Rome, sweet Rome

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Die Chefin kam gleich zur Sache.

„Bond, sie müssen leider noch mal in den Außendienst!“

Meine bis dahin völlig lockere innere Haltung verkrampfte sich in Sekundenschnelle. In den Außendienst? Was soll DAS denn? Endlich hatte ich es doch gerade in den Innendienst gebracht! 40 Jahre als Zielscheibe rachsüchtiger Kollegen oder eifersüchtiger Ehemänner lagen hinter mir. 40 Jahre, die ich überlebt hatte!

„Worum geht’s denn?“ fragte ich gespielt lässig meinen Boss, die unnahbare Geheimdienstchefin des britischen MI 5 mit dem einprägsamen Namen „M“.

„Sie müssen Berlusconi erledigen“ sagte sie so leicht dahin. „Berlusconi? Diesen italienischen laufenden Meter, dem alle Frauen die Stange halten?“ – „Sparen Sie sich Ihre Anzüglichkeiten, Bond. Berlusconi ist für die englische Krone zu einem großen Problem geworden.“ – „Hat er die Queen gebumst?“ – „Nehmen Sie sich zusammen, Bond, die Lage ist mehr als ernst. Und deshalb müssen Sie eben nochmal in den Außendienst. Keine Widerrede!“

Ich wusste, wann es Zeit ist, den Mund zu halten. M war wütend. Es stellte sich heraus, dass Berlusconi, dieser gerissene Rudelführer, im Verdacht stand, Vater des Babys von Kate Middleton zu sein. OK, Sie wissen noch nichts von diesem Baby, Prinz Willem auch nicht, der MI5 natürlich schon. Und Prinz Willem soll das auch nie erfahren. Damit Berli sich nicht verplappert, muss er eben von der Bildfläche verschwinden. Bei dem Baby von Carla Bruni ist man sich übrigens auch nicht so sicher, ob Sarkozy das in seinem biblischen Alter noch alleine hinbekommen hat. Unmengen Rockmusiker haben jedenfalls aufgeatmet, als der Alte das Baby als seinen Potenzbeweis anerkannt hat. Doch ich schweife ab.

„OK, ich verstehe“, sagte ich. „Wie soll die Sache denn laufen? Ich kann ihn doch nicht einfach so über den Haufen schießen?“ – „Es wird nicht leicht sein, dass ist mir schon klar. Es darf auf keinen Fall nach Mord aussehen, sonst haben wir „Aktenzeichen XY“ am Hals. Sie haben vier Tage Zeit. Ihr Flug geht heute Abend um 18.40. Mit Alitalia nach Rom.“

„Nein, bitte nicht Alitalia!“ flehte ich M an, aber sie wischte meine Einwände mit einer Handbewegung zur Seite. „Sie werden nicht alleine operieren“, sagte sie. „Ich habe Ihnen noch eine Agentin zur Seite gestellt.“

„Eine Agentin?“ fragte ich hoffnungsvoll. So ließ sich das Abenteuer vielleicht doch ein bisschen besser aushalten.

„Ja, Sie als alter Mann kommen wahrscheinlich nicht dicht genug an ihn ran. Mit einer Frau geht das viel leichter.“ Sie hatte mich mit dieser Bemerkung zwar ein bisschen in meiner Berufsehre gekränkt, aber wahrscheinlich hatte sie recht. „Wer ist denn die Lady?“. M sagte nichts, drückte aber einen Knopf auf ihrem Regiepult in ihrem überdimensionalen Schreibtisch. Big Ben schlug gerade 10.
Dann ging die Tür auf und Agentin 008 stand in der Tür, schön wie immer. „Hi James.“ So beruhigend diese Worte auch waren, sie brachten mein Herz zum Klopfen. „008, Du also.“ Ich ging auf sie zu, nahm sie leicht in den Arm und drückte ihr links und rechts einen kleinen Kuss auf die Wange. Das hatten wir immer schon so gemacht. Schon damals, als sie noch als V-Frau für die Lufthansa arbeitete und als Profikillerin Aufträge in der ganzen Welt erledigte. Manchmal trafen wir uns danach abends im Pub und erzählten uns von unseren Heldentaten. Mehr war nie und mehr würde nie sein. Und jetzt würde sie mit mir nach Rom fliegen. Nur sie und ich. Und zweieinhalb Millionen Römer. Und ebenso viele Touristen.

Moneypenny händigte uns die neuen Identitäten aus. Aus „007“ wurde ein deutscher Kleinunternehmer mit dem Namen „Rainer“ und „008“ bekam den Tarnnamen „Dagmar“. Deutsch sprachen wir ja beide schon von Kindesbeinen an. Die Waffenkammer hatte das MI5 schon lange geschlossen, seit „Q“ ins Gras gebissen hatte. Man hatte festgestellt, dass es alle Waffen, die „Q“ angeblich entwickelt hatte, auch in einem Waffenladen auf der Winchester Road zu kaufen gab. Der MI5 bekam da inzwischen sogar Mengenrabatt. Und was es dort nicht gab, wurde in Deutschland bei „PEARL“ bestellt. Für uns kamen Waffen allerdings nicht in Frage, da wir ja zunächst in ein Flugzeug steigen mussten.

Tickets und Papiere waren in Ordnung, so dass wir schnell an Bord konnten. Der Flug war etwa zwei Stunden lang und es gab natürlich nichts zu essen.
Der internationale Flughafen von Rom liegt etwa 25 km außerhalb des Stadtkerns. Mit der Limousine kostet die Fahrt ins Zentrum 40 Euro, mit dem Schnellzug (31 Minuten) 16 Euro und mit dem Bus (ca. 70 Minuten) nur 9 Euro.

Wir wählten die Bahn. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass Rolltreppen aus einem mir noch rätselhaften Grund meist dann nicht funktionieren, wenn sie nach oben führen. Die nach unten sind nie kaputt. Der Weg vom Terminal bis zum Bahnhof war lang. Außerdem herrschten hier in Rom ganz andere Temperaturen als daheim. Schweißgebadet fanden wir dann endlich das richtige Gleis. Vor dem Ticketschalter hatte sich eine lange Schlange gebildet. Als wir endlich dran waren, schloss der Beamte einfach das Fenster und verschwand aus dem Zimmer. Also mussten wir uns ein zweites Mal an einem anderen Ticketschalter anstellen, bis wir endlich die Fahrerlaubnis hatten. Und die mussten wir auch gleich wieder ungültig machen. Denn bevor man in Italien ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, muss man die Fahrkarten an speziellen Automaten erst mal wieder entwerten. Ein Mitreisender, der das unterlassen hatte, musste 50 Euro Strafe zahlen. Andere Länder, andere Sitten.

Der Bahnhof „Termini“ in Rom ist rund um die Uhr geöffnet. Menschenmassen drängten sich von den Bahnsteigen in die große Vorhalle, hinaus zu den Bahnen, Bussen und Taxen.

008 und ich hatten nur Handgepäck mitgenommen. Vier paar Socken, vier Unterhosen, zwei Hosen, aber FÜNF Hemden. Falls ich beim Essen kleckern sollte. Seit ich nicht mehr im Außendienst arbeitete, hatte sich so ein kleines Bäuchlein gebildet, auf dem mit Vorliebe Soßenreste hängen blieben. Ich sollte das Ersatzhemd benötigen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund.
Wir nahmen ein Taxi. Der römische Halsabschneider brachte uns unter Umgehung von rund zwei Dutzend Verkehrsregeln auf dem schnellsten Weg ins Hotel. Dieser schnellste Weg kostete sage und schreibe 20.- Euro, obwohl das Hotel „San Marco“ laut Reiseführer nur etwa 500 m entfernt lag.

Das Hotel war ein durchschnittlicher 3-Sterne-Kasten aus dem 16. Jahrhundert oder so. Unsere Suite war aber gar nicht im Hotel, sondern um die Ecke im fünften Stock eines Wohnhauses versteckt. Das hatte sicher M eingefädelt, um unsere Tarnung nicht zu gefährden. Der Fahrstuhl war etwa zwei Meter tief und 60 cm breit. Die Innentüren musste man von Hand öffnen und wieder schließen, damit sich das Gerät aus der technischen Steinzeit überhaupt in Bewegung setzen konnte.
Oben angekommen, öffneten wir die Türe der Suite mit einem zweiten Schlüssel, den man entgegen aller Gepflogenheit nach links drehen musste. Dann der kleine Schock.

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„Das ist ja gar keine Suite“ sagte 008 alias Dagmar. „Das ist ja ein ganz gewöhnliches, wenn auch sehr hübsches Hotelzimmer.“ – „Mit nur EINEM Bett!“ warf ich ein. „Du schläfst natürlich auf dem Stuhl!“ kommandierte Daggi und begann, das Bad zu inspizieren. „Es gibt keinen Stuhl!“ verkündete ich nach einem raschen Blick durch den Raum. „Es gibt nur einen Schrank, und da gehe ich nicht rein.“. Dagmar lächelte, nahm mich in den Arm und sagte: „Du Dummerchen. Was glaubst Du, wer das Zimmer gebucht hat?“. Schon wieder beschleunigte sich mein Puls. „Wir..äh..wir sollten vielleicht erst einmal dinieren“, stotterte ich verlegen in der Hoffnung, sie damit auf ein anderes Thema zu bringen. „Wir müssen ja auch noch unseren Fall und die Vorgehensweise diskutieren“, unterstrich ich meine Argumente. „Na gut, einverstanden. Ich habe einen Megahunger.“ Seit 008 vor genau sieben Monaten aufgehört hatte zu rauchen, war ihr Appetit doch spürbar gestiegen.

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Die Pizzeria „3 Archi“lag genau zwischen dem Hotel und unserer „Suite“. Wir bestellten ein Touristenmenü für je 19 Euro. Inklusive Tischwein. Vorher Pasta, dann Fleisch (oder Fisch) und zum Schluss Obst oder Süßes. Es war inzwischen Mitternacht geworden. Um unseren Plan zu besprechen, setzten wir uns ins Freie vor ein kleines Lokal direkt neben dem Hoteleingang. Es müssen immer noch 25 Grad gewesen sein. Der Wein verdunstete überdurchschnittlich schnell.

„Also, hier ist mein Plan“, sagte Dagmar alias 008. „Es ist ja bekannt, dass Berlusconi die Gesellschaft junger Frauen bevorzugt“. – „Schon, aber Du bist ja nicht einmal minderjährig!“ warf ich ein. Dagmar lachte. „Keine Sorge, da hat M schon jemanden gefunden, der diesen dreckigen Teil der Arbeit erledigen muss. Unsere Aufgabe ist es nur, ihn überhaupt erst mal aufzufinden!“ – „Aber ist denn der nicht ganz einfach in seinem Büro?“ – „Schön wär´s. Der treibt sich jeden Tag und jede Nacht woanders rum. Wir werden ganz schön rumziehen müssen!“

An mir sollte es nicht liegen. Rom, 25 Grad, kühler Weißwein und Agent 008 im selben Bett. Viel besser kann das doch gar nicht kommen…

Am nächsten Morgen mussten wir uns beeilen, das Frühstück nicht zu verpassen. Wir hatten beide viel zu wenig Schlaf abbekommen, was als Beschreibung der nächtlichen Vorfälle hier reichen soll. Für italienische Verhältnisse war das Frühstück recht ordentlich, auch wenn es weder Eierbecher noch Eierlöffel gab. Da die Eier hartgekocht waren, war das auch nicht wirklich bedauerlich. Der Kaffee schmeckte grauenhaft.

Dann begannen wir, die Gegend zu erkunden. Der Bahnhof Termini, Dreh- und Angelpunkt aller innerstädtischen Unternehmungen, war tatsächlich nur etwa 500 Meter entfernt und zu Fuß in knapp zehn Minuten erreichbar. Unser nächtlicher Taxi-Gangster machte mich immer wütender. Um zunächst erst mal einen Überblick über die „ewige Stadt“ zu bekommen, lösten wir zwei Tickets für die beliebten „Hop Off, Hop On“-Sightseeing-Busse. Zwei Tage mit offenem Dach durch die Gegend fahren und staunen kostete hier 20.- Euro pro Nase. Inzwischen war die Sonne herausgekommen und bruzzelte auf unseren Schädeln rum. Agent 008 kaufte daher bei einem der vielen Straßenhändler zwei Kopfbedeckungen. Sie wählte einen weißen Hut, der ca. 15 Minuten lang hielt und ich setzte mir eine dämliche Kappe auf. Immerhin entkamen wir so einem frühzeitigen Hitzschlag. Die Busse fuhren nach einem bestimmten, für uns nicht erkennbaren Muster. Die Tour berührte so ziemlich alle interessanten Touristenattraktionen, die man mit dem Auto erreichen kann. Alle paar hundert Meter gab es einen Stop, an dem man den Bus verlassen konnte, um versteckt liegende Ziele in der Innenstadt fußläufig zu erreichen.

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Schnell war uns klar, dass wir auf diese Weise nie herausfinden würden, wo sich Berlusconi gerade rumtrieb. Wir verließen also den Bus an der berühmten Via Veneto und machten dort zunächst Station im berühmten RockCafé. Enrico war nicht da, aber dafür unendlich viele überteuerte T-Shirts. Dagmar kaufte natürlich so ein Reklamehemdchen für ihren Sohn (Agent 008a), zumal der Reingewinn dieses Deals für irgendwelche Projekte in der dritten Welt gespendet werden würde. (Wobei es eine „Dritte“ Welt ja gar nicht gibt. Wir sind doch noch dabei, unsere „erste Welt“ kaputt zu machen, aber das ist eine andere Geschichte.)

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Wir liefen die Via Veneto entlang und staunten über die sehr schönen Cafés und Restaurants, die alle paar Meter auftauchten. Trotz des verlängerten Wochenendes und der unzähligen Touristen in Rom waren sie allerdings kaum besucht, obwohl die Preise durchaus akzeptabel waren. Unser Weg führte uns nun in die Altstadt von Rom, die für Autos gesperrt ist. Alle Wege führten zum berühmten Trevi-Brunnen, der dann auch von Touristen aus aller Welt, vornehmlich aus Japan, belagert wurde. Direkt an den Rand des Brunnens zu kommen, war infolge der Menschenmassen kaum möglich. Wir warfen dann also auch kein Geld in den Brunnen – eine Unsitte, die angeblich dafür sorgt, dass man irgendwann mal wieder nach Rom zurück kommt. Stattdessen liefen wir die unzähligen Gassen ab, die sich südlich des Brunnens durch die Häuserschluchten gegraben hatten. Es gab Gassen, in denen man nur Juweliere finden konnte. Die teuersten und besten Marken der Welt direkt neben günstigen Kleinsthändlern. Andere Gassen bestachen durch ihre unglaubliche Vielzahl von Boutiquen aller Art. Auch hier der teure Markenramsch sowie eine Menge unbekannter Marken zum Billigst-Preis. Kleidchen für 17 Euro, Schuhe für 30 Euro, ganze Anzüge für 100 Euro – da pocht das Herz des kaufwilligen Touristen. Agent 008 hat sich auch gründlich mit ein paar Hemdchen, Kleidchen und Schühchen eingedeckt. „Wenn wir diesen Auftrag hier erledigt haben, nehme ich mir die Zeit, um nochmal nur zum Einkaufen hierher zu fahren!“ sagte sie und das Leuchten in ihrem Gesicht wollte nicht aufhören.

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Aber weit und breit kein Berlusconi. Einmal wähnten wir uns dicht an ihm dran, als nämlich eine Wagenburg aus rund zwei Dutzend Mercedessen und BMWs mit lautem TatüTata an uns vorbei raste. Aber die Scheiben der Karossen waren geschwärzt. Man konnte nicht erkennen, wer sich da auf Kosten des italienischen Steuerzahlers durch die Gegend kutschieren ließ. Und selbst wenn Berlusconi in einem der Wagen gesessen hätte, wäre es für uns unmöglich gewesen, ihn auf die kurze Distanz zu erledigen. Und womit auch? Wir hatten ja noch nicht einmal einen Regenschirm zum Draufhauen…

Wir suchten uns ein nettes, kleines Restaurant mit Blick auf eine Spesenburg, die regelmäßig von teuren Limousinen angefahren wurde, aus denen überbezahlte Politiker heraus krabbelten. Auch hier Fehlanzeige, was „Berli“ anging. Die leckeren Pasta rückten unseren Auftrag auch in die Ferne. Schließlich hatten wir ja noch unendlich viel Zeit.

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Rom ist vergleichsweise winzig. Egal, in welche Richtung man läuft – irgendwann kommt man am Piazza Italia raus. Dort stehen dann die ganzen alten Dinger rum. Zunächst muss man eine steile Treppe hochlaufen, die angeblich von Da Vinci gebaut wurde. Dann sieht man von oben das ganz alte Rom, das natürlich nur noch aus ein paar Trümmern besteht. Am Ende der Trümmer liegt das berühmte Colosseum, das aber auch schon reichlich viele Einstürze hinter sich hat. Irgend so ein privater Gutmensch will das jetzt sanieren lassen. Der Staat hat dafür kein Geld, obwohl er 5 Euro Eintritt für die Besichtigung der Felsbrocken verlangt. Wie wir erfahren konnten, hatte man am Vorabend gerade den 60. Geburtstag der italienischen Demokratie gefeiert. Berlusconi war auch da. Und wir saßen im Zug vom Flughafen in die Stadt. Dumm gelaufen.

Wegen dieser Party war die Straße zum Colosseum gesperrt und wir mussten einen riesigen Umweg laufen, um dorthin zu kommen. Beide probierten wir unterwegs echt italienisches Eis und naschten eiskalte Melonenstücke und Obstsalate.

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Vor dem Colosseum stauten sich die Touristen als wäre der Eintritt frei. War er aber nicht. Eine englische Touristenführerin sprach mich an. Ob ich für 35 Euro mit ihr mitkommen würde. Also ins Colosseum natürlich, ohne Wartezeit, mit englischer Führung. Wir haben dankend abgelehnt, zumal man durch die Ritzen im Gemäuer ohnehin Einiges sehen konnte. Die Geschichte dieses Theaters hatten wir schon in unserem Sightseeing-Bus gehört. Es war eine Ehre, als Sklave kämpfen zu dürfen. Wer zehn Kämpfe überlebt hatte, wurde gar entsklavt und durfte fürderhin als Ausbilder Gladiatoren ausbilden. Tolle Alternative, wirklich. Also ließen wir das Gemäuer rechts liegen und wanderten einmal fast ganz herum, bis zu den Bushaltestellen. Wir hatten nämlich festgestellt, dass die Linie B ziemlich dicht an den Stadtteil Travestere heranführt, der laut einiger Empfehlungen aus dem Heimatland ein besonders beliebter Nacht-Treff sein sollte. Leider kam zum Zerplatzen keine Linie B, nur ca. 6 mal Linie A. Nach einem kurzen Blick auf die Landkarte beschlossen wir, den Weg – die paar hundert Meter – jetzt auch noch zu Fuß hinter uns zu bringen. Offensichtlich war aber die Karte irgendwie verzerrt dargestellt. Aus den paar hundert Metern wurden ganz schnell einige Kilometer. Die Knochen schmerzten nicht wenig, bis wir endlich über den Tiber gelaufen waren und in Travestere ankamen. Das soll ein Touristen-Zentrum sein? Es war 17.00 Uhr, aber das einzige Lokal, das wir sahen, war eigentlich geschlossen. Aber mit ein bisschen Betteln bekamen wir doch noch ein Glas Pinot. Für 5 Euro. Je Glas. Wieder holten wir die mittlerweile sehr abgegriffene Landkarte heraus. Es musste noch ein anderes Zentrum geben. Hier waren wir definitiv falsch. Und Berlusconi würde auch nie in diesen Teil der Stadt kommen, da mussten wir uns nix vormachen. Also latschten wir mit schmerzenden Füßen weiter, bis uns freundliche türkische Straßenhändler die richtige Richtung zeigten. Das Touristenzentrum von Travestere war noch ewig weit entfernt.

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Als wir dann aber nach langen, winkligen Gassen mit schmerzendem Kopfsteinpflaster an der großen Piazza mit der alten Kirche ankamen, war alles so, wie wir es erhofft hatten. Dutzende von Lokalen und Restaurants, Straßenhändler, Gaukler, ja ganze Gesangsvereine säumten den Platz und die Nebenstraßen. Zur Entlastung der Füße nahmen wir zunächst ein, zwei Gläser Wein ein und sogen das Spektakel in uns rein. Irgendwann wurde es dann Zeit für´s Abendessen. Und zu unserer vollsten Verblüffung hörte das Vergnügungsviertel am Rande der Piazza nicht auf, sondern erstreckte sich noch auf zwei, drei Dutzend weiterer Straßen und Gassen mit Myriaden kleiner Läden, Kneipen und eben auch Restaurants. Eine der gemütlichen Pizzaläden bekam den Zuschlag. Es gab Salate, Pasta, Fleisch oder Fisch, Wein und Brot. Wie es sich für ein italienisches Restaurant eben gehört. Wir saßen natürlich im Freien. Der Service war unglaublich gut und schnell, vielleicht schon etwas zu schnell. Denn nach einer guten halben Stunde waren wir schon durch mit unserem Essen. Also schlenderten wir weiter durch das Viertel, bewunderten die Auslagen und tranken hie und da ein Gläslein. (Wenn M vom MI5 wüsste, wie wir hier mit unseren Spesen umgegangen sind, würde ich wohl aus dem Staatsdienst fliegen. Aber dieser Bericht ist ja GEHEIM!)

Nun mussten wir noch das Problem der Heimreise lösen. Denn LAUFEN war nun beim besten Willen nicht mehr drin. Glücklicherweise gibt an einem Ende des Viertels eine Bahn- und Busstation, deren Linien selbstverständlich bis zum Bahnhof Termini führen. Und ruckzuck klemmten wir in dem völlig überfüllten Nachtbus. Die Tickets mussten wir vorher in einer Kneipe kaufen, da es in Rom für den Nahverkehr keine Ticketautomaten gibt. Nach ca. 25 Minuten kamen wir am Bahnhof an und liefen zielstrebig Richtung Hotel. Leider wollte sich so gar keine Erinnerung an das Straßenbild einstellen. Nach etwa 500 Metern schaltete ich mein iPhone ein und suchte unser Hotel. Da hatten wir den Salat. Wir waren im Bahnhof an der verkehrten Seite rausgekommen und liefen seit zwanzig Minuten in die entgegengesetzte Richtung. Wieso haben Menschen keinen funktionierenden Kompass intus? Nun musste doch wieder ein Taxi her, das aber diesmal sehr viel günstiger war. Vor dem Hotel war die kleine Kneipe von gestern noch geöffnet. Ein letzter Wein rundete den Abend ab.

Unseren Auftrag hatten wir immer noch nicht erfüllt, nicht mal ansatzweise. Und ganz ehrlich: Mir war dieser komische Berlusconi mittlerweile auch vollkommen egal. Sollte sich doch ein anderer darum kümmern. Wir mussten ROM erkunden, das war doch viel wichtiger. Müde fielen wir ins Bett und schliefen bis 9.30 Uhr. Frühstück gab´s bis 10.30 Uhr.

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Ein neuer Tag lag vor uns. Die Sonne schien schon früh mit voller Energie. Vom Bahnhof aus nahmen wir zunächst wieder den Sightseeing-Bus, dessen Tickets ja auch heute noch gültig waren. In der Nähe der spanischen Treppe sprangen wir ab und bewegten von da an wieder unsere Füße. Unser Weg führte uns direkt zur spanischen Treppe, die wir dann komplett runter liefen. Auch hier gab es wieder ein Viertel mit hunderten von Mode- und Schmuckgeschäften. Daggi kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Schnell waren ein paar Kleidchen gekauft, auch zwei oder drei Hemdchen. Ein Blumenhändler schenkte Dagmar eine rote Rose. Dachte ich jedenfalls zunächst. Aber dann ließ er uns nicht in Ruhe und wollte uns ständig irgendwas andrehen. Ich gab ihm die Rose trotz seines Protestes zurück und musste schon ein bisschen laut werden, bis er von seinem Opfer abließ.

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Zum Mittagessen wollten wir noch einmal in die Via Veneto. Wir hatten gestern dort wunderschöne Lokale gesehen mit wunderbarem Essen. Auch hier stellte sich heraus, dass unsere Karten-Distanzen wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatten, aber so gegen 14.30 Uhr hatten wir es dann tatsächlich ohne fremde Hilfe geschafft, die Via Veneto zu Fuß zu finden und dort besagtes wunderbares Mittagessen einzunehmen. Anschließend liefen wir wieder Richtung Zentrum und entdeckten plötzlich ein 3D-Kino, in dem die Geschichte Roms gezeigt wurde. Da es kurz nach 16.00 Uhr war, kamen wir gerade richtig zur nächsten Vorstellung. Es handelte sich allerdings um ein sehr runtergekommenes Kino. Wir hatten zwei Filme gebucht. Der erste Film war in 3D und zeigte die Entstehung der Welt. War sehr schön gemacht, zumal auch die (verdreckten) Sitzbänke über pneumatische Konstruktionen mit bewegt wurden. Der zweite Film war dann eher komisch. Dazu mussten wir in ein zweites Kino gehen, das auch mit diesen Wackelstühlen ausgerüstet war, allerdings nur 2D-Darstellung bot. Die Geschichte Roms war deswegen komisch, weil die deutsche Synchronisierung der Schauspieler dermaßen grauenhaft war, dass man nur lachen konnte. Wer immer diesen Auftrag verhunzt hat, sollte sich tief und ehrlich schämen. Ich habe nach der Hälfte dann auf das englische Original umgeschaltet. Dagmar war vor dem Schluss eingenickt.

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Nach dem Kino war wieder Sightseeing angesagt, unterbrochen von einer Tasse Cafe in einer der vielen Bars. Und weil wir schon mal so schön unterwegs waren, sind wir auch diesen Abend wieder Richtung Travestere gelaufen. Nach der Überquerung des Tiber waren wir schon nahe am Vatikan, mussten also noch eine große Strecke am Fluss entlang laufen. Vorbei an irgendwelchen Museen, an Dutzenden von Verkaufsständen mit dem üblichen Touristentrödel wurde es uns dann irgendwann doch zu lang. Wir hielten ein Taxi an und fuhren die letzten zwei Kilometer mit einem begeisterten AUDI-Fahrer. Statt uns an der Bushaltestelle des Zentrums von Travestere rauszulassen, fuhr er uns noch eine Ewigkeit weiter, damit die Kasse auch schön klingelte. Wir landeten schon wieder am falschen Ende, wussten aber diesmal den richtigen Weg und waren bald wieder im zuckenden Zentrum der Glückseligkeit. Heute wollten wir zur Abwechslung mal so richtig römisch essen gehen. Ein sehr großes, sehr teures Lokal war auch schnell gefunden. Draußen war alles reserviert, daher mussten wir uns in den altertümlichen Innenraum setzen. Auch hier nahezu alle Plätze belegt. Musste ja eine tolle Küche sein. Die Ernüchterung kam schon bei der Vorspeise. Mächtige Portionen mit megaviel Kalorien regten den Appetit nicht gerade an. Was in unserem gestrigen Lokal zu schnell ging, dauerte hier zu lange. Wir waren froh, als wir wieder im Freien waren, 2 Kilo schwerer und 100 Euro leichter.

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Draußen hatte es inzwischen angefangen zu tröpfeln. Wir kamen gerade noch unter der Veranda einer kleinen Kneipe unter, bevor der Regen sich austobte. Als es dann wieder ein bisschen besser wurde, machten wir uns wieder auf den Weg zur Bushaltestelle, um im wiederum überfüllten Nachtbus zur Termini-Station zu fahren. Diesmal kannten wir den Weg ins Hotel, sodass noch genug Zeit blieb, ein weiteres Mal Station in der kleinen Kneipe neben dem Hoteleingang zu machen. Wir müssen auf die Wirtin einen guten Eindruck gemacht haben, denn völlig überraschend schenkte sie uns eine Flasche Weißwein. Einfach so. Die steht allerdings immer noch im Kühlschrank unseres Hotelzimmers. Warum? Ich will nichts vorwegnehmen, aber es gab tragische Gründe…

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Sonntag Morgen. Die letzte Möglichkeit, Berlusconi aufzuspüren. „Vielleicht treibt er sich beim Papst rum?“ fragte sich Agent 008. Und schon hatten wir einen Plan. Da unser Hop-On, Hop-off-Ticket inzwischen abgelaufen war, nahmen wir einen Bus zum Vatikan. Eine Einzelfahrt kostet übrigens nur einen Euro. Ein Tagesticket vier Euro – und mit 16 Euro kann man eine ganze Woche Busse und Bahnen fahren. Vorausgesetzt, man weiß, wo sie abfahren. Natürlich am Bahnhof Termini, wo sonst. Beim Papst war schwer was los. Auf vier Riesenbildschirmen, die auf dem Riesenplatz vorm Vatikan aufgebaut waren, erzählte er den Gläubigen gerade irgendwas vom Jesuskind. Es hat eine Weile gedauert, bis wir merkten, dass es sich um eine Aufzeichnung handelte. Ratzi war nämlich gar nicht zu Hause! Um in die Peterskiche zu kommen, musste man sich zunächst einer gründlichen Kontrolle unterziehen. Die Scanner vom Flughafen hatten hier gewaltig viel Arbeit. Aber auch wenn es piepte – und es piepte unentwegt – wurde niemand gründlicher gefilzt. Das soll jetzt kein Tipp für bekloppte Christenhasser sein. Eher ein Hinweis, dass die Security doch ziemlich lasch mit den Touristen umgeht. Nach etwa 20 Minuten waren wir dann in der Peterskirche. Hübscher Kasten, wenn auch ziemlich groß und ungemütlich. Teilweise zu kalt – trotz der Hitze im Freien – und teilweise stickig warm. Überall Altare, Gruften und Gräber. Gut tausend Touristen versuchten, möglichst wenig Lärm zu machen. An der Stirnseite wurde den Leuten irgendwas gepredigt – wir haben uns da nicht mit reinziehen lassen. Lieber haben wir uns die Bilder angesehen, die ein gewisser Michelangelo da an die Decken gemalt hatte. Beeindruckende Leistung, wirklich vom Feinsten. Aber nun auch nicht so dolle, dass man da länger als eine halbe Stunde aushalten muss. Vor der Peterskirche standen noch so ein paar Hansel von der Schweizer Garde rum. Im Gegensatz zu den Jungs vorm Buckingham-Palast in London dürfen sich die hier sogar bewegen und mit den Touris flirten. Soweit also unsere Erlebnisse beim Papst, der nicht da war.

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Das ist eine Spendenbox für den Herrn Papst. Nur für große Scheine geeignet!

Zu Fuß – was auch sonst – suchten wir den Weg zur nächstgelegenen U-Bahn-Station. Ja, es gibt tatsächlich zwei U-Bahnlinien in Rom und eine dritte ist im Bau. Unser Plan für den Nachmittag war nämlich der Besuch der Via Appia Antica, einer uralten römischen Straße mit nur 5 Meter Breite und mehreren Grabstellen uralter Römer und Christen, den sogenannten Katakomben. Die U-Bahn brachte uns in die Nähe einer Busstation, wo wir ohne lange Wartezeit mit einem Bus an unser Ziel gefahren wurden. Leider stiegen wir zu früh aus und es begann erneut zu regnen. So warteten wir an einem einsamen Café auf den nächsten Bus, der auch bald kam und uns dann näher an die Katakomben chauffierte. Der Bus war randvoll mit Gleichgesinnten. Alle wollten sich die Grabmäler oller Römer anschauen. Entsprechend lang war dann auch die Schlange am Eingang. Wir wurden nach Sprachen aufgerufen und dann einer leidlich gut deutsch sprechenden Touristenführerin zugeteilt. Sie erzählte uns zunächst anhand einiger Schautafeln, was uns gleich alles erwarten würde. Vier Stockwerke tief, natürlich nachträglich abgesichert, 250.000 Gräber. Hui, hoffentlich stinken die nicht so.

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Die Leichen wurden damals direkt in kleine Nischen im Lehm gelegt, die von speziellen Grabtechnikern dort ausgebuddelt worden sind. Große und vor allem reiche Familien bekamen auch schon damals große, hübsch verzierte Totenlager, während sich der Durchschnittstote ziemlich zusammenkrümmen musste, um in den kleinen Mulden genügend Platz und ewige Ruhe zu finden. Es stellte sich aber leider zu unserer Enttäuschung heraus, dass die Dahingeschiedenen schon lange nicht mehr an ihrem Platze lagen. Man hatte die Knochenreste irgendwann ausgeräumt. Sogar ein paar Päpste waren übrigens dabei. Sehen konnte man nur noch, wie kalt und ungemütlich man da im Dunkeln vor sich hin lag. Ein bisschen Schmuck und Grabbeilagen gab es zu bewundern, aber im Wesentlichen war es nur ganz schön kalt. So macht tot sein auch keinen Spaß. Wieder an der Oberfläche, liefen wir zurück zur Bushaltestelle. Leider kam und kam kein Bus. Stattdessen öffnete der Himmel seine Schleusen und begoss uns wie begossene Pudel. Wir hatten uns unter einen Baum gestellt, wurden aber trotzdem pitschnass. Einen Schirm hatten wir ja immer noch nicht. Plötzlich bemerkte ich, dass Dagmars helle Bluse über und über mit schwarzen Punkten übersät war. Und auch auf den Händen, den Haaren, einfach überall bemerkten wir diese kleinen schwarzen Punkte. Und die bewegten sich sogar! Der Regen hatte die Blattläuse aus den Blättern der Bäume herausgewaschen! Und die suchten sich jetzt auf uns ein neues Zuhause! Wie eklig kann das denn sein??? Schnell verließen wir den schützenden Baum und ließen uns nochmal richtig zugießen, um die Viecher wenigstens oberflächlich loszuwerden.

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Dann kam der Bus. Alles stürzte rein. Sofort beschlugen alle Fenster. Der Fahrer musste anhalten, weil er nichts mehr sehen konnte. Es wurde auch nicht besser. Unsere Horde dampfender Touris setzte den Bus schachmatt. Der Fahrer weigerte sich fortzufahren und rief seine Zentrale an. In zwanzig Minuten sollte ein Ersatzbus kommen. Die lautstarken Beschimpfungen der einheimischen Bevölkerung hätte ich gerne übersetzt, aber es war auch so klar, dass da jemand sauer war. Nach einer dreiviertel Stunde kam dann tatsächlich ein Ersatzbus. Der war allerdings noch voller als der erste Bus. Und als alle Touristen aus dem alten in den neuen Bus gestürzt waren, beschlugen sich auch hier sofort wieder alle Fenster. Der Fahrer brüllte uns an, wir sollten gefälligst den Bus verlassen, aber keiner verließ seinen mühsam erkämpften Platz. Ich wusste noch nicht einmal, ob Agent 008 noch an Bord war, da wir getrennte Eingänge gestürmt hatten. Nachdem der Fahrer gemerkt hatte, dass er mit Drohungen nicht weiter kam, fuhr er ein paar Meter im Schneckentempo, blieb stehen, öffnete die Türen, wartete, bis wieder ein bisschen Sicht war und fuhr dann die nächsten 50 Meter. Die Rückfahrt dauerte auf diese Weise reichlich lange. Am Ende waren die Scheiben nur noch ein bisschen beschlagen. Mit der U-Bahn fuhren wir wieder zurück zum Bahnhof Termini, liefen dann die 500m zum Hotel und duschten uns erstmal die widerlichen Läuse ab. Bah, war das eklig. Genau dafür war es gut, dass ich noch ein Ersatzhemd dabei hatte…

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„Unser Abflug ist übrigens morgen schon sehr früh“, sagte Agent 008 beim Fönen ihres güldenen Haares. „Wann müssen wir denn aufstehen?“ fragte ich. „Ich glaube, so um fünf. Schau doch mal auf den Flugschein!“. Wenn ich etwas hasse, dann ist es früh aufzustehen. Ich quäle mich ja zuhause schon nur deshalb um halb neun aus dem Bett, weil um neun der Paketbote oder die Putzfrau klingeln könnten.

Leicht genervt ob dieser Aussichten fummelte ich das Schreiben der Fluggesellschaft aus meiner Jacke. Und verkündete erleichtert: „Schatz, wir fliegen erst um 11.10 Uhr!“. Das bedeutete, statt fünf Uhr erst um sieben aufstehen zu müssen. Immer noch eine Zumutung für einen älteren Herrn, aber gerade noch akzeptabel, da man ja im Flieger pennen kann…

Und kaum, dass wir frisch gewaschen und neu eingekleidet waren, kam auch die liebe Sonne wieder hinter den Wolken hervor. Weil dies heute unser letzter Abend werden sollte und der Tag ja schon aufregend genug war, vereinbarten wir eine Erkundung der näheren Umgebung unseres Hotels. Immerhin waren da noch einige Nebenstraßen mit ein paar netten Lokalen zu prüfen. Gleich das erste Lokal, gerade mal zwei Querstraßen weiter und Teil eines großen Hotels für Jugendliche (also so ´ne Art Jugendherberge), entpuppte sich als außerordentlich ergiebig. Es war voller junger Leute, die zum Teil schon reichlich dem Alkohol zugesprochen hatten. Es handelte sich um eine Reisegruppe aus Belgien, die gerade ein Fußballtournier hinter sich hatte und nun gebührend ihren dritten Platz feierte. (Die Deutschen hatten natürlich den ersten Platz gewonnen.)

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Die Jungs im Alter zwischen 20 und 25 sprachen sehr gut Englisch und sogar ein bisschen deutsch, so dass wir uns blendend mit ihnen unterhalten konnten. Auffällig war, dass viele der jungen Leute ein MacBook vor sich hatten und irgendwas in die Tastatur tippten oder über Skype mit ihren Freunden weltweit sprachen. Es stellte sich heraus, dass in diesem Hotel jeder – umsonst! – ein MacBook geliehen bekam, wenn er dort wohnte. Der Pass hat als Pfand ausgereicht. Und das wurde von der Jugend auch begeistert aufgenommen. Irgendwann kamen wir dann mit einer Amerikanerin ins Gespräch, die in Rom die Liebe ihres Lebens gefunden hatte und mittlerweile hier verheiratet war. Sie arbeitete als Hotelmanagerin, war bildhübsch und redete wie ein Wasserfall. Andere hatten nur dann eine Chance zu einer Äußerung, wenn man ihr mal kurz den Mund zuhielt. Und so redeten und redeten wir, bzw. sie, das eine oder andere Glas Wein dabei einnehmend, bis sich der Hunger meldete. Wir hatten seit dem Frühstück lediglich ein Sandwich gegessen, das war deutlich zu wenig. Also verabschiedeten wir uns, zogen gegenüber der Jugendherberge zu „Mamma Mia“ und bestellten dort – wiederum im Freien, wo es jetzt langsam kühl wurde – zur Abwechslung mal ein paar italienische Speisen. Daggi hatte Fisch, ich hatte Fleisch. Da der Laden gerammelt voll war, dauerte es ziemlich lange, bis wir unser Essen hatten. Es war trotzdem sehr lecker. So gegen 23.00 Uhr brachen wir dann auf. Eigentlich wollte ich früh zu Bette, denn unser Wecker stand ja bekanntlich auf sieben Uhr früh. Aber 008 wollte noch ein bisschen durch die Straßen laufen, um den schönen Abend abzurunden. Und so machten in einem weiteren Lokal für einen letzten Drink halt. Zu dem kam es aber nicht mehr, denn Daggi wurde es plötzlich schlecht. Richtig schlecht. Der Fisch. Vergiftet? Egal, weg von hier. Auf dem Heimweg liefen wir wieder an der Jugendherberge, dem „Hostal“, vorbei. Die belgischen Jungs waren inzwischen völlig groggy und hielten sich an ihren Longdrinks fest, um nicht wegzusacken. Nur die Amerikanerin war frisch wie vorher, unterhielt in ihrem entwaffnend spritzigen Monolog ein Dutzend Männer und Frauen und genoss ihre Rolle sichtlich. Ich versuchte, mich auch noch zu einem kleinen Abschiedsgeplauder einzuhaken, bis ich plötzlich sah, dass Daggi ein knallrotes Gesicht hatte, wie frisch gegrillt. Das konnte ja dann wohl keine Vergiftung sein, sondern eher eine Allergie. Eine Fischallergie vielleicht. Also wartete ich ein Atempause der amerikanischen Quasselstrippe ab und abscheute uns. Äh, verabschiedete uns. Sieben Uhr ist auch in Rom ein Argument. Von Dagmars Gesicht, das aussah, als wäre es von Feuerquallen gepeinigt worden, mal ganz abgesehen.

Unser Plan, die geschenkte Flasche Wein im Hotel zu öffnen, scheiterte an zwei Gründen: erstens war ich mir nicht sicher, ob Dagmar nicht jeden Moment mit einem Allergieschock zusammenbrechen würde und ich dann den Ärger mit der Leiche hätte und zweitens – viel schlimmer – dass wir gar keinen Flaschenöffner hatten. Das Universal-Taschenmesser von Q wird ja schon lange nicht mehr gebaut und wäre mir an Bord sowieso abgenommen worden.

Also machten wir das einzig Richtige. Wir legten uns schlafen. Das Knallrote in Dagmars Gesicht wurde allmählich rosa und schließlich kalkweiß. Wahrscheinlich auch kein gesunder Zustand. Wie auch immer – sie scheint es überlebt zu haben, denn pünktlich um sieben klingelten unsere diversen Wecker (Wir haben alle mehrere eigene Wecker, um ja nichts zu verpassen!). Dagmar war frischauf und wieder völlig gesund. Zumindest sah es so aus. Langzeitschäden kann man ja jetzt noch nicht sehen. Im Hotel war so früh am Morgen schon die Hölle los. Es war kein Platz frei, die Wartezeit hätte unseren Flug gefährdet. Also sind wir ein weiteres Mal in das Lokal direkt neben dem Hotel gewandert, in dem wir vorgestern noch die Flasche Wein geschenkt bekamen. Jetzt am Tag konnte man dort frühstücken. Zwar einfach, aber lecker und günstig. Danach schnell zum Bahnhof Termini. Wir mussten wieder durch den ganzen Bahnhof durch, auf die andere Seite und dann noch kilometerweit laufen, bis wir am Bahnsteig ankamen. Unterwegs versuchten wir, die Tickets zu kaufen. Aber die dortigen Automaten unterscheiden sich in nichts von unseren Krücken in Deutschland. Nach zehn vergeblichen Versuchen mit allen möglichen Kreditkarten und deren grundsätzlicher Ablehnung haben wir dann unser letztes Bargeld geschultert und die Tickets bar bezahlt. Immerhin hat das geklappt und wir sind bei unseren Versuchen auch nicht überfallen oder beraubt worden – wovor eindringliche Hinweise an jedem Automaten warnen. Endlich, buchstäblich in letzter Sekunde (wie sich das für einen Bond gehört) sind wir dann an Bord des Schnellzugs zum Flughafen gestürmt, um kurz danach den nächsten Schock zu erleben.

„Haben wir eigentlich die Tickets entwertet?“ fragte ich naiv meine blonde Begleitung. „Nö, wieso? Muss man das?“ Ich erinnerte Dagamr an das Dilemma eines Reisenden auf unsere Hinfahrt, der damals 50 Euro Strafe zahlen musste, weil er sein Ticket nicht VOR Fahrtantritt an einem speziellen Automaten AUSSERHALB des Zuges entwertet hatte. „Ich habe keinen Entwerter gesehen“, sagte Dagmar resolut, fing aber doch an, das Kleingedruckte auf dem Fahrschein genauer zu lesen. Und da stand dann – zwar nur auf Italienisch, Englisch und natürlich japanisch – dass der Fahrschein vor Antritt der Fahrt zu entwerten sei.

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Den Rest der Fahrt ging unser Blutdruck in die Höhe, jedesmal, wenn sie die Waggontüre öffnete. Aber wir hatten Glück. Kein Kontrolleur, keine Strafe, gar nix. Glückskinder eben, die wir sind.

Die Tickets sind übrigens noch ein paar Monate gültig…

Um drei Minuten vor neun waren wir am Flughafen. Ich scherzte noch blöd, dass ja bisher alles perfekt geklappt hatte und dass dann wahrscheinlich der Flieger ausfällt.

Ich sollte sowas lassen.

Der Flieger ist zwar nicht ausgefallen – nein, er war pünktlich. Sogar ganz besonders pünktlich! Um genau neun Uhr erhob sich der kleine Airbus der Alitalia gen Frankfurt. Zwar ausgebucht, aber ohne Dagmar und Rainer. Was war passiert?

Ich hatte die Abflugzeit mit der Ankunftszeit verwechselt!!!! Um 11.10 sollte er nicht starten, sondern in Frankfurt landen! Und das mir! Der immer so genau alles kontrolliert! Egal, zu spät. Bei Alitalia lachte man uns zwar nicht aus, bot aber den nächsten Flug erst für den späten Nachmittag an. Keine Chance, ich musste nach Hause! Vergessen wir mal M und den MI5, James Bond, den ollen Berlusconi und den ganzen Quatsch – das habe ich nur erfunden, damit das hier nicht zu langweilig wird (Ätsch, reingefallen!). Ich hatte um 16.00 Uhr über ISDN-Schaltung Sprachaufnahmen zu machen. Die Kunden waren eh schon sehr fair, so lange zu warten, bis ich meine vier Tage Rom hinter mich gebracht hatte. Also blieb mir nur noch eine Wahl: LUFTHANSA.

Der nächste Flug nach Frankfurt war für 10.05 angesagt. Inzwischen war es neun Uhr fünfzehn. Schnell an den Lufthansa-Schalter. Eine Italienerin mit perfektem Deutsch nahm sich unser an. Es gab nur die Möglichkeit, neue Tickets zu kaufen. Jetzt und sofort. Ein paar Plätze waren noch frei. Also gut. Kostet wieviel? „280.- Euro“, sagte Miss Lufthansa. „Pro Ticket“. Zähneknirschend schob ich meine Kreditkarte über den Tresen. Das Geld für die Sprachaufnahme würde dafür nicht reichen, aber Blödheit gehört nun mal bestraft. Und wenn es eine Geldstrafe ist.

Dann schnell zum Einchecken – vorbei an der ganzen Schlange. Meine notdürftigen Erklärungen wurden eh nicht verstanden. Das Lufthansa-Mädel hatte uns angemeldet und so kamen wir ganz schnell an unsere Bordkarten. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Denn in der nächsten Schlange, der Gepäckkontrolle, stellten wir fest, dass wir zwei Bordkarten für mich hatten, aber keine für Dagmar. Für ein Zurück war es zu spät. „Augen zu und durch“ war die Devise. Beim Einsteigen hat Dagmar dann aber trotzdem mal nachgefragt, ob sie auch eine Bordkarte bekommen könnte, da ich zwar nicht der Dünnste wäre, aber bestimmt auch keine zwei Plätze bräuchte (die auch noch dieselbe Nummer hätten…)

Wider Erwarten war dieses Probelm durch einen einfachen Ausdruck einer weiteren Bordkarte schnell gelöst. Dürfen wir jetzt endlich nach Hause???

Wir durften.

Der Rest der Reise verlief harmonisch, wenn man von einer zwanzigminütigen Sperrung der S-Bahnstrecke in Oberursel absieht. Wir waren wieder zu Hause, rechtzeitig zu meiner Sprachaufnahme, die erstaunlich locker verlief, rechtzeitig zu einem Treffen mit ein paar Freunden, um über unsere Reise zu berichten und rechtzeitig, um die letzten Blattläuse, die sich vielleicht noch in den Haaren versteckt hatten, in einer Unterwasserkur endgültig zu ersäufen.

Home, sweet Home.

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Fazit: Rom ist das absolute MUSS für jeden Menschen! Drei bis vier Tage reichen völlig aus. Lieber dafür öfter. Die Preise sind günstiger als in Deutschland – vor allem der Nahverkehr. Das Essen ist formidabel und der Wein schmeckt überall. Man muss allerdings gut zu Fuß sein. Taxifahrer sind eher Wegelagerer, aber die Innenstadt ist wirklich komplett zu Fuß begehbar. Und falls die Füße weh tun, kauft man einfach ein paar neue Schuhe. Gibt’s an quasi jeder Ecke. Rom ist ein El Dorado für Modefreaks und auch für alle, die sich einfach nur schön und trotzdem günstig einkleiden wollen. Die Geschichte Roms ist sehr brutal, aber unglaublich spannend. Cäsar und Cleopatra begegnen einem überall. Für mich eine der schönsten Städte der Welt.

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