellschaft „RSD“ muss ich allerdings bedeutend größere Vorhaltungen machen:
1. Eine Reisegruppe sollte maximal zwanzig Personen beinhalten – wir waren vierundvierzig! Viel zu viele, um sich kennen zu lernen.
2. Die Reiseleiterin, die zwar sehr gut im Organisieren war, konnte als „Guide“ überhaupt nicht überzeugen. Die Erklärungen zu den Sehenswürdigkeiten waren dermaßen sprunghaft und durcheinander, dass wohl niemand ihr folgen konnte.
3. Warum man mich und eine weitere Person in einer Gruppe mit 42 Österreichern untergebracht hat, konnte mir auch niemand erklären, denn auch in der anderen Gruppe gab es Österreicher, die lieber bei ihresgleichen geblieben wären.
4. Die täglichen Busfahrten sternförmig vom Hotel aus zu allen Besichtigungszielen sind viel zu lang. 80% der gesamten Besichtigungszeit ging dafür drauf. Das kann man sicher besser regeln, zum Beispiel mit einem zweiten Hotel.

Immerhin war ich jetzt endlich auch mal „beim Griechen“. Hat ja lange genug gedauert. Sprachlich hatte ich null Chancen, da Neugriechisch mit seiner eigenen Schrift von meinem trägen Gehirn nicht mehr gelernt werden wird.
Mein Tipp: Griechenland muss man gesehen haben, aber nicht unbedingt mit diesem Anbieter. Und für einen sonnigen Urlaub sind die vielen griechischen Urlaubsinseln sicher viel besser geeignet.