Rhodos und Türkei

„Der Zuckerhut in Rio besteht aus Augengneiß“.

Das hätten Sie nicht gewusst, wetten? Ich weiß sowas. Ich hatte mal einen Erdkundelehrer, der die Welt in leicht zu merkende Sätze einteilte. Einer davon war der Zuckerhut, der aus Augengneiß besteht. Ich habe zwar keine Ahnung, woraus Augengneiß besteht, aber das ist ja auch egal. Es reicht ja zu wissen, dass der Zuckerhut in Rio daraus besteht. Mit so einem unglaublichen Detailwissen könnte ich glatt bei Günther Jauch mitmachen, aber da würde ich wahrscheinlich bei den ganz leichten Fragen rausfliegen. Also versuche ich, mein unglaubliches Detailwissen überall dort anzubringen, wo man sich nicht traut, mir zu widersprechen. Immerhin habe ich Abitur.

Ich schreibe das nur, weil ich die geneigten Leser darauf hinweisen möchte, dass es auf dieser schönen Welt die unglaublichsten Dinge gibt. Nicht nur Augengneiß, sondern zum Beispiel auch Gruppenreisen mit „RSD“ nach Rhodos Anfang April 2026. Als langjähriger Nutzer dieses Reiseunternehmens bin ich natürlich gerne auf das Lockangebot angesprungen, das mir zwei Wochen Urlaub auf Rhodos inklusive eines viertägigen Trips durch einen kleinen Teil der Türkei für einen unglaublich mickrigen Preis von 248.- Euro versprach. Inklusive der Besichtigung von Dutzenden von Weltkulturerbe-Bauwerken unter wissenschaftlich ausgebildeter Reiseleitung. Das Kleingedruckte drückte den Preis dann wie gewohnt gewaltig nach oben: Alleinreisend, Einzelzimmer, Abflug in Frankfurt, auch noch während der Osterferien!, mit Essenspaket UND allen Eintrittskarten etc. waren wir schon bei gut 1500.- Euro. Immer noch ein gutes Angebot, wenn man sich die ganzen Details durchliest. Die zweite Woche war sogar geschenkt! Also fast. Man muss ja auch was essen oder trinken in dieser Gratiswoche. Kurzum: Mit gut zwei Mille war ich dabei. Dachte ich zumindest.

Denn es gab noch ein paar Unbekannte in meiner Rechnung. Zum einen die Mitreisenden, zum anderen das Wetter. Die Mitreisenden waren – wie immer bei RSD – zwischen Renteneintritt und scheintot. OK, ich bin auch nicht mehr so ganz jung, aber ich spreche hochdeutsch, kann grammatikalisch einwandfreie Sätze von mir geben und weiß sogar, woraus der Zuckerhut in Rio besteht. Ich denke mal, keiner der Mitreisenden kann mir bei auch nur einem dieser Punkte das Wasser reichen.
Das Wetter war dann eher enttäuschend, zumindest am Tag der Ankunft. Rhodos hatte gerade vier Taifun-artige Stürme hinter sich, voll durchmischt mit Sand aus der Sahara. Und wer will das schon? Alle Straßen standen unter Wasser, als wir landeten.

Aber Wasser interessiert mich ohnehin auf Reisen nur in Form von Getränken während mühseliger Wanderungen oder der Besichtigung von toten Steinen. Im Hotel sollte es nach altem Brauch trinkbaren Wein für einen günstigeren Preis als zuhause geben. Das war immer so und sollte so bleiben. War leider nicht so. Gleich im ersten Hotel – etwa 30 Minuten vom Flughafen in Rhodos entfernt – kostete an der Bar ein Glas Weißwein bereits 6,50 Euro. Das zahle ich auch bei uns zu Hause in den besseren Lokalen. Irgendwie hat der Euro die Preise verdorben.

Während des Abendessens – wie üblich von allem etwas, aber nichts richtig – war die einzige Weinsorte, die man auch als Glas bestellen konnte, ein eher übersüßter Dessertwein. Deswegen sitze ich jetzt an der Bar und werde als Absacker noch einen trockenen griechischen Wein unbekannter Herkunft verdrücken, bevor ich mich körperlich und geistig auf die morgen beginnende Tagestour vorbereite. Vielleicht frage ich aber auch meine „künstliche Intelligenz“, Chat GPT, woraus eigentlich Augengneiß besteht.

Wieso tue ich mir das eigentlich an? Lerne ich wirklich Land und Leute kennen, wenn ich mit Tausenden von Rentnern andere Länder überfalle und als so genannter Tourist in die üblichen Fallen gerate? Gibt es da keine Alternative? So wie ich mit meinen Eltern in den 60er Jahren im Auto nach Italien und später nach Spanien gefahren bin? Mit kettenrauchendem Vater und ohne Sicherheitsgurte? Festgenagelt an einem Ort, jahrzehntelang dieselbe Tour? Oder als jugendlicher Nachahmer mit genau denselben Zielen?
Nein, die Touristik-Branche hat da schon einiges geleistet. Heute können wir als Urlauber so gut wie jedes Land überfallen und damit auch zu deren Überleben beitragen. Von den 195 Ländern, die es offiziell gibt, habe ich etwa schon ein Viertel besucht. Die meisten dieser Länder wären mit dem Auto in kurzer Zeit überhaupt nicht erreichbar. Dafür gibt es eben diese ganzen Reiseunternehmen, die uns die Arbeit abnehmen, jeden der vielen Schritte zu planen, die für eine „große“ Reise nötig sind. Also Flüge und Hotels buchen, Ausflüge organisieren, Reiseleiter ausbilden und vor allem passende Interessenten zusammenführen. Und das Ganze eben auch noch möglichst „günstig“.

Ich bin heute also mal wieder einer der Opfer für eine Reise nach Rhodos in Griechenland. Beileibe nicht der einzige. RSD hat außer den vier Bussen mit deutschen Urlaubern weitere vier Busse mit Reisenden aus Schweden und nochmal vier Busse mit Urlaubern aus Dänemark an einem Tag angekarrt. Diese drei Flugzeuge fassten etwa 600 Urlauber. Und das wiederholt sich jede Woche! Und RSD ist ja nur EINER von sehr vielen Reiseunternehmen aus der ganzen Welt. Alle Touristen müssen untergebracht werden und sich die Sehenswürdigkeiten des Landes anschauen. Natürlich nicht gleichzeitig – das würde im Chaos enden. Auch können nicht alle im selben Hotel wohnen oder gleichzeitig frühstücken oder zu Abend essen. Irgendwo ist das schon eine größere logistische Arbeit, dass das alles klappt. Davor ziehe ich meinen Hut.

So perfekt das alles auch klingt, so hat es auch eine Menge an Nachteilen. Als „Nummer“ im Pool des Reiseviehs bist Du nie persönlich integriert. Du bist einfach nur ein Tourist, der gefälligst den Reiseplan einhalten muss. Aufstehen, frühstücken, besichtigen, essen, schlafen. Manchmal gibt es in den Hotels abends noch eine Bespaßung, damit die Frustration niedrig gehalten wird. Und natürlich ist der „billige“ Super-Duper-Reisepreis tatsächlich nur ein werbewirksamer Grundpreis. Da kommen noch alle möglichen Ausgaben wie z.B. die örtliche Kurtaxe sowie der private Getränkeverzehr hinzu – beim Essen oder beim abendlichen Barbesuch. Ganz abgesehen kostet jede Privatinitiative natürlich auch Geld – wie Fahrtkosten, Eintrittsgelder und Leib und Trank.

Also wieso tue ich mir das an?

Weil es besser ist als zu zu Hause rumzuhängen. So einfach ist das. Ich hab’s schön zuhause, keine Frage, aber tausendmal Hummer schmeckt auch irgendwann fade. Unser Gehirn braucht Abwechslung, neue Eindrücke und Material zum Verarbeiten. Klar, ich könnte auch das Dreifache für hochexklusive Studienreisen-Anbieter bezahlen. Da sind die Reiseleiter ausgebildete Professoren (aber manchmal auch nur gescheiterte Studienabbrecher). Die erzählen Dir bei der Besichtigung irgendeines altertümlichen Steinhaufens die halbe Schöpfungsgeschichte. Nein danke. Ich kann mir das sowieso nicht merken.

Ich sehe so einen Urlaub als reine Abwechslung vom Alltag. Ich will mich weder fortbilden noch „Menschen fürs Leben“ finden oder gar auswandern. Diese ein bis zwei Wochen „Urlaub“ sind alles andere als erholsam. Es ist echter Stress. Und das genau ist der Grund, sich das anzutun. Die häusliche Langeweile, in der doch alles so sittsam geordnet ist, zu verlassen und sich auf neue, ständig wechselnde Umstände einzustellen, ist der wahre Grund für meine Urlaube.

Und dass man dabei tatsächlich ständig neue Erfahrungen macht, neue tolle Menschen kennenlernt und leider auch manchmal Pech hat, ist halt die „Zugabe“ für das Abenteuer.

So kommen wir denn endlich zum Reisebericht.

Tag 1
Der Flug von Frankfurt/Main nach Rhodos mit AEGEAN Air (eine weitere Tochter von STAR Alliance) dauerte nur drei Stunden und war sehr angenehm. Wie ich schon befürchtete, war mehr oder weniger der gesamte Flieger mit den Grauköpfen von  RSD besetzt. Drei Busse fuhren uns ins Hotel am Stadtrand von Rhodos.  Das recht modern eingerichtete Hotel hat mich in einem Kellerraum-Einzelzimmer untergebracht. Recht hübsch, aber auch sehr klein. Das kleinste Einzelzimmer, das ich je bewohnt habe. Die Klimaanlage kann nur kalt, aber kalt ist es ja schon. Ich friere in der ersten Nacht bei ca. 14 Grad so sehr, das ich mich wieder anziehen muss, um nicht als Ötzi aufzuwachen. Seitdem läuft mir die Nase.

Und während ich fast erfriere, lernen wir erst einmal die wichtigsten Daten über Rhodos auswendig. Bitte gut merken, ich frage am Ende ab!

Rhodos in Kurzform

  • Lage: Insel als Teil der Dodekanes im Südosten von Griechenland
  • Fläche: ca. 1.400 km² (also etwa 2× so groß wie Hamburg)
  • Einwohner: rund 115.000
  • Touristen pro Jahr: 2 – 3 Millionen
  • Sonnenstunden: über 3.000 pro Jahr
  • Küstenlänge: ca. 220 km
  • Wirtschaftsleistung pro Einwohner: Ca. 20 – 25.000 Euro. Das entspricht einem BIP von ca. 6-7 Milliarden Euro pro Jahr

Historischer Fun Fact

  • Heimat des legendären „Koloss von Rhodos“
  • Baujahr: ca. 280 v. Chr.
  • Höhe: etwa 33 Meter (für damalige Verhältnisse: absoluter Gigant)
  • Status heute: leider nicht mehr da – gab es ihn wirklich?

Klima & Natur

  • Frühling: 15–21°C (angenehm nur bei Sonnenschein!)
  • Sommer: 25–35°C (Schmelzgefahr für Eis und Motivation)
  • Regen: hauptsächlich im Winter, leider auch in diesem Frühling
  • Höchster Berg: Attavyros, ca. 1.216 m

Highlights

  • Rhodos-Stadt (50 – 60.000 Einwohner)
  • Mittelalterliche Altstadt von Rhodos
  • Insel Symi
  • Das Städtchen Lindos im Südosten
  • Das war´s dann auch schon.

Tourismus in Zahlen

  • Besucher pro Jahr: etwa 2–2,5 Millionen
  • Flughafen: ca. 5 Mio. Passagiere/Jahr
  • Durchschnittlicher Preis für ein Glas Wein: 0,1 l  für 6.- Euro – viel zu teuer!

Tag 2
Unser erster Tagesausflug am nächsten Morgen um 9 Uhr – direkt nach einem recht einfachen Frühstück im Hotel – führt uns nach Lindos, eine Stadt im Südosten von Rhodos. Der Regen hat sein schnödes Handwerk kurz unterbrochen, während wir uns durch die pittoreske Altstadt schieben. Unser sympathischer Reiseleiter „Nihat“ ist zwar dabei, muss aber den Mund halten, weil er Türke ist und Ausländer keine Reiseleiter sein dürfen. Also haben wir zusätzlich eine nette korpulente Reiseleiterin dabei, die in brauchbarem Deutsch alles erklärt, was von Interesse sein könnte. Und das ist außer der pittoresken Altstadt mit vielen kleinen Geschäften die Akropolis der Stadt. Dazu muss man wissen, dass damals so ziemlich jede griechische Stadt, die im Altertum etwas auf sich hielt, eine eigene Akropolis hatte. Selbst besteigen wollen nur wenige Mitreisende das ziemlich defekte Bauwerk – der Weg ist lang und steil. Außerdem ziehen Wolken auf und erste Regentropfen fallen. Die meisten treffen sich am Sammelpunkt lange vor der Abfahrt wieder und stillen Hunger und Durst in einem 0815-Straßengrill. Um halb drei sind wir schon wieder im Hotel. Den Rest des Tages haben wir frei.

Ich nutze die Freiheit, um die Gegend rund um das Hotel zu erkunden, das am südlichen Ende der Stadt Rhodos liegt. Viel gibt es nicht zu sehen. Das Hotel ist etwa 200 Meter vom Strand entfernt – allerdings gut vier Etagen höher als der Strand. Meine Waden werden vor Schmerz brüllen, das weiß ich jetzt schon. Trotzdem laufe ich viele tausend Schritte Richtung Innenstadt, immer am Meer entlang. Saisoneröffnung war letzte Woche, also Anfang April, aber am Strand sieht es noch aus wie nach einem Bombenangriff. Gerümpel und Dreck, wo man hinschaut. Zwischen die Häuser und den Strand hat man eine vierspurige Straße mit Grünstreifen gebaut, damit die Autos schneller in die Innenstadt kommen. Und so ist das Überqueren der Straße trotz reichlich vieler Zebrastreifen eine sehr mutige Angelegenheit. Nach etwa drei Kilometern sehe ich ein, dass da nichts mehr kommt. Ich drehe frustriert um. Nahezu alle Kneipen, Restaurants oder Bars sind geschlossen. Nur ganz am Ende meiner Runde, also schon fast wieder am Ausgangspunkt, hat ein kleines, eher unschönes Lokal geöffnet, „Georges Grillstation“. Ermattet setze ich mich in die inzwischen prall scheinende Sonne und riskiere ein Glas Wein. Und siehe da: Es schmeckt! Das zweite auch. Und es kostet nur 5.- Euro pro Glas! Dann wird es Zeit, wieder den Aufstieg zum Hotel anzugehen. Auch das habe ich geschafft. Fast 9000 Schritte zeigt mir meine Uhr an. Nach kurzer Ruhepause im Restaurant ein bisschen was vom übersichtlichen Buffet schnabuliert und danach meinen Laptop mit meinen ersten Erfahrungen gefüttert. Um 21.15 Ortszeit war es in Deutschland Ostersonntag 20.15 Uhr. Also Tatortzeit. Und tatsächlich habe ich mir den Abschied der beiden Kommissare aus München auch noch angeschaut. Und bin diesmal sicherheitshalber angezogen eingeschlafen.

Tag 3

Heute steht die Altstadt der Stadt Rhodos auf dem Programm. Weltkulturerbe. Und ein wahres Touristenparadies. Zu Beginn zeigt uns die griechische Reiseleiterin die wichtigsten Gebäude der von einer Mauer umschlossenen Stadt und gibt uns die nächsten zwei Stunden frei. So laufe ich denn bei milden Temperaturen kreuz und quer durch die auf Touristen fixierte Altstadt, trinke hier einen Café und da ein Wasser. Die Preise für ein Heißgetränk variieren zwischen 3,50 und 12,- Euro! Trotz Vorsaison brummt der Laden. Wie es hier im Sommer aussieht, wage ich mir gar nicht vorzustellen.

Nach zwei Stunden verlassen wir geordnet die Altstadt, um mit dem Bus noch eine Rundfahrt durch Rhodos selbst zu machen. Auf dem Weg zum Parkplatz stürzt unser ältester Mitreisender (86 Jahre – sein Bruder, 84, ist auch dabei…) über ein paar Elektro-Scooter, die eigentlich ganz ordentlich geparkt waren. Jetzt liegen sie alle auf dem Boden. Die Scooter, nicht die Brüder. Die Verletzung war nicht schlimm, aber doch schon ziemlich blutig. 

Die gesamte Stadtrundfahrt dauert keine zwanzig Minuten – dann sind wir wieder im Hotel. Es gibt auch nicht viel zu sehen, um ehrlich zu sein. Im Wesentlich nur alte kaputte Steine, die mal zu irgendwelchen Tempeln verbaut waren. Das Übliche halt in Griechenland. Selbst den berühmten „Koloss von Rhodos“ können wir nicht bestaunen, weil er gar nicht mehr existiert. Man ist sich nicht einmal sicher, wo er überhaupt gestanden haben soll. Stattdessen sind jetzt der Hirsch „Elafos“ und die Hirschkuh „Elafina“ die Wahrzeichen des Hafens, in dem bereits die ersten Kreuzfahrt-Riesen eingelaufen sind.

Um 13:30 Uhr sind wir schon wieder im Hotel und daher mit „Freizeit“ gesegnet. Nach einem kurzen Schläfchen wandere ich wieder zum dem Lokal von gestern, esse dort ein paar Nudeln und trinke im Verlauf des Nachmittags noch zwei Schoppen Wein. Ab und zu gesellen sich Mitglieder unserer Reisegruppe zu mir. Und alle sind sich einig: So richtig dolle finden wir Rhodos nicht. Aber wir haben ja bisher auch kaum was gesehen.

Nach dem Abendessen, also dem Buffett, das wie immer recht übersichtlich und vor allem nur lauwarm ist, schaue ich noch eine halbe Stunde Deutsches Fernsehen an und schlafe dann recht schnell ein.

Morgen soll es mit dem Schiff in die Türkei gehen!

Tag 4
Wir verlassen Europa und ziehen nach Asien um. Im Hafen von Rhodos (dort, wo unser ältester Teilnehmer in die Scooter gefallen ist) wartet ein Katamaran auf uns, also ein Schiff mit etwa 300 Sitzplätzen. Genug für vier RSD-Busse. Lange Schlangen vor der Ausweiskontrolle. Und – tata! – der erste Stempel in meinem nagelneuen Pass! Nach 90 Minuten im Hafen von Marmaris in der Türkei das gleiche Spiel. Lange Schlangen, langsame Abwicklung, aber letztendlich ein weiterer Stempel im Pass! Ein neuer Bus mit einem neuen Fahrer, aber dem alten Reiseleiter „Nihat“ fährt uns durch wunderschöne Landschaften über das Taurus-Gebirge bis nach Pamukkale. Hier gibt es erstaunliche Kalk-Terrassen zu bewundern. Natürlich UNESCO Welt-Kulturerbe (1988). Wir schauen uns alles gründlich an und werden dann im nächsten Hotel in der Nähe der Terrassen abgesetzt. Ich muss dazu sagen, dass ich diese Kalkterrassen schon das zweite Mal bewundern darf. Auch das Thermalhotel, in dem wir übernachten werden, erleide ich bereits zum zweiten Mal. Ich war vor etwa 13 Jahren schon einmal hier. Und schon damals habe ich mich über das unmögliche Hotel aufgeregt. Wir sind für 2026 die ersten Gäste, und entsprechend nervös sind alle Angestellten. Die Zimmer sind schon lange aus der Zeit gefallen, und der ganze Bau riecht nach Mief, bzw. schreit nach Abriss. Man kann zwar allerlei Heilbäder buchen oder sich massieren lassen, aber das ist nicht so mein Ding. Die Sitzordnung wurde – von wem auch immer – vorher festgelegt, sodass ich mal wieder ein paar neue Mitglieder unserer Gruppe näher kennenlerne. Das Essen ist wie üblich lauwarm und nicht weiter erwähnenswert. Geärgert habe ich mich jedoch darüber, dass ich für die Bestellung eines Glases Wein nicht etwa nur meine Zimmernummer angeben muss, sondern auch meinen Zimmer-“Schlüssel“, also die kleine scheckkartengroße Karte abgeben muss, auf der in diesem Hotel die Zimmernummer aufgeklebt ist. Man geht also davon aus, dass ich die Kellner anlügen könnte. Davon abgesehen ist es kontraproduktiv, auf die Zimmerkarten die Zimmernummer drauf zu kleben. Im Falle eines Verlustes oder eines Diebstahls weiß der Finder oder Dieb dann sofort, wo er einzusteigen hat. Ein Glas Wein (0,1 l) kostet übrigens 7,- Euro.
Wie auch immer, wir alle sind sehr genervt von diesem Hotel aus den 1970er Jahren.

Während die Reisegruppe schläft, kann ich dem verehrten Leser ja mal ein bisschen was über unsere Reisegruppe erzählen.
Nihat, unser Reiseleiter (verheiratet, zwei Kinder, Ende 50, durchtrainiert, gutaussehend) hat die beste Übersetzung für „RSD“-Reisen gebracht: „Rentnerdienst Deutschland“. Ja, das stimmt ziemlich genau. In unserer Gruppe (38 Personen) gibt es nur wenige, die noch fleißig in die Rentenkasse einzahlen. Teils sehr sympathische Menschen mit ganz gewöhnlichen Berufen, teils emsige Rentner, die sich in jedem Ort ein Auto mieten, eine Mutter mit erwachsenem Kind, Einzelreisende (z.B. ich selbst) oder zusammenreisende Frauen (z.B. Heike und Claudia). Auf die beiden komme ich bestimmt noch mal zurück.  Auch die beiden uralten Stiefbrüder, die sich erst vor vier Jahren kennengelernt haben, sind ein dolles Paar. Wir haben auch den typischen Anteil brauner Blau-Wähler im Portfolio sowie Schwurbler und Homöopathie-Fans samt Kügelchen-Vorrat für alle erdenkbaren Krankheiten. Wenn man die Schwächen oder eben alternativen Ansichten der Mitreisenden kennt und sich besser nicht mit ihnen darüber auslässt, entpuppen sich die meisten als nette Zeitgenossen, die viel Spaß miteinander haben.

Tag 5
Wir verlassen das unschöne Hotel in Pamukkale und machen uns auf den Weg in die Stadt Aphrodisias. Sie gilt als die Heimat der Künstler und Bildhauer und gehört zu den besterhaltenen antiken Städten in der Welt. Mit anderen Worten: Die vielen Trümmer lassen erahnen, was daraus mal gebaut wurde. Natürlich wieder ein UNESCO-Welterbe. Bald müsste ich doch alle gesehen haben…
Ob Sportstadion, Tempel oder sogar ein antikes Theater – man kann sich vorstellen, was hier damals so abgegangen ist. Fast drei Stunden ist unserem Reiseleiter der Aufenthalt hier wert.

Und dann kommt das, was ich bei allen RSD-Reisen hasse: Die Verkaufsschau. Genauer gesagt, die DREI Verkaufsshows. Denn heute „dürfen“ wir zuerst Teppiche, dann Schmuck und schließlich Lederjacken kaufen. Natürlich zum allerbesten Schnäppchenpreis auf Erden – direkt aus der Fabrik und indirekt zollfrei! Indirekt, weil auf der Fähre zurück nach Griechenland keine Zollbeamten kontrollieren und beim Rückflug nach Frankfurt ebenfalls keine Zollkontrolle stattfindet, da wir ja innerhalb der EU fliegen. Raffiniert eingefädelt.

Die Teppich-Verkaufsschau sehe ich heute bereits zum dritten Mal. Und nach wie vor legt sich die Verkaufsmannschaft schwer in die Riemen, um die altertümlichen Teppichmuster an uns Touristen zu verkloppen. Die Teppiche werden natürlich „frei Haus“ geliefert. Nach wie vor fällt mir kein Grund ein, meinen schönen Parkettboden mit Fußbodenheizung mit so einem Oma-Design zu verunstalten. Aber: Man wird es kaum glauben, auch heute hat die Falle wieder zugeschlagen. Ich weiß nicht, wen es diesmal erwischt hat, aber es wurden definitiv Teppiche verscherbelt. Ganz bestimmt günstig. Oder? Wetten würde ich nicht darauf. Nihat – der Reiseleiter – hat jedenfalls gestrahlt. Er bekommt nämlich eine Provision von den Läden, denen er die Kundschaft zum Ausnehmen bringt.

Wie auch im zweiten Laden, wo es dann um Schmuck, Gold, Edelsteine und ähnliches Geschmeide geht. Wie in diesen Läden üblich, krallt sich jeder der 20-30 Angestellten einen der Besucher, bzw. ein Paar, um zu „beraten“. Die Verkäufer sind extrem gut geschult, die Verkaufsgespräche laufen ab wie nach einem Drehbuch von Hitchcock. Irgendwann schnappt die Falle zu. Natürlich nicht bei mir. Ich bin mir schmuck genug. Aber dieselbe Familie, die sich schon mit Teppichen eingedeckt hat, soll auch hier wieder zugeschlagen haben. Nihat strahlt über das ganze Gesicht.

Und noch mehr strahlt er dann beim Lederjacken-Verkauf, dem eine kleine Modenschau mit drei jugendlichen Models vorangeht. Auch zwei Mitreisende dürfen ein paar Jacken vorführen und sich dafür mit je einer Flasche Whisky beschenken lassen. Für die beiden hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Ob das auch für die gar nicht so wenigen Mitreisenden gilt, die sich eine neue Jacke aufschwätzen lassen? Ich habe da so meine Zweifel. Angeblich fertigt die Firma Lederjacken im Auftrag großer Modemarken. Jeweils 10% dürfen sie davon überproduzieren und mit ihrem eigenen Label versehen. Von außen Versace, von innen „No name“. Die Preisschilder, die in dieser Verkaufsstelle an den über 40.000 Jacken hängen, beginnen bei 1250.- Euro (für das Billigzeugs vom letzten Jahr) bis weit über 5000.- Euro für die neuesten Modelle. Wir erfahren aber sofort, dass dies ja nur die Endverbraucherpreise in den Modeboutiquen seien, wir dürften also ohne Skrupel sofort 30% abziehen. Aber auch 2500 minus 30% sind noch reichlich viel Kohle. Also lassen die Umsatzjäger nach und nach immer mehr Prozente zu. Und dann kostet eine markenlose Nappalederjacke statt 2500.- Euro plötzlich nur noch 1000.- Euro. Das ist doch ein Schnäppchen, oder?

Mhm. Ich hab´ da mal bei Amazon geschaut, was diese Jacken sonst so kosten. Weil ich nicht weiß, ob es tatsächlich so große Qualitätsunterschiede gibt, schreibe ich den Internet-Durchschnittspreis für Nappa-Lederjacken aus Lamm hier mal besser nicht hin. Einige Mitreisende könnten weinen.
Hihat hat nicht geweint, sondern gelacht. Wie immer hat es viele Käufer in den drei Läden gegeben. Spitzenreiter war das bereits erwähnte Paar aus unserem Bus, das sage und schreibe 15.000 Euro an diesem Nachmittag verschleudert hat.

Halleluja!
Nihat jubelt.

Und wir fahren in ein weiteres Hotel in eine Stadt, deren Namen ich vergessen habe. Auch wieder nur für eine Nacht, denn unsere türkische Blitzinvasion ist ja noch lange nicht zu Ende.

Tag 6
Weitere Schätze der Region Ephesus (natürlich auch ein Weltkulturerbe) warten auf uns. Irgendein noch rudimentär als Tempel erkennbarer Steinhaufen gehört sogar zu den sieben Weltwundern der Antike. Auf dem „Ayasoluk-Hügel bewundern wir die imposante Festung von Selcuk sowie die Johannes-Basilika, die auf dem Grabmal des Apostels Johannes erbaut wurde. Schon erstaunlich, was für dolle Geschichten diese ollen Steine erzählen können. Also, falls man sich dafür interessiert …

Auch heute geht es wieder in ein neues Hotel. Diesmal werden wir zwei Nächte im selben Hotel bleiben. Das erste Mal, dass es sich lohnen würde, den Koffer mal auszupacken. Aber ich habe mich so dran gewöhnt, „aus dem Koffer“ zu leben, dass ich genauso weitermache wie bisher. Die zwischenmenschlichen Kontakte haben sich einigermaßen stabilisiert. Das gegenseitige Abklopfen hat ein wenig zur Gruppenbildung beigetragen. Ich hänge zum Beispiel viel mit Heike und ihrer Freundin Claudia sowie mit dem urigen Helmut und seiner Frau Mechthild rum, alle so zwischen 50 und 70 Jahre alt.

Tag 7
Ein so genannter „fakultativer“ Tag. Ein Tag also, den man extra bezahlen muss. 77 Euro kostet das Zusatzvergnügen, das uns mit dem Bus nach Izmir bringt. Dort besuchen wir die Fußgängerzone mit ihren vielen Geschäften und Cafés. In einem davon soll es supertollen Käsekuchen geben. Ein paar von uns ( – es sind nur 30 Gruppenmitglieder  mitgefahren! – ) gönnen sich so ein Stück feinster Bäckerskunst und zahlen zur Strafe dafür 7.- Euro für ein einziges, schmales Tortenstück. Heike ist deswegen ziemlich sauer, weil uns Nihat nicht im Voraus über den Horrorpreis aufgeklärt hat. In der Folge steigert sich bei einigen der Verdacht, dass die Reiseleiter nicht nur bei den Teppichen, dem Schmuck und den Lederjacken mitverdienen, sondern sogar am Verzehr der Touristen. Nihat weist das vehement zurück. Für ihn sei der Tag sogar ein Verlustgeschäft, da er erst ab einer Teilnehmerzahl von 32 Leuten jeweils 2.- Euro pro Person verdienen würde.
Null Euro oder 64.- Euro wegen zwei Teilnehmern. Merkwürdige Regeln.

Nach dem Kuchen geht es in einen Bazar. Ich habe den Gang durch dieses Gewusel von Geschäften aller Art mit meiner RayBan-Videobrille gefilmt und auf „Facebook“ gestellt. Die Videounterschrift lautet: „Heute sind wir in Izmir. Nach drei Stunden Stadtrundfahrt is mir übel“. Dieses dämliche, uralte Wortspiel hat bisher fast 1000 Besucher des Beitrags dazu genötigt, mich zu beleidigen. Sätze wie „Ich solle gefälligst zu Hause bleiben“ und auch schlimme Beschimpfungen von Kritikern aus aller Welt dominierten die wenigen Posts von Lesern, die den Gag verstanden hatten. Das Video wurde bisher über 50.000 mal abgerufen. Jetzt habe ich auch endlich mal erfahren, wie sich so ein Shitstorm am eigenen Leib anfühlt. Die Kommentarfunktion habe ich inzwischen abgestellt.
Von diesem Erlebnis abgesehen, hat sich dieser „fakultative Ausflug“ nicht gelohnt und war auf keinen Fall 77.- Euro wert. Immerhin war der Kuchen lecker.

Tag 8 und die geschenkte zweite Woche
Die Rückreise nach Rhodos steht auf dem Programm. Da unser Schiff erst um 17:15 Uhr loslegt, müssen wir noch den ganzen Tag vertrödeln. Wir vertreiben uns die Langeweile in Form von Stops an Autobahnraststätten und Rumlungern im Hafen. Nihat hält seine Abschiedsrede, da er ab morgen nicht mehr für uns verantwortlich ist. Eine neue Gruppe wartet auf ihn. In seiner Abschiedsrede wird er plötzlich sehr ernst. Er sagt, dass die Anschuldigung, am Verzehr-Umsatz der Touristen mitzuverdienen, das erste Mal an ihn herangetragen wurde und ihn extrem verletzt hätte. Dass die Preise in der Türkei so extrem gestiegen wären, seien ja nicht sein Problem, sondern wären der Geldentwertung  der türkischen Lira zuzuschreiben, die derzeit bei über 40% liegt. Er wirkte ehrlich sehr geknickt und betrübt – oder er ist einfach ein phantastischer Schauspieler. Wir verabschieden uns von ihm und unserem Busfahrer, nicht ohne den einen oder anderen Schein hinüber wandern zu lassen. Die Zollformalitäten dauern ziemlich lange, aber irgendwann sitzen wir endlich im Schiff. Der Katamaran (der eher wie ein normales Schiff aussieht und auch gar nicht die Form eines Katamarans hat) startet pünktlich, und 90 Minuten später sind wir wieder in Europa, also auf Rhodos.

Und so kommen wir nun zur zweiten Woche der Reise. Der sogenannten „geschenkten Woche“ von RSD-Reisen. Das Reiseunternehmen schenkt uns eine Woche im 5-Sterne-Hotel „Rodos Palace“ („Rodos“ ohne „h“!) Samt Frühstück, aber wir bezahlen den Rest, also Speis und Trank sowie alle zusätzlichen Vergnügungen. Schöne Idee, hat nur leider eine Menge Haken. Denn im Hotel sind wir alles andere als willkommen.

Kaum, dass alle vier Busse angekommen sind und die Reisenden sich in entsprechende Reihen vor der Rezeption aufgestellt haben, erfahren wir plötzlich, dass wir nicht einchecken dürfen.

Wie bitte?

Ja, genau das wird uns gesagt. Das „Rodos Palace Hotel“ will uns als Gäste nicht haben. Wir sind erst einmal sprachlos, denn sowas hat ja noch niemand jemals erlebt. Was ist vorgefallen? So langsam kristallisiert sich heraus, dass RSD angeblich noch nicht bezahlt hätte. Das kann ich mir als Grund eigentlich nicht vorstellen, da RSD und das Hotel bereits seit über zehn Jahren zusammenarbeiten, wie sich durch Recherchen im Internet herausstellt. Ich habe die Theorie, dass RSD das Geld erst am Freitag überwiesen hat. Und da der Freitag in Griechenland KAR-Freitag ist, wurde das Geld vielleicht noch nicht dem Konto gutgeschrieben. Anwesende Bankfachleute widersprechen dieser Theorie.

Ohne uns irgendeinen Hinweis zu geben, was nun passieren wird, sollen wir es uns erst einmal im Foyer gemütlich machen. Die Anwälte würden bereits konferieren. Ich bestelle mir einen Wein und will ihn mit meinem „All-Inclusive“-Bändchen bezahlen. Ein müdes Lächeln ist die Antwort. Das Bändchen wäre nicht nur ungültig, sondern in diesem Bereich des Hauses auch gar nicht nutzbar. Hier will man Euro sehen. 11 Euro für genau 0,187 Milliliter Weißwein. Immerhin mit Glas.

Die Zeit verstreicht schneller als man denkt, wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat und auf das (noch!) geöffnete Restaurant blickt. In etwa 20 Minuten wird es schließen.

Neue Gerüchte tauchen auf: RSD hat bezahlt, aber der Hoteleigner will mehr Geld als vereinbart. Die Anwälte konferieren immer noch. Endlich – nach fast zwei Stunden – der erlösende Aufruf, dass wir uns wieder an der Rezeption aufstellen sollen, um einzuchecken. Was nun der wirkliche Grund für die initiale Ablehnung, bzw. der späteren Zustimmung ist, können wir nicht herausfinden. Wir dürfen einchecken. Und nicht nur das. Auch das Restaurant macht Überstunden, um uns noch abspeisen zu können.
Zusätzlich wurde mein Konto gleich zweimal belastet. Einmal für die Kurtaxe, die 15.- Euro pro Tag kostet (105.- Euro für 7 Tage) und zusätzlich 160.- Euro als eine Art Sicherheit, die zurückgezahlt wird, falls ich nix kaputtgemacht oder irgendwo im Hotel die Zeche geprellt habe. (Was ja bei „All Inclusive“ eigentlich unmöglich sein sollte). Und dass ein „First-Class“- Hotel gegenüber seinen Gästen ein solches Misstrauen an den Tag legt, ist schon mehr als seltsam.

Danach – mittlerweile nach 22 Uhr, suchen wir unsere Zimmer auf. Wer Glück hat, wohnt im Haupthaus in recht modernen, renovierten Zimmern. Das Hotel wurde bereits 1976 gebaut und sieht auch von außen so aus. Eckig und hässlich. Dafür sind die Einrichtungen innerhalb des Hotels sehr großzügig und auch hochklassig. Es gibt einen überdachten Pool, den „DOOM“, einen Außenpool und viele Privatpools in den angrenzenden Bungalows. Es gibt mehrere Bars, drei Restaurants und viele Ruhezonen. Die 5 Sterne sind durchaus berechtigt. Nur leider nicht für die außerhalb des Hotels an einem steilen Berg liegenden Wohnungen. Ja, Wohnungen. Da, wo ich zum Beispiel wohne. Ca. 400 Schritte steil bergauf, mit Treppen ohne Geländer. Ein Schlafzimmer, bei dem das Doppelbett auf einem Podest steht. Wer nachts mal raus muss und nicht daran denkt, fliegt unweigerlich auf die Nase. Ist vielen tatsächlich passiert. Eine alte Frau hat sich die Stirn aufgeschlagen und läuft mit einem Verband durch die Gegend. Außer dem Doppelbett auf dem Podest gibt es noch einen sehr großen Fernseher in meinem Schlafzimmer. Danach folgt das Bad. Natürlich mit Badewanne, uralten Armaturen, wackelnden Klodeckeln und fehlenden Haltegriffen. Nach dem Bad kommt das „Wohnzimmer“. Ein extrem ungemütlicher Raum in braun. Mit brauner Sitzgarnitur, kompletter brauner Küche und einem braunen Tisch mit zwei braunen Stühlen. Kein Bild an der Wand, braune Platten auf dem Boden. Am Ende des Trakts folgt noch eine kleine Terrasse mit brauner Sitzgruppe und Blick aufs Meer – wenn nicht zwei große Bäume die Sicht verbergen würden.
Alles andere als gemütlich – und völlig überflüssig.
Als ich höre, dass Heike und ihre Freundin Claudia erfolgreich ihr Zimmer tauschen konnten, versuche ich es auch, blitze aber ab. Im Moment sei nichts mehr frei, ich solle es morgen noch mal probieren. Aber nach dem zweiten negativen Versuch am nächsten Tag gebe ich es auf und unterwerfe mich meinem Schicksal.

OK, das mit dem Zimmer ist nicht so dolle verlaufen, aber da ist ja noch das „All Inclusive“-Bändchen, das jetzt an meinem rechten Handgelenk baumelt und Umsatz generieren soll. Leider werden wir auch hier extrem enttäuscht. „All Inclusive“ sind nur wenige Getränke – und die auch nur an bestimmten Stellen im Hotel. So ist es uns „Billigtouristen“ verboten, die ruhigen und schönen Räume im vorderen Bereich des Hotels aufzusuchen – die sind ausschließlich „echten“ Touristen, also Vollzahlern vorbehalten. Es sei denn, wir bezahlten 11.- Euro für 0,187 Milliliter Weißwein.

Die Bereiche, die für uns vorbehalten sind, sind dadurch natürlich überfüllt, während der Rest des Hauses leer steht. Selbst das Restaurant, das wir am Abend unserer Ankunft nutzen durften, ist jetzt für uns tabu. Wir haben ein eigenes Restaurant direkt neben einer Bar, die ebenfalls speziell für uns Billigflieger vorbehalten ist. Dort läuft den ganzen Tag laute Musik. Während des Essens findet zusätzlich eine Kinderdisco statt, sodass man sich kaum noch unterhalten kann.

Tja, das Restaurant. Da ist auch gründlich was schief gelaufen. Schon lange vor der Öffnung stehen Hunderte von Touristen vorm Eingang und warten auf Einlass. Wenn es am Abend um 19.00 Uhr zum Abendessen öffnet, sind alle Tische für je zwei Personen bereits gedeckt. Messer und Gabel, Serviette. Sonst nichts. Wenn sich ein Dritter oder gar Vierter dazusetzt, fehlen Besteck und Serviette. Bis auf die Teller müssen alle weiteren Utensilien von einem Kellner gebracht werden. Inzwischen wissen wir zwar, wo zum Beispiel die Kaffeelöffel versteckt sind, aber das weiß nicht jeder. So sind also die meisten Kellner nur dazu da, fehlendes Besteck zu organisieren. Wenn man einen Kellner findet, der eine Getränkebestellung aufnimmt, hat man großes Glück gehabt. Sonst gibt es eben nichts zu trinken.
Das Buffet selbst ist ganz ordentlich, aber wie üblich nur lauwarm. Mit zunehmender Füllung des Lokals steigt auch der Lärmpegel bis ins Unerträgliche. Meine Apple-Uhr warnt allabendlich vor der ungesunden Lautstärke. Für die Fachleute: 89 bis 92 dB. Leider ist das Buffet auch alles andere als abwechslungsreich. Tag für Tag sehen wir die gleichen, wenn nicht sogar dieselben Speisen.
Inzwischen haben die Bediensteten immerhin gelernt, benutzte Teller wieder abzuräumen. Das war die ersten beide Tage leider nicht der Fall. Da stapelten sich die gebrauchten Teller auf den Tischen, und es gab keinen Nachschub. Inzwischen scheint dieses Problem behoben, dafür sind die neu gewaschenen Teller pitschnass. Irgendwas ist immer.

(Foto: Helmut Schlitz)

Das Stau-Problem zur Öffnungszeit wird von Tag zu Tag kleiner, da die Gäste einfach später zum Abendessen kommen. Aber noch immer muss man für jeden zusätzlichen Löffel, jeden Teller einen der konfus durch die Gegend rennenden Kellner bemühen.

Tja, da sitzen wir nun auf Rhodos in einem 5-Sterne-Hotel mit einem 188.- Euro teuren „All-Inklusive“-Bändchen, für das man nur an wenigen Stellen im Haus minderwertige Getränke und ein immerhin brauchbares Essen erhält. Das „richtige“ All-Inklusive-Paket kostet übrigens 400.- Euro pro Woche.

Als ich bei unserer Ankunft nach dem Abendessen in mein Apartment will, verlaufe ich mich total. Es gibt keinerlei Hinweisschilder mit Haus- oder Zimmernummern. Es ist dunkel und eiskalt. Ich gebe es auf und laufe zurück zur Anmeldung. Dort warte ich in einer großen Schlange geduldig auf einen der vielen kleinen Elektrowägelchen, die von jungen Indern zu den Häusern gefahren werden. Am nächsten Abend verlaufe ich mich wieder, werde aber von Helmut und Mechthild auf den „rechten Weg“ gebracht. Nach drei Tagen finde ich mein Apartment endlich selbst bei Dunkelheit alleine. Es sind von der Rezeption aus knapp 400 Schritte, davon 60 Stufen – teilweise ohne Geländer – bis zum Zimmer. Hier besteht dringender Handelsbedarf seitens des Hotels, denn ich bin nicht der Einzige, der orientierungslos rumirrt.

Was also macht man mit so einer „geschenkten Woche“ im Luxushotel? Essen und Trinken natürlich. Und Ausflüge organisieren. Gleich am zweiten Morgen werden alle Touristen zu „Petra“ geschickt, die hier im Hotel für die Ausflüge der Deutschen zuständig ist. Die Wut der Reisenden bügelt sie gleich routiniert ab, weil sie den Ärger vermutlich jede Woche mitmacht. Sie will ja auch nur Ausflüge verkaufen. Es gibt nur drei Ausflugsangebote. Eine Inselrundfahrt, eine botanische Rundreise und noch irgendwas, was ich vergessen habe. Die Rundfahrt (77.- Euro inkl. Mittagessen!) buche ich gleich für den zweiten Urlaubstag. Außerdem verabrede ich mich mit ein paar Mitreisenden noch zu einem weiteren Besuch der Hauptstadt von Rhodos und einer Fahrt mit einem Schnellboot zur Insel „Symi“, die etwa eine Stunde entfernt auf Touristen lauert. Bis auf die erste Tour fahre ich also nicht alleine, sondern habe mich Helmut & Mechthild sowie Heike & Claudia angeschlossen. Später kommen noch weitere Paare hinzu. Als Gruppe ist es doch bedeutend lustiger. Durch die großen Entfernungen, die wir zu Fuß zurücklegen, meldet mein Schrittzähler fast täglich neue Höchstwerte. Mein kaputtes Knie hält auch erstaunlich still.

Wir sind nicht die einzige Billig-Reisegruppe im Hotel. Eine Armada von jungen, halbnackten, übergewichtigen, tätowierten Engländerinnen samt ihrer normalgewichtigen Freunde begegnet uns auf Schritt und Tritt. Auch viele Kleinkinder sind darunter – verbunden mit dem üblichen Geschrei der Winzlinge. Der Alkoholkonsum beginnt bei den Engländern direkt nach den Frühstück. Die Deutschen halten sich – zumindest teilweise – bis zum Mittagessen zurück. Alkoholbedingte Ausfälle kann ich nicht registrieren, aber ich bin ja meist auch schon früh in meinem Zimmer. Dort gibt es übrigens keine Wasserflaschen, wie wir es bisher gewohnt waren. Wasser muss man sich im hoteleigenen Supermarkt kaufen. Und das sollte man unbedingt auch tun, da das Leitungswasser extrem nach Chemikalien schmeckt. Ob es überhaupt noch als Trinkwasser durchgeht, kann ich leider nicht messen, da die Batterie in meinem Messgerät inzwischen den Geist aufgegeben hat. Nach nur acht Jahren! Billigzeug …

Leider ist das Wetter auf Rhodos alles andere als frühlingshaft. Es regnet zwar erst am Tag vor der Abfahrt, aber die Temperaturen – so zwischen 16 und 20 Grad – fühlen sich nur dann warm an, wenn auch die Sonne scheint. Und das passiert leider nur an den ersten beiden Tagen und während unseres Ausflugs auf die Insel Symi. Sonst ist es immer bewölkt, bis am vorletzten Tag auch noch der Regen hinzukommt.

Heike hat wohl mit einer Magenverstimmung zu kämpfen. Erst nach zwei Tagen ist sie wieder einigermaßen auf dem Damm.

Die 60-minütige Schnellbootfahrt zur Insel Symi schüttelt uns gründlich durch, da der Wind ungeschützt auf alle Passagiere trifft. Symi ist bekannt für seine bunten Häuschen, in denen früher die Schwammfischer wohnten. Der berühmteste Schwammfischer hat sogar eine eigene Statue im Hafen bekommen. Der gute Mann konnte innerhalb von nur 4 Minuten 88 Meter auftauchen, ohne zu platzen. Die Leute haben schon seltsame Vorlieben …
Die Schwämme kann man immer noch kaufen, aber die Auslagen sehen aus, als ob das schon viele Jahre her ist, dass da jemand Interesse dran hatte.
Ich esse auf der Insel nach einem langen Spaziergang mittags Spaghetti Carbonara. Genauer gesagt probiere ich nur, weil die Nudeln schauderhaft schmecken. Ein vorzügliches Eis (Kugel 2,50 Euro) vertreibt den schlechten Geschmack.
Auf dem Rückweg hält unser Schnellboot nochmal an einer kleinen Bucht an und fordert allen Ernstes zum Schwimmen auf! Ich bin kurz vor dem Vereisen und soll jetzt schwimmen? Keiner von uns hat Badezeugs dabei. Aber die kleinen Engländer sind darauf vorbereitet. Flugs schälen sie sich aus ihren Klamotten und springen ins Wasser. Nach fünfzehn Minuten ertönt ein Signal, und alle müssen zurück an Bord, wo sie sich frierend und zitternd wieder dem Fahrtwind ergeben. Abends habe ich dann gewaltige Bauchschmerzen, die die gesamte Nacht anhalten. Auf das Frühstück habe ich verzichtet. Sieht nach einer kleinen Lebensmittelvergiftung aus.

Den letzten Tag verbringe ich morgens im Hotel – ohne Frühstück -, um diesen Blog zu aktualisieren. Dann wäre ich gerne wieder zurück in mein Bett gekrochen, aber ein  aufkommender Dauerregen zwingt mich, weitere Stunden im Foyer rumzulungern. Einige Mitreisende haben mit denselben Symptomen wie ich zu kämpfen und wünschen sich sehnlichst nach Hause.
Am Nachmittag lässt der Regen nach, und ich lege mich ein paar Stunden hin. Zum Abendessen raffe ich mich erneut auf, bekomme aber nur wenige Bissen hinunter. Inzwischen hat es auch Helmut, den „Fels in der Brandung“ erwischt. Es wird Zeit für die Abreise. Unsere inzwischen herzlich verbundene Gruppe trifft sich nach dem Abendessen (von dem ich nur noch winzige Mengen nippe) im Foyer, um gemeinsam Abschied zu feiern. Nach etwa einer Stunde quäle ich mich ein weiteres Mal zu meinem Domizil hinauf, um den Koffer zu packen und mich schlafen zu legen. Ich stelle den Wecker auf vier Uhr morgens und kann – wie in solchen Fällen üblich – nicht einschlafen. Im Fernsehen läuft die „Heute-Show“, und ich werde immer wacher.
Irgendwann bin ich wohl dann doch eingeschlafen, denn gefühlt zehn Sekunden später klingelt der Wecker.

Da niemand die Absicht hat, mir meinen Koffer zum Foyer zu fahren, muss ich das schwere Ding alleine hinunter wuchten. Bei der Abgabe meiner Zimmerkarte frage ich nach der Auszahlung meiner „Sicherheitsleistung“ in Höhe von 160.- Euro. Da das Hotel vermutlich erst noch alle Handtücher nachzählen will, soll das Geld „automatisch“ zurücküberwiesen werden, wenn alles in Ordnung sei. Ich komme mir vor wie ein Schwerverbrecher, der eine Woche Straflager hinter sich hat.

NIE WIEDER „RODOS PALACE HOTEL“!!!

Um 10 Uhr deutscher Zeit landen wir in Frankfurt. Herzliche Umarmungen unter den neuen Freunden, Taxifahrt nach Hause (78.- Euro).

Das Fazit:
Das war mit Abstand der schrecklichste Urlaub, den ich in den letzten 15 Jahren erlebt habe. Weniger die erste Woche – die aber eigentlich für mich auch nur eine Wiederholung früherer Türkeireisen war –  sondern vor allem die zweite Woche im Luxusknast. Vor allem der Lockruf „Eine zusätzliche Woche im 5 -Sterne-Hotel GESCHENKT!“ hat wohl bei vielen falsche Hoffnungen geweckt.
Ja, es war ein 5-Sterne Hotel, das diese Bewertung zumindest auf den ersten Blick auch verdient hat. Aber auf den zweiten Blick sah es doch ganz anders aus. Wir waren für das Hotel unerwünschte Zwangstouristen, die irgendwie untergebracht und verköstigt werden mussten. Die Zimmer hat man uns zwar – nach außen hin – kostenlos zur Verfügung gestellt, aber jede weitere Annehmlichkeit eines Luxushotels wurde uns konsequent verweigert. So durften wir uns nur in bestimmten Zonen aufhalten und Getränke und Speisen nur in völlig unterdimensionierten Räumen einnehmen. Die Hotelzimmer waren zum größten Teil völlig veraltet und nur mit größeren Fußwegen erreichbar. Und vor allem: Da war nichts „geschenkt“!

Wir zahlten für diese Zusatzwoche Woche 105.- Euro Kurtaxe (übrigens auch für die ersten zwei Tage in Rhodos 30.- Euro!) und 188.- Euro für das „All Inclusive“-Bändchen, für das man nur minderwertige Getränke und Speisen bekam. Außerdem alle weiteren Kosten des Aufenthalts, wie z.B. die Kosten der Ausflüge, Essen und Getränke während derselben sowie diverse Bus- und Taxikosten.
Ich habe mal addiert, was ich in diesen 14 Tagen als Einzelperson ausgegeben habe.
Statt der ursprünglich verlockenden 248.- Euro aus dem RSD-Prospekt sind es unter dem Strich nun insgesamt 2364,11 Euro geworden – und da fehlen vermutlich noch einige Buchungen, die noch nicht auf meinem Konto gelandet sind.
Das Geld wäre nicht einmal das Schlimmste. Die Art und Weise, wie wir vor Ort als Menschen zweiter oder besser dritter Klasse behandelt wurden, geht mir gewaltig gegen den Strich. Einige von uns wollen RSD für die Behandlung als Urlaubs-„Vieh“ verantwortlich machen. Ich drücke den Klägern die Daumen und hoffe, dass dieser Reisebericht zukünftige Urlauber von diesem Lockangebot abhält.

Eine abschließende Bitte an alle, die dabei waren: Schickt mir bitte Fotos von Euren Ausflügen und/oder vom Hotel. Ich habe nur Videos gedreht, die sich leider in diesem Programm nur sehr schlecht einfügen lassen. Bilder bitte per WhatsApp an +49176 34540045.


Bad Homburg am 19.4.2026

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